Mitgehen, wenn es schlimmer wird

Doch zunächst ist das Ziel, die vorhandenen Fähigkeiten der demenzkranken Senioren so lange wie möglich zu erhalten

Tatiana Franke gibt Halt. Als Seniorenbegleiterin, die sich speziell um Alzheimerpatienten kümmert, bewahrt sie die Patienten davor, sich im Nichts zu verlieren. Sie hilft ihnen, eine Struktur im Leben zu finden oder zumindest die ihnen verbliebenen Fähigkeiten, so lange es geht, zu erhalten. Denn das, was für gesunde Menschen selbstverständlich ist, kommt Demenzkranken zunehmend abhanden: eine zeitliche und räumliche Orientierung. Das Gedächtnis erlischt. Am Anfang sind es Kleinigkeiten, die die Betroffenen vergessen. Telefonnummern oder Namen von entfernten Bekannten. Mit der Zeit scheinen immer mehr Bereiche wie ausradiert. Irgendwann erkennen sie die eigenen Kinder oder den Lebenspartner nicht und wissen auch nicht mehr, wie man Kaffee kocht oder sich die Zähne putzt. Seit drei Jahren arbeitet Tatiana Franke für den Münchner Betreuungsverein HTeam. Angefangen hatte sie dort als Ein- Euro-Jobberin. Seit 2006 gehört sie fest dazu und hat eine Anstellung als stellvertretende Leiterin der Abteilung hauswirtschaftliche Hilfen. Sie betreut unter anderem vier Senioren mit Demenz. Ein- bis zweimal die Woche besucht sie ihre Klienten, wie sie die an Alzheimer Erkrankten nennt, zu Hause oder im Altenheim. „Die wissen dann, dass ich regelmäßig vorbeikomme. Das ist sehr wichtig, um Vertrauen aufzubauen.“ Eine Grundvoraussetzung, denn die angebotene Hilfe ist manchmal nicht willkommen. Viele Betroffene sehen sie zunächst als Angriff auf ihre Intimsphäre und ihre Selbstbestimmtheit, so Regine Stangl. Die Sozialpädagogin und Familientherapeutin arbeitet als leitende Kraft in der Abteilung hauswirtschaftliche Hilfen. Regine Stangl weiß, dass viele Patienten ständig in der Angst leben, die Kontrolle über sich zu verlieren, sie wollen sich diese Furcht jedoch nicht eingestehen: „Oft ist es so, dass sich Angehörige mit der Bitte um Unterstützung an uns wenden.Wir raten ihnen dann immer, uns vor einem ersten Gespräch mit den älteren Herrschaften nicht als Hilfspersonal oder dergleichen anzukündigen, sondern als Besuch. Denn wenn die potenziellen Klienten das Wort ‚Hilfe‘ hören, denken sie möglicherweise gleich, sie werden bevormundet oder gar entmündigt.“ Und genau darum geht es nicht. Ziel des H-Teams ist es, den Kranken einen Leitfaden mitzugeben, an dem sie sich um ihrer Eigenständigkeit willen entlanghangeln können. So dass sie beispielsweise eine Einkaufsliste schreiben können. Immer im Blick, was die Senioren gern mögen, tastet sich Tatiana Franke an die einzelnen Handlungsschritte heran. So versucht sie zum Beispiel, mit gemalten Bildern oder mit Ausschnitten aus Prospekten herauszubekommen, welche Essgewohnheiten der Patient hat. Ebenfalls mit Bildern von Gerichten oder von Zutaten wie Nudeln, Gewürzen und deren Verpackungen erstellt sie dann eine Einkaufsliste und geht mit dem Demenzkranken in ein Lebensmittelgeschäft, um die Nahrungsmittel einzukaufen. Damit die bis dahin sorgsam gewonnenen Informationen nicht verloren gehen, werden die Produktbezeichnungen aus den Verpackungen ausgeschnitten und zu der Einkaufsliste in eine Klarsichthülle geordnet. Diese wird an einer auffälligen Stelle deponiert. „Wichtig ist, dass die Gegenstände stets am gleichen Platz aufbewahrt werden, damit sich der Klient in seiner Umgebung zurechtfindet. Außerdem muss man mit ihm die jeweiligen Vorgänge immer wiederholen. Dazu braucht man viel Geduld.“ Wichtig ist also eine klare Veranschaulichung, ein ständiges Wiederholen und viel Zeit. „Wenn ich hektisch oder innerlich unruhig bin, spürt der Klient das sofort und zieht sich zurück.“ In aller Ruhe zuhören und ein hohes Maß an Zuwendung seien wesentlich. Besonders über das Gefühl lässt sich viel bewegen. Die Sprachfunktion ist bei starker Demenz oftmals gestört. „Da helfen Berührungen, wie den Arm zu streicheln oder die Hand auf die Schulter zu legen“, sagt Franke. Generell sind Sinnesreize eine Möglichkeit, den an Alzheimer Erkrankten zu erreichen. „Ich packe zum Beispiel ein Parfüm aus meiner Handtasche und lasse mein Gegenüber daran riechen.“ Begleitend dazu erzählt sie etwas über den Duft. Woher sie ihn hat und warum sie ihn gern mag. „Persönliche Dinge eben.“ Über solche einfachen Wege schlägt sie die Brücke zum Patienten. Sie fragt ihn, welche Düfte er bevorzugt, wann er etwas besonders intensiv gerochen hat, und gelangt so schließlich zur Biographiearbeit mit ihm. Eine anderes Mittel ist Musik. Ein Kranker im fortgeschrittenen Stadium beginnt, beispielsweise bei einem bestimmten Lied, seine Arme zu bewegen. Der Nächste bringt bei einem Hit aus den 50er-Jahren Erlebnisse von damals zur Sprache. „Manchmal malen wir auch zusammen Bilder mit einfachen Motiven wie zum Beispiel eine Blume oder einen Baum.“ Die intensive Beschäftigung mit einfachen Dingen trage oft Früchte, sagt Franke. „Die meisten alten Menschen haben Fotoalben. Beim gemeinsamen Betrachten der Bilder kann man viel aus dem Gedächtnis holen und so das Erinnerungsvermögen fördern.“ Aus Mosaikstücken kann mit der Zeit ein Bild entstehen. So können langsam Stationen des Lebens erarbeitet werden. „Es geht darum, auf eine nette Art die Menschen dazu zu bewegen, eine Reaktion zu zeigen.“ Sie aus der Starre herauszuholen. Deswegen macht Tatiana Franke mit ihren Patienten auch Ausflüge. Dann geht sie mit einer kleinen Gruppe zum Tanzen, ins Café oder in den Biergarten. Etwas, vor dem sich Angehörige vielleicht scheuen. Denn bestimmte Bewegungsabläufe wie Essen und Trinken funktionieren bei Demenz oft nicht mehr reibungslos.„Viele Klienten reden nicht viel oder gar nicht. Und mit dem Schweigen muss man zurechtkommen können.“ Bewegung und frische Luft tun mit Sicherheit gut, sagt Franke. Auch wenn von manchen Senioren keine Reaktion zurückkommt. „Man darf nicht aufgeben. Bei Kindern achtet man darauf, dass sie sich dort weiterentwickeln, wo sie Talent haben. Bei alten Menschen macht es Sinn, das zu aktivieren, was da ist.“ Einerseits wird nach Einschätzung von Sozialpädagogin Regine Stangl oft unterschätzt, wie detailliert sich manche an Erlebnisse von früher erinnern können. Andererseits „können wir bei einigen Klienten froh sein,wenn sich ihr Zustand nicht verschlechtert und sie, solange es geht, so bleiben, wie sie sind“.Der Prozess des Abbaus lasse sich nicht wirklich stoppen, nur verlangsamen. Doch es sei eben auch Teil ihrer Aufgabe und der ihrer Kollegen, mitzugehen, wenn sich Krankheit verschlimmert. „Geduld und die Liebe zum Menschen hat bei uns in jedem Fall oberste Priorität“, sagt Regine Stangl.

