Standplatz: Am Sendlinger Tor

Francesco Silvestri an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Francesco Silvestri an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Als junger Mann wollte ich unbedingt andere Länder und Menschen kennenlernen. Per Zug und Autostopp reiste ich eineinhalb Jahre lang durch den Norden Afrikas, Ägypten, den Irak und Syrien. Meine zweite große Reise ging nach Südamerika, ich war damals 29 Jahre alt. In Ecuador verliebte ich mich in eine Frau.

Ich wollte mich aber nicht dauerhaft niederlassen, auch weil ich keine Möglichkeit sah, mir dort meinen Lebensunterhalt zu verdienen, doch ich besuchte meine Liebe, sooft ich nur konnte. Wir haben zwei Kinder miteinander, einen 28-jährigen Sohn, der mittlerweile selbst schon eine eigene Familie hat, und eine 17-jährige Tochter. Alle ein bis eineinhalb Jahre fahre ich hin, außerdem telefonieren wir einmal die Woche, das ist nicht besonders teuer.

Ich spreche gut Spanisch. Da ich Italiener bin, fällt mir das leicht. Bevor ich nach Deutschland kam, habe ich in Bozen, in Umbrien, in Österreich und in der Schweiz gelebt. Von Deutschland kenne ich leider bloß München, sonst nichts. Ich lebe gern hier, die Stadt ist sehr schön, und ich finde, die Münchner haben auch eine angenehme Art. Obwohl ich Elektriker und Fernsehtechniker in Italien gelernt habe, arbeitete ich kaum in diesem Beruf, sondern die meiste Zeit in der Gastronomie, als Hilfskoch, Pizzabäcker, Kellner und Schankkellner.

Vor etwa zehn Jahren bekam ich dann leider Probleme mit der Durchblutung und ein offenes Bein. Neben einer gewissen Veranlagung ist wahrscheinlich auch das Rauchen mit daran schuld. Ich wäre überglücklich, wenn ich damit aufhören könnte, aber ich rauche nun mal, seit ich 14 bin, und mittlerweile sind es etwa 30 Zigaretten am Tag.

Es ist eine starke Sucht, die loszuwerden sehr schwer ist. Da ich mit dem offenen Bein nicht mehr arbeiten konnte, lebte ich zunächst vom Arbeitslosengeld und kam dann über einen Freund, den ich aus der Teestube kannte, zu BISS. Ich lebte damals in der Notunterkunft in der Pilgersheimer Straße.

Ich verkaufe sehr gern die BISS und stehe meistens von zehn Uhr vormittags bis halb sieben am Abend am Sendlinger Tor, im U-Bahn-Zwischengeschoss, vor dem Aufgang zur Matthäuskirche. Ich habe bisher nur angenehme Erfahrungen mit meinen Kunden gemacht und bin jedem dankbar, der eine BISS bei mir kauft.

Standplatz: Am Max-Weber-Platz

Gottfried Wassermann an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Gottfried Wassermann an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Ich bin Jungfrau von Sternzeichen. Man sagt diesen Menschen ja nach, dass sie Wert auf eine schöne Wohnung legen, häuslich und sparsam sind. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich jeden Vormittag sehr gewissenhaft meine Buchführung mache, obwohl ich ja kein Banker bin und das nicht gelernt habe. Ich schreibe jedes Limo, jedes Mittagessen, jede Einnahme und Ausgabe genau auf. Am Monatsende analysiere ich, wo ich besser gespart und wo ich besser mehr Geld ausgegeben hätte. Manche sagen, das sei Krampf, aber jeder muss selber wissen, was für ihn gut ist.

Ich kam 1969 darauf, als ich in Kronberg im Taunus als Hoteldiener arbeitete und noch Schulden hatte. Schulden zu haben tut seelisch weh. Dabei kann das Leben doch so schön sein, wenn man es nur richtig macht und finanziell im Reinen ist. Ich stamme von einem Bauernhof aus der Gegend von Memmingen. Mit fünfzehn Jahren verließ ich das Elternhaus und ging arbeiten, zuerst als Knecht, später unter anderem als Spüler in einem Hotel, dann als Tierstallhelfer im Max- Planck-Institut und als Stewart bei der Köln-Düsseldorfer Rheinschifffahrt. Wäre ich doch in Düsseldorf geblieben. Dass ich von dort weggegangen bin, bereue ich, denn im Vergleich zu den finanziellen Problemen, die ich später in München hatte, waren meine beruflichen Probleme in Düsseldorf ein Klacks.

