Wer ist eigentlich gemeint mit … substituiert?

zum Beispiel: Patrizia H.

Derart fremd, wie das Wort “substituiert” klingt, ist für viele Menschen auch die Welt, in der sich Patrizia H. jahrelang bewegt hat. Die 35-Jährige war süchtig, nach Tabletten, nach Alkohol, nach Heroin, nach sämtlichen Stoffen, die sie high machten. “Polytoxikoman nennt man das. Ich habe einfach alles genommen, was mir in die Finger kam”, sagt sie heute. Da ihr damaliger Freund Dealer war, gab es meist ausreichend Stoff. Genügend, um sich ständig im Drogennebel zu bewegen. Erst eine Substitutionstherapie hat ihr wieder den Blick frei gemacht für ein Leben ohne Dauerrausch. Anstelle von Heroin nimmt sie heute unter medizinischer und sozialpädagogischer Kontrolle den legalen Ersatzstoff, das Substitut L-Polamidon ein. Ihre Drogenkarriere hat vor zirka 20 Jahren angefangen. “Eingestiegen bin ich mit Kiffen. Dann ging es weiter mit immer härteren Sachen bis zum Heroin.Wann immer ich versucht habe aufzuhören, bin ich wieder rückfällig geworden. Deswegen hat mich der Arzt, der mich anfangs substituiert hat, für unbelehrbar erklärt und aus seiner Praxis rausgeschmissen.” Das war 1997. Aber Patrizia wollte sich nicht aufgeben. Also ging sie zur Clearingstelle der Landeshauptstadt München. “Die Beraterin dort hat mir einen Glücksstein geschenkt. Das hat mir scheinbar geholfen und Mut gemacht für meinen nächsten Anlauf.” Die Frau schickte Patrizia zur Methadonambulanz der Caritas, wo sie zunächst einen Aufnahmebogen ausfüllen, sich einer medizinischen Untersuchung unterziehen und ein Einführungsgespräch mit einem der Sozialpädagogen führen musste.Wer sich dort dem Substitutionsprogramm anschließen will,muss klare Regeln befolgen. Patrizia wollte. Und wurde eine der insgesamt 40 Patienten in der Landwehrstraße. Anfangs war sie aufgefordert, wie alle anderen Neulinge auch, jeden Morgen in die Ambulanz zu kommen und unter der Aufsicht eines Arztes und eines Sozialpädagogen ihre Dosis L-Polamidon in flüssiger Form einzunehmen. “Vor allem ging es darum, dass ich keinen Beigebrauch mehr hatte.” Mittels Urinkontrollen wird stichprobenartig überprüft, ob die Patienten neben dem verabreichten Ersatzstoff Alkohol, Tabletten oder gar wieder Heroin nehmen. Der so genannte Beikonsum ist im Substitutionsprogramm absolut tabu. Patrizia ist das nicht leicht gefallen. Speziell am Anfang habe sie immer wieder den Rauschzustand gesucht, sagt sie. Doch das kann schwerwiegende Folgen haben.Wird durch die Kontrollen neuerlicher Missbrauch festgestellt, sind die begleitenden Sozialarbeiter angehalten, das der Bundesopiumstelle zu melden. Patienten, die immer wieder ausscheren, fliegen aus dem Programm und verbauen sich möglicherweise ihre ganze Zukunft. “Hier in der Caritas wird viel über diese Dinge geredet, über Rückfälle und die Konsequenzen”, sagt Patrizia. “In Einzelgesprächen mit den Betreuern, aber auch in der Gruppenrunde mit den anderen Süchtigen wird man dann mit seinen Ausrutschern und Fehlern konfrontiert. Da bricht man schon mal in Tränen aus. Aber nur so lernt man dazu und entwickelt sich weiter”, ergänzt sie. Nach einigen Monaten stabilisierte sich ihr Zustand, und sie musste nur noch werktags in die Methadonambulanz. Fürs Wochenende bekam sie ein Rezept, um sich das Mittel selbst aus der Apotheke zu holen. Inzwischen hat sie sich so weit im Griff, dass sie den Stoff für sechs Tage verschrieben bekommt und sie ihn täglich eigenständig rationiert. Nur noch einmal die Woche muss sie das Mittel im Beisein von Betreuer und Arzt schlucken. Zudem konnte die Dosierung des Ersatzstoffes nach und nach gesenkt werden. Ein großer Erfolg ist für Patrizia, dass sie seit einem Jahr im Rahmen einer Wiedereingliederungsmaßnahme einem Ein- Euro-Job nachgehen kann. Sie ist in der Verwaltung eines Büros tätig.Während ihrer Heroinabhängigkeit wäre Arbeiten “gar nicht denkbar” gewesen. Alles habe sich nur um den Stoff gedreht und um die Drückerei. “Ich bin froh, dass ich nicht mehr die Spritze benutzen muss. Irgendwann sind sämtliche Stellen am Körper so zerstochen, dass man keine Ader mehr trifft. Die Substitution hat mein Leben wieder in die richtige Bahn gelenkt.” Bei der Caritas fühlt sie sich gut aufgehoben. “Die Leute hier sind wie eine Familie für mich.”

