Es geht um sie

Die Wirtschaft boomt. Dennoch finden nicht alle Jugendlichen einen Ausbildungsplatz. Hotel BISS würde ihnen eine Perspektive bieten

Elias, 14 Jahre, kocht leidenschaftlich gern
„Ich kann alles kochen!“, sagt Elias selbstbewusst. Spontan zählt er die Zutaten seines Garnelen-Rezepts auf: „Knoblauchbutter, Öl, Salz, Pfeffer. Später dann noch eine Sauce dazu und alles schön auf einem Teller servieren, das ist lecker.“ Bei einem Restaurant am Stachus hat er sich vor kurzem nach einem Job als Aushilfe erkundigt – doch noch ist er zu jung. Eine Ausbildung zum Koch im BISS-Hotel kann sich Elias in zwei Jahren gut vorstellen. Kochen ist neben Fußballspielen seine liebste Freizeitbeschäftigung. Die Eltern des Neuperlachers sind Analphabeten, er selbst hatte in den ersten Schuljahren große Schwierigkeiten. „Doch jetzt läuft es besser. Ich war auch länger nicht mehr bei Schlägereien dabei wie früher. Da habe ich nie mit meinen Händen zugeschlagen, weil ich die ja zum Kochen brauche“, meint er. Elias, der fünf Geschwister hat und coole HipHop-Klamotten trägt, hofft, dass seine Eltern bald ihre Schulden abbezahlen können und er auf der Förderschule den Hauptschulabschluss schafft. „Manche Leute glauben, ich wäre gefährlich. Wegen meiner Klamotten und weil ich mit viel älteren Freunden unterwegs bin. Aber das stimmt nicht“, sagt der regelmäßige Besucher des „Ghettokids“-Salons.

Eleni, 18 Jahre, ist mit ihrer Familie zerstritten
„Wir haben uns wegen jeder Kleinigkeit gestritten, es ging einfach nicht mehr!“, sagt Eleni über das zerrüttete Verhältnis zu ihrer Mutter. Seit fünf Jahren hat sie keinen Kontakt mehr zu ihr. Wie kam es dazu? „Ein halbes Jahr nach meiner Geburt haben sich meine Eltern scheiden lassen und ich kam zu meiner Oma. Bei ihr bin ich aufgewachsen, bei ihr wollte ich bleiben. Doch eines Tages wollte mich meine Mutter zurück.“ Der Umzug von Griechenland nach Deutschland machte die Situation für die damals 12-Jährige noch schwerer. Eine fremde Sprache, keine Freunde – Eleni schaffte gerade noch die Hauptschule, obwohl sie in ihrer Heimat aufs Gymnasium gegangen war. Sie lernte kaum etwas, ging viel in Kneipen und Clubs, rauchte Kette. Heute gibt sie sich optimistisch: „Trotz allem bin ich zufrieden mit meiner Situation und würde alles wieder genauso machen. Jetzt wäre eine Ausbildung das Beste, vielleicht mache ich die mittlere Reife“, meint sie. Von einer Lehre verspricht sie sich die Gewöhnung an eine feste Tagesstruktur und Freude daran, Neues beigebracht zu bekommen. Mit ihrem Freund ist sie seit zwei Jahren zusammen.„Am liebsten treffe ich mich mit anderen zum Grillen oder am See.Abends gehen wir schon lange nicht mehr weg, das war interessanter, als es verboten war“, sagt Eleni schmunzelnd. Sie lebt in einer betreuten Wohnung der Jugendhilfeund will nur ungern aus München weg. „Wenn es beruflich sein müsste, okay.Aber ich würde nach spätestens drei Jahren wieder zurückgehen. Ich mag die Stadt!“

