Munich – no way out

Foto des BISS-Verkäufers Ercan Uzun, aufgenommen in der Goethestraße

Foto des BISS-Verkäufers Ercan Uzun, aufgenommen in der Goethestraße

Ich bin in München geboren, in München aufgewachsen und in München durch alle möglichen Hochs und Tiefs gegangen. Meine Kindheit und Jugend habe ich überwiegend in Solln gelebt. Mein Vater war einer der ersten Gastarbeiter, der hier eine befristete Zeit leben und arbeiten wollte, um dann in die Türkei zurückzukehren. Er und meine Mutter haben die Rückkehr realisiert. Auch mein jüngster Bruder ist mit meinen Eltern in die Türkei gegangen. Mein anderer Bruder und ich blieben in München. Uns stellte sich die Frage einer “Rückkehr in die Heimat” kaum. Für uns wäre das eine Auswanderung. Wir haben München lieb gewonnen.

Für meine Kinder, die zwar verhältnismäßig gut Türkisch sprechen, wird sich die Option einer “Rückkehr in die Heimat” noch weniger anbieten. Meine Frau lebt mittlerweile gern in München, da auch viele ihrer Verwandten und Angehörigen hier weilen. Allerdings wird langfristig ihr Ziel sein, unseren Lebensabend in der Türkei einzurichten. Ich habe in München Mittersendling eine kurze Zeit ein Junggesellendasein gefristet. Dorthin zog auch meine Frau nach unserer Heirat im Jahr 1994. Nicht viel später zogen wir dann nach Parkstadt Solln, wo wir heute noch sind.

In München habe ich größtenteils meine Schulbildung genossen, zuletzt auf dem Asam-Gymnasium in Giesing. Wenn wir in den türkischen Geschäften in der Goethestraße unsere Wocheneinkäufe tätigen, fühlen wir uns wie in der Türkei. Ein ähnliches Feeling kommt auf, wenn wir Männer am Wochenende bei einem Gläschen Tee die Fußball-Übertragungen der Super Lig verfolgen oder bei den Autocorsos auf der Leopoldstraße, wie als die Türkei 2002 WM-Dritter und 2008 Halbfinalist in der EM wurde. Alle hatten eine Halbmondfahne in der Hand und schrien “Türkiye! Türkiye!” Gleichermaßen merke ich auch den Deutschen in mir, wenn es um hiesige Interessen geht, etwa die Vergabe der Olympischen Winterspiele, die dieser Tage entschieden werden soll. Da wünsche ich München viel Glück.

Mütter

Unserem Propheten Mohammed zufolge befindet sich das Paradies sinnbildlich unter den Füssen der Mütter. Will sagen, die Mütter sind aufgrund ihrer Dienste für die Familie schon fast im Himmel. Das zeigt auch, entgegen verbreiteten Ansichten, welch hohen Stellenwert der Islam den Frauen, insbesondere den Müttern beimisst. Der Name Anadolu (Anatolien) soll einer Sage nach aus der Silbe “Ana” (Mutter) und dem Adjektiv “dolu” (voll) entstanden sein. Es heißt, dass ein altes Mütterchen während eines Kampfes um Anatolien den Durst der Krieger gestillt habe, indem sie deren Feldflaschen immer wieder mit Ayran, einem Joghurtgetränk, füllte.

Meine Mutter lebt seit etwa 27 Jahren, seit ihrer Scheidung, allein in Istanbul. Ich bedaure es, sie nicht so unterstützen zu können, wie es ihr zustünde. Anders als an meinen Vater habe ich an meine Mutter fast nur angenehme Kindheits- und Jugenderinnerungen. Die Alimente, die meine Mutter gerichtlich zuerkannt bekam, sind für das Leben in der Großstadt Istanbul nicht ausreichend. Das Appartement bewohnt sie auf Nießbrauch. Jedes zweite Jahr gibt es ein Wiedersehen, bei dem der Empfang fröhlich und der Abschied von Melancholie geprägt ist. Derweil findet die Kommunikation per Telefon oder Internet statt.

