Die Straßenzeitschrift BISS wird professionell von Journalisten gemacht und hat vor allem soziale Themen zum Inhalt. Texte von BISS-Verkäufern werden im Rahmen der Schreibwerkstatt auf vier Seiten in jedem Heft veröffentlicht: Berichte vom Alltag am unteren Rand der Gesellschaft, erlebte und fiktive Geschichten, Gedanken. Die Schreibwerkstatt findet einmal wöchentlich unter Anleitung einer Journalistin statt. Die Beiträge geben die persönliche Meinung der Autoren, nicht die der Redaktion wieder.

Kein Faschingsmuffel

Zirka 1980 war ein Fasching nach meinem Geschmack. Ich war 20 Jahre alt und verkleidete mich als Frau. Das war sehr aufregend für meine Freunde. Die Seidenstrümpfe, die ich anhatte, waren zum Schluss total zerrissen, denn meine Freunde machten sich einen Spaß, daran herumzuzupfen und mich zu begrapschen. Leider gibt es in Bayern keine Faschingshochburgen so wie im Rheinland.

Ein anderes Mal ging ich als Mufti, mit einem original weißen Turban, den ich aus dem Marokko-Urlaub mitgebracht hatte. Ich sah aus, als hätte ich eine Kopfverletzung. Was ich dieses Jahr mache, weiß ich noch nicht. Gott sei Dank bin ich kein Faschingsmuffel. Man kann mich für alles haben. Einst war ich an einem Faschingsdienstag bei der Beerdigung des Faschings dabei, in einem Dorf im Wald in Niederbayern.

Als um 24 Uhr der Fasching zu Ende ging, hat sich einer in eine sargähnliche Holzkiste gelegt, die wurde geschlossen, und damit war der Fasching vorbei. Ein anderes Mal war ich mit einem Freund in einem Wirtshaus am Viktualienmarkt. Da kam eine Dame, sehr elegant, mit der wir uns unterhielten und die uns anflirtete. Das kommt selten vor und war recht schön. Bis wir feststellten, dass es ein Mann war.

Der Pierrot

Janinas Urlaub war zu Ende. Erholt und guter Laune näherte sie sich ihrem Geschäft, einem Trödelladen, in einer belebten Straße einer großen Stadt. Da bemerkte sie, dass sich vor ihrem Schaufenster ein als Pierrot verkleideter Mann aufgebaut hatte. Sobald ein Passant Geld in die vor ihm stehende Büchse warf, machte er lächelnd eine höfische Verbeugung. “So ist das also”, dachte sie. “Von mir kriegst du nichts.” Aber sie grüßte den Mann freundlich, während sie ihren Laden aufschloss. Wie automatisch verneigte er sich sogleich vor ihr, obwohl sie ihm keinen Cent gegeben hatte. “Ein verrückter Kerl”, dachte sie und betrat kopfschüttelnd ihren orientalisch anmutenden Laden, in dem die Sachen bunt durcheinanderstanden.

Sie hatte auch eine Angestellte, die aber momentan noch im Urlaub war. Bald kamen die ersten Kunden und sie vergaß den Mann. Doch von nun an wiederholte sich jeden Morgen das gleiche Spiel: das Lächeln und die Verbeugung. Bald grüßte Janina ihn nicht mehr freundlich. Sie begann, den Typen zu hassen. Das unnatürliche Gesicht, das übertriebene Gehabe, die Undurchsichtigkeit seiner Maske. Sie bekam schon ein flaues Gefühl in der Magengegend, wenn sie ihn nur sah. Was wollte er von ihr? Sie sehnte sich nach dem Tag, an dem ihre Angestellte zurückkommen würde, dann wäre sie wenigstens nicht mehr allein, denn der Pierrot machte ihr Angst. Und endlich war der Tag da. “Sag mal”, fragte sie, “der Mann da draußen, verbeugt der sich vor dir auch so?” “Nein”, gab diese zur Antwort, “sollte er denn?” Janina zuckte die Schultern. Kunden kamen und wollten bedient werden. Am nächsten Morgen, als der Pierrot wieder sein Spielchen machte, schrie Janina ihn unbeherrscht an: “Was willst du von mir? Geh weg, ich kann dich nicht mehr sehen!” Der Mann sagte nichts darauf.

