VON USCHI GRASSL
Es war Mitte Februar vor zwei Jahren. Ich kam halb erfroren vom BISS-Verkaufen heim und wurde mit mehreren Miaus von meinem Kater Pauli begrüßt. Nachdem ich mich aus einem Wust von Kleidern geschält hatte, wollte ich mir ein Bad einlassen, als es an meiner Türe läutete. Mein Nachbar war draußen, und er erzählte mir von seinen Katzen. Ich kannte die zwei Katzen, ich sah sie immer an seinem Fenster sitzen. Er erzählte mir, dass er sie im Keller gefunden hatte. Die Mutter und ein lebendes Baby, daneben zwei tote. Die Mutter schrie immer wieder um Hilfe, darauf schaute er im Keller nach, was los sei. Mutter und Sohn einzufangen war ein schwieriges Unterfangen, denn sie lebte bestimmt schon länger auf der Straße und war verwildert. Der Nachbar bemerkte es, und ein paar Tage stellte er Futter und Wasser hin. Er legte auch Decken aus, damit es die beiden warm hatten. Bald entwickelte sich eine Freundschaft zwischen dem Mann und der Kätzin. Sie wusste die Zeiten, wann er kam, und wartete dann schon auf ihn. Langsam legte sie ihre Furcht ab. So kam es, dass er sie und ihr Junges bald in seine Wohnung nehmen konnte. Ja, und jetzt müsse er längere Zeit auf Kur, sagte er mir. Für die Kätzin war gesorgt, aber den Einjährigen wollte keiner. Er erzählte etwas von „Katzenklappe in Solln“. Ich sagte, dass ich ihn gern nehme, denn Pauli war nach dem Tod meiner Kätzin Jeannie doch sehr einsam. Ich wollte ihn dann ganz haben. Der Nachbar willigte ein. Er nahm meine Transportbox, und nach einer halben Stunde kam er mit einem jämmerlich schreienden Kater wieder. Der Kleine schoss aufgeregt durch die Küche und floh auf den Kleiderschrank, wo er zwei Tage lang sitzen blieb. Das Futter stellte ich in die Nähe. Er schrie zwei Stunden, dann legte sich die große Panik. Ich versuchte, ihn zu ignorieren, aber beobachtete ihn. Am nächsten Tag war das Futter leer und er noch immer oben. Oder schon wieder. Also neues Futter. Nach zwei Tagen zog er um. Er fand Platz hinter dem Wohnzimmerschrank, und ich stellte sein Futter in die Nähe. Vielleicht aß er, wenn ich weg war? So ging es eine Zeit. Eines Tages aber kam er zu unserem Ritual. Das geht so: Wenn ich abends vom Verkaufen komme, gibt es ein paar Leckerli. Und da war er auch dabei. Aber streicheln ließ er sich nicht, während Pauli sich seine Streicheleinheiten abholte. Mit Pauli verstand er sich immer besser und zeigte sich öfter. Er kam auch mit Pauli an die Futterstelle, die sich in der Küche befindet. Langsam gewöhnte er sich an seinen neuen Namen: Felix heißt „der Glückliche“, und das sollte er werden. In der Folgezeit suchte Felix auch meine Nähe und ließ sich streicheln. Das alles dauerte zwei Jahre. Bis heute ist Felix scheu. Wenn Besuch kommt, dann verkriecht er sich, und das Einfangen, wenn wir zum Tierarzt müssen, ist ein Drama. Ich hole dann sein Exherrchen. Felix fürchtet wahrscheinlich, wegzumüssen. Aber alles in allem hat sich der kleine Kater gut eingelebt. Zuweilen ist er auch ein wenig frech, und wie sein Kumpel Pauli ist er ein richtiger Gourmet geworden – und beide sind anhänglich wie Hunde.
