Viele Menschen brauchen mehr als nur einen Job, um über die Runden zu kommen
Auf die Frage „Was machst du beruflich?“ hat Karin Müller vier Antworten: Arzthelferin, Schwimmlehrerin, Kinderbetreuerin und Taxifahrerin. So wie immer mehr Menschen in Deutschland geht die 41-Jährige verschiedenen Jobs gleichzeitig nach. Multijobber heißen die Arbeitnehmer, für die mit dem Feierabend noch lange nicht die Freizeit beginnt. Ihr Arbeitstag hat meist mehr als acht Stunden, die Wege von einem Arbeitsplatz zum anderen kosten Zeit, und jede Woche Urlaub wird zur logistischen Herausforderung. Trotzdem bleibt ihnen am Monatsende nicht unbedingt mehr im Portemonnaie als Angestellten mit einem Job.Was aber treibt die Mehrfachbeschäftigten dann eigentlich von Job zu Job? Karin arbeitet von Montag bis Freitag zwischen 8 und 12 Uhr als Arzthelferin in einer dermatologischen Praxis.Obwohl es oft sehr hektisch zugeht, macht sie die Arbeit nicht ungern: „Der Beruf gibt mir Bestätigung, weil ich ihn gut kann, in erster Linie aber gibt er mir Sicherheit: Ich bin fest angestellt, somit kranken- und rentenversichert.“ Trotzdem kann sich Karin nicht vorstellen, ausschließlich als Arzthelferin zu arbeiten. – „Die Arbeit füllt mich persönlich nicht aus“, sagt sie.Wenn sie studiert hätte,wie fast alle ihre Freunde, hätte sie vielleicht eine Karriere gemacht, in der sie mit ihrem ganzen Herzblut dabei wäre, meint sie, aber ein Studium sei in ihrer Familie gar nicht zur Debatte gestanden. Stattdessen hat sie nach der Mittleren Reife die Ausbildung gemacht und anschließend in verschiedenen Arztpraxen gearbeitet. Nach drei Jahren kündigte sie. „Ich zog es vor, Taxi zu fahren,weil ich da die Freiheit hatte, jederzeit den Rucksack zu packen und für ein paar Wochen auf Reisen zu gehen.“ Jahre später, als Karin bereits Mutter zweier Kinder war, stieg sie wieder in ihren alten Beruf der Arzthelferin ein, zunächst stundenweise und nach der Scheidung halbtags. Als der Verdienst nicht reichte, verlängerte sie nicht die Stundenzahl in der Praxis, was ihr Chef gerne gesehen hätte, sondern sah sich nach einer neuen Herausforderung um.„Ich hatte Lust, mal etwa ganz anderes auszuprobieren, und machte einen Kurs als Schwimmlehrerin.“ Einen Nachmittag in der Woche steht Karin seitdem am Beckenrand eines Hallenbads und unterrichtet Kinder im Schwimmen, Tauchen und Springen bis zum Seepferdchen-Abzeichen. Den Job, „der als Spaß begann“, empfindet Karin mittlerweile als ziemlich anstrengend, außerdem muss sie zu der Schwimmhalle ans andere Ende der Stadt fahren. Doch auf die Einnahmequelle kann sie nicht verzichten. Erholsam empfindet sie dagegen ihren dritten Job mit Marie, ihrem zweijährigen Tageskind. Dazu holt sie das Kind zweimal in der Woche nach der Arbeit von der Mutter ab und betreut sie bis zum Abend bei sich zu Hause. Das bringt Karin etwa 300 Euro im Monat ein,„leicht verdientes Geld, denn Marie läuft einfach so mit, als ob sie mein drittes Kind wäre. Ich hatte mir eh immer eine große Familie gewünscht.“ Während Karin das Mittagessen zubereitet, spielt Marie am Küchenboden, und wenn Karins Kinder von der Schule heimkommen, freuen sie sich, wenn die kleine „Pflegeschwester“ da ist. In ihren drei Jobs verdient Karin insgesamt etwa 1500 Euro netto.Zusammen mit dem Unterhalt ihres Exmannes reicht das gerade für Miete, Essen, Benzin und Versicherungen, rechnet sie vor.Wenn, so wie kürzlich, die Waschmaschine und das Auto gleichzeitig kaputtgehen, muss sie auf ihren vierten „Notfall-Job“ zurückgreifen und für einen befreundeten Taxiunternehmer ein paar Wochenendschichten fahren. „Aber das ist mir und auch meinen Kindern definitiv zu viel.“ Als Karin vor kurzem eine neue Stelle in einer anderen Arztpraxis antrat und vor der Entscheidung stand, ob Vollzeit oder Halbzeit, hat sie sich bewusst wieder für die „zwar stressigere, aber abwechslungsreichere Variante“ ihrer vier Einnahmequellen entschieden. „Ich will es nicht mehr anders.