zum Beispiel: Patrizia H.
Derart fremd, wie das Wort “substituiert” klingt, ist für viele Menschen auch die Welt, in der sich Patrizia H. jahrelang bewegt hat. Die 35-Jährige war süchtig, nach Tabletten, nach Alkohol, nach Heroin, nach sämtlichen Stoffen, die sie high machten. “Polytoxikoman nennt man das. Ich habe einfach alles genommen, was mir in die Finger kam”, sagt sie heute. Da ihr damaliger Freund Dealer war, gab es meist ausreichend Stoff. Genügend, um sich ständig im Drogennebel zu bewegen. Erst eine Substitutionstherapie hat ihr wieder den Blick frei gemacht für ein Leben ohne Dauerrausch. Anstelle von Heroin nimmt sie heute unter medizinischer und sozialpädagogischer Kontrolle den legalen Ersatzstoff, das Substitut L-Polamidon ein. Ihre Drogenkarriere hat vor zirka 20 Jahren angefangen. “Eingestiegen bin ich mit Kiffen. Dann ging es weiter mit immer härteren Sachen bis zum Heroin.Wann immer ich versucht habe aufzuhören, bin ich wieder rückfällig geworden. Deswegen hat mich der Arzt, der mich anfangs substituiert hat, für unbelehrbar erklärt und aus seiner Praxis rausgeschmissen.” Das war 1997. Aber Patrizia wollte sich nicht aufgeben. Also ging sie zur Clearingstelle der Landeshauptstadt München. “Die Beraterin dort hat mir einen Glücksstein geschenkt. Das hat mir scheinbar geholfen und Mut gemacht für meinen nächsten Anlauf.” Die Frau schickte Patrizia zur Methadonambulanz der Caritas, wo sie zunächst einen Aufnahmebogen ausfüllen, sich einer medizinischen Untersuchung unterziehen und ein Einführungsgespräch mit einem der Sozialpädagogen führen musste.Wer sich dort dem Substitutionsprogramm anschließen will,muss klare Regeln befolgen. Patrizia wollte. Und wurde eine der insgesamt 40 Patienten in der Landwehrstraße. Anfangs war sie aufgefordert, wie alle anderen Neulinge auch, jeden Morgen in die Ambulanz zu kommen und unter der Aufsicht eines Arztes und eines Sozialpädagogen ihre Dosis L-Polamidon in flüssiger Form einzunehmen. “Vor allem ging es darum, dass ich keinen Beigebrauch mehr hatte.” Mittels Urinkontrollen wird stichprobenartig überprüft, ob die Patienten neben dem verabreichten Ersatzstoff Alkohol, Tabletten oder gar wieder Heroin nehmen. Der so genannte Beikonsum ist im Substitutionsprogramm absolut tabu. Patrizia ist das nicht leicht gefallen. Speziell am Anfang habe sie immer wieder den Rauschzustand gesucht, sagt sie. Doch das kann schwerwiegende Folgen haben.Wird durch die Kontrollen neuerlicher Missbrauch festgestellt, sind die begleitenden Sozialarbeiter angehalten, das der Bundesopiumstelle zu melden. Patienten, die immer wieder ausscheren, fliegen aus dem Programm und verbauen sich möglicherweise ihre ganze Zukunft. “Hier in der Caritas wird viel über diese Dinge geredet, über Rückfälle und die Konsequenzen”, sagt Patrizia. “In Einzelgesprächen mit den Betreuern, aber auch in der Gruppenrunde mit den anderen Süchtigen wird man dann mit seinen Ausrutschern und Fehlern konfrontiert. Da bricht man schon mal in Tränen aus. Aber nur so lernt man dazu und entwickelt sich weiter”, ergänzt sie. Nach einigen Monaten stabilisierte sich ihr Zustand, und sie musste nur noch werktags in die Methadonambulanz. Fürs Wochenende bekam sie ein Rezept, um sich das Mittel selbst aus der Apotheke zu holen. Inzwischen hat sie sich so weit im Griff, dass sie den Stoff für sechs Tage verschrieben bekommt und sie ihn täglich eigenständig rationiert. Nur noch einmal die Woche muss sie das Mittel im Beisein von Betreuer und Arzt schlucken. Zudem konnte die Dosierung des Ersatzstoffes nach und nach gesenkt werden. Ein großer Erfolg ist für Patrizia, dass sie seit einem Jahr im Rahmen einer Wiedereingliederungsmaßnahme einem Ein- Euro-Job nachgehen kann. Sie ist in der Verwaltung eines Büros tätig.Während ihrer Heroinabhängigkeit wäre Arbeiten “gar nicht denkbar” gewesen. Alles habe sich nur um den Stoff gedreht und um die Drückerei. “Ich bin froh, dass ich nicht mehr die Spritze benutzen muss. Irgendwann sind sämtliche Stellen am Körper so zerstochen, dass man keine Ader mehr trifft. Die Substitution hat mein Leben wieder in die richtige Bahn gelenkt.” Bei der Caritas fühlt sie sich gut aufgehoben. “Die Leute hier sind wie eine Familie für mich.”