Alex, 16 Jahre, war auf Drogen
Bald ist es so weit: Alex wird in diesen Wochen Vater. Mit seiner Freundin darf er auf Grund seines Alters jedoch erst in anderthalb Jahren zusammenziehen. „Ich freue mich auf das Kind und traue mir zu, mich darum zu kümmern“, sagt der junge Münchner. Mit seiner Drogenvergangenheit hat er nach eigenen Angaben komplett abgeschlossen. „Ecstasy, Kokain … ich bin übers Kiffen draufgekommen und habe vor zwei Jahren so ziemlich alles probiert.“ Nach einem harten Drogenentzug und dem Rauswurf aus einem Jugendhaus wohnt er mittlerweile im Flex, einer Jugendhilfeeinrichtung genau gegenüber dem geplanten Hotels BISS. Dort einmal zu arbeiten wäre sein Traum.„Ob als Portier die Gäste zu begrüßen oder für das Gepäck verantwortlich zu sein, wäre mir egal.Auch Schichtdienst würde ich mir zutrauen. Hauptsache, ich hätte mit Menschen zu tun“, meint er. Zurzeit macht Alex den qualifizierten Hauptschulabschluss und erhofft sich von einer Ausbildung, endlich regelmäßig Geld zu verdienen. Er kommt derzeit mit 40 Euro Taschengeld aus. In seiner Freizeit geht er zum Kickboxen, trifft sich mit Freunden und hört House-Musik.Auf die Frage nach den Gründen für seine früheren Drogenprobleme zuckt er mit den Schultern: „Keine Ahnung. Ich bin da reingerutscht, ohne große Probleme zu haben.Mit meinen Eltern gab’s damals oft Stress, weil ich dauernd dicht war.“ Doch diese Zeit ist für ihn vorbei, „definitiv!“

Bang Tam, 18 Jahre, erzieht ihre Tochter allein
Vor fünf Jahren kam Bang Tam ohne ihre Familie nach Deutschland. „Ich bin ein sehr offener Mensch und komme leicht in Kontakt mit anderen“, sagt die Vietnamesin lächelnd. Eine Ausbildung zur Hotelfachfrau ist schon lange ihr Wunsch – doch kurz vor dem Hauptschulabschluss kam ihre Tochter zur Welt. Das Kind war oft krank, Bang Tam musste vorübergehend von der Schule. Zwar schaffte sie schließlich noch den Abschluss, doch an eine Ausbildung war nicht mehr zu denken. Auf Bewerbungen gab es nur Absagen. „Hätte ich damals schon vom Netzwerk Geburt und Familie gewusst, hätte es vielleicht doch geklappt mit meinem Berufsziel“, sagt sie. Mittlerweile wird sie in der Einrichtung zur gastronomischen Fachkraft ausgebildet, ihre zweieinhalbjährige Tochter wird dort betreut. Für Hobbys bleibt allerdings kaum Zeit. „Früher habe ich Sport gemacht, gelesen, Freundinnen getroffen. Das klappt nur selten, da ich meine Tochter morgens abgebe, arbeite und erst abends wieder mit meinem Kind daheim bin.“ Immerhin: Seit einiger Zeit pflegt die Vietnamesin wieder den Kontakt zu Familienmitgliedern in ihrer Heimat, für ein paar Telefonate reicht die Zeit. Nach ihrer Ankunft in Deutschland lebte sie zunächst in einem Heim, später mehr als zwei Jahre in einer Wohngemeinschaft. Seit Januar hat sie eine kleine Wohnung. In einem Projekt wie Hotel BISS könnte Bang Tam doch noch Hotelfachfrau werden. „Ich habe früher einmal in den Ferien in einem Hotel gearbeitet, das hat mir sehr gut gefallen.“

