Standplatz: An der Münchner Freiheit

Ingobert Köhler Foto: Barbara Donaubauer

Ingobert Köhler
Foto: Barbara Donaubauer

Von Ingobert Köhler

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Geboren wurde ich 1955 in Halle an der Saale. Aufgewachsen bin ich in einem Dorf in der Nähe. Meine Schulzeit war geprägt davon, dass mein Vater mein Schuldirektor und meine Mutter meine Klassenlehrerin war. Erst als ich die Erweiterte Oberschule in Halle besuchte, merkte ich, wie sehr mich diese Umstände geprägt hatten, vor allem der Erwartungsdruck der beiden. Nach dem Abitur und der Armee arbeitete ich in der Schuhindustrie. Nach wenigen Jahren wurde ich der Verantwortliche für die Aufbau- und Ablauforganisation mit über 45 000 Beschäftigten. In dieser Zeit absolvierte ich ein Fernstudium an der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt, welches ich als Diplomingenieurökonom abschloss. Nach der Wende arbeitete ich als Unternehmensberater und Arbeitsvermittler. Persönlich war mein Leben eng mit meiner Familie verbunden. Ich heiratete 1980, 1984 wurde meine Tochter geboren. Im Jahr 2002 baute ich ein Haus in der Nähe meines Elternhauses, damit wir uns um meine Eltern kümmern konnten. Mein Vater war an Parkinson, meine Mutter an Demenz erkrankt. Auch deshalb kam es nach fast 30 Jahren zu Problemen in unserer Ehe. 2009 wurden meine Eltern ins Seniorenheim eingeliefert. In dieser Zeit entspann sich eine Auseinandersetzung mit meiner Tochter und meiner Frau darüber, wer sich um die Eltern kümmern und das Haus erhalten sollte. Der Streit endete damit, dass meine Eltern mir eine Generalvollmacht erteilten und mich zum Alleinerben machten. Das hat das Verhältnis zu Frau und Tochter weiter getrübt – bis ich Hausverbot für mein eigenes Elternhaus bekam. Seitdem habe ich keinen Kontakt mehr zu beiden. Mit Mitte 50 stand ich vor einem Scherbenhaufen. Doch mich packte der Ehrgeiz, mein Leben zu gestalten. In Jena wurde ich Verkäufer der Straßenzeitung „Notausgang“. Durch Kontakte der Redaktion zu BISS entschloss ich mich im Oktober 2012, nach München zu gehen und hier Verkäufer zu werden. Mir wurde der Standplatz an der Münchner Freiheit zugewiesen. Schnell entwickelten sich Kontakte zu den Kunden. Schon Anfang 2013 war ich angestellter Verkäufer. Ich bekam aber Probleme mit der Halswirbelsäule. Nach einer Behandlung geht es mir nun besser und ich starte neu durch. Es ist aber notwendig, dass ich ein Bett zum Schlafen habe. Aus diesem Grund suche ich derzeit eine mittelfristige Lösung in einem Arbeiterwohnheim. Langfristig hoffe ich auf eine eigene Wohnung.

