Gibt es ein Zurück?

Als Orientierungshilfe in einer zunehmend unübersichtlich werdenden Welt besinnt man sich auf alte Werte

„Das Thema Benimm und Etikette war in der Gesellschaft eine Zeit lang verpönt.“ Doch irgendwann, als man vermutlich des Schlabber-Looks und des Wurschtel-Umgangs als Auslaufmodell der antiautoritären Phase überdrüssig war, muss es eine große Wende gegeben haben. „Da kamen immer mehr Eltern und Jugendliche auf unsere Tanzschulen zu und fragten an, ob man nicht auch ganz normale Dinge des Zusammenlebens ansprechen könnte. Zum Beispiel, wie man jemanden einlädt, zu welchem Anlass man welche Kleidung trägt,wie man den Tisch deckt und so weiter“, beschreibt Uwe Körber, Präsidiumsmitglied der Vereinigung der Tanzschulinhaber, den verblüffenden Sinneswandel vieler Deutscher. Tanzschulen standen schon immer in der Tradition, jungen Menschen nicht nur die richtige Schrittfolge für den Einstieg in die Gesellschaft beizubringen. „Bereits in den 50er-Jahren gab es den Bereich ‚Benimm und Anstand‘“, der allerdings im wilden Langhaar-Beatnik der 60er-Jahre unterging. Auf das neu erwachte Bedürfnis nach Orientierungshilfen im gesellschaftlichen Umgang haben zahlreiche Tanzschulen reagiert und vor ein paar Jahren das so genannte Anti-Blamier- Programm eingeführt. Mit großem Erfolg. „In Seminaren, die in der Regel zum standardmäßigen Tanzkurs gehören, werden beispielsweise in Doppelstunden inhaltliche Blöcke wie ‚Tischmanieren‘ oder ‚Die höfliche Begrüßung‘ anhand von Rollenspielen,Vorträgen und Gesprächen durchgearbeitet“, so Uwe Körber. Angeboten wird das Programm für Jung und Alt, mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Die Hauptzielgruppe bilden jedoch die 14- bis 18-Jährigen. Dabei werden technische Neuerungen im Alltag durchaus berücksichtigt. Die Kursleiter tragen der wachsenden Nutzung von Mobiltelefonen Rechnung und erklären, „dass es in der Schule oder in öffentlichen Räumen angebracht ist, das Handy auszuschalten oder auf lautlos zu stellen, weil es sonst den Unterricht oder andere Leute stört“. Auch wird mit Bewerbungstrainings auf die angespannte Arbeitsmarktsituation eingegangen. Überhaupt würden viele Themen auf die Agenda gesetzt, die die allgemeinbildende Schule heutzutage „nicht mehr leisten kann“, weil die Lehrpläne und Klassen zu voll sind, resümiert Körber. Dass trotz des in den Medien vielfach bemühten Werteverlustes Eltern,Kindern und Jugendlichen ein verträgliches Miteinander wichtig ist, hat für Kulturwissenschaftlerin Annegret Braun vor allem zwei Gründe:„verhaltenspragmatische und historisch gewachsene“. Die „Wahlfreiheit, die wir leben, wird zum Wahlzwang“, der das Leben erschwert. „Wenn es Regeln gibt, an welchen ich mich orientieren kann, muss ich nicht dauernd entscheiden, wann ich mich wie verhalten soll, sondern es existieren klare Linien.“ Geschichtlich gesehen, begründen sich für Annegret Braun viele Motive in der Nachkriegszeit. Die 68er-Generation hatte die nach den Kriegswirren aufkommende Sehnsucht nach heiler Welt aufgebrochen. Mit gesellschaftlichen Entwicklungen wie der „wilden Ehe“ oder der Emanzipation der Frau legte sie den Grundstein für die heutige Pluralität der Lebensformen. Genau diese Vielfalt rufe wiederum nach klaren Strukturen,meint Annegret Braun. Es bleibt der Wunsch nach einem allgemeingültigen Verhaltenskodex, der das Zusammenleben regelt und der an „alte Werte anknüpft“, die ihre Ursprünge im Christentum haben und bis heute für viele Menschen gelten. Immerhin gebe es viele Frauen und Männer, „die schon zweimal geschieden sind und dennoch ein weiteres Mal heiraten, weil die Ehe den Charakter von Langlebigkeit hat“. Die Familie als Hort einer heilen Welt ist zwar unter