In memoriam: Rudolph Moshammer

Am 27. September wäre Rudolph Moshammer 70 Jahre alt geworden. Der Münchner Modezar war lange Jahre ein Freund und Gönner von BISS. Er stellte sich auch für ein BISS-Image-Video zur Verfügung, das wir anlässlich seines Geburtstages noch einmal zeigen.

Psychose

Ich möchte von einer Krankheit erzählen, die bei mir 1991 zum ersten Mal plötzlich und völlig unerwartet aufgetreten ist: der Psychose. Man wird total überrascht und erkennt die Realität nicht mehr. Man glaubt, dass das, was man sieht und hört, der Realität entspricht, doch dem ist nicht so. Andere sprechen einen darauf an: „Was ist los? Du bist komisch!“ Man führt zum Beispiel ein Gespräch und versteht etwas ganz anderes, als der andere sagt. Die Realität hat sich wirklich verrückt, verschoben. Bei mir brach diese Krankheit zweimal aus. Ich ging freiwillig in die Psychiatrie, weil es mir Angst machte. Dort bekam ich Medikamente, und es wurde nach und nach besser.

Während der Psychose sah ich Menschen, die mir nahestanden, als meine Schutzengel an. In meiner gewohnten Umgebung machte mir meine Krankheit Angst, doch in der Klinik empfand ich meinen Zustand als schön; ich fühlte mich stark und unangreifbar. Für eine sogenannte Kasuistik durfte ich vor Professoren und Ärzten in der Klinik über meine Krankheit sprechen. Die Tabletten unterdrücken die Symptome, sodass ich heute ein normales Leben führen kann. Mittlerweile bin ich seit sechzehn Jahren psychosefrei.

Laut meinem Doktor besteht die Gefahr eines neuen Ausbruchs, sobald ich Stress habe oder meine Lebensumstände sich ändern; doch ich habe keine Angst mehr davor, dass die Krankheit wieder ausbrechen könnte, denn heute weiß ich, damit umzugehen. Alle vier Wochen gehe ich zum Psychiater, der meine Medikamente kontrolliert und gegebenenfalls neu einstellt. Beim Hausarzt wird zusätzlich regelmäßig eine Blutkontrolle gemacht. Ich möchte jedem, der Komisches sieht oder hört, empfehlen, freiwillig in die Psychiatrie zu gehen, statt zu warten, bis man per richterlicher Verfügung eingewiesen wird. Zur Panik besteht kein Grund.

verrueckt@inter.net

Schon vor zwanzig Jahren habe ich angefangen, im Internet E-Mails zu verschicken. Das „Netz der Netze“ war damals noch ganz neu, und über die grässlich lahmen Modems hätte man nicht mal ein einfaches Foto senden können: Übertragungszeit mehrere Minuten! Die elektronische Post war damals als Werkzeug gedacht, um den Briefverkehr zwischen Universitäten, Firmen und öffentlichen Einrichtungen zu beschleunigen. Außerdem gab es schon bald Zugang zu Bibliothekskatalogen, wissenschaftlichen Datenbanken und allerlei Diskussionsforen.

Das Ganze war durchaus „cool“, aber im Vergleich mit den heutigen Multimedia-Angeboten doch recht trocken. E-Mail bleibt weiterhin die wichtigste Funktion im Netz, leider direkt gefolgt von Werbung, Werbung, Werbung. Um die unerwünschten Werbebriefe für Viagra-Pillen und betrügerische Geldanlagen kümmern sich immerhin automatische Filter. Aber auf vielen, vor allem den fernöstlichen Webseiten blinkt, flackert und scheppert es, dass mir nur noch das Motto dieser BISS-Ausgabe einfällt: verrückt. Fast möchte man Google, die sanfte Datenkrake, loben, da geht es ruhiger zu.

Was helfen mir aber 1,7 Millionen Fundstellen, wenn ich die Information in dieser Müllhalde, die mir der Datenbagger auf den Bildschirm schaufelt, beim besten Willen nicht finden kann? Ganz einfach, ich logge mich in mein soziales Netzwerk ein und singe dort meinen allerbesten Freunden das Klagelied vom doofen Internet. Oder ich lade mir die neuesten Videoclips herunter. Oder ich schaue mir Kochrezepte und Katzenfotos an. Schon wieder ist eine Stunde Bürozeit vergangen. Kurzarbeit? Bei uns doch nicht! So mutiert das Werkzeug zum Spielzeug, der Nutzen zum Nonsens. Das Internet ist heute bestimmt nützlicher denn je, nur muss man sich schon zusammenreißen, um nicht am Ende selber zu lallen wie ein Kleinkind: verrueckt@inter.net.

Carl-Wilhelm Sachse ist am 8. Juli 2010 verstorben.

