Multiple Arbeitskraft

Viele Menschen brauchen mehr als nur einen Job, um über die Runden zu kommen

Auf die Frage „Was machst du beruflich?“ hat Karin Müller vier Antworten: Arzthelferin, Schwimmlehrerin, Kinderbetreuerin und Taxifahrerin. So wie immer mehr Menschen in Deutschland geht die 41-Jährige verschiedenen Jobs gleichzeitig nach. Multijobber heißen die Arbeitnehmer, für die mit dem Feierabend noch lange nicht die Freizeit beginnt. Ihr Arbeitstag hat meist mehr als acht Stunden, die Wege von einem Arbeitsplatz zum anderen kosten Zeit, und jede Woche Urlaub wird zur logistischen Herausforderung. Trotzdem bleibt ihnen am Monatsende nicht unbedingt mehr im Portemonnaie als Angestellten mit einem Job.Was aber treibt die Mehrfachbeschäftigten dann eigentlich von Job zu Job? Karin arbeitet von Montag bis Freitag zwischen 8 und 12 Uhr als Arzthelferin in einer dermatologischen Praxis.Obwohl es oft sehr hektisch zugeht, macht sie die Arbeit nicht ungern: „Der Beruf gibt mir Bestätigung, weil ich ihn gut kann, in erster Linie aber gibt er mir Sicherheit: Ich bin fest angestellt, somit kranken- und rentenversichert.“ Trotzdem kann sich Karin nicht vorstellen, ausschließlich als Arzthelferin zu arbeiten. – „Die Arbeit füllt mich persönlich nicht aus“, sagt sie.Wenn sie studiert hätte,wie fast alle ihre Freunde, hätte sie vielleicht eine Karriere gemacht, in der sie mit ihrem ganzen Herzblut dabei wäre, meint sie, aber ein Studium sei in ihrer Familie gar nicht zur Debatte gestanden. Stattdessen hat sie nach der Mittleren Reife die Ausbildung gemacht und anschließend in verschiedenen Arztpraxen gearbeitet. Nach drei Jahren kündigte sie. „Ich zog es vor, Taxi zu fahren,weil ich da die Freiheit hatte, jederzeit den Rucksack zu packen und für ein paar Wochen auf Reisen zu gehen.“ Jahre später, als Karin bereits Mutter zweier Kinder war, stieg sie wieder in ihren alten Beruf der Arzthelferin ein, zunächst stundenweise und nach der Scheidung halbtags. Als der Verdienst nicht reichte, verlängerte sie nicht die Stundenzahl in der Praxis, was ihr Chef gerne gesehen hätte, sondern sah sich nach einer neuen Herausforderung um.„Ich hatte Lust, mal etwa ganz anderes auszuprobieren, und machte einen Kurs als Schwimmlehrerin.“ Einen Nachmittag in der Woche steht Karin seitdem am Beckenrand eines Hallenbads und unterrichtet Kinder im Schwimmen, Tauchen und Springen bis zum Seepferdchen-Abzeichen. Den Job, „der als Spaß begann“, empfindet Karin mittlerweile als ziemlich anstrengend, außerdem muss sie zu der Schwimmhalle ans andere Ende der Stadt fahren. Doch auf die Einnahmequelle kann sie nicht verzichten. Erholsam empfindet sie dagegen ihren dritten Job mit Marie, ihrem zweijährigen Tageskind. Dazu holt sie das Kind zweimal in der Woche nach der Arbeit von der Mutter ab und betreut sie bis zum Abend bei sich zu Hause. Das bringt Karin etwa 300 Euro im Monat ein,„leicht verdientes Geld, denn Marie läuft einfach so mit, als ob sie mein drittes Kind wäre. Ich hatte mir eh immer eine große Familie gewünscht.“ Während Karin das Mittagessen zubereitet, spielt Marie am Küchenboden, und wenn Karins Kinder von der Schule heimkommen, freuen sie sich, wenn die kleine „Pflegeschwester“ da ist. In ihren drei Jobs verdient Karin insgesamt etwa 1500 Euro netto.Zusammen mit dem Unterhalt ihres Exmannes reicht das gerade für Miete, Essen, Benzin und Versicherungen, rechnet sie vor.Wenn, so wie kürzlich, die Waschmaschine und das Auto gleichzeitig kaputtgehen, muss sie auf ihren vierten „Notfall-Job“ zurückgreifen und für einen befreundeten Taxiunternehmer ein paar Wochenendschichten fahren. „Aber das ist mir und auch meinen Kindern definitiv zu viel.“ Als Karin vor kurzem eine neue Stelle in einer anderen Arztpraxis antrat und vor der Entscheidung stand, ob Vollzeit oder Halbzeit, hat sie sich bewusst wieder für die „zwar stressigere, aber abwechslungsreichere Variante“ ihrer vier Einnahmequellen entschieden. „Ich will es nicht mehr anders.“ Sabine schon! Wenn sie die Wahl hätte, würde sie sofort eine Vollzeitstelle als Journalistin annehmen, aber sie hat die Hoffnung aufgegeben, eine solche zu finden. Die wenigen Stellen, die ausgeschrieben sind, betreffen Sparten, für die sie sich „zu alt, zu bodenständig und zu ernsthaft“ fühlt. Lippenstifte für eine Frauenzeitschrift zu betexten ist nicht ihr Ding. Stattdessen schreibt sie lieber für verschiedene kleine Blätter über Politik und Umwelt. „Das macht für mich gesellschaftlich und persönlich Sinn“, sagt die 35-Jährige. Nur leben kann sie davon nicht. Für ein geregeltes Einkommen und die soziale Absicherung arbeitet sie an vier Tagen die Woche als fest angestellte Teilzeitkraft in einem Call-Center. Der Job ist anstrengend und, vor allem, wenn sie im Beschwerdemanagement eingeteilt ist, auch emotional belastend. Aber die Arbeit bietet für Sabine auch große Vorteile: Wenn die sechs Stunden um sind, kann sie sofort abschalten, und die Nachtschichten lassen ihr tagsüber Zeit zum Schreiben. Um die teure Münchner Miete und ihr Auto zu finanzieren, reicht der Verdienst im Call-Center allerdings nicht aus. Auf 400-Euro-Basis erledigt Sabine deshalb an zwei Vormittagen pro Woche die Buchführung für einen kleinen Handwerksbetrieb. Nach sieben Jahren als Multijobberin fühlt sich Sabine erschöpft: Was als Freiheit begann, wurde zum Zwangskorsett. Die Hetze von einem Job zum anderen wird ihr mit zunehmendem Alter immer verhasster. Auch das Privatleben leidet. Die letzten beiden Beziehungen zerbrachen am Mangel an gemeinsamer Freizeit, und ihr Urlaub dauert seit Jahren nicht länger als zehn Tage. Kann sie bei der einen Stelle freinehmen, klappt es bei der anderen nicht. Als Single steht sie bei der Urlaubseinteilung mit ihren Wünschen ganz hinten. Sabine: „Es ist, als drehte ich mich im Kreis. Einerseits brauche ich die Stellen im Call-Center und im Büro, weil sie soziale Sicherheit und ein geregeltes Einkommen bieten. Aber eigentlich will ich die kreativen Jobs machen, die leider manchmal gar nicht und andere Male alle auf einmal kommen. Um gute kreative Arbeit zu leisten und Ideen zu entwickeln, braucht man allerdings Zeit. Letztendlich renne ich von einem Job zum anderen und komme zu gar nichts mehr.“

