Kein Faschingsmuffel

Zirka 1980 war ein Fasching nach meinem Geschmack. Ich war 20 Jahre alt und verkleidete mich als Frau. Das war sehr aufregend für meine Freunde. Die Seidenstrümpfe, die ich anhatte, waren zum Schluss total zerrissen, denn meine Freunde machten sich einen Spaß, daran herumzuzupfen und mich zu begrapschen. Leider gibt es in Bayern keine Faschingshochburgen so wie im Rheinland.

Ein anderes Mal ging ich als Mufti, mit einem original weißen Turban, den ich aus dem Marokko-Urlaub mitgebracht hatte. Ich sah aus, als hätte ich eine Kopfverletzung. Was ich dieses Jahr mache, weiß ich noch nicht. Gott sei Dank bin ich kein Faschingsmuffel. Man kann mich für alles haben. Einst war ich an einem Faschingsdienstag bei der Beerdigung des Faschings dabei, in einem Dorf im Wald in Niederbayern.

Als um 24 Uhr der Fasching zu Ende ging, hat sich einer in eine sargähnliche Holzkiste gelegt, die wurde geschlossen, und damit war der Fasching vorbei. Ein anderes Mal war ich mit einem Freund in einem Wirtshaus am Viktualienmarkt. Da kam eine Dame, sehr elegant, mit der wir uns unterhielten und die uns anflirtete. Das kommt selten vor und war recht schön. Bis wir feststellten, dass es ein Mann war.

Weihnachten

Der Weihnachtsbaum wird von meinem Enkel ausgesucht, und das sehr genau. Er muss eine schöne Spitze haben, gespreizte Äste, und der untere Bereich soll breit auseinandergehen. Mit etwas Kraft wird der Baum nach Hause getragen, wo er in einen Christbaumständer eingebaut wird. Mit Elan wird er von meiner Lebensgefährtin und deren Tochter geschmückt. Die Spitze kommt am Schluss dran. Da wird es dann schon langsam Abend.

Vor der Bescherung gibt es Würstchen zum Essen: Wiener, Kalbs- und Wollwürste. Dann werden die Kinder ins Kinderzimmer geschickt und die Geschenke unter den Weihnachtsbaum gelegt. Mit einer Glocke holen wir die hübsch hergerichteten Kleinen wieder zum Weihnachtsbaum. Dann wird fleißig das Weihnachtspapier zerrissen und mit großen Augen werden die Geschenke bewundert. Mit Spielen und Reden der Erwachsenen geht der Abend zu Ende.

Nachbarschaft

In dem riesigen Wohnblock in Neuperlach, in dem meine Lebensgefährtin lebt, wohnen zirka 2000 Leute. Viele sind ältere Damen und Herren, die zumeist sehr nett und hilfsbereit sind, die Aufzugtüre aufhalten, freundlich lächeln oder ein Gespräch anfangen. Viele der älteren Damen haben brave, zutrauliche Hunde, mit denen sie dauernd spazieren gehen. Dabei lernen meine Lebensgefährtin und ich die Damen kennen, weil wir gern im Park auf der Bank sitzen.

Es gibt aber nicht nur das Nettsein: Wenn ich auf dem Balkon rauche, schimpft die Nachbarin, die vorher im Park noch liebenswürdig mit uns geratscht hat: „Immer die Scheiß-Zigaretten; der Rauch, der stinkt a so!“ Und es gibt auch stoffelige Nachbarn, die im Treppenhaus den Mund zum Grüssen nicht aufbekommen. Oft werden Bewohner, die krank oder zu Hause gestorben sind, von der Feuerwehr aus den oberen Stockwerken durch die Fenster hinuntertransportiert, weil die Treppenhäuser so eng gebaut sind, dass man mit einer Trage nicht durchkommt.

