Gegen die Drogenabhängigkeit ihres Kindes sind Eltern machtlos. Es gehört Mut dazu, die Sucht zu akzeptieren und den Kampf gegen sie aufzunehmen
Ihre heile Welt brach im Oktober 1996 zusammen. “Mama, ich nehme seit Januar Heroin”, beichtete ihr damals 20- jähriger Sohn. In der Familie schlug das Bekenntnis ein wie eine Bombe. “Ich bin aus allen Wolken gefallen”, erinnert sich Ilse Reinhardt*. “Doch nach dem ersten Schock kam mein Tatendrang zum Durchbruch”, so die 64-Jährige. Sie versorgte sich mit Informationen aus Fachbüchern, konsultierte Ärzte und rief bei der Drogenberatung an. Schließlich erfuhr sie durch eine Freundin von einem Elternkreis, in dem sich Angehörige von drogenabhängigen Jugendlichen regelmäßig treffen. “Es war sofort eine große Erleichterung, mit Leuten zu reden, die Ähnliches durchgemacht hatten. Denn Freunde und Verwandte konnten sich nicht richtig einfühlen. Die wussten nicht, wie schlimm es war zu erfahren, dass das eigene Kind abhängig ist”, sagt sie. Noch immer besucht Ilse Reinhardt die Treffen. Nicht ausweichen, sondern hinsehen. Nicht verdrängen, dass die Kinder auf einmal aggressiv werden, sich anders kleiden, öfter krank sind, manchmal extrem aufgedreht wirken oder sich abwenden. Wenn plötzlich andere Freunde auftauchen, das morgendliche Aufstehen zum Problem wird, die schulischen Leistungen abfallen und die Nacht zum Tag gemacht wird, sollten bei den Eltern nicht nur die Alarmglocken läuten, sie sollten versuchen mit dem Kind zu reden und ihm zuzuhören. Ein drogenabhängiges Kind macht anfangs meist hilflos oder wütend oder beides zugleich. Das Zugeständnis, dass irgendetwas schiefgelaufen ist, das zunächst niemand benennen kann, erfordert Mut. “Ich würde sagen, es war eine absolute Notwendigkeit, dazu zu stehen und zu handeln”, meint Gerda Maier, die seit zehn Jahren den Elternkreis besucht. Die Sekretärin erwischte ihren Sohn beim Kiffen und bestand darauf, dass er sofort mit dem Rauchen aufhören solle, und schleppte ihn zum Arzt. Der Druck zeigte Wirkung. Auch Hans Kesel und Wolfgang Riemer handelten schnell.”Ich wusste zuerst zwar überhaupt nicht, was ich tun sollte, aber mir war klar, dass ich das nicht aussitzen würde”, sagt Riemer.Der inzwischen pensionierte leitende Angestellte kontaktierte die Drogennothilfe und besuchte mehrere Initiativen, bevor er auf den Elternkreis stieß. “Es ist zu Beginn zwar ziemlich hart, die Geschichten der anderen Betroffenen zu hören, aber es hilft, die eigenen Erlebnisse aufzuarbeiten. Nach einiger Zeit fühlt man sich wie in einer kleinen Familie”, sagt er. Man riet ihm gleich zu Beginn, den Gedanken aufzugeben, er könne seinen Sohn zur Einsicht zwingen. Das fiel Riemer nicht leicht, ebenso Geduld zu bewahren und den Rat zu beherzigen, sich wieder eigenen Interessen zuzuwenden, um dem Abhängigen zu zeigen, wie er sich isoliert. “Früher dachte ich, es wird wohl an den Eltern liegen, wenn ihre Kinder Drogen nehmen”, sagt Hans Kesel. Dass zwei seiner drei Söhne abhängig werden könnten, hätten er und seine Frau niemals für möglich gehalten. “Sie waren sportlich, sozial engagiert und wuchsen in einem so genannten behüteten Elternhaus auf. Als sie mit 17 und 19 Jahren aufmüpfiger wurden, sich