Umständen umstritten, wird jedoch gemeinhin als Ort der Geborgenheit verstanden. Statistiken bestätigen diese Einschätzung. Bei Betrachtung der bundesweiten Zahlen gilt im Allgemeinen: Erst kommt die Ehe und dann der Nachwuchs. Daneben erfreuen sich Zeremonien wie Taufe, Erstkommunion, Konfirmation und Trauung nach wie vor großer Beliebtheit. Trotz allgemeinen Geburtenrückgangs lassen sich weder bei den Statistiken des Erzbischöflichen Ordinariats noch bei denjenigen des Evangelisch-Lutherischen Dekanats der Stadt München große Einbrüche erkennen. Der Regionalpfarrer der Seelsorgregion München, Engelbert Dirnberger, hat dafür eine schlüssige Erklärung: Die vielen Sinnangebote unserer pluralen Welt stellen sich „häufig in einer Light-Version“ dar und „halten einer genaueren Hinterfragung nicht stand“. Das Christentum dagegen könne auf eine jahrhundertealte Tradition verweisen. Verlagsleiterin Cornelia Czerny stimmt dem zu: „Die Bibel ist für mich auch nach 2000 Jahren noch das beste und aktuellste Standardwerk bezüglich Moral und Ethik.“ Deshalb ließen sie und ihr Mann ihren einjährigen Sohn katholisch taufen.„Auch wenn das jetzt im ersten Moment komisch klingt, aber wir wollten nicht, dass Lennart in einer gottlosen Welt aufwächst.“ Viele Menschen würden besonders an wichtigen Ereignissen wie Eheschließung, Geburt eines Kindes oder Tod nach Spiritualität suchen, sagt Pfarrer Dirnberger. „Sie erwarten sich Segen und Zuspruch für eine positive Zukunft. Sie erwarten die Berührung mit dem Heiligen, mit einer tieferen Dimension von Wirklichkeit, die sie im Alltag nicht erfahren.“ Sieht man sich im Kinderzimmern um, wird offensichtlich, dass das Jesusbild über dem Bett zunächst vom Elvisposter, dann vom Bay-City-Rollers-Starschnitt und nun vom alles einnehmenden Tokio- Hotel-„Schrein“ mit passender Bettwäsche verdrängt wurde.Doch die leise Hinwendung zum „lieben Gott“ bei Knatsch mit den Eltern ist für viele Kinder und Heranwachsende tröstlich. „Den Kindern hilft es, wenn sie wissen, dass sie nicht allein sind. Dass abends, wenn alle Lichter aus sind, ein Gott da ist, der auf sie aufpasst.“ Das Gutenachtgebet sei bei ihr zu Hause deshalb ein wichtiges Ritual, erklärt Annegret Braun, die selbst Mutter von zwei Töchtern ist. Auch grundsätzliche Werte wie die Nächstenliebe prägen die Erziehung und später, so zumindest die Hoffnung, das Handeln des Nachwuchses. Dass man nicht klaut, nicht tötet und den Nächsten nicht verhungern lässt, sind gesellschaftliche Grundlagen, und das wird hoffentlich auch so bleiben. Darüber hinaus ist „gutes Benehmen in dieser rasanten, schnelllebigen Welt wichtiger denn je, um seinem Gegenüber respektvoll zu begegnen. Viele vergessen ihre Kinderstube und entschuldigen schlechte Manieren mit Stress und Zeitknappheit, doch gutes Benehmen ist gar nicht so zeitaufwändig“, findet Cornelia Czerny. Umso erfreulicher, dass Menschen, die denken, in Sachen Knigge etwas verpasst zu haben, das Anti-Blamier-Programm in Tanzschulen belegen.„Wenn man bezüglich Umgangsformen auf Nummer sicher gehen will, hat man hier die richtige Anleitung“, so Uwe Körber. Und man bekommt beim Abschlussball sogar noch ein Gesellschaftszertifikat in die Hand gedrückt, das „als zusätzliches Zeugnis auch einer Stellenbewerbung beigefügt werden“ kann, schreibt der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband auf seiner Internetseite. Doch der wichtigste Anreiz für die Jugend dürfte sein, durch das Programm mehr Selbstsicherheit zu bekommen.„Bei dem ganzen Markendenken und den Designerklamotten ist man bei den Kids erst richtig cool,wenn man passend dazu auch gutes Benehmen drauf hat“, meint Uwe Körber. Es sind eben nicht nur Kleider, die Leute machen.