Mittlerweile hat es die zierliche junge Frau schon weit gebracht. Sie nimmt nur noch eine ganz geringe tägliche Dosis L-Polamidon. Anzusehen ist ihr die harte Drogenvergangenheit ohnehin nicht mehr. “Man achtet eben auch wieder mehr auf sich und sein Äußeres”, sagt sie fröhlich.Vor allem der Job schenke ihr Selbstvertrauen.”Man hat endlich wieder einen Platz.Man muss Verantwortung tragen und hat ein gutes Gefühl, wenn man einen Auftrag sauber hingekriegt hat.” Nach Ablauf der beruflichen Integrationsphase in diesem Jahr will sie sich um eine richtige Festanstellung bewerben. Sie freut sich, dass sie langsam, aber sicher ins normale Dasein zurückkehren kann. Dazu gehört der rege Kontakt zu Nichtsüchtigen, zur Familie und die Tatsache, nicht mehr vor alltäglichen Fragen anderer Menschen Angst haben oder lügen zu müssen. Während ihrer Heroinsucht habe sie ja nicht mehr viel Normales zu erzählen gehabt. “Ich bin, wenn überhaupt, einmal am Tag ein paar Lebensmittel und neue Spritzen kaufen gegangen. Das war kein Leben mehr”, sagt sie und schüttelt den Kopf dabei. “Jetzt möchte ich noch mal ganz neu anfangen.”
Anuschka Schmid

IN MÜNCHEN befinden sich derzeit laut Bundesopiumstelle etwa 2000 Drogensüchtige in einer Substitutionstherapie. “Die Substitute sind synthetisch hergestellte Opiate”, erklärt Richard Lipold, Leiter der Münchner Methadonambulanz der Caritas. Im Gegensatz zu den Drogen von der Straße sind sie legal, sauber und werden nur von entsprechend qualifizierten Ärzten kontrolliert verabreicht. Zu den flüssigen Ersatzstoffen zählt man Methadon, L-Polamidon und Codein. Nur Buprenorphin wird als Tablette eingenommen. Die Ausgabe unterliegt der strengen Kontrolle durch das Betäubungsmittelgesetz und der BtM-Verschreibungsverordnung. Die Drogensubstitution ist unter Experten umstritten, weil Methadon und Co. “im Prinzip die gleiche Wirkung” haben wie Heroin und genau so süchtig machen wie andere Opiate, erörtert der Sozialpädagoge Lipold. Substituierende Ärzte seien deshalb teilweise als “Dealer in Weiß” verschrien. “Das Problem ist, dass es keinen Alternativstoff ohne Opiat gibt, der die Entzugssymptome aufhebt.” Da die Substitute, je nach Menge, eine Halbwertszeit von bis zu 48 Stunden haben, sei das Empfinden jedoch gemäßigter. Der Druck, sich schon nach wenigen Stunden Nachschub zu beschaffen, fällt weg und macht es vielen Konsumenten möglich, einer Ausbildung oder einer Arbeit nachzugehen. Heroin hingegen fährt heftig in den Körper ein, hat eine kürzere Wirkungsdauer und macht träge bis handlungsunfähig. Durch die gesetzlich geregelte Substitution werden die Abhängigen “entkriminalisiert”, denn durch Diebstahl, Betrug und Prostitution versuchen sie, ans schnelle Geld heranzukommen, um sich Drogen kaufen zu können. “Ein weiterer Vorteil ist, dass man die Abhängigen erreicht, die für einen vollständigen Entzug noch nicht bereit sind”, erklärt Lipold. Manche würden sich danach in einer Klinik von der Sucht therapieren lassen. Anderen wiederum würde die Gesprächstherapie im Anschluss ausreichen. Für viele sei das die passende “Vorbereitung für alle weiteren Schritte”, um irgendwann ganz ohne Drogen auskommen zu können.
anusch

Verschärfte Vorschrift

Die Koalition möchte den Grundfreibetrag bei Minijobs weiter senken. Unter Umständen bleiben Hartz-IV-Empfängern dann 50 Euro