Standplatz: Am Rotkreuzplatz

Ion Preda

Ion Preda

Foto: Barbara Donaubauer

Von Ion Preda

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Ich bin 1963 in Rumänien geboren. Gemeinsam mit meinen fünf Schwestern bin ich in einem kleinen Ort namens Iam aufgewachsen. Unser Vater hat bei der Bahn gearbeitet. Zwölf Jahre lang habe ich die Schule in einem Nachbarort besucht. Anschließend habe ich eine Ausbildung zum Schweißer gemacht und sehr lange in einer metallverarbeitenden Fabrik gearbeitet. Das war für mich als jungen Papa von drei Töchtern  eine gute Arbeit. Dann kam Ceauçescu an die Macht und hat alles kaputt gemacht. Ich war arbeitslos und habe lange keine neue Arbeit gefunden. Ich war dann in der Landwirtschaft tätig, auch meine Frau musste arbeiten, damit wir überleben konnten. 2007 bin ich dann nach Deutschland gekommen. Ich habe gehofft, hier Arbeit zu finden. Wir haben nichts mitgenommen, wir hatten keine Angst, dass etwas  schiefgehen könnte. Fast 15 Stunden hat es gedauert, mit dem Auto herzufahren, dann sind wir in München angekommen. Zum Glück haben wir gleich eine Wohnung für meine Frau, mich und die Kinder gefunden – und ich habe eine Arbeit bekommen. Ich habe als „room boy“ in einem Hotel am Nordfriedhof begonnen. Das war eine schöne Arbeit: Ich habe die Zimmer sauber gemacht, den Gästen Sachen gebracht. Zwei Jahre ging das,  die Gäste waren nett. Später habe ich in der Fabrik von MAN gearbeitet. Danach war es schwierig. Ich habe lange gebraucht, eine Arbeit zu finden, BISS kannte ich damals noch nicht. Dann hat mir ein Kollege davon erzählt und ich bin hierher, ins Büro, gekommen. Das war im Oktober 2012. Von Anfang an ist mir das Verkaufen nicht schwergefallen. Ich stehe fünf Stunden am Tag am Rotkreuzplatz, von  9 bis 14 Uhr, das ist ein guter Ort. Am Anfang kamen immer die gleichen Leute zu mir, jetzt kommen auch neue Menschen, um Hefte zu kaufen. Noch fahre ich manchmal in den Ferien nach Hause zu meiner Familie in Rumänien. Aber jetzt ist eben Deutschland meine Heimat, hier lebe ich. Es hat nicht alles ganz so funktioniert wie geplant, aber das ist okay. Ich wohne jetzt in der Nähe des Ostbahnhofs, meine drei Mädchen sind ja schon erwachsen, 27, 23 und 21 Jahre sind sie alt und alle ausgezogen. Mittlerweile habe ich sogar schon drei Enkel,  einen kleinen Jungen, der ein Jahr alt ist, und zwei Mädchen, die sind dreieinhalb und zwei Jahre alt. Ich sehe sie oft – und darüber freue ich mich sehr.

Standplatz: Am Max-Weber-Platz

Pavle Kulaš Foto: Barbara Donaubauer

Pavle Kulaš
Foto: Barbara Donaubauer

Von Pavle Kulaš

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

In meiner Heimat Bosnien habe ich nur vier Jahre gelebt. Ich bin 1944 in Sivša-Usora geboren. Damals war der Zweite Weltkrieg, alles ging drunter und drüber, und als ich fünf Monate alt war, hat mein Vater die Familie verlassen. Mein Ziel war es immer, ein Grundstück zu kaufen und ein Haus zu bauen, damit alles gut wird. Doch nach der Grundschule, die ich bis zum vierten Jahr besucht habe, hatte ich keine Chance, weiter ausgebildet zu werden. Deshalb habe ich Gelegenheitsarbeiten gemacht, zum Beispiel bei der Ernte. An den Tag, als ich nach Deutschland gekommen bin, kann ich mich noch sehr genau erinnern. Es war der 6. März 1970. Damals bin ich mit dem Zug in Heilbronn angekommen, weil mein Bruder den Behörden eine Garantie gegeben hatte, dass er für mich bürgt. Über ihn habe ich auch einen Job in einer Fabrik bekommen. Schwere Arbeit war das. Von Heilbronn aus bin ich bald zu meinem Onkel nach Rosenheim gegangen. Dort habe ich in einer Antennenfabrik gearbeitet. Wie viele andere Arbeiter auch wurde ich von der Arbeit krank. Deshalb bin ich zur Deutschen Bahn gewechselt und war in der Güterabfertigung beschäftigt. Es war eben ein „heute dies, morgen das“. Alles hat sich immer sehr schnell geändert. Meine beste Arbeit: Ich habe in München die Akademie der Bildenden Künste geputzt. Dort sind natürlich sehr viele Studenten unterwegs, mit denen habe ich oft gesprochen. Es ist ein sehr großes Gelände, von der Türkenstraße bis zum Siegestor. Deshalb bin ich mit einer Putzmaschine herumgefahren. In keinem der vielen Monate hat sich jemand über meine Arbeit beschwert. Bis letztes Jahr habe ich das gemacht. Dann bin ich krank geworden, und der Arzt hat mir geraten, nicht mehr mit Putzmitteln zu hantieren. Als ich einen Kollegen um Rat gefragt habe, hat er mir empfohlen, zu BISS zu gehen. Jetzt stehe ich von 7 bis 14 Uhr an der U-Bahn-Haltestelle Max-Weber-Platz, bis die anderen Kollegen kommen, dann gehe ich. Die Arbeit macht mir Spaß. Obwohl ich noch nicht lange Zeit dabei bin, sagen die Menschen, die vorbeikommen: „Hallo Pavle“. Für mich ist Deutschland ein gutes Land, das beste Land in Europa und der Welt, das weiß ich nach 42 Jahren. Das Geld ist besser, alles ist besser. München mag ich auch. Ich wohne in der Nähe des Marienplatzes, es ist ein nettes Haus. Unser Hausmeister ist auch aus Bosnien, Freunde von mir wohnen auch dort mit kleinen Zwillingen, das ist toll.

