„Auch wird zu wenig in Bildung investiert“

Ein Interview mit dem Wirtschaftsexperten Dr. Wolfgang Ochel darüber, was den Wohlstand eines Landes ausmacht und wie man ihn verspielen kann

Nach einer langfristig angelegten Studie der Weltbank ist Deutschland das fünftreichste Land der Erde. Wie beurteilen Sie diesen Ländervergleich? Dr. Wolfgang Ochel: Die von Ihnen angesprochene Weltbank-Studie „Wo ist der Reichtum der Nationen?“ aus dem Jahr 2005 ist auf jeden Fall aussagekräftig. Sie wurde von einem Team von zehn hoch qualifizierten Weltbank-Experten erstellt und von einer Vielzahl weiterer Fachleute unterstützt. In die Untersuchung wurden 118 Länder einbezogen. Die Studie hat einen Umfang von etwa 200 Seiten. Die fünfte Position Deutschlands unter den Ländern der Welt – gemessen am Reichtum je Einwohner – ist gut begründet. Wie wird eigentlich der Begriff „Reichtum“ definiert? Ochel: Die Weltbank legt ihrer Untersuchung einen Reichtumsbegriff zugrunde, welcher das natürliche Kapital (Bodenschätze), das produzierte Kapital (Maschinen, Infrastruktur) und das immaterielle Kapital (Fähigkeiten der Menschen, funktionierende Rechtsordnung) berücksichtigt. Inwiefern kann man aufgrund von statistischen Durchschnittswerten überhaupt Schlüsse in Bezug auf den Reichtum eines Landes ziehen? Ochel: Statistische Durchschnittswerte liefern Kennzahlen, um internationale Vergleiche anstellen zu können. Sie lassen erkennen, ob der durchschnittliche Bürger in unserem Land in Zukunft einen höheren oder einen niedrigeren Lebensstandard haben wird als ein Durchschnittsfranzose oder ein Durchschnittsschweizer. Auf welchen Daten beruhen derartige Studien? Ochel: Es werden viele verschiedene Datenquellen herangezogen wie volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen, Statistiken der OECD und der Unterorganisationen der Vereinten Nationen über Waldbestände, Bodenschätze, Investitionen, Bildungsausgaben und so weiter sowie die eigenen Datenbestände der Weltbank. Der Pro-Kopf-Reichtum liegt laut Weltbank in Deutschland bei 404 447 Euro. Wie kommen die Experten auf so einen Betrag? Ochel: Der Pro-Kopf-Reichtum errechnet sich, indem geschätzt wird, wie viel ein Deutscher im Durchschnitt in den nächsten 25 Jahren für Konsumgüter ausgeben wird. Dies wiederum hängt von seinem zukünftigen Einkommen ab. Für diesen Ausgabenstrom wird der heutige Wert ermittelt. Für die einzelnen Reichtumsbestandteile erfolgt die Berechnung ihres Beitrags zum Reichtum nach verschiedenen Methoden. Bei den Bodenschätzen wird zum Beispiel geschätzt, welche Erträge, ausgedrückt in Euro, durch ihren Verkauf in Zukunft erzielt werden können. Für diese Erträge wird wiederum der Gegenwartswert berechnet. Welche Rolle spielen die Naturressourcen,wenn es um die Berechnung des Reichtums geht? Ochel: Die Naturressourcen werden, wie schon erwähnt, von der Weltbank bei der Ermittlung des Reichtums von Ländern berücksichtigt. Dabei werden unter anderem Wälder, Bodenschätze, Fischbestände und Energievorkommen in die Berechnungen einbezogen. Mit einem Beitrag zum Reichtum von einem Prozent spielen sie in Deutschland aber nur eine geringe Rolle. Dies ist bei den wenig entwickelten Ländern ganz anders. Im Tschad zum Beispiel besteht der Reichtum zu 42 Prozent und im Niger sogar zu 53 Prozent aus Naturressourcen. Welche Faktoren sind für Deutschland von entscheidender Bedeutung und tragen überwiegend zum Reichtum bei? Ochel: Eine gute Aus- und Weiterbildung der Menschen und ein effizienter öffentlicher Sektor sind zum Beispiel überaus wichtig für die Entstehung von Reichtum. In Deutschland trägt das immaterielle Kapital, dem diese Faktoren zugerechnet werden, zu 85 Prozent zum Reichtum bei. Der Beitrag des immateriellen Kapitals ist damit etwa genauso hoch wie in der Schweiz, Dänemark, Schweden und den Vereinigten Staaten. Im Tschad dagegen erreicht der Beitrag nur 52 Prozent und im Niger sogar nur 39 Prozent. Der Beitrag des immateriellen Kapitals zum Reichtum wird als Restgröße berechnet. Vom Reichtum insgesamt werden der Beitrag des natürlichen Kapitals und des produzierten Kapitals zum Reichtum abgezogen. Der Rest ist dann der Beitrag des immateriellen Kapitals. Was bedeutet „immaterielles Kapital“ genau? Ochel: Unter dem immateriellen Kapital versteht man die Kenntnisse und Fähigkeiten der Bewohner eines Landes, die Rechtsstaatlichkeit als wichtigen Kanalisator (Lenker) der menschlichen Aktivitäten sowie das Sozialkapital, welches das Vertrauen der Menschen in die Gemeinschaft erfasst. Ist es möglich, auch geistiges Eigentum oder kulturelle Werte zu messen? Ochel: Ja, teilweise ist dies möglich. Das geistige Eigentum zählt beispielsweise auch zu dem immateriellen Kapital und fließt als solches in die Berechnungen des Reichtums mit ein. Kulturelle Werte lassen sich hingegen nur schwer messen und werden in der Untersuchung der Weltbank nicht berücksichtigt. In Deutschland sind in den vergangenen Jahren sowohl Reichtum als auch Armut gewachsen.Vernachlässigen die Weltbank- Zahlen und -Daten, dass es zu solchen widersprüchlichen Entwicklungen kommen kann? Ochel: Nun, bei den Weltbank-Zahlen handelt es sich um Durchschnittswerte für Länder. Die Verteilung des Reichtums innerhalb eines Landes wie Deutschland wird nicht ausgewiesen. Es kann also durchaus sein, dass der durchschnittliche Pro- Kopf-Reichtum und die Armut gleichzeitig zunehmen. Ist unter diesem Gesichtspunkt die generelle Reichtums-Klassifizierung eines Landes, gemessen am Pro-Kopf-Reichtum, nicht doch etwas undifferenziert? Ochel: Ja, das stimmt. Es wäre wünschenswert,wenn neben dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Reichtum auch die Verteilung des Reichtums in den einzelnen Ländern ermittelt würde. Dann könnte man sehen, wie gut es den unteren zehn Prozent der Bevölkerung im Vergleich zu den oberen zehn Prozent der Bevölkerung wirtschaftlich geht. Man muss aber bedenken, dass in vielen Ländern der Welt das Datenmaterial nicht ausreicht, um die Verteilung des Reichtums zu berechnen.Und selbst wenn die erforderlichen Informationen verfügbar wären, wäre der Bearbeitungsaufwand sehr hoch. Wie wirkt sich der Reichtum generell auf Steuereinnahmen, die Lage der Haushaltskassen und auf das Konsumverhalten aus – gibt es diesbezüglich immer gleiche positive Entwicklungen, wenn der Reichtum wächst? Ochel: Reichtum spiegelt die zukünftige Entwicklung der Einkommen wider. Je höher der Reichtum, desto höher sind die Steuereinnahmen, desto günstiger gestaltet sich die Lage der Haushaltskassen und desto mehr können die Einwohner eines Landes konsumieren.Wenn der Reichtum allerdings nur zugunsten der Wohlhabenden wächst,wird sich der Konsum breiter Bevölkerungsschichten nicht erhöhen. Die Schweiz und die USA führen die Reichtumsliste der Weltbank an, was kaum überrascht.Doch noch vor Deutschland stehen Dänemark und Schweden – wie kommt es dazu, dass diese kleinen Länder so weit vorne stehen? Ochel: Es überrascht mich nicht, dass Dänemark und Schweden vor Deutschland liegen. In beiden Ländern ist die Erwerbsbeteiligung – insbesondere die der Frauen – weitaus höher als in Deutschland, beide Länder investieren mehr in Bildung als wir und beide Länder verfügen ebenso wie Deutschland über eine international wettbewerbsfähige Wirtschaft. All dies führt dazu, dass beide Länder in Zukunft höhere Einkommen erwirtschaften können als Deutschland. Ist Ihrer Einschätzung nach der Reichtum Deutschlands auch in Zukunft sicher oder kann es im Ländervergleich durchaus einmal zu großen Veränderungen kommen? Ochel: Der Reichtum Deutschlands wird davon abhängen, ob wir die Erwerbsbeteiligung der Frauen steigern, unsere Bildungsanstrengungen erhöhen und mit wissensintensiven Produkten auf den Weltmärkten erfolgreich sein werden. Es ist deshalb erforderlich, die Voraussetzungen für eine Erwerbsbeteiligung von Frauen zu verbessern,mehr Geld für die Aus- und Weiterbildung zur Verfügung zu stellen und Innovationen stärker zu fördern. Sollte dies nicht gelingen, kann Deutschland gegenüber anderen Ländern an Boden verlieren. Ist es in Anbetracht des messbaren Reichtums in Deutschland nicht irritierend, für wie viele notwendige Maßnahmen angeblich kein Geld vorhanden ist? Ochel: Spontan ist man geneigt zu sagen, ja. Und es gibt nicht hinnehmbare Armut, wie zum Beispiel die von Kindern. Andererseits wird in Deutschland ja viel Geld ausgegeben für die soziale Absicherung von Menschen. Wie dies geschieht, ist allerdings nicht immer sinnvoll. Es sollte mehr darauf geachtet werden, dass etwa Arbeitslose wieder eine Arbeit finden und nicht mehr (oder nur in geringerem Maße) auf Sozialleistungen angewiesen sind. Auch wird zu wenig in Bildung investiert.Hier ist eine Umschichtung öffentlicher Haushaltsmittel erforderlich. Ein hohes Qualifikationsniveau der Bevölkerung ist die Voraussetzung dafür, dass wir ein reiches Land bleiben. Welche Auswirkungen hat es, wenn viele Menschen zwar wieder Arbeit finden, aber nicht mehr von diesem Lohn leben können? Ochel: Wenn Menschen, die zuvor arbeitslos waren, wieder Arbeit finden, erhöht dies das erwirtschaftete Einkommen und damit das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen. Der Reichtum steigt. Die Tatsache, dass die Menschen von diesem Lohn nicht leben können, bedeutet in einer sozialen Marktwirtschaft, in der das sozioökonomische Existenzminimum gesichert werden soll, nur, dass der Staat das Lohneinkommen durch Arbeitslosengeld II aufstocken muss. In diesem Fall spricht man von einem Kombilohn. Das Gespräch führte Günter Keil

