Standplatz: Am Gasteig

Wolfgang Räuschl an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Wolfgang Räuschl an seinem Standplatz | Foto: Barbara Donaubauer

Wenn Sie dieses Heft in den Händen halten, werde ich bereits die Wohnung bezogen haben, die mir zugesagt worden ist. Nach so langer Zeit auf der Straße freue ich mich darauf wie ein kleines Kind auf Weihnachten. Ich bin vor drei Jahren nach einem privaten Desaster abgerutscht. Ich hätte nie geglaubt, wie gigantisch schnell das geht. Wenn man nichts mehr hat, ist man ganz allein, es gibt keine Freunde mehr. Ich habe mich als Pfandflaschensammler durchgeschlagen. Wenn man zur richtigen Zeit die richtigen Plätze aufsucht, ist damit einiges zu verdienen.

Fast drei Jahre habe ich im Freien geschlafen. Im Sommer ist es angenehm, sogar idyllisch. Es hat etwas von Erlebnisurlaub – als Kind hat man davon geträumt. Aber im Winter ist es halt kalt. Trotzdem bin ich sogar in den eisigsten Nächten in keine Notunterkunft gegangen, ich bin da extrem, ich meide jedes Milieu, wo Alkohol und Drogen im Spiel sind. Lieber fuhr ich die ganze Nacht mit der S-Bahn hin und her. Ich habe viele obdachlose Flaschensammler beobachtet, die nur genau so viel sammeln, dass es für zwei, drei Bier oder Schnaps reicht. So wollte ich nicht werden. Schließlich habe ich mein Leben lang gearbeitet.

Ich war Kellner. Deshalb war es mir auch das Allerwichtigste, wieder zu arbeiten. Ich bin durch die Pfandflaschen-Aktion im Oktober 2011 zu BISS gekommen. Nachdem ich in Haidhausen Flaschen gefunden hatte, die mit den Anwerbe- Etiketten von BISS versehen waren, habe ich mich beworben. Zwei Tage später war ich schon Verkäufer. Für mich ist das der Anfang des Wiedereintritts in ein normales Leben. Als BISS-Verkäufer habe ich eine Aufgabe, das ist das Schöne. Und wenn ich Gespräche mit Kunden führe, merke ich, wie ich da wieder reinkomme. Ich staune immer wieder, was für verschiedene Leute BISS kaufen.

Vom Jugendlichen in der schwarzen Lederjacke, der einem nachts auf die Schulter klopft, “hey Alter, gib mir mal ne BISS!”, bis zum eleganten Ehepaar, das auf dem Rückweg vom Konzert noch ein Heft erwirbt. Mir macht das Verkaufen großen Spaß. Im November 2011 wurde ich bei BISS fest angestellt. Psychisch bin ich seitdem viel ruhiger. Seit ich die Zusage für die Wohnung habe, studiere ich mit Interesse die Werbebeilagen der Möbelhäuser und halte ich mich gern in Kaufhäusern in der Haushaltsabteilung auf, wo ich Pfannen und Töpfe anschaue. Ich freue mich riesig darauf, mir in meiner neuen Küche einen Schweinsbraten zuzubereiten.