Viele Leute, die häufig in der Innenstadt unterwegs sind, kennen mich von früher, als ich noch „Schmale gemacht“ habe, so nennen es Bettler unter sich, wenn man Leute um Geld anspricht. Ich habe überall gebettelt, vor allem in der Fußgängerzone, vor der Theatinerkirche, in Haidhausen und in Schwabing: „Haben Sie mal eine Mark, ich habe Hunger, habe keine Wohnung, mache Platte.“ „Platte machen“ heißt draußen schlafen, weil man keine Wohnung hat. Ich habe schon als Spüler, Möbelträger, bei der Heilsarmee und beim Auer-Dult-Aufbau gejobbt. Seit 1998 verkaufe ich BISS; mein Standplatz ist vorm Konen, aber manchmal stelle ich mich auch woandershin, zum Beispiel in die Rosenstraße, wenn mein Kollege, der dort normalerweise verkauft, nicht da ist, weil es regnet. Mir macht der Regen nichts, ich habe einen Schirm. 2002 wurde ich bei BISS fest angestellt, und seit 2005 habe ich eine eigene kleine Wohnung. Die Miete zahle ich selber, da bin ich total stolz drauf, schließlich ist es meine erste richtige Wohnung: Ich kam mit zehn Jahren ins Heim, habe mit 16 die Sonderschule abgeschlossen, bin aus dem Heim abgehauen und habe dann zunächst bei Bekannten und später in Notunterkünften, bei der Heilsarmee, in Pensionen und draußen im Schlafsack geschlafen. Vielleicht bin ich deshalb bis heute am liebsten im Freien. Meine Kunden loben mich dafür, dass ich nicht mehr bettle, sondern arbeite, und manche geben mir ein gutes Trinkgeld. Auch von bekannten Schauspielern habe ich schon was bekommen. Wenn ich mein Tagespensum geschafft habe, mache ich Pause, esse was und spaziere durch die Stadt. Um 19 Uhr hole ich noch eine Ladung BISS-Hefte, die ich abends in Lokalen verkaufe. Anschließend treffe ich mich mit Bekannten in meiner Stammkneipe, denn Gott sei Dank brauche ich nicht früh aufzustehen.






