In die Schieflage gebracht

Arbeitsmarktreformen: Waren die zuständigen Politiker kurzsichtig oder hatten sie im Wesentlichen die Interessen der Wirtschaft im Blick?

Planbare Zukunft war gestern Um es vorwegzunehmen: Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist kompliziert und wird es wohl auch bleiben. Die Einflüsse auf die Beschäftigungsentwicklung in einzelnen Berufen, Branchen und Regionen, erklärt Anja Kettner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, seien einfach sehr vielfältig und die Auswirkungen einzelner Faktoren mitunter gravierender, als auch Ökonomen dies erwarten würden. Damit werden die zukünftigen Beschäftigungschancen für den Einzelnen schwieriger kalkulierbar. Worauf man sich allerdings einrichten könne, ist: Das Risiko, als ganz normaler Arbeitnehmer Lesen Sie weiter bei »In die Schieflage gebracht«…

München baut

Dennoch wird sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt in den nächsten zwei Jahren verschärfen

München ist eine attraktive Stadt, deren Einwohnerzahl ständig steigt. Während in manch anderen Städten die Häuser leer stehen, ist Münchens größtes Problem der Wohnraummangel.Also wird gebaut.Wer durch die Straßen spaziert, sieht zahlreiche Kräne in den Himmel ragen, stößt auf Bauzäune, hört es rumoren und hämmern. In der Messestadt Riem entstehen insgesamt 6400 neue Wohnungen, auf der Theresienhöhe sind gerade 1400Wohnungen fertig geworden und auf den Flächen der Bahn entlang der Achse Hauptbahnhof– Laim–Pasing sollen rund 8000 Wohnungen geschaffen werden. Demnächst startet im Münchner Westen, in Freiham, der Bau Lesen Sie weiter bei »München baut«…

Ein Massenverarmungsprogramm

Es gibt Kinder in Deutschland, deren Ernährung höchstens 1,93 Euro am Tag kosten darf

Das Hauptproblem von Hartz IV sind die rigiden Vorgaben, die dem einzelnen Mitarbeiter wenig Ermessensspielraum lassen. „Ich sehe Ihr Problem, kann Ihnen da aber nicht helfen“, ist oft die hilflose Reaktion der Beratenden auf die Notlagen der Betroffenen. Ohnmächtig sind sie beispielsweise bei der Höhe der monatlichen Regelleistung, die mit 347 Euro schon Alleinstehenden keine menschenwürdige Existenz erlaubt. Partner erhalten 312 Euro, bis 25-Jährige 278 Euro. Für Kleidung und andere besondere Anschaffungen muss davon etwas angespart werden, denn die früheren Beihilfen wurden mit Hartz IV abgeschafft. Ganz erbärmlich wird es, wenn man die Einzelkalkulationen dieses Monatsbudgets betrachtet. Da bleibt für ein Kind unter 14 Jahren ein Nahrungsmittelanteil von 1,93 Euro täglich. Damit ist keine gesunde Ernährung möglich. Der Getränkeanteil von 23 Cent reicht kaum für ein Glas Apfelsaft. Selbst die Aufwendungen für Taufen, Konfirmations- und Kommunionsfeiern,Hochzeiten und Begräbnisfeiern müssen aus der dürftigen Regelleistung angespart werden. Das Schlimmste aber ist, dass für den Bereich Bildung nicht ein Cent eingeplant ist. Fast zwei Millionen Kinder in Deutschland können sich keine Nachhilfe leisten und kein Musikinstrument erlernen. Für Schulmaterial stehen monatlich 1,64 Euro zur Verfügung, da wird der Beginn eines Schuljahrs zum Horror. Auch die inzwischen drakonischen Strafen bei Pflichtverstößen und Arbeitsverweigerung bringen die Arbeitsvermittler oft in Gewissensnöte. So muss bei bis 25-Jährigen die Geldzahlung komplett für drei Monate gestrichen werden – selbst wenn es nur darum geht, dass der- oder diejenige einen 1-Euro-Job verweigert, wieder abbricht oder einen Vorstellungstermin versäumt. Einer unserer Sozialdienste musste eine 24-jährige Schwangere im siebten Monat der Totalkürzung mit Unterernährung ins Krankenhaus bringen. Die in diesem Zusammenhang geführten Diskussionen über die „soziale Hängematte“ und „Sozialschmarotzer“ sind großteils Scheingefechte. Als die Bundesagentur eine Million Hartz- IV-Empfänger durchleuchtete, lag die Missbrauchsquote bei einem Prozent. Das erreichen wir bei der Steuerehrlichkeit nie. Das ganze Hartz-IV-System kostet zirka 35 Milliarden Euro. Allein der Schaden durch Steuerbetrug wird auf mehr als das Doppelte geschätzt. Hartz IV ist bislang ein Massenverarmungsprogramm. Wir haben heute viel mehr Hilfebedürftige als zu Beginn im Januar 2005. Das liegt auch an den Löhnen – inzwischen arbeitet schon jeder fünfte Beschäftigte für Niedriglohn. Er braucht also trotz Arbeit aufstockende Hartz-IV-Leistungen,weil er seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten und seine Miete nicht bezahlen kann. Bei dieser Entwicklung verliert auch der Mittelstand. In den vergangenen 20 Jahren haben nur die obersten drei Zehntel der Gesellschaft Vermögen hinzugewonnen, alle anderen haben verloren. Daran ist die Steuerpolitik wesentlich beteiligt, die zu einer gigantischen Umverteilung nach oben führt. Beschäftigte und Konsumenten tragen inzwischen etwa 80 Prozent der Steuerlasten, die Gewinneinkommen nur noch etwa 12 Prozent. Zur Erinnerung: Es waren einmal gleich große Anteile. Vom wirtschaftlichen Wachstum bekommt die Gewinnerseite jedoch über 70 Prozent ab, die abhängig Beschäftigten weniger als 30 Prozent. Bei diesem unfairen Spiel hat Deutschland auch noch die niedrigste Gewinnbesteuerung aller OECD-Staaten, niedriger als in den USA oder gar Island. Sparbuchzinsen werden versteuert, Riesengewinne an der Börse werfen jedoch kaum einen Cent für die Gemeinschaft ab. Fast alle glauben, wir könnten uns den Sozialstaat nicht mehr leisten oder er sei sogar die Ursache der Probleme. Unter dem Schutz dieser raffiniert manipulierten öffentlichen Meinung können sich die mehr als vier Billionen Euro an privatem Geldvermögen weiter konzentrieren. Das oberste Zehntel der Bevölkerung besitzt inzwischen schon über 80 Prozent davon. Wenn durch immer bessere Technik immer weniger Menschen die notwendigen Güter herstellen können, kann die Lösung nicht sein, die übrigen in die Armut zu stürzen.Wenn wir nicht immer mehr Menschen als hilfebedürftig abstempeln und demütigen wollen, brauchen wir ein bedingungsloses Grundeinkommen oder Bürgergeld für alle, das die Menschen zur kreativen und sinnvollen Tätigkeit befreit. Fast jeder hätte hierzu eine vernünftige Idee. In fast jeder Partei gibt es inzwischen solche Überlegungen. Das Geld dazu ist da, wenn man an die unzähligen Sozialleistungen denkt, die von großen Behördenapparaten mit Anspruchs- und Bedürftigkeitsprüfungen abgewickelt werden.Wir geben hierfür fast 600 Milliarden Euro aus, die wir zu einem großen Teil für das Grundeinkommen einsetzen könnten. Und wenn der Reichtum sich auch wieder solidarisch mit der Gemeinschaft zeigen würde, könnten Millionen aus der Bedürftigkeitsfalle befreit werden und gesellschaftlich sinnvolle Arbeit verrichten. Inzwischen gilt soziale Gerechtigkeit als wichtigstes politisches Problem in der Bevölkerung. Dieses Empfinden besteht zu Recht, denn heute spürt man deutlicher als früher, was der amerikanische Präsident Abraham Lincoln wie folgt ausdrückte: „Alle Menschen kommen gleich auf die Welt. – Aber es ist das letzte Mal, dass sie es sind.“