Stark für zwei

Kräftezehrend: Angehörige von psychisch Kranken fühlen sich oft überfordert

Kräftezehrend: Angehörige von psychisch Kranken fühlen sich oft überfordert. Illustration: Bernhard Zölch

Wer sich um ein psychisch krankes Familienmitglied kümmert, darf eines nicht vergessen: sich selbst. Leseprobe der Reportage zum Schwerpunkt “Verrückt”.

Anfangs denkt Monika Hanauer*, ihr Sohn sei in der Pubertät. Daniel ist wortkarg, rasiert sich immer seltener. Nachts sitzt er in seinem Zimmer und sieht durchs offene Fenster in die Finsternis. „Sei nicht so faul! Warum arbeitest du nichts?“, fragt sein Vater, schließlich soll der Sohn mal den Betrieb übernehmen. „Lasst mir doch meine Ruhe“, sagt der.

Als Daniel seine Ausbildung abgeschlossen hat, muss er ausziehen. Der Kontakt bricht ab. Nach drei Jahren steht er wieder vor der Tür. Abgemagert, in zerrissener Kleidung, mit fettigen Haaren, müden Augen und der Frage: „Darf ich mich bei euch ausruhen?“ Natürlich darf er. Aber wovon ausruhen?, fragen sich seine Eltern.

Eines Tages, Monika Hanauer bügelt gerade Hemden, geht Daniel nervös in der Diele auf und ab. „Ich halte die Schmerzen in meinem Kopf nicht mehr aus! Ich muss auf die Straße!“, schreit er plötzlich, will mit nacktem Oberkörper hinaus. Seine Mutter bringt ihn davon ab, doch sie wagt es nicht, ihn anzufassen. Sie hat Angst vor ihm. Und sie versteht: Mein Sohn ist nicht faul. Mein Sohn ist nicht in einer schwierigen Phase. Mein Sohn ist krank.

Viele Monate und Arztbesuche vergehen, bis die Diagnose feststeht: Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis. Für Daniels Eltern ein Schock. Und irgendwie auch eine Erleichterung: „Endlich wussten wir, was mit ihm los ist.“

Berichte über psychische Erkrankungen drehen sich meist um neue Behandlungsmethoden, um die volkswirtschaftlichen Kosten von Arbeitsausfällen und um die Kranken selbst. Deren Zahl, heißt es dann, habe sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Es gibt aber noch eine andere Gruppe von Betroffenen. Sie ist noch größer. Auch ihre Zahl hat sich verdoppelt. Und oft ist ihr Leben nicht weniger betroffen als das des Patienten selbst: die Eltern, Geschwister, Partner und Freunde psychisch Kranker.

*Namen der Betroffenen geändert

Die ganze Reportage lesen Sie in der September-Ausgabe der BISS, erhältlich bei mehr als 30 BISS-Verkäufern in ganz München.

BISS-Ausgabe September 2010 | Schwerpunkt: Verrückt

BISS-Cover September 2010, Verrückt

BISS-Cover September 2010, Verrückt

Stark für zwei Wer sich um ein psychisch krankes Familienmitglied kümmert, darf eines nicht vergessen: sich selbst

Wenn Johnny Depp spinnt Sozialpsychologie-Professor Heiner Keupp über den Umgang mit Verrückten und die Geschichte der Psychiatrie

Zum Verrücktwerden! Ungerechte Sozialpolitik, irre Mehrwertsteuersätze, riesiger Alkoholkonsum: die BISS-Liste der größten Absurditäten

Handschellen sind keine Hilfe Ein Nachbar dreht durch, die Polizei kommt. Vor Ort fehlt es an Erster Hilfe für die Seele

Obhut und Obdach Ein Wohnprojekt bewahrt Menschen mit psychischen Krankheiten vor der Wohnungslosigkeit

Angriff auf das Soziale Auch in München steigt das Armutsrisiko, befürchten Sozialverbände. Grund sind Sparmaßnahmen des Bundes

G’schichten

Schreibwerkstatt Unsere Verkäufer erzählen

Die Bildungsbürger Endlich Zeugnisse! Die Schüler des Abschlussjahrgangs der Franz-Auweck-Abendschule verabschieden sich

Um die Ecke Autorin Claudia Wessel über Liegestuhl-Paule, Johnny und die Isar-Scheherazade am Flaucher

Jana und das verrückte Paket Die Kolumne aus der Schreibwerkstatt

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Lieber Schlötterer als schlottern

Porträt Hildegard Denninger. Foto: Dorothea Büchele

Hildegard Denninger. Foto: Dorothea Büchele

„Was? Aber das ist doch verrückt! So ein tolles Projekt! Warum unterstützen die das nicht?“ Das ist die Reaktion, wenn wir auf die oft gestellte Frage antworten, warum unser geplantes Projekt Hotel BISS (siehe S. 22) noch einmal in die Warteschleife muss und wir in ein Bieterverfahren gezwungen werden. Wir gehen davon aus, dass das Finanzministerium, vermutlich mit Zustimmung der Staatskanzlei, sein Möglichstes getan hat, damit die CSU- und FDP-Abgeordneten im Haushaltsausschuss die Petition von BISS zum Kauf des alten Gefängnisses Am Neudeck ablehnen (wir berichteten).

