
BISS-Verkäuferin Halina Massouras an ihrem Standplatz U-Bahn-Zwischengeschoss Universität, Aufgang Adalbertstraße
Verkaufen heißt: Gute Zeiten – schlechte Zeiten. Wenn die Studenten Semesterferien haben, ist es ganz ruhig um die Universität. Da muss ich viel Geduld haben und lange Stunden bleiben, um ein paar Hefte zu verkaufen. Ich habe den Eindruck, dass die Studenten früher mehr BISS gekauft haben. Sie studieren heute nicht mehr so lange, ihre Situation hat sich geändert und vielleicht auch ihre soziale Einstellung. Zu mir kommen eher die älteren und mittelalten Leute, wenn sie auf dem Weg in die Arbeit sind.
In schlechten Zeiten kann es schon mal vorkommen, dass ich zwischen 8 und 14 Uhr nur zwei Hefte verkaufe. Was kann man machen? Warten! Wenn das Wetter schön ist, läuft es besser, dann stehe ich meistens bis halb elf Uhr an der Universität, dann bis halb zwei vor C&A in der Fußgängerzone. Dann mache ich Pause, fahre wieder an die Universität, und am Abend stelle ich mich nach dem Vorstellungsende vor die Oper. Ich bin bei BISS fest angestellt und verkaufe pro Monat 400 Hefte.
Früher, in Lublin in Polen, hatte ich eine Landwirtschaft, ein Grundstück mit Tomaten und Gurken. Weil da eine Straße gebaut wurde, wurde ich entschädigt. Dann hatte ich ein Restaurant. 1992 kam ich nach Deutschland – zunächst, um eine Freundin zu besuchen, doch ich entschied mich zu bleiben, heiratete und betrieb mit meinem Mann ein Restaurant. Acht verlorene Jahre. 2000 kam ich nach München, mit nichts außer der Bluse und der Hose, die ich am Leib trug. Jetzt bin ich zufrieden. Ich habe meine Wohnung, meine Ruhe, meine Arbeit.
Standplatz von BISS-Verkäuferin Halina Massouras im Sozialen Stadtplan…
Liebe Freunde, sehr geehrte Damen und Herren,
die meisten von Ihnen verfolgen unser Projekt Hotel BISS, bei dem die gemeinnützige und mildtätige Stiftung BISS das alte Münchner Frauen- und Jugendgefängnis Am Neudeck in ein erstklassiges Hotel umbauen möchte, um damit 40 jungen Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten eine anerkannte Ausbildung in einem Hotelberuf zu ermöglichen. Der Freistaat Bayern ist Eigentümer und hat das Gebäude in einem Bieterverfahren zum Verkauf angeboten. Die Stiftung BISS hatte im März 2011 im Bieterverfahren ein Gebot über 1,6 Millionen Euro abgegeben. Am 19. April haben wir ein Schreiben von Immobilien Freistaat Bayern erhalten, dass sie einem anonymen Bestbieter den Zuschlag erteilt hat. Lesen Sie weiter bei »Unterstützen Sie Hotel BISS: Schreiben Sie Ihrem CSU-/FDP-Abgeordneten einen Brief«…
An Herrn
Ministerpräsidenten
Horst Seehofer
Bayerische Staatskanzlei
80539 München
München, den 19. April 2011
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
heute haben wir einen Brief der Immobilien Freistaat Bayern erhalten, die das Anwesen Am Neudeck 10 – 14 im Auftrag des Freistaats Bayern zum Verkauf angeboten hat. Immobilien Freistaat Bayern schreibt, dass sie das Anwesen Am Neudeck 10 – 14 an den Bestbieter vergeben hat, dessen Gebot über dem der gemeinnützigen Stiftung BISS lag. BISS hat 1,6 Millionen Euro geboten. Für die Gesamtfinanzierung, die die Bank bereits zugesagt hat, setzt BISS 18 Millionen Euro ein.
