
Veronika Lackenberger an ihrem Standplatz | Foto: Nikolas Fabian Kammerer
Manchmal hören mich die Leute laut über irgendwas schimpfen und später, wenn wir dann mal miteinander sprechen, sagen sie: „Komisch, Sie sind ja gar nicht so böse!“ Ich bin halt sehr spontan und sage meine Meinung. Vielleicht, weil ich Berlinerin bin. Viele Leute verstehen das falsch, und selber fällt einem das gar nicht so auf. Aber ich bin ruhiger geworden. Leider habe ich keine Ausbildung abgeschlossen. Ich habe zwar drei Jahre Waldhorn und Klavier am Musikkonservatorium studiert, aber das habe ich abgebrochen, weil ich zu große Prüfungsangst hatte. Diese Ausbildung war eh Unsinn, weil in den sechziger Jahren kein großes Orchester eine Frau genommen hätte.
Meine Eltern waren immer zu nachgiebig mit mir, einerseits. Andererseits nahmen sie mich so feste an die Kandare, dass ich überhaupt nicht selbstständig geworden bin. Als ich ausgezogen bin, bin ich erst mal voll auf die Schnauze gefallen. Später habe ich als Verkäuferin und in der Gastronomie gearbeitet. Fünfundzwanzig Jahre lang hatte ich ein schlimmes Alkoholproblem. Seit zwanzig Jahren trinke ich nicht mehr. Für den Entzug hatte ich immer ein kleines Fläschchen Schnaps und eine Kanne Kaffee bei mir, für den Kreislauf. Daran habe ich genippt, wenn die hellen Blitze in den Augen aufgetaucht sind, die sich so ähnlich anfühlen, wie wenn man eine spiegelnde Brille aufhat. Diese Blitze wurden immer schlimmer, wenn ich keinen Alkohol trank, bis ich den Entzug durchgestanden hatte.
Ich bin jetzt schon seit vierzehn Jahren bei BISS und habe sehr viele treue Stammkunden. Zweimal kamen Bekannte von Kundinnen zu mir, um mir deren Tod mitzuteilen. Das war natürlich sehr traurig. Ich arbeite gern in der Fußgängerzone. Ich könnte an keinem einsamen Platz stehen, da würde ich ausrasten. Früher hieß es mal, dass man ein besseres Geschäft macht, wenn man sich wie ein Penner anzieht. Das ist aber Quatsch. Keiner meiner Kollegen macht das. Ich kleide mich natürlich auch ein bisschen angepasst in dieser teuren Geschäftsstraße.