Jens Hofmann ist einer von rund 9000 Münchner Langzeitarbeitslosen mit Minijob. “Ich arbeite zurzeit für 8 Euro die Stunde, zweimal pro Woche etwa fünf Stunden”, sagt der 53-Jährige. Somit kommt er mit der Aushilfstätigkeit im Lager eines Kaufhauses auf 400 Euro im Monat – das entspricht genau jener Summe, die man mit einer so genannten “geringfügigen Beschäftigung” verdienen darf, ohne dass Steuern und Sozialabgaben fällig werden. Brutto gleich Netto, lautet das Motto. Für Jens Hofmann gelten jedoch andere Regeln. Der Grund: Er bezieht Arbeitslosengeld II (ALG II beziehungsweise Hartz IV), von dem ein Teil seines Verdienstes abgezogen werden muss. “Von den 400 Euro bleiben mir gerade einmal 160 Euro. Das ist wie ein schlechter Witz!”, empört er sich. Auch Annemarie Lechner profitiert nicht von der normalerweise üblichen Abgabenbefreiung. Als chronisch kranke ALG-II-Bezieherin ist sie verpflichtet, jeden verdienten Euro zu melden und verrechnen zu lassen. “Ich arbeite eigentlich nur, um mit Menschen in Kontakt zu kommen, und für das Gefühl, dass ich gebraucht werde. Finanziell macht das keinen Sinn. Ich müsste eigentlich 160 Euro rausbekommen, aber wegen Schuldentilgung bleibt mir so gut wie gar nichts übrig”, sagt die 60-Jährige. Ihr Minijob als Putzfrau mache ihr jedoch Spaß, beteuert sie. Pro Stunde verdient Lechner 7 Euro und liegt damit im Mittelfeld der Bezahlung. Abgesehen von einigen vergleichsweise gut entlohnten Tätigkeiten sind 5 bis 10 Euro die Regel. Der enormen Zunahme von Minijobs konnte die Minibezahlung nicht schaden: In den vergangenen Jahren stieg ihre Zahl bundesweit auf mehr als 6,6 Millionen, überwiegend in den Bereichen Gebäudereinigung, Gastronomie, Einzelhandel und Gesundheitswesen. Über Sinn und Nutzen der in Anzeigenblättern und von Arbeitsagenturen offerierten Jobs wird heftig gestritten. Schaffen sie Arbeitsplätze oder vernichten sie diese? Können sie Arbeitslose zurück ins Berufsleben führen? Ermöglichen sie jedem Bürger einen angenehmen Nebenverdienst? Oder profitieren nur ausbeuterische Arbeitgeber von ihnen? Je mehr Fachleute man fragt, desto unterschiedlichere Antworten erhält man. Sicher ist nur, dass der Streit nun erneut entbrennt. Arbeits- und Sozialminister Franz Müntefering, der Sachverständigenrat sowie eine Mehrheit der großen Koalition wollen die Minijobvorschriften verschärfen. Statt wie bisher maximal 160 Euro soll Arbeitslosen in Zukunft deutlich weniger von ihrem 400-Euro-Verdienst übrig bleiben. Bei Löhnen zwischen 400 und 800 Euro wird dafür im Gegenzug die Abgabenbelastung sinken. “Die Leute sollen sich mit Hartz IV und Minijobs nicht einrichten”, so Müntefering. Vielmehr müssten sich Arbeitslose um höher bezahlte Tätigkeiten bemühen. “Das ist absoluter Hohn und eine Frechheit! Wo sollen denn die Arbeitsplätze herkommen?”, sagt Harald Thomé, Fachreferent und Berater für Arbeitslosen- und Sozialrecht in Wuppertal. “Wenn der Grundfreibetrag weiter gesenkt wird, treibt man Arbeitslose bewusst in die Armut oder in die Schwarzarbeit! Geplant ist, dass sie nur noch etwa 50 Euro behalten dürfen.” Einerseits zwinge man Betroffene unter Androhung von Sanktionen, Minijobs anzunehmen, andererseits lasse man ihnen von ihrem Verdienst kaum etwas übrig und sorge nicht für Vollzeitarbeitsplätze. “Das kommt einer gezielten Existenzvernichtung gleich”, resümiert Thomé, der die Interessenvertretung für Einkommensschwache, “Tacheles e.V.”,mitbegründet hat. Hohe Fluktuation. Laut einer Studie des Instituts Arbeit und Technik ist sie bei Minijobs mehr als doppelt so hoch wie bei sozialversicherungspflichtigen Stellen. Auch Annemarie Lechner, gelernte Elektrotechnikerin, hat schon mehrere Kleinsttätigkeiten ausgeübt: als Zimmermädchen, Verkäuferin, Tankstellenmitarbeiterin und Haushaltshilfe. “Der Job bei einer alten Dame im Haushalt war aber reine Schikane. Die hat mich von früh bis abends rumkommandiert, und das für fünf Euro in der Stunde. Ganz schön frustrierend”, sagt Lechner. Für private Haushalte rechnet sich das Kochen-, Putzenoder Pflegenlassen, da vom Brutto nur zwölf Prozent an Lohnnebenkosten anfallen. Je fünf Prozent gehen an die Renten- und Krankenversicherung, hinzu kommen zwei Prozent einheitliche Zusatzsteuer. Bei allen anderen Minijobs werden 30 Prozent Abgaben fällig. Darüber hinaus gelten grundsätzlich zahlreiche Sonderregelungen in Bezug auf Freibeträge, Beschäftigungszeiträume,Arbeitsentgeltgrenzen und Versicherungspflichten. “Eigentlich weiß ich gar nicht, wie das alles jeden Monat berechnet wird”, sagt Annemarie Lechner. Sogar Arbeitsmarktkennern fällt