Wir sind zutiefst enttäuscht, dass der Freistaat Bayern nicht von der ausdrücklich im Bayerischen Haushaltsrecht verankerten Möglichkeit Gebrauch macht, einem dem Gemeinwohl dienenden Anbieter den Vorzug zu geben. Wir verstehen nicht, dass die bayerische CSU/FDP-Regierung ein Projekt wie Hotel BISS, das dem Gemeinwohl dient, nicht unterstützt. Lesen Sie weiter bei »Offener Brief an den Bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer: Sie sind unsere letzte Rettung!«…
BISS hat sein Angebot für das Grundstück Am Neudeck rechtzeitig vor Fristende am 25.3.2011 bei Immobilien Bayern abgegeben und wartet auf das Ergebnis des Bieterverfahrens. Stand der Darlehen bei Redaktionsschluss: 1,25 Millionen Euro
Bei den Darlehen haben wir unsere angepeilte Mindestsumme von 1,3 Millionen Euro fast erreicht. Wir möchten aber weiterhin Privatpersonen und Unternehmen für unser Darlehensmodell gewinnen. Denn mit diesen Darlehen erhöht sich unser Eigenkapital und verbessern sich unsere Unterstützungsmöglichkeiten für die benachteiligten jungen Menschen, die wir ausbilden wollen.
Kurzinformation zum Darlehen: Mindestbetrag 5 000 Euro
Darlehensvertrag jetzt / Überweisung später
Darlehensgeber kann eine Privatperson oder ein Unternehmen sein / Darlehensnehmer ist die Stiftung BISS / Zinssatz 3,5 Prozent ab Hoteleröffnung / Tilgung 7 Jahre nach Hoteleröffnung, spätestens zum 31.12.2020 / Die Darlehen sind unbesicherte Nachrangdarlehen / Das Sahnehäubchen: Wenn Sie möchten, können Sie die Zinsen jährlich im Hotel abwohnen. Den kompletten Vertrag können Sie hier als PDF herunterladen. Lesen Sie weiter bei »Gerüstet für den Umbau«…
In dem riesigen Wohnblock in Neuperlach, in dem meine Lebensgefährtin lebt, wohnen zirka 2000 Leute. Viele sind ältere Damen und Herren, die zumeist sehr nett und hilfsbereit sind, die Aufzugtüre aufhalten, freundlich lächeln oder ein Gespräch anfangen. Viele der älteren Damen haben brave, zutrauliche Hunde, mit denen sie dauernd spazieren gehen. Dabei lernen meine Lebensgefährtin und ich die Damen kennen, weil wir gern im Park auf der Bank sitzen.
Es gibt aber nicht nur das Nettsein: Wenn ich auf dem Balkon rauche, schimpft die Nachbarin, die vorher im Park noch liebenswürdig mit uns geratscht hat: „Immer die Scheiß-Zigaretten; der Rauch, der stinkt a so!“ Und es gibt auch stoffelige Nachbarn, die im Treppenhaus den Mund zum Grüssen nicht aufbekommen. Oft werden Bewohner, die krank oder zu Hause gestorben sind, von der Feuerwehr aus den oberen Stockwerken durch die Fenster hinuntertransportiert, weil die Treppenhäuser so eng gebaut sind, dass man mit einer Trage nicht durchkommt.
In meiner eigenen Nachbarschaft, in Berg am Laim, habe ich zwei Freunde, „Catwiesel“ und „Generaldirektor“ – so nennen sie sich. Die beiden wohnen, sechs Minuten Gehweg von mir entfernt, in einem Wohnprojekt. Jeden Morgen um fünf Uhr, egal ob bei Wind, Schnee oder Regen, gehe ich dorthin. „Catwiesel“ macht Kaffee (Eduscho Gala Nr. 1 – darauf legt er Wert) sowie ein paar Häppchen zum Essen und dann frühstücken wir bis sieben Uhr zusammen. Danach geht es in die Arbeit. In dem Haus, in dem ich wohne, ist tote Hose. Ich bin allerdings auch fast nie da, sodass ich eh nichts von meinen Nachbarn mitbekomme, obwohl eine Familie mit zwei Kleinkindern neben mir wohnt.

BISS-Verkäufer Michael Milan an seinem Standplatz am Goetheplatz
Meinen Tretroller habe ich selbst gebaut. Er hat eine Tragkraft von 300 Kilogramm und dient zum Transportieren von Dingen. Ich bevorzuge es, das, was ich brauche, selber herzustellen oder für mich passend umzugestalten. Diese Arbeiten mache ich im HEI, dem Haus der Eigenarbeit, oder in der Kultfabrik. Ein Vierrad, das ich aus zwei Dreirädern und einem Autosessel gebaut hatte, ist leider kaputtgegangen. Auch meine Schuhe und Kleidungsstücke ändere ich gern um, damit sie nicht so schnell kaputtgehen.
