BISS-Ausgabe Dezember 2011 | Winterzauber

Cover der BISS-Ausgabe Dezember 2011

Cover der BISS-Ausgabe Dezember 2011

Aktuelles | 6 Vorhang auf! Seit zwölf Jahren war Christine Muskat abends nicht mehr unter Leuten. Wie ist es, endlich wieder auszugehen? Eine Reportage über einen besonderen Theaterbesuch | 10 Mein Freund, der Baum: Die kleinen Märkte mit Tannenbäumen kennt jeder, aber wer verkauft das duftende Immergrün eigentlich? Ein Besuch bei einer bezaubernden Händlerin | 12 Miss Santa Claus: Gerlinde Adler-Kemmer spielt seit über zwanzig Jahren den Nikolaus. Manchmal muss sie eher die Eltern rügen | 14 Schöner schenken: Manager kassieren hohe Abfindungen, aber Erzieher oder Müllmänner dürfen keine Geldgeschenke annehmen. Warum es besser wäre, Ausnahmen zu machen | 16 Singen für den Frieden: Weihnachtslieder sind kitschig? Stimmt nicht. Viele alternative Songs erzählen tiefsinnige Geschichten | Schreibwerkstatt | 4 Standplatz | 18 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | 30 Janas Kolumne: Mein feiner Braten | Rubriken | 3 BISS intern | 20 Patenuhren | 23 München klebt für BISS | 26 Aus aller Welt: Die Geschichte der Obdachlosigkeit in den USA | 29 Freunde und Gönner | 30 Impressum | 31 Adressen

Weihnachten

Der Weihnachtsbaum wird von meinem Enkel ausgesucht, und das sehr genau. Er muss eine schöne Spitze haben, gespreizte Äste, und der untere Bereich soll breit auseinandergehen. Mit etwas Kraft wird der Baum nach Hause getragen, wo er in einen Christbaumständer eingebaut wird. Mit Elan wird er von meiner Lebensgefährtin und deren Tochter geschmückt. Die Spitze kommt am Schluss dran. Da wird es dann schon langsam Abend.

Vor der Bescherung gibt es Würstchen zum Essen: Wiener, Kalbs- und Wollwürste. Dann werden die Kinder ins Kinderzimmer geschickt und die Geschenke unter den Weihnachtsbaum gelegt. Mit einer Glocke holen wir die hübsch hergerichteten Kleinen wieder zum Weihnachtsbaum. Dann wird fleißig das Weihnachtspapier zerrissen und mit großen Augen werden die Geschenke bewundert. Mit Spielen und Reden der Erwachsenen geht der Abend zu Ende.

Standplatz: U-Bahn Sperrengeschoss Poccistraße

Heinz Overbeck an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Heinz Overbeck an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Zu meinem sechsundvierzigsten Geburtstag am 21. März 1998, ein Tag nach Frühlingsanfang, machte ich mir das schönste Geschenk meines Lebens. Ich brach mit dem Fahrrad zu einer drei-monatigen Tour auf. Von Nordrhein-Westfalen über Niedersachsen, durch alle fünf neuen Bundesländer, nach Nürnberg und über Frankfurt wieder zurück.

Bevor ich mich auf diese Reise machte, war ich arbeitslos geworden, weil mir wegen Sehschwäche der Führerschein entzogen worden war und ich somit als Elektromaschinenbauer zu keinem Kundendienst mehr fahren konnte. Die Augenkrankheit ist die Folge davon, dass ich als Kind von einem Pferd am Kopf getreten wurde. Das linke Auge ist mittlerweile fast blind und das rechte ist durch Überanstrengung nun auch in Mitleidenschaft gezogen.

Wo ich herkomme, auf dem Lande in Nordrhein-Westfalen, sind es zehn Kilometer in die nächste Stadt, ohne Auto ist es dort schwer. Mein Ziel war es, in München am Patentamt eine Erfindung einzureichen. Doch eine Patentanmeldung kostete schon damals 480 Mark, ohne Anwalt. Das kann ich mir nicht erlauben. Ich lebte jahrelang in einem Mehrbettzimmer bei der Heilsarmee, bis ich vom Wohnungsamt endlich eine eigene Bleibe bekam.

Seit elf Jahren verkaufe ich die BISS am U-Bahn-Aufgang zum Kreisverwaltungsreferat. Wenn das Amt mittags zumacht, gehe ich zum Essen in die Pilgersheimer Straße (städtisches Unterkunftsheim). Ich finde es erstaunlich, dass da nicht mehr Leute hingehen. Es gibt jeden Tag etwas anderes, freitags Fisch. Weil die Küche so gut ist, haben manche Gäste Essen auf Vorrat bestellt, bis die Ausgabe auf zwei Portionen pro Person beschränkt wurde.

