Um nicht ins Hintertreffen zu geraten, werden manchmal bereits die Kleinsten von ihren Eltern gepuscht
Mittwochs hat Benedikt* keinen Termin. Alle anderen Wochentage sind belegt. Am Montag ist Turnen, dienstags macht Benedikt Musik. Am Donnerstag ist er beim Schwimmen, und freitags geht er nach dem Miniclub zur Ergotherapie. Benedikt ist knapp zweieinhalb Jahre alt. „Das ist ziemlich stressig, auch für mich“, sagt Susanne*, Benedikts Mutter. Seit einigen Monaten arbeitet sie wieder stundenweise. Geplant ist eine gleitende Rückkehr aus der Elternzeit in den Beruf. Deshalb muss Susanne ihre eigenen Termine mit dem Kalender ihres Kindes abstimmen. „Das geht ganz gut, aber vielleicht bin ich ja auch privilegiert, weil ich mir als freiberufliche Architektin den Job eigentlich so einteilen kann, wie ich es brauche“, sagt sie. Lediglich für Konferenzen mit Auftraggebern fährt sie ins Büro. Den Hauptteil der Arbeit legt sie auf die Abende, in die Zeit, wenn Benedikt schon im Bett ist. An den Wochenenden kann sie auch mal ein paar Stunden am Stück vor dem Bildschirm sitzen bleiben, weil sich ihr Mann um das Kind kümmert. Manchmal denkt Susanne, dass der Wochenplan ein bisschen zu viel für ihren Sohn sein könnte. „Vor allem morgens muss es bei uns zack, zack! gehen“, sagt sie. Benedikt würde öfter gern noch ein paar Minuten länger im Bett liegen bleiben, um sich langsam an den Tag zu gewöhnen, oder im Schlafanzug durchs Zimmer hüpfen. Doch diese Muße ist nicht eingeplant. „Ich will nicht, dass er etwas verpasst“, sagt sie. „Es ist mir sehr wichtig, Benedikt mit anderen Kindern zusammenzubringen, damit er sein Sozialverhalten trainiert und lernt, sich in einer Gruppe durchzusetzen.“ Die Mutter ist davon überzeugt, dass Gleichaltrige sich auf eine viel direktere und sehr nachhaltige Weise gegenseitig formen. „Ich habe ohnehin schon ein oder zwei Termine gestrichen. Vor ein paar Monaten ist Benedikt zusätzlich in einer Malschule angemeldet gewesen. Jetzt bin ich wirklich beim Minimum. Das sind alles Gruppen, die meinem Kind entweder selbst ganz viel Spaß machen, oder es geht um Bereiche, in denen ich ihn fördern möchte. Die Ergotherapie machen wir zum Beispiel auf einen Vorschlag unserer Kinderärztin hin, weil sie bei einer Untersuchung festgestellt hat, dass die Auge- Hand-Koordination ein bisschen Unterstützung nötig hat.“ Susanne ist davon überzeugt, sofort mitzubekommen, wenn Benedikt überfordert wäre. „Ich glaube nicht, dass Kinder so schnell an ihre Belastungsgrenzen kommen. Sie haben schließlich einen natürlichen Bewegungsdrang und sind immer neugierig auf neue Situationen“, sagt sie. „In ein paar Monaten beginnt ohnehin der Kindergarten, und dann hat er ganz regelmäßig jeden Tag seinen festen Termin. Deshalb sind die Gruppen eine ganz gute Vorbereitung.Außerdem verhindern sie, dass meinem Kind langweilig wird.“ Langeweile, das verbindet die 35-jährige Mutter mit der Erinnerung an ihre eigene Kindheit. „Ich bin in einem Dorf groß geworden. Da gab es nichts.Na ja, jedenfalls nicht sehr viele Angebote für kleine Kinder. Ich weiß noch genau, dass damals die Sommerferien wie eine schier endlose Zeitspanne vor mir lagen. Schon ein einzelner Tag nahm fast kein Ende.Mein Vater war bei der Arbeit, auch die Mutter war beschäftigt – und ich sollte mir selbst irgendein Spiel einfallen lassen.“ Susanne erzählt, dass ihre Mutter immer nur wiederholte, sie solle doch mal schauen, ob eines der Nachbarskinder auf dem Spielplatz sei. „‚Denkt euch gemeinsam was aus‘, sagte sie, damit war das Thema für sie abgehakt“, berichtet Susanne. Susanne hat sich vorgenommen, ihrem Sohn mehr Attraktionen zu bieten. „Das ist natürlich in einer Stadt wie München einfacher.Andrerseits kann ich den Benedikt hier nicht einfach zum Spielen in den Garten schicken,weil wir nämlich gar keinen Garten haben.“ Sie ist überzeugt, dass leere Zeiträume, in denen es weder ein Programm noch irgendwelche dringenden Erledigungen gibt, von ganz allein entstehen. „Darum muss ich mich nicht kümmern. Ich sehe auch für mich persönlich die Aufgabe eher darin, die Zeit mit möglichst sinnvollen Beschäftigungen zu füllen.