Arm trotz Arbeit: Beschäftigte im Niedriglohnsektor
Kurierfahrer, Putzfrauen, Wachmänner, Küchenhilfen und Verkäufer: In diesen Berufen arbeiten immer mehr Menschen für Löhne, die nicht einmal für Miete und Lebensmittel reichen. Im Niedriglohnsektor werden beispielsweise bei Frisören nur rund fünf Euro pro Stunde bezahlt. Ganz offiziell, ganz legal. „Ich bekomme einen Stundenlohn von sechs Euro. Jeder kann sich ausrechnen, dass man damit in München kaum über die Runden kommt“, sagt Thomas Lesler, der als sogenannte Servicekraft in einer Gaststätte in der Nähe des Hauptbahnhofs arbeitet. Sein Lebensstandard liegt nur einen Hauch über dem eines Hartz- IV-Empfängers.
„Meine Wohnung teile ich mit zwei Kollegen, und zu essen gibt es nur das Billigste vom Supermarkt. Biergarten oder Kneipe sind nicht drin, ebenso wenig, wie mal auf ein Konzert zu gehen. Kino ist schon Luxus, den ich mir vielleicht zweimal im Jahr leiste“, meint der 31-Jährige und klingt dabei etwas verbittert. Seine Einkommensverhältnisse sind kein Einzelfall: Im Hotel- und Gaststättengewerbe gelten fünf bis acht Euro pro Stunde für Ungelernte als durchaus normal. Nicht viel besser sieht es in der Textilindustrie und im Einzelhandel aus: Dort werden Stundenlöhne von sieben bis zehn Euro bezahlt. Seit Mitte der 1990er-Jahre wächst der Niedriglohnsektor in Deutschland kontinuierlich. Stundenlöhne von unter 9,61 Euro fallen in diese Kategorie – somit gelten zwischen acht und neun Millionen Menschen als Niedriglohnempfänger.Darunter zwischen zwei und vier Millionen Vollzeitbeschäftigte, die mit einem Lohn von weniger als 50 Prozent des Durchschnittsverdiensts auskommen müssen. Mehr als eine Million Beschäftigte verfügen über ein so geringes Einkommen, dass sie zusätzlich Arbeitslosengeld II erhalten.
Teilzeit- und Minijobs machen über die Hälfte der Jobs im Niedriglohnsektor aus. Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi sind die Niedriglöhne deutlich gesunken, nämlich um knapp 14 Prozent im Zeitraum von 1995 bis 2006. Arm trotz Arbeit, das ist für viele mittlerweile bittere Realität. Hauptsache, kein Hartz IV! Arm trotz Arbeit: Beschäftigte im Niedriglohnsektor Warum akzeptieren immer mehr Menschen Niedriglöhne? Zunächst gilt oft: Jede Form von Arbeit und jede noch so schlechte Bezahlung sind zumutbar. Doch wären aus Sicht eines schlecht bezahlten Arbeiters Leistungen nach Hartz IV nicht bequemer? Manchmal verhält es sich aber genau umgekehrt: „Ganz eindeutig erzwingt Hartz IV wegen der geänderten Zumutbarkeitsregeln die höhere Bereitschaft von Arbeitslosen, einen schlecht bezahlten Job anzunehmen“, sagt Dr. Claus Schäfer vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Seiner Meinung nach liegen die Hartz-IV-Erfinder mit der Forderung falsch, Arbeitslose müssten zur Arbeit gezwungen werden. „Für 1-Euro-Jobs melden sich mehr Bewerber, als es Stellen gibt, obwohl sie so schlecht bezahlt werden.
Mit Arbeit verbindet man noch anderes als Einkommen. Und tatsächlich sind nahezu drei Viertel der Beschäftigten im Niedriglohnsektor Qualifizierte mit einer Berufs- und sogar Hochschulausbildung“, so Schäfer. Für Thomas Lesler, den 6-Euro-Arbeiter, bedeutet Arbeit „Bestätigung und Anerkennung“, auch wenn sie schlecht bezahlt wird. „Außerdem sind mir soziale Kontakte wichtig. Und wen sollte ich schon kennenlernen, wenn ich arbeitslos bin?“, fragt der Kellner und Küchenputzer. Auf dem Arbeitsmarkt lassen sich folgende Trends ausmachen: Arbeitssuchende sind nicht mehr wählerisch und nehmen oft die ersten (Niedriglohn-)Jobs an, die sie bekommen können. Arbeitgeber wählen angesichts des großen Angebots an Bewerbern die Qualifizierten aus. Hinzu kommt der Druck durch Hartz IV und damit die grundsätzliche Bereitschaft, schlecht bezahlte Stellen anzunehmen, weil sonst die Offenlegung der individuellen persönlichen Finanzen und nach einjähriger Arbeitslosigkeit der Absturz auf Sozialhilfeniveau drohen.
Hartz IV funktioniert in diesem Zusammenhang offenbar als Drohkulisse. Die Jobsuche hat sich grundlegend verändert. „Der Suchprozess setzt früher ein und verläuft intensiver als noch vor fünf oder zehn Jahren“, sagt Ottmar Schader von der Münchner Arbeitsgemeinschaft für Beschäftigung (Arge) und ergänzt: „Die meisten Arbeitnehmer verhalten sich marktwirtschaftlich, kümmern sich frühzeitig um Anschlussjobs und rechnen bei niedriger Qualifikation damit, in entsprechend niedrigen Einkommensbereichen zu landen.“ Die Arbeitsmarktreformen haben jedoch auch positive Folgen. Zweifellos ist der Arbeitsmarkt in den vergangenen zwei Jahren in Schwung gekommen. Die Arbeitslosenzahl sank von über 5 auf rund 3,9 Prozent. „Seit dem Jahr 2006 vermitteln wir auch Langzeitarbeitslose wieder schneller in Beschäftigung. 2007 hat die Arge München beispielsweise 11 000 Arbeitslose in sozialversicherungspflichtige Jobs integriert“, so Schader. Doch diese Daten verstellen bisweilen den Blick auf die Schattenseite der Entwicklung: Viele der neuen Jobs sind schlecht bezahlt, und die Beschäftigten haben kaum noch Rechte.