In der Freizeit beschäftige ich mich mit Elektronik, PCs auftunen und so. Da mir das durch meine Augenkrankheit erschwert ist, habe ich daheim eine Kamera installiert, die das Teil, an dem ich gerade arbeite, vergrößert auf einen Fernseher projiziert. Außerdem habe ich schon drei kleine Erfindungen gemacht, den „Flaschenmoppel“ zum Reinigen von Flaschen, einen speziellen Dosenöffner und eine Methode zur Energiegewinnung aus Wasser. Es sind eigentlich Nebenprodukte meines größeren Projekts.

Die Waldfee

Barbara Makni erlebt die Adventszeit auf der Straße,  als Christbaumverkäuferin. Ihre Kunden bringt sie in eine besinnliche Stimmung, dabei kann sie sich selbst das Fest kaum leisten

Frau Makni bei einem Ausflug zu einem Christbaumhof im Münchner Umland | Foto: Bärbel Praun

Frau Makni bei einem Ausflug zu einem Christbaumhof im Münchner Umland | Foto: Bärbel Praun

Weihnachten beginnt für Barbara Makni im Kreisverwaltungsreferat, genauer gesagt in der Bezirks-inspektion Nord, Leopoldstraße 202. Dort füllt sie im Herbst ein Formular aus, zahlt zweihundert Euro und zeigt ihren Personalausweis vor. Dann hat sie die „Überlassung eines Verkaufsplatzes“ erfolgreich beantragt und kann loslegen. Lesen Sie weiter bei »Die Waldfee«…

„Sie war einfach fällig!“

Für ihr Lebenswerk wurde Hildegard Denninger mit dem Martinsmantel geehrt

Von links nach rechts: Andrea Haagn, Abt Johannes Eckert, Hildegard Denninger, Friedrich Gaffe und Alois Bierl | Foto: Stephanie Dillig

vlnr: Andrea Haagn, Abt Johannes Eckert, Hildegard Denninger, Friedrich Gaffe und Alois Bierl | Foto: Stephanie Dillig

Das katholische Medienhaus Sankt Michaelsbund hat am Freitag, dem 11. November 2011, der BISS-Geschäftsführerin Hildegard Denninger den Martinsmantel verliehen. Mit dem Preis wird jedes Jahr zum Martinstag eine Persönlichkeit geehrt, die sich für das Wohl sozial Benachteiligter und Obdachloser einsetzt. “Der Martinsmantel passt zu BISS wie die Faust aufs Auge”, freute sich Hildegard Denninger sichtlich gerührt über die Auszeichnung, “denn das Fifty-fifty-Prinzip ist das wichtigste Prinzip aller Straßenzeitungen auf der Welt. Wir teilen ja auch unsere Einnahmen mit den Verkäufern, so wie Sankt Martin den Mantel halbiert und dem Armen gegeben hat. Von daher passen wir hervorragend zusammen.” Lesen Sie weiter bei »„Sie war einfach fällig!“«…

BISS-Ausgabe November 2011 | Himmel, hilf!

Cover der BISS-Ausgabe November 2011

Cover der BISS-Ausgabe November 2011

Aktuelles | 6 Der Don Camillo aus Ruhpolding: Mit Lichtermärschen wehren sich verzweifelte Bürger aus
Freising und der Umgebung gegen den Bau der Startbahn Drei.
Ein Kirchenmann will ihnen helfen | 10 Ein Dorf auf Rädern: Sechzehn Münchner möchten in Wohnwagen leben. In Ramersdorf haben sie einen Platz gefunden. Bald sollen sie ihn räumen. Warum der Stattpark Olga bleiben muss | 14 Abgespeist: Flüchtlinge haben keine Wahl: Sie müssen essen, was ihnen vorgesetzt wird. BISS hat ihre Nahrung unter die Lupe genommen | 18 Pfundskerle: In der Schule werden dicke Kinder gehänselt. Beim American Football sind sie besonders beliebt. Ein Besuch bei den Fursty Razorbacks in Fürstenfeldbruck | 21 Arme haben ein Recht auf Bildung! Die Bundesregierung spendiert bedürftigen Kindern Geld für Sport, Musikunterricht und Nachhilfe. Christel Bulcraig glaubt nicht, dass es genügt | Schreibwerkstatt | 4 Standplatz | 22 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | 30 Janas Kolumne: In der Stadt der Liebe | Rubriken | 3 BISS intern | 24 Aus aller Welt: Indische Paare lernen sich oft erst bei der Hochzeit kennen. Unsere Autorin wehrte sich gegen diese Tradition | 27 Hotel BISS: Geeignetes Objekt gesucht | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Impressum | 31 Adressen

Der Herbst ist da

Die Tage sind kühler und kürzer geworden. Die Bäume haben ihre Blätter bunt gefärbt, als ob sie noch einmal all ihre Schönheit zeigen wollten, bevor der Wind sie kahl fegt. Die neue Wintermode in gedeckten Farben lässt die Schaufenster trist erscheinen.

