Standplatz: Am Ostbahnhof und am Giesinger Bahnhof

Abdul Vahed Atchikzai an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Abdul Vahed Atchikzai an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Ich stamme aus Afghanistan. Dort habe ich als Großhändler mit importierten Stoffen aus den USA, Japan und Hongkong gehandelt. Als 1978 die Russen einmarschiert sind, habe ich alles verloren und gegen die Russen gekämpft. 1991 begann der Bürgerkrieg. Ich kam als Asylant nach Deutschland; mittlerweile bin ich deutscher Staatsbürger.

15 Jahre lang fuhr ich in Hamburg Taxi. Dann baute ich ein Export-Unternehmen für gebrauchte Kleidung und Schuhe auf. Einer meiner Söhne leitete das Büro in Dubai, er hatte aber nicht genügend Erfahrung und machte Verluste. Ich ging daraufhin nach London, wo ich zwei Jahre verschiedene Waren auf Wochenmärkten verkaufte. Doch auch dieses Geschäft war nicht erfolgreich, sodass ich mich entschloss, wieder zurück nach Deutschland zu ziehen, diesmal nach München. Hier ange­kommen, schlief ich im Wartesaal am Hauptbahnhof, bis mich die Polizei weckte und in die Bahnhofsmission schickte.

Die ersten Wochen kam ich im Notquartier in der Pilgersheimerstraße unter, was für mich als Moslem nicht recht passte: so viele betrunkene Leute – und zu essen gab es ja auch Schweinefleisch. Jetzt habe ich ein Zimmer in einem Wohnheim. Ich habe an verschiedenen Plätzen die BISS-Verkäufer stehen sehen und einen gefragt, ob man damit etwas verdienen könne. Nun verkaufe ich seit acht Monaten die BISS, um mein Hartz IV aufzustocken. Nebenbei versuche ich, ein neues Business aufzubauen, schließlich muss ich meine 13-köpfige Familie unterhalten, die im politischen Asyl in Pakistan lebt.

Ich bin stolz darauf, dass alle meine Kinder in die Schule gehen und eine Tochter sogar an der Hochschule Medizin studiert. Ich habe viele Länder und Kulturen kennengelernt und spreche fünf Sprachen. Das schönste Land ist für mich nach wie vor Afghanistan, mit der guten Luft und dem frischen Essen, aber wegen der politischen Umstände kann ich dort nicht leben. Ansonsten gefällt es mir in Deutschland und Japan am besten, weil die Menschen sehr vernünftig, gut ausgebildet und ordentlich sind.

Die Münchner finde ich großzügig. An meinen Standplätzen am Ostbahnhof und am Giesinger Bahnhof bieten mir oft Leute etwas zu essen an, doch ich antworte immer: „Wenn Sie mir helfen wollen, kaufen Sie eine BISS.“ Ein afghanisches Sprichwort sagt: „Wenn dich ein geschenkter Apfel nicht zufriedenstellt, macht dich ein geschenkter Garten auch nicht glücklich.“