Abstrakte Grenzen

Europa definiert sich über Werte. Anders ist es bei seiner wechselvollen Geschichte auch kaum möglich

Seit der Europäische Rat 1993 die politischen Kriterien für Beitrittskandidaten in die Europäische Union (EU) definiert hat, gelten zentral die institutionelle Stabilität als Garant für eine demokratische und rechtsstaatliche Ordnung, Wahrung der Menschenrechte sowie der Schutz von Minderheiten. Doch wie die kontroversen Diskussionen um das Beitrittsgesuch der Türkei zeigen, können diese Kriterien die politischen wie ideellen Chancen und Grenzen für viele nicht nachvollziehbar definieren. Welchen Rahmen könnte sich Europa also sonst geben? Gewiss sind Europas Grenzen auf der Karte fixierbar, aber: „Mit einer geografischen Definition kommt man nicht weit“, meint Janis A. Emmanouilidis, Projektleiter am Centrum für angewandte Politikforschung der Ludwig-Maximilians- Universität, München. Klar, Europa liegt nicht frei schwimmend im Meer wie andere Kontinente, vielmehr bildet es mit Asien eine zusammenhängende Landmasse. Es erstreckt sich – grob – zwischen Atlantischem Ozean im Westen und dem Ural im Osten, zwischen Polarmeer im Norden und Mittelmeer im Süden. Auf seinen 10,5 Millionen Quadratkilometern leben 700 Millionen Menschen aus Hunderten von Völkern in derzeit 54 Staaten, wobei die EU mit 25 Mitgliedern schon knapp die Hälfte stellt. Doch bilden die natürlichen Grenzen keinen „geschichtsfesten“ Rahmen. Man mag den Eintritt Europas in die Geschichte bei der griechischen Mythologie finden: Zeus entführte in der Gestalt eines Stiers die junge Europa nach Kreta, wo sie den gemeinsamen Sohn Minos gebar, später König von Knossos. Somit gilt Kreta als politische Keimzelle Europas. Die Griechen der Antike sahen im Hellespont (Dardanellen) die Grenze zu Asien; bereits 1200 v. Chr. besiedelten sie Kleinasien. Überdies nutzten sie Mittelmeer und Schwarzes Meer zum Aufbruch an fremde Ufer, traten nicht nur als erfolgreiche Händler hervor, sondern vermittelten auch Ideen von der Polis und der Demokratie. Nach Verblassen der griechischen Antike unterwarf das Römische Reich das gesamte heutige Südeuropa und etliche Küstenvölker des Mittelmeers. Eine kulturelle Leistung: Wurde in Rom die Christenverfolgung im Jahr 311 beendet, dauerte sie im früh missionierten kleinasiatischen Teil des Römischen Reichs noch bis 324. Sechs Jahre später teilte sich das Römische Reich: Das Byzantinische oder Oströmische Reich (330–1453) wurde das neue politische und kulturelle Schwergewicht, dessen Verkehrssprache Griechisch war, dessen spätantike römische Kunst auf hellenistischer Grundlage durch das Christentum bereichert wurde. Metropole war das neu gegründete Konstantinopel (Istanbul). Kurzum: Das Byzantinische/ Oströmische Reich stellte einen gewichtigen Teil Europas dar. Ab dem 7. Jahrhundert breitete sich von Arabien eine neue Religion aus: der Islam. Er fand rasch Anhänger im vorderasiatischen und nordafrikanischen Raum. Christentum versus Islam zogen erstmals eine deutliche Trennlinie zwischen Europa und Vorderasien. Nicht zuletzt haben die europaweit organisierten Kreuzzüge von Christen die Spannungen zwischen den Religionen verstärkt. Bis um das Jahr 1000 war Europa christianisiert. Der Kontinent „wurde durch ein immer dichter werdendes Netz von heiligen Orten, himmelsstürmenden Bischofskirchen, Domen und Münstern bis hin zu den (…) Zisterzienserabteien christlich durchwirkt. Und dieses Bild spiegelt noch heute Europa“, schreibt Michael Salewski in seiner „Geschichte Europas“ (Beck, 2000). Gilt Kreta als die Keimzelle Europas, gilt ab 500 das Frankenreich auf den westeuropäischen Gebieten des untergegangenen Römischen (West-)Reichs als seine Wiege. Erst nach dem Vertrag von Verdun (843) trennten sich Frankreich und die Territorien des späteren Heiligen Römischen Reichs (Deutscher Nation; ab 962). Die Konkurrenz um Einflusssphären zwischen dem Hl. Römischen Reich und dem seit 1288 erstarkenden Osmanischen Reich (bis 1922) prägte einen zentralen Teil der europäischen Außenpolitik im Mittelalter. Das Ergebnis bis Mitte des 15. Jahrhunderts: die Spaltung Europas in Ost und West. Seit Ende des 13. Jahrhunderts war der Osten Europas durch Eroberungen der Mongolen, Tataren und Osmanen „erschüttert und (…) vom Strom der abendländischen Geschichte abgeschnitten“, schreibt Salewski. Bis 1529 waren diese Angriffe eine latente Bedrohung, dann aber rückten die Osmanen, nachdem sie schon große Teile des Balkans erobert hatten, bis nach Wien vor. Der „1. Türkische Krieg“ gegen