Frieder Claus

Denken in Raten

Das langfristige Ziel ist die Entschuldung, doch den Weg dahin legt man in kleinen Schritten zurück

Schulden macht man, wenn man mehr ausgibt, als man einnimmt. Doch ganz so einfach lässt sich die Dynamik des Geschehens nicht erklären, denn: “Schulden haben sehr unterschiedliche Qualitäten. Wenn jemand eine Immobilie oder ein Auto kauft, die Finanzierung solide geplant hat und nach Bezahlung der monatlichen Rate noch genug Geld zum Leben übrig behält, handelt es sich nicht um Schulden, bei denen ich ins Spiel komme”, sagt der ehrenamtliche Schuldnerberater Klaus Schorlemmer. Der 63-Jährige sitzt in seinem Büro im Stadtteil Gern mit Blick auf die Magdalenenstraße. Der Vormittag vergeht ruhig in der Schuldnerberatungsstelle des Evangelischen Hilfswerks, die Klienten kommen im Stundenabstand in Schorlemmers Büro. Der kleine Raum ist spartanisch möbliert und aufgeräumt; sauber beschriftete Aktenordner stehen im Schrank, auf dem Schreibtisch ein Telefon. Kein Computer, keine Zettel. Hier kommt man sofort zur Sache, denn wer vor Klaus Schorlemmer Platz nimmt, braucht direkte und ganz praktische Hilfe, weil die Finanzen völlig aus dem Ruder gelaufen sind. Der Schuldnerberater analysiert dann die Situation, verschafft sich einen Überblick. Er spricht mit den Gläubigern und sucht eine tragfähige Lösung. “Manche Gläubiger begrüßen uns wie gute Helfer, für andere sind wir ein rotes Tuch”, so Schorlemmer. Er sieht seine Aufgabe darin, Menschen, die zu ihm kommen, von ihren Schulden zu befreien. Dazu ist Verhandlungsgeschick nötig, vor allem, wenn Gläubiger verstehen sollen, dass sie sich mehr als glücklich schätzen können,wenn sie noch zehn oder 20 Prozent der eigentlichen Schuldsumme erhalten. “Es kommen immer mehr junge Leute in die Schuldnerberatung. Das ist ein ganz klarer Trend”, den Schorlemmer seit einiger Zeit beobachtet. “Und ich bin immer wieder verwundert,wie blauäugig sie in die Falle gehen.” Manche sind gerade mal 20 Jahre alt und bereits mit 50 000 Euro im Minus. Ein Beispiel: Sabine ist verschuldet und bekommt keinen neuen Handy-Vertrag mehr. Also fragt sie ganz lieb nach, ob Anna, ihre beste Freundin, nicht stellvertretend einen Vertrag abschließen könnte. Anna will keine Spielverderberin sein, außerdem ist sie der Meinung, dass jeder Mensch das Recht auf ein Handy hat. Leider übersieht sie dabei, dass sie auch für die Gesprächskosten geradestehen muss. Da kommen hohe Beträge zusammen, denn Sabine hat ihrem Freund, der gerade in den USA lebt, unendlich viel zu erzählen. “Die Gläubiger sind in den vergangenen Jahren hart geworden, die Mahnungen kommen sehr schnell und sind außerordentlich aggressiv formuliert. Es gibt keine Unternehmensleiter mehr, die sich überlegen, ob sie einem guten Kunden auch mal etwas stunden sollten”, sagt Klaus Schorlemmer. Der Schuldnerberater kennt viele Faktoren, die ins finanzielle Aus führen können. Arbeitslosigkeit ist einer der wichtigsten. “Es fällt den Menschen sehr schwer, ihre Bedürfnisse an die neue, schmalere Ertragslage anzupassen.” Der schnelle Wechsel von Arbeitslosengeld I zu Hartz IV verschärft die Situation. Binnen Jahresfrist sind viele Arbeitslose auf dem Einkommensniveau von Sozialhilfeempfängern angelangt. “Das ist in meinen Augen die größte Katastrophe und eines Sozialstaats absolut unwürdig. Doch die Folgen des Gesetzes werden wir erst in einigen Jahren zu sehen bekommen”, vermutet der Schuldnerberater. Eheprobleme können eine weitere Ursache sein. Eine Scheidung lässt sich auch in intakten finanziellen Verhältnissen nur schwer verkraften. War die Balance zwischen Einkommen und Ausgaben schon zuvor gestört, führen Unterhaltsforderungen und zwei getrennte Haushalte in die finanzielle Katastrophe. Nach Schorlemmers Erfahrung sind unglückliche Immobilienspekulationen und die Tatsache, einfach mit Geld nicht umgehen zu können, zwei weitere Faktoren. “Die Banken machen es ihren Kunden außerdem viel zu leicht, Geld aufzunehmen”, sagt er.Bereits bei der Eröffnung eines Girokontos kommt die Einladung zu einer Überzieherkarriere frei Haus. Es ist fast die Regel, dass man einen Dispositionskredit von drei Monatsgehältern eingeräumt bekommt. Auch seriöse Banken zeigen sich dabei