Zur Person Der Volkswirt Dr. Wolfgang Ochel ist seit 1973 beim Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung beschäftigt. Er leitet den Bereich „Internationaler Institutionenvergleich“. Die Schwerpunkte des 64-Jährigen liegen zudem in der Arbeitsmarktökonomik, der Sozialpolitik und der europäischen Integration. Ochel realisierte unter anderem Forschungsprojekte für die Europäische Kommission sowie für verschiedene Bundes- und Landesministerien.

Brot oder Bildung

Eltern, deren Einkommen knapp über Hartz IV liegt, haben auch Probleme damit, die Kosten für ein Schuljahr aufzubringen

Auch die aktuelle PISA-Studie hat ergeben, dass in keinem anderen Industrieland der soziale Hintergrund den Bildungsweg eines Kindes so stark beeinflusst wie in Deutschland. Wer also in eine finanziell schwache Familie hineingeboren wird, hat wenig Chancen auf eine qualifizierte Ausbildung und einen Job, von dem er leben kann. Fatalerweise hat sich seit der Einführung von Hartz IV Anfang 2005 die Zahl der Kinder, die von Sozialgeld leben, mehr als verdoppelt, „das sind aktuell 2,6 Millionen“, erklärt Paula Honkanen- Schoberth vom Deutschen Kinderschutzbund. Die gesamten Lebenshaltungskosten seien in den vergangenen drei Jahren deutlich gestiegen. Die Berechnungsgrundlage für das mit dem Hartz-IV-Gesetz verbundene Arbeitslosengeld II müsse deshalb dringend neu gestaltet werden. Demnach werden betroffene Eltern pro Kind mit 208 beziehungsweise 278 Euro monatlich bezuschusst, je nachdem, ob es unter oder über 14 Jahre alt ist. Erschreckend ist ein Papier des Münchner Sozialreferats vom Mai 2007, in dem es heißt, dass „immer mehr Kinder und Jugendliche hungrig in die Einrichtungen der Jugendhilfe“ kommen. Und: Es falle zunehmend auf, dass Eltern das Mittagessen beziehungsweise die Verpflegung in Schulen und Kindertagesstätten nicht mehr bezahlen können; dass „Kinder immer häufiger mangelhafte, nicht den Jahreszeiten entsprechende Kleidung tragen und dass ihre Eltern kein Geld haben, um Schulmaterial zu zahlen oder um ihnen die Teilnahme an Ausflügen, Kursen und Projekten zu ermöglichen“. Deshalb habe die Stadt auf Antrag des Sozialreferats in einer Sofortmaßnahme gut eine Million Euro zur Verfügung gestellt, erklärt der Sprecher der Behörde, Fabian Riedl. Generell bemühe man sich, benachteiligte Familien vor allem durch strukturelle Leistungen zu unterstützen. Das heißt beispielsweise, dass die Angebote der Kinderund Jugendhilfe, die Jugendfreizeiten, Tagesbetreuungen und erzieherische Hilfen organisiert, zugänglicher gestaltet werden. Nach Angaben von Sozial- und Schulreferat sind zahlreiche arbeitslose und geringverdienende Eltern, insgesamt etwa ein Drittel aller Erziehungsberechtigten in München, von den Gebühren für Kindertageseinrichtungen befreit. Nichtsdestotrotz sei die harte Realität der Hartz-IVEmpfänger, dass sie fast alles vom bereits bezifferten Regelsatz bezahlen müssten und darüber hinaus kaum Sonderbezüge vom Staat erhielten, betont Riedl. Anderweitige direkte finanzielle Unterstützung für den Nachwuchs von ALG-IIBeziehern und dauerhaft erwerbsunfähigen Eltern gebe es nur als freiwillige Leistung von der Stadt München. „So bekommen etwa Erstklässler zum Schulanfang 100 Euro für die Grundausstattung, und die Hilfeempfänger bekommen verbilligte MVV-Tickets.“ Allerdings decken 100 Euro nur einen Bruchteil der Erstinvestitionen ab.Neben den üblichen Utensilien wie Hefte, Blöcke, Umschläge und Kopiergeld müssen zu Beginn einer Schullaufbahn oftmals auch Schreibtisch, Stuhl, Federmäppchen, Schultasche, Bastelbedarf, Malkasten und Sportkleidung neu angeschafft werden. Nach Berechnungen des Rechtsvereins Einspruch München können dadurch im ersten Schuljahr Gesamtkosten von 540 Euro anfallen. In den folgenden Klassenstufen fallen je nach Jahrgang und Schulzweig zwischen 250 und 435 Euro für Lernmittel an. Das Problem ist auch, dass bundesweit jede Stadt und jede Gemeinde die Form und Höhe der Unterstützung anders regelt. „Besonders schwer“ sei es auch für diejenigen, die knapp über dem finanziellen Niveau der Hartz-IV-Empfänger lägen, weiß die Sprecherin des Bayerischen Elternverbands, Ursula Walther. Diese hätten keinen Anspruch auf die genannten Zuschüsse und würden gleichzeitig zu wenig verdienen, um ihre Kinder ohne große Entbehrungen durchzubekommen. Zwar könnten sie bezüglich Klassenfahrten (die Kosten werden bei Hartz IV-Empfängern übernommen) im Regelfall Elternbeiräte um Unterstützung bitten, doch kommt es „immer wieder vor, dass Eltern keine Anträge stellen und ihre Kinder zu Ausflügen und Fahrten nicht mitschicken“, so Walther. Zum Teil aus Scham. Eine bundesweite Übersicht der elterlichen Kosten für den Schulbesuch von Kindern hat das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie in Berlin im August 2006 erstellt. Einen besonders großen Anteil machen demnach je nach örtlicher Situation die Fahrtkosten aus. In München sind mit im Schnitt 40 Euro monatlich pro Kind die öffentlichen Verkehrsmittel am teuersten. Dabei ist die jüngste Fahrpreiserhöhung der Münchner Verkehrsgesellschaft vom April 2007 um durchschnittlich 3,9 Prozent noch nicht berücksichtigt. Gleichzeitig sei jedoch erwähnt, dass die Kosten der Freistaat trägt, wenn der Schulweg für Grundschüler mindestens zwei Kilometer, für ältere Schulkinder drei Kilometer lang ist, oder wenn er besonders gefährlich ist. Die höchsten Aufwendungen verursacht jedoch laut Studie das Mittagessen mit durchschnittlich 55 Euro im Monat. Die Preise differieren hierbei stark von Schule zu Schule. Natürlich sei es eine „tolle Sache“, dass Elterninitiativen so etwas wie eine Hausaufgabenbetreuung mit Mittagstisch generell möglich machten, sagt Ursula Walther. Doch „dass das überhaupt nötig ist, stellt einen Skandal für unser Bildungssystem dar. Im Grunde ist das eine Auslagerung an die Eltern.“ Zumal viele Angebote der Eltern wie Nachmittagsbetreuung nicht kostenfrei angeboten werden können. Anders sei das zum Beispiel beim Spitzenreiter der PISA-Studie 2003, Finnland. „Dort haben alle Kinder Anspruch auf eine komplett kostenlose Grundbildung. Da wird nicht nur das Schulessen vom Staat gestellt, sondern auch Hefte, Stifte und so weiter.“ Als gebürtige Finnin kann sich Paula Honkanen-Schoberth der Kritik nur anschließen. Um mehr Chancengleichheit zu schaffen, fordert der Deutsche Kinderschutzbund eine kostenlose Ganztagsbetreuung mit Mittagsverpflegung, zumindest für Bedürftige. Essenspreise von bis zu drei Euro pro Tag und Kind seien nun mal gerade für Hartz-IV-Empfänger kaum zu stemmen, sagt Honkanen- Schoberth. Eine Teilhabe am kulturellen Leben können sich Arme überhaupt nicht leisten.„Da haben wir tatsächlich eine Zweiklassengesellschaft“, bestätigt Ursula Walther. „Dabei finde ich es wichtig, dass Kinder auch so etwas wie Musikunterricht erfahren. Die Lehre von den Harmonien und Noten fördert ja eine ganz andere Intelligenz als der normale Schulunterricht“, sagt eine Mutter, deren zwölfjähriger Sohn Schlagzeugstunden bekommt. Das Erlernen eines Instruments mit regelmäßigen Kosten von etwa 30 bis 70 Euro im Monat müssten sich die finanziell knapp ausgestatteten Eltern jedoch vom Mund absparen. Das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie sieht das Problem in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. Die Entlastung der Eltern durch die vom Staat Bayern im November 2007 beschlossene Abschaffung des Büchergelds in Höhe von 20 bis 40 Euro jährlich sei zwar ein sinnvoller Schritt, sagt der Direktor des Instituts, Dieter Dohmen. Allerdings seien die Eltern mit dem Büchergeld an Kosten beteiligt worden, „die eigentlich zu den staatlichen Aufgaben gehören“. Die Tatsache, dass ein so reiches Land wie die Bundesrepublik die sozial benachteiligten Kinder und Jugendlichen nicht auffangen kann, sei „peinlich“, so Dohmen. „Wenn wir beispielsweise von den Krippen reden, sollten wir nicht von einem Ausbau um 35 Prozent sprechen, sondern von 50 bis 70 Prozent“, sagt Dohmen. Es müsse deutlich mehr in die Bildung investiert werden. Andernfalls würde sich die Zahl der Benachteiligten in den nachwachsenden Generationen stetig vergrößern und langfristig das soziale System zunehmend belasten und vielleicht gar zum Einstürzen bringen.

