Anerkennung schmecken

Dann wird Essen wieder zu dem, was es sein sollte. Und ist nicht ein Mittel, um sich zu belohnen oder zu bestrafen

Schnell wird deutlich, dass die fünf jungen Frauen schon viel über sich und ihr Leben nachgedacht haben. Sie sind zwischen 16 und 22 Jahre alt und sprechen schon von Traurigkeit und Einsamkeit, von geliebt werden wollen und sich dennoch absondern. Sie leben im Münchner Therapie-Centrum für Ess-Störungen (TCE) in Wohngemeinschaften und haben sich dazu entschlossen, ihre Krankheit, Magersucht und Bulimie, zu kurieren. „Ich habe erst hier erfahren, dass es sich um eine Krankheit handelt“, sagt Petra*, die eineinhalb Jahre im Centrum gelebt hat und den für sie wichtigen Kontakt weiter aufrechterhält mit regelmäßigen Besuchen von Wochenendveranstaltungen. Bereits mit sieben Jahren, so erzählt sie, hat sie begonnen, auf ihre Figur zu achten: „Ich fand mich zu dick.Mit 14 Jahren dann ging ich massiv dagegen an. Das bedeutete, Rezepte auszuwählen, Kalorien zu zählen und schließlich „das Essen und Erbrechen.Die Krankheit beansprucht viel Zeit, und man zieht sich immer mehr in sich selbst zurück.“ Corinna sieht die Krankheit als Möglichkeit, sich aus dem alltäglichen Leben herauszuhalten, denn Essen und Hungern werden zum zentralen Thema.Wenn sie sich zum Beispiel vornahm, an einem Tag nur einen Apfel zu essen, dann war der Gedanke an dieses Vorhaben so ausfüllend, dass für Freunde und Familie und damit verbundene gute und schlechte Gefühle kein Platz mehr war. Sie nennt das „Tunnelblick“ und glaubt: „Man fühlt nicht mehr so viel wie andere Menschen.“ Elf Jahre alt war Marie, als sie nur noch ans Abnehmen dachte. „Zuerst machte ich viel Sport, und dann ging das los mit den Essattacken.“ Auch für Sarah hatte es so angefangen: „Mit der Zeit wird es krankhaft, das kontrolliert einen.“ Für sie gab es die Stimme im Kopf, die sie „schlechtmachte“. Das Essen wurde zum Mittel, um sich zu belohnen oder zu bestrafen. Denn dass es nicht um die Figur ging, ist den jungen Frauen klar: „Ich wollte gesehen werden“, sagt Hanna, und das hat auch ganz gut geklappt. Erst bewunderte die Mutter, dass die Tochter sich beim Essen so beherrschen konnte. Nach einiger Zeit allerdings erkannte sie den Ernst der Lage und machte sich Sorgen.Weil der Vater die Essstörung jedoch ignorierte, gerieten die Eltern darüber in Streit. Hanna erzählt: „Ich zog mich in das Hungern zurück und versuchte, ansonsten nett zu sein und nichts falsch zu machen.“ Immer nett sein und gut ankommen? Da muss man seine Meinung für sich behalten und darf keine Gefühle zeigen. Zu groß ist die Gefahr, nicht mehr gemocht zu werden. „Wir hatten ein geringes Selbstwertgefühl“, sagt Corinna für sich und ihre Mitbewohnerinnen, „ein negatives Bild von uns selbst und sahen nur, dass die anderen besser waren.“ Sie dachte sich damals: „Wenn ich jetzt noch nicht mal mehr dünn bin, mag mich gar keiner mehr.“ Hohe Ansprüche an sich selbst spielen bei der Essstörung eine Rolle. „Die anderen dürfen essen, ich nicht“, hatte beispielsweise Marie die alltägliche Herausforderung für sich definiert. Doch das war nicht leicht zu erfüllen. „Deshalb enttäuscht man sich permanent selbst.“ Auch Petra hatte ihre Ziele höher und höher geschraubt. „Man macht sich völlig verrückt. Erst will man 50 Kilo wiegen, hat man das erreicht, soll es noch weniger sein.Man erlaubt sich keinen Fehler, und Erfolge kann man nicht genießen.