ziemlich spendabel. “Das hat natürlich damit zu tun, dass sie nicht von Kunden leben können, die lediglich ihr Gehaltskonto führen und immer auf der Habenseite bleiben. Aber wie soll ein allein verdienender Familienvater einen solchen Dispositionskredit bedienen können?”, sagt Schorlemmer. Deshalb folgt an diesem Punkt der immer gleiche Mechanismus.Die Bankberater bestellen den Dispo-Rahmen-Überzieher zu einem Termin und bieten ihm an, die Summe in einen Ratenkredit umzuwandeln. “Das ist zunächst sehr sinnvoll, denn das ist billiger als die Dispo-Zinsen.” Doch wenn die akute Last erst einmal vom Schuldner abfällt, dauert es meist nicht lange, bis die Dispo- Grenze erneut erreicht ist. Da hilft, zumindest nach der Logik der Banken und der Konsumenten, nur eins, nämlich, den Ratenkredit zu erweitern. Der eingeschlagene Weg kann in den Ruin führen. Der Umgang mit Schuldnern ist Banken seit Langem geläufig. In den Darlehenskonditionen ist das Scheitern einiger Kunden bereits einkalkuliert. Als weitsichtige Geschäftspartner treiben die Geldhäuser mit dem Risiko sogar Handel. Einzelbanken schnüren die vergebenen Kredite zu attraktiven Zehntausenderbündeln und verkaufen sie als riskante Anlagen an andere Banken und Fondsgesellschaften. Manchmal geht die Rechnung nicht auf, wie das Beispiel der amerikanischen Häuslebauer gezeigt hat. Deren massenhafte Zahlungsunfähigkeit bringt auch deutsche Banken in Bedrängnis, die sich beim Kauf der Immobilienkredite verschätzt haben. Wenn absehbar ist, dass ein Schuldner seine Verbindlichkeiten lebenslang nicht wird tilgen können, geben sich die Gläubiger mit einer Teilsumme zufrieden. Sie nehmen den Spatz in die Hand, behalten aber die Taube auf dem Dach durchaus im Auge.”Restschuldbefreiung” heißt nämlich nicht, dass die Forderungen verfallen, sondern nur, dass sie nicht eingeklagt werden können. Hartmut Kunz (Name geändert) ist 30 Jahre alt.Vor zehn Jahren stürzte er innerhalb weniger Monate ins finanzielle Desaster. “Ich habe es noch nie richtig geschafft, mit dem Geld auszukommen, das ich als Schreiner verdient habe”, sagt er. Es begann relativ harmlos. Immer waren die Ausgaben ein klein wenig höher als der Monatslohn, und wenn der Dispo-Kredit gar nicht ausreichte, sprang Hartmuts Mutter ein und schoss ein paar Hunderter dazu. “Irgendwann hatte ich überhaupt keine Lust mehr, jeden Monat zu knausern und immer meine Kohle zählen zu müssen. Ein paar meiner Freunde hatten sehr viel mehr zur Verfügung. Das hat mich wahnsinnig gereizt.” Als ihm ein flüchtiger Bekannter einen nebenberuflichen Job anbot und großartige Verdienstmöglichkeiten versprach, ließ Hartmut sich nicht lange bitten. Es ging darum, Geldanlagen unter die Leute zu bringen. “So wie mir das auf der Schulung erklärt wurde, waren das sichere Investitionen mit einer super Dividende. Ich dachte: Na klasse, du verdienst, die Leute verdienen, da kann nichts schiefgehen.” Das Geschäft endete vor dem Richter, und der fand die ganze Angelegenheit kriminell. “Ich hatte noch Glück. Er hat mir geglaubt, dass ich nicht wirklich eine Ahnung hatte, worum es bei den Verträgen ging. Sonst wäre ich noch in den Knast gekommen.” Die Strafe aber wirkt bis heute nach, denn Hartmut Kunz muss den Schaden, den er verursacht hat, zurückzahlen, insgesamt waren es fast 100 000 Euro. Inzwischen ist er verheiratet und hat drei Kinder. Hartmut Kunz sagt, dass er finanziell dadurch schlechter dran sei – aber er weiß auch, dass er durch das Entschuldungsprogramm hindurchmuss, um überhaupt jemals wieder eine Chance zu haben. “Es ist ganz schön hart, wenn deine Kinder die zuständige Gerichtsvollzieherin beim Namen kennen und sie wie eine gute Bekannte an der Wohnungstür begrüßen.” “Bemerkenswert ist, dass nicht nur Menschen mit geringen Einkünften sich völlig verschulden”, so Klaus Schorlemmer. Vor ihm nehmen auch Ärzte, Rechtsanwälte und Manager Platz. “Ich hatte mal jemanden zur Beratung da, dem haben tatsächlich 18 000 Euro im Monat nicht ausgereicht.” Schließlich bräuchten seine Frau und seine Tochter je ein Pferd und seine Freundin stelle ebenfalls Ansprüche. “Nun ja, in einem solchen Fall sind einem als Schuldnerberater die Hände gebunden, und genau das habe ich ihm auch gesagt.”
Bernd Hein