Renate, 41 Jahre, ohne Ausbildung
„Rückblickend habe ich natürlich vieles in Frage gestellt“, sagt Renate.„Warum bin ich nicht aufs Gymnasium gegangen, warum habe ich keine Ausbildung gemacht, warum …, warum …, warum …?“ Zehn Jahre lang arbeitete die zweifache Mutter in der Musikabteilung eines Kaufhauses und war zufrieden. Der Job war in Ordnung, die Bezahlung reichte aus. Eine genaue Vorstellung von ihrer beruflichen Zukunft hatte sie damals nicht. „Nur eines wusste ich sicher: Ein Bürojob kommt für mich nicht in Frage. Ich muss Leute um mich herum haben.“ Als ihre Kinder älter und die Ladenöffnungszeiten immer mehr verlängert wurden, musste sie ihren Job aufgeben. Nun hat Renate seit langem wieder eine Perspektive: Seit Anfang September wird sie beim Netzwerk Geburt und Familie zur gastronomischen Fachkraft ausgebildet. „Meine Kinder finden es cool, dass ich noch mal zur Schule gehe. Aber es ist natürlich ein gemischtes Gefühl, da ich in der Berufsschule mit viel Jüngeren zusammen sein werde“,meint Renate.Trotz mancher Zweifel glaubt sie an ihr Ziel, eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. „Abwechselnd im Service oder auch sonst irgendwo im Hotel, das kann ich mir gut vorstellen.“ Aus ihrer Sicht wäre eine Stelle im geplanten Hotel BISS ohnehin ideal, denn „ich wohne nur eine Straße weiter“. Vielleicht wäre dann erstmals ein Auslandsurlaub mit ihren neun- und zwölfjährigen Kindern möglich. Dafür – und für „tolle Klamotten“ – fehlt momentan das Geld.„Aber ich möchte mich nicht beklagen, wir kommen schon zurecht“, sagt Renate bescheiden.

Selma, 14 Jahre, kommt aus dem Hasenbergl
Drei Jahre lang war Selmas Vater arbeitslos, gerade erst hat er einen neuen Aushilfsjob bekommen. Die Familie kam vor sieben Jahren aus einer Provinz in Südosteuropa nach Deutschland. „Dort arbeiteten alle auf den Feldern und die Mädchen wurden oft gegen ihren Willen früh verheiratet. Zum Glück hatten wir eine Tante in Deutschland, denn meine Eltern wollten, dass wir Kinder etwas Gutes lernen und eine Ausbildung bekommen“, sagt sie.Mit Mutter,Vater und Bruder lebt Selma in einer kleinen Wohnung im Hasenbergl. Käme eine gute Fee vorbei, hätte sie folgende Wünsche für ihre Zukunft: „Eine gute Arbeit für mich, mit 18 den Führerschein und irgendwann ein Haus, in dem wir alle leben können.“ In einem Hotel war sie noch nie, doch Selma könnte sich gut vorstellen, dort eine Ausbildung zu machen. Über ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt macht sie sich keine Illusionen. „Sobald Arbeitgeber hören, dass man von der Förderschule im Hasenbergl kommt, nehmen sie einen meistens sowieso nicht“, sagt sie. Wenn Selma über mögliche Berufe spricht, steht immer der Kontakt zu Menschen im Mittelpunkt. Auf Friseurin, Kosmetikerin oder Zahnarzthelferin hätte sie neben dem Hotelprojekt Lust. Ihr großes Hobby: Bauchtanz. „Und mit Freundinnen durch die Stadt gehen, einkaufen, das macht Spaß.“

Günter Keil

Ausbildungsplätze
Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt entspannt sich. Der Münchner Arbeitsagentur wurden bis September 2006 genau 12 278 Ausbildungsplätze zur Besetzung gemeldet, 656 mehr als im Jahr davor. Dennoch: Mehr als 200 Jugendliche bekommen wohl auch 2007 keine Lehrstelle, obwohl sie als „ausbildungsfähig“ eingestuft werden. In den vergangenen Jahren blieben jeweils mehr als 600 Ausbildungsplätze unbesetzt, da viele Jugendliche die hohen Qualifikationsanforderungen nicht erfüllen. Unter den bundesweit knapp 50 000 erfolglosen Bewerbern befinden sich zu einem großen Teil Jugendliche ohne Schulabschluss oder mit Hauptschulabschluss. Sie gelten als schwer vermittelbar. Der Anteil von Migrantenkindern ist in dieser Gruppe besonders hoch – ihre Chancen sind erheblich geringer als die ihrer deutschen Altersgenossen. Laut Bundesagentur für Arbeit ist die Ausbildungsquote bei „Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ in den letzten zehn Jahren um ein Viertel gesunken. Kritiker vermuten, dass die tatsächliche Zahl von Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz wesentlich höher ist als die offiziell vermeldete, da viele Bewerber sich notgedrungen im Berufsvorbereitungs- oder Berufsgrundbildungsjahr sowie im zehnten Hauptschuljahr befinden.
gük