Anuschka Schmid

Medizinische Versorgungslücke

Die Organisation Ärzte der Welt fragt nicht nach dem Krankenschein, wenn jemand zur Behandlung kommt

Sie gehen zunächst am Gebäude vorbei. Menschen, die es nach dem Selbstverständnis eines Rechtsstaats gar nicht geben dürfte – Menschen ohne Papiere. Bevor sie sich in die Hände von Helfern begeben, prüfen Flüchtlinge, die sich illegal in Deutschland aufhalten, die Situation, einmal, zweimal, oft. Bis sie sich sicher genug fühlen, die Tür zu „open.med“ zu öffnen, einem Projekt der Organisation Ärzte der Welt. Im Bayerischen Flüchtlingsrat in der Augsburgerstraße bietet es gemeinsam mit „Café 104“ Sprechstunden an. An mehreren Tischen versuchen Berater, deutschen Gesetzen und Richtlinien einen sicheren Stand abzuringen für diejenigen, die es geschafft haben, Diktaturen, Gewalt und Folter zu entkommen. Hier behandeln auch zehn Ärzte abwechselnd zweimal die Woche für jeweils drei Stunden kostenlos. Eine der Medizinerinnen, die unentgeltlich Dienst leisten, heißt Maria Heinzlmann: „Die Hilfsorganisation Ärzte der Welt hat in Frankreich schon vor mehr als 20 Jahren darauf hingewiesen, dass es nicht nur in wirtschaftlich schwachen Ländern Lücken in der medizinischen Versorgung gibt, sondern auch mitten in Europa, in einem Lebensraum, der reich ist.“ Seit September 2006 bietet „open.med“ in München Flüchtlingen eine ärztliche Versorgung an, die keinen offiziellen Zugang zum Gesundheitswesen haben. „Wie wichtig die Arbeit ist, beweist die Tatsache, dass wir seit Anfang 2007 bereits 700 Patientenkontakte hatten“, so Dr.Maria Heinzlmann. Die Ärztin ist seit Jahren stark bei humanitären Einsätzen engagiert.„Ganz am Anfang habe ich in der Klinik gearbeitet. Da macht man zum Beispiel seine 185 Stunden Regeldienst im Monat und meistens noch mal 200 Überstunden“, sagt sie. Nicht, dass sie etwas gegen lange Arbeitstage hätte, aber irgendwann fragte sie sich, ob es das schon gewesen sein sollte, Teil eines gigantischen Betriebs zu sein, in Hierarchien gefesselt, von Formalitäten in Beschlag genommen. „Dann hatte ich das sehr große Glück, eine Stelle am Tropeninstitut angeboten zu bekommen. Das war genau die Chance, auf die ich schon lange gewartet hatte.“ Dr. Maria Heinzlmann plante ihr eigenwilliges Berufsziel von langer Hand, und fundierte Kenntnisse in Tropenmedizin gehörten eben unbedingt dazu. „Schließlich fand ich im Jahr 2004 eine Organisation, die jemanden für ein kleines Krankenhaus in einer abgelegenen Region auf den Philippinen suchte.“ Ein halbes Jahr in den Tropen, ein halbes Jahr zu Hause, davon ist kein Arbeitgeber wirklich begeistert. „Deshalb habe ich mich kurzerhand selbstständig gemacht und verdiene mein Geld in Deutschland als Praxisvertreterin von niedergelassenen Kollegen und als Notärztin.“ Und weil jemand, der viel tut, immer noch ein bisschen mehr zu tun findet, bot sie sofort ihre Mitarbeit an, als „open.med“ an den Start ging. Maria Heinzlmann sagt: „Besonders seit ich so viel im Ausland arbeite, weiß ich es ganz enorm zu schätzen, wie viel Sicherheit uns hier in Deutschland geboten wird. Wir haben ein sehr starkes soziales System, ich bekomme von der Gesellschaft so viel, davon möchte ich gern etwas an Menschen abgeben, die nicht zu den Begünstigten gehören.“ Andererseits hat die Kenntnis von der Qualität des Gesundheitssystems ihren Blick für seine Lücken geschärft. „Selbst eine reiche Stadt wie München hat ein Gesicht, das uns für gewöhnlich verborgen bleibt.“ Obdachlosigkeit ist zum Beispiel noch relativ sichtbar, weil viele Übernachtungsplätze im öffentlichen Raum liegen. Für einen Menschen aber, der keine Papiere besitzt, ist Unsichtbarkeit praktisch die einzige Lebensversicherung. Bloß nicht auffallen, bloß nicht kontrolliert werden, keine Fehler machen. Und so folgt eins aufs andere. Kein Ausweis, keine Arbeit, kein Geld und keine medizinische Behandlung, wenn man krank ist. „Neben den Migranten ohne legalen Aufenthaltsstatus kommt ein weiterer großer Teil unserer Klienten aus den östlichen Staaten der Europäischen Union“, sagt Maria Heinzlmann. Innerhalb der Grenzen des großen Wirtschaftsraums gibt es zwar eine Freiheit des Aufenthalts, doch daraus lassen sich nicht zwangsläufig eine Freiheit der Berufsausübung und schon gar nicht eine Chance auf eine Anstellung und somit auf eine Krankenversicherung ableiten. Viele Menschen, die nach Deutschland kommen, weil sie hier auf bessere Möglichkeiten hoffen als daheim, machen sich in Jobs aller Art selbstständig. Bei dieser Form der Existenz wird das Risiko groß-, die Absicherung jedoch kleingeschrieben. Wenn eine Familie unter solchen Umständen leben muss, können die Eltern, wenn es gut geht, die Beiträge für eine Krankenversicherung der Kinder zusammenkratzen. Für sie selbst bleibt kein Spielraum. Die größte Gruppe der Patienten, sagt Maria Heinzlmann, stellen schwangere Frauen. „Nun ist eine Schwangerschaft zwar keine Krankheit, doch in jedem Fall eine Situation, in der medizinische Hilfe nötig wird. Insbesondere wenn es auf den Geburtstermin zugeht, stoßen wir auch an eine der größten Schwierigkeiten: eine stationäre Entbindung für die Patienten zu organisieren.“ „Open.med“ profitiert in diesem Bereich stark von der Nähe zum „Café 104“, dessen Mitarbeiter sehr schnell abschätzen können, welche Hilfe für die werdende Mutter möglich ist. „Außerdem sehen wir in den Sprechstunden viele Menschen mit orthopädischen Erkrankungen.“ Kein Wunder, sagt die Ärztin, denn Rückenschmerzen sind nicht selten ein Ausdruck psychischer Belastung. „Open.med“ bietet rasche, unbürokratische Hilfe und sichert den Patienten vor allem Anonymität zu. „Aber wir leisten weit mehr als nur eine Basisversorgung. Unsere Versorgung entspricht europäischem Standard“, sagt Marion Chenevas. Die Projektleiterin der Münchner Zweigstelle kommt aus Frankreich, dem Mutterland von Ärzte der Welt, die eigentlich „Médecins du Monde“ heißen. „Bei mir zu Hause besteht eine vergleichbare Situation. Der Unterschied zu Deutschland ist, dass die illegalen Einwanderer in Frankreich auf die Straße gehen und für ihre Rechte kämpfen.Deshalb ist das Problem dort sichtbarer und der politische Druck größer“, sagt sie. In Frankreich gibt es über hundert Projekte, die auf einer ähnlichen Basis stehen wie „open.med“ in München. Zusätzlich zu dem Ärzteteam, das im Behandlungszimmer in der Augsburgerstraße Dienst tut, kann das Projekt auf etwa 50 niedergelassene Fachärzte zurückgreifen. „Jeder hilft, so viel er kann, das ist ganz flexibel geregelt. Aber eines ist allen gemeinsam: Abgesehen vom Material, das manchmal zum Selbstkostenpreis in Rechnung gestellt werden muss, arbeiten sie alle unentgeltlich.“ Über die medizinische Behandlung hinaus ist „open.med“ damit befasst, ein festes Team von Ehrenamtlichen aufzubauen, das sich der psychosozialen Betreuung der Patienten widmet. Derzeit sind zwei Berater regelmäßig im Einsatz, am Ende sollen es acht Helfer sein, darunter Medizinstudenten, Krankenschwestern sowie Praktikanten von der Fachhochschule für Sozialpädagogik. Im nationalen Vergleich unter Großstädten schneidet München mit seinen Bemühungen ziemlich gut ab. „Die Stadt hat ein reges Interesse daran, herauszufinden, wie groß die Gruppe der Illegalen ist, und dass alle Einwohner des Einzugsbereichs zum Wohle der Allgemeinheit medizinisch versorgt sind“, sagt Marion Chenevas. Deshalb gaben die Stadträte eine umfangreiche Untersuchung in Auftrag. Der Sozialwissenschaftler Dr. Philip Anderson nannte seine empirische Studie von 2002 „Dass sie uns nicht vergessen …“ und analysierte darin detailliert die Lebensumstände illegal lebender Menschen, von denen es in München etwa 30000 geben dürfte. „Die Kommunalpolitiker haben tatsächlich ein ernsthaftes Interesse an diesem Thema und unterstützen uns“, sagt Marion Chenevas. Doch das allein reicht nicht. Wie alle Projekte von Ärzte der Welt verfolgt auch „open. med“ ein Ziel, das in zwei Stufen angelegt ist. Erstens, so gute Hilfe zu leisten wie möglich, und zweitens, alles dafür zu tun, überflüssig zu werden.
Bernd Hein

