Als Orientierungshilfe in einer zunehmend unübersichtlich werdenden Welt besinnt man sich auf alte Werte
„Das Thema Benimm und Etikette war in der Gesellschaft eine Zeit lang verpönt.“ Doch irgendwann, als man vermutlich des Schlabber-Looks und des Wurschtel-Umgangs als Auslaufmodell der antiautoritären Phase überdrüssig war, muss es eine große Wende gegeben haben. „Da kamen immer mehr Eltern und Jugendliche auf unsere Tanzschulen zu und fragten an, ob man nicht auch ganz normale Dinge des Zusammenlebens ansprechen könnte. Zum Beispiel, wie man jemanden einlädt, zu welchem Anlass man welche Kleidung trägt,wie man den Tisch deckt und so weiter“, beschreibt Uwe Körber, Präsidiumsmitglied der Vereinigung der Tanzschulinhaber, den verblüffenden Sinneswandel vieler Deutscher. Tanzschulen standen schon immer in der Tradition, jungen Menschen nicht nur die richtige Schrittfolge für den Einstieg in die Gesellschaft beizubringen. „Bereits in den 50er-Jahren gab es den Bereich ‚Benimm und Anstand‘“, der allerdings im wilden Langhaar-Beatnik der 60er-Jahre unterging. Auf das neu erwachte Bedürfnis nach Orientierungshilfen im gesellschaftlichen Umgang haben zahlreiche Tanzschulen reagiert und vor ein paar Jahren das so genannte Anti-Blamier- Programm eingeführt. Mit großem Erfolg. „In Seminaren, die in der Regel zum standardmäßigen Tanzkurs gehören, werden beispielsweise in Doppelstunden inhaltliche Blöcke wie ‚Tischmanieren‘ oder ‚Die höfliche Begrüßung‘ anhand von Rollenspielen,Vorträgen und Gesprächen durchgearbeitet“, so Uwe Körber. Angeboten wird das Programm für Jung und Alt, mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Die Hauptzielgruppe bilden jedoch die 14- bis 18-Jährigen. Dabei werden technische Neuerungen im Alltag durchaus berücksichtigt. Die Kursleiter tragen der wachsenden Nutzung von Mobiltelefonen Rechnung und erklären, „dass es in der Schule oder in öffentlichen Räumen angebracht ist, das Handy auszuschalten oder auf lautlos zu stellen, weil es sonst den Unterricht oder andere Leute stört“. Auch wird mit Bewerbungstrainings auf die angespannte Arbeitsmarktsituation eingegangen. Überhaupt würden viele Themen auf die Agenda gesetzt, die die allgemeinbildende Schule heutzutage „nicht mehr leisten kann“, weil die Lehrpläne und Klassen zu voll sind, resümiert Körber. Dass trotz des in den Medien vielfach bemühten Werteverlustes Eltern,Kindern und Jugendlichen ein verträgliches Miteinander wichtig ist, hat für Kulturwissenschaftlerin Annegret Braun vor allem zwei Gründe:„verhaltenspragmatische und historisch gewachsene“. Die „Wahlfreiheit, die wir leben, wird zum Wahlzwang“, der das Leben erschwert. „Wenn es Regeln gibt, an welchen ich mich orientieren kann, muss ich nicht dauernd entscheiden, wann ich mich wie verhalten soll, sondern es existieren klare Linien.“ Geschichtlich gesehen, begründen sich für Annegret Braun viele Motive in der Nachkriegszeit. Die 68er-Generation hatte die nach den Kriegswirren aufkommende Sehnsucht nach heiler Welt aufgebrochen. Mit gesellschaftlichen Entwicklungen wie der „wilden Ehe“ oder der Emanzipation der Frau legte sie den Grundstein für die heutige Pluralität der Lebensformen. Genau diese Vielfalt rufe wiederum nach klaren Strukturen,meint Annegret Braun. Es bleibt der Wunsch nach einem allgemeingültigen Verhaltenskodex, der das Zusammenleben regelt und der an „alte Werte anknüpft“, die ihre Ursprünge im Christentum haben und bis heute für viele Menschen gelten. Immerhin gebe es viele Frauen und Männer, „die schon zweimal geschieden sind und dennoch ein weiteres Mal heiraten, weil die Ehe den Charakter von Langlebigkeit hat“. Die Familie als Hort einer heilen Welt ist zwar unter Umständen umstritten, wird