In meiner eigenen Nachbarschaft, in Berg am Laim, habe ich zwei Freunde, „Catwiesel“ und „Generaldirektor“ – so nennen sie sich. Die beiden wohnen, sechs Minuten Gehweg von mir entfernt, in einem Wohnprojekt. Jeden Morgen um fünf Uhr, egal ob bei Wind, Schnee oder Regen, gehe ich dorthin. „Catwiesel“ macht Kaffee (Eduscho Gala Nr. 1 – darauf legt er Wert) sowie ein paar Häppchen zum Essen und dann frühstücken wir bis sieben Uhr zusammen. Danach geht es in die Arbeit. In dem Haus, in dem ich wohne, ist tote Hose. Ich bin allerdings auch fast nie da, sodass ich eh nichts von meinen Nachbarn mitbekomme, obwohl eine Familie mit zwei Kleinkindern neben mir wohnt.

Alkoholismus

Vielleicht sollte ich über Alkohol gar nicht schreiben, denn ich war selber Alkoholiker und trank viel Bier. Kann sein, dass ich deshalb heute zu radikal gegen das Trinken bin. Ich finde, Alkohol gehört eingeschränkt, so wie das Rauchen. Zum Beispiel derart, dass man im Lokal nicht mehr als drei Halbe bekommt. Wenn man die Trinkenden sieht, wie sie mit jedem Bier oder Schnaps aggressiver werden und ihre Selbstkontrolle verlieren, das finde ich ekelhaft. Man kann ja eine Maß trinken, aber gleich vier oder noch mehr, das ist zu viel. Dass Bier in Maßen gesund sein soll, kann ich nicht glauben; Alkohol zerstört den Körper. Im Lauf der Jahrhunderte sind unter dem Einfluss von Alkohol viele Unfälle und Morde passiert. Das Rauchen erscheint mir im Vergleich dazu nicht so schlimm zu sein. Oder hat etwa schon jemand im Tabakrausch einen anderen umgebracht? Was treiben die nur mit dem Rauchen in Bayern! Im Radio habe ich einen Wissenschaftler gehört, der sagte, dass die Schädigungen, die auf den Zigarettenschachteln beschrieben stehen, nicht eindeutig auf das Rauchen zurückzuführen seien.

Aber Alkohol macht die Birne hohl, wie man so sagt. Ich glaube, mir ist durch das Trinken teilweise der Verstand abhandengekommen, denn ich weiß zum Beispiel nichts mehr aus meiner Kinderzeit und kann mir nicht mehr meine Mutter vorstellen, wie sie früher war, obwohl ich eine schöne Kindheit gehabt habe.

Reden mit unserem Herrn

Es heißt nicht, dass derjenige gläubiger ist, der in die Kirche geht, oder dass der, der nicht in die Kirche geht, ungläubig ist. Man kann auch zu Hause beten. Mich zum Beispiel stärkt der Glaube, wenn ich alleine in einer Kirche bin und innig bete. Da bin ich allein mit Gott. Ich rede mit unserem Herrn auch darüber, wie es steht mit der Welt und mit mir und ob es richtig sein kann, dass es heute Kriege und Hungersnöte gibt, ob er einverstanden ist mit dieser Welt. Mit mir meint er es jetzt offenbar gut, nachdem ich nach meinem Absturz vor 25 Jahren erst einmal büßen musste. Ich bin einigermaßen gesund, und mit der Familie geht es gut. Ich fühle, das ist auch im Sinne Gottes. Auch finanziell geht es einigermaßen. Man muss nicht Millionen haben, um glücklich zu sein. Weihnachten geht mir immer sehr auf die Psyche. Jesu Geburt und so weiter machen mich sehr nachdenklich.

Weitere Texte aus der BISS-Schreibwerkstatt finden Sie auf den Seiten 16 und 17 der Dezember-Ausgabe.

