Zum Moshammer-Erbe

Ende Januar erhielten wir vom Amtsgericht München das 14-zeilige Vermächtnis zugesandt, das unser langjähriger Freund und Gönner, Rudolph Moshammer, im Falle seines Todes BISS zugedacht hat. Es lautet wie folgt: „Dem ‚Rudolph Moshammer Verein Licht für Obdachlose e.V.’ mit Sitz in München vermache ich alle meine Guthaben auf dem Konto, das ich für den Erlös aus der Versteigerung des Napoleon-Hemdes eigens bei der Deutschen Bank, Filiale München, habe anlegen lassen. Außerdem vermache ich ihm meine Autos und meine Juwelen mit der Maßgabe, dass der Erbe sie versteigern lassen und dem Verein den Erlös zur Verfügung stellen soll; … Das Vermächtnis ist zweckgebunden dahin, dass es einschließlich laufender Erträge aus der Verwaltung der Gelder Lesen Sie weiter bei »Zum Moshammer-Erbe«…

Das Gesetz gibt es nicht mehr her

Obdachlose Menschen haben Behörden selten vertraut. Und die neuen Sozialreformen haben Ämter nicht gerade niederschwelliger gemacht

„Seit drei Monaten kriege ich vom Sozialamt keinen Cent mehr für meine Haushaltshilfe, die immer einmal die Woche für acht Stunden kam. Ohne Vorwarnung haben die mir das Geld einfach gestrichen.“ Hartmut Jacobs ist blass im Gesicht und zittert. Mindestens 30-mal habe er in der vergangenen Woche die Nummer der Sachbearbeiterin im Sozialbürgerhaus gewählt, die seit seinem Umzug vor drei Monaten für ihn zuständig ist, erzählt der BISS-Verkäufer. Aber entweder das Freizeichen tutete ins Leere oder der Anschluss war belegt. Jacobs mutmaßt: „Wahrscheinlich können die an ihrem Telefon ersehen, ob ein Anruf Lesen Sie weiter bei »Das Gesetz gibt es nicht mehr her«…

„Angst gehört dazu“

Worauf es letztlich ankommt, ist die Gewissheit, dass man Niederlagen überwinden kann. Ein Interview mit Dr. Markos Margakos zum Schwerpunktthema

Urvertrauen – Vertrauen – Selbstvertrauen: Bauen diese verschiedenen Vertrauensformen aufeinander auf beziehungsweise bedingen sie einander? Dr.Markos Margakos: Jeder Mensch besitzt von Geburt an das Potenzial, eine Art Urvertrauen zu entwickeln. Dieses Gefühl vermittelt ihm dann: Ich habe einen Platz auf dieser Welt. Ich fühle mich wohl. Ich bin sicher. Alles wird gut gehen. Und wenn etwas nicht gut geht, gibt es Möglichkeiten der Hilfe, so dass ich am Ende einigermaßen gut aus der Sache herauskomme. Es muss jedoch Menschen – Bezugspersonen – geben, die dieses Potenzial bereits beim Säugling fördern. Lesen Sie weiter bei »„Angst gehört dazu“«…

Hochkonjunktur der Schwarzmaler

Ein prima Standort, der seinen Bewohnern eine hohe Lebensqualität bietet, wird systematisch schlecht geredet. Warum eigentlich?