Simone Kayser

Arbeitsweltwandel

„Die Menschen suchen in der Arbeit heute nach Sinn, Entfaltung und persönlicher Entwicklung, und die moderne Arbeitswelt bietet die Möglichkeit, diese Bedürfnisse teilweise zu erfüllen“, sagt Nick Kratzer, Experte für Arbeit am Institut für sozialwissenschaftliche Forschung e.V. (ISF) in München. Die Einstellung der Menschen zur Arbeit hat sich in den vergangenen 100 Jahren verschiedentlich gewandelt. Die Arbeitszeit in den großen Betrieben betrug Anfang des 20. Jahrhundert noch 14 oder 15 Stunden, aber sie war mit vielen Pausen durchsetzt, die Trennung von Arbeit und Freizeit war nicht so strikt. In den 50er-Jahren zog dann das Tempo an. Fließbandarbeit steigerte die Effektivität jedes einzelnen Arbeiters. Die Arbeit wurde zur Maloche. Es war daher ein wichtiges Ziel gewerkschaftlicher Politik, die als entfremdend und eher negativ empfundene Arbeitszeit einzugrenzen – mit lange Zeit anhaltendem Erfolg, bis mit der Arbeitsmarktkrise in den 80er-Jahren der Druck wuchs. Gleichzeitig kamen neue Organisationsformen der Arbeit auf: Projektarbeit, Gruppenarbeit, Zielvereinbarungen. Das Subjektive, Menschliche wurde vom Störfaktor zum Potenzial, wovon sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer profitieren. Denn wer im Arbeitsprozess selbst als Persönlichkeit agieren und reagieren kann, empfindet die Arbeit als erfüllend und setzt sich stärker ein. „Die Ansprüche, die der Job heute an den Einzelnen stellt und die der Einzelne an den Job hat, können allerdings auch ziemlichen Stress erzeugen“, sagt Kratzer. Der zunehmende Arbeitsdruck und die Sinnsuche in der Arbeit treiben vor allem Höherqualifizierte zu einem Einsatz, den früher kaum ein Chef zu fordern gewagt hätte.