Mit sechzig Jahren wurde ich erwerbsunfähig. Seit über fünf Jahren stocke ich meine geringe Rente mit BISS-Verkaufen auf. Ich war froh, als ich den Verkaufsplatz am Max- Weber-Platz zugeteilt bekam, weil es hier einen Aufzug und eine Toilette gibt. Das ist für mich als Diabetiker wichtig, denn ich muss mich regelmäßig spritzen. Außerdem kann ich seit einer Knieoperation mit anschließender Infektion und der mittlerweile zweiten Knieprothese nur sehr schlecht gehen. Die großen Glückssteine, die ich um den Hals trage, sollen mir Gesundheit, Glück und viel Kundschaft bringen. Ich halte mich an die Steinelehre der Hildegard von Bingen, von der ich ein paar Bücher gelesen habe. Außer Lesen hat mir früher auch Fotografieren großen Spaß gemacht. Ich bin schon sehr gespannt, mit welcher Kamera die BISS-Fotografin das Bild von mir aufnehmen wird.

Standplatz: U-Bahn Sperrengeschoss Poccistraße

Heinz Overbeck an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Heinz Overbeck an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Zu meinem sechsundvierzigsten Geburtstag am 21. März 1998, ein Tag nach Frühlingsanfang, machte ich mir das schönste Geschenk meines Lebens. Ich brach mit dem Fahrrad zu einer drei-monatigen Tour auf. Von Nordrhein-Westfalen über Niedersachsen, durch alle fünf neuen Bundesländer, nach Nürnberg und über Frankfurt wieder zurück.

Bevor ich mich auf diese Reise machte, war ich arbeitslos geworden, weil mir wegen Sehschwäche der Führerschein entzogen worden war und ich somit als Elektromaschinenbauer zu keinem Kundendienst mehr fahren konnte. Die Augenkrankheit ist die Folge davon, dass ich als Kind von einem Pferd am Kopf getreten wurde. Das linke Auge ist mittlerweile fast blind und das rechte ist durch Überanstrengung nun auch in Mitleidenschaft gezogen.

Wo ich herkomme, auf dem Lande in Nordrhein-Westfalen, sind es zehn Kilometer in die nächste Stadt, ohne Auto ist es dort schwer. Mein Ziel war es, in München am Patentamt eine Erfindung einzureichen. Doch eine Patentanmeldung kostete schon damals 480 Mark, ohne Anwalt. Das kann ich mir nicht erlauben. Ich lebte jahrelang in einem Mehrbettzimmer bei der Heilsarmee, bis ich vom Wohnungsamt endlich eine eigene Bleibe bekam.

Seit elf Jahren verkaufe ich die BISS am U-Bahn-Aufgang zum Kreisverwaltungsreferat. Wenn das Amt mittags zumacht, gehe ich zum Essen in die Pilgersheimer Straße (städtisches Unterkunftsheim). Ich finde es erstaunlich, dass da nicht mehr Leute hingehen. Es gibt jeden Tag etwas anderes, freitags Fisch. Weil die Küche so gut ist, haben manche Gäste Essen auf Vorrat bestellt, bis die Ausgabe auf zwei Portionen pro Person beschränkt wurde.

In der Freizeit beschäftige ich mich mit Elektronik, PCs auftunen und so. Da mir das durch meine Augenkrankheit erschwert ist, habe ich daheim eine Kamera installiert, die das Teil, an dem ich gerade arbeite, vergrößert auf einen Fernseher projiziert. Außerdem habe ich schon drei kleine Erfindungen gemacht, den „Flaschenmoppel“ zum Reinigen von Flaschen, einen speziellen Dosenöffner und eine Methode zur Energiegewinnung aus Wasser. Es sind eigentlich Nebenprodukte meines größeren Projekts.