“Ist Deutschland noch zu retten?” lautet der Titel einer Vortragsreihe der Münchner Volkshochschule. Das mag zwar ironisch gemeint sein, trifft jedoch perfekt die Stimmung in weiten Teilen des Landes. Viele Menschen beklagen sich – vor allem über die persönliche und allgemeine wirtschaftliche Entwicklung. Depression, so scheint es, macht sich breit. Einer aktuellen Emnid-Studie zufolge ist in keiner Industrienation der Welt Pessimismus so weit verbreitet wie in Deutschland. Nur jeder vierte Befragte blickt demnach zuversichtlich in die Zukunft. Seit einiger Zeit ist allerdings auch eine entgegengesetzte Entwicklung zu beobachten. Das Credo: Deutschland ist besser als sein Ruf! Im Magazin “Stern” erschien eine große Reportage mit dem Titel “Deutschland – deine Stärken”, die “Süddeutsche Zeitung” berichtet in ihrer Reihe “Vorsprung Deutschland” über die positiven Seiten der Republik. Wer hat Recht? Auf der Suche nach einer Antwort kann man einige Überraschungen erleben. Stellenabbau, Pleitewellen, Lohnkürzungen. Das ist die Realität. Aber eben auch: hohe Lebensqualität, satte Millionengewinne, relativ gute soziale Absicherung. Hat die Fixierung aufs Negative Methode? “Stimmungen können produziert und herbeigeredet werden, gerade die öffentliche Diskussion in den Medien spielt hierfür eine entscheidende Rolle”, sagt Dr. Angelika Poferl. Die Soziologin an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) ergänzt: “Es wäre aufschlussreich, einmal genauer hinzuschauen, wer eine schlechte Stimmungslage behauptet und welche Interessen möglicherweise dahinter stehen.” Man nehme zum Beispiel Norbert Walter, den Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Er bemängelte die Stimmung im Land und bezeichnete seine Mitbürger als Bedenkenträger und Heulsusen. Dass Manager selbst andauernd klagen, verschwieg Walter. “Wenn Angehörige der Elite die Empfindlichkeiten der Bevölkerung beklagen, zeugt dies nicht nur von extrem schlechtem Stil; es ist die Arroganz der Mächtigen, die sehr ungehemmt als pseudopsychologischer Zuchtmeister und der Chefideologe der Nation auftritt – mit professionell erzeugten Befunden hat das nichts zu tun”, sagt Angelika Poferl. Zu hohe Steuern, zu wenig Flexibilität, zu viel Bürokratie. Mit diesen Argumenten redet der Bundesverband der Deutschen Industrie seit Jahren den deutschen Standort schlecht. Da ist von einer Hetzjagd auf Unternehmen und vom Niedergang der Wettbewerbsfähigkeit die Rede. Ein Blick in die Steuertabelle scheint Kritikern Recht zu geben: Kapitalgesellschaften müssen 40 Prozent zahlen, ein Spitzenwert in Europa. Recherchen des Magazins “Der Spiegel” ergaben allerdings, dass zwischen 1997 und 2002 Daimler- Chrysler effektiv nur 9 Prozent, BASF 12 und Siemens 14 Prozent Steuern gezahlt hatten. So kommt ein leicht durchschaubarer Zweckpessimismus ans Tageslicht. Dass sich hinter der Schwarzmalerei mancher Unternehmer eigene Interessen befinden, deckten Christoph Gauer und Jürgen Scriba in ihrem Buch “Die Standortlüge” auf. “Ein Standort ist mehr als ein dürres Bündel wirtschaftlicher Kennzahlen, und die Wirtschaftspolitik darf sich nicht zum Erfüllungsgehilfen schnelllebiger Firmeninteressen degradieren lassen”, schrieben die Autoren. Es kommt immer auf den Blickwinkel an. Voller Selbstvertrauen könnte Deutschland als drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt auf seinen Status als Exportweltmeister verweisen. Auf den Erfindergeist deutscher Tüftler, die jährlich mehr als 20 000 Patente anmelden und damit vor Japan auf Platz zwei hinter den USA liegen. Oder auf die hoch qualifizierten, zuverlässigen Arbeitskräfte. Die Positivliste ließe sich problemlos erweitern. Noch wichtiger: Von den Vorteilen des Standorts profitieren nicht nur Unternehmen, sondern auch die Bevölkerung, deren durchschnittlicher Lebensstandard als vergleichsweise hoch bezeichnet werden kann. Doch sogar in Kreisen mit durchschnittlichen bis guten Einkommen wird gejammert und geschimpft. “Diese Menschen müssen zunehmend mit Risiken leben, etwa Arbeitsplatzverlust oder sinkende soziale Standards. Dem stehen oftmals hohe Lebenshaltungskosten bereits für Grundbedürfnisse und bestimmte Konsumerwartungen gegenüber; dies ist eine konfliktreiche Diskrepanz”, sagt Angelika Poferl. Der individuelle Wohlstand sei darüber hinaus auch eine Sache der Interpretation und Relation. So habe man auf der einen Seite die Ärmsten der Armen vor Augen, zu denen man es im Vergleich besser habe. “Auf der anderen Seite sieht man diejenigen, die ungleich viel mehr haben. Man weiß von Kreisen, die sich auf ungeheure Weise bereichern, die über einen Wohlstand verfügen, der keinerlei Existenzsorge oder sozialstaatlicher Notwendigkeit mehr kennt. Von Menschen, denen qua Erbe ein Besitzstand zufällt, den Nicht-Erben auch durch harte Arbeit nie erreichen.” Solche Erfahrungen, so