VON ERCAN UZUN
Vor Kurzem bat mich der BISS-Vertriebsleiter, Herr Denninger, in sein Büro für ein Gespräch. Ich wusste zwar nicht, was ich angestellt hatte, aber bald stellte sich heraus, dass eigentlich eine Anerkennung meiner verkäuferischen Dienste folgte. Kurzum: Er zeigte mir die Statistik des Jahres 2012 mit der
Bemerkung: „The best Uzun ever“. Demnach war das vergangene Jahr das beste Verkaufsjahr bisher. Daher bot er mir eine empfindliche Erhöhung meiner Verkaufszahl, einhergehend mit einer Anhebung meines Lohns, an. Ich unterschrieb die Vereinbarung, wohl wissend, es in Zukunft nicht leichter zu haben. Steigen meine Einkünfte als Haushaltsvorstand und Hauptverdiener in der Familie, werden die Leistungen des Staates weiter heruntergefahren, wenn überhaupt noch welche kommen. Die Hartz-IV-Aufstocker-Zahlungen sind bereits seit Ende 2010 eingestellt und Wohngeld beziehungsweise Kinderzuschlag werden stattdessen gezahlt. Aber die zuständigen Behörden sind derart überlastet, dass sie nach jeder Veränderung der Einkommensverhältnisse eine Ewigkeit brauchen, bis die Höhe der Gelder feststeht. So ist das Einkommen meines ältesten Sohnes, der jetzt das erste Lehrjahr bei einer Konditorei in Neuried absolviert, über einen Zeitraum von drei Monaten nicht in deren Berechnung mit eingeflossen. Allein die Zahlung wurde gestoppt. Mein Sohn indes gibt zwar einen Teil seiner Vergütung zu Hause ab, holt sie aber durch tägliche Taschengelder und andere Aufwendungen für immer wiederkehrende Wochenendpartys zurück. Aber ich bin froh, dass er weiter am Ball bleibt in seiner Lehre und schon die Probezeit überstanden hat. Wenn ich daran denke, dass er der Erste ist und noch drei weitere ihren Weg gehen müssen, werde ich trübsinnig. Dennoch stelle ich mich der neuen Herausforderung, die zwischen Herrn Denninger und mir einvernehmlich zustande kam, und hoffe, dass meine Frau, die ich in den letzten Jahren durch immer wieder geäußerte kakophone Bemerkungen mental runterzog, bald auch einen Beitrag zum Familieneinkommen leisten kann. Dann würden wir vollends auf eigenen Beinen stehen.
Von Stefan Csizmadia
Ich brauche die Augen nicht einmal zu schließen und kann alles sehen, mich erinnern an den Tag, als sie kamen. Ich war damals zehn Jahre alt, aufgewachsen in einem kleinen westslowakischen Dorf mit etwa 850 Einwohnern, nahe der Donau, neben dem zweitgrößten Fluss in der Slowakei, der Váh. Die nächste Stadt war nur drei Kilometer von uns entfernt, ich konnte mit bloßem Auge die Hochhäuser und die Dächer der anderen Häuser sehen. Der Fluss war nur 400 bis 500 Meter entfernt vom Haus unserer Familie, dort habe ich schwimmen und angeln gelernt. Neben dem Fluss haben wir Fußball gespielt und im Winter Eishockey. Heute sieht der Ort aus wie alle anderen. Nach der Modernisierung in den 70er-Jahren haben die Dörfer im Grunde genommen ihre Identität verloren. Es waren Schulferien bei uns, ein schöner, warmer Sommer damals. Am Abend war ich müde vom Spielen mit den anderen Kindern und bin ins Bett gegangen. In der tiefen Nacht bin ich wach geworden, mein Bett wackelte wie bei einem Erdbeben, auch die Fenster und das ganze Haus wackelten. Ich ging aus meinem Zimmer, um bei meiner Mutter nachzufragen, aber die habe ich erst auf der Straße vor dem Haus gefunden, wo sie stand und nach oben schaute. Es war das laute Rauschen von starken Motoren zu hören, endlos viele Flugzeuge sind geflogen, und das so niedrig, dass ich die Nummern der Maschinen ablesen konnte – dabei waren sie nicht einmal beleuchtet. Die Beleuchtung der Hauptstraße, die durch die Mitte des Dorfes führt und es mit anderen Dörfern und Städten verbindet, war aus. Überall die Dunkelheit, das einzige Licht waren die Sterne. Meine Mutter hat mich reingeschickt. Sie selbst ist auch mitgegangen und hat gesagt: „Bleib ruhig und mach das Licht nicht an, weil die schießen auf uns – die Russen sind da!“ Ich war schockiert und wortlos. Warum sollten die auf uns schießen? Wir haben doch nichts gemacht. Wir konnten bis zum Morgen nicht schlafen. Alle Türen und Fenster waren verriegelt, erst im Morgenlicht sind die Nachbarn rübergekommen und haben heiße Debatten geführt. Das Dorf hat sich zu neuem Leben geregt. Es war immer noch das laute Motorenrauschen zu hören von der Hauptstraße, oben sind Flugzeuge geflogen, wir waren besetzt, innerhalb einer Nacht.
