Wie schafft man es, andere dazu zu bringen, das zu tun, was man will?
Tobias ist drei Jahre und seine bevorzugte Methode, seinen Willen durchzusetzen, sind Tobsuchtsanfälle. Im Nu verwandelt sich das sonst so anschmiegsame Kind in einen kleinen Tyrannen. „Dann schreit er wie am Spieß“, erzählt seine Mutter Martina, 30 Jahre, „brüllt, dass er mich hasse, wirft sich auf den Boden, schlägt wild um sich und manchmal auch auf mich ein“. Und er hat Erfolg damit. Denn Martina und auch ihr Mann Frank, 31 Jahre, geben jedes Mal nach – nur um ihren Sohn ruhig zu bekommen. „Anfangs habe ich noch mit ihm rumdiskutiert, wenn er ständig dazwischengeredet hat, während ich mit meinem Mann, der Kindergärtnerin oder einer Freundin gesprochen habe, habe ihm erklärt, dass wir das nicht brauchen, und mit ihm verhandelt, wenn er mir im Supermarkt den ganzen Wagen mit Süßkram vollgepackt hat, ihm Überraschungen für den Nachmittag versprochen,wenn er sich morgens wieder einmal partout nicht anziehen wollte, und versucht, ihn zu beschwichtigen und irgendwie gnädig zu stimmen, wenn er wieder mal getobt hat wie ein Berserker.Aber das kostet so viel Kraft. Ich kann einfach nicht mehr. Ich bin des Erklärens und Besänftigens, des Drohens und Versprechens, des Bittens und Bettelns so müde. Ich weiß einfach nicht mehr, was ich noch machen soll.“ „Bestimmt auftreten“, lautet der Rat der Sozialpädagogin und Autorin Beate Weymann- Reichardt.Und mit „bestimmt auftreten“ meint sie, dem Kind entschlossen, innerlich gefestigt, zuversichtlich und entspannt gegenüberzutreten und damit klar zu stellen, wer in der Familie das Sagen hat. Denn „die Eltern-Kind-Beziehung kann nicht demokratisch sein, auch wenn viele Eltern und Erzieher heute glauben, dass sie das sein müsse“, erklärt die Autorin Elisabeth C. Gründler (www.familienhandbuch. de) und bezieht sich dabei auf den dänischen Familientherapeuten Jesper Juul, der klar unterschied: „Nicht gleichberechtigt sind Eltern und Kinder, sondern sie verfügen als Menschen über die gleiche Würde.“ Würde und Gleichberechtigung bezeichneten allerdings zwei vollkommen unterschiedliche Qualitäten: Erwachsenen müssten sich jederzeit so verhalten, dass sie die Würde des Kindes nicht verletzen. Gleichberechtigt sei das Kind deswegen aber nicht, so Juul. Und Elisabeth C. Gründler erläutert: „Gleichberechtigt ist ein abstrakter, politischer Begriff, der die rechtliche Gleichheit aller Bürger beschreibt.“ Das beinhalte neben gleichen Rechten auch gleiche Pflichten und die Übernahme von Verantwortung. „Und damit wird schon deutlich, warum Eltern und Kinder nicht gleichberechtigt sein können. Ein Dreijähriger ist, ebenso wie ein Fünf-, Zehn- oder Fünfzehnjähriger, überfordert, im gleichen Maße Pflichten und Verantwortung zu übernehmen wie ein Erwachsener.“ Die Anerkennung der Würde dagegen bedeute: In der konkreten Situation die Bedürfnisse des Kindes anzuerkennen und eine befriedigende Beziehung herzustellen. Für die Qualität der Beziehung aber trägt immer der Erwachsene die Verantwortung, nie das Kind. Tobias erprobt seinen Willen. Das muss und soll er auch. Es gibt viele Situationen, in denen ein Dreijähriger etwas anderes will als die Mutter oder der Vater. Und hier genügt laut Beate Weymann-Reichardt durchaus ein klares, bestimmtes, möglichst freundliches und entspanntes „Nein, das geht jetzt nicht!“ seitens der Eltern.Und zwar ohne Begründung. Eltern müssten sich einfach bewusst machen, dass manche Äußerungen eben keine Bitte, sondern eine Forderung darstellen, zu der sie zweifelsfrei berechtigt sind, meint die Expertin. Denn Kinder wünschen sich starke Eltern, die sich den Konflikten mit ihnen stellen, sie anleiten und ihnen Grenzen setzen. Der Erziehungsstil der meisten Eltern bewege sich jedoch, so das Autorenpaar Volker und Beatrice Bachmann (unter anderem „Handbuch der Ehe- und Familienberatung“, „Zeit-Management für die Familie“), abwechselnd zwischen Autorität und Nachgiebigkeit. Vor allem Eltern, die selbst streng erzogen wurden, nehmen sich oftmals vor, ihren eigenen Kindern mehr Freiheit zu gewähren.Was oft dazu führt, dass sie Verhaltensweisen hinnehmen, die ihnen eigentlich missfallen. Volker und Beatrice Bachmann zufolge hilft da nur eines: „Wenn Sie ein Verhalten einfordern oder eines abstellen möchten, lassen Sie sich nicht mehr in Diskussionen hineinziehen, verhandeln Sie nicht mehr, sondern bestehen Sie auf einer berechtigen Forderung.