Einmal Budapest und zurück

Eine Kundin, die Mitglied bei den Maltesern ist, hat dafür gesorgt, dass ich im vergangenen Juli an einem viertägigen Ausflug teilnehmen konnte. Wir waren siebzig Behinderte, etwa dreißig Helfer – alle Mitglieder der Malteser – und eine Ärztin. Wir übernachteten in einem wunderschönen behindertengerechten Gasthof im Burgenland und machten von dort aus Tagesausflüge nach Wien, Budapest und St. Margarethen. Da wir so viele Rollstuhlfahrer waren, konnten wir leider fast nie aus dem Bus aussteigen. Es wäre zu aufwendig gewesen, uns alle jedes Mal wieder von den Sitzplätzen im Bus in die Rollstühle zu heben. Wien und Budapest habe ich deshalb nur durchs Busfenster gesehen. Lediglich am Prater durften wir endlich mal alle raus und Riesenrad fahren.

Mittags brachten uns die Helfer Wienerwürstchen und Brote in den Bus, die wir an den ausklappbaren Tischen aßen. Richtiges Essen gab es dann abends in unserem Gasthof. Meine Kundin hat sich die ganze Reise über sehr nett um mich gekümmert und einen Fahrdienst organisiert, der mich von zu Hause abgeholt und nach der Tour auch wieder in meine Wohnung zurückgebracht hat. Sie ist Ungarin. Bevor der Stadtführer in Budapest zu uns in den Bus stieg, erzählte sie uns manches über die ungarische Geschichte, was ich viel besser fand als das runtergeleierte Standardprogramm des professionellen Touristenführers.

In St. Margarethen sahen wir uns ein Passionsspiel an, das in einem großen Steinbruch aufgeführt wird. Ich dachte erst: „Oh Gott, was wird das jetzt sein?“ Doch es war ganz gut. Es dauerte den ganzen Nachmittag, vier oder fünf Stunden. Mit meinen dreiundvierzig Jahren war ich der Zweitjüngste auf der Reise, die meisten waren schon sechzig, siebzig oder achtzig. Meinen Zimmernachbarn fand ich irgendwie cool, obwohl er schon sechzig Jahre alt ist, einen Schlaganfall hatte und an Parkinson leidet.

Aber am allerbesten gefiel mir eine der hübschen Helferinnen. Leider hat sie mir ihre Telefonnummer nicht gegeben. Bei der nächsten Reise mit den Maltesern, die nach Rom geht, werde ich auf dem Zettel zur Anmeldung „im eigenen Rollstuhl bleiben“ ankreuzen, sodass ich öfter aus dem Bus rauskann.

Mein Stachus

BISS-Verkäufer Marco Veneruso hat dieses Foto im Stachus-Untergeschoss gemacht

BISS-Verkäufer Marco Veneruso hat dieses Foto im Stachus-Untergeschoss gemacht

Seit Beginn dieses Jahres ist das Stachus- Untergeschoss auf der Seite, wo ich verkaufe, endlich fertig – nachdem es zwei Jahre Baustelle war. Mein Eindruck nach der Renovierung: sehr schön, aber zu nobel, so wie bei reichen Leuten. Ich habe fast das Gefühl, dass ich da gar nicht dazupasse. Weißer Fußboden, weiße Decke. Es gibt viele neue Geschäfte: Blumen-, Handy-, Süssigkeiten- und Schokoladenläden. Die sind für mich Krampf, ich zumindest brauche die nicht.

Am neuen Pizzastand hingegen esse ich oft. Man hat Essen im Überfluss hier unten. Es macht mir Spaß, mit meinem Rollstuhl die „Schmankerlgasse“ rauf- und runterzufahren und mir dort sämtlichen Gaumenschmaus zuzuführen – viel zu viel Spaß, man sieht es an meinem Umfang. Es ist schön, wieder einen ordentlichen Arbeitsplatz zu haben und nicht mehr den Baustellenlärm, der für mich sehr anstrengend war. Es verkauft sich gleich viel besser. Die Managerin der Stachus-Passagen habe ich auch kennengelernt.

Sie ist sehr nett, und man lässt uns BISS-Verkäufer unsere Arbeit tun. Dieses Jahr bin ich seit zehn Jahren bei BISS, das heißt zehn Jahre Stachus. Ich habe viel gesehen und viele Eindrücke gewonnen. Abends, zu Hause, versuche ich, diese zu verarbeiten, und denke an die Gespräche, die ich geführt habe. Es macht mir unheimlich Spaß, mit meinen Kunden zu ratschen, und ich freue mich über jeden, der zu mir kommt.

Psychose

Ich möchte von einer Krankheit erzählen, die bei mir 1991 zum ersten Mal plötzlich und völlig unerwartet aufgetreten ist: der Psychose. Man wird total überrascht und erkennt die Realität nicht mehr. Man glaubt, dass das, was man sieht und hört, der Realität entspricht, doch dem ist nicht so. Andere sprechen einen darauf an: „Was ist los? Du bist komisch!“ Man führt zum Beispiel ein Gespräch und versteht etwas ganz anderes, als der andere sagt. Die Realität hat sich wirklich verrückt, verschoben. Bei mir brach diese Krankheit zweimal aus. Ich ging freiwillig in die Psychiatrie, weil es mir Angst machte. Dort bekam ich Medikamente, und es wurde nach und nach besser.

Während der Psychose sah ich Menschen, die mir nahestanden, als meine Schutzengel an. In meiner gewohnten Umgebung machte mir meine Krankheit Angst, doch in der Klinik empfand ich meinen Zustand als schön; ich fühlte mich stark und unangreifbar. Für eine sogenannte Kasuistik durfte ich vor Professoren und Ärzten in der Klinik über meine Krankheit sprechen. Die Tabletten unterdrücken die Symptome, sodass ich heute ein normales Leben führen kann. Mittlerweile bin ich seit sechzehn Jahren psychosefrei.

Laut meinem Doktor besteht die Gefahr eines neuen Ausbruchs, sobald ich Stress habe oder meine Lebensumstände sich ändern; doch ich habe keine Angst mehr davor, dass die Krankheit wieder ausbrechen könnte, denn heute weiß ich, damit umzugehen. Alle vier Wochen gehe ich zum Psychiater, der meine Medikamente kontrolliert und gegebenenfalls neu einstellt. Beim Hausarzt wird zusätzlich regelmäßig eine Blutkontrolle gemacht. Ich möchte jedem, der Komisches sieht oder hört, empfehlen, freiwillig in die Psychiatrie zu gehen, statt zu warten, bis man per richterlicher Verfügung eingewiesen wird. Zur Panik besteht kein Grund.