Standplatz: vor dem Pflanzen Kölle in Lochhausen

Ladislav Dieti an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Ladislav Dieti an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Ich möchte nicht wie ein Miesepeter erscheinen, doch ehrlich gesagt bin ich von meinem Seelenzustand her ein bisschen negativ eingestellt, seit ich behindert bin. Ich wünsche, es wäre anders. Vor zwei Jahren erlitt ich einen Schlaganfall, ich war damals sechzig Jahre alt. Seitdem bin ich linksseitig gelähmt und habe Schwierigkeiten, beim Gehen und Stehen das Gleichgewicht zu halten.

Leute, die mich beobachten, glauben sicher, ich sei stockbesoffen. Dabei habe ich nie getrunken. Das wäre in meinem früheren Beruf als Chauffeur gar nicht gegangen. Von 1980 bis 2005 arbeitete ich tagsüber mit Anzug und Krawatte als Fahrer des Vorstands einer Bank, abends fuhr ich Taxi. Ich saß sieben Tage die Woche sechzehn oder siebzehn Stunden am Steuer. Viel Stress, wenig Schlaf.

Wenn ich heute mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin, erlebe ich, dass auf Behinderte keine Rücksicht genommen wird. Neulich machte ein Trambahnfahrer die Tür vor meiner Nase zu, als ich drei Meter vor ihm stand, und die Busfahrer fahren so ruckartig, dass ich schon mehrmals im Bus gefallen bin. So zu fahren ist, denke ich, keine Frage des Könnens, sondern Charaktersache. Auf den Plätzen für Behinderte sitzen oft junge Leute, die mit Kopfhörern Musik hören und mit ihren Handys spielen. Keiner steht auf, um mir einen Platz anzubieten. Aber ich sage nichts.

Seit der Reha bin ich mindestens zehnmal auf der Straße gestürzt. Niemand hat mir geholfen. Ich weiß, dass jeder seine eigenen Probleme hat, dennoch bin ich von der Gesellschaft enttäuscht. Als der Schlaganfall kam, war ich leider nicht krankenversichert. Das brachte mich in große finanzielle Schwierigkeiten. Bei BISS kann ich trotz meiner Behinderung arbeiten und bin wieder kranken- und sozialversichert. Ich arbeite gern und würde mich nicht einmal freuen, wenn mir jemand eine vierzehntägige Urlaubsreise schenken würde.

Viele meiner Kunden sind hilfsbereit. Manchmal schaut mein Vorgänger Pietro Dorigo bei mir vorbei, der früher an diesem Platz die BISS verkauft hat und mittlerweile bei Pflanzen Kölle angestellt ist. Dann fachsimpeln wir über Fußball. Ich habe mein Leben lang gern Fußball gespielt, zuletzt in der sogenannten Grabsteinliga. In dieser Liga sind alle Spieler über fünfzig Jahre alt.

Standplatz: vor der Theatinerkirche

Veronika Lackenberger an ihrem Standplatz | Foto: Nikolas Fabian Kammerer

Veronika Lackenberger an ihrem Standplatz | Foto: Nikolas Fabian Kammerer

Manchmal hören mich die Leute laut über irgendwas schimpfen und später, wenn wir dann mal miteinander sprechen, sagen sie: „Komisch, Sie sind ja gar nicht so böse!“ Ich bin halt sehr spontan und sage meine Meinung. Vielleicht, weil ich Berlinerin bin. Viele Leute verstehen das falsch, und selber fällt einem das gar nicht so auf. Aber ich bin ruhiger geworden. Leider habe ich keine Ausbildung abgeschlossen. Ich habe zwar drei Jahre Waldhorn und Klavier am Musikkonservatorium studiert, aber das habe ich abgebrochen, weil ich zu große Prüfungsangst hatte. Diese Ausbildung war eh Unsinn, weil in den sechziger Jahren kein großes Orchester eine Frau genommen hätte.