es bisweilen schwer, sich im Paragraphendschungel zurechtzufinden. Eine “Erfolgsstory” für Ulla Schmidt. Die Ministerin fällte bereits 100 Tage nach der Neuregelung der Minijobs im Jahr 2003 ein positives Urteil. “Mehr Beschäftigung auch für Menschen mit geringer Qualifikation, flexiblere und entlastende Regelungen für die Arbeitgeber, zusätzliche Einnahmen und Steuern.” Der Sozialrechtsexperte Harald Thomé widerspricht energisch. Nach seiner Ansicht habe die Politik mit der Forcierung der Minijobs einen “Traumzustand für das Kapital” geschaffen. “Versicherungspflichtige Jobs werden abgebaut und es wird nun erst recht keine Notwendigkeit gesehen, bedarfsdeckende Löhne zu zahlen. Das ist Betrug an den Sozialkassen”, sagt Thomé. Doch: Auch Minijobber haben Vorteile durch die niedrige Abgabenbelastung, besonders dann, wenn sie nur nebenbei auf 400-Euro-Basis arbeiten. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat herausgefunden, dass 82 Prozent der Menschen mit Niedrigsttätigkeit eigentlich schon einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit nachgehen. Folglich verschlechtern sich die Aussichten für gering Qualifizierte, denn je mehr Personen in die Billignische drängen, umso intensiver wird der Wettbewerb. “Mit meinen acht Euro pro Stunde habe ich sogar Glück”, sagt Jens Hofmann, dessen Minijob auf zwei Monate befristet ist. Dann beginnt die Suche aufs Neue. “Ich habe mein Leben lang gearbeitet und ich werde es auch weiter tun. Obwohl die Aussichten ziemlich frustrierend sind.” Dass Franz Müntefering nun die Freibeträge senken will und fordert, nicht ein Neben-, sondern ein Hauptverdienst müsse das Ziel von Arbeitslosen sein, macht Hofmann wütend. “Liebend gern würde ich mehr arbeiten als nur für 400 Euro. Aber ich finde keinen Job!” Widersprüchliche Wertungen. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband verlangt eine Abschaffung der Minijobs. Nach seinen Angaben sind im Gastgewerbe Vollzeitarbeitsstellen in dramatischem Ausmaß verloren gegangen. Ganz anders stellt der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels die Lage dar. Auf Minijobs und andere geringfügige Beschäftigungsverhältnisse könne man keinesfalls verzichten, heißt es dort. Ottmar Schader von der Münchner Arbeitsagentur kann sowohl Pro- als auch Kontra-Argumente nachvollziehen. “Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte”, meint er und fährt fort: “Minijobs ermöglichen Beschäftigung, ohne in den grauen Arbeitsmarkt abzugleiten, das sehe ich positiv. Andererseits wird es kritisch, wenn die Umwandlung ehemals sozialversicherungspflichtiger Stellen große Dimensionen annimmt.” Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) beurteilt Minijobs und den kompletten Niedriglohnsektor “extrem kritisch” und verweist darauf, dass allein zwischen 1999 und 2004 die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Vollzeitstellen um mehr als sechs Prozent abnahm, während die Kleinsttätigkeiten um knapp 32 Prozent zulegten. Laut DGB sei die These widerlegt, dass Minijobs für Arbeitslose eine Brücke in den Ersten Arbeitsmarkt darstellten.Michael Baab, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für Beschäftigung München, ist weniger pessimistisch und meint: “Leistungsbeziehern nach Hartz IV eröffnen Minijobs einen Weg, ihre Hilfebedürftigkeit zu reduzieren”. Sollte sich der insgesamt positivere Trend der vergangenen Monate auf dem Arbeitsmarkt fortsetzen, bedeuteten Minijobs keine Bedrohung für “reguläre” Beschäftigung, sondern deren sinnvolle Ergänzung. Rund 123 000 Münchner haben einen Minijob – viele von ihnen würden sich über die Festlegung eines gesetzlichen Mindestlohns freuen. Der Sozialrechtsexperte Harald Thomé sieht darin eine Möglichkeit, diesen Sektor des Arbeitsmarktes sinnvoller zu gestalten: “10 Euro Mindestlohn würden zumindest helfen, den Lohndumpingprozess zu stoppen.” Der DGB kämpft für mindestens 7,50 Euro, doch auch diese Forderung wird ebenso widersprüchlich bewertet wie die Minijobs an sich. Annemarie Lechner schüttelt über die anhaltenden Diskussionen den Kopf. Bis zu ihrem 55. Lebensjahr hatte sie stets Vollzeitarbeitsplätze. Dann kamen das Rheuma, die Scheidung, die Schulden. Immerhin durfte sie in ihrer Wohnung im Westend bleiben, die sie seit 24 Jahren bewohnt und deren Miete das Sozialamt übernimmt. “Ich will eigentlich nicht über Sachbearbeiter klagen, dazu habe ich schon zu viele gute Erfahrungen gemacht”, sagt sie. “Aber manchmal denke ich mir schon, dass die in ihren Büros gar nicht wissen, wie es wirklich in unserem Leben aussieht.”
Günter Keil

