In der Jugendwohngemeinschaft der Initiativgruppe gehört Toleranzüben zum Alltag
In einer Wohngemeinschaft mit jungen Männern zu leben ist für die 21- jährige Nadia* nach wie vor alles andere als selbstverständlich – selbst nach vier Jahren noch. „In Afghanistan ist es undenkbar, dass ein Mädchen allein ohne den Schutz der Familie oder eines Ehemannes lebt und schon gar nicht, dass sie mit fremden Männern zusammen wohnt“, erzählt sie. Ihre Familie in Afghanistan will mit Nadia nichts mehr tun haben, weil sie damals nicht nur das Land, sondern auch ihren gewalttätigen Ehemann verlassen hat. „Als ich meine Familie angerufen habe, hat meine Mutter zu mir gesagt: ‚Du bist nicht mehr meine Tochter! Dein Vater hat mich auch geschlagen. Das ist normal und kein Grund, seinen Ehemann zu verlassen!‘ Meine Brüder haben mich am Telefon beschimpft und gesagt, ich solle mich nie mehr melden.Als ich es doch wieder versucht habe, habe ich sie nicht mehr erreicht – sie haben wahrscheinlich die Nummer gewechselt. Im Moment weiß ich gar nichts über sie.“ Und sie nichts über Nadia. Denn die Adresse der Jugendwohngemeinschaft (JWG) der Initiativgruppe e.V. ist nirgendwo verzeichnet und wird auch bei telefonischer Nachfrage nicht herausgegeben. „Unser Projekt ist für junge Erwachsene gedacht, die noch zur Schule gehen oder eine Ausbildung machen und deren Konflikte mit den Eltern bereits so eskaliert sind, dass sie unmöglich weiterhin mit der Familie zusammenleben können“, erklären die Sozialpädagogen Matthias Königer und Katharina Volland de Flores, die die WG betreuen. Gründe hierfür können unter anderem Probleme mit dem neuen Partner, der neuen Partnerin mit Mutter oder Vater sein. Einige der Bewohnerinnen und Bewohner haben in der Familie Gewalt erfahren oder Missbrauch erlebt. Manche leben ganz allein in Deutschland, weil sie die Eltern im Krieg verloren haben oder diese ins Heimatland zurückgekehrt sind. Bei anderen führen unterschiedliche Vorstellungen vom Leben zum Bruch mit der Familie. „Wir erleben zum Beispiel immer wieder, dass in ausländischen Familien die Notwendigkeit einer Ausbildung – besonders für Mädchen – nicht eingesehen wird“, weiß Matthias Königer. „Dazu kommt, dass sich die familiären Strukturen durch die Migration oftmals verschieben: Weil sich die Kinder in Deutschland meist besser zurechtfinden als die Eltern und die Sprache schneller erlernen, erledigen viele schon sehr früh Behördengänge, füllen Formulare aus und übernehmen dadurch zunehmend die Elternrolle, was langfristig häufig zu massiven Konflikten innerhalb der Familie führt.“ Die Wohngemeinschaft bietet den nötigen Raum, um Abstand zu gewinnen, die Lebenssituation und mögliche Zukunftsperspektiven zu überdenken, sich in Ruhe auf die Schule oder den Ausbildungsplatz konzentrieren zu können und gegebenenfalls eine Lösung für die Konflikte mit den Eltern zu finden.„ Manche brauchen nur einen kleinen Anstoß und eine kurze Ruhephase und verlassen die WG nach wenigen Monaten wieder“, erzählt Katharina Volland de Flores. „Andere, wie Nadia, benötigen über mehrere Jahre Unterstützung und sozialpädagogische Betreuung.“ Nadia konnte weder lesen noch schreiben, als sie aus der Asylunterkunft, in der sie ein Jahr gelebt hatte, in die WG kam.„Unter dem Taliban-Regime in Afghanistan war es Mädchen verboten, eine Schule zu besuchen“, erklärt sie. Mit Hilfe von Katharina Volland de Flores und Matthias Königer wurde eine afghanische Lehrerin für sie gefunden, die ihr zwei- bis dreimal pro Woche Einzelunterricht in Deutsch gab und als Dolmetscherin zwischen Nadia und den Pädagogen fungierte. Darüber hinaus belegte Nadia erst einen Alphabetisierungs- und dann einen Deutschkurs in der Initiativgruppe e.V., die es ihr schließlich ermöglichten, in ein Schulprojekt für Flüchtlinge zu wechseln. Erklärtes Ziel des Wohnprojekts ist es, die jungen Erwachsenen auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten. Ein gewisses Maß an Selbstständigkeit, vor allem aber der Wille zur Mitarbeit und Kooperation mit den Pädagogen werden dabei vorausgesetzt. WG-Leben heißt hier nämlich auch, den eigenen Haushalt führen, die oftmals begrenzten finanziellen Mittel einteilen und den eigenen Alltag gestalten lernen. „Die meisten leben zum ersten Mal allein und haben keine oder wenig Erfahrung mit der Organisation eines Haushalts. Ob Einkaufen, Kochen oder Putzen, die Bedienung der Waschmaschine oder Renovierungsarbeiten – vielen müssen solche praktischen Fertigkeiten erst vermittelt werden.