Anuschka Schmid

H-Team e.V. ist ein gemeinnütziger Verein der freien Wohlfahrtspflege und nimmt sich Menschen in besonderen Lebenslagen an. Diese können durch psychische Erkrankungen, Drogen- und Alkoholprobleme, Behinderungen, körperliche Gebrechen oder Demenz hervorgerufen werden. Neben der gesetzlichen Betreuung wird ein ambulanter Pflegedienst angeboten, der beispielsweise eine Grundpflege und hauswirtschaftliche Hilfe abdeckt. Bei Alzheimerpatienten kommen zur hauswirtschaftlichen Versorgung die dargestellten Eingliederungshilfen dazu. Die Abteilung „Ambulante Wohnungshilfe“ unterstützt Menschen, die ihr Zuhause mangels psychischer oder körperlicher Kräfte vernachlässigen, bei der Vermeidung von Wohnungsverlust oder bei der Grundreinigung der Wohnungen. Beim „Betreuten Einzelwohnen“ stellt das H-Team psychisch Kranken Hilfen zur Verfügung, die ihnen ein weitgehend selbstständiges Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen sollen.

anusch

Kontakt: H-Team e.V., Plinganserstraße 19, 81369 München,

Telefon 747 36 20, www.h-team-ev.de

Auf verlorenem Posten?

Die Münchner Montagsdemonstranten wehren sich seit vier Jahren gegen die Armut durch Hartz IV

