Standplatz: Am Max-Weber-Platz

Gottfried Wassermann an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Gottfried Wassermann an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Ich bin Jungfrau von Sternzeichen. Man sagt diesen Menschen ja nach, dass sie Wert auf eine schöne Wohnung legen, häuslich und sparsam sind. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich jeden Vormittag sehr gewissenhaft meine Buchführung mache, obwohl ich ja kein Banker bin und das nicht gelernt habe. Ich schreibe jedes Limo, jedes Mittagessen, jede Einnahme und Ausgabe genau auf. Am Monatsende analysiere ich, wo ich besser gespart und wo ich besser mehr Geld ausgegeben hätte. Manche sagen, das sei Krampf, aber jeder muss selber wissen, was für ihn gut ist.

Ich kam 1969 darauf, als ich in Kronberg im Taunus als Hoteldiener arbeitete und noch Schulden hatte. Schulden zu haben tut seelisch weh. Dabei kann das Leben doch so schön sein, wenn man es nur richtig macht und finanziell im Reinen ist. Ich stamme von einem Bauernhof aus der Gegend von Memmingen. Mit fünfzehn Jahren verließ ich das Elternhaus und ging arbeiten, zuerst als Knecht, später unter anderem als Spüler in einem Hotel, dann als Tierstallhelfer im Max- Planck-Institut und als Stewart bei der Köln-Düsseldorfer Rheinschifffahrt. Wäre ich doch in Düsseldorf geblieben. Dass ich von dort weggegangen bin, bereue ich, denn im Vergleich zu den finanziellen Problemen, die ich später in München hatte, waren meine beruflichen Probleme in Düsseldorf ein Klacks.

Mit sechzig Jahren wurde ich erwerbsunfähig. Seit über fünf Jahren stocke ich meine geringe Rente mit BISS-Verkaufen auf. Ich war froh, als ich den Verkaufsplatz am Max- Weber-Platz zugeteilt bekam, weil es hier einen Aufzug und eine Toilette gibt. Das ist für mich als Diabetiker wichtig, denn ich muss mich regelmäßig spritzen. Außerdem kann ich seit einer Knieoperation mit anschließender Infektion und der mittlerweile zweiten Knieprothese nur sehr schlecht gehen. Die großen Glückssteine, die ich um den Hals trage, sollen mir Gesundheit, Glück und viel Kundschaft bringen. Ich halte mich an die Steinelehre der Hildegard von Bingen, von der ich ein paar Bücher gelesen habe. Außer Lesen hat mir früher auch Fotografieren großen Spaß gemacht. Ich bin schon sehr gespannt, mit welcher Kamera die BISS-Fotografin das Bild von mir aufnehmen wird.

„Man muss Optimist bleiben“

Wolfgang Ettlich ist Künstler. Er führte lange eine berühmte Kneipe in Schwabing, das „Heppel & Ettlich“. Bald geht er in Rente. Genau wie viele andere Menschen macht er sich Sorgen, im Alter zu verarmen

Wolfgang Ettlich könnte auf vieles verzichten, nur seine schöne Wohung aufzugeben würde ihm schwerfallen

Wolfgang Ettlich könnte auf vieles verzichten, nur seine schöne Wohung aufzugeben würde ihm schwerfallen

Im Mai werde ich 65. Ein Alter, das ich mir lange überhaupt nicht vorstellen konnte. Erst recht nicht, dass man für diese Zeit vorsorgen sollte: Ich kam 1968 mit ein paar Freunden aus Berlin nach München, wir gründeten in der Elisabethstraße eine der ersten Wohngemeinschaften in Deutschland. Vorsorge für das Alter, eine Lebensversicherung oder eine Eigentumswohnung? Fand ich total spießig, das war etwas für Kapitalisten. Wir wollten frei sein, das Leben in München genießen, ein Leben ohne Mauer und DDR-Grenze. In Berlin hatte ich noch als Briefträger gearbeitet, aber dann verlangten die Chefs, dass wir Uniform tragen und die Haare kurz schneiden sollten. Ausgerechnet in einer Zeit, wo alles um die Frage kreiste: Bist du Beatles- oder Stones-Fan? Also habe ich die Post hinter mir gelassen, wir lehnten damals jede Autorität ab und wollten uns einfach nicht ausbeuten lassen. Es ging schließlich auch ohne festen Job. Lesen Sie weiter bei »„Man muss Optimist bleiben“«…