“ Und nicht nur das: Manch einer muss sich da erst von seinem traditionellen Rollenverständnis verabschieden. „Für die Organisation und Reinhaltung der Wohnung gibt es Dienstpläne. Dort wird geregelt, wer wann welche Aufgaben zu übernehmen hat“, erklärt Matthias Königer, „und das betrifft natürlich alle – Männer wie Frauen“. Das Recht, mitzubestimmen und mitzuwirken innerhalb der Wohngemeinschaft, bietet ihnen den Rahmen, gleichberechtigtes Zusammenleben ganz praktisch zu erlernen: indem sie gegenüber ihren Mitbewohnern Toleranz und Rücksicht üben und trotzdem wagen, sich Konflikten zu stellen, sie offen auszutragen und gemeinsame Lösungen zu finden oder ihre Interessen zu vertreten und diese einzeln oder gemeinsam durchzusetzen. Und Konfliktpotenzial birgt der WG-Alltag reichlich, sei es durch unterschiedliche Auffassungen über Werte und Normen oder die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Entsprechend der Ziele der Initiativgruppe e.V. setzt daher auch die Arbeit in den Wohngemeinschaften einen interkulturellen Ansatz voraus. „Das heißt, es werden nicht nur unterschiedliche allgemein menschliche, sondern auch kulturspezifische Bedürfnisse berücksichtigt“, erläutert Matthias Königer. „Die kulturelle Herkunft jedes Einzelnen wird positiv bewertet, da sie den jungen Erwachsenen Identität gibt. Ebenso werden die Muttersprache und spezifische kulturelle Ausdrucksformen akzeptiert,Neugierde und Lust auf kulturelle Vielfalt werden geweckt. Das bedeutet auch, Unterschiede zu erkennen und zu benennen, Irritationen zuzulassen und gleichzeitig Vorurteile, Stereotypen und rassistische Denkweisen abzubauen, Toleranz zu üben, Gemeinsamkeiten zu entdecken und gegebenenfalls das eigene Rollenverhalten zu reflektieren und durch neue Erfahrungen und Lernprozesse zu verändern.“ Nadia findet es schon manchmal schwer, sich gegenüber ihren männlichen Mitbewohnern zu behaupten und nicht in altes Rollenverhalten zurückzufallen: „Wenn das Badezimmer oder die Küche schmutzig sind, dann putze ich das meistens – egal, wer auf dem Plan steht. Die Betreuer meinen zwar, ich soll das nicht machen, aber ich bin das einfach so gewohnt. Zu Hause in Afghanistan habe ich den ganzen Tag nichts anderes gemacht als gewaschen, gekocht und geputzt. Außerdem streiten die Jungs dann nur.Und ich will nicht, dass es deshalb Ärger gibt.“ Matthias Königer und Katharina Volland de Flores sind sich der inneren Zerrissenheit speziell junger Frauen mit muslimischem Hintergrund durchaus bewusst. So hatte sich Nadia bei einem Seminar der Jugendwohngemeinschaft in Berlin extrem von der Gruppe zurückgezogen, hat weder mit den anderen die Disco besucht noch sich zusammen mit männlichen Teilnehmern fotografieren lassen, weil sie fürchtete, dass ein ebenfalls teilnehmender afghanischer junger Mann ihr – nach afghanischen Wertvorstellungen – unangemessenes Verhalten der afghanischen Gemeinde mitteilen und sie dadurch in Verruf bringen könnte. Die Betreuer Matthias Königer und Katharina Volland de Flores konnten den Teilnehmer in einem Gespräch davon überzeugen,Nadias Anonymität zu wahren und ihr besonderes Schutzbedürfnis – inzwischen lebt auch ihr Exmann in Deutschland – zu respektieren. Die Betreuer haben aber noch viel mehr für sie getan: Sie haben ihr Selbstbewusstsein gestärkt und sie darin unterstützt, für ihre Rechte einzustehen. „Sie helfen mir wirklich sehr und sind immer für mich da. Aber ich will auf eigenen Füßen stehen.“ Und das muss sie auch: Im Januar muss Nadia ausziehen – die Jugendhilfe ist dann beendet und eine Verlängerung von Nadias Aufenthalt in der WG ist nicht geplant. „Ich muss also dringend eine Arbeit und eine Wohnung finden. Dabei habe ich noch nicht einmal eine Arbeitserlaubnis. Aber ich schaffe das schon irgendwie.“ Der Auszug aus der WG bedeutet für alle Bewohner Abschied aus gewohnten Lebensverhältnissen und den Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Die jungen Erwachsenen dabei zu unterstützen – sei es bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche oder im Umgang mit Ämtern und Vermietern – betrachtet man im Wohnprojekt der Initiativgruppe e.V. als selbstverständlich. „Ziel unserer Arbeit ist es, dass der Übergang von der Jugend-WG in die eigene Wohnung für die Jugendlichen funktioniert und die Grundbedürfnisse Wohnen und Lebensunterhalt für ihre nächste Zukunft gesichert sind.
Daniela Walther
KONTAKTADRESSE Die Jugend-WG ist für junge Erwachsene zwischen 18 und 21 Jahren, die eine Schule besuchen, eine Ausbildung machen oder die Absicht haben, dies zu tun. Das Angebot umfasst die sozialpädagogische Beratung und Unterstützung in Ausbildungsfragen sowie die individuelle Hilfe in persönlichen Angelegenheiten. Die Zuweisung erfolgt über das Jugendamt.
IG – InitiativGruppe e.V. Interkulturelle Begegnung und Bildung
Karlstraße 50
80333 München
Telefon 544 671-0
Internet www.initiativgruppe.de
* Name geändert