sk

Schwer auszuhalten: das normale Leben

Erst braucht man die Droge für denn Kick und später zur Entspannung

Seit fast 30 Jahren ist Angelika*, 43 Jahre, Teil der Münchner Drogenszene. Angefangen hat es bei ihr, wie es bei fast allen anfängt: mit Rauchen in der Clique. Da war sie dreizehn oder vierzehn. Erst Zigaretten, dann Haschisch. “Es war neu, es war verboten, das war eigentlich schon der ganze Reiz”, erinnert sie sich. “Erst rauchst du nur zusammen mit Freunden oder am Wochenende mal einen Joint oder eine Wasserpfeife.Und plötzlich verbringst du deinen ganzen Tag damit, irgendwie, irgendwo an Stoff zu kommen. Wenn man dann endlich was auftreibt, ist man innerlich so aufgewühlt von dem ganzen Stress vorher, dem Rumtelefonieren, dem Quer-durch-die-Stadt-Hetzen und dem regelrechten Verfolgungswahn, den man kriegt, weil man ständig aufpassen muss, dass Eltern, Lehrer oder Polizei nichts mitbekommen – da genießt man den entspannenden Zustand, in den die Droge einen versetzt, umso mehr.” Früher trafen sie sich im Englischen Garten. “Da haben wir unseren Stoff in den gelben Dingern aus den Überraschungseiern gebunkert und im Gras verbuddelt, wenn die Bullen im Anmarsch waren”, erinnert sich Angelika. Das war Anfang,Mitte der 80er-Jahre.”Die Razzien damals waren echt Hardcore. Du hattest gerade dein Besteck und deinen Stoff so weit fertig, um dir einen Druck zu setzen, dann standen plötzlich die Bullen vor dir und haben dich aus dem Gebüsch gezerrt. Und du bist mit dreißig anderen nackt in einer Reihe gestanden: Drogenkontrolle. Die Szene hat sich dann ganz schnell verlagert: zunächst in die Giselastraße. Als man uns da auch vertrieben hat, an den Marienplatz – und so weiter. Derzeit ist Treffpunkt der Ostbahnhof. Aber damit kann es auch von heute auf morgen vorbei sein.” Trotz jahrelangen “Hardcore-Kiffens”, wie Angelika es nennt, und gelegentlichen Koksens hat sie es geschafft, ihre Ausbildung zur Arzthelferin abzuschließen. Der totale Absturz kam Anfang der 90er, nachdem sie eine Umschulung zur Bürokauffrau absolviert und eine gut bezahlte Stelle bekommen hatte. Gerade dieser regelmäßige Job, die, wie sie fand, spießigen Kollegen, dieses ganze langweilige, absehbare Leben, das sie da Tag für Tag erwartete, überforderte sie enorm. Sie begann wieder zu drücken. Den Stoff versteckte sie in den Blumenbeeten vor dem Büro und grub ihn in den Pausen wieder aus, um sich klammheimlich auf dem Klo einen Druck zu setzen. Dann saß sie an ihrem Schreibtisch, voll gepumpt mit Drogen, und versuchte, ihren Job zu erledigen. “Ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll: Es war einerseits der totale Stress, andererseits war ich jedes Mal glücklich und empfand es wie einen Sieg, wenn ich es wieder einmal geschafft hatte, ohne dass mich einer dabei erwischte. Drogen schienen das Einzige, was mein Leben aufregend und besonders machte. Selbst diverse Überdosen konnten mich nicht davon abhalten. So ist das halt, wenn man ein Junkie ist.” Das normale Leben, so Angelika, spielte da überhaupt keine Rolle mehr. Alles dreht sich um den Stoff, den man braucht, um überhaupt so weit lebensfähig zu sein, dass man irgendwann aufstehen, sich anziehen, aus dem Haus gehen und neue Drogen besorgen kann.Auch wenn Angelika immer großen Wert darauf gelegt hat, äußerlich nicht zu verwahrlosen und ihr Leben einigermaßen geregelt zu bekommen, hat auch sie schon die eine oder andere Wohnung zwangsräumen müssen, weil wieder einmal das ganze Geld für