
Heinz Overbeck an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer
Zu meinem sechsundvierzigsten Geburtstag am 21. März 1998, ein Tag nach Frühlingsanfang, machte ich mir das schönste Geschenk meines Lebens. Ich brach mit dem Fahrrad zu einer drei-monatigen Tour auf. Von Nordrhein-Westfalen über Niedersachsen, durch alle fünf neuen Bundesländer, nach Nürnberg und über Frankfurt wieder zurück.
Bevor ich mich auf diese Reise machte, war ich arbeitslos geworden, weil mir wegen Sehschwäche der Führerschein entzogen worden war und ich somit als Elektromaschinenbauer zu keinem Kundendienst mehr fahren konnte. Die Augenkrankheit ist die Folge davon, dass ich als Kind von einem Pferd am Kopf getreten wurde. Das linke Auge ist mittlerweile fast blind und das rechte ist durch Überanstrengung nun auch in Mitleidenschaft gezogen.
Wo ich herkomme, auf dem Lande in Nordrhein-Westfalen, sind es zehn Kilometer in die nächste Stadt, ohne Auto ist es dort schwer. Mein Ziel war es, in München am Patentamt eine Erfindung einzureichen. Doch eine Patentanmeldung kostete schon damals 480 Mark, ohne Anwalt. Das kann ich mir nicht erlauben. Ich lebte jahrelang in einem Mehrbettzimmer bei der Heilsarmee, bis ich vom Wohnungsamt endlich eine eigene Bleibe bekam.
Seit elf Jahren verkaufe ich die BISS am U-Bahn-Aufgang zum Kreisverwaltungsreferat. Wenn das Amt mittags zumacht, gehe ich zum Essen in die Pilgersheimer Straße (städtisches Unterkunftsheim). Ich finde es erstaunlich, dass da nicht mehr Leute hingehen. Es gibt jeden Tag etwas anderes, freitags Fisch. Weil die Küche so gut ist, haben manche Gäste Essen auf Vorrat bestellt, bis die Ausgabe auf zwei Portionen pro Person beschränkt wurde.
In der Freizeit beschäftige ich mich mit Elektronik, PCs auftunen und so. Da mir das durch meine Augenkrankheit erschwert ist, habe ich daheim eine Kamera installiert, die das Teil, an dem ich gerade arbeite, vergrößert auf einen Fernseher projiziert. Außerdem habe ich schon drei kleine Erfindungen gemacht, den „Flaschenmoppel“ zum Reinigen von Flaschen, einen speziellen Dosenöffner und eine Methode zur Energiegewinnung aus Wasser. Es sind eigentlich Nebenprodukte meines größeren Projekts.





