Radlverrückt

Mit 25 Jahren leistete ich mir mein erstes gutes Fahrrad. Damals bin ich selten damit gefahren und wenn, dann nur am Wochenende. Als 1990 der Busverkehr zu meiner damaligen Arbeitsstelle eingestellt wurde, fuhr ich fast ein halbes Jahr lang mit dem Rad zu den Nacht- und Wochenendschichten, das waren hin und zurück zusammen etwa 75 Kilometer. Von 1991 bis 2003 vernachlässigte ich das Radfahren wieder. Aber seit 2003 radle ich fast täglich.

Mein Fahrrad ist mein Kultobjekt. Ausgerüstet mit Radio, einem Korb, Taschen und kleinen Plüschtieren, ist es in München mittlerweile bekannt. Viele meiner BISS-Kunden sehen mein Rad und wissen, dass ich nicht weit sein kann. Ich radle täglich mindestens 20 Kilometer, so bin ich unabhängig vom MVV, und beim Radeln spüre ich auch meinen Rheumaknoten an der großen Zehe nicht, der mir beim Gehen manchmal Probleme bereitet.

Meine längste Fahrt war eine zum Kochelsee, bepackt mit Schlafsack, Decke, Badesachen und einer Stereoanlage am Lenkrad. Früh um sechs Uhr fuhr ich in Solln los, gut gelaunt und mit toller Musik. Bis Kochel sind es 68 Kilometer, dafür brauchte ich viereinhalb Stunden. Eine Frau, die ich am Ortseingang nach dem Weg zum See fragte, wollte kaum glauben, dass ich die ganze Strecke von München mit dem Rad gekommen war. Ich verbrachte drei schöne Tage am Kochelsee und radelte dann wieder zurück.

2010 wurde mir meine Stereoanlage vom Rad geklaut, während ich nur zehn Minuten in einem Geschäft war. Dabei hatte ich die Anlage am Lenkrad festgeschraubt, der Dieb hat sie regelrecht herausgerissen. Das machte mich wirklich traurig. Ein Leben ohne mein Fahrrad kann ich mir nicht mehr vorstellen.

Der verrückte Schwan

Tiere sind etwas Wunderbares. Da ich oft zur Isar gehe, um Ruhe und frische Luft zu tanken, bekomme ich viel von der Natur mit. Auch habe ich im Laufe der Jahre gemerkt, dass das kalte Isarwasser offenbar gut gegen mein Rheuma ist. Als ich im Sommer 2009 unterhalb der Großhesseloher Brücke an der Isar lag, rannten da viele Enten und ein Schwan herum. Ich breitete meine Decke aus, machte mein Radio an und frühstückte erst mal: mit Kaffee, Kuchen und Semmeln.

Die Semmeln teilte ich mit den Enten und dem Schwan. Als alles weg war, zeigte ich den Vögeln meine leeren Hände und den leeren Beutel, in dem die Semmeln gewesen waren, woraufhin die Enten langsam in die Isar watschelten, nur der verrückte Schwan wollte mehr. Er kam auf meine Decke und setzte sich genau vor mich. Das ging mir dann doch zu weit, denn es blieben schon andere Badegäste stehen, die belustigt ihr Handy zogen und Fotos machten. Ich zeigte dem Schwan noch einmal meinen leeren Rucksack und den leeren Beutel. Ja, verdammt, ich hatte nichts mehr! Doch der blickte mich nur treu an und blieb einfach sitzen. Mit Müh und Not schob ich ihn dann von der Decke, doch das störte ihn wenig.

Als ich ins Wasser ging, schwamm er neben mir her. So ging das den ganzen Nachmittag, bis ich abends zusammenpackte, um mich auf den Heimweg zu machen. Der Schwan schaute mir zu. Als ich dann mit meinem Fahrrad losfuhr, begann er ein großes Theater mit Zischen und Pfeifen und rannte hinter mir her. Ich nahm den Weg unten am Ufer Richtung Flaucherbrücke – das sind fast vier Kilometer! – und der Schwan blieb die ganze Strecke hinter mir. Er wollte unbedingt mit mir mit. Nur über die Brücke traute er sich nicht, mir zu folgen. Als ich auf der anderen Seite der Isar war, hielt ich noch einmal an und sah zurück. Er saß traurig blickend am anderen Ufer und ich sagte tschüss. Ich habe den Schwan seitdem nie wiedergesehen.

Standplatz: vor dem Amper Einkaufs Zentrum in Pullach

BISS-Verkäufer Udo Biesewski an seinem Standplatz vor dem Amper Einkaufs Zentrum in Pullach

BISS-Verkäufer Udo Biesewski an seinem Standplatz vor dem Amper Einkaufs Zentrum in Pullach

Als ich den Geschäftsführer des Amper Einkaufs Zentrums in Pullach das erste Mal fragte, ob ich vor seiner Filiale verkaufen dürfe, war dieser sehr skeptisch. Jetzt stehe ich dort schon seit eineinhalb Jahren immer freitags und samstags. Ich bin jemand, der fast alles mit dem Fahrrad bewältigt und immer auf der Suche nach neuen Standplätzen ist. So habe ich auch beim AEZ in Martinsried und vor dem neuen Bio-Markt in Solln weitere Verkaufsplätze gefunden.

Ich bin 48 Jahre alt und war 20 Jahre lang alkohol- und arbeitssüchtig. Das heißt, das ganze Leben drehte sich nur ums Trinken und Arbeiten. Ein Jahr war ich obdachlos. Heute bin ich weg vom Alkohol und habe eine schöne kleine Wohnung in Solln, in der ich mit meinen zwei Wellensittichen lebe. Dass ich seit neun Jahren trocken bin, habe ich geschafft, weil ich fast täglich im Club 29, einer Sucht- und Begegnungsstätte, bin, wo ich ehrenamtlich koche, mit der Gruppe zusammen esse und als Suchthelfer Ansprechpartner für andere Betroffene bin. Auch durch die kirchliche Jugendarbeit und die Rumänienhilfe habe ich viele soziale Kontakte.

Da ich weiß, wie das Leben auf der Straße ist, helfe ich gern Bettlern mit Kaffee und Brötchen und habe als eine Art freier Streetworker auch schon andere Suchtkranke in die Klinik gebracht. Leider hindern mich ab und zu mein Rheuma und eine Lungenkrankheit – Folge meiner Arbeit im Bergwerk –, mehr für BISS und andere zu tun. Auch Klavier spielen kann ich leider nur noch kurz. Aber ich mache das Beste aus allem, denn ich bin ein positiv eingestellter Mensch.