oft zurückzogen und spät nach Hause kamen, dachten wir, das gehört zum Erwachsenwerden, und gönnten ihnen die Freiheit.” Doch dahinter steckte etwas anderes. Plötzlich ging es im Hause Kesel um Haschisch und andere Drogen, über die sich das Ehepaar zuvor nie informiert hatte. “Nach ewigen Diskussionen und nervenaufreibenden Kontrollen merkten wir, dass Eltern in Bezug auf die Sucht gar nichts bewirken können. Was sie können, ist, möglichst klare Grenzen zu ziehen und dem Abhängigen nicht das Geringste zur Lebensbewältigung abzunehmen, was er selbst tun könnte. Allein die suchtkranke Person kann etwas konkret ändern”, sagt der 70- Jährige. Eine Erfahrung, die er nun schon seit 14 Jahren an andere Betroffene weitergibt. In einer Broschüre rät der Elternkreis unter anderem, “zu unseren suchtkranken Jugendlichen zu stehen, aber nicht ihre Sucht zu akzeptieren”. Klingt gut, aber die Umsetzung ist schwierig.Vor allem dann, wenn die Abhängigen Familienschmuck verkaufen, um an Geld für Stoff zu gelangen, Geld stehlen oder sich zu notorischen Lügnern entwickeln. Nicht selten werden Suchtkranke selbst zu Dealern und rutschen in die Kriminalität ab. Manchmal rufen Eltern die Polizei an, um ihre eigenen Kinder festnehmen zu lassen. Eltern helfen Eltern. Zweimal im Monat trifft sich der Elternkreis in einem Raum der Münchner Arbeiterwohlfahrt sowie in Unterschleißheim. Entscheidend am Austausch von Erfahrungen sind nach Aussage der Teilnehmer das gegenseitige Verständnis und das Gefühl, nicht mehr isoliert zu sein. Im Dialog gelingt es eher, sich vom Schock oder von Schuld- und Schamgefühlen zu befreien. “Sonst hilft ja auch niemand, man ist mit dem Problem ganz allein”, sagt Wolfgang Riemer, der seinem Sohn immer ganz bewusst von den Treffen erzählte. “Dass ich mich informierte und über seine Sucht mit anderen sprach, hat ihm gar nicht gepasst. Aber es war richtig. Denn man muss als Vater in seiner Haltung konsequent sein und den Drogenkonsum so schwierig wie möglich machen.” Konsequenz – ein Wort, das alle Elternkreismitglieder hervorheben. “Zum Beispiel ein klares Kiff- Verbot im Haus, das ist wichtig – auch wenn die Jugendlichen natürlich versuchen, es zu umgehen”, sagt Hans Kesel. Gerda Maier kämpft öffentlich gegen eine Verharmlosung von Drogen. Ob in der Nachbarschaft oder in Schulen – stets weist sie auf die Gefahren von Cannabis hin. Für ihren Sohn verlief der Ausflug in die Kifferszene zum Glück folgenlos – er ist schon lange clean. Oft jedoch ist der Suchtverlauf nicht zu beeinflussen: Ein Kesel-Sohn starb im Alter von 27 Jahren, Wolfgang Riemers heute 30-jähriger Sohn ist nach wie vor abhängig. “Man muss die Machtlosigkeit aushalten”, meint Ilse Reinhardt und ergänzt: “Im Beruf haben wir Macht, aber gegenüber den eigenen Kindern und ihrer Sucht sind wir machtlos.” Ihr Sohn war mehrmals auf Entzug, erlebte viele Rückfälle. Das waren qualvolle und schreckliche Jahre für die ganze Familie. “Es kam so weit, dass ich seinen Anblick nicht mehr ertragen konnte,weil es mir so wehtat, machtlos zuschauen zu müssen,wie er sich zu Grunde richtete”, sagt sie.Weihnachten 2000 verbrachte ihr Sohn hinter Gittern in Stadelheim, danach trat eine kurze Besserung ein, dann