Standplatz: Am Goetheplatz

Stefan Csizmadia, Foto: Barbara Donaubauer

VON STEFAN CSIZMADIA

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Mit 17 habe ich das erste Mal versucht, nach Deutschland zu kommen. Damals lebte ich in der Slowakei, hinter dem Eisernen Vorhang. Ich wollte Astrobiologie studieren und einfach nur frei sein. Ständig hörte ich Geschichten vom Westen, und so beschlossen ein Freund und ich, nach Deutschland zu fliehen. Wir fuhren nach Prag und von dort aus weiter zur deutschen Grenze. Es war sechs Uhr. Uns trennte nur noch ein Stacheldraht vom Westen. Aus Versehen stolperte mein Freund über einen kleinen Draht. Er löste eine Signalrakete aus – es gab einen Alarm, und sofort waren wir umringt von Grenzschützern. Beim Verhör wurde ich geschlagen. Fünfeinhalb Monate saß ich in Untersuchungshaft, dann kam der Prozess: sechs Monate Gefängnis. Als ich rauskam, durfte ich wegen meines Fluchtversuchs nicht studieren, und in meinem Dorf wollte niemand mehr mit mir reden. Also ging ich nach Prag und arbeitete dort als Kellner, auf dem Bau und sogar in der Pathologie. Aber es half nichts: Ich fühlte mich eingesperrt, ich hasste das System und den psychischen Druck. Als die Mauer fiel, bin ich sofort nach Deutschland abgehauen. Hier durfte ich zwar nicht arbeiten, aber immerhin: Ich war dort, wo ich immer hinwollte. Ich schlief auf der Straße und ernährte mich vom Flaschensammeln. 17 Jahre ging das so. Dann habe ich angefangen, auf dem Bau zu arbeiten, bei Abbrucharbeiten. Es lief gut. Bald hatte ich einen Gewerbeschein und war am Schluss für 34 Subunternehmer zuständig. Ich war ein guter Chef und habe immer pünktlich gezahlt. Aber dann kam die Wirtschaftskrise. Viele kleine Bauunternehmen gingen pleite, und für mich gab es keine Arbeit mehr. Vor einem Jahr habe ich angefangen, die BISS zu verkaufen: erst in Obergiesing, dann am Goetheplatz, wo es im Winter etwas wärmer ist. Ich stehe meistens von morgens bis abends an meinem Platz. Ich mag den Kontakt mit Leuten. Meine Käufer sind super und meine Stammkunden immer nett zu mir. Eine eigene Wohnung habe ich immer noch nicht, nur ein Zimmer in einer WG. Zurück in die Slowakei will ich trotzdem nicht. Dort sind leider immer noch die gleichen Leute in der Politik wie früher.
Außerdem ist hier in München auch noch mein Verein, der TSV 1860. Ich bin ein riesiger Fan, und irgendwann mal, wenn ich sterbe, möchte ich in Giesing begraben werden – gleich unter dem Sechzger-Stadion, damit ich immer alle Spiele sehen kann.