Als ich Anfang 20 war, heiratete mein Vater noch einmal, so bekam ich auch eine Stiefmutter. Obwohl man immer gemerkt hat, dass ihre eigenen Kinder ihr wichtiger sind als meine Brüder und ich, kann ich behaupten, von ihr nie stiefmütterlich behandelt worden zu sein. Sie aber gleichwohl als Mutter anzusprechen – alles andere wäre verpönt –, ist mir dennoch unangenehm. Letztendlich hat sie uns nicht geboren, nicht gestillt und auch nicht die Querelen mit uns gehabt. Es war meine Mutter, die mit meinem Vater jahrelang einen gewissen Wohlstand aufbaute, und wer erntet die Früchte? Genau das bereitet mir Unbehagen.

Ich hatte auch eine Schwiegermutter. Sie starb vergangenes Jahr nach kurzer, heftiger Krankheit. Die negativen Attribute, die Schwiegermüttern oft zugeschrieben werden, trafen auf sie nicht zu. Sie war recht tolerant und hat uns 16 Jahre lang nach Kräften unterstützt, wie beispielsweise damals, als ich eine eigene Firma hatte und sie zeitweise Kindermädchen für meine Söhne war. Wie selbstlos und aufopferungsvoll eine Mutter sein kann, sehe ich an meiner Frau. Beim Essen versorgt sie immer zuerst unsere vier Kinder und stellt sich und mich hintan; ebenso, wenn Mittel da sind, um Kleidung anzuschaffen. Als ich fünf Monate im Krankenhaus war, hat sie den Kindern meine Abwesenheit halbwegs erträglich gemacht.

Utopie

Das Wort „Utopie“ kommt laut Duden aus dem Griechischen und bedeutet „erdachtes Land“. Unter einer Utopie versteht man laut selbiger Quelle einen „als unausführbar geltenden Plan“ oder einen „Zukunftstraum“. Ich habe mich in meinem Leben zu oft utopischen Zielen gewidmet, wie beispielsweise die Schule unbedingt mit der Hochschulreife abzuschließen.

Dafür habe ich sogar einen längeren Aufenthalt in der Türkei in Kauf genommen, im Alter von 17 Jahren, fern von der Familie. Dort bin ich dann das erste Mal in der Psychiatrie untergekommen. Innerhalb eines Jahres wurde ich dreimal behandelt. Nachdem mein türkisches Abitur hier nicht anerkannt wurde, folgten mehrere Versuche, am Abendgymnasium und auf der Fachoberschule die deutsche Hochschulreife zu erlangen. Doch es sollte einfach keinen Studenten Ercan U. geben!

Ähnlich utopisch war der selbstständige Hausmeister Uzun. Als solcher bin ich zwar dreieinhalb Jahre tätig gewesen, aber zum Schluss war ich am Boden und die Firma hochverschuldet. Da kam ich dann zu BISS. Andere Utopien, wie eine Karriere als Fußballer oder als Sänger, habe ich frühzeitig aufgegeben. Meine einzige Utopie, die mich zweimal pro Woche verfolgt, ist, durch einen Sechser im Lotto finanziell auszusorgen – aber immer nur ein Kästchen und immer dieselben Zahlen.

In der Schule nannten mich manche Lehrer nicht umsonst „Moriskentänzer“, weil meine utopischen Ziele hinsichtlich eines „Einser-Schülers“ wegen mangelndem häuslichem Eifer einfach zu hoch gesteckt waren. Seitdem ich bei BISS arbeite, versuche ich mich mit dem, was ich habe, zu bescheiden. Es ist zwar nicht immer einfach, damit durchs Leben zu kommen, aber lieber bleibe ich auf dem Boden, als abzuheben und danach abzustürzen.

Schmidteinander in New York

Jedes Jahr dürfen ein paar BISS-Verkäufer zur Straßenkicker-WM reisen. Dieses Jahr wurde der „Homeless-World Cup“ in Rio de Janeiro ausgetragen. Wegen der unsicheren Lage dort entschieden wir uns in Absprache mit der Geschäftsführung alternativ für fünf Tage New York. Wir, das heißt mein Kollege Frank Schmidt und ich. Allein die Beantragung eines Visums für mich als türkischen Staatsangehörigen war ein Kapitel für sich. Um nicht in zeitliche Bedrängnis zu geraten, erledigten wir die Formalitäten schon Wochen vor der Abreise. Auch der Flug war eine Herausforderung für mich, weil ich relativ starker Raucher bin.