Als sie am nächsten Morgen wieder ihren Laden aufschloss, grüßte er sie nicht. Auch nicht die Tage darauf und überhaupt gar nicht mehr. Er schaute sie nicht einmal an. “Das hat gewirkt”, dachte Janina zufrieden. Da sah sie durchs Fenster zufällig, wie er jetzt seine typische Verbeugung vor ihrer Angestellten machte, die daraufhin mit einem seltsamen Lächeln an ihre Arbeit ging. Misstrauisch beobachtete Janina dieses Geschehen nun jeden Morgen, die übertrieben ehrfurchtsvolle Verbeugung des Mannes, das Lächeln der Frau. Obwohl Janina ein freundschaftliches Verhältnis mit ihrer Mitarbeiterin pflegte, zog sie sich nun von ihr zurück. Eines Tages kündigte sie ihr. Als der Pierrot merkte, dass die Mitarbeiterin nicht mehr da war, kam auch er nicht mehr.

Weihnachten

Der Weihnachtsbaum wird von meinem Enkel ausgesucht, und das sehr genau. Er muss eine schöne Spitze haben, gespreizte Äste, und der untere Bereich soll breit auseinandergehen. Mit etwas Kraft wird der Baum nach Hause getragen, wo er in einen Christbaumständer eingebaut wird. Mit Elan wird er von meiner Lebensgefährtin und deren Tochter geschmückt. Die Spitze kommt am Schluss dran. Da wird es dann schon langsam Abend.

Vor der Bescherung gibt es Würstchen zum Essen: Wiener, Kalbs- und Wollwürste. Dann werden die Kinder ins Kinderzimmer geschickt und die Geschenke unter den Weihnachtsbaum gelegt. Mit einer Glocke holen wir die hübsch hergerichteten Kleinen wieder zum Weihnachtsbaum. Dann wird fleißig das Weihnachtspapier zerrissen und mit großen Augen werden die Geschenke bewundert. Mit Spielen und Reden der Erwachsenen geht der Abend zu Ende.

Der Herbst ist da

Die Tage sind kühler und kürzer geworden. Die Bäume haben ihre Blätter bunt gefärbt, als ob sie noch einmal all ihre Schönheit zeigen wollten, bevor der Wind sie kahl fegt. Die neue Wintermode in gedeckten Farben lässt die Schaufenster trist erscheinen.

Als Kind habe ich um diese Jahreszeit immer Kastanien und Eicheln gesammelt, aus denen wir in der Familie dann Tierfiguren bastelten. Wir trockneten damals auch Strohblumen, um damit das Wohnzimmer zu schmücken. Oft gab es Kürbissuppe und -gemüse. Später, im Internat, mussten wir Kinder auf die Kartoffelfelder zum Ernten, denn das Internat besaß riesige Ländereien. Vom Rübenziehen blieben wir Mädchen verschont, aber die Jungs mussten ran.

Als ich dann in München wohnte, zog es mich im Herbst ins Gebirge. Ich erinnere mich gut an die Brecherspitz. Dieser Berg in der Nähe des Schliersees war eine Herausforderung für mich. Als ich ihn das erste Mal bestieg, ging ich an der Almhütte vorbei und dann über das Schotterfeld bis hinauf zum Gipfel. Die Häuser und der Schliersee unten im Tal sahen von da oben ganz klein aus. In mir war ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Noch nie hatte ich die Freiheit so intensiv gefühlt.

Als ich Jahre danach noch einmal mit meinen Kindern auf der Brecherspitz war, hatte ich schon Asthma. Was früher leicht war, war plötzlich beschwerlich. Ich brauchte viele Pausen, den Gipfel erreichte ich nicht mehr. Ich freute mich, überhaupt bis zur Hütte gekommen zu sein. Besonders schön sehen die Wiesen im Herbst aus, wenn die Herbstzeitlosen blühen. Auf den Friedhöfen bereiten die Menschen jetzt schon die Gräber für den Winter vor. Krähen kommen in die Stadt, um Nahrung zu finden. Bald geht das Jahr zu Ende.

Einmal Budapest und zurück

Eine Kundin, die Mitglied bei den Maltesern ist, hat dafür gesorgt, dass ich im vergangenen Juli an einem viertägigen Ausflug teilnehmen konnte. Wir waren siebzig Behinderte, etwa dreißig Helfer – alle Mitglieder der Malteser – und eine Ärztin. Wir übernachteten in einem wunderschönen behindertengerechten Gasthof im Burgenland und machten von dort aus Tagesausflüge nach Wien, Budapest und St. Margarethen. Da wir so viele Rollstuhlfahrer waren, konnten wir leider fast nie aus dem Bus aussteigen. Es wäre zu aufwendig gewesen, uns alle jedes Mal wieder von den Sitzplätzen im Bus in die Rollstühle zu heben. Wien und Budapest habe ich deshalb nur durchs Busfenster gesehen. Lediglich am Prater durften wir endlich mal alle raus und Riesenrad fahren.