Als Kind habe ich um diese Jahreszeit immer Kastanien und Eicheln gesammelt, aus denen wir in der Familie dann Tierfiguren bastelten. Wir trockneten damals auch Strohblumen, um damit das Wohnzimmer zu schmücken. Oft gab es Kürbissuppe und -gemüse. Später, im Internat, mussten wir Kinder auf die Kartoffelfelder zum Ernten, denn das Internat besaß riesige Ländereien. Vom Rübenziehen blieben wir Mädchen verschont, aber die Jungs mussten ran.

Als ich dann in München wohnte, zog es mich im Herbst ins Gebirge. Ich erinnere mich gut an die Brecherspitz. Dieser Berg in der Nähe des Schliersees war eine Herausforderung für mich. Als ich ihn das erste Mal bestieg, ging ich an der Almhütte vorbei und dann über das Schotterfeld bis hinauf zum Gipfel. Die Häuser und der Schliersee unten im Tal sahen von da oben ganz klein aus. In mir war ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Noch nie hatte ich die Freiheit so intensiv gefühlt.

Als ich Jahre danach noch einmal mit meinen Kindern auf der Brecherspitz war, hatte ich schon Asthma. Was früher leicht war, war plötzlich beschwerlich. Ich brauchte viele Pausen, den Gipfel erreichte ich nicht mehr. Ich freute mich, überhaupt bis zur Hütte gekommen zu sein. Besonders schön sehen die Wiesen im Herbst aus, wenn die Herbstzeitlosen blühen. Auf den Friedhöfen bereiten die Menschen jetzt schon die Gräber für den Winter vor. Krähen kommen in die Stadt, um Nahrung zu finden. Bald geht das Jahr zu Ende.

Standplatz: vor dem Pflanzen Kölle in Lochhausen

Ladislav Dieti an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Ladislav Dieti an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Ich möchte nicht wie ein Miesepeter erscheinen, doch ehrlich gesagt bin ich von meinem Seelenzustand her ein bisschen negativ eingestellt, seit ich behindert bin. Ich wünsche, es wäre anders. Vor zwei Jahren erlitt ich einen Schlaganfall, ich war damals sechzig Jahre alt. Seitdem bin ich linksseitig gelähmt und habe Schwierigkeiten, beim Gehen und Stehen das Gleichgewicht zu halten.

Leute, die mich beobachten, glauben sicher, ich sei stockbesoffen. Dabei habe ich nie getrunken. Das wäre in meinem früheren Beruf als Chauffeur gar nicht gegangen. Von 1980 bis 2005 arbeitete ich tagsüber mit Anzug und Krawatte als Fahrer des Vorstands einer Bank, abends fuhr ich Taxi. Ich saß sieben Tage die Woche sechzehn oder siebzehn Stunden am Steuer. Viel Stress, wenig Schlaf.

Wenn ich heute mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin, erlebe ich, dass auf Behinderte keine Rücksicht genommen wird. Neulich machte ein Trambahnfahrer die Tür vor meiner Nase zu, als ich drei Meter vor ihm stand, und die Busfahrer fahren so ruckartig, dass ich schon mehrmals im Bus gefallen bin. So zu fahren ist, denke ich, keine Frage des Könnens, sondern Charaktersache. Auf den Plätzen für Behinderte sitzen oft junge Leute, die mit Kopfhörern Musik hören und mit ihren Handys spielen. Keiner steht auf, um mir einen Platz anzubieten. Aber ich sage nichts.

Seit der Reha bin ich mindestens zehnmal auf der Straße gestürzt. Niemand hat mir geholfen. Ich weiß, dass jeder seine eigenen Probleme hat, dennoch bin ich von der Gesellschaft enttäuscht. Als der Schlaganfall kam, war ich leider nicht krankenversichert. Das brachte mich in große finanzielle Schwierigkeiten. Bei BISS kann ich trotz meiner Behinderung arbeiten und bin wieder kranken- und sozialversichert. Ich arbeite gern und würde mich nicht einmal freuen, wenn mir jemand eine vierzehntägige Urlaubsreise schenken würde.

Viele meiner Kunden sind hilfsbereit. Manchmal schaut mein Vorgänger Pietro Dorigo bei mir vorbei, der früher an diesem Platz die BISS verkauft hat und mittlerweile bei Pflanzen Kölle angestellt ist. Dann fachsimpeln wir über Fußball. Ich habe mein Leben lang gern Fußball gespielt, zuletzt in der sogenannten Grabsteinliga. In dieser Liga sind alle Spieler über fünfzig Jahre alt.