BISS-Ausgabe Dezember 2011 | Winterzauber

Cover der BISS-Ausgabe Dezember 2011

Cover der BISS-Ausgabe Dezember 2011

Aktuelles | 6 Vorhang auf! Seit zwölf Jahren war Christine Muskat abends nicht mehr unter Leuten. Wie ist es, endlich wieder auszugehen? Eine Reportage über einen besonderen Theaterbesuch | 10 Mein Freund, der Baum: Die kleinen Märkte mit Tannenbäumen kennt jeder, aber wer verkauft das duftende Immergrün eigentlich? Ein Besuch bei einer bezaubernden Händlerin | 12 Miss Santa Claus: Gerlinde Adler-Kemmer spielt seit über zwanzig Jahren den Nikolaus. Manchmal muss sie eher die Eltern rügen | 14 Schöner schenken: Manager kassieren hohe Abfindungen, aber Erzieher oder Müllmänner dürfen keine Geldgeschenke annehmen. Warum es besser wäre, Ausnahmen zu machen | 16 Singen für den Frieden: Weihnachtslieder sind kitschig? Stimmt nicht. Viele alternative Songs erzählen tiefsinnige Geschichten | Schreibwerkstatt | 4 Standplatz | 18 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | 30 Janas Kolumne: Mein feiner Braten | Rubriken | 3 BISS intern | 20 Patenuhren | 23 München klebt für BISS | 26 Aus aller Welt: Die Geschichte der Obdachlosigkeit in den USA | 29 Freunde und Gönner | 30 Impressum | 31 Adressen

Was für ein Jahr!

BISS-Geschäftsführerin Hildegard Denninger

BISS-Geschäftsführerin Hildegard Denninger

Ich bin froh, dass sich dieses Jahr dem Ende zuneigt. Denn nach alldem, was passiert ist, hätte man leicht zwei draus machen können. Das Schmerzhafteste war, dass die bayerische CSU/FDP-Regierungsmehrheit im Mai unserem sozialen Projekt Hotel BISS, in dem wir 40 Ausbildungsplätze für benachteiligte junge Menschen geschaffen hätten, den Garaus gemacht hat (S. 29). Schnelles Geld, mit dem man Finanzlöcher stopfen kann, wurde einem langfristigen gesellschaftlichen Gewinn vorgezogen. Die Spenden und die Unterstützung von Zehntausenden von Menschen wurden genauso ungerührt beiseitegewischt wie die Zukunftschancen junger Menschen und unsere Arbeit der letzten zehn Jahre. Dieses Desaster war ein vermeidbares, verursacht von in Routine erstarrten Politikern mit einer Arroganz und Gleichgültigkeit, die ihresgleichen suchen. Deshalb brauchte es einige Zeit, bis unsere Trauer und unser Zorn überwunden und unsere Tränen getrocknet waren.