Weitere Informationen:

Ärzte der Welt e.V. – open.med

Thalkirchner Straße 81/KH 1 81371 München,

Tel.: 089/6242 09 55 Internet: www.aerztederwelt.org

Medizinische Sprechstunde „open.med“ – anonym und kostenlos:

dienstags von 17 bis 20 Uhr, freitags von 10 bis 13 Uhr

Augsburgerstraße 13, 80337 München

Informationen außerhalb der Sprechstunden über die open.med-Hotline:

0177/511 69 65 (Montag bis Freitag 9.30 bis 17 Uhr)

Das Beratungscafé für Flüchtlinge, „Café 104“,

Augsburgerstraße 13, vermittelt auch medizinische Hilfe. Es ist jeden Dienstag von 17 bis 20 Uhr geöffnet.

Tel.: 089/76 70 29 64

Die Malteser Migranten Medizin bietet ebenfalls kostenlose Behandlungen an:

Dienstags von 9:30 – 13:30 Uhr und Donnerstags von 15:30 – 17:30 Uhr

Streitfeldstraße 1, 81673 München

beh

Systemfehler

Alte Menschen müssen sich der Pflege anpassen. Am besten tun sie das, wenn sie teilnahmslos im Bett liegen

Hiobsnachrichten
Im letzten Prüfbericht des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) ist zu lesen, dass jeder dritte Heimbewohner nicht genug zu essen oder zu trinken bekommt und mehr als 35 Prozent der Pflegebedürftigen zu selten umgebettet werden. Darüber hinaus wurden bei 15,5 Prozent schwere Mängel bei der Versorgung einer Blasenschwäche protokolliert. Experten vermuten, dass die Zustände in vielen Pflegeheimen noch viel schlimmer sind, da der MDS nur jede fünfte Einrichtung überprüft und jede zweite Kontrolle zudem ankündigt.

In drei Stufen zur Bettlägrigkeit
Etwa 2,1 Millionen Deutsche sind pflegebedürftig, vor zehn Jahren waren es noch 400000 weniger.Mehr als zwei Drittel von ihnen werden zu Hause versorgt. Bleiben knapp 700 000 Senioren, die stationär untergebracht sind. Oft bekommen sie nur die berüchtigte „SSS-Pflege“: satt, sauber und sediert.Was bedeutet, dass sie außer regelmäßigen Mahlzeiten, frischen Windeln und Beruhigungsmitteln kaum etwas zu erwarten haben. „Statt dieser körperlichen Versorgung müsste die menschliche Betreuungsqualität in den Vordergrund gestellt werden. Die seelischen Wunden und der Hunger nach Zuwendung, nach Wertschätzung, nach Geborgenheit oder nach einer sinngebenden Beschäftigung sind das, worunter die alten Menschen in den Heimen am meisten leiden“, sagt Adelheid von Stösser vom Pflege-Selbsthilfeverband. Die jetzige Regelung mit drei Pflegestufen berücksichtige allein den körperlichen Hilfebedarf und biete in finanzieller Hinsicht keinen Anreiz, Pflegebedürftigkeit zu verhindern oder Selbstständigkeit zu fördern. Kritik am Pflegesystem kommt von vielen Seiten. Der Münchner Pflegeexperte Claus Fussek betont seit Jahren: „Das System ist pervers. Es fördert das Kranke und hemmt das Heilende.“ Dennoch besteht es weiter, allen Reformen zum Trotz, und betrifft 70 Millionen Deutsche, die gesetzlich pflegeversichert sind. Die Ausgaben in der Pflegeversicherung steigen und steigen – von 14,3 Milliarden vor zehn Jahren auf mehr als 17 Milliarden Euro im Jahr 2006.

Rüstige bringen kein Geld
Gute Pflege ist teuer, schlechte auch.Nach Angaben des Statistischen Bundesamts kostet eine vollstationäre Dauerpflege durchschnittlich 2706 Euro pro Monat. Hinter dieser Zahl verbergen sich große regionale Unterschiede – ein Heimplatz kann bis zu 4000 Euro oder nur knapp 2000 Euro kosten.Die Pflegeversicherung übernimmt maximal 1432 Euro.Die Kosten allein sagen noch nichts über die Qualität des Hauses aus. Nicht selten ist die Versorgung in einer Luxus-Einrichtung schlechter als in einem durchschnittlichen Heim. „Qualität ist keine Frage des Geldes, sondern vielmehr eine Frage des qualifizierten Personalmanagements durch die Führungsebene und des offenen Umgangs mit den zu Pflegenden und ihren Angehörigen“, meint Guido Steinke von der Bundesinteressenvertretung der Nutzer von Wohn- und Betreuungsangeboten im Alter und bei Behinderung (BIFA). Doch gespart wird gern: beim Personal, bei der Ausbildung, beim Material. Der Pflegemarkt boomt, und viele Geschäftemacher sind unterwegs.Mittlerweile sind in der Pflege 140000 Menschen mehr beschäftigt als vor sechs Jahren, insgesamt 760 000 Arbeitnehmer. Dieser florierende Markt bewirkt eine Schieflage. Für Einrichtungsleiter ohne Verantwortungsbewusstsein gilt der makabere Grundsatz: Wer gesünder wird, bringt weniger Geld.

Wie war das mit der Menschenwürde?
Dass sich die Pflege an der Achtung der Menschenwürde orientieren sollte, wird allgemein anerkannt. Eine Studie des Deutschen Instituts für Menschenrechte kommt jedoch zu dem Ergebnis,in Deutschland gebe es stationär „keine flächendeckende menschenwürdige Grundversorgung“ älterer Menschen.Grundsätzlich besteht zwar eine Obhutspflicht zum Schutz der körperlichen Unversehrtheit der Bewohner, doch Beschwerden bei Verletzung dieser Pflicht sind meist aussichtslos. Nur selten werden regelmäßig beanstandete Heime geschlossen. „Das Interesse an einem freien Wirtschaftsbetrieb wird höher gewichtet als das Interesse an einer menschenwürdigen Pflege“, sagte der MDS-Geschäftsführer Peter Pick in einem Interview mit der FAZ.