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VON WOLFGANG URBAN
Heute hier, morgen dort Und schon muss ich weg aus Hamburg. Die Autobahneinfahrt ist voller Tramper. Das kann ja heiter werden. Aber Zeit habe ich genug, und so nehme ich meinen Standplatz ein – direkt an der Auffahrt zur Autobahn. Auto für Auto fährt an mir vorbei. Viele Tramper kommen vor mir weg, aber für jeden kommt ein neuer nach. Nach langer Zeit des Wartens sehe ich ein Wohnmobil, das in die Autobahneinfahrt fährt. Es hält beim ersten Tramper an: Er steigt nicht ein. Dann hält es bei den anderen, bis es endlich zu mir kommt. Der Fahrer ist ein älterer Herr – aber für mich ist damals jeder über 30 Jahre steinalt. Er öffnet die Autotür und bietet mir an, ein Stück mitzufahren. Er sagt mir, er führe in gemütlichem Tempo, darum wolle keiner mitfahren. Ich steige ein, schließlich will ich ja einfach nur weg aus Hamburg. Das Gefährt ist ein umgebauter Zirkuswagen mit einer kleinen Terrasse. Der Fahrer schlägt vor, dass wir uns beim Vornamen nennen. Schon nach kurzer Zeit stellt sich ein vertrauensvolles Verhältnis ein – wir reden über Gott und die Welt, auch persönliche Dinge, als würden wir uns schon ewig kennen. Nach geraumer Zeit hält er an einem Rastplatz und bereitet uns köstlichen ostfriesischen Tee mit Kandis zu. Auf der Terrasse des Wohnmobils sitzend, verbringen wir die Zeit mit angenehmen Gesprächen. Nach einiger Zeit fahren wir wieder weiter. Eine Stunde vergeht, dann kommt die Zeit des Abschieds. Der Fahrer nimmt jetzt eine andere Strecke, und ich muss aussteigen, um Richtung München zu reisen. Am neuen Abfahrtsort bietet sich mir dasselbe Bild: alles voller Tramper. Nach einiger Zeit fährt ein Traum von einem Auto auf die Autobahneinfahrt zu: ein alter Cadillac. Ein tolles Auto – aber warum stieg keiner vor mir in das Auto ein? Der Fahrer hält nur bei den wartenden Frauen. Schließlich stoppt der Wagen vor mir. Der Fahrer öffnet das Fenster und fragt, wohin ich will. Ich sage: „Richtung München“, und er sagt, seine Richtung sei Regensburg. Als ich den Fahrer sehe, weiß ich gleich, warum alle Frauen die Mitfahrgelegenheit abgelehnt haben: Er ist ein ungepflegter, unrasierter Wicht. Ich steige trotzdem ein – es ist schließlich ein Cadillac. Nach einiger Zeit merke ich, wie unsympathisch mir der Fahrer ist. Er redet, ich höre zu. Ich mag ihn von Minute zu Minute weniger. Nach langer Zeit hält er an einer Tankstelle, angeblich, um auf die Toilette zu gehen. Es wird schon dunkel. Zu meiner Verwunderung kommt er mit einer jungen Frau zurück und sagt: „Die fährt jetzt mit.“ Ich muss nun hinten Platz nehmen. Schon nach kurzer Zeit werden die beiden vor mir intim. Der Fahrer hält nun an einem Parkplatz mitten in der Pampa an und sagt, er wolle mit der Frau in ein Hotel. Kurz gesagt: Er schmeißt mich raus. Da stehe ich nun, an einem unbeleuchteten Parkplatz. Die Autobahn nach Regensburg war damals noch einspurig. Ich gehe nun am Autobahnrand zurück zur Abzweigung Richtung München. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wo ich bin. Nach einiger Zeit hält plötzlich ein Auto neben mir. Der Fahrer des Wagens fragt mich, was passiert sei. Ich schildere mein Problem, zum Glück ist sein Ziel München. Er bietet mir an, mich mitzunehmen. Nach einigen Stunden lande ich glücklich und wohlbehalten in München. Einige Tage später gehe ich abends in den „Europa-Saal“ der Hauptbahnhof-Gaststätte. Alles voller Nachtschwärmer. Was sehen meine überraschten Augen? Da sitzt er, unrasiert und übermächtig: der Fahrer des Cadillac! Ich nehme bei ihm Platz, und er kommt endlich mit der Wahrheit raus: Es war nicht sein Auto, mit dem er unterwegs war. Und die Frau hat sein ganzes Bargeld geklaut. Er fragt mich, ob ich ihm hundert Euro pumpen könnte. Ich zahle seine Zeche, aber mehr ist nicht drin. Schadenfreudig verabschiede ich mich.
