Standplatz: im Zwischengeschoss Marienplatz

BISS-Verkäufer Tibor Adamec an seinem Standplatz im Marienplatz-Zwischengeschoss

BISS-Verkäufer Tibor Adamec an seinem Standplatz im Marienplatz-Zwischengeschoss

Als ich 1993 zu BISS kam, war ich 56 Jahre alt und laut Arbeitsamt als gelernter Radio- und Fernsehelektroniker „nicht mehr vermittelbar“. BISS war gerade erst einen Monat vorher gegründet worden und wurde in der Obdachlosenhilfestelle „Teestube Komm“ an die Verkäufer ausgegeben. Die erste Auflage bestand aus 10.000 Exemplaren, die ganz schnell ausverkauft waren. Deshalb wurde eine zweite Auflage von 50.000 Stück gedruckt, von der ich noch eine Ausgabe besitze, mit einer obdachlosen Frau auf dem Titelblatt.

Ich stand BISS anfangs skeptisch gegenüber, weil ich nicht mit dem schlechten Image von Obdachlosen in Zusammenhang gebracht werden wollte. Ich habe selbst nie in diesem Milieu verkehrt und war noch nie in meinem Leben betrunken. Seit den Anfängen von BISS hat sich viel verändert. Der Verkauf lief damals viel besser, weil wir nur etwa 15 Verkäufer waren. Inhaltlich hatte das Heft nicht die Qualität, die es heute hat. Während anfangs vor allem Schülerinnen und Schüler BISS kauften, sind es heute viele Bessergestellte.

Wir Verkäufer waren nicht so abgesichert wie heute, es gab noch nicht die Möglichkeit, bei BISS fest angestellt zu werden. Das kam erst 1998 und ich war einer der drei ersten Festangestellten. Den Verkaufsplatz im Zwischengeschoss Marienplatz teile ich mir mit Karl-Heinz Wendicke, auch ein Verkäufer der ersten Stunde. Jeder steht abwechselnd eine Woche vor dem Eingang zum Kaufhof und eine Woche bei dem kleinen Schmuckgeschäft gegenüber dem Aufgang zum Rindermarkt und Richtung Viktualienmarkt. Dieser Platz ist für uns weniger gut, seit hauptsächlich Touristen zum Viktualienmarkt gehen. Über meine Kunden kann ich nur das Beste berichten. Sie sind sehr hilfsbereit und honorieren es, dass ich in meinem Alter von 73 Jahren noch diese Arbeit mache.

Zum Standplatz von Tibor Adamec im sozialen Stadtplan.

Audio-Slideshow über Tibor Adamec und sein neues Leben mit BISS.

Reden mit unserem Herrn

Es heißt nicht, dass derjenige gläubiger ist, der in die Kirche geht, oder dass der, der nicht in die Kirche geht, ungläubig ist. Man kann auch zu Hause beten. Mich zum Beispiel stärkt der Glaube, wenn ich alleine in einer Kirche bin und innig bete. Da bin ich allein mit Gott. Ich rede mit unserem Herrn auch darüber, wie es steht mit der Welt und mit mir und ob es richtig sein kann, dass es heute Kriege und Hungersnöte gibt, ob er einverstanden ist mit dieser Welt. Mit mir meint er es jetzt offenbar gut, nachdem ich nach meinem Absturz vor 25 Jahren erst einmal büßen musste. Ich bin einigermaßen gesund, und mit der Familie geht es gut. Ich fühle, das ist auch im Sinne Gottes. Auch finanziell geht es einigermaßen. Man muss nicht Millionen haben, um glücklich zu sein. Weihnachten geht mir immer sehr auf die Psyche. Jesu Geburt und so weiter machen mich sehr nachdenklich.

Weitere Texte aus der BISS-Schreibwerkstatt finden Sie auf den Seiten 16 und 17 der Dezember-Ausgabe.

Es weihnachtet sehr

Meine Geschichte spielt zur Adventszeit in den fünfziger Jahren, als ich etwa vier Jahre alt war. Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel und in unserer sonst so ruhigen Wohnung herrschte reges Treiben. Es wurde geputzt, gewienert und, was das Schönste für mich war, gebacken. Wir bastelten Sterne, schmückten die Wohnung mit frischem Tannengrün, und beim Backen durfte ich die Plätzchen ausstechen. Rote Glaskugeln in verschiedenen Größen hingen in den Fenstern. Endlich war der erste Adventssonntag.

Am Nachmittag wurde die erste Kerze angezündet und ein Verwandter las Geschichten vor. Wir sangen auch Lieder, es gab Nüsse und Bratäpfel und der Wunschzettel ans Christkind wurde geschrieben. Ich wünschte mir eine blaue Hose nebst Pullover und, so wie jedes Weihnachten, Kleider für meine zwölf Puppenkinder. Vor allem hatte ich aber einen großen Wunsch: einen Dackel, der Flocki heißen sollte. Aber ich wuchs bei Oma und Opa auf, die beide nicht mehr ganz gesund waren. Ob es nicht ein kleineres Tier sein dürfte, fragte Opa. „Nein“, beharrte ich, „ich kümmere mich um den Hund.“ Ich würde mit ihm Gassi gehen, ihn mit in den Kindergarten nehmen und mit ihm herumtollen, malte ich mir aus.