Zurück ins Geborgensein

Manchmal legen Kinder, die nicht wissen, wie es weitergehen wird, in ihrer Entwicklung den Rückwärtsgang ein

Eigentlich sollten Carla*, zwölf, und Anna*, sieben Jahre, das Wochenende bei ihrem Vater verbringen. Aber auch dieses Mal kommt Carla wieder ohne ihre kleine Schwester.Robert* und Claudia Neumann* leben seit vier Monaten getrennt, nachdem die Frau mit den beiden Mädchen ihren Mann von heute auf morgen verlassen hatte. Nach dem Grund gefragt, antwortet sie, dass es eben einfach nicht mehr ging, ihre Ehe sich totgelaufen habe, sie sich unverstanden und in ihrer persönlichen Entwicklung eingeschränkt fühle und mit diesem Mann einfach nicht mehr leben könne. Ihren Töchtern erklärte sie: „Der Papa tut uns einfach nicht mehr gut.“ Anna versteht das nicht.„Was war denn nicht mehr gut?“, wollte sie kürzlich von ihrem Vater wissen.Aber wie sollte Robert Neumann seiner Tochter erklären, worauf er seit Monaten selbst eine Antwort sucht? „Natürlich gab es hier und da mal Stress“, räumt er ein, „so wie in jeder anderen Familie halt auch. Aber alles in allem ging es uns doch gut.“ Die Kleine vermisst ihren Vater, die gemeinsamen Rad- und Bergtouren, die Wochenendausflüge und Picknicks, die Kino- und Museumsbesuche. Und die Gutenachtgeschichte, die er ihr jeden Abend vorgelesen hat. „Dabei meinte sie letzten Herbst noch, sie sei jetzt zu groß für Gutenachtgeschichten“, erinnert sich Robert Neumann lächelnd. „Schließlich ginge sie inzwischen zur Schule und könne schon ganz gut selbst lesen.“ Seit einigen Wochen liest Robert Neumann seiner Tochter wieder jeden Abend etwas vor.Am Telefon. Jeden Abend flüstert sie ihm beim Abschied zu, wie sehr er ihr fehle. Und immer wieder fragt sie, wann denn alles wieder gut werde und sie denn endlich wieder für immer zu ihm nach Hause dürften. Doch an den Besuchstagen und den so lange ersehnten gemeinsamen Wochenenden kommt Anna dann entweder gar nicht mit oder hält es beim Vater höchstens ein oder zwei Stunden aus. „Dann wird sie unruhig“, erzählt er mit Tränen in den Augen, „ruft ständig bei Claudia auf dem Handy an, will wissen, wo ihre Mutter ist und wann sie wiederkommt, glaubt ihr nicht,wenn sie sagt, sie sei zu Hause. Dann müssen wir hinfahren und nachschauen. Sie habe so Angst, dass die Mama sonst verschwindet, sagt sie.“ Und tatsächlich: Claudia Neumann ist nur noch ein Schatten ihrer selbst: blass, eingefallen und abgemagert, erkennen selbst gute Freunde die Frau kaum wieder. „Da sind die Ängste der Kleinen, die Mama könne ‚verschwinden‘, ja nicht ganz unberechtigt“, erklärt dazu die Familientherapeutin Karin Zerban vom Kinderschutzbund in München. „Außerdem lernen Kinder am Familienmodell. Das heißt, den überwiegenden Teil der Informationen, die sie zur Einschätzung und Beurteilung einer Situation benötigen, erwerben sie über Beobachtung. Sie schauen also sehr genau hin, wie Mama und Papa mit Frust und Enttäuschungen umgehen, ob sie Trauer, Wut und Angst zulassen, Scham und Reue empfinden, wie sie auf Ablehnung, Zurückweisung und Demütigung reagieren. Und so erspüren Kinder den emotionalen Zustand und die Verfassungslage ihrer jeweiligen Beziehungspartner auch eher, als dass sie ihn wirklich verstehen.“ Außerdem, so Karin Zerban, schwingen bei Kindern immer auch die Emotionen der Eltern mit – je jünger das Kind ist, desto mehr gleiche es sich der Gefühlslage der Eltern an, desto weniger könne es die Empfindungen und das Verhalten getrennt von sich betrachten: „Kinder fühlen sich verantwortlich, suchen unbewusst permanent nach Gründen und Lösungen – und empfinden sich dann oft selbst als das Problem.“ Deshalb sei es auch so wichtig, ihnen die Gründe für Konflikte und schwierige Lebensphasen – in adäquater und kindgerechter Weise – zu erklären. Unstimmigkeiten, Streit und Auseinandersetzungen gehören nun mal zum Leben dazu. Und auch Trennungserfahrungen sind heutzutage – ob man will oder nicht – ein zunehmender Bestandteil kindlicher Entwicklung und zwischenmenschlicher Beziehungen. Dass es zwischen den eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Vorstellungen und denen ihrer Eltern mitunter erhebliche Unterschiede gibt, erfahren Kinder in dieser Situation allerdings in ganz besonderer Weise: in Form außergewöhnlicher innerer, aber auch zwischen den Erwachsenen liegender Spannungen. Wie ein Kind mit diesen Spannungen umgeht, ist je nach Lebensalter und -erfahrung unterschiedlich. So wird das eine Kind durch klägliches Weinen, das andere Kind durch zorniges Schreien und Toben oder, wie Carla, durch scheinbares Desinteresse und demonstrativen Rückzug versuchen, diese Spannungen zu überwinden oder zu negieren. Nun haben die zwischenmenschlichen