Die Straßenzeitschrift BISS wird professionell von Journalisten gemacht und hat vor allem soziale Themen zum Inhalt. Texte von BISS-Verkäufern werden im Rahmen der Schreibwerkstatt auf vier Seiten in jedem Heft veröffentlicht: Berichte vom Alltag am unteren Rand der Gesellschaft, erlebte und fiktive Geschichten, Gedanken. Die Schreibwerkstatt findet einmal wöchentlich unter Anleitung einer Journalistin statt. Die Beiträge geben die persönliche Meinung der Autoren, nicht die der Redaktion wieder.

Psychose

Ich möchte von einer Krankheit erzählen, die bei mir 1991 zum ersten Mal plötzlich und völlig unerwartet aufgetreten ist: der Psychose. Man wird total überrascht und erkennt die Realität nicht mehr. Man glaubt, dass das, was man sieht und hört, der Realität entspricht, doch dem ist nicht so. Andere sprechen einen darauf an: „Was ist los? Du bist komisch!“ Man führt zum Beispiel ein Gespräch und versteht etwas ganz anderes, als der andere sagt. Die Realität hat sich wirklich verrückt, verschoben. Bei mir brach diese Krankheit zweimal aus. Ich ging freiwillig in die Psychiatrie, weil es mir Angst machte. Dort bekam ich Medikamente, und es wurde nach und nach besser.

Während der Psychose sah ich Menschen, die mir nahestanden, als meine Schutzengel an. In meiner gewohnten Umgebung machte mir meine Krankheit Angst, doch in der Klinik empfand ich meinen Zustand als schön; ich fühlte mich stark und unangreifbar. Für eine sogenannte Kasuistik durfte ich vor Professoren und Ärzten in der Klinik über meine Krankheit sprechen. Die Tabletten unterdrücken die Symptome, sodass ich heute ein normales Leben führen kann. Mittlerweile bin ich seit sechzehn Jahren psychosefrei.

Laut meinem Doktor besteht die Gefahr eines neuen Ausbruchs, sobald ich Stress habe oder meine Lebensumstände sich ändern; doch ich habe keine Angst mehr davor, dass die Krankheit wieder ausbrechen könnte, denn heute weiß ich, damit umzugehen. Alle vier Wochen gehe ich zum Psychiater, der meine Medikamente kontrolliert und gegebenenfalls neu einstellt. Beim Hausarzt wird zusätzlich regelmäßig eine Blutkontrolle gemacht. Ich möchte jedem, der Komisches sieht oder hört, empfehlen, freiwillig in die Psychiatrie zu gehen, statt zu warten, bis man per richterlicher Verfügung eingewiesen wird. Zur Panik besteht kein Grund.

verrueckt@inter.net

Schon vor zwanzig Jahren habe ich angefangen, im Internet E-Mails zu verschicken. Das „Netz der Netze“ war damals noch ganz neu, und über die grässlich lahmen Modems hätte man nicht mal ein einfaches Foto senden können: Übertragungszeit mehrere Minuten! Die elektronische Post war damals als Werkzeug gedacht, um den Briefverkehr zwischen Universitäten, Firmen und öffentlichen Einrichtungen zu beschleunigen. Außerdem gab es schon bald Zugang zu Bibliothekskatalogen, wissenschaftlichen Datenbanken und allerlei Diskussionsforen.

Das Ganze war durchaus „cool“, aber im Vergleich mit den heutigen Multimedia-Angeboten doch recht trocken. E-Mail bleibt weiterhin die wichtigste Funktion im Netz, leider direkt gefolgt von Werbung, Werbung, Werbung. Um die unerwünschten Werbebriefe für Viagra-Pillen und betrügerische Geldanlagen kümmern sich immerhin automatische Filter. Aber auf vielen, vor allem den fernöstlichen Webseiten blinkt, flackert und scheppert es, dass mir nur noch das Motto dieser BISS-Ausgabe einfällt: verrückt. Fast möchte man Google, die sanfte Datenkrake, loben, da geht es ruhiger zu.

Was helfen mir aber 1,7 Millionen Fundstellen, wenn ich die Information in dieser Müllhalde, die mir der Datenbagger auf den Bildschirm schaufelt, beim besten Willen nicht finden kann? Ganz einfach, ich logge mich in mein soziales Netzwerk ein und singe dort meinen allerbesten Freunden das Klagelied vom doofen Internet. Oder ich lade mir die neuesten Videoclips herunter. Oder ich schaue mir Kochrezepte und Katzenfotos an. Schon wieder ist eine Stunde Bürozeit vergangen. Kurzarbeit? Bei uns doch nicht! So mutiert das Werkzeug zum Spielzeug, der Nutzen zum Nonsens. Das Internet ist heute bestimmt nützlicher denn je, nur muss man sich schon zusammenreißen, um nicht am Ende selber zu lallen wie ein Kleinkind: verrueckt@inter.net.

Carl-Wilhelm Sachse ist am 8. Juli 2010 verstorben.