“ Sabine schon! Wenn sie die Wahl hätte, würde sie sofort eine Vollzeitstelle als Journalistin annehmen, aber sie hat die Hoffnung aufgegeben, eine solche zu finden. Die wenigen Stellen, die ausgeschrieben sind, betreffen Sparten, für die sie sich „zu alt, zu bodenständig und zu ernsthaft“ fühlt. Lippenstifte für eine Frauenzeitschrift zu betexten ist nicht ihr Ding. Stattdessen schreibt sie lieber für verschiedene kleine Blätter über Politik und Umwelt. „Das macht für mich gesellschaftlich und persönlich Sinn“, sagt die 35-Jährige. Nur leben kann sie davon nicht. Für ein geregeltes Einkommen und die soziale Absicherung arbeitet sie an vier Tagen die Woche als fest angestellte Teilzeitkraft in einem Call-Center. Der Job ist anstrengend und, vor allem, wenn sie im Beschwerdemanagement eingeteilt ist, auch emotional belastend. Aber die Arbeit bietet für Sabine auch große Vorteile: Wenn die sechs Stunden um sind, kann sie sofort abschalten, und die Nachtschichten lassen ihr tagsüber Zeit zum Schreiben. Um die teure Münchner Miete und ihr Auto zu finanzieren, reicht der Verdienst im Call-Center allerdings nicht aus. Auf 400-Euro-Basis erledigt Sabine deshalb an zwei Vormittagen pro Woche die Buchführung für einen kleinen Handwerksbetrieb. Nach sieben Jahren als Multijobberin fühlt sich Sabine erschöpft: Was als Freiheit begann, wurde zum Zwangskorsett. Die Hetze von einem Job zum anderen wird ihr mit zunehmendem Alter immer verhasster. Auch das Privatleben leidet. Die letzten beiden Beziehungen zerbrachen am Mangel an gemeinsamer Freizeit, und ihr Urlaub dauert seit Jahren nicht länger als zehn Tage. Kann sie bei der einen Stelle freinehmen, klappt es bei der anderen nicht. Als Single steht sie bei der Urlaubseinteilung mit ihren Wünschen ganz hinten. Sabine: „Es ist, als drehte ich mich im Kreis. Einerseits brauche ich die Stellen im Call-Center und im Büro, weil sie soziale Sicherheit und ein geregeltes Einkommen bieten. Aber eigentlich will ich die kreativen Jobs machen, die leider manchmal gar nicht und andere Male alle auf einmal kommen. Um gute kreative Arbeit zu leisten und Ideen zu entwickeln, braucht man allerdings Zeit. Letztendlich renne ich von einem Job zum anderen und komme zu gar nichts mehr.“
Simone Kayser
Arbeitsweltwandel
„Die Menschen suchen in der Arbeit heute nach Sinn, Entfaltung und persönlicher Entwicklung, und die moderne Arbeitswelt bietet die Möglichkeit, diese Bedürfnisse teilweise zu erfüllen“, sagt Nick Kratzer, Experte für Arbeit am Institut für sozialwissenschaftliche Forschung e.V. (ISF) in München. Die Einstellung der Menschen zur Arbeit hat sich in den vergangenen 100 Jahren verschiedentlich gewandelt. Die Arbeitszeit in den großen Betrieben betrug Anfang des 20. Jahrhundert noch 14 oder 15 Stunden, aber sie war mit vielen Pausen durchsetzt, die Trennung von Arbeit und Freizeit war nicht so strikt. In den 50er-Jahren zog dann das Tempo an. Fließbandarbeit steigerte die Effektivität jedes einzelnen Arbeiters. Die Arbeit wurde zur Maloche. Es war daher ein wichtiges Ziel gewerkschaftlicher Politik, die als entfremdend und eher negativ empfundene Arbeitszeit einzugrenzen – mit lange Zeit anhaltendem Erfolg, bis mit der Arbeitsmarktkrise in den 80er-Jahren der Druck wuchs. Gleichzeitig kamen neue Organisationsformen der Arbeit auf: Projektarbeit, Gruppenarbeit, Zielvereinbarungen. Das Subjektive, Menschliche wurde vom Störfaktor zum Potenzial, wovon sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer profitieren. Denn wer im Arbeitsprozess selbst als Persönlichkeit agieren und reagieren kann, empfindet die Arbeit als erfüllend und setzt sich stärker ein. „Die Ansprüche, die der Job heute an den Einzelnen stellt und die der Einzelne an den Job hat, können allerdings auch ziemlichen Stress erzeugen“, sagt Kratzer. Der zunehmende Arbeitsdruck und die Sinnsuche in der Arbeit treiben vor allem Höherqualifizierte zu einem Einsatz, den früher kaum ein Chef zu fordern gewagt hätte.
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