die Soziologin, würden das Gerechtigkeitsempfinden verletzen und teils bittere soziale Kränkungen darstellen – auch wenn man selbst nicht am Hungertuch nage. Man hat etwas zu verlieren, man fühlt sich gefährdet oder um Hoffnungen betrogen – Grund genug für schlechte Stimmung. Bloß weg hier! Immer mehr Deutsche haben kein Vertrauen ins eigene Land. “Hier hat man keine Zukunft mehr!”, antworteten 22 Prozent der Bundesbürger auf die Frage, warum sie gern ihre Koffer packen wollen. Allerdings: Die Umfrage ist vom Onlineportal Auswandern-aktuell.de, das von der schlechten Stimmung profitiert. Informationen, wie man dem angeblich abgewirtschafteten, trüben Deutschland entfliehen kann, sind begehrt. Schätzungen zufolge sollen bereits eine halbe Million Deutsche mehr als die Hälfte des Jahres in Spanien leben. Offiziell siedeln jährlich knapp 10 000 Bürger in den europäischen Süden um. Auf ärztliche Versorgung, Hilfsangebote im Sozialbereich oder die handwerklichen Gepflogenheiten in der Fremde vertrauen viele der Heimat- Kritiker jedoch nicht – manches ist eben doch nicht so schlecht in Deutschland. Auch ausländische Unternehmer beurteilen den Standort Deutschland positiv. Bei einer Befragung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young unter mehr als 500 internationalen Firmen belegte Deutschland Platz drei unter den besten Standorten. Im Inland hingegen warnt der Deutsche Industrie- und Handelstag wieder einmal davor, dass der Standort weiter an Attraktivität verlieren würde, wenn nichts passiere. Zahlreiche Bürger stimmen mit bedrückten Mienen zu. Da ist sie wieder, die angeblich typisch deutsche Sichtweise: geprägt von mangelndem Selbstvertrauen und einem Hang zur Depressivität, wie es stets heißt. Existiert dieses scheinbar gespaltene Verhältnis zur eigenen Nation womöglich aufgrund der deutschen Vergangenheit? “Ich bin sehr skeptisch gegenüber Kollektivurteilen und vorsichtig mit so einer Art ‘Völkerpsychologie’”, meint Angelika Poferl.”Man rutscht sehr schnell in Klischees hinein, die der realen Vielfalt nicht gerecht werden oder diese ganz einfach ignorieren.” Es sei zu bequem, ein grundsätzliches Minderwertigkeitsgefühl zu diagnostizieren und dessen Ursache in den deutschen Gräueltaten während der Nazizeit zu sehen. In den Medien dominiert die Schwarzmalerei, fast so, als gäbe es in den deutschen Nationalfarben kein Rot und kein Gold mehr. Die Richtung ist meist vorgegeben: “In Nachrichtensendungen und Talkshows überwiegt das Vokabular von Volks- und Betriebswirten, Kommentatoren machen Stimmung gegen Gewerkschaften und für neoliberale Konzepte”, stellte das Fachmagazin “journalist” fest. Ohne weitere radikale Reformen, so tönen Experten landauf, landab, sei Deutschland am Ende. Lobbyinitiativen wie der “Bürgerkonvent”, die “Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM)” oder der “Konvent für Deutschland” zeigen in TV-Spots und Zeitungsanzeigen sowie auf Plakatwänden, was in Deutschland ihrer Meinung nach schief läuft, und fordern den Abbau staatlicher Leistungen. Allein der INSM stehen 50 Millionen Euro für Kampagnen zur Verfügung – Finanzier ist der Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Die Werbung zeigt Wirkung: Mitglieder der Reforminitiativen sind häufig zu Gast in TV-Diskussionsrunden, ihre Thesen finden sich in Leitartikeln. Die Form der Einflussnahme ist nicht neu, wie in Herbert Riehl-Heyses Buch “Macht und Ohnmacht des Journalismus” nachzulesen ist: “Wahr ist, dass wir, was die Wahrheit angeht, in einem besonders gefährdeten Beruf tätig sind, weil unsereiner, wie niemand anderer, von einem Heer von Interessenvertretern, PR-Agenten, Pressechefs und Kriegsparteien umzingelt ist, deren wesentliche Aufgabe es ist, uns allein ihre Wahrheit zu verkaufen.” Im Grunde genommen ist der zweifelhafte Umgang einiger Massenmedien mit der Wahrheit unerheblich. Schließlich sollte jeder Mensch selbst in der Lage sein, seine Situation und die seines Landes halbwegs objektiv einschätzen zu können. Doch funktioniert das wirklich in einer Gesellschaft, deren Mitglieder sich zu einem großen Teil an Wohlstand gewöhnt haben und durchschnittlich zwei bis drei Stunden täglich vor dem Fernseher sitzen? “Die Medien der breiten Öffentlichkeit und diejenigen, die darin zu Worte kommen, besitzen eine hohe Definitions- und Deutungsmacht, die die eigene Anschauung und Erfahrung, das eigene Wissen ergänzt. Die Rede von der ‘schlechten Stimmung’, ‘Deutschland als Jammertal’ und dergleichen setzt sich so in den Köpfen fest und wird irgendwann dann auch geglaubt und wahr; das funktioniert als ein Mechanismus “selbsterfüllender Prophezeiung”, sagt die Soziologin Angelika Poferl. Aus diesem Mechanismus auszubrechen ist nicht leicht. Aber möglich. Nicht zuletzt, weil Deutschland wohl doch nicht so nah am Abgrund steht, wie oft behauptet wird.
Günter Keil