Vom Konditor zum Heimleiter, vom Heimleiter zum Immobilienspekulanten
Guido Steinke von der BIFA nennt Beispiele: „Es gibt immer öfter Anlegermodelle, bei denen die Betreiber sich Häuser und Grundstücke vorfinanzieren lassen und dann die Objekte gemietet oder geleast werden. Diese zum Teil hohen Finanzierungskosten werden auf die Bewohner umgelegt, die Heimentgelte können sich rasch um bis zu 1000 Euro pro Monat erhöhen. Wenn der Betreiber diese Kosten nicht komplett abwälzen will, muss er irgendwo sparen.“ Doch es ist nicht immer die reine Profitgier, die Heimbetreiber veranlasst zu sparen. „Oftmals steckt dahinter auch Missmanagement, weil Heimbetreiber oder Heimleiter nicht die Führungsqualitäten oder betriebswirtschaftlichen Voraussetzungen mitbringen, um ein solches Unternehmen wirtschaftlich solide führen zu können. Ein Kurzlehrgang genügt, um beispielsweise einem Konditormeister die Verantwortung für die Leitung eines Pflegeheims anzuvertrauen“, sagt Adelheid von Stösser.

Ein Reförmchen
Alles wird besser. Behauptet die Bundesregierung. Die im Herbst 2007 beschlossene Reform der Pflegeversicherung beinhaltet im Wesentlichen die Schaffung von sogenannten Pflegestützpunkten und die Anhebung der ambulanten Sachleistungsbeträge sowie des Pflegegelds um rund 10 bis 20 Prozent bis 2012. Außerdem sollen Qualitätsstandards verankert und die Ergebnisse der Prüfberichte des MDS zukünftig „verständlich und verbraucherfreundlich“ veröffentlicht werden.Wie dies genau geschehen soll, weiß niemand. Viele Träger und Heimleiter fürchten Vergleiche und Veröffentlichungen und werden wohl weiterhin Wege finden, Missstände zu vertuschen. Der Pflege-Selbsthilfeverband kommentiert: „Der Gesetzentwurf verdient die Bezeichnung ‚Reform‘ nicht. Allenfalls handelt es sich bei den beschlossenen Änderungen um kleinere ‚Reparaturen‘ und Kompensationsmaßnahmen, während die schwerwiegenden Webfehler unberührt bleiben.“ Johannes Schardt von der Münchner Pflegebörse schließt sich der Kritik an: „Es scheint, dass diese Reform auf nicht einmal halbem Weg stecken geblieben ist; eine Weichenstellung für eine zukunftsweisende Qualitätsoffensive und für eine nachhaltige und sozial gerechte Finanzierung ist nicht erkennbar.“

Wen interessiert das schon?
Auf der Internet-Seite des Forums zur Verbesserung der Situation Pflegebedürftiger, das auch den Münchner Pflegestammtisch veranstaltet, appelliert eine Pflegerin an ihre Kollegen:„ Wehrt euch endlich! Auch ihr dürft nicht länger den alltäglichen Wahnsinn in unseren Heimen verschweigen. Und denkt daran: Irgendwann werdet auch ihr alt …“ Das Bewusstsein, dass sich etwas ändern muss, ist bei vielen Initiativen, Verbänden, Ärzten, Pflegern und Ehrenamtlichen durchaus vorhanden. Sie engagieren sich für Pflegebedürftige – allerdings stehen sie oft unter Druck oder werden im Stich gelassen. Bestes Beispiel: Der MDS Bayern hat im Auftrag der Pflegekassen schon vor Jahren einen Test entwickelt, mit dem ein objektiver Vergleich der Einrichtungen möglich wäre. 2004 wurden 1000 Heime aufgefordert, daran teilzunehmen, doch nur 26 kamen der Aufforderung nach.

Woran mangelt es?
Die Zeit drängt. Spätestens wenn ein großer Teil der Menschen aus den geburtenstarken Jahrgängen hilfebedürftig wird, droht dem System der Kollaps. Laut einer Prognose des Statistischen Bundesamts wird die Zahl der Pflegebedürftigen deutlich ansteigen – von heute 2,1 Millionen auf mehr als 3 Millionen im Jahr 2030. Allein die Zahl der Demenzkranken soll im gleichen Zeitraum um 600000 auf 1,7 Millionen anwachsen. Bleibt die Frage, warum ein reiches Land wie Deutschland keine angemessene Pflege für seine Bürger garantieren kann. Die Pflegeexpertin Adelheid von Stösser meint: „Reichtum war noch nie ein Garant dafür, dass es auch den Kranken und Schwachen an nichts fehlt.“ Im Grunde spiegele die Situation in der Pflege wider,woran es unserer Gesellschaft allgemein mangele. An Menschlichkeit?

Ohne Hilfe wird’s nicht gehen
Vielleicht können bald neue Wege des Zusammenlebens das Pflegesystem entlasten. Immer mehr Menschen suchen sich schon relativ früh Mitbewohner fürs Alter und gründen Senioren- WGs. Das Forum GemeinschaftlichesWohnen, das entsprechende Projekte betreut, berichtet von über 10 000 Anfragen pro Jahr. Doch man sollte sich keine Illusionen machen: Hunderttausende alte Menschen werden auch in Zukunft auf eine staatlich organisierte Pflege angewiesen sein.

Günter Keil

In München gibt es 51 Pflegeheime, 30 weitere im Landkreis. Insgesamt stellen diese Einrichtungen mehr als 6000 Plätze in der sogenannten vollstationären Dauerpflege zur Verfügung. Freie Plätze vermittelt die Münchner Pflegebörse, ein Zusammenschluss aller Träger (www.muenchnerpflegeboerse.de). Informationen und genaue Kostenangaben liefert u.a. der AOK-Pflegeheimnavigator (www.aok-pflegenavigator.de).

Getäuschte Sinne

In einer akuten Psychose leiden die Patienten an einer Bewusstseinsstörung, ohne es zu merken