Mittags brachten uns die Helfer Wienerwürstchen und Brote in den Bus, die wir an den ausklappbaren Tischen aßen. Richtiges Essen gab es dann abends in unserem Gasthof. Meine Kundin hat sich die ganze Reise über sehr nett um mich gekümmert und einen Fahrdienst organisiert, der mich von zu Hause abgeholt und nach der Tour auch wieder in meine Wohnung zurückgebracht hat. Sie ist Ungarin. Bevor der Stadtführer in Budapest zu uns in den Bus stieg, erzählte sie uns manches über die ungarische Geschichte, was ich viel besser fand als das runtergeleierte Standardprogramm des professionellen Touristenführers.

In St. Margarethen sahen wir uns ein Passionsspiel an, das in einem großen Steinbruch aufgeführt wird. Ich dachte erst: „Oh Gott, was wird das jetzt sein?“ Doch es war ganz gut. Es dauerte den ganzen Nachmittag, vier oder fünf Stunden. Mit meinen dreiundvierzig Jahren war ich der Zweitjüngste auf der Reise, die meisten waren schon sechzig, siebzig oder achtzig. Meinen Zimmernachbarn fand ich irgendwie cool, obwohl er schon sechzig Jahre alt ist, einen Schlaganfall hatte und an Parkinson leidet.

Aber am allerbesten gefiel mir eine der hübschen Helferinnen. Leider hat sie mir ihre Telefonnummer nicht gegeben. Bei der nächsten Reise mit den Maltesern, die nach Rom geht, werde ich auf dem Zettel zur Anmeldung „im eigenen Rollstuhl bleiben“ ankreuzen, sodass ich öfter aus dem Bus rauskann.

Der verrückte Schwan

Tiere sind etwas Wunderbares. Da ich oft zur Isar gehe, um Ruhe und frische Luft zu tanken, bekomme ich viel von der Natur mit. Auch habe ich im Laufe der Jahre gemerkt, dass das kalte Isarwasser offenbar gut gegen mein Rheuma ist. Als ich im Sommer 2009 unterhalb der Großhesseloher Brücke an der Isar lag, rannten da viele Enten und ein Schwan herum. Ich breitete meine Decke aus, machte mein Radio an und frühstückte erst mal: mit Kaffee, Kuchen und Semmeln.

Die Semmeln teilte ich mit den Enten und dem Schwan. Als alles weg war, zeigte ich den Vögeln meine leeren Hände und den leeren Beutel, in dem die Semmeln gewesen waren, woraufhin die Enten langsam in die Isar watschelten, nur der verrückte Schwan wollte mehr. Er kam auf meine Decke und setzte sich genau vor mich. Das ging mir dann doch zu weit, denn es blieben schon andere Badegäste stehen, die belustigt ihr Handy zogen und Fotos machten. Ich zeigte dem Schwan noch einmal meinen leeren Rucksack und den leeren Beutel. Ja, verdammt, ich hatte nichts mehr! Doch der blickte mich nur treu an und blieb einfach sitzen. Mit Müh und Not schob ich ihn dann von der Decke, doch das störte ihn wenig.

Als ich ins Wasser ging, schwamm er neben mir her. So ging das den ganzen Nachmittag, bis ich abends zusammenpackte, um mich auf den Heimweg zu machen. Der Schwan schaute mir zu. Als ich dann mit meinem Fahrrad losfuhr, begann er ein großes Theater mit Zischen und Pfeifen und rannte hinter mir her. Ich nahm den Weg unten am Ufer Richtung Flaucherbrücke – das sind fast vier Kilometer! – und der Schwan blieb die ganze Strecke hinter mir. Er wollte unbedingt mit mir mit. Nur über die Brücke traute er sich nicht, mir zu folgen. Als ich auf der anderen Seite der Isar war, hielt ich noch einmal an und sah zurück. Er saß traurig blickend am anderen Ufer und ich sagte tschüss. Ich habe den Schwan seitdem nie wiedergesehen.