jedoch gemeinhin als Ort der Geborgenheit verstanden. Statistiken bestätigen diese Einschätzung. Bei Betrachtung der bundesweiten Zahlen gilt im Allgemeinen: Erst kommt die Ehe und dann der Nachwuchs. Daneben erfreuen sich Zeremonien wie Taufe, Erstkommunion, Konfirmation und Trauung nach wie vor großer Beliebtheit. Trotz allgemeinen Geburtenrückgangs lassen sich weder bei den Statistiken des Erzbischöflichen Ordinariats noch bei denjenigen des Evangelisch-Lutherischen Dekanats der Stadt München große Einbrüche erkennen. Der Regionalpfarrer der Seelsorgregion München, Engelbert Dirnberger, hat dafür eine schlüssige Erklärung: Die vielen Sinnangebote unserer pluralen Welt stellen sich „häufig in einer Light-Version“ dar und „halten einer genaueren Hinterfragung nicht stand“. Das Christentum dagegen könne auf eine jahrhundertealte Tradition verweisen. Verlagsleiterin Cornelia Czerny stimmt dem zu: „Die Bibel ist für mich auch nach 2000 Jahren noch das beste und aktuellste Standardwerk bezüglich Moral und Ethik.“ Deshalb ließen sie und ihr Mann ihren einjährigen Sohn katholisch taufen.„Auch wenn das jetzt im ersten Moment komisch klingt, aber wir wollten nicht, dass Lennart in einer gottlosen Welt aufwächst.“ Viele Menschen würden besonders an wichtigen Ereignissen wie Eheschließung, Geburt eines Kindes oder Tod nach Spiritualität suchen, sagt Pfarrer Dirnberger. „Sie erwarten sich Segen und Zuspruch für eine positive Zukunft. Sie erwarten die Berührung mit dem Heiligen, mit einer tieferen Dimension von Wirklichkeit, die sie im Alltag nicht erfahren.“ Sieht man sich im Kinderzimmern um, wird offensichtlich, dass das Jesusbild über dem Bett zunächst vom Elvisposter, dann vom Bay-City-Rollers-Starschnitt und nun vom alles einnehmenden Tokio- Hotel-„Schrein“ mit passender Bettwäsche verdrängt wurde.Doch die leise Hinwendung zum „lieben Gott“ bei Knatsch mit den Eltern ist für viele Kinder und Heranwachsende tröstlich. „Den Kindern hilft es, wenn sie wissen, dass sie nicht allein sind. Dass abends, wenn alle Lichter aus sind, ein Gott da ist, der auf sie aufpasst.“ Das Gutenachtgebet sei bei ihr zu Hause deshalb ein wichtiges Ritual, erklärt Annegret Braun, die selbst Mutter von zwei Töchtern ist. Auch grundsätzliche Werte wie die Nächstenliebe prägen die Erziehung und später, so zumindest die Hoffnung, das Handeln des Nachwuchses. Dass man nicht klaut, nicht tötet und den Nächsten nicht verhungern lässt, sind gesellschaftliche Grundlagen, und das wird hoffentlich auch so bleiben. Darüber hinaus ist „gutes Benehmen in dieser rasanten, schnelllebigen Welt wichtiger denn je, um seinem Gegenüber respektvoll zu begegnen. Viele vergessen ihre Kinderstube und entschuldigen schlechte Manieren mit Stress und Zeitknappheit, doch gutes Benehmen ist gar nicht so zeitaufwändig“, findet Cornelia Czerny. Umso erfreulicher, dass Menschen, die denken, in Sachen Knigge etwas verpasst zu haben, das Anti-Blamier-Programm in Tanzschulen belegen.„Wenn man bezüglich Umgangsformen auf Nummer sicher gehen will, hat man hier die richtige Anleitung“, so Uwe Körber. Und man bekommt beim Abschlussball sogar noch ein Gesellschaftszertifikat in die Hand gedrückt, das „als zusätzliches Zeugnis auch einer Stellenbewerbung beigefügt werden“ kann, schreibt der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband auf seiner Internetseite. Doch der wichtigste Anreiz für die Jugend dürfte sein, durch das Programm mehr Selbstsicherheit zu bekommen.„Bei dem ganzen Markendenken und den Designerklamotten ist man bei den Kids erst richtig cool,wenn man passend dazu auch gutes Benehmen drauf hat“, meint Uwe Körber. Es sind eben nicht nur Kleider, die Leute machen.
Anuschka Schmid




