Barbara Makni erlebt die Adventszeit auf der Straße, als Christbaumverkäuferin. Ihre Kunden bringt sie in eine besinnliche Stimmung, dabei kann sie sich selbst das Fest kaum leisten
Weihnachten beginnt für Barbara Makni im Kreisverwaltungsreferat, genauer gesagt in der Bezirks-inspektion Nord, Leopoldstraße 202. Dort füllt sie im Herbst ein Formular aus, zahlt zweihundert Euro und zeigt ihren Personalausweis vor. Dann hat sie die „Überlassung eines Verkaufsplatzes“ erfolgreich beantragt und kann loslegen.
„Meinen kleinen Wald“ nennt sie die Nadelbäume, die sie vier Wochen lang auf einer Verkehrsinsel am Schwabinger Kurfürstenplatz aufstellt. Es sind sechzig bis siebzig Nordmanntannen, vom Großhändler geliefert. „Wenn das Geschäft gut läuft, bestelle ich eine zweite Fuhre“, sagt sie. Billig sind die Bäume bei ihr nicht, ein mittelgroßer kostet um die sechzig Euro, einen kleinen gibt es schon für fünfundzwanzig Euro. Dafür verspricht die Händlerin „beste Qualität“, während andere, günstigere Bäume schon am ersten Feiertag zu nadeln beginnen.
Barbara Makni trifft bei ihrer Arbeit die unterschiedlichsten Menschen. Manche Stammkunden fragen schon Wochen vorher, wann denn endlich die Bäume da seien. Andere bezahlen, lassen dann aber die Ware bis kurz vor Weihnachten bei ihr stehen. Weil sie keinen Platz in der Wohnung haben. Und dann sind da noch diejenigen, die zwar jeden Tag vorbeigehen, aber immer wieder sagen: „Dieses Jahr holen wir uns keinen Baum. Die sind viel zu teuer geworden.“ Aber dann, kurz vor Heiligabend, kaufen sie doch einen. Vielleicht, weil die Kinder sie dazu überredet haben, vermutet Frau Makni. „Man kann auf alles verzichten: Geschenke, Gänsebraten – aber ein Tannenbäumchen, das muss schon sein.“
Barbara Makni verkauft nicht nur Bäume, sie stutzt störrische Äste, bindet lose Zweige zu Gestecken, wuchtet Zwei-Meter-Tannen in Christbaumständer. Es gibt nicht viele Frauen, die das machen. Sie sagt, dass sie die Bäume liebt, ihren Geruch vor allem. Genau wie andere Menschen verbindet auch Barbara Makni eine Menge schöne Erinnerungen an ihre vergangenen Kindheitstage damit. An die Zeit, als sie mit ihrem Vater und den Geschwistern drei, vier Wochen lang immer wieder durch die kroatischen Wälder streifte, um nach dem perfekten Baum für das Fest zu suchen.
Es ist ihr dreiundvierzigstes Weihnachten, seit sie im Januar 1969 aus dem damaligen Jugoslawien nach München kam. Vier Wochen vor ihrem achtzehnten Geburtstag war das. Sie wohnte zuerst am Hohenzollernplatz, und nun, seit 1977, lebt sie in der Kaiserstraße – also gleich ums Eck von ihrem Christbaumplatz. Das Wohnhaus ist gerade saniert worden, die meisten Appartements wurden verkauft. Viele Nachbarn zogen aus. Das Ehepaar Makni durfte bleiben, muss aber mehr Miete zahlen.
Das Geld war schon vorher sehr knapp. Als die Feinkostfirma, in der sie als Verkäuferin arbeitete, insolvent ging, war sie arbeitslos. Jetzt arbeitet sie als Putzfrau auf 400-Euro-Basis und bekommt dazu nur eine kleine Rente, während ihr Mann noch immer mit den Folgen eines Schlaganfalls kämpft. „Als Rentner müssen Sie beten, dass Sie in dieser Stadt nicht schwer krank werden“, sagt sie. Ihre drei Kinder sind erwachsen. „Wenn ich die nicht hätte, wäre es viel schlimmer.“
Die Kinder bezahlten vor ein paar Jahren schon eine Rechnung für sie, beim Finanzamt. Der Fiskus wollte eine große Summe von ihr haben, wegen des Christbaumverkaufs. Ihre Einnahmen als Selbständige wurden für ein ganzes Jahr geschätzt, dabei läuft das Geschäft mit den Bäumen nur vier Wochen im Advent, das hätte auch den Beamten klar sein müssen. Reich wird sie ohnehin nicht dabei. Vergangenes Jahr hat sie gerade mal neunundzwanzig Euro verdient. Nicht pro Baum. Sondern insgesamt. Sie hatte sich bei der Bestellung verschätzt und zu viele Bäume eingekauft. Am Ende blieben neununddreißig Stück übrig, die ihr niemand mehr abnahm. Für die Entsorgung ist sie selbst verantwortlich. Die Konkurrenz sei heutzutage auch viel zu groß, meint sie. Wer sparen wolle, gehe zum Discounter oder fahre in den Baumarkt und hole sich dort seine Tanne. Die kleinen Straßenhändler leiden unter dem Preisdumping, wie so oft.