Wertewandel

Erfüllung im Beruf? – Ein Glücksfall. Denn immer mehr Menschen müssen sich mit Jobs begnügen und ihr Selbstwertgefühl in der Freizeit stärken

Als eine Freundin anrief und fragte, ob sie nicht Lust hätte, an der Schule der Tochter in der Nachmittagsbetreuung zu arbeiten, hatte die 25-jährige Alexandra H. eigentlich schon alle Hoffnung aufgegeben, überhaupt jemals wieder einen Job zu finden. „Ich bin ausgebildete Erzieherin. Als meine Stelle bei einem Wohlfahrtsverband gestrichen wurde, war ich arbeitslos. Ich weiß nicht, wie viele Bewerbungen ich verschickt, wie viele potenzielle Arbeitgeber ich persönlich angerufen habe – immer nur Absagen. Nur einmal wurde ich zu einem persönlichen Gespräch eingeladen, auf das dann prompt eine Absage folgte. Der Job in der Nachmittagsbetreuung war wirklich meine letzte Rettung. Es ist zwar weder von der Position noch vom Gehalt her das, was ich mir vorgestellt habe, aber Hauptsache, ich bin nicht länger arbeitslos.“ „Das Erste, was man sich in einer solchen Situation fragen muss, ist, ob es in diesem Moment ums Überleben oder um Selbstverwirklichung geht“, erklärt Karriere- und Personalberaterin Madeleine Leitner. „Selbstverwirklichung muss man sich leisten können. Was ist gewonnen, wenn der vermeintliche Traumjob – oder das Warten darauf – einen ans Existenzminimum katapultiert? Bevor man in eine finanzielle Krise stürzt, sollte man daher unter allen Umständen einen Übergangsjob in Erwägung ziehen. Aus der sicheren Position einer Anstellung heraus kann man sich dann in aller Ruhe an die kreative, lebensverändernde Jobsuche machen. Das Problem, so Leitner, beginne für die meisten allerdings schon mit der Suche. Sie glaubten nämlich, sie hätten keine Wahl und müssten sich ihren Job aus dem Angebot auswählen, das ihnen der Stellenmarkt im Internet und in der Zeitung bietet. Finden die Bewerber in diesen beiden Medien keine auf sie zugeschnittene Stellenanzeige, gehen die meisten stillschweigend davon aus, es gäbe eben keine Stelle für sie. Viele ließen sich außerdem von den angeblich erforderlichen Kriterien in den Stellenanzeigen verunsichern. „Die Anforderungen an die potenziellen neuen Mitarbeiter werden nur aus einem Grund immer höher geschraubt, um so viele Bewerber wie möglich abzuschrecken“, erläutert Madeleine Leitner das gängige System. „Es geht hier nämlich nicht darum, den oder die Beste für den Job auszuwählen, sondern so viele wie möglich aus dem Stapel auszusortieren. Kein Chef hat wirklich Lust, sich 300 oder 400 Bewerbungen anzusehen, also muss der Stapel, bevor er ihm vorgelegt wird, unbedingt reduziert werden.“ „Blicken wir der Tatsache ins Auge“, schreibt Richard Bolles in seinem Buch „Durchstarten zum Traumjob“: „Die Jobsuche ist ein Glücksspiel. Für viele Menschen zahlt sich dieses Glücksspiel aus, und sie können außerordentlich gute Ergebnisse vorweisen. Manche Menschen kommen auf diese Art und Weise noch zu ganz annehmbaren Ergebnissen. Sie bekommen irgendeinen Job und irgendein Gehalt, auch wenn es nicht gerade die Arbeit ist, die sie eigentlich suchten und das Gehalt auch nicht annähernd dem entspricht, was sie sich erhofften oder benötigten. Für den Rest der Menschen funktioniert es schlicht und ergreifend überhaupt nicht. Sie bleiben arbeitslos. Obwohl es immer freie Stellen gibt – sogar während einer Rezession. Die Tatsache, dass Sie diese Jobs nicht finden können, bedeutet nur, dass die freie Stelle nicht ausgeschrieben wurde oder dass Sie nicht mit der richtigen Methode suchen.“ Nach einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsorientierung (IAB) in Nürnberg brachten ein Fünftel der Arbeitslosen bei der Stellensuche nicht genügend Initiative auf. „Die Leute kapitulieren, wenn sie merken, dass es nicht so einfach, schnell und problemlos geht, wie sie es sich vorgestellt haben. Sie hoffen und warten auf Rettung, die aber nicht kommt.Wenn sie einen Job bekommen wollen, dann müssen sie sich auf die Suche danach machen – mit aller Entschlossenheit“, schreibt US-Amerikaner Bolles. Entschlossenheit, Beharrlichkeit, Ausdauer und Geduld – für den 32-jährigen Robert L. ist das selbstverständlich. „Vom Arbeitsamt hält er nicht viel: „Meine Jobs habe ich immer über Kumpels, ehemalige Kollegen oder Verwandte bekommen. Man muss einfach Augen und Ohren offen halten. Dann geht auch was. Und wenn man wirklich will, kann man auch alles lernen. Hätte ich früher selbst nicht gedacht. Ich habe schon in einer Schreinerei, einer Autowerkstatt und in einer Heizungsfirma als Gehilfe gearbeitet, außerdem war ich schon Gärtner und Pizzabäcker. Sogar beim Zirkus habe ich schon gejobbt. Seit zwei Jahren habe ich einen echten Traumjob: Als Platzwart und Hausmeister in einem Sportheim kann ich mir meine Zeit selbst einteilen. Keiner schaut mir über die Schulter und sagt, wie ich meine Arbeit machen soll. Hauptsache, sie ist gemacht. Diesen Job würde ich wirklich ungern wieder verlieren. Aber heutzutage muss man ja mit allem rechnen.