Standplatz: In Buchenau und Starnberg

Laura Simcea, Foto: Barbara Donaubauer

VON LAURA SIMCEA

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Seit ich klein war, hatte ich ein schweres Leben. Ich komme aus Fantanelle, einem kleinen Dorf in Rumänien. Mein Vater war im Gefängnis, meine Mutter musste viel arbeiten, und ich war verantwortlich für meine drei kleinen Geschwister. Ich habe keinen Schulabschluss und auch keine Berufsausbildung. In Rumänien gab es für mich kein Geld, keine Arbeit und keine Chance. Darum sind mein Mann und ich vor neun Jahren nach Portugal ausgewandert. Ich habe dort als Putzfrau gearbeitet. Das war viel Arbeit und sehr schlecht bezahlt, aber es war immerhin ein Job. Doch dann kam die Krise: Die Firma, für die ich geputzt habe, ist pleite gegangen, und ich habe meine Stelle verloren. Vor vier Jahren haben wir dann überlegt, wo wir ein besseres Leben haben könnten, und sind so nach Deutschland gekommen. Leider war es schwierig, hier eine Arbeit zu finden: Als Rumäne bekommt man in Deutschland erst nach drei Jahren eine Arbeitserlaubnis, und noch dazu konnte ich die Sprache nicht. Die erste Zeit in Deutschland war deshalb sehr schwer, und wir mussten auf der Straße schlafen. Damals war ich verzweifelt. Ich habe mich gefragt, wie es weitergehen soll. Ich hatte Depressionen und konnte nicht einschlafen. Zum Glück haben wir dann zu BISS gefunden. Seit mittlerweile drei Monaten verkaufe ich die BISS in Germering und Buchenau. Fast jeden Tag stehe ich dort vor dem AEZ-Einkaufszentrum, von acht Uhr morgens bis manchmal abends. Seit Oktober darf ich auch nach Starnberg gehen. Meine Kunden sind immer sehr hilfsbereit und nett zu mir. Viele unterhalten sich mit mir oder laden mich sogar manchmal auf einen Kaffee ein. Auch mein Mann verkauft die BISS. Von dem Geld bezahlen wir die Miete für unsere kleine Wohnung in Puchheim, und einen Teil schicken wir nach Rumänien, wo meine kranke Mutter und die Tochter meines Mannes leben. Zusammen haben wir ein Kind. Unser Sohn ist acht. Ich will viel arbeiten, damit die beiden Kinder es später im Leben einmal besser haben als ich. Darum mache ich gerade einen Deutschkurs. Danach will ich gerne einen Beruf lernen. Am liebsten würde ich in einer Küche arbeiten, denn kochen, sagt meine Familie, kann ich sehr gut.

