Erziehungsarbeit: Das Augenmerk darf nicht nur auf den Problemen und Defiziten der Jugendlichen liegen
„Ich war etwa zwölf, als mein Leben anfing, irgendwie aus dem Ruder zu laufen“, erinnert sich der 22-jährige Florian (Name geändert). „Meine Eltern haben sich damals scheiden lassen. Da bist du mitten in der Pubertät, und als ob das nicht schon reichen würde, zerbricht auch noch deine Familie. Irgendwie habe ich das alles nicht auf die Reihe gekriegt. Schule, Hausaufgaben und der ganze Kram haben mich einfach nicht mehr interessiert, ich hatte zu viel mit mir selbst zu tun. Immer öfter habe ich verschlafen, war unpünktlich oder habe geschwänzt. In der siebten Klasse waren meine Noten so katastrophal, dass ich wiederholen musste. Na ja, und dann waren da noch einige Schlägereien und die Drogengeschichten. Ich war einfach nicht mehr ansprechbar. Irgendwann ging ich nur noch in die Schule, um Drogen zu verticken. In der Achten erklärte man dann meiner Mutter, ich sei für die Schule nicht mehr tragbar. Sie schmissen mich raus, und ich hatte zum ersten Mal Kontakt mit dem Jugendamt.“ Florian kam in eine Schule für Erziehungshilfe. Dort, sagt er, wurde es erst richtig schlimm. „Dort waren noch viel krassere Leute als ich. Die E-Schule und später der Jugendknast, die haben mir wirklich gar nichts gebracht. Da hattest du nur zwei Möglichkeiten: Entweder du passt dich an oder du wirst zum Opfer und gehst unter.“ Nach sechs Monaten flog er auch von dieser Schule. Es folgten diverse Heimaufenthalte, in einem machte Florian seinen Hauptschulabschluss, ein anderes musste er wegen Drogenkonsums verlassen. „Anfangs war ich schon sauer auf meine Mutter, dass sie mich einfach abschob. Im Rückblick erkenne ich aber schon, dass sie und die Betreuer mir nur helfen wollten und das zu Hause einfach nicht funktioniert hätte. Im Heim waren dann auch Leute, von denen ich Hilfe annehmen konnte.“ Das Vertrauensverhältnis zwischen Betreuer und Jugendlichem ist die Grundlage jeglicher Erziehungshilfe, egal, ob diese ambulant oder stationär erfolgt, betont auch Michael Rupp von der Münchner Jugendhilfeeinrichtung „Neue Wege“ (www.neue-wege-jugendhilfe.de). „Wir haben es uns zwar zur Aufgabe gemacht, auch mit den schwierigsten Jugendlichen zu arbeiten“, erklärt Rupp, „und lehnen auch fast keinen Fall ab“. Trotzdem müssen einige Aufnahmekriterien wie Freiwilligkeit, die Bereitschaft zur Mitarbeit in der Gruppe und das Formulieren schulischer oder beruflicher Perspektiven erfüllt werden. Ohne Eigenmotivation und Selbstverantwortung geht es also auch hier nicht. Neben den ambulanten Erziehungshilfen (AEH) liegt der Schwerpunkt der pädagogischen Arbeit der Einrichtung im stationären Bereich, der sich in teilstationäre und vollstationäre Wohngruppenangebote unterteilt. ISE 24 zum Beispiel bedeutet „Intensive sozialpädagogische Einzelfallhilfe“, in der der Jugendliche 24 Stunden vollstationär in einer Wohngemeinschaft der Einrichtung betreut wird. „Das trifft meist auf Kinder und Jugendliche zu, die bereits Gefängnisaufenthalte oder Drogenkarrieren hinter sich haben“, erklärt Michael Rupp, „und die aufgrund einer sehr krisenhaften Entwicklung mit fremd- und eigengefährdetem Verhalten einer sehr engen Struktur und hochintensiverer Unterstützung und Stabilisierung bedürfen.“ Die meisten von ihnen haben zu diesem Zeitpunkt ohnehin die gesamte Palette der ambulanten Erziehungshilfen bereits ausgeschöpft. „Der Trend geht immer mehr dahin, verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche im Rahmen der ambulanten Erziehungshilfen zu betreuen, bevor man sie stationär unterbringt“, weiß Rupp,wobei er die Zusammenarbeit mit dem Münchner Jugendamt als durchaus positiv und kooperativ beschreibt. „Eine stationäre intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung mit 18 Stunden pro Woche ist einfach auch sehr kostenintensiv. Trotzdem ist diese Maßnahme immer noch deutlich günstiger als beispielsweise der Strafvollzug, der längst nicht so individuell, professionell und personell intensiv mit den Jugendlichen arbeiten kann und demzufolge auch eine höhere Rückfallquote aufweist.“ Bei „Neue Wege“ legt man Wert darauf, ressourcen- und nicht problemorientiert zu arbeiten. Michael Rupp ist überzeugt: „Defizite beinhalten immer auch Ressourcen. Die wollen wir bei den Jugendlichen aktivieren.