“ Die Eins in der Schule war nichts wert,wenn es nicht die beste Eins war. „Ich wollte perfekt sein.“ Hanna erinnert sich ebenfalls, dass genug nicht genug war. „Erst war ich stolz darauf, dass ich mich und mein Essverhalten kontrollieren und sogar auf Essen ganz verzichten konnte. Dann aber ging es nach hinten los, und ich konnte mich nicht mehr beherrschen.“ Irgendwann kommt dann der Punkt, an dem man allein nicht mehr weiterweiß. Petra stand kurz vor dem Abitur, als sie keine Kraft mehr hatte. Sie war depressiv und sonderte sich bei Treffen mit Freunden lieber ab. „Das Essen und Erbrechen nahm allen Raum ein. Ich konnte mich keine Stunde mehr konzentrieren.“ Obwohl sie sich nicht krank fühlte, hatte sie sich über die Essstörung informiert und hatte herausgefunden, dass es Mädchen gibt, „die ticken wie ich“. Sarah wollte sich helfen lassen, weil ihr das Gefühl, dass keiner sie wirklich kennt, unheimlich wurde.Und auch, „weil der große Hunger nach Liebe durch Essen nicht mehr gestillt werden konnte“. Die Therapie im TCE setzt voraus, dass man von der Krankheit loskommen will. „Es macht nur Sinn, wenn ich es schaffe, ehrlich mit der Krankheit umzugehen, und wenn ich nicht weiter heimlich Symptome ausleben und mich in Essattacken zurückziehen will“, so Marie. Das Zusammenleben in den Wohngemeinschaften schätzen die jungen Frauen sehr. „Viele Gedanken und Empfindungen sind gleich. Es ist viel Verständnis da, und die Strukturen geben Halt.“ Etwa acht Monate oder auch länger bleiben die Frauen im Centrum und sollen einen anderen Umgang mit dem Essen und dem Leben lernen. Neben therapeutischen Maßnahmen gibt es feste Regeln: Sieben Mahlzeiten gibt es täglich, keine darf länger als 20 Minuten dauern, und Kommentare oder gar Gemecker über das Essen, zu Figur oder Gewicht sind nicht erlaubt. „Diese Regeln müssen eingehalten werden. Nach dem Essen gibt es eine Kritikrunde, in der man darüber sprechen kann, wie es einem geschmeckt hat, wie man sich fühlt und was einem am Essverhalten der anderen aufgefallen ist“, erklärt Petra. Ziel ist es, dass kochen und essen zu einem schönen Erlebnis werden, das man genießen kann. Schwerpunkt der therapeutischen Maßnahmen ist natürlich, mehr über sich zu erfahren und zu lernen, sich und sein Verhalten zu akzeptieren und in bestimmten Situationen anders oder besser zu handeln. Der Blick zurück in die Vergangenheit auf familiäre Strukturen dient dazu, sein eigenes Verhalten gegebenenfalls zu verändern. „Es geht nicht um Schuld“, sagt Hanna, „die Frage ist vielmehr, was tue ich jetzt?“ Welche Beziehungen möchte ich auf welche Weise weiterführen? Dazu muss man erst einmal die eigenen Gefühle kennen und lernen, sie auszudrücken. „Es ist gut zu erfahren, dass man Gefühle leben und ausleben und die Situation und Reaktion darauf aushalten kann“, so Hanna. Ganz ähnlich beschreibt es auch Petra: „Wenn ich meine Gefühle zeige, dann werde ich trotzdem geliebt, dann ist nicht alles zu Ende und vorbei.“ Sie findet es sehr wichtig, dass sie ihre Gefühle für sich genau benennen und äußern kann: „Ich bin verletzt oder enttäuscht oder sauer.“ Zu sehen, man kann auch mal wütend sein, kann auch Fehler machen, man muss nicht perfekt sein, ist eine wichtige Erkenntnis. Und Corinna fühlt sich so viel besser: „Ich hatte mir das Fühlen regelrecht abgewöhnt, war abgestumpft. Nun fühle ich die Freiheit, auch einmal fies zu sein oder zu schreien. Das Leben ist so viel facettenreicher.