Was für den Steinzeitmenschen die Natur war, ist für den zivilisierten Menschen der Arbeitplatz. Denn der Job erschließt ihm die Mittel zum Überleben
Arbeit ist das zentrale Thema unserer Zeit – und ihr Mangel allgegenwärtig. Kaum eine Nachrichtensendung, die nicht die aktuelle Arbeitslosenquote erwähnt, kaum eine Woche, in der auf den Wirtschaftsseiten der Zeitungen nicht von Stellenabbau und Entlassungen die Rede ist. 36 Prozent der Deutschen haben Angst vor der Zukunft. Das hat eine vom Internetportal Jobware in Auftrag gegebene EMNID-Umfrage ergeben. Demnach befürchten 31 Prozent der Berufstätigen, dass ihr Arbeitsplatz gefährdet sein könnte. Und 22 Prozent der Bundesbürger geben einen sicheren Arbeitsplatz als größten persönlichen Wunsch für die Zukunft an. „Arbeit scheint in unserer Gesellschaft eine wesentliche Quelle der Identität zu sein und darüber hinaus ganz offensichtlich die Legitimation, an der Gesellschaft überhaupt teilnehmen zu dürfen“, sagte Carsten Ungewitter in seinem Vortrag zur „Zukunft der Arbeit“.Gehalten hat Ungewitter diesen Vortrag vor einiger Zeit – anlässlich eines Seminars der Friedrich- Naumnann-Stiftung mit dem Titel „Wohlstand für alle?! Wirtschafts- und Sozialordnung im Wandel“. Seitdem hat sich einiges getan und ist doch vieles beim Alten geblieben. Mit Hartz IV ist Anfang des Jahres die letzte Reform des Hartz-Pakets in Kraft getreten, die – zumindest Wirtschaftsminister Clement zufolge – „die Leute in Arbeit bringen“ soll. Die Frage ist nur, in welche: Im Januar war die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland erstmals über die Marke von fünf Millionen gestiegen.„Dem gegenüber stehen etwa eine halbe Million offener Stellen“, erinnert Dr. Bernd Malunat, lange Zeit wissenschaftlicher Assistent am Geschwister- Scholl-Institut für Politische Wissenschaft der LMU und inzwischen als Autor, Berater und Lehrer tätig. „Diese halbe Million reicht den Verantwortlichen aus Politik und Wirtschaft als Legitimation dafür, zu behaupten, es gebe ja Arbeit – sie müsse nur getan werden. Vorausgesetzt, der eine oder andere verfügt zufällig über die erforderlichen Qualifikationen für diese Stellen und entspricht zudem den Erwartungen des jeweiligen Unternehmens – vorausgesetzt also, die halbe Million offener Stellen könnte besetzt werden, blieben immer noch um die vier Millionen Menschen ohne Arbeit.“ Dass mit Hartz IV die Arbeitslosenquote tatsächlich reduziert werden könne, hält Malunat daher für absurd: Dafür brauche es Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Und die könne nur die Wirtschaft schaffen. Das Problem: Es werden mehr Stellen gestrichen, als neue hinzukommen. Was Malunat wütend macht: „Die Schuld daran wird wahlweise den Arbeitslosen in die Schuhe geschoben, die angeblich nicht arbeiten wollen oder zu teuer sind, oder sie wird dem Staat zugeschoben,weil der die Arbeitslosenzahlen nicht in den Griff bekommt. Nie ist in diesem Zusammenhang von den Unternehmen die Rede. Dabei geht es der Großindustrie blendend. Wenn alle Beschäftigten ihre Überstunden abbauen und die 30-Stunden- Woche für alle eingeführt werden würde, würde das schon eine ganze Menge zusätzliche Jobs bedeuten – zumindest im Bereich der Mittel- bis Hochqualifizierten. Stattdessen fordert die Wirtschaft die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich – was die Arbeitslosigkeit nur noch mehr verstärken würde. Und keiner regt sich darüber auf.“ Trotzdem gibt er die Hoffnung nicht auf: „Es kann und muss sich etwas bewegen, und es wird sich auch etwas bewegen. Spätestens wenn die Chancenlosigkeit auch unter jenen größer wird, die hoch qualifiziert sind.“ Dass es am Arbeitsmarkt noch nie so viele gut Qualifizierte gab, bestätigt auch Ottmar Schader von der Arbeitsagentur München: „Ihre Aussichten auf eine Festanstellung sind allerdings eher bescheiden. Doch anders als wenig oder gar nicht qualifizierte Arbeitssuchende haben sie Alterativen und sind – zumindest theoretisch – auch flexibler einsetzbar.Viele wagen den Schritt in die Existenzgründung oder qualifizieren sich weiter.