Wir gehen mit bestimmten Erwartungen an unsere Umwelt heran. „Je nachdem,wie eng und eingefahren unsere Sicht ist und wie klar definiert unsere Vorstellungen, wie etwas zu sein hat, desto mehr oder weniger verwirrt reagieren wir, wenn es nicht exakt so kommt, wie wir es erwartet haben“, sagt der Münchner Sozialpsychologe Dr. Heiner Keupp. Die heutige Welt mit ihren rasanten Entwicklungen bietet viel Raum für Irritationen: „Ob Technik, gesellschaftliche Strukturen, zwischenmenschliche Beziehungen – alles ist einem permanenten Wandel unterworfen. Bei sensiblen Menschen mit einer hohen Selbstunsicherheit kann das zu extremen Ausnahmezuständen führen“, weiß der Experte. Dass sie versucht haben könnten, übers Fernsehen und Radio sein Denken und Handeln zu manipulieren, indem sie ganz normale Sendungen dazu benutzten, um ausschließlich ihm verschlüsselte Botschaften zu übermitteln, darüber muss er jetzt, im Behandlungszimmer der Schizophrenie- Station der Psychiatrischen Klinik der LMU, selbst ein wenig schmunzeln. Aber dass sie hinter ihm her sind, das sei, so Günter F., 49 Jahre, eine Tatsache. Schließlich wurde er ja, als es immer mehr Anzeichen dafür gab, dass er mit seinen Vermutungen über die Gesinnung des Personalchefs seiner ehemaligen Firma richtig lag, beim Verfassungsschutz vorstellig – „und bestätigt“, wie er betont. „Für die ist einer wie ich doch ein gefundenes Fressen: aufgewachsen ohne Vater und damit besonders empfänglich für ein Leben in einer Sektengemeinschaft. Dazu noch Computerspezialist – ein ausgezeichneter obendrein –, das macht mich für die natürlich interessant!“ „Die“ – das sind Mitglieder einer Sekte. Die Firma, in der er arbeitete, sei von dieser Sekte kontrolliert worden. „Der Personalchef, der zur Sekte gehörte, hatte mich von Anfang an auf dem Kieker, und unter den Kollegen wurde ich umso mehr zum Außenseiter, je hartnäckiger ich mich der Firmenideologie widersetzte.“ Kurz fragt man sich, ob an der Sache mit der Sekte etwas dran ist. Jedenfalls wirkt er sehr reflektiert, als er plötzlich resümiert: „Und es gibt halt diese Momente, da driftet das Ganze ins Wahnhafte ab. Wenn ich dann nicht schleunigst meinen Arzt kontaktiere und meine Medikamente bekomme, geht es wieder los.“ Dann, so erzählt er, ist es wie damals, als die unzähligen Kameras überall in der Firma, mit denen sie ihn im Auge zu behalten versuchten, absolut real waren. Real war für ihn auch, dass sie die Fenster seiner Wohnung mit Lasern abtasteten, eine Methode, die es ihnen ermöglichte, ihn abzuhören und zu beobachten, ohne seine Wohnung auch nur zu betreten. „Während der psychotischen Phasen war das alles schlüssig und nachvollziehbar, die Bedrohung damit absolut konkret, und ich hatte eine Heidenangst!“ „Schizophrenie ist eine neurobiologische Störung, eine Art Fehlschaltung im Bereich der zentralen Reizverarbeitung im Gehirn“, erläutert Dr. Sandra Dehning von der Psychiatrischen Klinik der LMU. Dabei kann es sich um eine Störung in der Aufnahme, der Weiterleitung oder bei der Verknüpfung von Reizen handeln. Das Wort Schizophrenie stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „abgespaltene Seele“. Die Störungen wirken sich auf das Denken, die Überzeugungen, die Selbst- und Fremdwahrnehmung und die Gefühle des Betroffenen aus.Außerdem werden seine Auffassungsgabe, sein Urteilsvermögen sowie seine Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt, was häufig Sinnestäuschungen und Wahnvorstellungen zur Folge hat. Viele Betroffene halten sich für Auserwählte – im positiven wie im negativen Sinn, fühlen sich beobachtet und verfolgt, beziehen zufällige Ereignisse und Gesten, gleichgültig von wem, auf sich oder messen anderen oder sich selbst eine besondere Wichtigkeit oder magische Kräfte zu. Manche glauben, dass ihre Gedanken von anderen gehört werden können oder ihnen weggenommen werden oder dass ihre Gedanken nicht wirklich ihre eigenen sind, sondern ihnen von anderen eingegeben wurden. Andere sehen Teile ihres Körpers als nicht mehr zu sich gehörig, erleben sich als unwirklich, fremd und verändert. „Der Psychiater Kurt Schneider hat das sehr treffend als den ‚Verlust der Meinhaftigkeit‘ bezeichnet“, so Dr. Dehning, „und so beschreiben auch viele Betroffenen diesen Zustand.“ Anneliese K. wird seit mehr als zwölf Jahren von der Stimme ihrer Ex-Schwägerin verfolgt.„Sie redet durch die Wände meiner Wohnung auf mich ein – Tag und Nacht geht das so. Ununterbrochen.“ Ob sie in all den Jahren der Schwägerin denn nie klar gemacht habe, dass sie damit aufhören soll, will Dr. Dehning von Anneliese K. wissen. „Ich habe es versucht“, antwortet sie resigniert, „aber die macht ja nicht einmal die Wohnungstür auf. Manchmal habe ich schon den Verdacht, dass da inzwischen andere Leute wohnen, die sie dazu gebracht hat, ihre Stimme zu imitieren.“ Anneliese K. ist sich sicher, dass ihre Ex-Schwägerin ihr schaden will. „Gesunde Menschen können häufig nicht nachvollziehen, dass es sich bei dem, was ein an Schizophrenie Erkrankter erlebt, nicht um Einbildung handelt“, meint die Ärztin. Tatsache ist ganz eindeutig, dass der Betroffene zwei Wirklichkeiten wahrnimmt: die reale, normale Welt, in der er Eindrücke und Erfahrungen mit anderen teilen kann, und die Welt aus Sinneseindrücken und Wahnvorstellungen, zu der nur er allein Zugang hat, die für ihn deshalb aber nicht weniger real ist. Die Betroffenen verlieren nicht einfach den Kontakt zur Realität, sie konstruieren ihre eigene. Nicht selten sind sie davon überzeugt, dass sie ein völlig anderes Leben als das eigene führen. Das Problem für den Kranken ist, diese beiden Welten voneinander zu unterscheiden. Die Mediziner haben festgestellt, dass das Gehirn eines Schizophrenie-Kranken häufig anatomische Besonderheiten aufweist. „Bildgebende Verfahren zeigen außerdem ganz deutlich veränderte Hirnaktivität bei den Betroffenen“, erklärt Dr. Dehning,„was darauf schließen lässt, dass die Symptome der Schizophrenie durch eine veränderte Aktivität chemischer Substanzen im Gehirn – der sogenannten Neurotransmitter – verursacht werden. So arbeitet während einer akuten Phase beispielsweise der Botenstoff Dopamin in bestimmten Bereichen des Gehirns auf Hochtouren.Medikamente, die bewirken, dass sich die Botenstoffe wieder auf ein Gleichgewicht hinbewegen, führen dementsprechend zu einer Besserung der Symptome.“ Das Risiko, an einer schizophrenen Psychose zu erkranken, beträgt ein Prozent. Das heißt, statistisch gesehen durchlebt jeder hundertste Mensch weltweit, ungeachtet seiner Herkunft, Kultur oder Biografie, mindestens einmal in seinem Leben eine psychotische Epsiode. Schizophrenie ist also eine ziemlich weit verbreitete Krankheit.Meist tritt sie erstmals zwischen dem 18. und dem 35. Lebensjahr auf, wobei Experten zufolge bei etwa 75 Prozent der Betroffenen bereits Jahre vor dem ersten psychotischen Schub Wahrnehmungsveränderungen und Verhaltensauffälligkeiten wie Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche, Leistungsabfall, Antriebsarmut und Vereinsamung auftreten. Symptome, die auch heute noch häufig unerkannt bleiben oder als vorübergehende Krisen und psychische Störungsformen fehlgedeutet werden. „Vielen Schizophrenen gemeinsam ist eine gewisse Dünnhäutigkeit, Verletzlichkeit und Sensibilität“, sagt Dr. Dehning. Die Krankheitsursache ist bis heute nur unzureichend erforscht. Man geht davon aus, dass jeder Mensch ein bestimmtes Maß an Stress verarbeiten kann, bevor er krank wird. Schizophrenie-Kranke reagieren nachweislich empfindlicher als gesunde Menschen. Und tatsächlich bricht die Krankheit auffallend oft in stressigen, belastenden Lebenssituationen aus, etwa mit Beginn des Studiums, bei Heirat oder mit der Geburt des ersten Kindes, bei Arbeitsplatz- oder Wohnortwechsel, bei Liebeskummer, Trennung oder Tod eines nahestehenden Menschen. „Und sehr oft ist auch Drogenkonsum der Auslöser“, weiß Dr.Markus Opgen-Rhein. „Es gibt starke Hinweise dafür, dass Cannabis bei Menschen mit genetischer Anfälligkeit eine Schizophrenie begünstigen kann.“ Bei einem Drittel der Betroffenen bleibt es – mit entsprechender Behandlung – bei einem einzigen Ausbruch. Bei einem weiteren Drittel verläuft die Krankheit schubweise, das heißt, eine akute Psychose, die durchaus mehrere Wochen oder Monate dauern kann, klingt nach und nach wieder ab, bis irgendwann ein neuer Schub erfolgt. Regelmäßige Medikamenteneinnahme kann bewirken, dass erneute psychotische Episoden verhindert werden oder an Heftigkeit abnehmen. Beim letzten Drittel verläuft die Krankheit chronisch, das heißt, die Medikamente unterdrücken die Symptome nicht vollständig, dennoch kann der Patient ein weitgehend normales Leben führen. Nur ein sehr kleiner Teil wird aus dem normalen Leben herausgeschleudert. Angehörigen, Freunden und Kollegen fällt der Umgang mit einem Schizophrenie-Kranken häufig schwer. Viele wenden sich ab, weil sie sich überfordert, hilflos oder auch nur irritiert und peinlich berührt fühlen.
Daniela Walther

Hungrig und ausgegrenzt

Kinder, deren Eltern von Hartz IV leben, sind auf kostenfreie Speisungsmöglichkeiten angewiesen

