Doch zunächst ist das Ziel, die vorhandenen Fähigkeiten der demenzkranken Senioren so lange wie möglich zu erhalten
Tatiana Franke gibt Halt. Als Seniorenbegleiterin, die sich speziell um Alzheimerpatienten kümmert, bewahrt sie die Patienten davor, sich im Nichts zu verlieren. Sie hilft ihnen, eine Struktur im Leben zu finden oder zumindest die ihnen verbliebenen Fähigkeiten, so lange es geht, zu erhalten. Denn das, was für gesunde Menschen selbstverständlich ist, kommt Demenzkranken zunehmend abhanden: eine zeitliche und räumliche Orientierung. Das Gedächtnis erlischt. Am Anfang sind es Kleinigkeiten, die die Betroffenen vergessen. Telefonnummern oder Namen von entfernten Bekannten. Mit der Zeit scheinen immer mehr Bereiche wie ausradiert. Irgendwann erkennen sie die eigenen Kinder oder den Lebenspartner nicht und wissen auch nicht mehr, wie man Kaffee kocht oder sich die Zähne putzt. Seit drei Jahren arbeitet Tatiana Franke für den Münchner Betreuungsverein HTeam. Angefangen hatte sie dort als Ein- Euro-Jobberin. Seit 2006 gehört sie fest dazu und hat eine Anstellung als stellvertretende Leiterin der Abteilung hauswirtschaftliche Hilfen. Sie betreut unter anderem vier Senioren mit Demenz. Ein- bis zweimal die Woche besucht sie ihre Klienten, wie sie die an Alzheimer Erkrankten nennt, zu Hause oder im Altenheim. „Die wissen dann, dass ich regelmäßig vorbeikomme. Das ist sehr wichtig, um Vertrauen aufzubauen.“ Eine Grundvoraussetzung, denn die angebotene Hilfe ist manchmal nicht willkommen. Viele Betroffene sehen sie zunächst als Angriff auf ihre Intimsphäre und ihre Selbstbestimmtheit, so Regine Stangl. Die Sozialpädagogin und Familientherapeutin arbeitet als leitende Kraft in der Abteilung hauswirtschaftliche Hilfen. Regine Stangl weiß, dass viele Patienten ständig in der Angst leben, die Kontrolle über sich zu verlieren, sie wollen sich diese Furcht jedoch nicht eingestehen: „Oft ist es so, dass sich Angehörige mit der Bitte um Unterstützung an uns wenden.Wir raten ihnen dann immer, uns vor einem ersten Gespräch mit den älteren Herrschaften nicht als Hilfspersonal oder dergleichen anzukündigen, sondern als Besuch. Denn wenn die potenziellen Klienten das Wort ‚Hilfe‘ hören, denken sie möglicherweise gleich, sie werden bevormundet oder gar entmündigt.“ Und genau darum geht es nicht. Ziel des H-Teams ist es, den Kranken einen Leitfaden mitzugeben, an dem sie sich um ihrer Eigenständigkeit willen entlanghangeln können. So dass sie beispielsweise eine Einkaufsliste schreiben können. Immer im Blick, was die Senioren gern mögen, tastet sich Tatiana Franke an die einzelnen Handlungsschritte heran. So versucht sie zum Beispiel, mit gemalten Bildern oder mit Ausschnitten aus Prospekten herauszubekommen, welche Essgewohnheiten der Patient hat. Ebenfalls mit Bildern von Gerichten oder von Zutaten wie Nudeln, Gewürzen und deren Verpackungen erstellt sie dann eine Einkaufsliste und geht mit dem Demenzkranken in ein Lebensmittelgeschäft, um die Nahrungsmittel einzukaufen. Damit die bis dahin sorgsam gewonnenen Informationen nicht verloren gehen, werden die Produktbezeichnungen aus den Verpackungen ausgeschnitten und zu der Einkaufsliste in eine Klarsichthülle geordnet. Diese wird an einer auffälligen Stelle deponiert. „Wichtig ist, dass die Gegenstände stets am gleichen Platz aufbewahrt werden, damit sich der Klient in seiner Umgebung zurechtfindet. Außerdem muss man mit ihm die jeweiligen Vorgänge immer wiederholen. Dazu braucht man viel Geduld.“ Wichtig ist also eine klare Veranschaulichung, ein ständiges Wiederholen und viel Zeit. „Wenn ich hektisch oder innerlich unruhig bin, spürt der Klient das sofort und zieht sich zurück.