VON DIRK SCHUCHARDT
Als ich im Sommer 2012 gefragt wurde, ob ich dieses Jahr zum Homeless-World-Cup nach Mexico City mit möchte,habe ich mit Freuden zugesagt – war ich doch noch nie auf dem amerikanischen Kontinent. Am 11. Oktober 2012 ging es los: Wir – Frank Schmidt und ich – flogen über Madrid nach Mexico City. Nachdem wir im Hotel eingecheckt hatten, fuhren wir mit dem Taxi zum Turnierort, um uns erst mal einen Überblick über den Stand der Spiele zu verschaffen, die bereits seit dem 8. Oktober liefen. Nachdem wir eine Weile zugeschaut hatten, entschlossen wir uns, diese unglaublich riesige Stadt zu erkunden. Mexico City ist ja die größte Stadt der Welt mit circa 21 Millionen Menschen. Wir haben uns einige Sehenswürdigkeiten reingezogen und eine Ausgrabungsstätte besucht. Danach ging es langsam auf den Abend zu und wir ziemlich müde ins Hotelzimmer. Am Samstag fuhren wir dann per Bus zu den Aztekenpyramiden, die etwa 50 Kilometer von Mexico City entfernt sind. So eine Pyramide zu besteigen ist schon ziemlich anstrengend. Dafür wird man dann oben mit einem atemberaubenden Ausblick belohnt. Nachdem wir am Fuße der Sonnenpyramide noch ein paar Souvenirs gekauft hatten (natürlich nicht ohne mit den Händlern verbissen um den Preis zu streiten), fuhren wir wieder zur Stadt zurück.
Am Sonntag widmeten wir uns überwiegend dem Turnier. Die Stimmung dort war absolut super, sogar die La-Ola-Welle lief durch die Zuschauer. Während die Finalspiele liefen, sprach ich mit einigen Spielern der deutschen Nationalmannschaft, die im Übrigen Platz 35 von 64 Mannschaften belegte. Von den Spielern erfuhr ich leider, dass noch nicht einmal genügend Geld da war, um mit allen Spielern anreisen zu können (acht Mann pro Team). Zwei mussten zu Hause bleiben. Ich frag mich wirklich, wie so etwas sein kann! Selbst Nationen wie Äthiopien hatten genug Geld für die Reise und Unterkunft ihrer Spieler. Die Endspiele bestritten bei den Frauen Mexiko gegen Brasilien (Sieger Mexiko) und bei den Männern Mexiko gegen Chile (Sieger Chile). Am Montag flogen wir dann weiter nach Acapulco zur Erholung. Unser Hotel lag mitten in der Bucht und hatte einen absoluten Traumstrand. Sommer, Sonne, Sand und Meer, hübsche Frauen, was will man mehr? All inclusive noch dazu, hier find ich meine Ruh, doch vier Tage sind schnell vorbei, noch neue Geschenke im Rucksack dabei, geht es wieder nach München zurück, was für ein Glück, jetzt steh ich wieder am alten Ort und sage nur mit einem Wort, wie die Reise für mich gewesen sei: Einfach geil!