„Wir sind eigentlich sehr ungeduldig“, sagt Bernd Haller und wirkt so, als würde er ein schnelles Lebenstempo bevorzugen. Andererseits muss man annehmen, dass er sehr beharrlich sein kann in einer Sache; sogar, wenn der Erfolg fragwürdig ist. Seit vier Jahren nämlich kämpft er jeden Montag gegen dasselbe: „Hartz IV muss weg!“, lautet das primäre Ziel der Montagsdemonstrationen. In München trafen sich Anfangs 800 Menschen vor dem Arbeitsamt und bei Kundgebungen. Mittlerweile demonstrieren zwischen 30 und 80 Menschen montags auf dem Marienplatz. Bernd Haller gehört zum harten Kern. Er hat sich mit einigen wenigen zusammengeschlossen und organisiert die Demonstrationen, mit allem, was dazugehört: Flugblätter, Beschallung und die Erlaubnis, überhaupt in der Öffentlichkeit zu agieren. „Wir zahlen Demo-Gebühren und mussten auch schon dafür kämpfen, dass uns das Mikro nicht abgedreht wird.“ Denn bei weniger als 50 Demonstranten sind Megaphone nicht erlaubt. In München leben 80 000 Menschen vom Arbeitslosengeld II (ALG II), der Grundsicherung für Arbeitssuchende. Deshalb wird Bernd Haller immer wieder gefragt:„Warum seid ihr so wenige?“ Oder: „Ihr habt ja Recht, aber was kann man denn dagegen tun?“ Haller stellt fest, dass die Teilnehmerzahlen seit dem vergangenen Winter wieder ansteigen, und er weiß: „Jeder, der mitmacht, demonstriert für tausend, die sich nicht trauen.“ Der Computergrafiker ist selbst seit fünf Jahren arbeitslos und zumindest froh, dass er redegewandt ist und die Kraft hat, sich zu organisieren. „Ich bin damit sehr beschäftigt und deshalb nicht in eine Depression gefallen.“ Er sieht in seinem Engagement eine sehr wichtige Aufgabe für sich und gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeit. „Wir Montagsdemonstranten sind Katalysator und soziales Gewissen.“ Viele arbeitslose Menschen oder Arbeiter, die unter massiven Lohnkürzungen leiden, sind so verzweifelt oder so ängstlich, dass sie ihre Situation nicht mehr publik machen oder gar dagegen protestieren können. „Viele machen nicht mit, weil sie sich wie in einer Opferrolle fühlen. Viele schämen sich und sind psychisch krank. Arbeitslose werden in unserer Gesellschaft stigmatisiert“, ist seine Erfahrung. „Hartz IV bewirkt, dass Millionen von Menschen still halten, weil sie schlecht gemacht werden, ihnen wird vermittelt, dass sie selbst schuld sind.“ Seiner Meinung nach sind Lohnkürzungen und Hartz IV darauf ausgerichtet, arbeitslosen Menschen den letzten Rest Selbstbewusstsein zu nehmen. Leicht könne man sie so noch weiter an den Rand drängen. Doch „Hartz IV hat eines geschafft: Es hat geholfen, den Rand zu thematisieren“, sagt Roland Liebaug.Auch er gehört zum harten Kern der Montagsdemonstranten, weil er der Meinung ist: „Armut ist nicht gottgegeben, sondern eine Schlamperei der Regierung.“ Er selbst war viele Jahre arbeitslos, mittlerweile ist er in Rente und blickt auf eine wenig erfreuliche Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur zurück. „Man wird als Kunde bezeichnet, aber nicht so behandelt, und wird zudem schlecht beraten.“ Immer wieder kommt Wut in ihm hoch, wenn er an seine schlechten Erfahrungen denkt. „Ich weiß, was es heißt, wenn man vor Armut zittert, wenn einem jeder Brief Angst einjagt, wenn man die Konzentration verliert, weil man das Gefühl hat, wie man es macht, macht man es falsch.“ Zu gut erinnert er sich an die Gängeleien und hört auch jetzt immer wieder davon: „Hartz IV bestimmt das Leben von Millionen, aber es gibt kein kompetentes Personal“, sagt Roland Liebaug und ergänzt: „80 Prozent der Bescheide sind falsch.“ Immer wieder erstaunt es ihn auch, wie das Gros der Gesellschaft wegschaut, obwohl Familien durch Hartz IV häufig existenzielle Probleme bekommen. An jedem Montag trifft man sich nach der Demonstration in einer Kneipe. Da erfährt man auch, wie man intensiver mitarbeiten kann. „Wir sind ein bunter Haufen“, sagt Bernd Haller. Eine Gruppe Menschen, die sich aus Wut oder Betroffenheit oder aus Solidarität zusammengefunden hat, um nicht zu versumpfen im eigenen Leid, um für sich und andere etwas zu tun und um nicht nur dagegen zu sein. „Mitdenken und sich intellektuell einsetzen, das sind unsere großen Stärken“, so Bernd Haller. Sie sind sich immer dann besonders einig, wenn es problematisch wird, wenn Stadt und Staat besonders ignorant erscheinen. „Wir sind uns gerade dann einig zu kämpfen. Widerstand hat uns härter gemacht.“ Die Frage des Aufhörens stellt sich ihm und seinen Mitkämpfern gar nicht, auch wenn Bernd Haller dann doch einräumt, dass man Geduld haben muss. „Es sind kleine Schritte.“ Aber: „Dass sich der kleine Mann auf die Straße stellt und sich äußert, allein das ist schon ein Erfolg.“ Auch dass immer wieder Zuspruch kommt von den Umstehenden, dass Sympathie und Solidarität, aber auch Verzweiflung und Ohnmacht spürbar werden, ist Motivation. „Wir fühlen uns bestätigt, erreichen viele Menschen und können die Hoffnung am Leben erhalten.“ Bei den Montagsdemonstrationen gibt es ein „offenes Mikrofon“, das heißt, jeder, der etwas zu sagen hat, kann für etwa drei Minuten erzählen, schimpfen, klagen oder sich sonst wie verbal Luft machen. Etliche nutzen die Gelegenheit, bei vielen merkt man, dass sie schon geübt sind, sich immer wieder montags gegen das ihnen widerfahrene Unrecht zu empören. Heftig wird skandiert. „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut.“ Und ganz heftig und laut erzählt eine Frau, dass sie heute einen Freund begleitet hat, der sich als Spüler in einem Restaurant vorstellen wollte. Sie schildert aufwändige Einlass- und Ausweiskontrollen und als sie dann diese erste von ihr als schikanös empfundene Hürde genommen hatten, durften sie sich in einer Schlange von etwa einhundert Bewerbern einreihen. Sehr frustrierend und würdelos empfand sie diese Aktion und sie ist froh, sich an diesem Abend vor interessiertem Publikum mitteilen zu können. Die Zuhörer zeigen Anteilnahme, sie kommen ins Gespräch, berichten selbst von denkwürdigen Erlebnissen. Ein Mann erzählt, dass er mehrere Klagen gegen das Sozialbürgerhaus laufen habe. Er hat eine eigene Website dafür eingerichtet und bezeichnet sich als Hartz-IVGeschädigter. Nach seiner Arbeit gefragt, sagt er, dass er derzeit als Sklave gehalten werde, in einem Job, für den er als Ungelernter eingestuft wurde, den er aber ohne seine Programmierkenntnisse nicht ausfüllen könnte. Groß sind Frustration und Empörung, auch hinsichtlich dessen, dass an seinem Arbeitsplatz eine Kleidervorschrift herrscht. Bei einem Ein-Euro-Job sei dies nicht machbar. „Er hat völlig Recht“, pflichtet ihm eine Amerikanerin bei. „Von einem Ein-Euro-Job kann man nicht leben.“ Sie ist nur zufällig vorbeigekommen, aber offensichtlich betroffen.Mehr als 20 Jahre hat sie in Deutschland gearbeitet und dann ihren Arbeitsplatz verloren, weil, so sagt sie, eine jüngere Kraft bevorzugt wurde. Seit einiger Zeit versucht sie nun, einen Job in ihrem Beruf als Technikerin zu bekommen und ist sehr verärgert über das, was sie bei der Arbeitsagentur erlebt: „Die machen nix.“ Eine andere Zuhörerin äußert sehr teilnahmsvoll: „Die Menschen müssen sich wehren.“ Zwar ist sie selbst nicht in einer schwierigen Lebenssituation, aber sie kann nachvollziehen, wie schlimm es ist, wenn man um den Arbeitsplatz fürchten muss und man sich auch deshalb nicht traut, auf seine Rechte zu bestehen. „Wir sollten uns nicht alles wieder nehmen lassen“, ist sie der Meinung. Auch ihr Opa hat schon in der Gewerkschaft gekämpft, und das hat sie geprägt. Völlig unterschiedliche Menschen bleiben stehen, lesen die aufgestellten Plakate, hören aufmerksam zu, blicken kritisch. So kommentiert einer die Forderung nach Mindestlöhnen mit: „Alles Blödsinn, was die sagen“, damit könnten nach volkswirtschaftlichen Erkenntnissen weder Arbeitslosigkeit noch Armut reduziert werden. Doch an jedem Montag hört der pensionierte Senior einige Minuten auf dem Weg zur S-Bahn den Demonstranten zu, vielleicht ergeben sich ja neue Erkenntnisse. Auch ein junger Franzose ist unter den Zuhörern. Er lässt sich von einer der Organisatorinnen erklären, worum was es geht: Hartz IV, Mindestlöhne und Lohnsenkungen. Schnell ist er bereit zu spenden, schließlich haben Proteste in Frankreich eine große Tradition. „Ja,“ sagt er, „wir demonstrieren viel, aber es ist noch nicht genug.“