Wenn Familien in Armut leben, leiden insbesondere die Kinder. Als arm gilt in den EU-Staaten, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zum Leben hat. Doch Kinderarmut lässt sich nicht nur am Einkommen der Eltern festmachen und bedeutet viel mehr als wenig Geld zu haben. Elke K. ist nach der Scheidung vor einem Jahr mit ihren drei Kindern, fünf, acht und zehn Jahre alt, aus Norddeutschland zurück in ihre Geburtsstadt München gezogen. Da ihr Ex-Mann keinen Unterhalt zahlt, leben Elke und die Kinder von Hartz IV in einer Sozialwohnung. Zwei Vormittage die Woche arbeitet die Mutter in einem Seniorenheim: „Mehr schaffe ich auch nicht, ich kann den Alltag so schon kaum bewältigen“, sagt die schlanke Frau. „Es ist wahnsinnig schwierig, die Kinder zu integrieren, wenn man so lebt wie wir. Freunde einladen ist bei uns nicht. Wir leben total beengt, praktisch nur aus Kartons.“ Als Jana, die Älteste, kürzlich zu einem Kindergeburtstag eingeladen war und ein Geschenk für sechs Euro mitbringen musste, gab es eine Woche lang abends nur Müsli. „Ich bin dauernd damit beschäftigt, die Kinder irgendwo hinzubringen“, erzählt Elke. Der jüngste Sohn ist mehrfach behindert und muss zweimal die Woche zur Therapie; der Achtjährige geht in einen Fußballverein. „Das tut ihm sehr gut, doch für den Weg dahin sind wir 30 Minuten unterwegs, weil wir keine Fahrräder haben, und dann muss ich dort warten, während die anderen beiden Kinder allein daheim sitzen.“ Wenn an den Wochenenden auswärts Spiele stattfinden, hofft Elke auf Mitfahrgelegenheiten bei anderen Eltern. „Die sind schon nett, aber ich habe dauernd ein schlechtes Gewissen, weil ich mich nicht revanchieren kann. Jede Einladung ist für mich fast schon eine Bedrohung.“ Einem sechs- bis vierzehnjährigen Kind, dessen Eltern Hartz IV beziehen, wird ein Regelsatz von 207 Euro Sozialgeld im Monat gewährt. Dafür werden in der Einzelkalkulation für Essen und Trinken 2,71 Euro am Tag veranschlagt (0,59 Euro für Frühstück und je 1,06 Euro für Mittag- und Abendessen). Dass sich davon kein Kind gesund und ausreichend ernähren lässt, versteht sich von selbst. Doch auch Bildung und soziale Integration werden Kindern von Hartz-IV-Empfängern schwer gemacht: Für Schulkosten und Bildung gibt es keinen einzigen Cent, für Sport- und Freizeitveranstaltungen werden 3,76 Euro im Monat zuerkannt. Der Eintritt für ein Münchner Hallenbad kostet für Jugendliche unter 16 Jahren 2,60 Euro. Da heißt es, das Freizeit-Budget gut einteilen! Aber nicht nur die Eintrittspreise für Schwimmbäder sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, auch die Mitgliedsbeiträge für Sportvereine und Musikgruppen wurden in den letzten zwei Jahrzehnten stark angehoben. Dazu kommt, dass die Erwartungen an die Ausstattung, die die Kinder mitzubringen haben, ganz andere sind als vor wenigen Jahrzehnten.Mit der alten Blockflöte vom Vater traut sich ein Kind heute kaum in den Musikunterricht. Bei länger anhaltenden Verarmungsprozessen, wenn sich zum Beispiel nach einer Trennung der Eltern die Einkommenssituation verschlechtert und dann knapp bleibt, könne man oft beobachten, dass sich die Betroffenen aus dem bestehenden sozialen Netz zurückziehen, berichtet Dr.Dr. Gerhard Beisenherz, Soziologe und Experte für Kinderarmut am Deutschen Jugendinstitut (DJI). „Das ist nicht nur eine psychische Reaktion, die Eltern und Kinder können an vielen sozialen Aktivitäten tatsächlich nicht mehr teilnehmen.“ Mit der Ausdünnung des sozialen Netzes gehen aber auch wichtige Informationen verloren, die das Leben mit Kindern vereinfachen und bereichern: Wann findet der nächste Kinderkleiderflohmarkt statt? Welche Schule ist empfehlenswert? Kinder aus armen Familien sind in vieler Hinsicht benachteiligt und ausgegrenzt. Neben dem Mangel an materiellen Dingen fehlt es oft an Zuwendung, Erziehung und Bildung. Die Kinder haben häufiger gesundheitliche Probleme, verursacht durch falsche Ernährung und Bewegungsmangel. Sie können sich im Unterricht schlechter konzentrieren und brechen öfter die Schule ab. Sie leben häufiger in beengten Wohnungen, in vernachlässigten Stadtteilen mit schlechten Schulen und unzureichenden sozialen Angeboten. Um sich wie früher oder wie in romantischen Kinderbüchern die Zeit kostenlos und trotzdem anregend zu vertreiben, fehlt vor allem in städtischen Ballungsräumen meist die Möglichkeit. „Der Kinderalltag hat sich seit den 50er-, 60er-Jahren stark verändert“, sagt Beisenherz. Auf der Straße spielen, im Tümpel schwimmen oder auf einem zugefrorenen See Schlittschuh laufen ist heute Luxus. Die Straßen gehören den Autos, Tümpel gibt es kaum mehr oder nicht in für Kinder erreichbarer Nähe, und Schlittschuhlaufen kann man fast nur noch im Stadion. „Kinder treffen sich heute viel mehr in Räumen und bei Veranstaltungen, die Eintritt kosten, und auch der Weg dorthin kostet Geld. Die Teilhabe hängt somit von finanziellen Bedingungen ab“, erklärt der Soziologe. „Aufgrund der starken Kommerzialisierung der Freizeit haben Tendenzen des sozialen Ausschlusses zugenommen, nicht böswillig, aber die Zugangsbedingungen sind für arme Kinder nicht erfüllbar.“ So verbringen sie viel Zeit mit der billigsten aller Unterhaltungen: Fernsehen. Andere Medien, wie Handy und Computer, die laut dem Soziologen zur heutigen Kinderkultur dazugehören und mehr Integration ermöglichen, sind für arme Familien eigentlich unerschwinglich. Allein die Anschaffung eines Handys würde bei den 70 Cent, die der normale Hartz-IV-Regelsatz eines Erwachsenen für den Posten „Telefon/Fax/Anrufbeantworter“ monatlich vorsieht, jahrelanges Sparen voraussetzen, ganz abgesehen von den anfallenden Gesprächsgebühren. Der Alltag von Hartz-IV-Empfängern dreht sich in erster Linie um materielle Sorgen und das Bemühen, den Lebensunterhalt sicherzustellen. Einkäufe billig zu erledigen und dabei Fahrtkosten zu minimieren, kostet viel Zeit und Energie, die an anderer Stelle fehlen, zum Beispiel für die Zubereitung von gesundem Essen, für Arztbesuche und Zuwendung. Um Kindern aller Schichten kulturelle Förderung und soziale Teilhabe zu ermöglichen, hält Beisenherz es für notwendig, dass Kommunen, Kirchen,Wohlfahrtsverbände und Vereine Kindern eine Infrastruktur zum Nulltarif anbieten. Das sei insbesondere für Kinder bis zum Ende des Grundschulalters wünschenswert, weil die ersten zehn Lebensjahre für die kognitive und soziale Entwicklung entscheidend seien. Der Versuch, ärmere und arme Menschen über Ermäßigungen zu integrieren, funktioniert seines Erachtens nicht, weil sich die Betroffenen diskriminiert fühlten und es zu oft an den Antragsformalitäten scheitere. Im ABIX, einer offenen Kindereinrichtung des Kreisjugendrings München Stadt (KJR), spielt Geld keine Rolle. „Jedes Kind zwischen fünf und 13 Jahren kann einfach unangemeldet zu uns kommen. Bei uns ist alles kostenlos, und das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb es den Kindern hier auch ganz egal ist, was einer hat und aus welchem Land er stammt“, sagt Ricarda Memel, die Leiterin. Der „Abenteuerspielplatz Hasenbergl“ (ABIX) bietet Kindern tolle Spielgelegenheiten auf einem riesigen Gelände. Doch in der Einrichtung geht es keineswegs nur um Freizeitangebote, sondern auch um die ganz existenzielle Versorgung von Kindern aus benachteiligten Familien: Ab Mittag gibt es kostenlos warmes Essen – und dieses Angebot findet großen Absatz. 50 bis 70 Kinder kommen täglich direkt nach der Schule in den ABIX, und viele von ihnen gehen erst abends wieder nach Hause, wenn die Einrichtung um 18 Uhr schließt,„meist nicht ohne sich vorher noch einmal kräftig satt zu essen“, beobachtet Ricarda Memel. Der ABIX liegt mitten im Hasenbergl, einem der sozialen Brennpunkte Münchens. 66 Prozent der Haushalte im Stadtbezirk Feldmoching- Hasenbergl beziehen Hartz IV, die Arbeitslosenquote liegt bei 9,9 Prozent, und nirgendwo sonst in München ist die Interventionsdichte der Bezirkssozialarbeit so hoch wie hier (Münchner Armutsbericht 2004). „Viele Eltern unserer Besucher sind mit dem Überleben beschäftigt“, meint Memel. Von vielen Kindern, die seit Jahren täglich in den ABIX kommen, hat sie die Eltern noch nie gesehen. Kinder, die mit Begeisterung Bilder auf Leinwände malen oder Tonfiguren formen, äußern nie den Wunsch, ein Stück mit nach Hause zu nehmen, um es den Eltern zu zeigen oder daheim aufzustellen. Besonders erschreckend aber sei der schlechte Zustand der Zähne. Aufgrund von Fehlernährung und mangelnder Zahnpflege haben manche Sechsjährige keinen einzigen Milchzahn mehr im Mund, dafür aber eine Zahnprothese. Die Umfrage einer Mitarbeiterin, was die Kinder am Abend und an den Tagen unternehmen, an denen der ABIX geschlossen ist, ergab: Nicht viel! Eine Antwort war: „Füße waschen und ins Bett gehen.“

Simone Kayser

Kompliziert bis unverständlich

Arge-Bescheide lösen nicht nur bei ihren Empfängern Irritationen aus, sondern manchmal auch vor Gericht