Beziehungen, in die ein Kind eingebettet ist, nachweislich ganz entscheidenden Einfluss auf sein körperliches Gedeihen, sein Selbstverständnis und sein inneres Weltbild. Die Qualitäten der Beziehungen zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen bestimmen seine soziale Entwicklung und sein Selbstbild. Und die primären Bezugspersonen stellen dabei einen maßgebenden Faktor dar.Eine Störung der elterlichen Fürsorge und Beziehung – beispielsweise durch Überforderung oder Gleichgültigkeit, durch Angst oder Verzweiflung – können die Entwicklung des Kindes deshalb nachhaltig beeinflussen. „Wenn etwa die Bezugspersonen selbst psychosozialer Not und Bedrängnis ausgesetzt sind, überträgt sich das auf das Kind“, weiß die Erzieherin und Autorin Edith Ostermayer. „Die Rolle eines ausgleichenden, stabilisierenden und harmonisierenden Elements überfordert ein Kind jedoch.“ Die möglichen Folgen: Kopf- und Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen bis hin zu Essstörungen und langfristig daraus folgenden Gewichtsschwankungen; Durchfall, Schlafstörungen, Erschöpfungszustände und Konzentrationsmangel. Und manch ein Kind begibt sich – in der Hoffnung auf sicheres Terrain – zurück auf frühere Entwicklungsstufen, in denen die Anforderungen der Umwelt und die eigenen Bewältigungsstrategien noch deckungsgleich waren. „Anna geht kaum noch raus, um mit anderen Kindern zu spielen“, berichtet Robert Neumann, der seinen einstigen Wildfang kaum wiedererkennt: „Sie sitzt fast nur noch zu Hause, spielt mit ihren Kuscheltieren oder schaut fern. Sie fürchtet sich im Dunkeln und lässt Carla und ihre Mutter kaum aus den Augen. Carla erzählt, dass Anna jede Nacht zu ihr ins Bett schlüpft und weint und sie das Licht zum Schlafen nicht ausmachen darf.“ Und Carla? „Carla ist wie immer“, sagt Robert Neumann. „Sie war schon immer eher ruhig und zurückhaltend, anders als Anna, liest lieber, als draußen herumzutoben. Sie kümmert sich liebevoll um Anna, geht aber ansonsten jeder Konfrontation mit dem Thema konsequent aus dem Weg.“ Dr. phil. Helmuth Figdor, Universitätsdozent am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Wien, Psychoanalytiker, Kinderpsychotherapeut, Erziehungsberater in freier Praxis und Autor mit dem Schwerpunkt Scheidung und Trennung, ist überzeugt: „Die Scheidung beziehungsweise Trennung ist für alle Beteiligten eine schwere Lebenskrise und zugleich eine große Chance: für die Erwachsenen eine Chance auf mehr Lebenszufriedenheit – allein oder in einer neuen Partnerschaft – und für die Kinder die Chance auf bessere psychische Entwicklungsbedingungen als in einem Konfliktmilieu.“ Von daher stelle sich für Eltern im Grunde nur eine Frage: Was können sie tun, um diese Chance auch zu nutzen? Der Experte weiß: „Oft fällt es Eltern schwer, das Richtige für ihre Kinder zu tun, wenn sie sich selbst in einer so schwierigen emotionalen Situation befinden – so dass sie zunächst einmal Hilfe für sich selbst benötigen, bevor sie in die Lage kommen, ihren Kindern die notwendige Unterstützung geben zu können.“ Vor allem müssten den Kindern die Gründe für die Trennung verständlich und ehrlich erklärt werden! „Jede nicht gegebene Erklärung wird vom Kind durch eine Phantasie über die Gründe der Trennung ersetzt. Diese Phantasien sind jedoch fast immer beunruhigender – zumal die meisten Kinder die Schuld bei sich selbst suchen und somit Liebesverlust oder Vergeltung durch die Eltern oder einen Elternteil fürchten. Der Grund ‚häufiges Streiten‘ ist nicht nur eine Angst machende Erklärung, sie ist auch falsch: Streiten gehört zu jeder (guten) Beziehung. Zur Trennung führt vielmehr das Ausbleiben liebevoller Versöhnung.“ Vor allem aber dürfen Eltern nicht darauf hoffen, daß die Kinder die Trennung ohne massive Reaktionen hinnehmen können.„Gesunde Kinder müssen auf die Trennung der Eltern reagieren:Angst, den Papa oder die Mama zu verlieren, Wut, Schuldgefühle, Beschämung und Trauer sind normale und unvermeidliche Gefühlsreaktionen.“ Deshalb findet Karin Zerban Annas Reaktionen auf die Trennung der Eltern eigentlich ganz gesund. Sie spiegeln ihr inneres Chaos wider, und sowohl Eltern als auch die große Schwester werden auf ihr Gefühlsdilemma aufmerksam. Besorgniserregender ist für die Therapeutin eher das Verhalten von Carla, die – in der Wahrnehmung der Eltern – „gar nicht reagiert“. „Carla erlebt das gleiche Gefühlschaos wie Anna, sie zeigt es nur nicht“, sagt Karin Zerban. Und das kann der Entwicklung des Mädchens auf Dauer schaden. „Carla braucht die Erfahrung, dass es normal ist, in Krisensituationen viele verschiedene Gefühle zu haben“, erklärt die Therapeutin. „Jetzt bewältigt sie diese Situation nur, indem sie sich zurücknimmt.“