Dorothea Büchele

„Armut ist nicht gottgegeben, sondern eine Schlamperei der Regierung”

Helfen heißt nicht überrollen

Sozialarbeiter und Obdachloser müssen ein gemeinsames Tempo finden, wenn die Hilfe effektiv sein soll

„Um ein Ziel zu erreichen, braucht man Geduld. Sonst geht überhaupt nichts vorwärts“, sagt Stefan. Der 27-Jährige hatte nicht immer ein klares Ziel vor Augen und mit Geduld zeitweise schon gar nichts im Sinn. Ein Jahr lang machte er „Platte“. Stefan übernachtete auf Parkbänken oder in Autos, später in einem kleinen Zimmer in einer Pension in der Landwehrstraße. Er nahm Drogen und häufte einen großen Schuldenberg an. Das alles liegt einige Zeit zurück. Mittlerweile arbeitet Stefan in der Teestube „komm“ und hat seit kurzem eine eigene Wohnung. Schritt für Schritt veränderte sich sein Leben – und gleichzeitig sein Umgang mit Geduld. „Früher auf der Straße habe ich die Streetworker gar nicht richtig wahrgenommen, ich war wie weggetreten. Mich hat nicht interessiert, was sie anzubieten hatten, und damals hätte ich auch nie die Geduld gehabt, mir das anzuhören und mich zu ändern“, meint Stefan heute. Eine andere typische Reaktion auf Hilfeangebote von Sozialarbeitern lässt sich so zusammenfassen: „Das geht mir zu schnell, ihr erwartet zu viel von mir!“ Sozialpädagogin Manuela Neumeyer ist diese Einstellung vertraut: Als Streetworkerin beim Evangelischen Hilfswerk München begegnet sie oft Menschen, die sie anfangs argwöhnisch beäugen oder auch mal kühl abblitzen lassen. Da ist kluges, zurückhaltendes Handeln und Beständigkeit wichtig. „Ein langsamer Beziehungsaufbau ist das A und O. Bei Besuchen auf Platte komme ich sozusagen in die Wohnung meiner Klienten und muss erst einmal hereingelassen werden. Wenn ich zehnmal vorbeischaue und erst beim elften Mal freundlich begrüßt werde, ist das trotzdem ein großer Erfolg“, so die 38-jährige Frau. Generell zeigt sich: Erst dann, wenn Sozialarbeiter und Obdachlose Zugang zueinander und ein gemeinsames Tempo gefunden haben, bewegt sich wirklich etwas. Doch wie sich zeigen wird, haben beide Seiten oft auch in der Folge ihrer Zusammenarbeit völlig andere Vorstellungen von Geduld. Mehr als 1100 Menschen pro Jahr bieten Mitarbeiter der Teestube „komm“ Hilfe an. Sie kontaktieren diese auf der Straße, in Unterkünften, beim Tagesaufenthalt oder betreuen sie in Wohngemeinschaften. Über einhundert Personen kommen täglich in der Zenettistraße vorbei, um dort Brotzeit zu machen, Wäsche zu waschen, zu duschen, mit Freunden zu plauschen, Karten zu spielen oder schlicht Zeit zu verbringen. Darüber hinaus unterstützen Sozialarbeiter der Teestube ihre Besucher bei Behördengängen und helfen bei der Wohnungssuche. Entscheidend ist die Verzahnung der verschiedenen Bereiche: Streetworker unterbreiten direkte Hilfeangebote, die Teestube bietet eine offene Anlaufstelle, und in den betreuten Wohngemeinschaften der Dienststelle stehen 20 Plätze bereit. Ergänzende Integrationshilfen sind obligatorisch. „Maximal drei Jahre leben unsere Klienten hier in verschiedenen Häusern im Schlachthofviertel – in der Regel sind sie nach rund anderthalb Jahren wieder fit und selbstständig genug, um eine eigene Wohnung beziehen zu können“, sagt der Sozialpädagoge Christoph Rabas, der seit acht Jahren die WGs betreut und davor zehn Jahre als Streetworker gearbeitet hat. Geduld, Geduld, Geduld.„Ja, man muss sich Zeit nehmen“, sagt Christoph Rabas. „Viele Menschen kommen bei uns mit einem Riesenpaket Problemen an und haben böse Erfahrungen mit ihren Familien, Betreuern, Ämtern oder Behörden gemacht. Bis gegenseitiges Vertrauen erwächst, kann es dauern. Da kommt es gelegentlich zu Konfrontationen, bis das Zusammenspiel passt.“ Unterschiedliche Auffassungen gibt es vor allem kurz nach dem lang ersehnten Einzug ins eigene Zimmer. „Nachdem unsere Klienten vorher oft jahrelang geduldig vieles ertragen haben, muss dann für sie alles ganz schnell gehen: Möbel, neuer Anstrich,Arbeit, vielleicht sogar Familie“, sagt Rabas. Der 42-Jährige hat dafür Verständnis – und eine Erklärung: „Da Wohnungsverlust ein traumatisches Erlebnis ist, das besonders nach einer Zwangsräumung niemand noch einmal erleben will, scheuen viele Obdachlose zunächst einen Neuanfang. Ist es dann aber endlich so weit, haben sie Angst, das neue Zuhause wieder zu verlieren, und werden ungeduldig.