Drogen draufgegangen war. Irgendwann kam der Moment, da war ihr alles gleichgültig. So gleichgültig, dass es keine Rolle mehr spielte, wie sie an Geld für den Stoff kam. Angelika fing an zu klauen.Wenn alles gut lief, konnte sie direkt Ware gegen Ware eintauschen.Musste sie ihr Diebesgut vorher erst verkaufen, wurde es schon stressig.Abgesehen davon, dass sich nur bestimmte Waren – im Moment vor allemMP3Player,Digitalkameras und Zigaretten – an den Mann bringen lassen, läuft man sowohl beim Klauen als auch beim Verkauf Gefahr, erwischt zu werden. “Einmal bin ich wegen Diebstahls und irgendeiner verschleppten Bußgeldsache für vier Monate eingefahren”, erzählt sie. Der Richter meinte noch, sie sähe zwar nicht unbedingt haftfähig aus, aber wenn sie schon mal hier sei, wäre es wohl das Beste, sie gleich dazubehalten. Sie war abgemagert und völlig fertig. Trotzdem kam sie ins Frauengefängnis nach Aichach. Kalter Entzug im Knast. Tagelang Zittern, Durchfall und Erbrechen. Das mit dem Entzug kannte sie schon. Sie wusste:Nach drei, vier Tagen würde es wieder besser werden. An Knasterfahrung aber hat ihr das gereicht. Trotzdem begann sie irgendwann, selbst zu dealen.”Je mehr Gift du brauchst, desto mehr Geld brauchst du auch. Erst brauchst du ein halbes Gramm. Dann eins. Dann merkst du auch das nicht mehr. Ich verjunkte inzwischen pro Monat ungefähr das Gehalt eines Bankdirektors. Das war so einfach nicht mehr zu finanzieren.” Auch wenn sie anfangs der Gedanke, mit den Taschen voller Stoff durch die Straßen zu laufen, in totale Panik versetzte, betrachtet sie es heute noch als die stressfreieste Art, ihre Sucht zu finanzieren. Sie zog “ihr Business” all die Jahre immer allein durch. Die bestimmenden Gedanken waren, “Wie viel Stoff hab ich? Wie lange komme ich damit hin? Wie lange braucht es, um wieder was aufzustellen? Dann hat man vielleicht das Geld, dann ist der Dealer nicht da.” Angelika hat genug davon. Der Reiz des Verbotenen wirkt schon lange nicht mehr. Viele der alten Bekannten sind gestorben, etliche sitzen im Knast, andere werden substituiert. Das will Angelika jetzt auch noch einmal versuchen. Eine Therapie kommt für sie nicht mehr in Frage, auch wenn es sicherlich ein Vorteil ist, erst einmal “von der Szene weg zu sein – gerade am Anfang”. Trotzdem. In Sachen Therapie, sagt sie, habe sie wirklich genug probiert. “Das bringt alles nichts. Ich kenne niemanden, wirklich keinen einzigen, der danach clean geblieben wäre. Diese Therapien kosten so ein Schweinegeld und sind zum Scheitern verurteilt. Die körperliche Abhängigkeit ist ja das Geringste. Das hat man nach ein paar Wochen überstanden. Das Schlimme ist das, was sich in deinem Kopf abspielt. Die Gedanken, die dich heimsuchen, je näher der Entlassungstermin rückt: Was mache ich bloß, wenn ich hier fertig bin? Wohin gehe ich? Wovon werde ich leben? Wie werde ich bloß mein Leben auf die Reihe kriegen? Natürlich spricht man darüber mit den Therapeuten, macht Pläne und so weiter. Aber sie auch umsetzen? – Fehlanzeige. Dabei hilft dir dann keiner mehr.” Deshalb will sie es dieses Mal langsam angehen, ohne allzu große Pläne, Schritt für Schritt. Die ersten beiden hat sie schon getan: Sie hat sich bei einer Ärztin für eine Substitution gemeldet. Seit einer Woche erhält sie von ihr den Drogenersatzstoff Kodein. Und sie hat einen Ein-Euro-Job angetreten. Und anders als früher macht es sie nicht nervös, dass ihr Tag jetzt Struktur hat. “Im Gegenteil: Es ist ein beruhigendes Gefühl.”