Nicht auf menschlichem Versagen beruhte, dass ich mich kurz danach einer Brustkrebsoperation unterziehen musste und anschließend noch eine vorbeugende Chemotherapie gemacht habe, die bis Ende Oktober dauerte. Vier Monate lang habe ich es geschafft, nach vorne zu blicken und die Nase oben zu behalten. Die letzten vierzehn Tage habe ich dann die Geduld verloren und es packte mich der Neid auf alle Gesunden. Das ist nun glücklicherweise auch vorüber. Denn ich habe persönlich und als Geschäftsführerin von BISS viele Gründe, dankbar zu sein: Ich habe alles gut überstanden und konnte sogar während der ganzen Zeit – von zu Hause aus – die für BISS notwendigen Arbeiten erledigen. Mein Mann vertrat mich nach außen, und meine Mitarbeiter, die Redaktion und die Verkäufer leisteten – jeder an seinem Platz – gute Arbeit. Die BISSler, meine Familie und Freunde hatten quasi einen Schutzwall um mich gebaut. Und Ihre Briefe, Karten und Mails, liebe Leserinnen und Leser, haben mir sehr gutgetan. Genauso wie die Klöße mit Soße und grünem Gemüse aus Oberfranken, die ich immer essen konnte, auch wenn sonst nichts mehr ging.

Ganz besonders dankbar aber bin ich Ihnen, liebe Leser und Freunde und Gönner von BISS, weil Sie an unserer Seite bleiben und uns so großzügig unterstützen. Wir brauchen Sie auch weiterhin und hoffen, dass Sie uns nach der Erhöhung des Heftpreises auf 2,20 Euro treu bleiben. Das wünsche ich mir sehr! Und Ihnen wünsche ich von ganzem Herzen – auch im Namen unserer Verkäufer, der Redaktion und des Vereins BISS – frohe Weihnachten und ein gesundes und friedliches neues Jahr.

Herzlichst


Hildegard Denninger

Weihnachten

Der Weihnachtsbaum wird von meinem Enkel ausgesucht, und das sehr genau. Er muss eine schöne Spitze haben, gespreizte Äste, und der untere Bereich soll breit auseinandergehen. Mit etwas Kraft wird der Baum nach Hause getragen, wo er in einen Christbaumständer eingebaut wird. Mit Elan wird er von meiner Lebensgefährtin und deren Tochter geschmückt. Die Spitze kommt am Schluss dran. Da wird es dann schon langsam Abend.

Vor der Bescherung gibt es Würstchen zum Essen: Wiener, Kalbs- und Wollwürste. Dann werden die Kinder ins Kinderzimmer geschickt und die Geschenke unter den Weihnachtsbaum gelegt. Mit einer Glocke holen wir die hübsch hergerichteten Kleinen wieder zum Weihnachtsbaum. Dann wird fleißig das Weihnachtspapier zerrissen und mit großen Augen werden die Geschenke bewundert. Mit Spielen und Reden der Erwachsenen geht der Abend zu Ende.

Standplatz: U-Bahn Sperrengeschoss Poccistraße

Heinz Overbeck an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Heinz Overbeck an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Zu meinem sechsundvierzigsten Geburtstag am 21. März 1998, ein Tag nach Frühlingsanfang, machte ich mir das schönste Geschenk meines Lebens. Ich brach mit dem Fahrrad zu einer drei-monatigen Tour auf. Von Nordrhein-Westfalen über Niedersachsen, durch alle fünf neuen Bundesländer, nach Nürnberg und über Frankfurt wieder zurück.

Bevor ich mich auf diese Reise machte, war ich arbeitslos geworden, weil mir wegen Sehschwäche der Führerschein entzogen worden war und ich somit als Elektromaschinenbauer zu keinem Kundendienst mehr fahren konnte. Die Augenkrankheit ist die Folge davon, dass ich als Kind von einem Pferd am Kopf getreten wurde. Das linke Auge ist mittlerweile fast blind und das rechte ist durch Überanstrengung nun auch in Mitleidenschaft gezogen.

Wo ich herkomme, auf dem Lande in Nordrhein-Westfalen, sind es zehn Kilometer in die nächste Stadt, ohne Auto ist es dort schwer. Mein Ziel war es, in München am Patentamt eine Erfindung einzureichen. Doch eine Patentanmeldung kostete schon damals 480 Mark, ohne Anwalt. Das kann ich mir nicht erlauben. Ich lebte jahrelang in einem Mehrbettzimmer bei der Heilsarmee, bis ich vom Wohnungsamt endlich eine eigene Bleibe bekam.

