Weitere Artikel aus der BISS-Schreibwerkstatt rund um das Thema “Münchner Helden” finden Sie auf den Seiten 16 und 17 in der Sommer-Ausgabe der BISS.

BISS-Verkäufer Anton Gürtler an seinem Standplatz an der U-Bahn Giselastraße
Jeden Morgen um sieben Uhr gehe ich zuerst zu McDonald’s, um mir einen Kaffee zu kaufen. Wenn dann der Kiosk im Untergeschoss der U-Bahn-Haltestelle aufmacht, hole ich mir ein Mineralwasser und meinen Klappstuhl, den ich dort über Nacht deponiere, dann setze ich mich bis 14 Uhr an meinen Verkaufsplatz gegenüber dem Kiosk. Sehr viele Leute gehen täglich an mir vorbei. Viele, die ins Büro laufen, schauen mich nicht einmal an; andere hingegen kümmern sich richtiggehend um mich. Eine alte Dame hat mir sogar eine Zeit lang eine Art „Wurstsemmel-Abo“ beim Kiosk gekauft. Sie hat im Voraus zwölf Wurstsemmeln gezahlt, die ich mir dann im Laufe des Monats nach Bedarf holen konnte. Jetzt kommt sie leider nicht mehr, weil sie, wie ich gehört habe, in ein Pflegeheim gezogen ist.
Ich verdiene mir mit dem BISS-Verkauf etwas Geld zu meiner kleinen Rente dazu. Ich habe Maurer gelernt und als Maurer gearbeitet, dann bin ich abgesackt. Später sortierte ich in der Großmarkthalle Obst. Während dieser Zeit beobachtete ich in der Wirtschaft einmal einen, den ich kannte, wie er auf dem Tisch einen Haufen Kleingeld gezählt hat. Ich ging zu ihm hin und fragte, wo er denn die vielen Münzen herhabe. „Ich arbeite bei BISS“, sagte er und meinte, dass ich da auch anfangen könne. Dann sind wir zusammen ins BISS-Büro gegangen. Das ist jetzt schon 13 Jahre her, und seit über zehn Jahren verkaufe ich nun an der Giselastraße. Bald nachdem ich bei BISS angefangen hatte, bekam ich eine eigene Wohnung, davor wohnte ich in einer Übergangswohnung und davor eineinhalb Jahre bei einem Spezl, dem ich nichts dafür zahlen musste.
Wir sind sehr erschrocken und sehr traurig über den überraschenden Tod unseres erst 55-jährigen, geschätzten Mitarbeiters Carl-Wilhelm Sachse. Herr Sachse war seit 2004 als BISS-Verkäufer tätig und seit dem Start unseres Stadtführungsprojekts im September 2009 als BISS-Stadtführer. Herr Sachse hat sich dabei als ein echtes Naturtalent erwiesen und sich mit großer Freude und Kompetenz in das Projekt eingebracht.
Im November 2009 haben wir C.W. Sachse als BISS-Stadtführer fest angestellt und erst kürzlich seine Anstellung nochmals erweitert. Leider konnte er seine neuen Aufgabe, auf die er sich offensichtlich sehr gefreut hatte, nicht mehr antreten.Wir haben mit Carl-Wilhelm Sachse einen klugen, zuverlässigen und begeisterungsfähigen Mitarbeiter verloren, den wir immer in bester Erinnerung behalten werden.
Die Aussegnung mit Urnenbeisetzung von Herrn Sachse ist am Mittwoch, 11.08.2010, 12.00 Uhr, Krematorium Ostfriedhof.
Das BISS-Team

Hildegard Denninger. Foto: Dorothea Büchele
Für mich sind und bleiben unsere BISS-Verkäufer Helden, Helden des Alltags und der Straße. Zwei von ihnen, Frau Milenkovic (S. 20) und Herr Bernhöft (S. 13), sind in diesem Heft porträtiert. Für alle unsere Helden wäre kein Platz gewesen.
Um nur einige der ältesten und langjährigen zu nennen: Da ist zum Beispiel Herr Adamec, der mit 72 Jahren noch zehn bis zwölf Stunden täglich am Marienplatz steht und in seiner stillen, freundlichen Art die BISS anbietet, weil er seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten will. Das will auch sein gleichaltriger Kollege, Herr Wendicke, der vergangenes Jahr sehr gelitten und ein Bein verloren hat. Aber Herr Wendicke hat nicht aufgegeben, sondern sich einen kleinen Hund zugelegt, damit er in Bewegung bleiben muss. Und zur Freude seiner Kundinnen hat er nun auch seinen Schalk wiedergefunden. Oder Frau Lackenberger am Odeonsplatz, die eine laute Stimme, aber eine zarte Seele hat und trotz ihrer schrecklichen Gelenkschmerzen den Menschen freundlich zugewandt bleibt. Oder Herr Uzun, der täglich gegen seine Schwermut ankämpfen muss, aber trotzdem regelmäßig an seinem Verkaufsplatz am Sendlinger Tor steht, um seine Pflicht als Arbeitnehmer zu erfüllen. Sie und all die anderen engagierten Verkäuferinnen und Verkäufer sind unsere Helden, da sie sich trotz vieler Einschränkungen nicht unterkriegen lassen und ihr persönlicher Einsatz und ihr Pflichtbewusstsein auch dem Projekt zugutekommen.
Einer, der immer mein Held bleiben wird, ist Altabt Odilo Lechner von der Benediktinerabtei St. Bonifaz. Seit 1993 die erste BISS herauskam, dürfen wir die Klosterpforte als Ausgabestelle der Zeitschrift nutzen. Altabt Odilo und Frater Prior Emmanuel Rotter, der Leiter der Obdachlosenhilfe St. Bonifaz, haben von Anfang an unsere Wege begleitet, geebnet und BISS geholfen, wenn es nötig war. Diese Unterstützung und Herzlichkeit erfahren wir auch vom jetzigen Abt Dr. Johannes Eckert. Alle unsere ehemals obdachlosen Verkäufer haben vormals die Hilfsangebote der Abtei genutzt: Sei es Arztpraxis, Kleiderkammer, Sozialberatung oder kostenlose Essensausgabe. Jetzt holen sich die meisten nur noch die BISS-Hefte dort. Aber alle gehen sie gerne hin, weil man ihnen mit Freundlichkeit begegnet. Rudolf Raiser, der Pförtner von St. Bonifaz, kennt viele BISS-Verkäufer. Generationen von Zivildienstleistenden haben zusammen mit ihm in den letzten 16 Jahren 3 bis 4 Millionen Zeitschriften an unsere Verkäufer ausgegeben. Herr Raiser macht aber nicht nur das, sondern er schaut auf unsere Verkäufer. Und wenn er das Gefühl hat, dass es jemandem nicht gut geht, dann sagt er uns das. Denn auch Helden brauchen manchmal Hilfe.
Herzlichst

Hildegard Denninger
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