Getrieben
“Junkies sind eigentlich permanent beschäftigt, selbst wenn sie arbeitslos sind”, erklärt Wolfgang Eichinger, Sozialpädagoge im Kontaktladen Limit. “Ständig sind sie “geschäftlich” unterwegs – sei es, um “was aufzustellen”, sei es, um Kontakte zu potenziellen Dealern zu pflegen, um etwas von der Lieferung zu kriegen.” Manche Teilnehmer des Heroin-Modellprojekts, in dem Abhängige täglich unter ärztlicher Aufsicht ein Gramm reinen Heroins verabreicht bekommen,haben mit diesem veränderten Konsummuster Probleme und betrachten die kontrollierte Abgabe als massiven Eingriff in ihren Alltag. Geschäftigkeit bedeute auch Bekanntheit und Aufmerksamkeit in der Szene. Das Leben auf der Straße bringt zudem zwangsläufig Rastlosigkeit und Getriebensein mit sich. Junkies sind immer auf der Suche: nach Geld, nach ihrem Dealer, nach Gift, nach einem Schlafplatz und so weiter. München ist bekannt für das, was in der Szene “Junkie-Jogging” genannt wird:Die Polizei löst offizielle Drogenplätze auf, die Szene verlagert sich – und wird binnen kurzer Zeit auch dort wieder zerschlagen. Polizei und Junkies “joggen” von Szene zu Szene. Was allerdings nicht zur Folge hat, dass der Konsum oder die Zahl der Abhängigen abnimmt. Es heißt nur, dass es für Junkies dann nur noch schwieriger wird, an Stoff zu kommen, weil es diskreter und heimlicher geschehen muss – der Stress wird also massiver.
Daniela Walther