“ „Oft weiß man etwas ja erst dann zu würdigen, wenn man es verloren hat. Noch größer empfindet man die Katastrophe, wenn es einem ohne nachvollziehbaren Grund weggenommen wurde“, weiß Leitner. „Was das betrifft, hat sich in den vergangenen Jahren eine enorme Werteverschiebung vollzogen. Ein fester Job ist heute wieder was wert.Wer einen hat, will ihn in der Regel auch behalten. Zu groß ist das Risiko, dass man sich auch verschlechtern könnte – ein Gedanke, der vor zehn Jahren niemandem gekommen wäre. Da hat jeder für sich in Anspruch genommen, dass es im Leben nur aufwärts geht. Das ist heute anders. Ich finde, dass diese Entwicklung, so negativ die Gründe dafür sind, durchaus auch positive Aspekte hat – beinhaltet sie doch auch die Chance, die Dinge wieder ein wenig gerade zu rücken, Job und Karriere nicht mehr diese immense Bedeutung beizumessen und sich wieder mehr Zeit für Freunde, Familie und Hobbys zu nehmen.“ Reinhard T., 57 Jahre, hat umgedacht. Bis vor zwei Jahren stand für den Verkaufsleiter einer Polstermöbelfirma der Job an erster Stelle. „Dann hat man mir von einem Monat auf den anderen das Gehalt um 20 Prozent gekürzt. Angeblich wegen der sinkenden Auftragslage. Diese sah zwar nicht gerade rosig aus, war aber seit einem halben Jahr stabil. Abgesehen davon, dass plötzlich ein erheblicher Teil meines Einkommens wegfiel, empfand ich das Ganze einfach als eine unglaubliche Demütigung. Da wurde vorher nicht einmal ein Gespräch mit mir geführt. Natürlich hätte ich vors Arbeitsgericht ziehen, eine Abfindung kassieren und mir einen anderen Job suchen können. Kontakte genug habe ich ja. Aber mit über 50 noch einmal aus dem absoluten Nichts anzugreifen, dazu fühlte ich mich zu diesem Zeitpunkt weder mental noch körperlich in der Lage. Stattdessen habe ich mir vertraglich garantieren lassen, dass eine weitere Reduzierung meines Gehaltes ausgeschlossen ist. Ich habe in diesen zwei Jahren gelernt, loszulassen, nicht alles selbst machen zu müssen. Ich weiß, dass ich immer noch einen guten Job mache. Dass meinem Chef das kein Wort der Anerkennung wert ist, ist mir inzwischen egal. Im Mai fahre ich acht Wochen zur Kur.“ Zwar soll es auch heute noch Unternehmen geben, in denen den Mitarbeitern Achtung,Wertschätzung, individuelle Anerkennung und himmelhohes Lob entgegengebracht wird – die Regel ist aber eher das Gegenteil. Daher sei es sinnvoll, so Bolles, sich einen Job zu suchen, bei dem die Bestätigung in der Tätigkeit selbst liegt. Davon ist Carla H. (39 Jahre) zwar weit entfernt, hängt ihre Bestätigung als Flugbegleiterin doch in erster Linie von der Zufriedenheit der Passagiere ab. Aber eine Karriere um der Anerkennung willen hat sie ohnehin nie angestrebt. „Dafür war mir meine Freizeit immer viel zu wichtig“, erklärt sie. „Ich war 28 Jahre alt, hatte von meinem Job als Pharmareferentin genug und wollte einfach mal was anderes machen. Der Job als Flugbegleiterin kam mir da gerade recht. Ich dachte, das mache ich ein, zwei Jahre, dann sehe ich weiter. Einen wirklichen Plan hatte ich nicht. Meine Jobs hatten sich immer irgendwie aus meiner Lebenssituation ergeben. Diese Lust an der Veränderung ist mit den Jahren mehr und mehr einem Bedürfnis nach Sicherheit gewichen. Ich kann mir zwar immer noch nicht vorstellen, mit Ende fünfzig noch die Arbeit zu machen und denke immer wieder über mögliche Alternativen nach. Zum jetzigen Zeitpunkt aber würde jede Veränderung einen Rückschritt bedeuten – nicht nur finanziell, sondern vor allem, was meine Lebensqualität betrifft: Ich habe einen festen Vertrag, was in der Branche inzwischen kaum noch üblich ist.Vor drei Jahren bin ich außerdem endlich in der Warteliste für das Teilzeitmodell aufgerückt. Seitdem fliege ich nur noch an zehn Tagen im Monat. Abgesehen davon, dass ich, seit ich nicht mehr nonstop unterwegs sein muss, meinen Job wieder richtig gern mache, genieße ich einfach die Freiheit und Unabhängigkeit, die mir die Teilzeitvariante bringt. Mit meiner Zulage als Ausbilderin stehe ich damit finanziell immer noch besser da als eine Anfängerin, die Vollzeit fliegt. Ich will dieses Laisser-faire jetzt einfach genießen. Dafür nehme ich in Kauf, dass dieser Job nicht gerade eine intellektuelle Herausforderung ist. Und mich hin und wieder die Angst vor der Zukunft einholt. Aber kommt Zeit, kommt Rat. Vielleicht raffe ich mich ja auch auf und fange doch noch die Ausbildung zur Ergotherapeutin an. Ich glaube, das würde mir liegen.“ „Die Suche nach einem Traumjob ist eine Suche nach dem Glück“, heißt es bei Bolles. „Wir möchten im Beruf, wie im Leben überhaupt, glücklicher werden, als wir es bisher waren. Eigentlich geht es um eine ganz bestimmte Art der Gelassenheit. Und die ist eine Frage der Einstellung.“ Und des Selbstbewusstseins.