Vier Stufen
Seit Januar 1999 steht auch Privatpersonen die Möglichkeit offen, Insolvenz (Zahlungsunfähigkeit) anzumelden und damit in ein geordnetes Verfahren zur Bewältigung der Verbindlichkeiten einzutreten. In vier Stufen soll der bestmögliche Ausgleich zwischen den Interessen der Gläubiger und des Schuldners hergestellt werden. Die erste Stufe sieht eine außergerichtliche Regelung vor. Die zweite Stufe führt vor Gericht: Dort werden Ansprüche der Gläubiger geprüft und Angebote der Schuldner zur Tilgung oder Verringerung der Forderungen angeordnet, die sich an der Finanzkraft des Schuldners orientieren. Das Verbraucherinsolvenzverfahren ist die dritte Stufe. Hierbei ist das Restvermögen des Schuldners nach einem angemessenen Schlüssel an die Gläubiger zu verteilen. In Stufe vier geht es um die Zukunftsfähigkeit des Schuldners. Wenn er sechs Jahre lang alle Verdienste jenseits der pfändungsfreien Grenze an die Gläubiger abführt, kann ihm die Restschuld erlassen werden.
bh

Hinschauen, auch wenn es wehtut

Gegen die Drogenabhängigkeit ihres Kindes sind Eltern machtlos. Es gehört Mut dazu, die Sucht zu akzeptieren und den Kampf gegen sie aufzunehmen