Meine Eltern waren immer zu nachgiebig mit mir, einerseits. Andererseits nahmen sie mich so feste an die Kandare, dass ich überhaupt nicht selbstständig geworden bin. Als ich ausgezogen bin, bin ich erst mal voll auf die Schnauze gefallen. Später habe ich als Verkäuferin und in der Gastronomie gearbeitet. Fünfundzwanzig Jahre lang hatte ich ein schlimmes Alkoholproblem. Seit zwanzig Jahren trinke ich nicht mehr. Für den Entzug hatte ich immer ein kleines Fläschchen Schnaps und eine Kanne Kaffee bei mir, für den Kreislauf. Daran habe ich genippt, wenn die hellen Blitze in den Augen aufgetaucht sind, die sich so ähnlich anfühlen, wie wenn man eine spiegelnde Brille aufhat. Diese Blitze wurden immer schlimmer, wenn ich keinen Alkohol trank, bis ich den Entzug durchgestanden hatte.

Ich bin jetzt schon seit vierzehn Jahren bei BISS und habe sehr viele treue Stammkunden. Zweimal kamen Bekannte von Kundinnen zu mir, um mir deren Tod mitzuteilen. Das war natürlich sehr traurig. Ich arbeite gern in der Fußgängerzone. Ich könnte an keinem einsamen Platz stehen, da würde ich ausrasten. Früher hieß es mal, dass man ein besseres Geschäft macht, wenn man sich wie ein Penner anzieht. Das ist aber Quatsch. Keiner meiner Kollegen macht das. Ich kleide mich natürlich auch ein bisschen angepasst in dieser teuren Geschäftsstraße.

Standplatz: vor dem Pflanzen Kölle in Unterhaching

Eberhard Stephan an seinem Standplatz

Eberhard Stephan an seinem Standplatz | Foto: Nikolas Fabian Kammerer

Was glauben Sie, was mein Hund Windsor so alles zu fressen kriegt, seit ich hier die BISS verkaufe? Fünfzig Prozent der Leute kommen nur seinetwegen auf mich zu, manche bringen sogar eine Dose Futter für ihn mit. Ich kann meinen Hund nicht allein zu Hause lassen, er ist seit zwölf Jahren bei mir, also zeit seines Lebens. Ich bin seit einem dreiviertel Jahr bei BISS. Da ich nur eine kleine Rente bekomme, die zum Leben kaum reicht, habe ich eines Tages einfach einen BISS-Verkäufer angesprochen und ihn gefragt, wie man zur BISS kommt.

Ein paar Tage später war ich auch dabei. Meinen Verkaufsplatz habe ich eigenständig aufgetan, das heißt, es war eigentlich ein Tipp meiner Schwester, die gesagt hat, dass hier so viele Leute sind, gutes Publikum, Haute Volée. Es ist zwar umständlich für mich, hierherzukommen, erst mit dem Bus, dann mit der U-Bahn, dann noch einmal mit der S-Bahn und wieder mit dem Bus, insgesamt dauert das eine dreiviertel Stunde, aber es lohnt sich. Es gibt viele Pflanzenfreunde, die hier täglich ein und ausgehen, die kaufen immer mal wieder eine Blume, und viele freuen sich, dass sie hier nun auch die BISS bekommen. Ich genieße es, mich mit den Leuten zu unterhalten. Wenn man immer allein zu Hause sitzt, bekommt man nur Depressionen.

Manche Menschen hätten sicher Hemmungen, sich wie ich als “Bürger in sozialen Schwierigkeiten” zu erkennen zu geben, aber ich habe damit kein Problem. Meinen erlernten Beruf Teppichweber gibt es nicht mehr, deshalb habe ich bis zur Rente elf Jahre lang bei der Bahn gearbeitet. Ich habe im Speisewagen bedient und bin als Servicemann mit der Mini-Bar durch die Abteile gefahren. Finanziell stehe ich heute nicht so gut da, weil ich damals nicht so viel verdient habe. Als BISS-Verkäufer kann ich mir nun wieder leisten, worauf ich längere Zeit verzichten musste, zum Beispiel ein neues Paar Schuhe oder etwas zum Anziehen. Für den Winter, wenn es vor dem Pflanzengeschäft zu kalt wird, muss ich mich um einen anderen Verkaufsplatz bemühen, vielleicht in einem U-Bahnhof.