Tempo, Tempo!
Für Fritz Reheis, Zeitexperte bei Coburg, gibt es einen Zusammenhang zwischen Tempo und Suchtverhalten. “In einer Gesellschaft, die darauf programmiert ist, mit immer neuen Reizen und Konsummöglichkeiten unterhalten zu werden, zählt vor allem Abwechslung. Unser gesamter Lebensstil ist auf Außenreize konzentriert, konsumorientiert und von Suchtverhalten geprägt und geht auf Kosten der natürlichen Lebensgrundlagen.” Die Angst vor Langeweile führt zu allen Formen der Sucht – die Palette reicht von Alkohol- und Magersucht über Kaufsucht bis hin zu Tablettensucht, andere flüchten sich in Arbeit oder Extremsportarten. Und für alle Süchte gilt: Ausbleibende Befriedigung führt zu Dosissteigerung, zunehmender Belastung der Psyche und des Körpers sowie des sozialen Umfelds. Einer wissenschaftlichen Studie zufolge hat sich unser Lebenstempo in den vergangenen 200 Jahren verdoppelt. Der Einsatz von Beruhigungsmitteln, Antidepressiva und Muntermachern steigt jährlich um acht bis zehn Prozent.
dw

* Name geändert

In Startposition gebracht

Um nicht ins Hintertreffen zu geraten, werden manchmal bereits die Kleinsten von ihren Eltern gepuscht