Ihre heile Welt brach im Oktober 1996 zusammen. “Mama, ich nehme seit Januar Heroin”, beichtete ihr damals 20- jähriger Sohn. In der Familie schlug das Bekenntnis ein wie eine Bombe. “Ich bin aus allen Wolken gefallen”, erinnert sich Ilse Reinhardt*. “Doch nach dem ersten Schock kam mein Tatendrang zum Durchbruch”, so die 64-Jährige. Sie versorgte sich mit Informationen aus Fachbüchern, konsultierte Ärzte und rief bei der Drogenberatung an. Schließlich erfuhr sie durch eine Freundin von einem Elternkreis, in dem sich Angehörige von drogenabhängigen Jugendlichen regelmäßig treffen. “Es war sofort eine große Erleichterung, mit Leuten zu reden, die Ähnliches durchgemacht hatten. Denn Freunde und Verwandte konnten sich nicht richtig einfühlen. Die wussten nicht, wie schlimm es war zu erfahren, dass das eigene Kind abhängig ist”, sagt sie. Noch immer besucht Ilse Reinhardt die Treffen. Nicht ausweichen, sondern hinsehen. Nicht verdrängen, dass die Kinder auf einmal aggressiv werden, sich anders kleiden, öfter krank sind, manchmal extrem aufgedreht wirken oder sich abwenden. Wenn plötzlich andere Freunde auftauchen, das morgendliche Aufstehen zum Problem wird, die schulischen Leistungen abfallen und die Nacht zum Tag gemacht wird, sollten bei den Eltern nicht nur die Alarmglocken läuten, sie sollten versuchen mit dem Kind zu reden und ihm zuzuhören. Ein drogenabhängiges Kind macht anfangs meist hilflos oder wütend oder beides zugleich. Das Zugeständnis, dass irgendetwas schiefgelaufen ist, das zunächst niemand benennen kann, erfordert Mut. “Ich würde sagen, es war eine absolute Notwendigkeit, dazu zu stehen und zu handeln”, meint Gerda Maier, die seit zehn Jahren den Elternkreis besucht. Die Sekretärin erwischte ihren Sohn beim Kiffen und bestand darauf, dass er sofort mit dem Rauchen aufhören solle, und schleppte ihn zum Arzt. Der Druck zeigte Wirkung. Auch Hans Kesel und Wolfgang Riemer handelten schnell.”Ich wusste zuerst zwar überhaupt nicht, was ich tun sollte, aber mir war klar, dass ich das nicht aussitzen würde”, sagt Riemer.Der inzwischen pensionierte leitende Angestellte kontaktierte die Drogennothilfe und besuchte mehrere Initiativen, bevor er auf den Elternkreis stieß. “Es ist zu Beginn zwar ziemlich hart, die Geschichten der anderen Betroffenen zu hören, aber es hilft, die eigenen Erlebnisse aufzuarbeiten. Nach einiger Zeit fühlt man sich wie in einer kleinen Familie”, sagt er. Man riet ihm gleich zu Beginn, den Gedanken aufzugeben, er könne seinen Sohn zur Einsicht zwingen. Das fiel Riemer nicht leicht, ebenso Geduld zu bewahren und den Rat zu beherzigen, sich wieder eigenen Interessen zuzuwenden, um dem Abhängigen zu zeigen, wie er sich isoliert. “Früher dachte ich, es wird wohl an den Eltern liegen, wenn ihre Kinder Drogen nehmen”, sagt Hans Kesel. Dass zwei seiner drei Söhne abhängig werden könnten, hätten er und seine Frau niemals für möglich gehalten. “Sie waren sportlich, sozial engagiert und wuchsen in einem so genannten behüteten Elternhaus auf. Als sie mit 17 und 19 Jahren aufmüpfiger wurden, sich oft zurückzogen und spät nach Hause kamen, dachten wir, das gehört zum Erwachsenwerden, und gönnten ihnen die Freiheit.” Doch dahinter steckte etwas anderes. Plötzlich ging es im Hause Kesel um Haschisch und andere Drogen, über die sich das Ehepaar zuvor nie informiert hatte. “Nach ewigen Diskussionen und nervenaufreibenden Kontrollen merkten wir, dass Eltern in Bezug auf die Sucht gar nichts bewirken können. Was sie können, ist, möglichst klare Grenzen zu ziehen und dem Abhängigen nicht das Geringste zur Lebensbewältigung abzunehmen, was er selbst tun könnte. Allein die suchtkranke Person kann etwas konkret ändern”, sagt der 70- Jährige. Eine Erfahrung, die er nun schon seit 14 Jahren an andere Betroffene weitergibt. In einer Broschüre rät der Elternkreis unter anderem, “zu unseren suchtkranken Jugendlichen zu stehen, aber nicht ihre Sucht zu akzeptieren”. Klingt gut, aber die Umsetzung ist schwierig.Vor allem dann, wenn die Abhängigen Familienschmuck verkaufen, um an Geld für Stoff zu gelangen, Geld stehlen oder sich zu notorischen Lügnern entwickeln. Nicht selten werden Suchtkranke selbst zu Dealern und rutschen in die Kriminalität ab. Manchmal rufen Eltern die Polizei an, um ihre eigenen Kinder festnehmen zu lassen. Eltern helfen Eltern. Zweimal im Monat trifft sich der Elternkreis in einem Raum der Münchner Arbeiterwohlfahrt sowie in Unterschleißheim. Entscheidend am Austausch von Erfahrungen sind nach Aussage der Teilnehmer das gegenseitige Verständnis und das Gefühl, nicht mehr isoliert zu sein. Im Dialog gelingt es eher, sich vom Schock oder von Schuld- und Schamgefühlen zu befreien. “Sonst hilft ja auch niemand, man ist mit dem Problem ganz allein”, sagt Wolfgang Riemer, der seinem Sohn immer ganz bewusst von den Treffen erzählte. “Dass ich mich informierte und über seine Sucht mit anderen sprach, hat ihm gar nicht gepasst. Aber es war richtig. Denn man muss als Vater in seiner Haltung konsequent sein und den Drogenkonsum so schwierig wie möglich machen.” Konsequenz – ein Wort, das alle Elternkreismitglieder hervorheben. “Zum Beispiel ein klares Kiff- Verbot im Haus, das ist wichtig – auch wenn die Jugendlichen natürlich versuchen, es zu umgehen”, sagt Hans Kesel. Gerda Maier kämpft öffentlich gegen eine Verharmlosung von Drogen. Ob in der Nachbarschaft oder in Schulen – stets weist sie auf die Gefahren von Cannabis hin. Für ihren Sohn verlief der Ausflug in die Kifferszene zum Glück folgenlos – er ist schon lange clean. Oft jedoch ist der Suchtverlauf nicht zu beeinflussen: Ein Kesel-Sohn starb im Alter von 27 Jahren, Wolfgang Riemers heute 30-jähriger Sohn ist nach wie vor abhängig. “Man muss die Machtlosigkeit aushalten”, meint Ilse Reinhardt und ergänzt: “Im Beruf haben wir Macht, aber gegenüber den eigenen Kindern und ihrer Sucht sind wir machtlos.” Ihr Sohn war mehrmals auf Entzug, erlebte viele Rückfälle. Das waren qualvolle und schreckliche Jahre für die ganze Familie. “Es kam so weit, dass ich seinen Anblick nicht mehr ertragen konnte,weil es mir so wehtat, machtlos zuschauen zu müssen,wie er sich zu Grunde richtete”, sagt sie.Weihnachten 2000 verbrachte ihr Sohn hinter Gittern in Stadelheim, danach trat eine kurze Besserung ein, dann wieder ein Rückfall. Ilse Reinhardt gibt die Hoffnung nicht auf. “Die letzten anderthalb Jahre waren, von einigen Rückschlägen abgesehen, ganz gut”, sagt sie.Patentrezepte gibt es nicht.”Wenn neue Leute in unseren Verein kommen, erwarten sie oft ein paar konkrete Tipps und denken, dass in zwei Monaten alles vorbei ist. Doch so einfach ist es in der Regel nicht.Wir alle versuchen, das Richtige zu tun, aber wir wissen nie, ob es tatsächlich hilft”, sagt Hans Kesel. Am Schlimmsten ist das gesellschaftliche Schweigen. Und deswegen werden die Eltern sich weiter zu ihren Problemen bekennen. Sie werden nicht leugnen, dass ihre Kinder süchtig waren oder sind. Die Drogenabhängigkeit in der eigenen Familie hat sie sensibilisiert – entsprechend negativ beurteilen sie Werbung für Alkohol und Zigaretten sowie die Darstellung von Haschisch als harmlose Naturdroge. Dass in Fachkreisen oft mehr über Akzeptanz als über Abstinenz gesprochen wird, beobachten sie besorgt. Doch im Kreis der Betroffenen herrscht nicht nur Betroffenheit. “Man darf sich durch die Sucht nicht das Leben verderben lassen”, sagt Gerda Maier. Hans Kesel nickt zustimmend und meint: “Sorgen und Gedanken dürfen nicht den Alltag komplett bestimmen. Wenn man es zwischendurch schafft, gut gelaunt zu sein, hat das positive Auswirkungen.” Insofern passt es ganz gut, dass sich zwischen den langjährigen Mitgliedern echte Freundschaften entwickelt haben.Man trifft sich auch mal zum Wandern. “Das ist sehr wichtig”, meint Hans Kesel, “denn wenn wir es nicht schaffen, uns selbst aufzubauen, wie können wir dann den Kranken helfen?”
Günter Keil