Eine neue Unterschicht aus arbeitenden Armen sei entstanden,monieren Kritiker. Im Zuge der neuen Sozialgesetzgebung nach Hartz IV sind mehrere Einschränkungen für Arbeitgeber aufgehoben worden. Die Folge: Zeit- und Leiharbeit boomen. Nicht zuletzt, weil Leiharbeiter jederzeit kündbar sind.Unter den zehn Unternehmen, die 2007 die meisten neuen Jobs geschaffen haben, stammen vier aus der Zeitarbeitsbranche. Die drei Zeitarbeitsverbände haben sich mit der Gewerkschaft auf Mindeststundenlöhne zwischen 7,31 und 7,51 Euro geeinigt. Das ist oft nur der Hälfte der durchschnittlichen Tariflöhne für regulär Beschäftigte. Vielen Arbeitssuchenden bleibt keine Wahl, sie müssen diese Löhne akzeptieren. Die Hoffnung auf eine Festanstellung erfüllt sich eher selten: Nur 15 bis 30 Prozent der Leiharbeiter schaffen den Sprung ins Stammpersonal. Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten nimmt seit zehn Jahren deutlich zu:Waren es 1996 noch 7,3 Millionen, sind es heute bereits knapp zwölf Millionen, die zu meist schlechteren finanziellen Konditionen tätig sind.
Auch die Zahl der Selbstständigen stieg im gleichen Zeitraum: von 3,7 auf 4,4 Millionen. Wobei inzwischen nahezu jeder kleine Subunternehmer als Selbstständiger in der Statistik auftaucht. Thomas Lesler erarbeitet sich als Servicekraft rund 1100 Euro brutto im Monat. „Wenn man diesen Lohn sieht, fragt man sich natürlich schon, ob das alles Sinn macht. Aber Nichtstun kommt für mich nicht infrage. Und ich habe auch keine Lust, wegen Hartz IV mein Privatleben und mein Konto durchleuchten zu lassen“, sagt er und gibt zu, dass er sich durch handwerkliche Arbeiten privat noch etwas schwarz hinzuverdient. Allzu oft muss ein zweiter Job angenommen werden, um finanziell über die Runden zu kommen. Nach Angaben des DGB Bayern üben 377 000 Bürger in Bayern neben ihrem gering vergüteten Hauptjob legal eine weitere Tätigkeit aus. Was bedeutet es für den Wirtschaftsstandort Deutschland, wenn immer mehr Menschen zu Niedriglöhnen arbeiten? Glaubt man der neoliberalen Wirtschaftstheorie, entsteht auf diese Weise mehr Dynamik und die Wettbewerbsfähigkeit nimmt zu. Claus Schäfer vom WSI der Hans-Böckler-Stiftung meint indessen: „Die Zunahme bei den Billigjobs hat ökonomische und soziale Auswirkungen von negativer Bedeutung.“ Seine Begründung: Niedriges Einkommen trage erheblich zum Absinken der Lohnquote bei.
Hohe Löhne und Gehälter seien aber die wichtigste Quelle für die deutsche Binnennachfrage und entscheidend für wirtschaftlichen Aufschwung. „Der Niedriglohnsektor verhindert im Rahmen der allgemein ungleicher werdenden Einkommensverteilung auch höhere private wie staatliche Investitionen. Auf Dauer werden Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit leiden, die man mit dem Niedriglohnsektor angeblich stärken will“, so Schäfer.Niedrige Löhne führten darüber hinaus zur Armut von Beschäftigten und deren Familien, verursachten Zukunftsängste und reduzierten die Bildungs- und Ausbildungsbereitschaft, weil Qualifizierung nicht durch einen gut dotierten Job belohnt werde. Schäfers pessimistisches Fazit: „Gesellschaftlich ist der Niedriglohnsektor auch ein Beitrag zum Bröckeln des Mittelstands.“ Viele Löhne befinden sich im Sog nach unten, der Anteil der Beschäftigten, die niedrig entlohnt werden, steigt. Er liegt in Deutschland mit rund 20 Prozent über dem europäischen Durchschnitt.
In der Mehrzahl der EU-Länder gibt es außerdem gesetzliche Mindestlöhne, die etwa in Frankreich 8,44 Euro betragen, aber auch unter einem Euro liegen können wie im Falle Lettlands. Ob die Einführung eines Mindestlohns auch in Deutschland sinnvoll ist, darüber wird seit rund einem Jahr heftig gestritten. 7,50 Euro werden vom Deutschen Gewerkschaftsbund gefordert, wohingegen Arbeitgeberverbände davor warnen, dass ein Mindestlohn zu weiteren Produktionsverlagerungen ins Ausland führen würde. Thomas Lesler meint: „Die reden und reden, während wir manchmal bis in die Nacht arbeiten und jeden Cent zweimal umdrehen müssen.“ Die einfache Rechnung des Arbeiters sieht so aus: „Mit Mindestlohn hätte ich etwa 150 Euro im Monat mehr in der Tasche. Aber nicht einmal das ist unsere Arbeit denen wert.“ Tatsächlich stellt sich die Frage, ob Jobs zu rechtfertigen sind, die weder die Existenz der Beschäftigten sichern noch Armut vermeiden.