Standplatz: überall und nirgends

Michael Kropfhammer

BISS-Verkäufer Michael Kropfhammer verkauft überall und nirgends

Durch die vielen Kontakte beim BISS-Verkaufen hat sich mein Menschenbild geändert. Früher mochte ich eigentlich keine Menschen. Ich ging davon aus, dass alle so egoistisch sind, wie ich es war. Nun aber erlebe ich dauernd, dass viele Leute so eine Güte haben – was ich vorher nie geglaubt hätte. Ich verkaufe BISS nicht wie die meisten meiner Kollegen an einem festen Standplatz, sondern im Gehen an die Passanten.

Wegen einer schweren Krankheit muss ich Medikamente einnehmen, die mein Immunsystem schwächen, sodass ich schnell krank werde, wenn ich friere oder irgendwo stehe, wo es zieht. Daher bewege ich mich lieber. München kenne ich gut, schließlich habe ich immer hier gelebt und wandere jetzt seit eineinhalb Jahren durch die verschiedenen Stadtviertel. Ich mag München, manche Gegenden natürlich mehr als andere, die Au mit der Isar zum Beispiel oder auch Laim. In Haidhausen und in der Maxvorstadt sind die Leute recht locker und kaufen gut.

Die Leopoldstraße hingegen ist nicht so mein Ding – zu viele Menschen, das stresst mich, wie überhaupt so vieles. Ich bin nicht besonders belastbar, deshalb mag ich an meinem Job, dass ich relativ frei bin. Keiner sagt mir, wann ich wo zu sein habe. Aber gleichzeitig strengt mich die Arbeit auch sehr an: Ich möchte niemandem auf die Nerven gehen, keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen, aber um mein Geld zu verdienen, muss ich schließlich die Leute ansprechen. Die meisten reagieren positiv. Falls nicht, heißt es, die Zähne zusammenbeißen.

Standplatz: vor dem Amper Einkaufs Zentrum in Pullach

BISS-Verkäufer Udo Biesewski an seinem Standplatz vor dem Amper Einkaufs Zentrum in Pullach

BISS-Verkäufer Udo Biesewski an seinem Standplatz vor dem Amper Einkaufs Zentrum in Pullach

Als ich den Geschäftsführer des Amper Einkaufs Zentrums in Pullach das erste Mal fragte, ob ich vor seiner Filiale verkaufen dürfe, war dieser sehr skeptisch. Jetzt stehe ich dort schon seit eineinhalb Jahren immer freitags und samstags. Ich bin jemand, der fast alles mit dem Fahrrad bewältigt und immer auf der Suche nach neuen Standplätzen ist. So habe ich auch beim AEZ in Martinsried und vor dem neuen Bio-Markt in Solln weitere Verkaufsplätze gefunden.

Ich bin 48 Jahre alt und war 20 Jahre lang alkohol- und arbeitssüchtig. Das heißt, das ganze Leben drehte sich nur ums Trinken und Arbeiten. Ein Jahr war ich obdachlos. Heute bin ich weg vom Alkohol und habe eine schöne kleine Wohnung in Solln, in der ich mit meinen zwei Wellensittichen lebe. Dass ich seit neun Jahren trocken bin, habe ich geschafft, weil ich fast täglich im Club 29, einer Sucht- und Begegnungsstätte, bin, wo ich ehrenamtlich koche, mit der Gruppe zusammen esse und als Suchthelfer Ansprechpartner für andere Betroffene bin. Auch durch die kirchliche Jugendarbeit und die Rumänienhilfe habe ich viele soziale Kontakte.

Da ich weiß, wie das Leben auf der Straße ist, helfe ich gern Bettlern mit Kaffee und Brötchen und habe als eine Art freier Streetworker auch schon andere Suchtkranke in die Klinik gebracht. Leider hindern mich ab und zu mein Rheuma und eine Lungenkrankheit – Folge meiner Arbeit im Bergwerk –, mehr für BISS und andere zu tun. Auch Klavier spielen kann ich leider nur noch kurz. Aber ich mache das Beste aus allem, denn ich bin ein positiv eingestellter Mensch.