Mittwochs hat Benedikt* keinen Termin. Alle anderen Wochentage sind belegt. Am Montag ist Turnen, dienstags macht Benedikt Musik. Am Donnerstag ist er beim Schwimmen, und freitags geht er nach dem Miniclub zur Ergotherapie. Benedikt ist knapp zweieinhalb Jahre alt. „Das ist ziemlich stressig, auch für mich“, sagt Susanne*, Benedikts Mutter. Seit einigen Monaten arbeitet sie wieder stundenweise. Geplant ist eine gleitende Rückkehr aus der Elternzeit in den Beruf. Deshalb muss Susanne ihre eigenen Termine mit dem Kalender ihres Kindes abstimmen. „Das geht ganz gut, aber vielleicht bin ich ja auch privilegiert, weil ich mir als freiberufliche Architektin den Job eigentlich so einteilen kann, wie ich es brauche“, sagt sie. Lediglich für Konferenzen mit Auftraggebern fährt sie ins Büro. Den Hauptteil der Arbeit legt sie auf die Abende, in die Zeit, wenn Benedikt schon im Bett ist. An den Wochenenden kann sie auch mal ein paar Stunden am Stück vor dem Bildschirm sitzen bleiben, weil sich ihr Mann um das Kind kümmert. Manchmal denkt Susanne, dass der Wochenplan ein bisschen zu viel für ihren Sohn sein könnte. „Vor allem morgens muss es bei uns zack, zack! gehen“, sagt sie. Benedikt würde öfter gern noch ein paar Minuten länger im Bett liegen bleiben, um sich langsam an den Tag zu gewöhnen, oder im Schlafanzug durchs Zimmer hüpfen. Doch diese Muße ist nicht eingeplant. „Ich will nicht, dass er etwas verpasst“, sagt sie. „Es ist mir sehr wichtig, Benedikt mit anderen Kindern zusammenzubringen, damit er sein Sozialverhalten trainiert und lernt, sich in einer Gruppe durchzusetzen.“ Die Mutter ist davon überzeugt, dass Gleichaltrige sich auf eine viel direktere und sehr nachhaltige Weise gegenseitig formen. „Ich habe ohnehin schon ein oder zwei Termine gestrichen. Vor ein paar Monaten ist Benedikt zusätzlich in einer Malschule angemeldet gewesen. Jetzt bin ich wirklich beim Minimum. Das sind alles Gruppen, die meinem Kind entweder selbst ganz viel Spaß machen, oder es geht um Bereiche, in denen ich ihn fördern möchte. Die Ergotherapie machen wir zum Beispiel auf einen Vorschlag unserer Kinderärztin hin, weil sie bei einer Untersuchung festgestellt hat, dass die Auge- Hand-Koordination ein bisschen Unterstützung nötig hat.“ Susanne ist davon überzeugt, sofort mitzubekommen, wenn Benedikt überfordert wäre. „Ich glaube nicht, dass Kinder so schnell an ihre Belastungsgrenzen kommen. Sie haben schließlich einen natürlichen Bewegungsdrang und sind immer neugierig auf neue Situationen“, sagt sie. „In ein paar Monaten beginnt ohnehin der Kindergarten, und dann hat er ganz regelmäßig jeden Tag seinen festen Termin. Deshalb sind die Gruppen eine ganz gute Vorbereitung.Außerdem verhindern sie, dass meinem Kind langweilig wird.“ Langeweile, das verbindet die 35-jährige Mutter mit der Erinnerung an ihre eigene Kindheit. „Ich bin in einem Dorf groß geworden. Da gab es nichts.Na ja, jedenfalls nicht sehr viele Angebote für kleine Kinder. Ich weiß noch genau, dass damals die Sommerferien wie eine schier endlose Zeitspanne vor mir lagen. Schon ein einzelner Tag nahm fast kein Ende.Mein Vater war bei der Arbeit, auch die Mutter war beschäftigt – und ich sollte mir selbst irgendein Spiel einfallen lassen.“ Susanne erzählt, dass ihre Mutter immer nur wiederholte, sie solle doch mal schauen, ob eines der Nachbarskinder auf dem Spielplatz sei. „‚Denkt euch gemeinsam was aus‘, sagte sie, damit war das Thema für sie abgehakt“, berichtet Susanne. Susanne hat sich vorgenommen, ihrem Sohn mehr Attraktionen zu bieten. „Das ist natürlich in einer Stadt wie München einfacher.Andrerseits kann ich den Benedikt hier nicht einfach zum Spielen in den Garten schicken,weil wir nämlich gar keinen Garten haben.“ Sie ist überzeugt, dass leere Zeiträume, in denen es weder ein Programm noch irgendwelche dringenden Erledigungen gibt, von ganz allein entstehen. „Darum muss ich mich nicht kümmern. Ich sehe auch für mich persönlich die Aufgabe eher darin, die Zeit mit möglichst sinnvollen Beschäftigungen zu füllen.“ Sie sagt, es gehe ihr dabei vor allem darum, Benedikt auf das künftige Leben vorzubereiten „Ich sehe es doch an mir selbst. In meinem Beruf muss ich gleichzeitig an tausend verschiedene Sachen denken und vielen Anforderungen gerecht werden. Alles passiert zur gleichen Zeit.“ Susanne ist überzeugt, dass das Leben schneller geworden ist, dass sich die Fähigkeiten der Menschen verändert haben und auch die technischen Hilfsmittel ständig auf den Geschwindigkeitshebel drücken.„Wir alle müssen heute viel produktiver sein als noch vor ein paar Jahrzehnten, und das bedeutet, ganz beweglich und immer aufmerksam zu bleiben. Wenn ich meinen Sohn künstlich davon abschotte, bringe ich ihn in eine sehr ungünstige Ausgangslage.“