VON JACKY JAKOBS
Seit zehn Jahren bin ich fest angestellt bei der BISS. Ich verkaufe das Magazin am Rosenheimer Platz. Da stehe ich viermal bis fünfmal die Woche. Ich verkaufe auch woanders meine BISS-Ausgaben, in Pizzerias und Cafés, und gerade das fällt mir durch meine Gehprobleme sehr schwer. Für all diese Mühen über zehn Jahre habe ich von der BISS eine Prämie bekommen: 1000 Euro. Ich habe mich total gefreut! Weil ich kurz zuvor meine Wohnung renoviert hatte, kam mir das Geld sehr gelegen. Oder besser gesagt: käme. Denn für die Prämie musste ich Steuern zahlen. Ich dachte, dass das vielleicht 150 oder 200 Euro sind. Aber da war ich schiefgewickelt! Denn als die Abrechnung kam, fiel ich aus allen Wolken: Es wurden 420 Euro von den 1000 Euro abgezogen. 42 Prozent! Da frage ich mich: Wer wird denn eigentlich belohnt? Der Staat – oder ich? Vor zehn Jahren habe ich mich extra fest anstellen lassen, damit der Staat nicht für mich aufkommen muss. Und ich musste mir mein Gehalt sehr hart erarbeiten. Ich bin behindert und kann nur sehr schlecht laufen. Ich frage mich, ob Merkel und Co. es wirklich so nötig haben: Müssen sie den kleinen Mann so schröpfen, dass ihm Hören und Sehen vergeht? Ich werde weiter meinen Job machen, auch die nächsten zehn Jahre. Dann bekomme ich wieder eine Prämie – und wenn ich die mit der von diesem Jahr zusammenrechne, komme ich endlich auf die 1000 Euro, die ich ohne Steuern jetzt schon hätte. Ich weiß nicht, ob die Staatsbeamten diesen Artikel lesen, aber ich hoffe, dass sie merken, was sie dem kleinen Mann alles antun.
Ich stehe wieder einmal an meinem Verkaufsplatz am Sendlinger Tor im U-Bahn-Sperrengeschoss und biete die BISS feil. Es ist gegen Monatsende, der Verkauf dümpelt so vor sich hin. Das sind gute Voraussetzungen, um mir meine Probleme durch den Kopf gehen zu lassen. Und es gibt immer genug Stoff zum Grübeln. Ich lebe nicht für mich allein. Außer mir selbst bieten obendrein meine Frau und meine vier Kinder Nahrung zum Nachdenken.
Meistens gehen mir Sachen durch den Kopf, die mit der unmittelbaren Gegenwart nichts zu tun haben. Zum Beispiel denke ich im Sommer an den nächsten Winter oder an den Termin beim Zahnarzt, obwohl der erst in vier Wochen ist. Meistens kehren die Gedanken alle paar Momente zurück. Dann versuche ich diese durch musikalische Ohrwürmer zu unterdrücken. Solange ich irgendwelche Lieder im Hirn abspiele und manchmal sogar auf den Lippen, gewinne ich etwas Abstand vom ewigen Sinnieren.
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Soweit es die finanzielle Situation erlaubt, verbringe ich alle zwei Jahre einen Urlaub in der Türkei, meiner ursprünglichen Heimat. Dabei fallen mir jedes Mal die Unterschiede zum Leben in Deutschland auf. Zum Beispiel, dass meine Landsleute den Patriotismus intensiver leben, als es die Deutschen tun. So wird bei jedem einfachen Fußball-Ligaspiel die Nationalhymne angestimmt. Und auch die Schüler singen zu Beginn und zum Ende jeder Schulwoche den Unabhängigkeitsmarsch. Schon in der Grundschule wird den Kindern die Bedeutung Mustafa Kemal Atatürks für das Mutterland eingetrichtert. An seinem Todestag am 10. November steht jedes Jahr um 9.05 Uhr das öffentliche Leben still. Die türkischen Pennäler tragen Schuluniformen, um die sozialen Unterschiede zu kaschieren. Diese sind in der Türkei noch stärker ausgeprägt als in Deutschland. Einen Mittelstand, wie wir ihn hierzulande kennen, gibt es nicht.
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