Standplatz: Am Nordbad

Von VLAJKO GUDURAS FOTO BARBARA DONAUBAUER

Bevor ich angefangen habe, die BISS zu verkaufen, hatte ich viele verschiedene Jobs. Ich bin 1937 in Bosnien geboren. In Zagreb war ich zum Beispiel als Straßenbahn­fahrkartenverkäufer tätig. 1963 bin ich dann nach Deutschland gekommen, allein. Zunächst habe ich in einer Kohlengrube in Aachen gearbeitet. Aber weil ich gelernter Kellner bin, habe ich in einem Lokal in Herrsching angefangen. Ein Freund von mir hat dort in der Küche gearbeitet und mich dazu geholt. Erst habe ich auch in der Küche gejobbt, dann durfte ich kellnern. Es war schön, das Lokal direkt am Ammersee. Dennoch bin ich irgend- wann nach München gekommen. In Schwabing habe ich in einer Elektrofirma Trafos zusammengebaut, später habe ich in die Max-Emanuel-Brauerei gewechselt, dort war ich mehrere Jahre beschäftigt. Aber der  Biergarten ist sehr groß, die Strecken, die man laufen muss, wenn man Getränke und Essen serviert, sind sehr lang, und gleichzeitig ist es vor allem abends oft sehr laut. Das wurde mit der Zeit immer anstrengender, deshalb habe ich irgendwann an die Bierkasse gewechselt und bin 2004 in Rente gegangen. Mittlerweile verkaufe ich seit zwei Jahren die BISS. Mein Standplatz ist der Karstadt am Nordbad. Dort sitze ich etwa fünf bis sechs Stunden am Tag und es ist wirklich sehr schön. Die Leute, die im Karstadt arbeiten, sind wahnsinnig nett. Sie sagen immer „Grüß Gott“ und „Guten Morgen“ zu mir, jeden Tag, wenn sie an mir vorbeilaufen. Sie sprechen mit mir, wir lachen viel. Sie geben mir Geld für einen Kaffee oder Trinkgeld. Auch die Kunden sind sehr freundlich. Einige kenne ich noch von früher. Genau wie damals macht mir der Umgang mit den Kunden den meisten Spaß. Man muss einfach nur freundlich sein, dann funktioniert alles sehr gut. Daheim bleibe ich deshalb nur bei schlechtem Wetter. Sehnsucht nach meiner Heimat habe ich nicht. Hier bin ich, hier bleibe ich. Solange ich laufen kann, arbeite ich. Das macht mir einfach Spaß.

Standplatz: Am Rotkreuzplatz

Reinhard Walcher an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Reinhard Walcher an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Dass ich nach München gekommen bin, war Zufall. Vor 30 Jahren, im Mai 1982, wollte ich mit Freunden Urlaub machen. Ich bin in Südtirol aufgewachsen. Wir sind immer nach Innsbruck gefahren, diesmal wollten wir was anderes sehen. So sind wir nach München, mit dem Vorsatz: Wenn uns das Geld ausgeht, fahren wir heim. Ich bin Kellner, ab meinem 19. Lebensjahr habe ich in Lyon im bes­ten Hotel der Stadt gelernt – nicht mal Paul Bocuse war für uns Konkurrenz – und dann in Österreich gearbeitet. Hier in München gab es doppelt so viel Geld, und das Wetter war genauso schön. So sind wir hängen geblieben.

Wir hatten keine Ahnung von brutto und netto – bei uns in Südtirol hat der Arbeitgeber die Sozialausgaben übernommen. Bei meinem Münchner Arbeitgeber am Stiglmaierplatz gab es Abzüge, 30 Prozent, Verpflegung und Miete – viel ist nicht geblieben. Deswegen habe ich in ein anderes Café gewechselt. Nach einer Zeit habe ich den Ausschank einer Spielhalle in der Schwanthalerstraße übernommen. Das hat sich aber nicht rentiert, daher habe ich später wieder gekellnert, unter anderem in Schwabing im „Adria“. Ich bin 57 Jahre alt, aber nach den Arbeitsstunden, die ich gekellnert habe, bin ich eigentlich 80 Jahre. Das habe ich ausgerechnet.

Irgendwann konnte ich nicht mehr. Meine Bandscheiben, mein Magen, meine Leber sind kaputt. Ich kann keinen festen Job mehr machen. Ich muss heimkönnen, wenn es schlimm wird. Jetzt bekomme ich Frührente, dazu verdiene ich mir mit der BISS etwas dazu. Ab und zu stand ich früh am Bahnhof, mittlerweile ist der Rotkreuzplatz – vor dem Kaufhof oder unten in der U-Bahn – mein Standplatz.