“ Das gilt für große Kinder ebenso wie für kleine: Wenn man einem kleinen Kind, immer wenn es die Nase hochzieht, statt zu schimpfen oder ihm ein Taschentuch zu bringen, ihm entspannt und freundlich erklärt, wie viel wohler es sich mit einer freien Nase fühlen würde, dann wird es das irgendwann auch von alleine tun. Und wenn man einer 14-Jährigen freundlich, aber bestimmt klar macht, dass sie gern freitags, samstags oder in den Ferien bei der besten Freundin schlafen darf, nicht aber, wenn am nächsten Tag Schule ist, dann wird sie das irgendwann akzeptieren und nicht mehr stundenlang mit der Mutter das Warum diskutieren, bevor sie wutschnaubend und türknallend in ihrem Zimmer verschwindet – nur um es ein paar Stunden später schmeichelnd und mit süßem Stimmchen beim Papa zu versuchen. Vorausgesetzt, die Eltern selbst gehen achtsam und offen miteinander um, und lassen sich nicht manipulieren und gegeneinander ausspielen. Kinder beobachten sehr genau, wie ihre Eltern Konflikte lösen, ob und wie immer einer von beiden dem anderen seinen Willen aufzwingt und wie der, der immer nachgibt, letztendlich mit der „Niederlage“ umgeht, und nutzen Schwächen der Eltern auch entsprechend aus. Dr.Manfred Hofferer vom Institut für Kommunikationspädagogik in Wien rät Eltern deshalb, einmal darüber nachzudenken, welche Erfahrungen sie selbst als Kinder mit Autorität gemacht haben und wie es ihnen gelingt, mit ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen umzugehen: Wissen Sie, was Sie wollen? Können Sie auf die Durchsetzung Ihres Willens aus Einsicht oder aus Liebe zu einem anderen Menschen verzichten? Neigen Sie zu Ironie, wenn Ihnen etwas missfällt? Verlegen Sie sich aufs Betteln und Schmeicheln oder ziehen Sie sich gekränkt zurück, wenn Ihre Wünsche nicht beachtet werden? Nehmen Sie die Bedürfnisse der anderen immer wichtiger als Ihre eigenen? Für Hofferer ist klar: „Wenn wir selbst kaum oder keinen Zugang zu unseren eigenen Wünschen und unserem Wollen haben, wird es uns auch schwer fallen, die Entwicklung des Willens unserer Kinder zu fördern beziehungsweise ihre Willensäußerungen positiv anzunehmen.“ Denn der Wille des Kindes ist ja nicht immer bloßer Trotz und reine Willkür, sondern auch Ausdruck seiner Kritik- und Durchsetzungsfähigkeit, seines Selbstbewusstseins und seines Wunsches nach Selbstbestimmung. Das sah auch der Arzt und Psychologe Rudolf Dreikurs so, einer der großen Pioniere der Pädagogik. In seinem Erziehungsratgeber „Familienrat“, der in Deutschland erstmals 1977 erschien und 2003 zum wiederholten Male neu aufgelegt wurde, führt Dreikurs in Verhaltensweisen ein, die Eltern helfen, Spannungen und Konflikte innerhalb der Familien zu lösen, aus erzieherischen Sackgassen wieder herauszufinden, ihr eigenes Handeln zu hinterfragen, neue Umgangs- und Handlungsperspektiven im Umgang mit ihren Kindern zu entwickeln und dabei ihre elterliche Kompetenz zu stärken. Dreikurs geht auch der Frage nach, ob so etwas wie eine „praktizierte Demokratie“, also eine Gleichberechtigung aller Familienmitglieder, möglich ist. Anders als der Däne Jesper Juul, so Michael Schnabel vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München, war Dreikurs von dieser Form des Familienlebens überzeugt. „Denn auf Dauer kann das Zusammenleben in Familien nur gelingen,wenn Wünsche,Vorstellungen und Erwartungen aller Familienmitglieder beachtet werden und bei Meinungsverschiedenheiten ein Ausgleich gefunden wird“, erklärt er. Kindern ein Mitspracherecht einzuräumen bedeutet ja auch nicht, sie das „Sagen“ im Familiensystem übernehmen zu lassen. Ganz im Gegenteil. Der „Familienrat“, so wie er von Dreikurs beschrieben wird, ist ein Forum, in dem alle Familienmitglieder sprechen können, ohne unterbrochen zu werden, und in dem sie die Freiheit haben, sich auszudrücken, wie sie wollen, ohne Furcht vor irgendwelchen Konsequenzen und ohne Rücksicht auf Alter und Stellung. „Wenn der Familienrat funktioniert“, so Schnabel, „erübrigt sich nutzloses Reden weitgehend. Es ist nicht mehr notwendig zu ermahnen, sich zu beklagen, zu nörgeln, zu zanken und zu drohen. Stattdessen kann man sich freundlich unterhalten.“ Außerdem sei es in einem Klima gegenseitigen Respekts für Kinder wesentlich einfacher, ihre Bedürfnisse und Wünsche zu äußern. Denn nur, wer sich als Kind ernst genommen fühlt, wird auch als Erwachsener seinen Standpunkt klar und dennoch entspannt vertreten und seine Bedürfnisse und Wünsche adäquat äußern können. Und Eltern, die ein gutes Vorbild abgeben, brauchen auch nicht explizit auf die Selbstverwirklichungs-, Durchsetzungs- und Kritikfähigkeit ihrer Kinder zu achten.
Daniela Walther