Daniela Walther

Überwiegt der Frust?

Lehrstellenmangel: Einen Ausbildungsplatz bekommt man nur, wenn man hundertprozentig den Anforderungen entspricht

„Man kann nicht mehr das machen, was man will, sondern muss nehmen, was man kriegt“, fasst Ebru, 21 Jahre alt und in der Endphase der Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau, ihren Eindruck von der Ausbildungssituation in Deutschland zusammen. Mehr als 50 Bewerbungen hat sie nach der Mittleren Reife geschrieben, bis sie endlich eine Zusage bekam. „Das war dann schon ein Zufall, eigentlich wollte ich das gar nicht machen.“ Im Grunde wollte sie nämlich Bürokauffrau werden und hat sich, nachdem das nicht klappte, für ein Praktikum in einem Herrenbekleidungsgeschäft beworben. Die wollten sie gern als Azubi nehmen. Mittlerweile gefällt ihr das sogar sehr gut: „Ich hätte nicht gedacht, dass Beratung und Warenpräsentation und all das so viel Spaß machen.“ Das hat sich also gut gefügt. Nun aber kann sie in dem Ausbildungsbetrieb nicht übernommen werden: „Das ist blöd, wenn man gleich nach der Ausbildung gehen muss“, sagt Ebru, denn: „Lehrjahre zählen nicht als Erfahrungsjahre, und Erfahrung ist sehr wichtig“, erklärt sie ganz klar. Also schreibt sie wieder eifrig Bewerbungen, obwohl ihr die Absagen zu ihren Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz noch in den Knochen sitzen. Zumal sie weiß, dass ihr nicht wegen ihrer Leistungen, schulischer oder praktischer Art, abgesagt wurde.Bei manchen Firmen hatte sie nämlich damals nachgefragt und Ebru, die perfekt Deutsch sprechende Münchnerin türkischer Abstammung, bekam häufiger zu hören, dass keine ausländischen Mitarbeiter beschäftigt werden. Sie fand es nicht fair, dass sie sich nicht bewähren konnte, hätte sehr geschätzt, wenn „etwas Menschliches rübergekommen wäre“. Etwas einfacher hatte es Benjamin, 20 Jahre alt und ebenfalls als Auszubildender im Einzelhandel tätig. Er hat nur 20 Bewerbungen geschrieben und auch schon mal ein Angebot von sich aus abgesagt, bis das Passende darunter war. Aber auch er hat die Erfahrung gemacht: „Wenn du nicht hundertprozentig reinpasst, dann kriegst du keine Chance. Dafür gibt es zu viele Bewerber.“ Richtig persönlich hat er aber die Absagen nicht genommen. „Das geht nicht, dass ich mich davon runtermachen lasse.“ Nun arbeitet er in einem großen Möbelgeschäft und freut sich, wenn was los ist.„Wenn keiner was kauft, dann ist es öde.“ Er wird auch übernommen werden und plant, noch ein Jahr dort zu arbeiten. Nebenbei, am Abend, will er das Vorbereitungsjahr für die Berufsoberschule machen, um dann dort das Fachabitur nachzuholen. Benjamin und Ebru sind sich darin einig, dass die Anforderungen bei den Ausbildungs- und Arbeitsplätzen sehr hoch sind und das Auswahlraster zu eng ist. „Du musst in der Schule super sein, möglichst in der Nähe der Arbeitstelle wohnen, den Führerschein haben, flexibel sein …“, zählen sie auf. In der Schule haben die beiden Klassenkameraden keine Probleme.Mit ihren Lehrern verstehen sie sich gut und können sich auch an sie wenden, wenn es im Betrieb mal Schwierigkeiten gibt. „Die wären auf unserer Seite“, ist Ebru überzeugt. Nicht so gut auf ihre Lehrer zu sprechen sind Rudi, 18, und Steve, 17 Jahre alt, die ebenfalls zum Einzelhandelskaufmann ausgebildet werden. Denen ist der Unterricht zu langweilig, zu wenig lebendig. Die Schüler lernen besser, indem sie sich austauschen, aber eigentlich stört das keinen besonders. „Mir ist das egal, wie die Lehrer drauf sind“, sagt Steve.Ansonsten sieht er sehr zielorientiert in die Zukunft. Er hat nach seinem Quali (qualifizierter Hauptschabschluss) und etwa 50 Bewerbungen eine Ausbildungsstelle bei einer großen Lebensmittelkette erhalten. Nun, im dritten Lehrjahr, ist er bereits zum Abteilungsleiter aufgestiegen und rechnet deshalb fest mit einer Übernahme. Allem weiteren steht er offen gegenüber – und hoch motiviert. „Ich arbeite auf einen Aufstieg hin, und wenn die sehen, der arbeitet gescheit, dann wird es auch was bringen.“ Sein Selbstbewusstsein hat ihn schon bei der Stellensuche begleitet. Er hätte nämlich auch bei einem großen Schmuckgeschäft anfangen können. Dort absolvierte er den Eignungstest als Bester. Allerdings wurde beim Vorstellungsgespräch sein Kleidergeschmack bemängelt. „Das fand ich unhöflich, gleich im ersten Gespräch.Und das wollte ich mir auch nicht vorschreiben lassen, wie ich mich in meiner Freizeit anziehe.“ Rudi musste weniger Bewerbungen schreiben, nur 15, aber er ist nicht sehr glücklich in seiner Ausbildungsstelle und weiß nun, zum Ende der Ausbildung, dass er nicht übernommen wird. Es gab intern zwischen den Kollegen große Probleme, was dazu führte, dass er die meiste Zeit an der Kasse arbeiten musste. „Das sieht im Ausbildungsbuch nicht gut aus, wenn man immer dasselbe macht.“ Trotz der unguten Arbeitssituation wäre er aber froh gewesen, wenn er erst einmal noch hätte bleiben können. Eine neue Stelle hat er nämlich, trotz vieler Bewerbungen, noch nicht in Aussicht. „Ich habe Angst vor der Arbeitslosigkeit. Ich würde lieber weiterhin an der Kasse schuften und mir einen krummen Rücken holen, als keinen Job zu haben.Denn dann kann ich keine Berufserfahrung sammeln und habe kein Geld.“ Doch erst einmal geht er davon aus, dass er in den nächsten Monaten zum Zivildienst einberufen wird. Aber was kommt dann? „Ich denke an eine zweite Ausbildung“, so Rudi besorgt. Auch Ebru macht sich Gedanken, wie es weitergehen soll. Noch ist sie hoffnungsvoll – und auch sehr energisch: „Auf der Straße werde ich nicht stehen. Ich könnte nicht damit leben, wenn ich keinen Job habe!“ Aber wenn sie weiterdenkt, an die nächste Generation, dann wird es doch ein wenig düster: „Am besten sollte man wohl keine Kinder kriegen.Was sollen die denn noch machen?“