“ Solange der individuelle Charakter der Zimmer fehle, bleibe die Furcht vor einem Rausschmiss. Wenn also die Farbe für den Anstrich erst in einer Woche kommt, kann das zu hitzigen Diskussionen führen. Ohne Transparenz keine Geduld. Sozialpädagogin Manuela Neumeyer hat die Erfahrung gemacht, dass große Konzepte ihre Zielgruppe eher abschrecken und kleine, nachvollziehbare Schritte leichter auf Verständnis stoßen. Überschaubare Angebote für Obdachlose zum Einstieg, danach ein schneller und ehrlicher Informationsfluss sowie eine zunächst gesenkte Erwartungshaltung der Sozialarbeiter führen regelmäßig zum Erfolg: der dauerhaften Unterbringung. „Wir versuchen, unsere Klienten immer auf dem Laufenden zu halten: Dauert es mit einer Bewilligung vom Amt oder der Zuteilung eines Zimmers, teile ich das gleich mit. Man kann nur die Sachlage erklären und versichern, dass wir unser Bestes tun. Die meisten sind auch durchaus geduldig und verständnisvoll“, meint Neumeyer. Es gibt natürlich auch jene, die sich selbst falsch einschätzen und partout zu viel auf einmal (oder viel zu wenig) erreichen wollen. Da hilft nur: reden, erklären, nicht aufgeben. Trotzdem Perspektiven aufzeigen. Oder im akuten Notfall die schnelle Organisation eines Schlafplatzes in einem Männerwohnheim.Apropos Männer:Mit knapp 90 Prozent stellen sie den überwiegenden Teil der Besucher der Teestube. Die meisten von ihnen sind zwischen 40 und 60 Jahre alt. Drei Viertel der in den Wohngemeinschaften untergebrachten Menschen waren zuvor über sechs Jahre obdachlos. Und viele von ihnen haben keinen Kontakt zur Familie. Wo die sozialen Netze fehlen, knüpfen städtische, kirchliche und freie Träger an alternativen Auffangstationen. Die Teestube wird vom Evangelischen Hilfswerk getragen. Was tun, wenn der Geduldsfaden endgültig gerissen ist? „Wenn eine Zusammenarbeit zu scheitern droht, sollte man bloß nicht auf die Defizite losgehen und Vorwürfe machen“, sagt Christoph Rabas. Aussichtsreicher sei es, die Stärken der WG-Bewohner hervorzuheben. „Dein Zimmer ist sauber, du kochst selbst, du hast alles im Griff – warum willst du jetzt hinschmeißen? Nur weil wir dir nicht innerhalb von drei Monaten eine neue Wohnung besorgen können?“ Auch die gegenteilige Situation kommt vor: Als schon kurz nach dem Einzug in eine betreute Wohngemeinschaft die amtliche Zuteilung einer eigenen Sozialwohnung vorlag, bat ein ehemaliger Obdachloser Rabas um Geduld: „Das geht mir jetzt zu schnell, ich fühle mich noch nicht stabil genug. Kann ich noch etwas länger in der Wohngemeinschaft bleiben?“ Er konnte. Zwar sind feste Regeln wie Mitarbeit und Eigeninitiative nötig (und werden teilweise vertraglich festgeschrieben), doch der Umgang mit Menschen erfordert immer wieder Ausnahmen. Wie im Falle eines Mannes, der 14 Jahre allein im Wald lebte und nun in seinem neuen Zimmer Platzangst bekam. In seiner WG-Testphase wurde seinem Wunsch entsprochen, weiterhin ab und zu eine Nacht im Freien zu verbringen. „Warum nicht?“, sagt Rabas, der das tägliche Aufbringen von Geduld als „Professionalität“ beschreibt, die zu seinem Job gehöre. Stefan hat noch 10 000 Euro Schulden. „Ich werde das Geld geduldig in Raten abbezahlen“, sagt er mit ein bisschen Stolz in der Stimme. Ohne den Einsatz der Teestube- Mitarbeiter wäre er wohl im Gefängnis gelandet. Wie kam es überhaupt zu seinem Absturz? „Nach dem Tod meiner Mutter ging es bergab. Ich arbeitete zwar zuerst noch bei einem Hausmeisterservice, aber mein Chef hat mich total ausgenützt und mies behandelt, bis ich alles hinwarf. Dann kamen Alkohol, Marihuana, Haschisch und die Obdachlosigkeit“, erzählt er. Doch irgendwann steckte Stefan sich wieder Ziele. „Ab einem gewissen Zeitpunkt wollte ich etwas ändern und bin ungeduldig geworden. Ich wollte etwas tun, eine Wohnung, arbeiten …“ Es dauerte und dauerte. Doch sich in Geduld zu üben hat sich gelohnt. Nach vier Monaten in einer betreuten Wohngemeinschaft ist er vor kurzem in seine eigene Wohnung gezogen. Stefan bekommt Leistungen nach Hartz IV und verdient sich mit einem Ein-Euro- Job in der Teestube etwas hinzu. „Wenn ich heute an die Zeit meines Absturzes zurückdenke, kann ich nicht begreifen, wie dämlich ich war.Wenn jetzt eine neue Aufgabe oder Herausforderung auf mich zukommt, lache ich bloß noch darüber und bleibe entspannt. Früher hat mich das deprimiert, jetzt kümmere ich mich um meine Angelegenheiten.“ Sein Ziel ist ein fester Arbeitsvertrag, egal wo. Mit Geduld, das weiß er mittlerweile, wird er es schon schaffen.