Gelernt habe ich ursprünglich Automechaniker – mit Abitur. Ich stamme aus Ratibor in Schlesien und kam 1987 als Aussiedler nach Deutschland. Ich habe schon die verschiedensten Jobs gemacht. Ein paar Jahre lang hatte ich eine eigene Firma, einen Versand von Wundertüten mit kleinen Spielzeugen darin. Auch mit gebrauchten Autos habe ich gehandelt, ich war Versicherungsagent, Vermögensberater und Lagerhelfer. Oft wurde ich bei meiner Arbeitssuche abgewiesen, weil ich, aus dem Osten kommend, wohl nicht vertrauenswürdig erschien.
Seit 2008 bin ich BISS-Verkäufer. Ich stehe am Goetheplatz, mal an der Oberfläche, mal im Zwischengeschoss der U-Bahn-Station. Ich stand auch schon in der Kaufingerstraße, doch da fand ich die Leute demoralisierter. Hier am Goetheplatz interessieren sich im Verhältnis zur Anzahl der Passanten mehr Menschen für BISS. Ich habe keine Wohnung, zurzeit schlafe ich im Freien, und solange es nicht minus 30 Grad hat, werde ich das so beibehalten. Um mir etwas Warmes zu kochen, gehe ich in die Teestube, einen Tagesaufenthalt für Wohnungslose.
Nach dem Erdbeben der Stärke 9 in Japan und den massiven Zerstörungen sind die Armen und Obdachlosen seit Mitte März zurück auf Tokios Straßen und verkaufen „The Big Issue Japan”.

Eine Frau weint, nachdem die Leiche ihrer Mutter gefunden wurde | Foto: REUTERS/Kyodo
Gleichzeitig kämpfen im Norden des Landes Tausende ums Überleben. “Big Issue”-Geschäftsführerin Miku Sano berichtet über die Situation in Sendai, Vertriebschef Aoki San gibt Einblick in sein “Tagebuch der Zerstörung”. Lesen Sie weiter bei »Nichts wird mehr so sein wie es war«…

BISS-Verkäufer Karl-Heinz Wendicke an seinem Standplatz am Zwischengeschoss Marienplatz
Ich stehe seit 17 Jahren zum BISS-Verkaufen am Marienplatz, also vom ersten Tag an, seit es BISS gibt. In den letzten Jahren beobachte ich mehr arme Leute, vor allem ältere Frauen. Und es gibt sogar fünf oder sechs Menschen hier, die aus den Mülltonnen essen, das ist doch kein Leben! Die brauchen doch nur zur Blumenstraße zu gehen oder zu einer anderen Suppenschule.
Ich war obdachlos, über 30 Jahre lang. Ich habe aber meistens Arbeit gehabt. Meine Vorgesetzten haben gewusst, dass ich obdachlos war, auch manche Kollegen, zum Beispiel bei dem Kaufhaus, das früher am Marienplatz stand, wo jetzt der Kaufhof ist – da habe ich an der Kasse gearbeitet. Man musste halt immer dahinter sein, dass man sauber daherkommt und jeden Tag frisch rasiert. Das habe ich am Bahnhof gemacht, dort hatte ich auch mein Schließfach.
1998, mit 51 Jahren, bin ich in meine jetzige Wohnung gezogen, meine erste. Ich habe es mir gemütlich gemacht, mit schönen Blumen auf dem Balkon, und dann habe ich meinen Hund zu mir geholt. Den konnte ich bis dahin immer nur am Wochenende sehen, denn er lebte bei seiner Pflegemutter am Land – ein Hund braucht schließlich ein Zuhause. Auch ich hatte mir als Obdachloser oft ein Zuhause gewünscht, vor allem am Wochenende, wenn ich in irgendeinem allein stehenden Rohbau in meinen Schlafsack geschlüpft bin und in die Fenster anderer Häuser reingeschaut habe. Wenn man älter wird, fragt man sich: „Wofür hast du überhaupt gelebt, hast keine Kinder…“ – das fragt man sich schon. Ende 2008, drei Tage vor Weihnachten, musste mein Bein wegen einer Infektion amputiert werden. Ich mache trotzdem alles allein.
Karl-Heinz Wendicke ist am 1. September 2012 verstorben.