Munich – no way out

Foto des BISS-Verkäufers Ercan Uzun, aufgenommen in der Goethestraße

Foto des BISS-Verkäufers Ercan Uzun, aufgenommen in der Goethestraße

Ich bin in München geboren, in München aufgewachsen und in München durch alle möglichen Hochs und Tiefs gegangen. Meine Kindheit und Jugend habe ich überwiegend in Solln gelebt. Mein Vater war einer der ersten Gastarbeiter, der hier eine befristete Zeit leben und arbeiten wollte, um dann in die Türkei zurückzukehren. Er und meine Mutter haben die Rückkehr realisiert. Auch mein jüngster Bruder ist mit meinen Eltern in die Türkei gegangen. Mein anderer Bruder und ich blieben in München. Uns stellte sich die Frage einer “Rückkehr in die Heimat” kaum. Für uns wäre das eine Auswanderung. Wir haben München lieb gewonnen.

Für meine Kinder, die zwar verhältnismäßig gut Türkisch sprechen, wird sich die Option einer “Rückkehr in die Heimat” noch weniger anbieten. Meine Frau lebt mittlerweile gern in München, da auch viele ihrer Verwandten und Angehörigen hier weilen. Allerdings wird langfristig ihr Ziel sein, unseren Lebensabend in der Türkei einzurichten. Ich habe in München Mittersendling eine kurze Zeit ein Junggesellendasein gefristet. Dorthin zog auch meine Frau nach unserer Heirat im Jahr 1994. Nicht viel später zogen wir dann nach Parkstadt Solln, wo wir heute noch sind.

In München habe ich größtenteils meine Schulbildung genossen, zuletzt auf dem Asam-Gymnasium in Giesing. Wenn wir in den türkischen Geschäften in der Goethestraße unsere Wocheneinkäufe tätigen, fühlen wir uns wie in der Türkei. Ein ähnliches Feeling kommt auf, wenn wir Männer am Wochenende bei einem Gläschen Tee die Fußball-Übertragungen der Super Lig verfolgen oder bei den Autocorsos auf der Leopoldstraße, wie als die Türkei 2002 WM-Dritter und 2008 Halbfinalist in der EM wurde. Alle hatten eine Halbmondfahne in der Hand und schrien “Türkiye! Türkiye!” Gleichermaßen merke ich auch den Deutschen in mir, wenn es um hiesige Interessen geht, etwa die Vergabe der Olympischen Winterspiele, die dieser Tage entschieden werden soll. Da wünsche ich München viel Glück.

Mein Stachus

BISS-Verkäufer Marco Veneruso hat dieses Foto im Stachus-Untergeschoss gemacht

BISS-Verkäufer Marco Veneruso hat dieses Foto im Stachus-Untergeschoss gemacht

Seit Beginn dieses Jahres ist das Stachus- Untergeschoss auf der Seite, wo ich verkaufe, endlich fertig – nachdem es zwei Jahre Baustelle war. Mein Eindruck nach der Renovierung: sehr schön, aber zu nobel, so wie bei reichen Leuten. Ich habe fast das Gefühl, dass ich da gar nicht dazupasse. Weißer Fußboden, weiße Decke. Es gibt viele neue Geschäfte: Blumen-, Handy-, Süssigkeiten- und Schokoladenläden. Die sind für mich Krampf, ich zumindest brauche die nicht.

Am neuen Pizzastand hingegen esse ich oft. Man hat Essen im Überfluss hier unten. Es macht mir Spaß, mit meinem Rollstuhl die „Schmankerlgasse“ rauf- und runterzufahren und mir dort sämtlichen Gaumenschmaus zuzuführen – viel zu viel Spaß, man sieht es an meinem Umfang. Es ist schön, wieder einen ordentlichen Arbeitsplatz zu haben und nicht mehr den Baustellenlärm, der für mich sehr anstrengend war. Es verkauft sich gleich viel besser. Die Managerin der Stachus-Passagen habe ich auch kennengelernt.

Sie ist sehr nett, und man lässt uns BISS-Verkäufer unsere Arbeit tun. Dieses Jahr bin ich seit zehn Jahren bei BISS, das heißt zehn Jahre Stachus. Ich habe viel gesehen und viele Eindrücke gewonnen. Abends, zu Hause, versuche ich, diese zu verarbeiten, und denke an die Gespräche, die ich geführt habe. Es macht mir unheimlich Spaß, mit meinen Kunden zu ratschen, und ich freue mich über jeden, der zu mir kommt.