“ Sie sagt, es gehe ihr dabei vor allem darum, Benedikt auf das künftige Leben vorzubereiten „Ich sehe es doch an mir selbst. In meinem Beruf muss ich gleichzeitig an tausend verschiedene Sachen denken und vielen Anforderungen gerecht werden. Alles passiert zur gleichen Zeit.“ Susanne ist überzeugt, dass das Leben schneller geworden ist, dass sich die Fähigkeiten der Menschen verändert haben und auch die technischen Hilfsmittel ständig auf den Geschwindigkeitshebel drücken.„Wir alle müssen heute viel produktiver sein als noch vor ein paar Jahrzehnten, und das bedeutet, ganz beweglich und immer aufmerksam zu bleiben. Wenn ich meinen Sohn künstlich davon abschotte, bringe ich ihn in eine sehr ungünstige Ausgangslage.“
An mehreren Orten gleichzeitig
Der 27-jährige Informatikstudent Peter* findet es völlig selbstverständlich, zu jeder Zeit mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. „Wenn ich Auto fahre, kann ich doch Musik hören, telefonieren und mit meinem Kumpel auf dem Beifahrersitz quatschen“, sagt er. „Das ist doch ganz normal. Und unhöflich finde ich es auch nicht, weil mein Kumpel auf jeden Fall auch telefonieren oder eine SMS schreiben würde.“ Ein typischer Samstagabend besteht für Peter nicht aus Party, sondern aus ständigen Anrufen und Ortswechseln. „Das ist für mich ganz klar.An jedem Wochenende gibt es mindestens 15 bis 20 Orte, an denen ich mir vorstellen könnte, zu sein, weil da ein paar von meinen Kollegen sind. Überall kann ich aber nicht hingehen. Deshalb versuche ich, möglichst genau herauszufinden,wo die beste Stimmung ist, wo es sich am meisten lohnt.“ Um an diese Informationen zu kommen, telefoniert Peter fast ununterbrochen – auch wenn er gerade erst angekommen ist.Manchmal ist es dort, wo er sich befindet, so laut, dass er nicht telefonieren kann. Dann geht er raus, quatscht eine Weile, geht wieder hinein, tippt eine SMS, redet ein bisschen mit den Leuten, die gerade da sind – sofern die nicht selbst telefonieren. „Eine halbe Stunde“, schätzt Peter, bleibt er an solchen Abenden an einer Stelle. Dann fährt er weiter. Oft begleiten ihn dabei Leute, die er nicht einmal besonders gut kennt. „Das ist manchmal ganz spannend, weil die dann vielleicht von einer Party gehört haben, von der ich nichts wusste. Dann fahr ich ganz spontan in eine neue Richtung.Meistens weiß ich am Anfang des Abends nicht, was alles passieren wird.“
Bernd Hein
In Ruhe lassen
„Kinder haben einen ganz eigenen Rhythmus, und der ist meistens sehr viel langsamer, als es die Eltern erwarten“, weiß Ergotherapeutin Elisabeth Khuen-Belasi. Sie plädiert für Ruhepausen, in denen Kinder Dinge vertiefen, die sie zuvor gelernt haben. Selbst bei Säuglingen sei das Gefühl der Langeweile eine sehr wichtige Erfahrung, denn nur, wenn die Kinder auch eine Zeit lang auf sich konzentriert sind, können sie Ideen aus sich selbst heraus entwickeln. „Kinder erwerben auch ihre Fähigkeiten in einer ganz individuellen Geschwindigkeit und Reihenfolge“, so Khuen-Belasi. Darauf wies bereits die Pädagogin Maria Montessori hin, als sie sagte, dass Kinder sich die Beschäftigungen suchen, die zu der Fähigkeit passen, an der sich im Moment ein Entwicklungsschub vollzieht. „Ein zweijähriges Kind kann eigentlich nicht an einer Treppe vorbeigehen, ohne ein Stück weit hinaufzusteigen. Sein Körper verändert sich so schnell, dass die Stufen an jedem Tag ein ganz neues Erlebnis und eine neue Herausforderung darstellen. Solche Wiederholungen der immer gleichen Vorgänge bringen das Kind in seinem Kenntnisstand über die Welt weiter“, erklärt die Ergotherapeutin. Wenn ein siebenmonatiger Säugling permanent alle Dinge, die er zu fassen bekommt, auf den Boden wirft, dann sollten Eltern ihm dafür den nötigen Freiraum lassen. Durch das Hinabwerfen lernt das Kind etwas über die Erdanziehung. Khuen-Belasi weist darauf hin, dass es „auch wichtig ist, Kinder in ihrem Tun nicht zu unterbrechen“, und fügt hinzu: „Ein Überangebot an Reizen, die von außen kommen, kann zu einer verminderten Konzentrationsfähigkeit und in der Folge zu Sprunghaftigkeit führen.“
beh
* Name geändert