Günter Keil

Schnell enttäuscht

In einer Spieltherapie lernen Kinder, sich in Geduld zu üben, weil sie so ihre selbst gesetzten Ziele erreichen

Kinder, die zu Curd Michael Hockel in die Praxis kommen, leiden unter Ängsten, machen nachts ins Bett, haben psychosomatische Kopfschmerzen, soziale Probleme oder sind hyperaktiv. In jedem Fall wissen die Eltern nicht mehr weiter und suchen Hilfe beim Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Da Kinder ihre Probleme für gewöhnlich nicht einfach benennen und erklären können und auch nicht in dem Sinne beraten werden können wie Erwachsene, ist für Patienten zwischen drei und etwa dreizehn Jahren eine Spieltherapie meist die geeignete Therapieform. Wenn eine Mutter mit ihrem beispielsweise sechsjährigen Kind das erste Mal in Hockels Praxis kommt,begrüßt er zunächst kurz die Mutter und wendet sich dann ganz dem Kind zu. „Häufig fordere ich es auf, der Mutter mein Spielzimmer zu zeigen, das beide natürlich bis dahin nicht kennen, und beobachte dann die Situation, die entsteht. Wie verhält sich das Kind – neugierig, forsch, ängstlich oder schüchtern? Wie reagiert die Mutter?“ Schon in der zweiten Stunde sind Hockel und sein kleiner Patient oder seine kleine Patientin dann für gewöhnlich allein. Die Therapiestunde dauert 50 Minuten und findet im Spielzimmer der Praxis statt. Viele Kinder sind zunächst ganz erschlagen vom großen Angebot an Spielmöglichkeiten. Plötzlich steht ihnen eine Art Kinderparadies zur alleinigen Verfügung und der geduldige Spielgefährte obendrein.Unruhige Kinder springen die ersten Stunden von einem zum anderen, fangen etwa im Sandkasten an, ein Loch zu graben, ziehen dann ein Gesellschaftsspiel aus dem Regal, verlieren aber schnell das Interesse daran, wenn sie währenddessen den Sandsack entdecken, der zum Boxen von der Decke hängt. Hockel begleitet die Handlungen des Kindes mit Worten, spielt auf Wunsch des Kindes mit und reagiert dabei anders, als die Eltern und Lehrer oder Freunde des Kindes das vermutlich tun würden. „Ich sage nicht, jetzt mach doch mal dieses oder jenes, sondern gebe mit sehr bedächtigem Verhalten und langsamem Sprechen ein Modell der Ruhe. Ich zeige dem Kind, dass ich es ernst nehme, und zensiere nicht. Die seelischen Nöte des Kindes sind nebenbei im Raum.“ Nach ein paar Therapiestunden haben auch unruhige Kinder in der Regel ein Spiel entdeckt, das sie „als Herausforderung für ihre vorhandene oder nicht vorhandene Kompetenz annehmen“, erzählt Hockel. Das Kind weiß nun, dass es in den therapeutischen Sitzungen selbst darüber bestimmen kann, was und wie es spielt, ob es etwas malt, bastelt oder auf dem Klettergestell herumturnt. Es weiß, es kommt zu dem, was ihm wichtig ist, und es kann das tun, was es möchte.„Das Kind darf nach seiner eigenen Zeitlichkeit, in seinem eigenen psychomotorischen Tempo handeln“, erklärt der Psychologe. Im Alltag fehle Kindern dazu häufig die Möglichkeit, vor allem,wenn sie zu wenig freie Spielzeit mit anderen Kindern haben. Das sei heute öfter der Fall als noch vor 30 Jahren, als Curd Michael Hockel seine Praxis eröffnete. Im Vergleich zu damals seien die Kinder heute verstörter als früher – und ungeduldiger. Viele können sich mit einer schwierigen Aufgabe nicht lange auseinandersetzen, sind schnell enttäuscht. Dazu trägt seiner Meinung nach auch der zu häufige Medienkonsum bei und die schnelle Schnittfolge moderner Filme und Fernsehsendungen.Kinder, die daran gewöhnt seien, empfänden langsamere Aktionen als langweilig. Doch auch im Familienalltag erleben Kinder heute wenig Geduld und Ausdauer: Der Mutter beim ruhigen Kochen oder Backen zuzusehen oder zu warten, bis sich am gedeckten Tisch mehrere Familienmitglieder nacheinander die Suppe aus der Schüssel genommen haben, gehört bei den meisten Kindern nicht mehr zur täglichen Erfahrungswelt. Hockel ist der Ansicht, dass Kinder sich im Spiel alle Kompetenzen, die sie zum Leben brauchen, selbst erarbeiten können – mit gewisser Hilfestellung.Um zum Beispiel mit einem hyperkinetischen Kind (Kind mit Bewegungsdrang) Geduld zu üben, müsse man eine spielerische Aufgabe finden, die dem Kind Spaß macht.Nur wenn es in dem, was es tut, einen Wert erkenne, entfalte es die Leistung – in dem Fall die Geduld – die zur Lösung der Aufgabe notwendig ist. „Hyperkinetische Kinder sind in ihrer Handlungsplanung nicht ausgereift. Sie leben praktisch vom Auge in die Hand“, sagt Hockel. So ein Kind sehe etwas, beispielsweise Farben und Pinsel, und will schon im selben Moment handeln. Es hat die Phantasie von einem tollen Bild, das aber bei dem planlosen Vorgehen nie so schön gelingen kann wie in seiner Vorstellung.Daraufhin verliert das Kind sehr schnell die Lust weiterzumalen und will etwas anderes tun. „Ich spreche dann das Gefühl des Kindes an: ‚Jetzt bist du enttäuscht‘ und motiviere es zu einem weiteren Versuch: ‚Du wolltest doch eben noch ein Bild malen.‘ Gegebenenfalls male ich auch mit.“ Auf diesem Weg bekommt das Kind die Möglichkeit zu kleinen Erfolgserlebnissen, die es wiederum zu konstanterem Handeln motivieren. „Geduld ist zufriedene Ausdauer“, sagt Hockel,„man übt, probiert oder wartet, ohne unsicher oder ärgerlich zu werden, wenn der Erfolg der Unternehmung zunächst gar nicht oder nur sehr zögerlich eintritt“. Diese Haltung bringe man nur dann auf, wenn man sich über sein Ziel und den Wert dieses Ziels im Klaren sei. Ganz wichtig ist freilich, dass der Therapeut selbst auch diese Haltung verkörpert. Die Qualität der psychotherapeutischen Beziehung zeigt sich, so Hockel, in dem Ausmaß von Ruhe und Zuversicht, die der Therapeut in der Zusammenarbeit mit dem Kind ausstrahlt. Er demonstriert damit, wie man auch in schwierigen, angstbesetzten Situationen Vertrauen zu sich selbst behält und nicht an der Lösungsmöglichkeit eines Problems oder Konflikts zweifelt. Hockel, der neben seiner Arbeit mit Patienten auch Psychotherapeuten in Kinderpsychotherapie weiterbildet, hält Ungeduld für eines der größten Anfängerprobleme, verursacht durch Unsicherheit, Ehrgeiz oder Hilfsbereitschaft. In der Tat sei es nicht leicht, ruhig und zuversichtlich zu bleiben,wenn sich beim Kind auch nach mehreren Sitzungen kein Abklingen der Symptome zeigt und die Eltern beginnen, zweifelnd zu fragen, ob denn das bisschen Spielen wirklich etwas bringe. Der Erfolg zeige sich gewöhnlich nach etwa 25 bis 45 Therapiestunden, wenn das Kind erzählt, dass es in der Schule, in der Familie oder mit den Freunden besser gehe, und die Eltern berichten, dass sich das Beisammensein mit dem Kind entspannt habe. In Anlehnung an Carl R. Rogers erklärt Hockel psychische Krankheit und die Wirkungsweise von Psychotherapie als „eigentlich ganz simpel“: Jeder Mensch habe ein „Selbstkonzept“, das heißt ein Bild davon, wer er ist, und ein „Ich-Ideal“, eine Idee davon, wie er gern wäre. Wenn diese beiden Inhalte sich weitgehend überlappen, sei der Mensch seelisch stabil und gesund; weichen sie voneinander ab, kommt es zu Spannung, Unechtheit, Kränkung. „Gibt man einem seelisch unstabilen, verunsicherten Menschen die Chance, kongruent zu sein, also sich so zu fühlen, wie er gern wäre, wirkt das heilsam“, erklärt Hockel. Ein verängstigtes, schüchternes Kind etwa werde von wohlmeinenden Erwachsenen für gewöhnlich dazu aufgefordert, selbstbewusst aufzutreten, laut und deutlich zu sprechen, keine Angst zu haben.Diese Aufforderung macht der Erwachsene wahrscheinlich mit lauter Stimme und betont lässig, um dem Kind ein Modell zu geben, wie es doch viel besser wäre. Die Botschaft an das Kind ist: Du bist schüchtern, sei anders! Der Therapeut folge bewusst nicht diesem Muster, sondern benenne zwar das Verhalten des Kindes, „Du bist ängstlich“, fordere es aber nicht auf, sich zu ändern. Gleichzeitig gebe er dem Kind durch besondere Zurückhaltung das Gefühl, stark, vielleicht sogar überlegen, souverän und selbstbewusst zu sein, so wie es seinem Ich-Ideal entspricht. Neben dieser Erfahrung, so sein zu dürfen, wie man ist, und so sein zu können, wie man gern wäre, sei auch die Kontinuität der Beziehung ein wichtiger „Wirkfaktor“ einer Psychotherapie, sagt Hockel. Allein die Tatsache, regelmäßig über einen längeren Zeitraum einen Therapeuten aufzusuchen und mit diesem eine verlässliche, emotional stabile Beziehung zu haben, trage zur Heilung psychischer Störungen bei. Manche Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen erleben eine solche Beziehung das erste Mal in ihrem Leben.