Ausbeutung

Spielsachen sind häufig zu teuer für Eltern

Spielsachen sind häufig zu teuer für Eltern

Auch im 21. Jahrhundert gibt es noch Ausbeutung, zum Beispiel in Afrika: In Knochenarbeit müssen dort die Arbeiter und sogar Kinder für einen Hungerlohn Diamanten, Gold, Silber oder andere Materialien schürfen. Vor 250 Jahren wurden die Indianer ausgebeutet, als sie von ihrem Land vertrieben und dann in Reservate umgesiedelt wurden. Sie wurden fast ausgerottet. Heute haben sie Spielcasinos, wo sie Millionen Dollar verdienen, die sie zum Teil an ihre armen Landsleute abgeben. Auch ich habe schon Ausbeutung erfahren: Eine Firma ließ mich monatelang arbeiten und hat mir dann den Lohn nicht gezahlt. Beim Arbeitsgericht bekam ich zwar Teilrecht, aber auf diesen Teil warte ich heute noch, denn der Chef übertrug die Firma an seine Frau, und die konnte ich nicht belangen. Zum Schluss noch eine andere Form von Ausbeutung: bei Kindersachen. Da werden Kleidung und Spielzeug so hoch gehandelt, dass, sie für ärmere Eltern oder Großeltern eigentlich zu teuer sind. Die Manager und Marketing-Fachleute wissen genau, dass wenn Kinder die schönen Dinge sehen und darum betteln, die Eltern schwer Nein sagen können. Das ist doch auch Ausbeutung, oder nicht?

Alt werden und jung bleiben

Vor einigen Jahren hat mir eine Kundin, die damals schon die 80 überschritten hatte, gesagt, man könne alt werden, ohne Angst zu haben. Zuerst wusste ich nicht, was sie meinte, aber im Laufe des längeren Gesprächs habe ich sie verstanden. Sie war noch sehr rüstig auf den Beinen, sehr herzlich und hatte ein Lächeln im Gesicht. Sie sagte, dass sie gerne mit jungen Menschen zusammen ist, statt nur mit Alten und Kranken, denn das mache einen selber krank.

Leider sehe ich sie nicht mehr. Vielleicht verschwieg sie mir ja ihre Wehwehchen, denn, wie jeder von uns weiß, kommen die Zipperlein wie zum Beispiel schwere Beine, kaputte Bandscheiben und so weiter unaufhaltsam. Ich selbst würde auch gerne über 80 werden und dabei natürlich einigermaßen gesund und finanziell unabhängig sein. Wahrscheinlich sollte ich ein paar Kilo abnehmen und öfter mal schwimmen oder laufen. Aber im Allgemeinen bin ich mit dem zufrieden, was ist, nur vielleicht mehr Geld hätte ich gerne für meine Familie. Das Alt-Sein macht mir kein Problem, denn ich habe Enkelkinder, die mich jung halten, und manchmal fühle ich mich fast noch wie 18.

Ich protestiere!

Mein Bekannter, mit dem ich mich jeden Morgen zum Frühstück treffe, regt sich über Radiomusik auf. Seiner Meinung nach dienen die rhythmischen und schnellen Takte dazu, die Menschen zur Arbeit anzutreiben. Ich hingegen finde, Radio ist eine schöne Sache, es baut mich auf. Mein Problem ist der Föhn. Der drückt mir auf die Psyche, bereitet mir Kopfschmerzen und macht mich müde und faul. Dagegen müsste man protestieren! In Niederbayern, wo ich herkomme, gibt es keinen Föhn, da ging es mir gut. Mein Bekannter sagt: „Dann geh doch nach Niederbayern zurück!“

Jetzt wird viel gegen das Rauchen gewettert, aber ich sage: Was ist mit dem Autofahren? Dabei sterben täglich vielleicht mehr Menschen als durch Rauchen. Man muss das Autofahren ja nicht gleich völlig verbieten, aber einschränken sollte man es. Den Protest gegen das Rauchen finde ich einen Schmarrn. Schließlich wird schon seit Hunderten von Jahren geraucht, während es Autos damals noch gar nicht gab. Der Umwelt und den Menschen zuliebe sollte man das Auto am Wochenende in der Garage stehen lassen. Tabak ist ein Genussmittel, ihn zu verunglimpfen ist etwa so, wie wenn man gegen Bier wäre. Dieses war in Bayern früher ein Nahrungsmittel, heute nicht mehr, dazu ist es auch zu teuer geworden – schlimm genug. Protest! Protest!, liebe Leser. (Ich selber trinke übrigens nur Alkoholfreies.)

Weitere Artikel aus der BISS-Schreibwerkstatt rund um das Thema “Protest” finden Sie auf den Seiten 16 und 17 in der Juni-Ausgabe der BISS.