schlecht ausgerüstete europäische Truppen dauerte dennoch 39 Jahre. Es folgten weitere Kriege, was die europäische Oberschicht nicht hinderte,Musik und Mode „à la Turc“ chic zu finden. – Als Folge des 1. Weltkriegs erhielt die Türkei 1923 etwa ihren heutigen Umfang und wurde Republik. Starke Akzente setzte die Französische Revolution. Breiteten sich auf philosophischer, rechtlicher, politischer und literarischer Ebene die Ideen der Aufklärung über den ganzen Kontinent aus, war deren (logische) Medaillenrückseite die Säkularisierung. Die Abwendung vom Christentum war und ist gerade in Europa stark ausgeprägt. „Somit ist einer der tragfähigsten und imponierendsten Kontinuitätsbogen aus der Antike bis in die Neuzeit zusammengebrochen“, resümiert Michael Salewski. Im 20. Jahrhundert erlebte Europa grausame Kriege und eine zuvor nie gekannte menschenverachtende (Vernichtungs-)Politik durch den Hitlerfaschismus. Die Folgen: Kalter Krieg und Eiserner Vorhang, Spaltung Europas in einen demokratischen West- und einen kommunistischen Ostteil. In den 80er- Jahren leiteten die polnische Solidarnosc sowie die sowjetische Politik von Perestroika und Glasnost einen vorsichtigen Kurswechsel ein.Ausgerechnet die „braven“, moskautreuen Ostdeutschen rissen dann 1989 den Eisernen Vorhang ein. Der Dominoeffekt war gewaltig, bald wurde gar der Warschauer Pakt aufgelöst. Nur – was bedeutet das für Europas Grenzen? Am 3. Oktober werden mit der Türkei die Verhandlungen zum Beitritt in die EU aufgenommen. Spielen wir mal durch, inwieweit geografische und historische Gegebenheiten dieses Landes eine Entscheidung erleichtern könnten. Obwohl nur drei Prozent ihres Staatsgebiets in Europa liegen, ist die Türkei damit „ein Teil von Europa“, wie die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft 1964 bei der Assoziierung der Türkei feststellte. Doch die Landkarte allein ist wenig zielführend. Die Geschichte hat mehr zu bieten, wie dargelegt wurde. „Mit der Türkei haben wir eine sehr enge historische Bindung. Das Osmanische Reich stand vor den Toren Wiens“, sagt Janis A. Emmanouilidis.Und: Der Islam in Bosnien und Albanien ist ein altes Erbe der Osmanen. Zugleich leben seit Jahrzehnten Millionen muslimischer Mitbürger in Europa. Angesichts der fortdauernden Abkehr vom (Kirchen-) Christentum scheinen kulturell-religiöse Bedenken immer seltener relevant zu sein. Es sind die politischen Kernforderungen und ethischen Werte der Europäischen Union, die ihr den Rahmen geben: „Der Staat muss ihren politischen Kriterien gerecht werden“, sagt Emmanouilidis. Bewährt sich die Türkei bei der Umsetzung von Rechtsstaatlichkeit und Achtung der Menschenrechte? (Noch immer wirft die Türkei nach China die größte Zahl von kritischen Journalisten ins Gefängnis.) Ist die Rücknahme der Bestrafung bei Ehebruch ein Schritt vor, bedeutet die Nichtanerkennung der Republik Zypern als Mitglied der EU ein Schritt zurück und entwickelt sich derzeit zu einer Art Nagelprobe. Dennoch ist der Beginn der Gespräche wichtig, denn: „Populisten vor allem in der islamischen Welt hätten behauptet, dass die EU die Türkei ausschließlich aufgrund kultureller und religiöser Unterschiede ablehnt. Dies hätte ihrem Bild als pluralistische, kosmopolitische, für Vielfalt und Andersartigkeit offene Gemeinschaft geschadet. Der ,clash of civilizations’ (Krieg der Kulturen) wäre erneut zitiert worden mit all den negativen Effekten, auch im Kampf gegen den internationalen Terrorismus“, so Emmanouilidis. Doch zweifellos würde mit der Türkei die EU auch Nachbar einer der krisenreichsten Regionen der Welt. Soll heißen: Bereits jetzt müsse die EU ihre „außen-, sicherheitsund verteidigungspolitischen (…) Kapazitäten“ weiter ausbauen. Neben einer grundlegenden Reform des EU-Haushalts zur Investition in zukunftsträchtige Ökonomien und Technologien hakt die Verabschiedung der 2004 von den EURegierungschefs abgesegneten Verfassung in einer Reihe von Mitgliedsländern. „Non – Nee – No“ titelte „Focus“ im Mai 2005 zu den Volksabstimmungen in Frankreich, den Niederlanden und der Absage in Großbritannien. Anders als in vordemokratischen Epochen ist Flexibilität und Überzeugung gefragt: „In einer erweiterten EU gewinnt die differenzierte Integration eine strategisch herausragende Bedeutung“, betont Janis A. Emmanouilidis. „Man weiß nicht, wie sich die EU entwickelt. Letztlich sind es die Grenzen der Integration, die die Grenzen der EU bestimmen.“ Geografische Grenzen sind ohnehin seit Jahrhunderten überwunden. Dorothea Büchele/Gertrud Conrad-Bergweiler