Daniela Walther

Es gibt durchaus auch positive Aspekte der Arbeitsmarktsituation. So hat man die Chance, die Dinge ein wenig gerade zu rücken, Job und Karriere nicht mehr diese immense Bedeutung beizumessen und sich wieder mehr Zeit für Freunde, Familie und Hobbys zu nehmen

Fette Soßen und Zuckerwasser

Hunger als Warnsignal für Armut? In München ist es schwer, offensichtliche Hinweise dafür zu finden

Hierzulande ist die Armut scheu, und wer unter ihr leidet, verheimlicht sie. Denn wer aus welchen Gründen auch immer nicht genug Geld hat, seinen Lebensunterhalt selbst zu bestreiten, wird sofort verdächtigt, es sich bequem zu machen auf Kosten der Allgemeinheit. Dieser Verdacht bleibt meist unausgesprochen, denn Deutschland ist ein Land, dessen Bewohnern soziale Errungenschaften wichtig sind. Doch dann sagt der sozialdemokratische Kanzler Gerhard Schröder, es gebe „kein Recht auf Faulheit“. Die Sprecher der Sozialämter beteuern, dass es dank umfassender Hilfe niemandem ganz schlecht gehe. Zwei Bundespräsidenten in Folge möchten einen Ruck durchs Land gehen lassen. Dabei ist der Ruck, der viele ins Schleudern bringt, schon voll im Gange: „Im vergangenen Jahr haben wir 8000 Menschen mit Nahrungsmitteln beliefert, inzwischen sind es 11 000“, sagt Gabriele Schultz, ehrenamtliche Mitarbeiterin der „Münchner Tafel“. Der Verein sammelt Lebensmittel bei Sponsoren ein und verteilt sie kostenlos an Bedürftige. Die 125 Helfer beliefern im Stadtgebiet 20 Stationen einmal pro Woche. Sie haben dafür acht Lieferwagen zur Verfügung, bräuchten aber dringend einen weiteren. Besonders seit Januar dieses Jahres registriert die „Münchner Tafel“ eine unglaublich verstärkte Nachfrage. „Das ist sicher eine direkte Folge der Hartz-IV-Reformen“, sagt Gabriele Schultz, und sie berichtet, dass der Verein mittlerweile eine lange Warteliste führen muss. „Aber wir haben noch nie jemanden mit leeren Händen weggeschickt.“ Vor allem allein erziehende Mütter und Rentner stellen sich für die Nahrungsrationen an, aber auch Familien kommen, um Obst und Gemüse zu holen.„Im Winter, wenn Obst teuer ist, fehlt vielen das Geld, um ihre Kinder mit Vitaminen zu versorgen.“ Gabriele Schultz weiß, dass ein Teil der Menschen ausschließlich von den kostenlosen Gaben der „Münchner Tafel“ lebt. Laut Statistik könne das nicht sein, und trotzdem sei es eine Tatsache. Mangelnde und falsche Ernährung, das betrifft in München vor allem Kinder. Johanna Hofmeir, Leiterin des „Lichtblick Hasenbergl“, einer Einrichtung der katholischen Jugendfürsorge, registriert, dass seit Jahren die Zahl der Kinder steigt, die vor der Schule nicht frühstücken und kein Pausenbrot mitnehmen. „Auch bei den Kindern, die gewissermaßen versorgt sind, ist der Speiseplan alles andere als ausgewogen“, sagt Johanna Hofmeir. Sie hat eine regelrechte Abneigung entwickelt gegen Getränke, auf deren Verpackung zwar eine saftige Frucht abgebildet ist, die jedoch aus nichts anderem als Wasser, Zucker, Aromen und Farbstoffen bestehen. Die Mütter, angelockt durch die scheinbar attraktiven Preise, wissen oft nicht, dass sie ihren Kindern mit den Produkten schaden. Stark fetthaltige Fertigmenüs bereichern auch nicht gerade den Speiseplan. Die Folgen bleiben nicht aus. Viele Kinder leiden an Unter- oder Übergewicht, haben schadhafte Zähne, sind infektanfällig, klagen über Schwindel, Übelkeit oder unklaren Bauchbeschwerden, und sie sind vor allem in ihrer Leistungsfähigkeit deutlich eingeschränkt. „Wenn Kinder keinen Zugang zu gesunder Nahrung erhalten, sind sie oft unkonzentriert und nervös. Sie haben Schwierigkeiten, dem Unterricht in der Schule zu folgen, und deshalb verschlechtern sich ihre Chancen im späteren Leben. Vor allem aber können sie der nächsten Generation keine Regeln für gesunde Ernährung vermitteln“, sagt Johanna Hofmeir. Im „Lichtblick“ betreuen 16 Mitarbeiter etwa 60 Kinder. Um den Kindern neue Essgewohnheiten nahe zu bringen, ist in der Anfangsphase viel Überzeugungsarbeit notwendig. „Salatkriege“ nennt Johanna Hofmeir die Diskussionen mit einem Augenzwinkern. „Doch vor allem die Erstklässler sind noch sehr gut zu motivieren“, sagt die Sozialpädagogin. Ein hübsch angerichteter Teller und die stets in Griffnähe aufgestellte, reichlich gefüllte Obstschale helfen, den Drang nach Süßigkeiten und Fast Food zu bremsen. Doch die passive Speisung genügt den Pädagogen nicht. Auch Eigenverantwortung motiviert Kinder, etwas dazuzulernen. Deshalb finden im „Lichtblick“ Kochkurse statt, bei denen die Schüler ausprobieren, wie man auch mit wenig Geld eine gesunde Mahlzeit zubereitet. Das Phänomen Mangelernährung ist keinesfalls nur auf einzelne Stadtteile Münchens beschränkt. Christine Thieme, Schulärztin und Sachgebietsleiterin der städtischen „Prävention für Kinder ab drei Jahren und Jugendliche“, berichtet, dass zwischen den Jahren 1976 und 2003 der Anteil übergewichtiger Schulkinder in München von 2,8 auf 11,6 Prozent gestiegen ist. Sie beruft sich auf Zahlen, die aus den Einschulungsuntersuchungen stammen und deutlich über 90 Prozent aller Kinder umfassen.„Viele Erkrankungen im Erwachsenenalter haben hier ihre Basis. Kinder, deren Speiseplan schon früh zu viele tierische Fette und Kohlenhydrate enthält, unterliegen einem erhöhten Risiko, später an Diabetes oder Arteriosklerose und ihren Folgen zu erkranken. Das zieht sich wie ein roter Faden durchs ganze Leben“, sagt Christine Thieme. Den Schulärzten fällt auf, dass Kinder zusätzlich zum Übergewicht vermehrt motorische Störungen, Verhaltensauffälligkeiten und Sprachstörungen zeigen. „Folgen der einseitigen Ernährung verbinden sich auf eine ganz ungute Weise mit dem Faktor Bewegungsmangel“, sagt Christine Thieme. Nach ihrer Einschätzung liegt der Ausweg vor allem in der Schulung der Eltern. „Es handelt sich in vielen Fällen nicht in erster Linie um eine Geld-, sondern um eine Wissensfrage. Schließlich kosten auch täglich drei Teller Spaghetti mit dicker Soße Geld, nur gesund sind sie eben nicht.“ Der „Deutsche Hausfrauenbund“, der seine bayerische Geschäftsstelle in Erlangen hat, engagiert sich in der Fortbildung der Eltern. Hauswirtschaftsmeisterin Ute Katzer erkennt vor allem in der Doppelbelastung der Frauen durch Beruf und Haushalt eine wesentliche Ursache für die Fehlernährung der Kinder. „Es geht einfach schneller, den Kleinen morgens zwei Euro in die Hand zu drücken und sie zu bitten, sich allein zu versorgen, als selbst ein Pausenbrot zuzubereiten. Da sollten vor allem die Väter sich mehr in die Verantwortung nehmen.“