Angefangen mit dem Geschäft hatte ursprünglich ein ungarischer Bekannter ihres Mannes. Herr Makni, geboren in Tunesien, half seinem Freund und übernahm den Verkauf irgendwann. Dann erlitt er den Schlaganfall, seitdem steht Barbara Makni jeden Winter ganz allein am Kurfürstenplatz. Zwölf, dreizehn oder vierzehn Jahre ist das mit der Erkrankung ihres Mannes nun schon her, so genau weiß sie das nicht mehr.
Ihren Verkaufsplatz hält sie für „den schönsten in der Stadt“. Auf der einen Seite brausen Autos vorbei, auf der anderen kreuzen sich zwei Trambahnlinien. Schüler und Studenten sind unterwegs, Mütter mit Kinderwägen, Büroangestellte. Und Menschen, die man beim flüchtigen Vorbeigehen vielleicht übersieht. Nicht aber, wenn man wie Barbara Makni jeden Tag von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends auf der Straße steht.
Der ältere Herr an der Trambahnhaltestelle, der schon die dritte Bahn vorbeifahren lässt, weil er in Wahrheit nirgendwohin muss, sondern es nur nicht den ganzen Tag allein zu Hause aushält. Das junge Pärchen, das zunächst noch ganz normal grüßt und höfliche Worte mit ihr wechselt, dann für ein paar Minuten auf der öffentlichen Toilette nebenan verschwindet. „Die kommen gleich völlig verändert wieder“, weiß Barbara Makni, „das sind Junkies, die kenne ich schon. Besonders an Weihnachten, da siehst du hier alles.“
Über die Jahre hat sie ihren Blick geschärft, und selbst während sie von ihren Bäumen und der bevorstehenden Weihnachtszeit erzählt, verpasst sie nichts. Sechzehn Leute zählt sie nach und nach in einem Blumenladen auf der Verkehrsinsel, auf der sie bald auch mit ihren Bäumen stehen wird. „Keiner kauft etwas. Schwere Zeiten.“
Und dann, sagt sie leise, sei da auch noch diese lustige Geschichte von einem besonderen Fund, der ihr ein schönes Fest bescherte, die müsse sie unbedingt noch erzählen. Damals, als die Leute noch Telefonzellen benutzten, ließ ein Geschäftsmann eine Aktenmappe auf der Ablage vor dem Hörer liegen. Barbara Makni machte sie auf und schaute hinein: lauter Geldscheine. Sie trug die Tasche zur Sparkasse gegenüber. Und tatsächlich meldete sich dort jemand, der nach seinen 18000 Mark suchte. Als Finderlohn bekam die ehrliche Christbaumhändlerin eine Flasche Champagner und 500 Mark, die ihr der erleichterte Herr vorbeibrachte.
In diesem Jahr hofft sie auf ein gutes Geschäft – und natürlich auf einigermaßen gutes Wetter, am besten für sie und ihre Kollegen wären viele sonnige Tage. Kälte und Schnee findet sie gar nicht so tragisch. „Ein, zwei Tage, dann hat sich der Körper dran gewöhnt. Aber Regen ist schlimm.“ Aufmerksame Nachbarn, die Barbara Makni schon lange kennen oder Passanten, die sehen, dass alle Christbaumverkäufer stundenlang im Freien stehen, bringen ihr manchmal eine Thermoskanne mit heißem Tee vorbei oder ein paar Lebkuchen.
Einigen älteren Kunden liefert Barbara Makni die Bäume auch bis zur Haustür. Mit ihrem eigenen Auto? „Nein“, sagt sie und lacht. „Mit einem Einkaufswagen vom Penny-Markt.“