Meine Zeit als Kellner hilft mir. Zum einen: Immer freundlich sein. Das weiß man, wenn man 40 Jahre Ober war. Wenn du das dort nicht gelernt hast, lernst du es dein Leben lang nicht mehr. Ob einer Trinkgeld gibt oder nicht, die Zeitung kauft oder etwas spendet – ich sage „bitte“, „danke“, „schönen Tag“ und lächle. So sehen die Leute: Sie machen dir eine Freude. Zum anderen quatsche ich von mir aus nicht viel. Wenn mich einer etwas fragt, spreche ich gern mit ihm. Aber die meisten haben’s eilig, und nicht nachzufragen ist eine Frage der Diskretion. So habe ich es mit den Gästen auch gehandhabt.

Standplatz: Am Ostbahnhof, am Sendlinger Tor und vor Pflanzen Kölle in Unterhaching

Georg Sperl an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Georg Sperl an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Ich singe gern, bete gern, lese gern in der Bibel und bin Freund einer freikirchlichen, internationalen Gemeinde: der Christlich Biblischen Gemeinde. Einmal in der Woche gehe ich in einen kleinen, herrlichen Gospelchor. Die Teilnehmer leben zum Teil in sehr prekären Situationen, manche waren obdachlos. Unser Chor ist für alle offen. Auch ich habe gute und weniger gute Zeiten erlebt.

Ich stamme aus Lam bei Cham im Bayerischen Wald. Dort habe ich als junger Mann Bäcker gelernt, aber keine Prüfung absolviert. Seit 1989 lebe ich in München. Beruflich habe ich schon alles Mögliche gemacht: Friedhofsgärtner, Lagerarbeiter, Bauhelfer und Sicherheitsdienst. Reich bin ich nicht geworden, aber das stört mich nicht. Wenn ich nach einem Dienst als Nachtwächter um fünf Uhr früh durch die Maximilianstraße nach Hause gegangen bin und in den Schaufenstern Anzüge für 1000 Euro angeschaut habe, dachte ich immer: „Danke, lieber Gott, dass ich so etwas nicht brauche.“ Der Mensch ist zu 70 Prozent ein gehetztes Tier. Mobbing, Hektik, Stress. In so einer Gesellschaft will ich gar nicht mitmachen.

Ich habe keinen Fernseher und keinen Computer; ich habe nur einen CD-Player, auf dem ich christliche Lieder und Predigten anhöre, und ein Radio für die Nachrichten. Ich trage auch keine Armbanduhr, sondern ich stelle beim BISS-Verkaufen eine Flasche Wasser neben mich, und wenn diese leer ist, mache ich eine Pause. Dazu setze ich mich ins Burger-King-Restaurant oder ich kaufe bei Lidl etwas zu essen, setze mich mit der Brotzeit in einen Bus und fahre eine halbe Stunde herum. Das ist entspannend, kostet nichts, weil ich eine Monatskarte habe, und ich schone meine Füße.

Ich verkaufe nun seit fast einem Jahr die BISS. Manche Leute gehen einem aus dem Weg, weil sie mit der Situation nichts anfangen können und nicht verstehen, dass Menschen wie ich in solch eine Notlage geraten. Bei mir kam das so: Ich war acht Jahre verheiratet, dann hat sich meine Frau scheiden lassen. Sie blieb in der Wohnung, ich musste eine neue Behausung suchen. Eine Zeit lang habe ich den Kopf hängen lassen.

Beinahe wäre ich obdachlos geworden, aber sehr nette, eigentlich fremde Leute haben mich aufgenommen, bis ich die Genossenschaftswohnung gefunden habe, in der ich jetzt lebe. Mein Ziel ist, dass es wieder aufwärts geht. Wer weiß, vielleicht wandere ich eines Tages noch aus, zum Beispiel nach Israel oder nach Peru, wo 500 verschiedene Kartoffelsorten wachsen, denn ich liebe Kartoffeln.

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