Bernd Hein

Angelockte Pleitegeier

Manche Auftraggeber verzögern ihre Zahlungen in der Hoffnung, dass eine mögliche Pleite des Auftragnehmers sie ganz davon entbinden wird

Gute Arbeit ist ihr Geld wert. Und wer sie geleistet hat, vertraut darauf, dass er entlohnt wird. Doch wenn es ans Bezahlen geht, versuchen viele Kunden, sich vor ihrer Verpflichtung zu drücken oder zumindest einen Zeitverzug herauszuschlagen. Die mangelhafte Zahlungsmoral trifft Freiberufler und mittelständische Handwerker besonders hart. Viele Betriebe besitzen nur eine sehr dünne Kapitaldecke und kalkulieren wegen des hohen Konkurrenzdrucks nur knappe Gewinne. Ein größerer Auftrag, der unbezahlt bleibt, reicht unter Umständen aus, ihnen das finanzielle Rückgrat zu brechen. Die Luft wird schnell dünn, denn die Unternehmer geraten von zwei Seiten unter Druck. Einerseits laufen die monatlichen Kosten für Mitarbeiter,Miete und Arbeitsmaterial weiter, andrerseits reagieren die Banken auf Kreditanfragen oft genug ablehnend. Schätzungen zufolge ist im Baugewerbe jede vierte Pleite auf säumige Schuldner zurückzuführen. Nach einer aktuellen Studie des Inkassounternehmens Intrum Justitia lassen Kunden im Durchschnitt die Zahlungsfrist mehr als zwei Wochen verstreichen, bevor sie sich dazu bequemen, eine Rechnung zu bezahlen. Unter Freiberuflern in der IT-Branche hat das Projektportal “Gulp” eine Umfrage gestartet und dabei auch nach Gründen für den Zahlungsverzug geforscht. Die Antworten kaschieren kaum, dass viele Auftragnehmer bewusst die Schmerzgrenze ihrer Gläubiger austesten. In 26 Prozent der Fälle hieß es, Verwaltungsengpässe seien die Ursache. 24 Prozent der Säumigen gaben an, selbst in finanziellen Schwierigkeiten zu stecken, und 21 Prozent der Auftraggeber hatten die noch offenen Rechnungsbeträge schlicht “übersehen”. Auch der Verband Beratender Ingenieure beklagt sich über mangelhafte Zahlungsbereitschaft. Hauptgeschäftsführer Klaus Rollenhagen sagt: “Es kann nicht angehen, dass gesunde Unternehmen durch das ungerechtfertigte Zurückhalten von Honoraren in die Insolvenz getrieben werden. Zahlungsverweigerung ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine massive Schädigung des Wirtschaftslebens.” Knapp die Hälfte der Verbandsmitglieder hätte im vergangenen Jahr eine Verschlechterung der allgemeinen Zahlungsmoral verzeichnet, mindestens zehn Prozent der deutschen Ingenieursbüros seien deshalb in ernsten wirtschaftlichen Nöten. Schuldnern mangelt es nicht an Phantasie, Argumente für unerledigte Rechnungen zu finden. Handwerkern gegenüber führen sie gern angebliche Mängel bei der Auftragsausführung an. Bis die darauf folgenden Vertragsstreitigkeiten beigelegt sind, vergehen unter Umständen mehrere Monate. So entsteht der Eindruck, als ob manche Auftraggeber bewusst auf eine Firmenpleite spekulieren, um sich ihrer Verpflichtung endgültig zu entledigen. In der Studie “Wirtschaftslage und Finanzierung im Mittelstand” analysierte der Verband “Vereine Creditreform” im Herbst 2004 die aktuelle Lage des Zahlungsverhaltens und der Forderungsausfälle. Die Untersuchung brachte ans Licht, dass sich die Kunden des Mittelstands zunehmend unkooperativ verhalten. Während in 2003 noch 13,5 Prozent der befragten Firmen mangelhafte bis ungenügende Noten vergaben, waren es ein Jahr später 13,8 Prozent. In den zurückliegenden Jahren hatten Unternehmer in Ostdeutschland zwar das anhaltend niedrige wirtschaftliche Niveau beklagt, fanden jedoch an der Pünktlichkeit ihrer Schuldner wenig auszusetzen. Zunehmend macht sich auch dort westdeutscher Schlendrian breit. Die guten Bewertungen im Osten sanken binnen Jahresfrist von 36,7 auf 30,7 Prozent. Inzwischen müssen Mittelständler hinnehmen, dass Forderungsausfälle zum Geschäftsalltag zählen. “Creditreform” fand heraus, dass ein kritischer Punkt erreicht ist, sobald die Ausfälle etwa bei ein Prozent vom Umsatz liegen. Das traf bei fast jedem fünften befragten Unternehmen zu. Rechtsanwalt Arno Metzler, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Freien Berufe, kritisiert in diesem Zusammenhang besonders die öffentlichen Auftraggeber. “Die Zahlungsmoral ist grundsätzlich nicht sehr toll, aber die öffentliche Hand nimmt eine herausragend schlechte Stellung ein”, sagt er. Hiervon sind besonders Bauingenieure betroffen, von denen einige bis zu 80 Prozent von Aufträgen leben, die die Kommunen verteilen. “Tiefbau beispielsweise ist eine Domäne von Bund, Ländern und Gemeinden. Vielleicht gibt es hier und da einen Privatmann, der eine Tiefgarage bauen lässt, aber das fällt zahlenmäßig nicht sehr ins Gewicht.” Aus seiner Praxis berichtet Metzler, dass Ingenieure bei öffentlichen Projekten nicht selten bis zu drei Monaten auf ihr Geld warten müssen. Die Freiberufler stecken in der Klemme, denn sie müssen sich, ob sie wollen oder nicht, mit den Machtstrukturen abfinden. Metzler weiß, dass öffentliche Geldströme zäh fließen, dass Kommunen am Tropf von Ländern und Bund hängen, dass eine Haushaltssperre, die ein Kämmerer empfiehlt, auch den Bauämtern die Hände bindet. “Trotzdem muss man auch die andere Seite sehen, den Freiberufler, der sich abstrampelt und dann für seine Arbeit keinen Lohn erhält.” Erstaunlich sei, sagt Arno Metzler, dass trotz dieser Schwierigkeiten die Insolvenzquote bei Freiberuflern recht niedrig liege. Er erklärt es mit der hohen Flexibilität dieser Berufsgruppen. “Oft zahlen sich die Ingenieure lange Zeit selbst gar kein Gehalt und können nur am Markt bleiben, weil sie zum Beispiel eine Frau haben, die das Geld nach Hause bringt, oder Verwandte, die regelmäßig etwas dazugeben.” Auswege aus der Misere? Metzler zuckt die Achseln. “Man kann versuchen, sich nicht völlig von einem Auftraggeber abhängig zu machen.” Natürlich gibt es rechtliche Instrumente, mit deren Hilfe Mittelständler und Freiberufler versuchen können, die Schuldner zu fristgerechten Zahlungen zu zwingen. Seit Mai 2000 gilt das “Gesetz zur Verbesserung der Zahlungsmoral”. In der Anwendung ist es jedoch kompliziert, oft müssen Gutachter eingeschaltet werden.Die Bundesregierung hat die Lücken erkannt und ist dabei, sie mit Hilfe einer weiteren Vorschrift, dem “Forderungssicherungsgesetz”, zu schließen. Der Bundesrat hat die Initiative aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen passieren lassen, und aus dem Bundesjustizministerium heißt es, das Thema stehe für 2005 auf der Liste der dringend zu erledigenden Vorhaben. Doch Vertreter des Handwerks kritisieren schon jetzt, das Gesetz ziele zwar in die richtige Richtung, gehe jedoch nicht weit genug, weil es eben nicht helfe, Rechtsstreitigkeiten und damit einen langen Verzug fälliger Zahlungen zu vermeiden. Arno Metzler sieht in dem Gesetz überhaupt keine Verbesserung, vor allem, wenn es um öffentliche Auftraggeber geht. Ein Freiberufler könne einem Amt gegenüber selbstverständlich unnachgiebig auf seinen Forderungen bestehen. Die Folgen muss er jedoch selbst tragen.Metzler sagt:”Wer sich beispielsweise in München mit dem Tiefbauamt anlegt, kann anschließend nach Saudi- Arabien auswandern. Er braucht sich nicht einzubilden, in München jemals wieder ein Bein auf den Boden zu bekommen.” Metzler möchte damit nicht die Münchner Administration besonders herausheben, sondern er nimmt sie als ein Beispiel für Machtstrukturen, die in jeder beliebigen Kommune Deutschlands ebenso existieren. So erzählt er von einem Freiberufler, der vor einiger Zeit Metzler aufgesucht hat. Auch in diesem Fall ging es um einen öffentlichen Auftrag, dessen Bezahlung längst überfällig war. Metzler ließ sich die Details von dem Ingenieur erläutern und rief dann in dem zuständigen Amt an. Schon beim ersten Telefonat machte der Mitarbeiter der Verwaltung unmissverständlich klar, dass jede weitere Anstrengung des Ingenieurs, seinen Lohn einzufordern, dazu führen würde, dass er von weiteren Aufträgen ausgeschlossen bliebe.Arno Metzler sagt: “Die eigentliche Schwierigkeit ist also, dass man sich unter Umständen auf diese Weise sein eigenes Wasser abgräbt. Man kann die Situation eigentlich nur erdulden und hoffen, dass sie sich irgendwann bessert, und zwar möglichst bald.”
Bernd Hein