“ Auch Sarah freut sich, dass sie mittlerweile sagen kann, was sie bewegt: „Mit jedem Mal, wo ich meine Gefühle ausspreche, lerne ich mich besser kennen, das macht mich selbstsicherer.“ Für Marie „gibt es jetzt auch ein Leben, nicht nur die Essstörung, und ich spüre, dass ich auch anderes leben kann. Ich verbringe die Tage und Wochen, ohne dass sich alles nur ums Essen dreht.“ Sie ist froh, dass sie Unruhe und Anspannung nicht mehr nur über ihr Essverhalten zeigen kann, Probleme nicht mehr in sich „reinfrisst“. Petra, die schon seit einigen Monaten selbstständig wohnt, ist erleichtert darüber, dass sie einen anderen Weg gefunden hat, mit Schwierigkeiten umzugehen und auszuhalten,wenn jemand nicht ihrer Meinung ist. Zwar gibt es auch mal ein Tief. Sie kennt noch die Angst, abgelehnt zu werden, sieht sich noch immer sehr leistungsorientiert und weiß, dass sie sich auch in Zukunft ihrer Krankheit bewusst sein muss. Doch sie spürt deutliche Veränderungen: „Es ist jetzt allmählich so, dass ich allein zu Hause sein und das auch genießen kann. Und nicht gleich in die Küche laufen muss, um mir etwas aus dem Kühlschrank zu holen.“ Eine breite öffentliche Aufklärung über Essstörungen tue not, glauben die jungen Frauen.„Die Krankheit ist nicht als solche akzeptiert“, sagt Petra. Man höre in der Schule zwar von Aids und Diabetes, aber nie von einer Esskrankheit. Dr. Herbert Backmund, der zusammen mit Dr.Monika Gerlinghoff das TCE-Therapiemodell entwickelt und das Centrum bis Ende 2007 geleitet hat, erklärt: „Um an Magersucht oder Bulimie zu erkranken, müssen mehrere Faktoren zusammenkommen“, das sind biologische, familiäre, soziokulturelle und individuelle. Der Arzt diagnostiziert Magersucht dann, wenn „selbst herbeigeführtes Untergewicht“ vorliegt, wenn die Mädchen ihr Selbstwertgefühl stark von ihrem Gewicht abhängig machen, wenn die Menstruation ausbleibt und wenn die eigene Körperwahrnehmung verzerrt ist.„Sie finden sich dick, obwohl sie nur noch Haut und Knochen sind“, so Dr. Backmund. In der Therapie kann viel vermittelt werden, aber „von Heilung sprechen wir nicht gern, es kann durch ein Ereignis ein Rückfall möglich sein“. Dann aber hat die Patientin nach einer erfolgreichen Therapie vielleicht schon so viel gelernt, dass sie weiß, wie sie damit umgehen kann. Der Schlankheits- und Fitnesswahn ist allerdings bei Bulimie nicht so ausschlaggebend, sind sich die jungen Frau mit ihrem Arzt einig. „Nicht nur das Untergewicht ist ein Zeichen für eine Essstörung, sondern das gesamte Verhalten“, erklärt Sarah. Wird lediglich von einem angestrebten Schönheitsideal gesprochen,dann geht die eigentliche Ursache der Krankheit unter: „Dann werden der Mensch und seine Gefühle nicht gesehen“, sagt Marie, sein Hunger nach Liebe und Anerkennung.

Dorothea Büchele

Das TCE ist eine Einrichtung zur Behandlung von Essstörungen. Es gehört zur Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Klinikums Dritter Orden in München. Anstelle einer vollstationären Behandlung wird eine intensive tagesklinische Behandlung mit therapeutischen Wohnplätzen angeboten. Das Buch zum Thema: Monika Gerlinghoff und Herbert Backmund: Ess-Störungen. Fachwissen, Krankheitserleben, Ess-Programme. Beltz-Verlag 2006, Beltz Taschenbuch 893, 14,90 Euro.

dob