Simone Kayser

Die Selberkönner

Kleine Kinder muten sich viel zu. So erfahren sie ihre Grenzen und die Eltern die Grenzen ihrer Geduld

Katja D., 37 Jahre, hat es eilig. Die Mutter von zwei Kindern hat in einer halben Stunde einen Arzttermin.Vorher muss sie noch ihren siebenjährigen Sohn Finn zur Schule bringen. Der steht auch schon ganz ungeduldig in der Tür. Aber Emma, zwei Jahre, kann noch nicht: Sie will unbedingt erst ihr Frühstücksgeschirr wegräumen. Selbst, versteht sich. Denn Emma will alles nur noch selbst und allein. Treppensteigen. Schuhe anziehen. Geschirr spülen. „Das ist ja eigentlich sehr schön und macht mich auch ein wenig stolz, dass sie so viel will und auch schon kann. Aber wenn es schnell gehen muss, dann ist das einfach nur anstrengend“, sagt Katja. Noch zwanzig Minuten bis Schulbeginn. Katja nimmt ihrer Tochter schnell das Geschirr ab. Ihr „Ganz toll hast du das gemacht, mein Engel, und wenn wir zurückkommen, dann darfst du auch spülen“, geht in Emmas Protestgeschrei unter, das in herzzerreißendem Schluchzen endet. „In den meisten Familien muss es morgens schnell gehen“, erklärt Dr. Gabriele Reisenwedel vom Kindertageszentrum (KITZ) in Laim. „Da bleibt oft nicht so viel Zeit, wie Eltern und Kinder vielleicht brauchen würden. Umso deutlicher wird gerade in solchen Momenten, dass Geduld bei der Erziehung für Eltern und Erzieher wesentlich ist und vor allem eines bedeutet: Aufmerksamkeit und Reflexion“, so die Expertin. Nun ist Geduld aber auch eine Frage des Charakters. Der eine kann lange zuschauen, bis er verhindernd oder unterstützend eingreift, der andere hält es nur kurze Zeit aus. „Da gibt es auch kein besser oder schlechter“, so Reisenwedel. „Es kann für ein Kind auch verheerend sein, wenn Eltern zu lange zuschauen und nicht eingreifen. Worum es geht, ist, das für das Kind richtige Maß zu finden.“ Nicht jedes Kind ist so begierig darauf, etwas zu lernen oder allein zu machen wie Emma. Da ist zum Beispiel der vierjährige Sinan, der sich lange Zeit weigerte, beim Tischdecken zu helfen. Nicht, weil er es nicht konnte, sondern weil das bei ihm zu Hause die Frauen tun. Oder Klara, drei Jahre, die beim Mittagessen stumm in ihrem Essen herumstochert und auf die ständigen Fragen und Ermahnungen der Erzieherinnen nicht reagiert. „Ein Kind zu etwas zu bewegen, das es nicht will, es von der Notwendigkeit einer Sache zu überzeugen, es in dem, was ihm schwer fällt, zu fördern,Beständigkeit von ihm einzufordern und dennoch zu erkennen, wann es genug ist und man es überfordert, kostet wesentlich mehr Geduld und Einfühlungsvermögen, als es zu bremsen“, so Reisenwedel.Vor allem,wenn sich das Kind in der Trotzphase befindet. Die beginnt etwa am Ende des zweiten Lebensjahres, wenn das Kind erkennt, dass es ein eigenständiges Wesen ist. Alles, was es vorher möglichst mit den Eltern oder anderen Bezugspersonen zusammen tun wollte, will es nun allein tun. Der eigene Wille des Kindes erwacht und zeigt sich immer häufiger in Trotzreaktionen und Wutausbrüchen oder im Sichverweigern. „Manche Eltern“, so der Pädagoge und Therapeut Dr. Manfred Hofferer, „haben in solchen Momenten das Gefühl, dass sich ihr Kind gegen sie wendet, aber das ist nicht der Fall. Es leidet vielmehr an seiner eigenen Unzulänglichkeit, seine Wünsche auf die ihm eigene Weise erfüllen zu können. Ein Kind in diesem Lebensabschnitt möchte die Welt erobern und in Besitz nehmen und ‚seine eigenen Wege‘ gehen – ganz und grenzenlos.“ Aber genau das Gegenteil passiert: Es stößt nicht nur an seine eigenen Grenzen, weil es bestimmte Dinge eben einfach noch nicht kann. Es bekommt auch von den Eltern Grenzen gesetzt. Geduld wird hier also nicht nur von den Eltern, sondern vor allem von dem Kind abverlangt. Ein Erwachsener weiß, wenn etwas jetzt nicht klappt, dann vielleicht in drei Wochen, drei Monaten oder in drei Jahren. Ein Gefühl für die zeitliche Dimension zu haben hat etwas Tröstliches. Ein Kind in dem Alter hat das noch nicht. Für Zweijährige passiert alles jetzt und gleich – oder eben gar nicht.Und genau darin liegt für das Kind die Tragik. Es muss sich in Geduld üben, bevor es den Faktor Zeit überhaupt begreift. Es muss einerseits aushalten, dass es Dinge gibt, die es noch nicht kann oder nicht darf, und erkennen, dass Wollen allein nicht reicht. Andererseits soll es aber weiterhin wollen, um immer selbstständiger zu werden. „Wir lassen die Kinder hier ganz bewusst sehr viel selbst machen“, erklärt Reisenwedel. „Das Haus hat relativ viele Barrieren wie Treppen und Türen. Im Garten haben wir kaum Spielzeug, dafür sehr viel Material, mit dem sie bauen und basteln können. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir ihnen das zutrauen können – auch den Zweijährigen. Unsere Gruppen sind altersgemischt zwischen einem Jahr und zehn Jahren,wobei vormittags, wenn die Großen in der Schule sind, nur die Ein- bis Sechsjährigen zusammen sind. Die Kinder sind also teilweise auf einem sehr unterschiedlichen Entwicklungsstand. Das erfordert von den Mitarbeitern und Kindern eine hohe Achtsamkeit und Aufmerksamkeit.Und viel Geduld im Umgang miteinander.“ Das merken im KITZ schon die Einjährigen: Im Morgenkreis müssen sie zwar noch nicht mit im Kreis sitzen, das muss man erst ab zwei, aber zuhören müssen auch sie schon. Förderung hin oder her. Ist das nicht zu viel verlangt von den Kleinsten? „Für ein Kleinkind ist so ein ganzer Tag in der Krippe sicherlich auch zu viel.Aber generell finde ich es in Ordnung, dass es die Möglichkeit gibt, auch so kleine Kinder aufzunehmen. Wir müssen uns schließlich an der Lebenswirklichkeit orientieren: Besser, die Kinder sind bei uns, als dass sie den ganzen Tag im Gitterbett verbringen, während die Mutter putzen geht. Es ist nun mal eine Tatsache“, so Reisenwedel, „dass Eltern, wenn sie beruflich, persönlich oder finanziell überfordert sind, auch schneller der Geduldsfaden reißt und es auch zu Krisen kommt.Wir können an ihren Lebensumständen nichts ändern, aber wir können Strukturen und Beziehungen schaffen, in denen sowohl Kinder als auch Eltern sich aufgehoben fühlen, und so verhindern, dass es in belastenden Situationen überhaupt erst zu Gewalt kommt.Krippe,Kindergarten und Hort sind nicht zu unterschätzende Brücken in die Lebenswelt der Familien.“ Was Eltern am meisten fehlt, ist der Vergleich und der Austausch mit anderen. Das Wissen, dass sie mit ihren Problemen, Zweifeln und Unsicherheiten nicht allein sind. Dass es in Ordnung ist, von nicht enden wollenden Streitereien unter Geschwistern, ständigen Forderungen und Quengeleien auch mal genervt zu sein. Niemand kann immer nur geduldig und nett sein. Auch Eltern nicht. Wie Kinder sind sie nicht immer in der gleichen Stimmung und Verfassung. Sie halten manchmal mehr aus, manchmal weniger.Und es geht auch nicht darum, sich dazu zu zwingen geduldig zu sein, wenn man es nicht ist. Ein Kind darf seine Eltern auch mal ungeduldig, wütend, genervt oder traurig erleben. Das erträgt es leichter, als wenn Vater und Mutter sich scheinbar gleichgültig abwenden, ihm drohen oder es abwerten. Nicht selten nerven einen am eigenen Kind besonders jene Eigenschaften, die man auch an sich selbst nicht mag. Da fordert die schüchterne Mutter ihren Sohn, der ihr ängstlich am Rockzipfel hängt, ziemlich ungeduldig auf, doch endlich auf die anderen Kinder zuzugehen und mit ihnen zu spielen. Und der Vater, der selbst immer zu spät kommt, flippt aus, wenn seine Tochter die Zeit vertrödelt. Eltern sein erfordert also vor allem eines: zu wissen, wer und wie man selbst ist, was man will, nach welchen Werten, Maßstäben und Regeln man leben und behandelt werden möchte.„Wer keinen Zugang zu seinen eigenen Wünschen und seinem Wollen hat, dem wird es auch schwer fallen, den Willen seines Kindes zu fördern beziehungsweise dessen Willensäußerungen positiv anzunehmen“, erklärt Hofferer. Katja D. wünscht sich manchmal mehr Muße für die Zeit mit ihren Kindern. Sowohl bei Finn als auch bei Emma ist sie die ersten zwei Jahre zu Hause geblieben. „Von dem Moment an, als Emma laufen konnte, wollte sie auch den Weg zum Bäcker morgens zu Fuß gehen. Da war es vorbei mit ‚schnell Semmeln holen‘. Das schaffte ich früher mit ihr auf dem Arm in fünf Minuten. Jetzt kann das schon mal eine halbe Stunde und länger dauern“, sagt sie lachend. „Aber allein, sie dabei zu beobachten, wie sie zuerst noch ganz vorsichtig über den Asphalt wackelte und dann von Tag zu Tag, von Woche zu Woche immer sicherer wurde, bis sie dann irgendwann auch die Tüte mit den Semmeln selbst tragen wollte, ist mit Geld nicht zu bezahlen. Ganz zu schweigen von den vielen faszinierenden Dingen, die ich durch ihren Blick auf die Welt überhaupt erst selbst sehe: klitzekleine Steinchen, die sie ein Stück des Weges mitträgt, um sie dann höchst sorgfältig irgendwo anders abzulegen; ein einsamer Löwenzahn, der aus dem Asphalt sprießt und den sie ehrfurchtsvoll Blume nennt; das Lächeln, das sie dem Bäcker schenkt. Das kostet Zeit, klar. Die man nicht immer hat, auch klar. Aber auf die Schnelle ist das nun mal nicht zu haben.“

Daniela Walther