„Man muss Optimist bleiben“

Wolfgang Ettlich ist Künstler. Er führte lange eine berühmte Kneipe in Schwabing, das „Heppel & Ettlich“. Bald geht er in Rente. Genau wie viele andere Menschen macht er sich Sorgen, im Alter zu verarmen

Wolfgang Ettlich könnte auf vieles verzichten, nur seine schöne Wohung aufzugeben würde ihm schwerfallen

Wolfgang Ettlich könnte auf vieles verzichten, nur seine schöne Wohung aufzugeben würde ihm schwerfallen

Im Mai werde ich 65. Ein Alter, das ich mir lange überhaupt nicht vorstellen konnte. Erst recht nicht, dass man für diese Zeit vorsorgen sollte: Ich kam 1968 mit ein paar Freunden aus Berlin nach München, wir gründeten in der Elisabethstraße eine der ersten Wohngemeinschaften in Deutschland. Vorsorge für das Alter, eine Lebensversicherung oder eine Eigentumswohnung? Fand ich total spießig, das war etwas für Kapitalisten. Wir wollten frei sein, das Leben in München genießen, ein Leben ohne Mauer und DDR-Grenze. In Berlin hatte ich noch als Briefträger gearbeitet, aber dann verlangten die Chefs, dass wir Uniform tragen und die Haare kurz schneiden sollten. Ausgerechnet in einer Zeit, wo alles um die Frage kreiste: Bist du Beatles- oder Stones-Fan? Also habe ich die Post hinter mir gelassen, wir lehnten damals jede Autorität ab und wollten uns einfach nicht ausbeuten lassen. Es ging schließlich auch ohne festen Job.

Mein Abitur habe ich im Abendgymnasium nachgemacht. Nebenbei fuhr ich Platten aus, zu Diskotheken und Musikläden. So bekam ich Kontakt zur Musikszene und wurde angequatscht, ob ich nicht in einer Kneipe bedienen und auflegen wolle. Und dann waren da noch die Partys, die wir in unserer WG veranstaltet haben, wir hatten regen Zulauf und verdienten ein wenig am Bierverkauf. Bald bot uns jemand an, eine eigene Kneipe zu betreiben; so entstand 1972 das “Jennerwein”. Wir haben schon genossen, plötzlich ein festes Einkommen zu haben, langsam wurden wir selbst wie Kapitalisten. Die Brauerei merkte auch bald, dass unser Laden gut lief, deshalb haben sie uns etwas Größeres angeboten. Eine komische Situation: Alle in unserer WG dachten, wir würden auch diesen Laden wieder im Kollektiv führen, doch Henry Heppel, den wir immer Henni nannten, und ich hatten andere Pläne: Wir wollten das nur zu zweit machen.

1976 haben wir dann das “Heppel & Ettlich” eröffnet, eine Kneipe mit Kulturprogramm. Wir hatten richtig gute Leute, Udo Lindenberg, die Missfits, Helge Schneider, Piet Klocke und wie sie alle hießen. Der “Heppel” war in und voll, bis in die neunziger Jahre, und wir hätten richtig Geld verdienen können, aber das war uns nicht so wichtig. Was wir einnahmen, wurde auch wieder ausgegeben, investiert haben wir kaum. Außer in das Theater, das ich damals am Oberanger aufmachen wollte: Da habe ich sicher 150 000 Mark verbrannt, die ich heute gut brauchen könnte. Aber damals dachte ich noch nicht an das Alter, ich hatte ja noch mein Sportstudium. Da bin ich zwar durchgerasselt, weil ich in der Prüfung beim Turnen vom Reck gefallen bin. Trotzdem nahm die Sache ein gutes Ende: Ich bewarb mich beim Bayerischen Rundfunk als Sportreporter. Weil dort kein Platz war, schickten sie mich in die Jugendredaktion. So blieb ich beim BR hängen und fing später an, Dokumentarfilme zu drehen. Bis heute arbeite ich als freischaffender Filmemacher.

Mir ist also gelungen, was in jungen Jahren unser oberstes Ziel war: selbstbestimmt zu leben, beruflich unabhängig und frei zu sein. Ob das in Zukunft auch noch geht? Es ist ein natürlicher Prozess im Leben, dass irgendwann die “bad news” zunehmen. Der eine Freund ist schon beerdigt, der andere kann keinen Sport mehr treiben. Ich selbst habe bis vor einem Jahr in einer Altherrenmannschaft Fußball gespielt, aber damit aufgehört, genauso wie ich heute nicht mehr Ski fahre, weil ich mir keine Verletzung leisten könnte. Als freischaffender Filmemacher nicht, als Rentner erst recht nicht.

Schon seit einiger Zeit fehlt mir ein Backenzahn, deshalb kaue ich immer auf der linken Seite. Beim Zahnarzt war ich deshalb auch, er gab mir einen Kostenvoranschlag: 5000 Euro. Utopisch! Natürlich mache ich mir schon etwas Sorgen: Was, wenn ich ernsthaft krank werde? Meine Tochter meinte: Egal was passiert, Papa, ich pflege dich. Aber darauf kann man ja schlecht spekulieren, will ich auch nicht, meine Tochter macht gerade Abitur und steht mitten im Leben.

Ich habe sogar angefangen, meine Rentenbescheide genauer anzuschauen: Natürlich habe ich regelmäßig in die Künstlersozialkasse eingezahlt, von der alle freien Autoren, Musiker oder Filmemacher unterstützt werden, aber es sind kaum 1000 Euro, die ich herausbekomme. Wenn ich die Miete für meine Wohnung abziehe, bleibt fast nichts übrig. Deshalb habe ich vor Kurzem die zitty gekündigt, noch ein anderes Abo und leider eine Patenschaft bei der Hilfsorganisation Plan, die ich über dreißig Jahre hatte. Mir hilft, dass ich gelernt habe, mit wenig auszukommen. Wenn ich in Sachen Film unterwegs bin, habe ich kein Problem, auch in meinem Campingbus zu übernachten. Am nächsten Morgen gehe ich ins Dampfbad und fühle mich total entspannt.

Ich könnte auf viel verzichten, außer auf einen Cappuccino im Café ab und zu und natürlich auf meine Wohnung in Schwabing. Um die zu behalten, würde ich auch in unserem Wohnblock als Hausmeister arbeiten. Ich hab schon als kleiner Junge in Berlin Schnee geschippt, Treppen und Geländer geputzt. Die Leute haben mir dann von oben immer Geschenke heruntergeschmissen. Überhaupt will ich arbeiten, solange es geht, die Filmerei macht mir schließlich Spaß. Und das war uns 68ern immer wichtiger, als reich zu werden: Spaß haben, am Leben, an der Arbeit.

Dafür musste ich immer wieder kämpfen und auch etwas riskieren, aber das Risiko hat sich gelohnt. So gesehen ändert sich für mich im Alter gar nicht besonders viel. Man muss nur Optimist bleiben – und halt gesund.