Als wir dann in New York angekommen waren, versuchte ein amerikanischer Landsmann, uns in sein Piratentaxi zu lotsen. Dank meines aufgeweckten Begleiters haben wir dann aber doch den Pendelbus zum Times Square vorgezogen. Unser Hotel lag im Stadtteil Manhattan, unweit des Central Parks. Ich merkte schon am Anfang unseres Aufenthalts, dass meine Lethargie mich auch in New York nicht losließ. Trotzdem haben wir ein paar schöne Unternehmungen gemacht: Wir fuhren per Fähre zu Ellis Island, wo die Geschichte der ersten Amerika-Einwanderer illustrativ dargestellt ist, und zur Freiheitsstatue, stiegen allerdings nicht zur Krone auf. Ground Zero ist immer noch eine riesige Baustelle, wo auch derjenige, der das World Trade Center nicht kannte, den Eindruck hat, dass dort etwas fehlt. Noch immer liegen Blumen als Zeichen des Mitleids mit den Opfern aus.

In der Canal Street in Chinatown, die mit unserer Goethestraße vergleichbar ist, versorgten wir uns mit Mitbringseln. Mein Kollege war immer geduldig und gesellig an meiner Seite. Er war viel beweglicher und begeisterter als ich, besuchte einen Flohmarkt und unternahm eine Erkundungstour mit einem Leihfahrrad. Wir bemerkten, dass die Menschen in New York viel mehr auf sich allein gestellt sind als bei uns in München, nach dem Motto: Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner.

Aufgefallen ist mir der demonstrative Patriotismus. Auf jeder U-Bahn, auf jedem Bus prangt die US-Fahne. Halloween hat in New York einen so großen Stellenwert, dass es eigene Geschäfte für das ganze Drumherum gibt. Bei Straßenverkäufern kann man „hot pretzels“ kaufen, die unseren Brezen allerdings nur in der Form und im Namen ähnlich sind. Für diejenigen, die wie ich gegen die aktuelle Tabaksteuererhöhung Sturm laufen, mag es ein schwacher Trost sein, dass in New York die Schachtel Zigaretten umgerechnet fast zehn Euro kostet. Überhaupt scheint dort so ziemlich alles teuer zu sein. Am Ende war ich froh, die Reise überstanden zu haben. Als 6-Tage-Trip fand ich New York schon okay, aber leben würde ich dort nicht gern.

Erlebnisse eines BISS-Verkäufers

Dass Passanten im Vorbeigehen ihre Zähne zeigen, als hätte BISS etwas mit beißen oder Gebiss zu tun, ist fast Gewohnheit geworden. Aber haben Sie schon mal am helllichten Tag im U-Bahn-Sperrengeschoss einen Mann in den Müllbehälter pinkeln sehen? Oder einen Mountainbiker, der die Treppe runterfährt, „rata- tatata“ wie ein Maschinengewehr? Kein Ordnungshüter ist da, der solche Leute aufhält. Apropos, für einen Undercover-Polizisten wurde ich schon öfter gehalten, ja sogar Mitarbeiter des BND solle ich sein: „Wofür stehen Sie denn sonst da?“

Angenehmer waren da meine Begegnungen mit Damen, die aufgrund hohen Alkoholpegels teilweise recht anzügliche Angebote machten, die ich aber wegen moralischer Bedenken und meines ehelichen Standes ablehnte. Nachdenklich machen mich vereinzelte Fragen Jugendlicher nach Drogen. Reich würde ich davon nicht werden, außer an Erfahrung mit schwedischen Gardinen.

Anrüchig kommt mir auch ein südländisch wirkender (falscher?) Fünfziger vor, der stets mit seinem Fahrrad unterwegs ist und Arbeiten als Schafhirte auf Tora-Bora anbietet. Er hat angeblich immer einen Arbeitsvertrag dabei und wirbt mit gutem Geld und guten Bedingungen. Immer wieder sprechen mich auch Missionare an. Die meisten, denen ich meine statische Position diesbezüglich mitteile, stören mich gottlob nicht wieder.

Meine angenehmsten Verkaufserlebnisse hatte ich in den langen Einkaufsnächten. Feierabend war da erst mitternachts, aber meine Tasche war leer und die Kasse voll. Was die Reaktionen auf meine Schreibwerkstatt-Geschichten betrifft, lässt sich das Kapitel schnell abhandeln: Ein Leser ließ es sich nicht nehmen, mir aus Verär- gerung über meine teils deprimierenden Beiträge sein selbst verfasstes Buch zuzuschicken. Im Übrigen bedanke ich mich bei allen Lesern für ihr größtenteils zustimmendes und positives Echo.