Ich bin ja tolerant, aber auch meine Toleranz hat Grenzen. Eine ältere Dame erzählte mir, dass sie jetzt wieder in Dachau wohne, wo sie auch vor dem Krieg gelebt habe. Nach dem Krieg sei der Bevölkerung dort großes Leid zugefügt worden. Sie meinte, dass die Amerikaner kein Recht gehabt hätten, die Bewohner Dachaus zu zwingen, in das befreite KZ zu gehen, um dort mit der Realität konfrontiert zu werden.
Sie erzählte, ihre schönsten Lebensjahre hätte sie während der Nazizeit gehabt. Sie hätte ganz in der Nähe des KZs gewohnt, aber vom KZ-Leben hätte die Bevölkerung nichts mitbekommen. Man hätte zwar die Befehlsschreie der SS und der Kapos gehört. Man müsse aber bedenken, dass dort Kriminelle eingesperrt gewesen seien. Dann betonte sie, dass es zur damaligen Zeit nicht nötig gewesen sei, die Haustüren zu verschließen, denn es sei eine friedliche Zeit gewesen. Es habe keine Kriminalität gegeben. Schließlich habe die SS für Ordnung gesorgt.
Zum Abschluss sagte sie, dass sie noch nie die KZ-Gedenkstätte besucht habe und es auch nicht tun werde. Außerdem meinte sie, dass die Dachauer gar keine Nazis gewesen seien. Die seien ja nur in Berlin gewesen, wo der Führer gewohnt habe.
Ein anderes Mal kam ein Mann, Anfang 20, auf mich zu und sagte, er wolle eine deutsche Zeitung von einem deutschen Menschen kaufen, weil er ein Nationalsozialist sei. Leider habe ich in beiden Fällen nicht meine Meinung gesagt. Ich hätte schon erzählen können, dass mein Vater in Dachau inhaftiert war, habe ich aber nicht. Ich kann nicht verstehen, dass es solche dummen Menschen gibt.

BISS-Verkäufer Wolfgang Urban vor der Theatinerkirche, wo er vormittags steht. Nachmittags wechselt er vor die Bürgersaalkirche in der Fußgängerzone
In der Regel nimmt alles seinen gewöhnlichen Lauf, manche Tage bringen aber auch Überraschungen mit sich, schöne und weniger schöne: Eine Kundin zum Beispiel bezahlte einmal mit einem 100-Euro-Schein.
Sie behielt ihn in der Hand, während ich das Wechselgeld herausgab. Im gleichen Moment sprach mich eine andere Frau an, ob ich ihr einen 50-Euro-Schein wechseln könne. Als ich mich nach dieser kurzen Ablenkung wieder der ersten Frau zuwenden wollte, um den Hunderter einzustecken, war sie verschwunden. Jetzt merkte ich, dass ich auf einen Wechseltrick hereingefallen war. Ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas passieren könnte.
Einmal im Winter hörte ich fröhliches Lachen neben mir. Vier verschleierte Frauen bewunderten kichernd den frisch gefallenen Schnee. Erst berührten sie ihn vorsichtig, dann formten sie Schneebälle und fingen an, mich zu bewerfen. Ich sah eine der Frauen an und nahm auch Schnee in die Hand. Sie nickte mir zu, als Zeichen, dass sie einverstanden sei, und im Nu war eine viertelstündige Schneeballschlacht im Gang. Danach klopften wir uns den Schnee aus der Kleidung, die Damen setzten ihren Einkaufsbummel fort, und ich wandte mich wieder dem Verkauf zu.
Ein andermal kam ein kleiner Junge mit einem Teddybären in der Hand herbeigeschlendert. Ich winkte ihm und fragte, was er da Schönes habe. Da blieb er stehen, drückte mir zu meinem Erstaunen seinen kleinen Liebling in die Hand und lief weiter. Was sollte ich nun tun? Da sah ich, wie der Junge hinter einem Mauervorsprung verschwand, offensichtlich wollte er mit mir Verstecken spielen. Ich schlich also an der Wand entlang, bis er lachend hinter der Ecke hervorsprang. Ich gab ihm den Teddybären zurück, und er eilte seinen Eltern hinterher.
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