Der Weg aus dem Dilemma

Mit Kultur versüßen wir uns die Arbeit unserer Zivilisierung. Und Bildung hilft uns, uns in einer kulturell gestalteten Welt zurechtzufinden

Zivilisation ist die Arbeit der Menschen an der Angst vor der Natur“, sagt Professor Dr. Harm Kuper, Erziehungswissenschaftler an der Bergischen Universität Wuppertal, Fachbereich Bildungswissenschaften. Für ihn liegt der Ursprung der Zivilisation darin, dass der Mensch sich die Natur untertan und zunutze machen muss. Dem Steinzeitmenschen stellte sich die Natur als Bedrohung, aber auch als Quelle dar. Er hatte Angst vor wilden Tieren und Naturkatastrophen, doch die Natur gab ihm alles auch Nötige zum Überleben.Um die Natur zu nutzen und sich gleichzeitig vor ihr zu schützen, musste der Mensch arbeiten: „Hier liegt der Ursprung der Zivilisation“, erklärt Professor Harm Kuper. Durch Arbeit und Erfahrung; mit Technik und Wissenschaft konnten sich im Laufe der Zeit viele Gesellschaften ein sicheres Leben in einer feindlichen Umwelt schaffen. Die Arbeit an der Natur verlangt Disziplin. Der Mensch kann nicht jedem Impuls sofort nachgeben. Denn damit würde er riskieren, die Kontrolle über die Natur zu verlieren.Auch muss er mit Artgenossen zusammenarbeiten können. Er muss Regeln akzeptieren, die ihn einschränken: „Der Preis für die gebannte Angst ist das Auferlegen eines Selbstzwangs. Das Einhalten von Regeln und der Aufschub der eigenen Lustgefühle konfrontieren den Menschen fortwährend mit seinen spontanen Regungen und seinen Trieben. Für zivilisierte Menschen liegt die Bedrohung daher nicht mehr in einer unkontrollierbaren Außenwelt, sondern sie kommt von innen“, so Professor Kuper. Zivilisation ermöglicht also, grundlegende Bedürfnisse wie Hunger und Schlaf in einem geschützten Raum zu befriedigen. Andererseits hemmt sie den Menschen, innere und spontane Wünsche auszuleben. „Aus diesem Dilemma entsteht Kultur“, erklärt der Wissenschaftler. Mit der Kultur gibt der Mensch den von ihm geschaffenen Dingen einen höheren Wert. Er stattet beispielsweise seine Behausung mit dem aus, was er als schön erachtet. „Der kultivierte Mensch verfügt über Formen der Tätigkeit, mit denen er seine Triebe und Impulse werthaft erhöht, um schöpferische Freude zu empfinden“, sagt Harm Kuper. Kultur ist also ein Mittel, um die Arbeit an der Zivilisation aufzuwerten. Ebenso können durch Kultur verträglichere Formen des Umgangs der Menschen miteinander gefunden werden. „Dadurch wird ein sehr differenziertes Gefüge des Zusammenlebens geschaffen. In diesem Gefüge gründet die Idee der Bildung“, so Professor Kuper und fügt hinzu: „Die Bildung beschreibt das Verhältnis einzelner Menschen zur kulturell gestalteten Welt.“ Bildung beinhaltet demzufolge das Angebot, an dieser Welt teilzuhaben, und befähigt zudem, an ihrer Gestaltung mitzuwirken. „Durch Bildung erarbeiten sich Menschen eine geistige Heimat in der kulturellen Welt“, sagt Harm Kuper. Dennoch bedeutet Bildung nicht, dass durch sie das spannungsreiche Verhältnis des Menschen zur Natur und zu seinen inneren impulsiven und triebhaften Wünschen ausgeglichener würde. Vielmehr können Bildungsideale und kulturelle Werte Ungleichheiten schaffen. Denn Menschen unterscheiden sich durch Bildung. Damit ist zum einen der Schulabschluss gemeint, zum anderen aber auch die Fähigkeit, sich mit den verschiedenen Kulturgütern zu beschäftigen. Auf ganz unterschiedliche Weise kommen Menschen mit ganz verschiedenen kulturellen Formen in Berührung und haben in unterschiedlichster Weise Gelegenheit, sich daran zu beteiligen. Deshalb kann Bildung auch ausgrenzend wirken. „In sehr weit entwickelten Zivilisationen und Kulturen entstehen durch die abgrenzenden Wirkungen von Kultur und Bildung hohe Risiken der Ausgrenzung einzelner Personen“, gibt Professor Kuper zu bedenken. „Obdachlosigkeit etwa ist eine Form der Ausgrenzung, bei der Einzelne den Schutz der Zivilisation verlieren. Die Möglichkeiten, sich an Kultur zu beteiligen, werden reduziert. Die Bedrohungen und Ängste, die eine unzivilisierte Welt, also ein unbehüteter Lebensraum hervorrufen, werden wieder zur Quelle alltäglichen Leidens.“ Professor Kuper ist der Meinung, dass Bildung die Aufgabe hat, Ausschluss zu vermeiden und „Räume der respektvollen Begegnung zu schaffen“ und diese so flexibel zu gestalten, dass jeder Einzelne in ihnen einen Platz finden kann.

Dorothea Büchele

Die Arbeit an der Natur verlangt Disziplin. Für zivilisierte Menschen liegt die Bedrohung daher nicht mehr in einer unkontrollierbaren Außenwelt, sondern sie kommt von innen