Dann kam der Heilige Abend. Schon sehr früh wurde ich wach. Da es noch zu früh war, um aufzustehen, kuschelte ich mich zufrieden an meine Oma und schlief bald wieder ein. Als ich wieder aufwachte, duftete es nach Gänsefett. Ich kletterte aus dem Bett. Heiligabend, endlich! Ein Bauchkribbeln begleitete mich den ganzen Tag, welcher einfach nicht enden wollte. Als es zu dunkeln begann, war endlich Bescherung. Der Christbaum glänzte im Schein der vielen Kerzen und wir sangen „Stille Nacht“. Aber wo war mein Dackel? Doch da war was! Als Opa Licht machte, sah ich ein Körbchen. „Flocki!“ Ich hob den Deckel und drinnen war mein lang ersehntes Dackelchen!

Weitere Texte aus der BISS-Schreibwerkstatt finden Sie auf den Seiten 16 und 17 der Dezember-Ausgabe.

BISS-Ausgabe Dezember 2010 | Schwerpunkt: Glaube

Cover BISS Dezember 2010: Glaube

Cover BISS Dezember 2010: Glaube

Glaube | Weihnachten im Haus der Kulturen: Wie Bewohner eines ganz normalen Münchner Mietshauses den Heiligen Abend feiern | Fremden Göttern in die Augen schauen: Warum so viele Menschen abseits des Christentums nach Spiritualität suchen | Vernünftig sein, um Gottes willen: Moderator und Theologe Gert Scobel sieht nicht ein, warum sich Verstand und Glaube ausschließen sollen | Zwei Diener eines Herrn: Die eine fand Gott nicht im Islam und wurde Christin. Die andere machte es umgekehrt. Zwei Konvertitinnen berichten

G’schichten | Schreibwerkstatt: Unsere Verkäufer erzählen | Um die Ecke: Schriftstellerin Fabienne Pakleppas Liebeserklärung an München | Janas Weihnachtsbräuche: Die Kolumne aus der Schreibwerkstatt

Rubriken | Lob & Tadel | BISSchen | Hotel BISS | Patenuhren | Freunde & Gönner | Impressum | Adressen

Letzte Weihnachten

Porträt Hildegard Denninger. Foto: Dorothea Büchele

Hildegard Denninger. Foto: Dorothea Büchele

Wie jedes Jahr trafen wir uns auch im vergangenen Jahr zu Weihnachten alle bei meiner Mutter in Oberfranken, um gemeinsam zu feiern. Wie immer schmückten die Kinder den Baum, es wurden Weihnachtslieder auf dem Klavier geübt, nach dem Abendessen die Kerzen angezündet, gesungen, vorgelesen und Geschenke verteilt. Aber dieses Mal brach meine Mutter mit der Tradition, eher kleinere als größere Geschenke zu machen. Sie schenkte jedem ihrer Kinder und Enkel 500 Euro, fein zusammengerollt in Weihnachtspapier, mit Schleifchen drum. „Aber das ist doch viel zu viel, Omi!“, rief unsere Tochter, die völlig perplex war. Aber meine Mutter erklärte mit strahlendem Lächeln, dass das Geld von ihrem letzten Bausparvertrag stamme und sie es uns mit warmen Händen geben wolle. Sie bekäme ja eine Rente, mehr brauche sie nicht mehr. „Nehmt’s nur, Kinnerla“, meinte sie, „so oft wern mer ja nimmer Weihnachtn mitanander feiern.“

Es war das letzte Weihnachtsfest mit meiner Mutter. Sie ist am 25. August, vier Monate vor ihrem 92. Geburtstag, zu Hause in ihrem Bett friedlich entschlafen. Meine Mutter war, ebenso wie meine Schwiegermutter und meine verstorbenen Onkel und Tanten, tiefgläubig. Vielleicht weil sie an ein Weiterleben nach dem Tod glaubten, war keinem von ihnen Angst vor dem Sterben anzumerken. Aber ich denke, es hatte auch damit zu tun, dass es sich sicher leichter stirbt, wenn man zu Lebzeiten mit den Leuten anständig umgegangen ist und dazu beigetragen hat, dass es in seinem Umfeld ordentlich zugeht. Letztlich ist es egal, denke ich, ob man Gutes getan hat, um in den Himmel zu kommen oder weil man die Ungerechtigkeiten auf dieser Welt nicht hinnehmen wollte.

Auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde, Gönner und Paten von BISS, unterstützen uns und unsere Verkäufer ja deswegen, weil sie helfen und für mehr Gerechtigkeit sorgen wollen. Ich kann Ihnen natürlich nicht versprechen, dass Sie in den Himmel kommen, wenn Sie BISS oder anderen sozialen Projekten Geld und Zeit spenden. Aber ich bin sicher, dass die Freude, die Sie anderen bereiten, auch auf Sie zurückkommen wird. Uns BISSlern bereiten Sie, liebe Freunde, sehr große Freude: Denn nur mithilfe unseres standhaften Netzwerks haben wir die Kraft, der Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken und soziale Projekte wie die Straßenzeitschrift BISS oder Hotel BISS erfolgreich umzusetzen. Ich danke Ihnen allen deshalb von ganzem Herzen für Ihr Vertrauen, Ihre Treue und Ihre Großzügigkeit und wünsche Ihnen – auch im Namen unserer Verkäufer und des Vereins BISS – frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr.

Herzlichst


Hildegard Denninger

BISS-Ausgabe November 2010 | Schwerpunkt: Ohne Rechte

BISS-Cover November 2010

BISS-Cover November 2010 Schwerpunkt: Ohne Rechte

Ohne Rechte | Ein ganz spezieller Arbeitgeber: Kirchen genießen enorme Privilegien. Die nutzen sie gern auch gegen aufsässige Mitarbeiter | Nur keine Pause machen: Multijobber: Weil das Geld nicht reicht, kellnert eine Arzthelferin, und eine Erzieherin arbeitet als Babysitterin | Willig und billig: Wie Autoren, Journalisten und Übersetzer von Verlagen und Radiosendern ausgebeutet werden | Fauler Asylkompromiss: Die Landesregierung verspricht menschenwürdige Lebensbedingungen für Asylbewerber. Von wegen!

G’schichten | Schreibwerkstatt: Unsere Verkäufer erzählen | Um die Ecke: Filmemacherin und Schriftstellerin Doris Dörrie hat in Schwabing ihr Glück gefunden | Jana und der Igel: Die Kolumne aus der Schreibwerkstatt

Rubriken | Lob & Tadel | BISSchen | Hotel BISS | Patenuhren | Freunde & Gönner | Impressum | Adressen

Herr B. hat verstanden

Hildegard Denninger, BISS-Geschäftsführerin

BISS-Geschäftsführerin Hildegard Denninger

Ich glaube, dass ich, erblich bedingt, eher zur Selbstausbeutung neige. Unter Umständen könnte man mir auch vorwerfen, dass ich die Arbeitskraft der mir am nächsten stehenden Menschen ausbeute. Ich denke aber nicht, dass mich meine Mitarbeiter oder unsere BISS-Verkäufer als Ausbeuterin sehen. Aber wer weiß! Sie können Ihren Stammverkäufer ja mal fragen, was er zu diesem Thema meint. Denn ab und zu fühlt sich der eine oder andere unserer Leute schon ein bisschen unter Druck gesetzt von mir. Wie zum Beispiel neulich unser Verkäufer Herr B.

Herr B. hat sich toll entwickelt. Er hat keine Schulden mehr, dafür eine schöne Wohnung, schöne Zähne und einen schönen, dicken Hund. Er organisiert sein Leben selbst, geht neue Ziele an, und obwohl er von Haus aus eher schwarzsieht, ertappen wir ihn immer öfter dabei, dass er optimistisch in die Zukunft blickt. Aber neulich hat ihn sein Pessimismus wieder eingeholt. Lesen Sie weiter bei »Herr B. hat verstanden«…

Ausbeutung

Spielsachen sind häufig zu teuer für Eltern

Spielsachen sind häufig zu teuer für Eltern

Auch im 21. Jahrhundert gibt es noch Ausbeutung, zum Beispiel in Afrika: In Knochenarbeit müssen dort die Arbeiter und sogar Kinder für einen Hungerlohn Diamanten, Gold, Silber oder andere Materialien schürfen. Vor 250 Jahren wurden die Indianer ausgebeutet, als sie von ihrem Land vertrieben und dann in Reservate umgesiedelt wurden. Sie wurden fast ausgerottet. Heute haben sie Spielcasinos, wo sie Millionen Dollar verdienen, die sie zum Teil an ihre armen Landsleute abgeben. Auch ich habe schon Ausbeutung erfahren: Eine Firma ließ mich monatelang arbeiten und hat mir dann den Lohn nicht gezahlt. Beim Arbeitsgericht bekam ich zwar Teilrecht, aber auf diesen Teil warte ich heute noch, denn der Chef übertrug die Firma an seine Frau, und die konnte ich nicht belangen. Zum Schluss noch eine andere Form von Ausbeutung: bei Kindersachen. Da werden Kleidung und Spielzeug so hoch gehandelt, dass, sie für ärmere Eltern oder Großeltern eigentlich zu teuer sind. Die Manager und Marketing-Fachleute wissen genau, dass wenn Kinder die schönen Dinge sehen und darum betteln, die Eltern schwer Nein sagen können. Das ist doch auch Ausbeutung, oder nicht?

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