ALKOHOL, CANNABIS, HEROIN – und in den vergangenen Jahren verstärkt Ecstasy, Speed oder Halluzinogene. Der Fachverband Drogen und Rauschmittel schätzt, dass 20 Prozent der Jugendlichen illegale Drogen nehmen. Laut Medienberichten kiffen in Deutschland doppelt so viele Menschen wie vor 30 Jahren, angeblich hat mindestens jeder dritte Jugendliche schon einmal Cannabis geraucht. Nach Informationen des Elternkreises Deutschland leidet ein Viertel aller Cannabis-Konsumenten unter schweren Psychosen. Eine neue Untersuchung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigt, dass der Alkoholkonsum bei Jugendlichen nach einem Rückgang zwischen 2004 und 2005 wieder deutlich angestiegen ist – besonders auffällig bei 16- bis 17-jährigen Jungs. Nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle gegen Suchtgefahren in Hamm gibt es bundesweit 2,5 Millionen Alkoholkranke, darunter 300 000 Jugendliche. Das Einstiegsalter für Tabakkonsum liegt bei etwas über 11 Jahren, für Alkohol bei 12 Jahren und bei Cannabis bei rund 14 Jahren. Die meisten Eltern erfahren davon erst sehr viel später.

KONTAKTADRESSE
Vor 23 Jahren wurde der Elternkreis München drogengefährdeter und drogenabhängiger Kinder e.V. gegründet, nicht zuletzt, weil einige Eltern genug hatten von den Schuldzuweisungen und praxisfernen Theorien mancher Experten. Elternkreis drogengefährdeter und drogenabhängiger Jugendlicher, www.elternkreis-muenchen.de,

Telefon 0 81 31/1 54 19 oder 089/2 60 57 92
gük

*Die Namen der Eltern wurden geändert.

Es geht um sie

Die Wirtschaft boomt. Dennoch finden nicht alle Jugendlichen einen Ausbildungsplatz. Hotel BISS würde ihnen eine Perspektive bieten

Elias, 14 Jahre, kocht leidenschaftlich gern
„Ich kann alles kochen!“, sagt Elias selbstbewusst. Spontan zählt er die Zutaten seines Garnelen-Rezepts auf: „Knoblauchbutter, Öl, Salz, Pfeffer. Später dann noch eine Sauce dazu und alles schön auf einem Teller servieren, das ist lecker.“ Bei einem Restaurant am Stachus hat er sich vor kurzem nach einem Job als Aushilfe erkundigt – doch noch ist er zu jung. Eine Ausbildung zum Koch im BISS-Hotel kann sich Elias in zwei Jahren gut vorstellen. Kochen ist neben Fußballspielen seine liebste Freizeitbeschäftigung. Die Eltern des Neuperlachers sind Analphabeten, er selbst hatte in den ersten Schuljahren große Schwierigkeiten. „Doch jetzt läuft es besser. Ich war auch länger nicht mehr bei Schlägereien dabei wie früher. Da habe ich nie mit meinen Händen zugeschlagen, weil ich die ja zum Kochen brauche“, meint er. Elias, der fünf Geschwister hat und coole HipHop-Klamotten trägt, hofft, dass seine Eltern bald ihre Schulden abbezahlen können und er auf der Förderschule den Hauptschulabschluss schafft. „Manche Leute glauben, ich wäre gefährlich. Wegen meiner Klamotten und weil ich mit viel älteren Freunden unterwegs bin. Aber das stimmt nicht“, sagt der regelmäßige Besucher des „Ghettokids“-Salons.

Eleni, 18 Jahre, ist mit ihrer Familie zerstritten
„Wir haben uns wegen jeder Kleinigkeit gestritten, es ging einfach nicht mehr!“, sagt Eleni über das zerrüttete Verhältnis zu ihrer Mutter. Seit fünf Jahren hat sie keinen Kontakt mehr zu ihr. Wie kam es dazu? „Ein halbes Jahr nach meiner Geburt haben sich meine Eltern scheiden lassen und ich kam zu meiner Oma. Bei ihr bin ich aufgewachsen, bei ihr wollte ich bleiben. Doch eines Tages wollte mich meine Mutter zurück.“ Der Umzug von Griechenland nach Deutschland machte die Situation für die damals 12-Jährige noch schwerer. Eine fremde Sprache, keine Freunde – Eleni schaffte gerade noch die Hauptschule, obwohl sie in ihrer Heimat aufs Gymnasium gegangen war. Sie lernte kaum etwas, ging viel in Kneipen und Clubs, rauchte Kette. Heute gibt sie sich optimistisch: „Trotz allem bin ich zufrieden mit meiner Situation und würde alles wieder genauso machen. Jetzt wäre eine Ausbildung das Beste, vielleicht mache ich die mittlere Reife“, meint sie. Von einer Lehre verspricht sie sich die Gewöhnung an eine feste Tagesstruktur und Freude daran, Neues beigebracht zu bekommen. Mit ihrem Freund ist sie seit zwei Jahren zusammen.„Am liebsten treffe ich mich mit anderen zum Grillen oder am See.Abends gehen wir schon lange nicht mehr weg, das war interessanter, als es verboten war“, sagt Eleni schmunzelnd. Sie lebt in einer betreuten Wohnung der Jugendhilfeund will nur ungern aus München weg. „Wenn es beruflich sein müsste, okay.Aber ich würde nach spätestens drei Jahren wieder zurückgehen. Ich mag die Stadt!“