“ Dennoch: Ob Akademiker, unqualifizierte Hilfskraft oder Berufsanfänger – in Beschäftigung bringen kann die Arbeitsagentur sie nur dann, wenn die Nachfrage, sprich: das Wachstum steigt. „Alle redeten immer nur von Wachstum und der Schaffung neuer Arbeitsplätze“, wundert sich Ungewitter. „Nach den Grenzen des Wachstums wird dabei aber ebenso selten gefragt wie nach ökologischer und sozialer Verträglichkeit einer immer schneller wachsenden Wirtschaft und immer effizienteren Produktion. Dabei gerät vor allem eine Frage aus dem Blick: die über Sinn und Zweck von Wirtschaftsleistung und Wirtschaftswachstum, die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz von Produktion und der Verträglichkeit der Konsumtion – und die nach dem Sinn der Arbeit.“ In der Antike zum Beispiel wurde Arbeit noch eher skeptisch betrachtet. Zumindest die körperliche und kommerzielle Arbeit. Freiheit und Bürgerrecht gingen – anders als heute – nicht mit Arbeit einher. Erst im Mittelalter und in der frühen Neuzeit bekam Arbeit eine andere, eine zentrale Bedeutung. „Ehrbare Arbeit war nun Basis genossenschaftlicher Vergesellschaftung und mit Freiheit und Staatsbürgerrecht verknüpft“, erklärt Professor Jürgen Kocka in seinen „Thesen zur Geschichte und Zukunft der Arbeit“. Ihre eigentliche Aufwertung erfuhr die Arbeit im 17. und 18. Jahrhundert als Quelle von Eigentum, Reichtum und Kern menschlicher Selbstverwirklichung: Kant wertete die Muße gar als „leere Zeit“ ab und die Arbeit zum Lebenssinn auf: „Je mehr wir beschäftigt sind, desto mehr fühlen wir, dass wir leben, und desto mehr sind wir uns unseres Lebens bewusst.“ Ob ein Menschenleben als wertvoll angesehen wurde oder nicht, war nun im Wesentlichen eine Frage der Leistung, die dieser Mensch in seinem Leben vollbrachte.
Dabei hat der Mensch überhaupt keinen Grund, sich definieren zu müssen“, sagt Dr. Bernd Malunat, „nicht umsonst heißt es in Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ein Mensch sollte von Geburt an so ausgestattet werden, dass ihm das Selbstverständnis seiner eigenen Würde bewusst ist.Kinder, die geliebt und in dem, was sie sind und tun, bestärkt werden, entwickeln in der Regel ein Selbstverständnis. So ein Kind macht seinen Weg – schulisch, beruflich und privat. Vielleicht nicht als Ingenieur oder Anwalt, aber das ist auch nicht entscheidend. Es wird immer Menschen geben, die nicht so große intellektuelle Fähigkeiten haben – allen Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen zum Trotz. Was natürlich nicht heißen soll, dass sowohl die vorschulische, schulische als auch nachschulische Bildung in Deutschland nicht dringend verbessert und den neuen Gegebenheiten angepasst werden müsste.“ Schließlich seien bereits heute im Handwerk und in der Landwirtschaft weitgehend Computerkenntnisse nötig – von den Produktionsprozessen in der Industrie ganz zu schweigen. Doch nicht nur in Sachen Qualifizierung, auch was unsere Bedürfnisse betrifft, sei in unserer hochzivilisierten und vor allem hochtechnisierten Gesellschaft ein Umdenken erforderlich. „Wir müssen einfach bescheidener werden – nicht, was die Qualität, wohl aber, was die Quantität betrifft“, betont er. „Und zwar einfach deshalb, weil wir uns den bisherigen Standard aus ökologischen Gründen nicht mehr werden leisten können. Wachstum an sich ist unbegrenzt möglich, das ist eine reine Rechengröße. Das Problem ist die Umwelt – die hat einfach ihre Grenzen.“ In der Rückkehr zu naturverträglicheren Gesellschaftsformen und der Wiederbelebung dessen, was wir in den vergangnen 150 Jahren vernachlässigt haben, sieht Malunat eine einzigartige Möglichkeit, sowohl den Arbeitsmarkt als auch die Umwelt auf Dauer zu entlasten: „Nachbarschaftshilfe, Ehrenamt, Eigenarbeit und Tauschringe sind zwar nicht ausreichend, um all das zu bekommen, was zum Leben nötig ist.Wer aber einen Großteil dessen, was er braucht, außerhalb des Marktes erwirbt, braucht auch weniger Geld.Wer mit Nachbarn zusammen eine Fahrgemeinschaft bildet, im Tausch gegen selbst gebackenes Brot Nachhilfe gibt oder einen alten Menschen betreut, bei dem er günstig zur Untermiete wohnen kann, muss – zumindest nicht als 40-Stunden-Kraft – auf den Arbeitsmarkt drängen. Positiver Nebeneffekt: Um für andere einkaufen zu gehen,Kinder zu hüten oder den Rasen zu mähen, braucht man auch nicht die spezifischen Bildungsqualitäten, die heute für so viele eine unüberwindliche Hürde in den Arbeitsmarkt bedeuten“, erklärt Malunat. „Da sind vor allem menschliche Qualitäten gefragt.Nicht zuletzt aber würde die Zunahme solch unmittelbarer Tätigkeiten unser Lebensgefühl und damit unsere Lebensqualität verbessern.“
Daniela Walther