Mittlerweile hat es die zierliche junge Frau schon weit gebracht. Sie nimmt nur noch eine ganz geringe tägliche Dosis L-Polamidon. Anzusehen ist ihr die harte Drogenvergangenheit ohnehin nicht mehr. “Man achtet eben auch wieder mehr auf sich und sein Äußeres”, sagt sie fröhlich.Vor allem der Job schenke ihr Selbstvertrauen.”Man hat endlich wieder einen Platz.Man muss Verantwortung tragen und hat ein gutes Gefühl, wenn man einen Auftrag sauber hingekriegt hat.” Nach Ablauf der beruflichen Integrationsphase in diesem Jahr will sie sich um eine richtige Festanstellung bewerben. Sie freut sich, dass sie langsam, aber sicher ins normale Dasein zurückkehren kann. Dazu gehört der rege Kontakt zu Nichtsüchtigen, zur Familie und die Tatsache, nicht mehr vor alltäglichen Fragen anderer Menschen Angst haben oder lügen zu müssen. Während ihrer Heroinsucht habe sie ja nicht mehr viel Normales zu erzählen gehabt. “Ich bin, wenn überhaupt, einmal am Tag ein paar Lebensmittel und neue Spritzen kaufen gegangen. Das war kein Leben mehr”, sagt sie und schüttelt den Kopf dabei. “Jetzt möchte ich noch mal ganz neu anfangen.”
Anuschka Schmid
IN MÜNCHEN befinden sich derzeit laut Bundesopiumstelle etwa 2000 Drogensüchtige in einer Substitutionstherapie. “Die Substitute sind synthetisch hergestellte Opiate”, erklärt Richard Lipold, Leiter der Münchner Methadonambulanz der Caritas. Im Gegensatz zu den Drogen von der Straße sind sie legal, sauber und werden nur von entsprechend qualifizierten Ärzten kontrolliert verabreicht. Zu den flüssigen Ersatzstoffen zählt man Methadon, L-Polamidon und Codein. Nur Buprenorphin wird als Tablette eingenommen. Die Ausgabe unterliegt der strengen Kontrolle durch das Betäubungsmittelgesetz und der BtM-Verschreibungsverordnung. Die Drogensubstitution ist unter Experten umstritten, weil Methadon und Co. “im Prinzip die gleiche Wirkung” haben wie Heroin und genau so süchtig machen wie andere Opiate, erörtert der Sozialpädagoge Lipold. Substituierende Ärzte seien deshalb teilweise als “Dealer in Weiß” verschrien. “Das Problem ist, dass es keinen Alternativstoff ohne Opiat gibt, der die Entzugssymptome aufhebt.” Da die Substitute, je nach Menge, eine Halbwertszeit von bis zu 48 Stunden haben, sei das Empfinden jedoch gemäßigter. Der Druck, sich schon nach wenigen Stunden Nachschub zu beschaffen, fällt weg und macht es vielen Konsumenten möglich, einer Ausbildung oder einer Arbeit nachzugehen. Heroin hingegen fährt heftig in den Körper ein, hat eine kürzere Wirkungsdauer und macht träge bis handlungsunfähig. Durch die gesetzlich geregelte Substitution werden die Abhängigen “entkriminalisiert”, denn durch Diebstahl, Betrug und Prostitution versuchen sie, ans schnelle Geld heranzukommen, um sich Drogen kaufen zu können. “Ein weiterer Vorteil ist, dass man die Abhängigen erreicht, die für einen vollständigen Entzug noch nicht bereit sind”, erklärt Lipold. Manche würden sich danach in einer Klinik von der Sucht therapieren lassen. Anderen wiederum würde die Gesprächstherapie im Anschluss ausreichen. Für viele sei das die passende “Vorbereitung für alle weiteren Schritte”, um irgendwann ganz ohne Drogen auskommen zu können.
anusch