Die andere Seite
Die Ausbildungssituation ist derzeit schlecht. Im Ausbildungsjahr 2006 kamen nur 48 Prozent der Suchenden in einer betrieblichen Ausbildung unter, im September waren nach offiziellen Angaben 49 500 Jugendliche noch ohne Ausbildungsplatz. Und selbst wenn jemand einen Ausbildungsplatz hat, ist noch nicht sichergestellt, dass er anschließend einen Arbeitsplatz erhalten wird. Die Münchner Bäckerei Zöttl mit über 40 Filialen bietet jedes Jahr etwa sechs bis sieben Ausbildungsplätze für Bäckereifachverkäufer an. „Für diese Plätze gehen bei uns 30 bis 40 Bewerbungen ein“, sagt Dieter Ruch, der dort seit zehn Jahren Ausbilder ist. Die jungen Leute machen vor dem Ausbildungsbeginn ein einwöchiges Praktikum, damit sich Azubi und Betrieb vergewissern können, dass die Wahl auch passt. „Eine Woche reicht, danach kann man das sagen“, so Dieter Ruch. Danach weiß er, ob der Jugendliche seine Anforderungen an Pünktlichkeit, Sauberkeit, Interesse und Begeisterung erfüllt. Und meist liegt er damit richtig: „Das System funktioniert. Es gibt kaum Schwierigkeiten.“ Die Jugendlichen schätzen in der Regel, dass sie zu den glücklichen Gewinnern gehören. Sollten im Laufe der dreijährigen Ausbildungszeit dennoch einmal Probleme auftauchen, der Jugendliche unmotiviert ist oder nicht zur Arbeit erscheint, dann versucht Dieter Ruch mit ihm darüber zu sprechen. „In der Regel sind dann private Gründe die Ursache“, erklärt der Ausbilder, schließlich seien die Azubis noch jung und würden manchmal von pubertären Problemen geplagt. Diejenigen, die gut abschneiden, werden in ein Arbeitsverhältnis übernommen. Lediglich 0,3 Prozent pro Jahr kann diese Möglichkeit wegen mangelhafter Leistungen nicht angeboten werden. Alle drei Monate trifft Ausbilder Ruch seine Azubis zu einer internen Schulung. Dort soll das praktische Wissen vertieft werden, wird über Produkte informiert, werden Verpackungstechniken vermittelt und Kundengespräche geübt. Und wichtig ist Dieter Ruch, dass er seine Azubis für ihre Arbeit begeistern kann. „Die Freude an der Sache ist sehr wichtig. Wenn ein Verkäufer den Mund nicht aufkriegt, dann kann das Brot noch so gut sein, der Verkaufserfolg ist fraglich.“ Dieter Ruch stellt Unterschiede fest: „Man kann mit manchen Jugendlichen besser als mit anderen arbeiten.“ Er führt das auch auf ein unterschiedliches Bildungsniveau zurück und: „Die Schulen sind häufig überfordert. Die Lehrer müssen zu viele erzieherische Aufgaben wahrnehmen. Die Schulnoten sind schlechter, vor allem in Deutsch und Mathe.“

Dorothea Büchele