Würde der Stadt das Grundstück gehören, hätten wir Hotel BISS schon längst eröffnet. Denn dort wissen die politisch Verantwortlichen, wie wichtig die Ausbildung benachteiligter junger Menschen für die ganze Gesellschaft ist.

Von Ministerpräsident Seehofer über Finanzminister Fahrenschon bis hin zu einfachen CSU- und FDP-Abgeordneten hatten uns alle im persönlichen Gespräch versichert, dass sie begeistert sind von unserem Projekt und zur Realisierung von Hotel BISS beitragen wollen. Alle Fachleute haben Einzigartigkeit und Erfolgschancen bestätigt. Beispielhaft: ein soziales Projekt, das sich ab Eröffnung des Hotels selbst trägt. Vorbildlich: wie BISS und sein Netzwerk dafür sorgen, dass benachteiligte junge Menschen eine erstklassige Berufsausbildung bekommen und dafür auch ältere Menschen mit einbinden. Bürgerfreundlich: Ein denkmalgeschütztes, historisch wichtiges Gebäude wird erhalten. Toll: dass BISS schon über 4 Millionen Euro dafür eingeworben hat. Toll, ja! Und dann lehnt die CSU/FDP-Fraktion unsere Petition ab, obwohl uns die Bayerische Landesstiftung wegen der besonderen Förderwürdigkeit 2,5 Millionen zugesagt hat! Verrückt, oder?!

Seit ich das Buch des aufrechten Demokraten und CSU-Mitglieds Dr. Wilhelm Schlötterer „Macht und Missbrauch“ gelesen habe, weiß ich, dass Verschleppen von Petitionen durch Ministerien und/oder die Staatskanzlei und die darauf folgende Ablehnung durch die Regierungsfraktion schon seit langem zum Repertoire gehört. Im Buch beschreibt Schlötterer den Machtmissbrauch und die Korruption, gegen die er in seiner 30-jährigen Dienstzeit unter Strauß bis Stoiber gekämpft hat. Er hat das alleine durchgestanden! Sollen wir uns da fürchten, wo wir mit Tausenden von Unterstützern an unserer Seite in das Bieterverfahren gehen? Nein! Wir sammeln weiter Spenden und Darlehen (siehe S. 23). Und sollte es dann tatsächlich einen Investor geben, der keine Skrupel hat, uns das Gefängnis Am Neudeck abzujagen, dann müssen wir ihn überzeugen, davon Abstand zu nehmen. Wenn wir die Adresse nicht haben, schreiben wir ihm einen offenen Brief.

Herzlichst


Hildegard Denninger

Standplatz: Kreuz und quer durch München und Umgebung

BISS-Verkäufer Bernhard Gutewort

BISS-Verkäufer Bernhard Gutewort

Großspurig behaupte ich immer, Kosmopolit zu sein – wie sollte ich da einen festen Standplatz haben? Mein Arbeitsplatz ist der Mikrokosmos München: von Harlaching bis Schwabing, von Garching bis Gauting, denn ich bin unterwegs in den renommierten Lokalen, den angesagten Kneipen und großen Biergärten wie zum Beispiel im „Unionsbräu“ in Haidhausen und am Nockherberg.

Kosmopolitisch bin ich auch insofern, als ich bei Italienern genauso verkehre wie bei Griechen, Asiaten und Afrikanern, getreu meinem Motto: Es gibt überall solche und solche. In manchen Lokalen gehöre ich schon fast zum Personal und ich würde mir zutrauen einzuspringen, wenn Not am Mann ist. An den Stammtischen wartet man schon auf mich: „Immer noch diese Ausgabe. Hast du nicht mal was Neues? Komm, trink deinen Espresso!“, etwa beim „Alten Wirt“ in Ramersdorf, in der „Harlachinger Einkehr“ sowie in der „Forschungsbrauerei“ und im neu eröffneten „Kastanienhof“ in Perlach.

Aufmunternd finde ich es auch immer, wie freudig ich bei meinem Lieblingsgriechen, im „Kytaro“, begrüßt werde. Den besten Espresso gibt es im „Roma 2000“, die besten österreichischen Spezialitäten im „Dicken Mann“. Weiter geht’s nach Deisenhofen, in die Heimat der Radler-Maß, die „Kugler Alm“, und dann ins „Forsthaus Kasten“. Der Abschluss meiner Tour ist der Biergarten Freiham. Schade, dass ich mich mit den Leuten nicht länger unterhalten kann. Zum Schluss lüfte ich noch ein Geheimnis: Die allerliebste Bedienung gibt’s im „Baumkirchner“. Aber ich liebe euch alle!