Alex, 16 Jahre, war auf Drogen
Bald ist es so weit: Alex wird in diesen Wochen Vater. Mit seiner Freundin darf er auf Grund seines Alters jedoch erst in anderthalb Jahren zusammenziehen. „Ich freue mich auf das Kind und traue mir zu, mich darum zu kümmern“, sagt der junge Münchner. Mit seiner Drogenvergangenheit hat er nach eigenen Angaben komplett abgeschlossen. „Ecstasy, Kokain … ich bin übers Kiffen draufgekommen und habe vor zwei Jahren so ziemlich alles probiert.“ Nach einem harten Drogenentzug und dem Rauswurf aus einem Jugendhaus wohnt er mittlerweile im Flex, einer Jugendhilfeeinrichtung genau gegenüber dem geplanten Hotels BISS. Dort einmal zu arbeiten wäre sein Traum.„Ob als Portier die Gäste zu begrüßen oder für das Gepäck verantwortlich zu sein, wäre mir egal.Auch Schichtdienst würde ich mir zutrauen. Hauptsache, ich hätte mit Menschen zu tun“, meint er. Zurzeit macht Alex den qualifizierten Hauptschulabschluss und erhofft sich von einer Ausbildung, endlich regelmäßig Geld zu verdienen. Er kommt derzeit mit 40 Euro Taschengeld aus. In seiner Freizeit geht er zum Kickboxen, trifft sich mit Freunden und hört House-Musik.Auf die Frage nach den Gründen für seine früheren Drogenprobleme zuckt er mit den Schultern: „Keine Ahnung. Ich bin da reingerutscht, ohne große Probleme zu haben.Mit meinen Eltern gab’s damals oft Stress, weil ich dauernd dicht war.“ Doch diese Zeit ist für ihn vorbei, „definitiv!“

Bang Tam, 18 Jahre, erzieht ihre Tochter allein
Vor fünf Jahren kam Bang Tam ohne ihre Familie nach Deutschland. „Ich bin ein sehr offener Mensch und komme leicht in Kontakt mit anderen“, sagt die Vietnamesin lächelnd. Eine Ausbildung zur Hotelfachfrau ist schon lange ihr Wunsch – doch kurz vor dem Hauptschulabschluss kam ihre Tochter zur Welt. Das Kind war oft krank, Bang Tam musste vorübergehend von der Schule. Zwar schaffte sie schließlich noch den Abschluss, doch an eine Ausbildung war nicht mehr zu denken. Auf Bewerbungen gab es nur Absagen. „Hätte ich damals schon vom Netzwerk Geburt und Familie gewusst, hätte es vielleicht doch geklappt mit meinem Berufsziel“, sagt sie. Mittlerweile wird sie in der Einrichtung zur gastronomischen Fachkraft ausgebildet, ihre zweieinhalbjährige Tochter wird dort betreut. Für Hobbys bleibt allerdings kaum Zeit. „Früher habe ich Sport gemacht, gelesen, Freundinnen getroffen. Das klappt nur selten, da ich meine Tochter morgens abgebe, arbeite und erst abends wieder mit meinem Kind daheim bin.“ Immerhin: Seit einiger Zeit pflegt die Vietnamesin wieder den Kontakt zu Familienmitgliedern in ihrer Heimat, für ein paar Telefonate reicht die Zeit. Nach ihrer Ankunft in Deutschland lebte sie zunächst in einem Heim, später mehr als zwei Jahre in einer Wohngemeinschaft. Seit Januar hat sie eine kleine Wohnung. In einem Projekt wie Hotel BISS könnte Bang Tam doch noch Hotelfachfrau werden. „Ich habe früher einmal in den Ferien in einem Hotel gearbeitet, das hat mir sehr gut gefallen.“

Renate, 41 Jahre, ohne Ausbildung
„Rückblickend habe ich natürlich vieles in Frage gestellt“, sagt Renate.„Warum bin ich nicht aufs Gymnasium gegangen, warum habe ich keine Ausbildung gemacht, warum …, warum …, warum …?“ Zehn Jahre lang arbeitete die zweifache Mutter in der Musikabteilung eines Kaufhauses und war zufrieden. Der Job war in Ordnung, die Bezahlung reichte aus. Eine genaue Vorstellung von ihrer beruflichen Zukunft hatte sie damals nicht. „Nur eines wusste ich sicher: Ein Bürojob kommt für mich nicht in Frage. Ich muss Leute um mich herum haben.“ Als ihre Kinder älter und die Ladenöffnungszeiten immer mehr verlängert wurden, musste sie ihren Job aufgeben. Nun hat Renate seit langem wieder eine Perspektive: Seit Anfang September wird sie beim Netzwerk Geburt und Familie zur gastronomischen Fachkraft ausgebildet. „Meine Kinder finden es cool, dass ich noch mal zur Schule gehe. Aber es ist natürlich ein gemischtes Gefühl, da ich in der Berufsschule mit viel Jüngeren zusammen sein werde“,meint Renate.Trotz mancher Zweifel glaubt sie an ihr Ziel, eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. „Abwechselnd im Service oder auch sonst irgendwo im Hotel, das kann ich mir gut vorstellen.“ Aus ihrer Sicht wäre eine Stelle im geplanten Hotel BISS ohnehin ideal, denn „ich wohne nur eine Straße weiter“. Vielleicht wäre dann erstmals ein Auslandsurlaub mit ihren neun- und zwölfjährigen Kindern möglich. Dafür – und für „tolle Klamotten“ – fehlt momentan das Geld.„Aber ich möchte mich nicht beklagen, wir kommen schon zurecht“, sagt Renate bescheiden.