wieder ein Rückfall. Ilse Reinhardt gibt die Hoffnung nicht auf. “Die letzten anderthalb Jahre waren, von einigen Rückschlägen abgesehen, ganz gut”, sagt sie.Patentrezepte gibt es nicht.”Wenn neue Leute in unseren Verein kommen, erwarten sie oft ein paar konkrete Tipps und denken, dass in zwei Monaten alles vorbei ist. Doch so einfach ist es in der Regel nicht.Wir alle versuchen, das Richtige zu tun, aber wir wissen nie, ob es tatsächlich hilft”, sagt Hans Kesel. Am Schlimmsten ist das gesellschaftliche Schweigen. Und deswegen werden die Eltern sich weiter zu ihren Problemen bekennen. Sie werden nicht leugnen, dass ihre Kinder süchtig waren oder sind. Die Drogenabhängigkeit in der eigenen Familie hat sie sensibilisiert – entsprechend negativ beurteilen sie Werbung für Alkohol und Zigaretten sowie die Darstellung von Haschisch als harmlose Naturdroge. Dass in Fachkreisen oft mehr über Akzeptanz als über Abstinenz gesprochen wird, beobachten sie besorgt. Doch im Kreis der Betroffenen herrscht nicht nur Betroffenheit. “Man darf sich durch die Sucht nicht das Leben verderben lassen”, sagt Gerda Maier. Hans Kesel nickt zustimmend und meint: “Sorgen und Gedanken dürfen nicht den Alltag komplett bestimmen. Wenn man es zwischendurch schafft, gut gelaunt zu sein, hat das positive Auswirkungen.” Insofern passt es ganz gut, dass sich zwischen den langjährigen Mitgliedern echte Freundschaften entwickelt haben.Man trifft sich auch mal zum Wandern. “Das ist sehr wichtig”, meint Hans Kesel, “denn wenn wir es nicht schaffen, uns selbst aufzubauen, wie können wir dann den Kranken helfen?”
Günter Keil
ALKOHOL, CANNABIS, HEROIN – und in den vergangenen Jahren verstärkt Ecstasy, Speed oder Halluzinogene. Der Fachverband Drogen und Rauschmittel schätzt, dass 20 Prozent der Jugendlichen illegale Drogen nehmen. Laut Medienberichten kiffen in Deutschland doppelt so viele Menschen wie vor 30 Jahren, angeblich hat mindestens jeder dritte Jugendliche schon einmal Cannabis geraucht. Nach Informationen des Elternkreises Deutschland leidet ein Viertel aller Cannabis-Konsumenten unter schweren Psychosen. Eine neue Untersuchung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigt, dass der Alkoholkonsum bei Jugendlichen nach einem Rückgang zwischen 2004 und 2005 wieder deutlich angestiegen ist – besonders auffällig bei 16- bis 17-jährigen Jungs. Nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle gegen Suchtgefahren in Hamm gibt es bundesweit 2,5 Millionen Alkoholkranke, darunter 300 000 Jugendliche. Das Einstiegsalter für Tabakkonsum liegt bei etwas über 11 Jahren, für Alkohol bei 12 Jahren und bei Cannabis bei rund 14 Jahren. Die meisten Eltern erfahren davon erst sehr viel später.
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Vor 23 Jahren wurde der Elternkreis München drogengefährdeter und drogenabhängiger Kinder e.V. gegründet, nicht zuletzt, weil einige Eltern genug hatten von den Schuldzuweisungen und praxisfernen Theorien mancher Experten. Elternkreis drogengefährdeter und drogenabhängiger Jugendlicher, www.elternkreis-muenchen.de,
Telefon 0 81 31/1 54 19 oder 089/2 60 57 92
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*Die Namen der Eltern wurden geändert.