Seit elf Jahren verkaufe ich die BISS am U-Bahn-Aufgang zum Kreisverwaltungsreferat. Wenn das Amt mittags zumacht, gehe ich zum Essen in die Pilgersheimer Straße (städtisches Unterkunftsheim). Ich finde es erstaunlich, dass da nicht mehr Leute hingehen. Es gibt jeden Tag etwas anderes, freitags Fisch. Weil die Küche so gut ist, haben manche Gäste Essen auf Vorrat bestellt, bis die Ausgabe auf zwei Portionen pro Person beschränkt wurde.

In der Freizeit beschäftige ich mich mit Elektronik, PCs auftunen und so. Da mir das durch meine Augenkrankheit erschwert ist, habe ich daheim eine Kamera installiert, die das Teil, an dem ich gerade arbeite, vergrößert auf einen Fernseher projiziert. Außerdem habe ich schon drei kleine Erfindungen gemacht, den „Flaschenmoppel“ zum Reinigen von Flaschen, einen speziellen Dosenöffner und eine Methode zur Energiegewinnung aus Wasser. Es sind eigentlich Nebenprodukte meines größeren Projekts.

Die Waldfee

Barbara Makni erlebt die Adventszeit auf der Straße,  als Christbaumverkäuferin. Ihre Kunden bringt sie in eine besinnliche Stimmung, dabei kann sie sich selbst das Fest kaum leisten

Frau Makni bei einem Ausflug zu einem Christbaumhof im Münchner Umland | Foto: Bärbel Praun

Frau Makni bei einem Ausflug zu einem Christbaumhof im Münchner Umland | Foto: Bärbel Praun

Weihnachten beginnt für Barbara Makni im Kreisverwaltungsreferat, genauer gesagt in der Bezirks-inspektion Nord, Leopoldstraße 202. Dort füllt sie im Herbst ein Formular aus, zahlt zweihundert Euro und zeigt ihren Personalausweis vor. Dann hat sie die „Überlassung eines Verkaufsplatzes“ erfolgreich beantragt und kann loslegen. Lesen Sie weiter bei »Die Waldfee«…

BISS-Ausgabe November 2011 | Himmel, hilf!

Cover der BISS-Ausgabe November 2011

Cover der BISS-Ausgabe November 2011

Aktuelles | 6 Der Don Camillo aus Ruhpolding: Mit Lichtermärschen wehren sich verzweifelte Bürger aus
Freising und der Umgebung gegen den Bau der Startbahn Drei.
Ein Kirchenmann will ihnen helfen | 10 Ein Dorf auf Rädern: Sechzehn Münchner möchten in Wohnwagen leben. In Ramersdorf haben sie einen Platz gefunden. Bald sollen sie ihn räumen. Warum der Stattpark Olga bleiben muss | 14 Abgespeist: Flüchtlinge haben keine Wahl: Sie müssen essen, was ihnen vorgesetzt wird. BISS hat ihre Nahrung unter die Lupe genommen | 18 Pfundskerle: In der Schule werden dicke Kinder gehänselt. Beim American Football sind sie besonders beliebt. Ein Besuch bei den Fursty Razorbacks in Fürstenfeldbruck | 21 Arme haben ein Recht auf Bildung! Die Bundesregierung spendiert bedürftigen Kindern Geld für Sport, Musikunterricht und Nachhilfe. Christel Bulcraig glaubt nicht, dass es genügt | Schreibwerkstatt | 4 Standplatz | 22 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | 30 Janas Kolumne: In der Stadt der Liebe | Rubriken | 3 BISS intern | 24 Aus aller Welt: Indische Paare lernen sich oft erst bei der Hochzeit kennen. Unsere Autorin wehrte sich gegen diese Tradition | 27 Hotel BISS: Geeignetes Objekt gesucht | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Impressum | 31 Adressen