An mehreren Orten gleichzeitig
Der 27-jährige Informatikstudent Peter* findet es völlig selbstverständlich, zu jeder Zeit mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. „Wenn ich Auto fahre, kann ich doch Musik hören, telefonieren und mit meinem Kumpel auf dem Beifahrersitz quatschen“, sagt er. „Das ist doch ganz normal. Und unhöflich finde ich es auch nicht, weil mein Kumpel auf jeden Fall auch telefonieren oder eine SMS schreiben würde.“ Ein typischer Samstagabend besteht für Peter nicht aus Party, sondern aus ständigen Anrufen und Ortswechseln. „Das ist für mich ganz klar.An jedem Wochenende gibt es mindestens 15 bis 20 Orte, an denen ich mir vorstellen könnte, zu sein, weil da ein paar von meinen Kollegen sind. Überall kann ich aber nicht hingehen. Deshalb versuche ich, möglichst genau herauszufinden,wo die beste Stimmung ist, wo es sich am meisten lohnt.“ Um an diese Informationen zu kommen, telefoniert Peter fast ununterbrochen – auch wenn er gerade erst angekommen ist.Manchmal ist es dort, wo er sich befindet, so laut, dass er nicht telefonieren kann. Dann geht er raus, quatscht eine Weile, geht wieder hinein, tippt eine SMS, redet ein bisschen mit den Leuten, die gerade da sind – sofern die nicht selbst telefonieren. „Eine halbe Stunde“, schätzt Peter, bleibt er an solchen Abenden an einer Stelle. Dann fährt er weiter. Oft begleiten ihn dabei Leute, die er nicht einmal besonders gut kennt. „Das ist manchmal ganz spannend, weil die dann vielleicht von einer Party gehört haben, von der ich nichts wusste. Dann fahr ich ganz spontan in eine neue Richtung.Meistens weiß ich am Anfang des Abends nicht, was alles passieren wird.“

Bernd Hein

In Ruhe lassen
„Kinder haben einen ganz eigenen Rhythmus, und der ist meistens sehr viel langsamer, als es die Eltern erwarten“, weiß Ergotherapeutin Elisabeth Khuen-Belasi. Sie plädiert für Ruhepausen, in denen Kinder Dinge vertiefen, die sie zuvor gelernt haben. Selbst bei Säuglingen sei das Gefühl der Langeweile eine sehr wichtige Erfahrung, denn nur, wenn die Kinder auch eine Zeit lang auf sich konzentriert sind, können sie Ideen aus sich selbst heraus entwickeln. „Kinder erwerben auch ihre Fähigkeiten in einer ganz individuellen Geschwindigkeit und Reihenfolge“, so Khuen-Belasi. Darauf wies bereits die Pädagogin Maria Montessori hin, als sie sagte, dass Kinder sich die Beschäftigungen suchen, die zu der Fähigkeit passen, an der sich im Moment ein Entwicklungsschub vollzieht. „Ein zweijähriges Kind kann eigentlich nicht an einer Treppe vorbeigehen, ohne ein Stück weit hinaufzusteigen. Sein Körper verändert sich so schnell, dass die Stufen an jedem Tag ein ganz neues Erlebnis und eine neue Herausforderung darstellen. Solche Wiederholungen der immer gleichen Vorgänge bringen das Kind in seinem Kenntnisstand über die Welt weiter“, erklärt die Ergotherapeutin. Wenn ein siebenmonatiger Säugling permanent alle Dinge, die er zu fassen bekommt, auf den Boden wirft, dann sollten Eltern ihm dafür den nötigen Freiraum lassen. Durch das Hinabwerfen lernt das Kind etwas über die Erdanziehung. Khuen-Belasi weist darauf hin, dass es „auch wichtig ist, Kinder in ihrem Tun nicht zu unterbrechen“, und fügt hinzu: „Ein Überangebot an Reizen, die von außen kommen, kann zu einer verminderten Konzentrationsfähigkeit und in der Folge zu Sprunghaftigkeit führen.“
beh

* Name geändert