Ein Interview mit dem Wirtschaftsexperten Dr. Wolfgang Ochel darüber, was den Wohlstand eines Landes ausmacht und wie man ihn verspielen kann
Nach einer langfristig angelegten Studie der Weltbank ist Deutschland das fünftreichste Land der Erde. Wie beurteilen Sie diesen Ländervergleich? Dr. Wolfgang Ochel: Die von Ihnen angesprochene Weltbank-Studie „Wo ist der Reichtum der Nationen?“ aus dem Jahr 2005 ist auf jeden Fall aussagekräftig. Sie wurde von einem Team von zehn hoch qualifizierten Weltbank-Experten erstellt und von einer Vielzahl weiterer Fachleute unterstützt. In die Untersuchung wurden 118 Länder einbezogen. Die Studie hat einen Umfang von etwa 200 Seiten. Die fünfte Position Deutschlands unter den Ländern der Welt – gemessen am Reichtum je Einwohner – ist gut begründet. Wie wird eigentlich der Begriff „Reichtum“ definiert? Ochel: Die Weltbank legt ihrer Untersuchung einen Reichtumsbegriff zugrunde, welcher das natürliche Kapital (Bodenschätze), das produzierte Kapital (Maschinen, Infrastruktur) und das immaterielle Kapital (Fähigkeiten der Menschen, funktionierende Rechtsordnung) berücksichtigt. Inwiefern kann man aufgrund von statistischen Durchschnittswerten überhaupt Schlüsse in Bezug auf den Reichtum eines Landes ziehen? Ochel: Statistische Durchschnittswerte liefern Kennzahlen, um internationale Vergleiche anstellen zu können. Sie lassen erkennen, ob der durchschnittliche Bürger in unserem Land in Zukunft einen höheren oder einen niedrigeren Lebensstandard haben wird als ein Durchschnittsfranzose oder ein Durchschnittsschweizer. Auf welchen Daten beruhen derartige Studien? Ochel: Es werden viele verschiedene Datenquellen herangezogen wie volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen, Statistiken der OECD und der Unterorganisationen der Vereinten Nationen über Waldbestände, Bodenschätze, Investitionen, Bildungsausgaben und so weiter sowie die eigenen Datenbestände der Weltbank. Der Pro-Kopf-Reichtum liegt laut Weltbank in Deutschland bei 404 447 Euro. Wie kommen die Experten auf so einen Betrag? Ochel: Der Pro-Kopf-Reichtum errechnet sich, indem geschätzt wird, wie viel ein Deutscher im Durchschnitt in den nächsten 25 Jahren für Konsumgüter ausgeben wird. Dies wiederum hängt von seinem zukünftigen Einkommen ab. Für diesen Ausgabenstrom wird der heutige Wert ermittelt. Für die einzelnen Reichtumsbestandteile erfolgt die Berechnung ihres Beitrags zum Reichtum nach verschiedenen Methoden. Bei den Bodenschätzen wird zum Beispiel geschätzt, welche Erträge, ausgedrückt in Euro, durch ihren Verkauf in Zukunft erzielt werden können. Für diese Erträge wird wiederum der Gegenwartswert berechnet. Welche Rolle spielen die Naturressourcen,wenn es um die Berechnung des Reichtums geht? Ochel: Die Naturressourcen werden, wie schon erwähnt, von der Weltbank bei der Ermittlung des Reichtums von Ländern berücksichtigt. Dabei werden unter anderem Wälder, Bodenschätze, Fischbestände und Energievorkommen in die Berechnungen einbezogen. Mit einem Beitrag zum Reichtum von einem Prozent spielen sie in Deutschland aber nur eine geringe Rolle. Dies ist bei den wenig entwickelten Ländern ganz anders. Im Tschad zum Beispiel besteht der Reichtum zu 42 Prozent und im Niger sogar zu 53 Prozent aus Naturressourcen. Welche Faktoren sind für Deutschland von entscheidender Bedeutung und tragen überwiegend zum Reichtum bei? Ochel: Eine gute Aus- und Weiterbildung der Menschen und ein effizienter öffentlicher Sektor sind zum Beispiel überaus wichtig für die Entstehung von Reichtum. In Deutschland trägt das immaterielle Kapital, dem diese Faktoren zugerechnet werden, zu 85 Prozent zum Reichtum bei. Der Beitrag des immateriellen Kapitals ist damit etwa genauso hoch wie in der Schweiz, Dänemark, Schweden und den Vereinigten Staaten. Im Tschad dagegen erreicht der Beitrag nur 52 Prozent und im Niger sogar nur 39 Prozent. Der Beitrag des immateriellen Kapitals zum Reichtum wird als Restgröße berechnet. Vom Reichtum insgesamt werden der Beitrag des natürlichen Kapitals und des produzierten Kapitals zum Reichtum abgezogen. Der Rest ist dann der Beitrag des immateriellen Kapitals. Was bedeutet „immaterielles Kapital“ genau? Ochel: Unter dem immateriellen Kapital versteht man die Kenntnisse und Fähigkeiten der Bewohner eines Landes, die Rechtsstaatlichkeit als wichtigen Kanalisator (Lenker) der menschlichen Aktivitäten sowie das Sozialkapital, welches das Vertrauen der Menschen in die Gemeinschaft erfasst. Ist es möglich, auch geistiges Eigentum oder kulturelle Werte zu messen? Ochel: Ja, teilweise ist dies möglich. Das geistige Eigentum zählt beispielsweise auch zu dem immateriellen Kapital und fließt als solches in die Berechnungen des Reichtums mit ein. Kulturelle Werte lassen sich hingegen nur schwer messen und werden in der Untersuchung der Weltbank nicht berücksichtigt. In Deutschland sind in den vergangenen Jahren sowohl Reichtum als auch Armut gewachsen.Vernachlässigen die Weltbank- Zahlen und -Daten, dass es zu solchen widersprüchlichen Entwicklungen kommen kann? Ochel: Nun, bei den Weltbank-Zahlen handelt es sich um Durchschnittswerte für Länder. Die Verteilung des Reichtums innerhalb eines Landes wie Deutschland wird nicht ausgewiesen. Es kann also durchaus sein, dass der durchschnittliche Pro- Kopf-Reichtum und die Armut gleichzeitig zunehmen. Ist unter diesem Gesichtspunkt die generelle Reichtums-Klassifizierung eines Landes, gemessen am Pro-Kopf-Reichtum, nicht doch etwas undifferenziert? Ochel: Ja, das stimmt. Es wäre wünschenswert,wenn neben dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Reichtum auch die Verteilung des Reichtums in den einzelnen Ländern ermittelt würde. Dann könnte man sehen, wie gut es den unteren zehn Prozent der Bevölkerung im Vergleich zu den oberen zehn Prozent der Bevölkerung wirtschaftlich geht. Man muss aber bedenken, dass in vielen Ländern der Welt das Datenmaterial nicht ausreicht, um die Verteilung des Reichtums zu berechnen.Und selbst wenn die erforderlichen Informationen verfügbar wären, wäre der Bearbeitungsaufwand sehr hoch. Wie wirkt sich der Reichtum generell auf Steuereinnahmen, die Lage der Haushaltskassen und auf das Konsumverhalten aus – gibt es diesbezüglich immer gleiche positive Entwicklungen, wenn der Reichtum wächst? Ochel: Reichtum spiegelt die zukünftige Entwicklung der Einkommen wider. Je höher der Reichtum, desto höher sind die Steuereinnahmen, desto günstiger gestaltet sich die Lage der Haushaltskassen und desto mehr können die Einwohner eines Landes konsumieren.Wenn der Reichtum allerdings nur zugunsten der Wohlhabenden wächst,wird sich der Konsum breiter Bevölkerungsschichten nicht erhöhen. Die Schweiz und die USA führen die Reichtumsliste der Weltbank an, was kaum überrascht.Doch noch vor Deutschland stehen Dänemark und Schweden – wie kommt es dazu, dass diese kleinen Länder so weit vorne stehen? Ochel: Es überrascht mich nicht, dass Dänemark und Schweden vor Deutschland liegen. In beiden Ländern ist die Erwerbsbeteiligung – insbesondere die der Frauen – weitaus höher als in Deutschland, beide Länder investieren mehr in Bildung als wir und beide Länder verfügen ebenso wie Deutschland über eine international wettbewerbsfähige Wirtschaft. All dies führt dazu, dass beide Länder in Zukunft höhere Einkommen erwirtschaften können als Deutschland. Ist Ihrer Einschätzung nach der Reichtum Deutschlands auch in Zukunft sicher oder kann es im Ländervergleich durchaus einmal zu großen Veränderungen kommen? Ochel: Der Reichtum Deutschlands wird davon abhängen, ob wir die Erwerbsbeteiligung der Frauen steigern, unsere Bildungsanstrengungen erhöhen und mit wissensintensiven Produkten auf den Weltmärkten erfolgreich sein werden. Es ist deshalb erforderlich, die Voraussetzungen für eine Erwerbsbeteiligung von Frauen zu verbessern,mehr Geld für die Aus- und Weiterbildung zur Verfügung zu stellen und Innovationen stärker zu fördern. Sollte dies nicht gelingen, kann Deutschland gegenüber anderen Ländern an Boden verlieren. Ist es in Anbetracht des messbaren Reichtums in Deutschland nicht irritierend, für wie viele notwendige Maßnahmen angeblich kein Geld vorhanden ist? Ochel: Spontan ist man geneigt zu sagen, ja. Und es gibt nicht hinnehmbare Armut, wie zum Beispiel die von Kindern. Andererseits wird in Deutschland ja viel Geld ausgegeben für die soziale Absicherung von Menschen. Wie dies geschieht, ist allerdings nicht immer sinnvoll. Es sollte mehr darauf geachtet werden, dass etwa Arbeitslose wieder eine Arbeit finden und nicht mehr (oder nur in geringerem Maße) auf Sozialleistungen angewiesen sind. Auch wird zu wenig in Bildung investiert.Hier ist eine Umschichtung öffentlicher Haushaltsmittel erforderlich. Ein hohes Qualifikationsniveau der Bevölkerung ist die Voraussetzung dafür, dass wir ein reiches Land bleiben. Welche Auswirkungen hat es, wenn viele Menschen zwar wieder Arbeit finden, aber nicht mehr von diesem Lohn leben können? Ochel: Wenn Menschen, die zuvor arbeitslos waren, wieder Arbeit finden, erhöht dies das erwirtschaftete Einkommen und damit das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen. Der Reichtum steigt. Die Tatsache, dass die Menschen von diesem Lohn nicht leben können, bedeutet in einer sozialen Marktwirtschaft, in der das sozioökonomische Existenzminimum gesichert werden soll, nur, dass der Staat das Lohneinkommen durch Arbeitslosengeld II aufstocken muss. In diesem Fall spricht man von einem Kombilohn. Das Gespräch führte Günter Keil
Zur Person Der Volkswirt Dr. Wolfgang Ochel ist seit 1973 beim Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung beschäftigt. Er leitet den Bereich „Internationaler Institutionenvergleich“. Die Schwerpunkte des 64-Jährigen liegen zudem in der Arbeitsmarktökonomik, der Sozialpolitik und der europäischen Integration. Ochel realisierte unter anderem Forschungsprojekte für die Europäische Kommission sowie für verschiedene Bundes- und Landesministerien.