Leise Helden

Sie haben keinen leichten Job: Sie müssen gewisse Regeln einhalten und die getroffenen Abmachungen erfüllen. Sie müssen ein gutes Durchhaltevermögen haben, müssen täglich an ihrem Platz stehen und warten können. Auch reden müssen sie können, noch wichtiger aber: zuhören. Sie müssen gut mit Menschen auskommen und kritisch sein, auch sich selbst gegenüber – all das über Jahre. Ja, sie müssen vieles lernen, und ein wenig Glück müssen sie auch haben. Eines aber haben sie schon mitgebracht: innere Stärke. Denn wenn sie die nicht hätten, hätten sie den Weg zu diesem Job gar nicht geschafft. Denn wer BISS verkauft, hat viel hinter sich. Wo man sie findet? Fast überall in der Stadt. Besonderes Kennzeichen: eine sichtbar getragene rot-weiße Karte mit einer dreistelligen Nummer.
Weitere Artikel aus der BISS-Schreibwerkstatt rund um das Thema “Münchner Helden” finden Sie auf den Seiten 16 und 17 in der Sommer-Ausgabe der BISS.

Monaco Franze

Früher gab es im Fernsehen die schönen Münchner Serien, die ich mit Leidenschaft verfolgte. Besonders die „Münchner Geschichten“ mit dem Tscharlie hatten es mir angetan. Dann kam „Monaco Franze, der ewige Stenz“, das übertraf alles.
Später, als ich SPD-Mitglied war, hatte ich ein tolles Erlebnis auf einer Wahlkampfveranstaltung in einem Bierzelt. Politgrößen wie Renate Schmidt waren angesagt und – mir verschlug es fast den Atem – auch Helmut Fischer, der an der Seite unseres geschätzten OB Ude herein- kam. Mein Herz schlug wie toll, ich verrenkte mir den Hals, um ihn zu sehen, und zerbiss mir die Lippen, bis er Autogramme gab. Endlich stand ich vor ihm, freundlich lächelnd gab er mir die Hand. „Guten Abend, Herr Fischer“, bekam ich nur heraus, obwohl ich ihm doch eigentlich auch sagen wollte, wie toll ich seine Filme fand. Er setzte seinen Namen unter sein Konterfei und gab es mir. Wie auf Wolken registrierte ich nur am Rande, dass ich vom OB Ude und von Renate Schmidt auch eines bekam. Manchmal sehe ich mir Helmut Fischers Denkmal an der Münchner Freiheit an.

Weitere Artikel aus der BISS-Schreibwerkstatt rund um das Thema “Münchner Helden” finden Sie auf den Seiten 16 und 17 in der Sommer-Ausgabe der BISS.

Ich protestiere!

Mein Bekannter, mit dem ich mich jeden Morgen zum Frühstück treffe, regt sich über Radiomusik auf. Seiner Meinung nach dienen die rhythmischen und schnellen Takte dazu, die Menschen zur Arbeit anzutreiben. Ich hingegen finde, Radio ist eine schöne Sache, es baut mich auf. Mein Problem ist der Föhn. Der drückt mir auf die Psyche, bereitet mir Kopfschmerzen und macht mich müde und faul. Dagegen müsste man protestieren! In Niederbayern, wo ich herkomme, gibt es keinen Föhn, da ging es mir gut. Mein Bekannter sagt: „Dann geh doch nach Niederbayern zurück!“

Jetzt wird viel gegen das Rauchen gewettert, aber ich sage: Was ist mit dem Autofahren? Dabei sterben täglich vielleicht mehr Menschen als durch Rauchen. Man muss das Autofahren ja nicht gleich völlig verbieten, aber einschränken sollte man es. Den Protest gegen das Rauchen finde ich einen Schmarrn. Schließlich wird schon seit Hunderten von Jahren geraucht, während es Autos damals noch gar nicht gab. Der Umwelt und den Menschen zuliebe sollte man das Auto am Wochenende in der Garage stehen lassen. Tabak ist ein Genussmittel, ihn zu verunglimpfen ist etwa so, wie wenn man gegen Bier wäre. Dieses war in Bayern früher ein Nahrungsmittel, heute nicht mehr, dazu ist es auch zu teuer geworden – schlimm genug. Protest! Protest!, liebe Leser. (Ich selber trinke übrigens nur Alkoholfreies.)

Weitere Artikel aus der BISS-Schreibwerkstatt rund um das Thema “Protest” finden Sie auf den Seiten 16 und 17 in der Juni-Ausgabe der BISS.

Protest

In den siebziger Jahren war ich viel auf Friedensdemos, wo wir uns gegen alle möglichen Ungerechtigkeiten in der Welt starkmachten. Ich war früher ein ganz anderer Mensch als heute und hatte auch ganz andere Meinungen. Als junger Mann wohnte ich zwei Jahre im Raum Duisburg und war dort mit Leuten aus der linken Szene befreundet, die in dem besetzten Bahnhof Duisburg-Hamborn lebten; das war damals eine Aktion gegen die Schließung des Bahnhofs.

Wir waren viel unterwegs und verteilten Flugblätter, zum Beispiel über soziales Wohnen und Arbeitsplatzabbau. Auch auf mehreren Anti-Atomkraft-Demos war ich mit meinen Freunden. Wir demonstrierten zum Beispiel 1977 mit einem lange vorausgeplanten Auto-Konvoi auf der Autobahn zwischen Duisburg und Kalkar gegen den Schnellen Brüter bei Kalkar. Heute würde ich das nicht mehr machen, weil ich kein Interesse mehr an so etwas habe, mir keinen Ärger einhandeln möchte und auch weil ich wegen der Arbeitsplätze gar nicht mehr so entschieden gegen Atomkraft bin.

Weitere Artikel aus der BISS-Schreibwerkstatt rund um das Thema “Protest” finden Sie auf den Seiten 16 und 17 in der Juni-Ausgabe der BISS.