
Hans Jürgen Mayer an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer
Ich verkaufe jetzt schon seit zirka zwei Jahren die BISS, aber eigentlich würde ich lieber von meiner Kunst leben. Ich bin Maler. Geschauspielert – Pantomime und so was – habe ich auch schon, auf der Bühne im Bezirkskrankenhaus Haar und früher in einem Theater in Berlin. Malen tue ich zu Hause. Ein Teil meiner Bilder ist abstrakt, ich komponiere Farben. Die anderen sind gegenständliche Bilder, eins heißt “Brot für die Welt”, ein zweites hat die Umweltverschmutzung als Thema.
Sie können eine Auswahl im Internet ansehen, unter www.insiderart.de. Ich male mit Öl und Aquarelle. Von all meinen Bildern habe ich ungefähr eines verkauft und 300 sind mir abhandengekommen, zum Beispiel, weil ich wieder einmal in die Klinik kam und derweil meine Wohnung aufgelöst wurde.
Heute lebe ich in betreutem Wohnen, das ist ganz gut, das Problem ist nur der geringe Platz. Und die Außenwelt, also die Straße, ist eine Katastrophe, weil sie so laut ist und stinkt. Ich finde, man sollte statt mit dem Auto viel mehr mit Pferdekutschen, Rollschuhen und Fahrrädern fah ren. Ich komme aus Landshut. Nachdem mein Vater gestorben war, bin ich vom 18. bis 24. Lebensjahr so gut wie obdachlos gewesen. Ich schlug mich in Berlin in einer Kommune durch und übernachtete bei Kollegen vom Theater.
Vor 15 Jahren wurde ich noch mal obdachlos. Ich habe keinen Beruf gelernt, aber ich habe Berufserfahrung. Ich war acht Jahre Friedhofsgärtner, bin neun Monate zur See gefahren, habe als Möbelrestaurator und acht Jahre beim Wertstoffhof gearbeitet. Die Zeit als Decksmann auf einem Küstenmotorschiff hat mir besonders gefallen, da ich die Nord- und Ostsee bis rauf nach Finnland und Russland zu sehen bekam.
Meinen Arbeitstag beginne ich früh. Nachdem ich jeden Morgen um fünf Uhr mit zwei Freunden gefrühstückt habe, verkaufe ich von sechs bis elf Uhr die Zeitschrift BISS am Truderinger Bahnhof, zuerst im Zwischengeschoss, dann oben bei den Bussen.
Letztes Jahr kamen dort neben mir zwei ins Gerangel: Der eine hatte eine BILD-Zeitung aus dem Kasten gestohlen, der andere, ein Kontrolleur, hatte ihn erwischt und wollte die Polizei rufen, weil der Dieb kein Geld hatte. Da fasste ich mir ein Herz und löste den Dieb aus. Die Quittung habe ich heute noch.