Nach dreijähriger Anwendung des zweiten Sozialgesetzbuchs (SGB II) hat es nach wie vor den Anschein, als wären anfängliche Startprobleme und ausgemachte Verfahrensfehler noch nicht behoben. Das zeigt sich auch darin, dass Arge-Bescheide bei vielen Empfängern häufig Irritationen auslösen, weil sie sie ohne Beratung nicht verstehen. „Das SGB II ist das handwerklich schlampigste Gesetz, das je in der Bundesrepublik gemacht wurde, und das zeigt sich jetzt“, sagt Andreas Wolf, Diplompädagoge und Berater im Bereich Wohnungslosenhilfe in Herford, Nordrhein- Westfalen. Für die Überforderung aller Beteiligten führt er diverse Gründe an: „Der Vorlauf für das neue Gesetz war zu kurz. Das Computerprogramm war noch nicht ausgereift und kommt bis zum heutigen Tag mit den Anforderungen nicht klar. Die Sachbearbeiter sind vor allem hinsichtlich ihrer Beratungsaufgabe oft schlecht geschult und stehen häufig unter großem Druck.“ Ein Drittel von ihnen seien für eine schnelle Umsetzung des neuen Gesetzes mit befristeten Arbeitsverträgen eingestellt worden. Andreas Wolf: „Sie befürchten, dass ihr Arbeitsvertrag nicht verlängert wird, und haben deshalb Angst, selbst arbeitslos zu werden. Zudem haben sie zum Teil um ein Viertel mehr Fälle zu betreuen, als sie eigentlich haben sollten.“ Hinzu kommt, dass das bundesweit eingesetzte Computerprogramm A2LL sehr anspruchsvoll zu bedienen ist und für manche Sonderfälle keinen eindeutigen Eingabemodus hat. „Die Mitarbeiter versuchen es teilweise mit Umgehungslösungen, das heißt, es müssen falsche Daten eingegeben werden, damit etwas Richtiges dabei herauskommt“, so der Sozialpädagoge und Berater. Das Ergebnis ist, dass auf dem Bescheid eine Begründung erscheint, die mit den Tatsachen nichts zu tun hat und deshalb nicht mehr nachvollziehbar ist. Kompliziert wird es auch, wenn sich beim Antragsteller oder der Bedarfsgemeinschaft etwas ändert. Es kann passieren, dass der Bescheid rückwirkend zu Ungunsten des Antragstellers geändert werden muss, der sich dann einer schlecht kalkulierbaren finanziellen Situation ausgesetzt sieht. Jedes Mal ergeht ein neuer Bescheid. Unverständliche Schreiben sorgen auch bei Gericht für Irritationen. Häufig versucht selbst der Richter vergeblich zu verstehen, was denn da eigentlich beschieden wurde. „Es gibt viele Formfehler“, sagt Andreas Wolf und fügt hinzu: „Wenn die Gerichte die Bescheide nicht nachvollziehen können, wird der Sachhintergrund oft gar nicht mehr weiter verfolgt. Im vorläufigen Anordnungsverfahren erhält dann der Antragsteller Leistungen zugesprochen. Viele Gerichte haben wegen der Hartz-IV-Klageflut zusätzliche Senate eingerichtet.“ Es ist zudem sehr aufwendig, einen Erstantrag nach SGB II zu stellen. Das Formular, einschließlich des Arbeitspaketes für die Arbeitsvermittlung, besteht in München aus 38 Seiten; zusätzlich sind Belege, Nachweise und Kontoauszüge beizubringen. Dies ist für viele Antragsteller erschreckend, schließlich sind sie in Not: „Sie brauchen schnell Geld. Die Ämter bemühen sich zwar, doch sie arbeiten nicht immer rechtskonform, da sie einen Antrag nicht annehmen, wenn die Unterlagen nicht vollständig sind. Das ist rechtswidrig“, so der Berater aus Herford. Die Sachbearbeiter in München sind sich darüber im Klaren, dass ihre „Kunden“ in erster Linie finanzielle Hilfe brauchen: „Es ist uns bewusst, dass es um Grundsicherung geht“, sagt der Pressesprecher der Arge München, Ottmar Schader. Michael Winkelmann, Teilregionsleiter im Sozialbürgerhaus Orleansplatz, sagt: „Wir müssen die Geschichte des Einzelnen kennen, damit der Kunde wieder Arbeit findet und unabhängig von Sozialleistungen leben kann. Grundsicherung, Arbeitsvermittlung und Weiterbildungsangebote sind die Aufgaben der Sachbearbeiter und Arbeitsvermittler bei der Arge, und nicht selten sind zudem vorab soziale Probleme zu lösen.“ „Für den Sachbearbeiter gibt es eine Menge zu steuern. Das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Er muss für den Einzelnen alle Möglichkeiten ausschöpfen“, gibt Ottmar Schader zu bedenken. In München habe man für die Kundenbetreuung ausreichend Personal, so der Pressesprecher, auch wenn es durch Krankheitsfälle oder personelle Veränderungen zu Engpässen kommen kann. „Es wird von den Mitarbeitern viel verlangt“, weiß Michael Winkelmann, „doch in München haben wir ein sehr gut ausgebildetes Personal.“ Am besten lernt man jemanden schnell kennen, indem man ihm viele Fragen stellt. „Wir brauchen jede Menge Infos und Unterlagen“, bestätigt Pressesprecher Schader. Im sogenannten „Grundantrag“ versucht sich der Sachbearbeiter ein Bild von der Situation des Antragstellers zu machen. In etlichen Zusatzblättern wird nach Haus- und Lebensgemeinschaften, Unterhaltsansprüchen und nach Mietund Heizungskosten gefragt. Neben dem „Antrag auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts“, in dem der Antragsteller seine Einkommens- und Vermögensverhältnisse und die seiner Familie offenlegen muss, ist das „Arbeitspaket zur Vorbereitung des Integrationsgespräches“ auszufüllen. Zusätzlich werden noch einige Bescheinigungen und Bestätigungen verlangt. „Die Infos müssen kommen, damit wir prüfen können, ob die Ansprüche berechtigt sind“, so Michael Winkelmann. Und je schneller die Infos da sind, desto schneller gibt es einen Bescheid. „In der Regel dauert das in München acht Tage“, sagt Ottmar Schader. Und Michael Winkelmann fügt hinzu: „Wenn der Antrag bearbeitungsfähig ist, dann gibt es auch schnell einen Bescheid.“ Bearbeitungsfähig ist er, wenn die Unterlagen komplett sind. Auch die Münchner Sachbearbeiter haben manches Mal ihre Mühe mit dem Computerprogramm: „Es hat Schwächen. Es hätte mehr Zeit gebraucht für die Entwicklung. Der Vorlauf war zu kurz. Wäre es komfortabler, dann hätte man mehr Zeit für die Kunden“, stellt Michael Winkelmann fest. Der Sachbearbeiter muss in bestimmten Fällen wissen, was er eingeben muss, damit das Richtige dabei herauskommt.“ Und er kennt die verwirrende Konsequenz: „Die Bescheide sind nicht immer leicht zu lesen. Aber der Kunde kann zu seinem persönlichen Berater gehen und sich das erklären lassen.“ Darin sieht er kein Problem, auch wenn der Beratungsaufwand bei bestimmten Kunden, Migranten zum Beispiel, durchaus hoch sein kann. „Einiges muss im Einzelfall erläutert werden.Und wir setzen auf gute Kommunikation. Schließlich offenbart sich der Kunde in vielem, und wir brauchen eine vernünftige Vertrauensbasis.“ Grundsätzlich sind die Bescheide seiner Meinung nach aber richtig:Aufgenommen, bearbeitet und entschieden werde alles vor Ort.Nachdem der Sachbearbeiter den Antrag bearbeitet hat, erhält ihn der Teilregionsleiter, um alle Angaben und Ergebnisse noch einmal zu bestätigen. „Ablehnende Bescheide oder unklare Sanktionen“ landen nach Meinung von Ottmar Schader dennoch häufig im Widerspruchsverfahren oder vor Gericht, und das kann er auch nachvollziehen: „Einiges ist anders als in der früheren Sozialhilfe, es wird manchmal nicht verstanden und löst deshalb Widerspruch aus. Manche Sozialgerichte stöhnen, dass man eine sehr komplizierte Verwaltungsmaterie geschaffen hat.“ Der Bescheid gilt in der Regel für ein halbes Jahr. Dann wird, bei Bedarf, ein Wiederholungsantrag gestellt, der nicht mehr so umfangreich ist wie der Erstantrag. Der Antragsteller ist verpflichtet, Änderungen jederzeit mitzuteilen. „Und dann können wir auch schnell reagieren“, so Michael Winkelmann. Probleme gebe es nur dann, wenn die Informationen verzögert einträfen. Dann müssten die Bescheide rückwirkend geändert werden. In besonderen Fällen sind die Konsequenzen daraus für den Kunden nicht sofort erkennbar. Dass es nicht immer leicht ist, sich in dem Gewirr von Freibeträgen und Sanktionen zurechtzufinden, ist für Michael Winkelmann durchaus vorstellbar. Grundsätzlich zieht er jedoch eine positive Bilanz: „Viele Kunden haben für den Aufwand und die Komplexität der Antragstellung Verständnis und wollen, dass verantwortungsvoll mit Steuermitteln umgegangen wird.“ Auch sind er und Ottmar Schader der Meinung, dass sich die Umsetzung des Gesetzes in die richtige Richtung entwickele. „Die Verknüpfung von finanzieller Leistung,Vermittlung von Arbeit und Qualifizierung ist besser als früher. Die Herausforderung lautet: Schaffen wir es mit diesen neuen Strukturen, die Zahl der längerfristig erwerbslosen Menschen nachhaltig zu reduzieren?“ Sie machen immer wieder die Erfahrung, dass die vielfältigen Probleme, die mit Langzeitarbeitslosigkeit häufig einhergehen, „innerhalb der Arge und der Strukturen der Sozialbürgerhäuser mit ihrer gesamten Palette begleitender sozialer Dienstleistungen sehr viel effektiver angegangen werden können als dies vor Einführung des SGB II möglich war“. Für Andreas Wolf ist „eigentlich alles im Entstehen begriffen“, und er ist sich sicher, dass Hartz IV zur nächsten Bundestagswahl wieder Thema sein wird.

Dorothea Büchele