Von Ingobert Köhler
EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT
Geboren wurde ich 1955 in Halle an der Saale. Aufgewachsen bin ich in einem Dorf in der Nähe. Meine Schulzeit war geprägt davon, dass mein Vater mein Schuldirektor und meine Mutter meine Klassenlehrerin war. Erst als ich die Erweiterte Oberschule in Halle besuchte, merkte ich, wie sehr mich diese Umstände geprägt hatten, vor allem der Erwartungsdruck der beiden. Nach dem Abitur und der Armee arbeitete ich in der Schuhindustrie. Nach wenigen Jahren wurde ich der Verantwortliche für die Aufbau- und Ablauforganisation mit über 45 000 Beschäftigten. In dieser Zeit absolvierte ich ein Fernstudium an der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt, welches ich als Diplomingenieurökonom abschloss. Nach der Wende arbeitete ich als Unternehmensberater und Arbeitsvermittler. Persönlich war mein Leben eng mit meiner Familie verbunden. Ich heiratete 1980, 1984 wurde meine Tochter geboren. Im Jahr 2002 baute ich ein Haus in der Nähe meines Elternhauses, damit wir uns um meine Eltern kümmern konnten. Mein Vater war an Parkinson, meine Mutter an Demenz erkrankt. Auch deshalb kam es nach fast 30 Jahren zu Problemen in unserer Ehe. 2009 wurden meine Eltern ins Seniorenheim eingeliefert. In dieser Zeit entspann sich eine Auseinandersetzung mit meiner Tochter und meiner Frau darüber, wer sich um die Eltern kümmern und das Haus erhalten sollte. Der Streit endete damit, dass meine Eltern mir eine Generalvollmacht erteilten und mich zum Alleinerben machten. Das hat das Verhältnis zu Frau und Tochter weiter getrübt – bis ich Hausverbot für mein eigenes Elternhaus bekam. Seitdem habe ich keinen Kontakt mehr zu beiden. Mit Mitte 50 stand ich vor einem Scherbenhaufen. Doch mich packte der Ehrgeiz, mein Leben zu gestalten. In Jena wurde ich Verkäufer der Straßenzeitung „Notausgang“. Durch Kontakte der Redaktion zu BISS entschloss ich mich im Oktober 2012, nach München zu gehen und hier Verkäufer zu werden. Mir wurde der Standplatz an der Münchner Freiheit zugewiesen. Schnell entwickelten sich Kontakte zu den Kunden. Schon Anfang 2013 war ich angestellter Verkäufer. Ich bekam aber Probleme mit der Halswirbelsäule. Nach einer Behandlung geht es mir nun besser und ich starte neu durch. Es ist aber notwendig, dass ich ein Bett zum Schlafen habe. Aus diesem Grund suche ich derzeit eine mittelfristige Lösung in einem Arbeiterwohnheim. Langfristig hoffe ich auf eine eigene Wohnung.