“ Die meisten kommen aus schwierigen Verhältnissen.Meist fehlt der Vater. Fast alle haben Probleme mit der Anerkennung und Einhaltung von Regeln, im Umgang mit anderen und im Leistungsbereich, viele leiden unter ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom). „Es fehlt ihnen an innerer und äußerer Struktur“, sagt Michael Rupp,„an Pünktlichkeit, Regelmäßigkeit und Disziplin. Aber auch an Aufmerksamkeit und Anerkennung. Es genügt deshalb nicht, nur mit ihnen zu reden und ihre akuten Baustellen zu behandeln.Wir wollen mit ihnen auch etwas tun, wollen ihnen helfen, ihre Begabungen und Fähigkeiten zu erkennen, und ihnen so Perspektiven aufzeigen. Viele von ihnen sind am Ende selbst überrascht, was in ihnen steckt, entfalten Talente, von denen sie nicht wussten, dass sie sie haben,weil sie bis dahin von niemandem entdeckt oder gefördert wurden.“ Nach etlichen Anzeigen, Haft- und Bewährungsstrafen wegen Körperverletzung, Drogen, Beamtenbeleidigung und Diebstahl, diversen ambulanten und stationären Drogentherapien, nach einer wegen Drogenkonsum abgebrochenen Lehre in der Gastronomie und einem ebenfalls wegen Drogenabhängigkeit abgebrochenen Freiwilligen Sozialen Jahr war Florian klar, dass sich etwas ändern muss. Sechs Monate war er zur Entgiftung in der vom Deutschen Orden geführten Würmtalklinik in Gräfelfing. Seitdem hatte er zwei Rückfälle mit Haschisch und zwei mit Ecstasy. Seit Januar ist er clean. Am meisten geholfen, sagt er, habe ihm dabei seine Bewährungshelferin und das Praktikum, das er im Rahmen eines so genannten Ein-Euro-Jobs macht: Seit fast einem Jahr arbeitet er in einem Münchner Hort, in dem Grundschulkinder der Jahrgangsstufen eins bis vier sowie Förderschulkinder betreut werden. Die Hortleiterin und seine Kollegen loben sein Gespür für die speziellen Bedürfnisse der Hortkinder und seinen partnerschaftlichen Umgang mit ihnen, seine Geduld und seine Umsicht sowie seine Einsatzfreude, seine Gewissenhaftigkeit und sein Verantwortungsbewusstsein. Florians Wunschziel, eine Ausbildung als Kinderpfleger anzustreben, wird von der Hortleitung aktiv unterstützt.„Wir sehen einfach, dass Florian sich Gedanken über seinen beruflichen Werdegang macht, und würden ihm wünschen, dass sein größter Wunsch, eine Ausbildung in einem sozialpädagogischen Berufsfeld, in Erfüllung geht. Florian ist ein Naturtalent. Während einer einwöchigen Ferienfahrt bewies er Einsatzbereitschaft ‚rund um die Uhr‘ und trug so erheblich zum Gelingen vieler schöner Ausnahmeerlebnisse für die Kinder bei.“ Besonders hervorzuheben seien außerdem seine Fähigkeiten im Bereich der Bewegungserziehung und Psychosomatik: „Es gelingt ihm beispielsweise ‚spielend‘, auch weniger sportliche Kinder für das Basketball-, Baseball oder Fußballspiel zu begeistern“, sagt seine Anleiterin. „Für die Kollegen hat er ein offenes Ohr und ein von Wertschätzung geprägtes Verhältnis. Er bringt sowohl eigene Ideen ins Team ein, kann aber gleichwohl mit konstruktiver Kritik umgehen und sein eigenes Verhalten reflektieren. Mit den Eltern pflegt er einen freundlichen und höflichen Umgangston, hat ein offenes Ohr für ihre Belange und genießt ihr Vertrauen. Wir empfinden seine Mitarbeit in unserem Haus als sehr große Bereicherung für die Kinder und das Team.“ Deshalb befürwortet die Hortleitung auch, dass Florian in Zusammenarbeit mit seiner bisherigen schulbegleitenden Maßnahme weiterhin sein Praktikum im Hort absolviert. Mit strukturierter Anleitung und fachlicher Unterstützung, davon sind die Hortleitung und seine Kollegen überzeugt, hat er gute Chancen, einen Ausbildungsplatz an einer Kinderpflegeschule zu bekommen. „Früher dachte ich immer, ich kann nur Drogen verkaufen. Die Anerkennung meiner Kollegen im Hort, vor allem aber die der Kinder, die ich betreue, geben mir echt ein gutes Gefühl.Was ich mir früher nie hätte vorstellen können: Ich schaffe es, regelmäßig zur Arbeit zu gehen.Nicht, weil ich es muss, sondern weil ich es will.“ Und auch die Betreuerin der schulischen Maßnahme findet, dass „Florian den vereinbarten Zielen wie Pünktlichkeit und Durchhaltevermögen – auch in für ihn schwierigen Situationen – deutlich näher gekommen ist“. Florian: „Mir geht es gut. Mit der momentanen Situation bin ich echt zufrieden. Das Praktikum läuft super. Die Sache mit der eigenen Wohnung hat endlich auch geklappt. Und ich bin clean. Sieht aus, als würde ich mein Leben endlich auf die Reihe kriegen. Wenn jemand an dich glaubt, hast du auch viel mehr Bock, dessen Hilfe anzunehmen. Ich hab es vielleicht nicht auf Anhieb und auch nicht ganz allein geschafft. Trotzdem: Nach allem, was früher so lief, bin ich jetzt echt stolz auf mich.“
Daniela Walther