“ In aller Ruhe zuhören und ein hohes Maß an Zuwendung seien wesentlich. Besonders über das Gefühl lässt sich viel bewegen. Die Sprachfunktion ist bei starker Demenz oftmals gestört. „Da helfen Berührungen, wie den Arm zu streicheln oder die Hand auf die Schulter zu legen“, sagt Franke. Generell sind Sinnesreize eine Möglichkeit, den an Alzheimer Erkrankten zu erreichen. „Ich packe zum Beispiel ein Parfüm aus meiner Handtasche und lasse mein Gegenüber daran riechen.“ Begleitend dazu erzählt sie etwas über den Duft. Woher sie ihn hat und warum sie ihn gern mag. „Persönliche Dinge eben.“ Über solche einfachen Wege schlägt sie die Brücke zum Patienten. Sie fragt ihn, welche Düfte er bevorzugt, wann er etwas besonders intensiv gerochen hat, und gelangt so schließlich zur Biographiearbeit mit ihm. Eine anderes Mittel ist Musik. Ein Kranker im fortgeschrittenen Stadium beginnt, beispielsweise bei einem bestimmten Lied, seine Arme zu bewegen. Der Nächste bringt bei einem Hit aus den 50er-Jahren Erlebnisse von damals zur Sprache. „Manchmal malen wir auch zusammen Bilder mit einfachen Motiven wie zum Beispiel eine Blume oder einen Baum.“ Die intensive Beschäftigung mit einfachen Dingen trage oft Früchte, sagt Franke. „Die meisten alten Menschen haben Fotoalben. Beim gemeinsamen Betrachten der Bilder kann man viel aus dem Gedächtnis holen und so das Erinnerungsvermögen fördern.“ Aus Mosaikstücken kann mit der Zeit ein Bild entstehen. So können langsam Stationen des Lebens erarbeitet werden. „Es geht darum, auf eine nette Art die Menschen dazu zu bewegen, eine Reaktion zu zeigen.“ Sie aus der Starre herauszuholen. Deswegen macht Tatiana Franke mit ihren Patienten auch Ausflüge. Dann geht sie mit einer kleinen Gruppe zum Tanzen, ins Café oder in den Biergarten. Etwas, vor dem sich Angehörige vielleicht scheuen. Denn bestimmte Bewegungsabläufe wie Essen und Trinken funktionieren bei Demenz oft nicht mehr reibungslos.„Viele Klienten reden nicht viel oder gar nicht. Und mit dem Schweigen muss man zurechtkommen können.“ Bewegung und frische Luft tun mit Sicherheit gut, sagt Franke. Auch wenn von manchen Senioren keine Reaktion zurückkommt. „Man darf nicht aufgeben. Bei Kindern achtet man darauf, dass sie sich dort weiterentwickeln, wo sie Talent haben. Bei alten Menschen macht es Sinn, das zu aktivieren, was da ist.“ Einerseits wird nach Einschätzung von Sozialpädagogin Regine Stangl oft unterschätzt, wie detailliert sich manche an Erlebnisse von früher erinnern können. Andererseits „können wir bei einigen Klienten froh sein,wenn sich ihr Zustand nicht verschlechtert und sie, solange es geht, so bleiben, wie sie sind“.Der Prozess des Abbaus lasse sich nicht wirklich stoppen, nur verlangsamen. Doch es sei eben auch Teil ihrer Aufgabe und der ihrer Kollegen, mitzugehen, wenn sich Krankheit verschlimmert. „Geduld und die Liebe zum Menschen hat bei uns in jedem Fall oberste Priorität“, sagt Regine Stangl.
Anuschka Schmid
H-Team e.V. ist ein gemeinnütziger Verein der freien Wohlfahrtspflege und nimmt sich Menschen in besonderen Lebenslagen an. Diese können durch psychische Erkrankungen, Drogen- und Alkoholprobleme, Behinderungen, körperliche Gebrechen oder Demenz hervorgerufen werden. Neben der gesetzlichen Betreuung wird ein ambulanter Pflegedienst angeboten, der beispielsweise eine Grundpflege und hauswirtschaftliche Hilfe abdeckt. Bei Alzheimerpatienten kommen zur hauswirtschaftlichen Versorgung die dargestellten Eingliederungshilfen dazu. Die Abteilung „Ambulante Wohnungshilfe“ unterstützt Menschen, die ihr Zuhause mangels psychischer oder körperlicher Kräfte vernachlässigen, bei der Vermeidung von Wohnungsverlust oder bei der Grundreinigung der Wohnungen. Beim „Betreuten Einzelwohnen“ stellt das H-Team psychisch Kranken Hilfen zur Verfügung, die ihnen ein weitgehend selbstständiges Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen sollen.
anusch
Kontakt: H-Team e.V., Plinganserstraße 19, 81369 München,
Telefon 747 36 20, www.h-team-ev.de