Selma, 14 Jahre, kommt aus dem Hasenbergl
Drei Jahre lang war Selmas Vater arbeitslos, gerade erst hat er einen neuen Aushilfsjob bekommen. Die Familie kam vor sieben Jahren aus einer Provinz in Südosteuropa nach Deutschland. „Dort arbeiteten alle auf den Feldern und die Mädchen wurden oft gegen ihren Willen früh verheiratet. Zum Glück hatten wir eine Tante in Deutschland, denn meine Eltern wollten, dass wir Kinder etwas Gutes lernen und eine Ausbildung bekommen“, sagt sie.Mit Mutter,Vater und Bruder lebt Selma in einer kleinen Wohnung im Hasenbergl. Käme eine gute Fee vorbei, hätte sie folgende Wünsche für ihre Zukunft: „Eine gute Arbeit für mich, mit 18 den Führerschein und irgendwann ein Haus, in dem wir alle leben können.“ In einem Hotel war sie noch nie, doch Selma könnte sich gut vorstellen, dort eine Ausbildung zu machen. Über ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt macht sie sich keine Illusionen. „Sobald Arbeitgeber hören, dass man von der Förderschule im Hasenbergl kommt, nehmen sie einen meistens sowieso nicht“, sagt sie. Wenn Selma über mögliche Berufe spricht, steht immer der Kontakt zu Menschen im Mittelpunkt. Auf Friseurin, Kosmetikerin oder Zahnarzthelferin hätte sie neben dem Hotelprojekt Lust. Ihr großes Hobby: Bauchtanz. „Und mit Freundinnen durch die Stadt gehen, einkaufen, das macht Spaß.“

Günter Keil

Ausbildungsplätze
Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt entspannt sich. Der Münchner Arbeitsagentur wurden bis September 2006 genau 12 278 Ausbildungsplätze zur Besetzung gemeldet, 656 mehr als im Jahr davor. Dennoch: Mehr als 200 Jugendliche bekommen wohl auch 2007 keine Lehrstelle, obwohl sie als „ausbildungsfähig“ eingestuft werden. In den vergangenen Jahren blieben jeweils mehr als 600 Ausbildungsplätze unbesetzt, da viele Jugendliche die hohen Qualifikationsanforderungen nicht erfüllen. Unter den bundesweit knapp 50 000 erfolglosen Bewerbern befinden sich zu einem großen Teil Jugendliche ohne Schulabschluss oder mit Hauptschulabschluss. Sie gelten als schwer vermittelbar. Der Anteil von Migrantenkindern ist in dieser Gruppe besonders hoch – ihre Chancen sind erheblich geringer als die ihrer deutschen Altersgenossen. Laut Bundesagentur für Arbeit ist die Ausbildungsquote bei „Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ in den letzten zehn Jahren um ein Viertel gesunken. Kritiker vermuten, dass die tatsächliche Zahl von Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz wesentlich höher ist als die offiziell vermeldete, da viele Bewerber sich notgedrungen im Berufsvorbereitungs- oder Berufsgrundbildungsjahr sowie im zehnten Hauptschuljahr befinden.
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Gegen das Vergängliche

Mit seiner Wohnanlage hat Baumeister Bernhard Borst ein Denkmal gesetzt für Qualität, Handwerkskunst und Liebe zum Detail

An der Eingangstür des Cafés steht ein altes Emailleschild mit der Aufschrift: „Burkhof Kaffee – Spezialrösterei seit 1928“. Die Käsesahne wird auf einem Blümchenteller wie aus Urgroßmutters Zeiten serviert.Außer dem Plätschern der beiden Brunnen ist nichts zu hören. Kein Laut dringt von der lärmenden Dachauer Straße herein in die Borstei, eine der ältesten und gleichzeitig innovativsten Münchner Wohnsiedlungen aus den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts, die für Werte wie Qualität, Tradition und Beständigkeit Lesen Sie weiter bei »Gegen das Vergängliche«…

Die Münchner Lösung

Eine Geschäftsfrau erlaubt Obdachlosen, den Eingangsbereich als Schlafplatz zu nutzen. Dafür bewachen die Männer nachts den Laden

Helmuts Schlafzimmer ist sechs Meter lang und drei Meter breit. Es liegt in bester Münchner Innenstadtlage in der Sendlinger Straße und hat eine Fußbodenheizung – aber auch einen großen Nachteil: Jeder Fußgänger kann hineinsehen. Eine Tür zum Gehsteig gibt es nicht. „Das stört mich nicht. Wenn ich schlafe, dann kriege ich meistens sowieso nicht mehr mit, was vor sich geht“, meint Helmut, der im Wechsel mit zwei weiteren Obdachlosen im Eingangsbereich von „Kadoh“ übernachtet, einem Laden für Wohn- und Modeaccessoires. Sabine Schubert, die Inhaberin des Geschäfts, fühlt sich durch die nächtlichen Besucher Lesen Sie weiter bei »Die Münchner Lösung«…