Anuschka Schmid

Spießers Opfer

Die Toleranz gegenüber Arbeitslosen hat auf politischer Ebene abgenommen, obwohl nicht für mehr Arbeitsplätze gesorgt wird

Klaus Bender ist seit drei Jahren arbeitslos. Der 54-jährige Elektroinstallateur hat aufgehört, die Absagen auf seine Bewerbungen zu zählen: Hunderte müssen es gewesen sein. “Den Spruch ‘Wer arbeiten will, findet auch was’, kann ich nicht mehr hören! Die meisten Leute ignorieren, was wir wirklich durchmachen”, sagt Bender, der eigentlich einen ganz anderen Namen hat und nicht öffentlich als Arbeitsloser in Erscheinung treten will. Warum? “Weil ich die hämischen Bemerkungen und skeptischen Blicke nicht mehr ertragen kann. Sobald jemand erfährt, dass ich Arbeitslosengeld beziehe, spüre ich schon den unausgesprochenen Vorwurf, ein Kostenfaktor zu sein.” “Drückeberger”, “Schmarotzer”, “Faulenzer”. Die Stimmungsmache gegen Bezieher von Sozialleistungen zeigt Wirkung. Laut einer Studie des Allensbach Instituts für Demoskopie hat das Image von Arbeitslosen deutlich abgenommen. Waren bis Mitte der 90er-Jahre 40 Prozent der Befragten der Ansicht, dass viele Arbeitslose gar nicht arbeiten wollten, stieg ihr Anteil Ende der 90er-Jahre auf 66 Prozent. Mittlerweile schämen sich viele Arbeitslose geradezu, ihr Recht auf Zahlungen in Anspruch zu nehmen. Dabei bedeutet eine Unterstützung im Rahmen von Hartz IV keineswegs ein entspanntes Schaukeln in der sozialen Hängematte. Der Regelsatz liegt bei 345 Euro. “Viele Arbeitslose kommen mit ihrem Geld kaum über die Runden und müssen täglich nachrechnen, ob sie sich zum Beispiel ein U-Bahnticket, ein Telefongespräch oder einen Arztbesuch noch leisten können”, sagt Philip Büttner vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (kda). Zur finanziellen Notlage und Frustration bei der Jobsuche käme der Verlust der Eigenständigkeit, die Abhängigkeit von Behörden. “Schlimm ist es, wenn die Betroffenen dann statt Unterstützung auch noch Anfeindungen durch ihre Mitbürger erfahren müssen”,meint Büttner. 933 Euro. Das ist der Durchschnittsbetrag von Arbeitslosengeld II und Sozialgeld, den die Arbeitsgemeinschaft für Be- schäftigung München (ARGE) monatlich zur Sicherung des Lebensunterhaltes zahlt. Und zwar nur an jede der 40 000 anerkannten Bedarfsgemeinschaften, in denen insgesamt 49 700 “erwerbsfähige Personen” und 17 900 Kinder leben. Von diesen 933 Euro muss alles bezahlt werden: Essen, Miete, Einrichtung. Ist dies gleichzusetzen mit einem sorgenfreien Leben auf Kosten der arbeitenden Mitbürger? So zumindest stellen es Spitzenpolitiker von Union und SPD gern dar und verschärfen regelmäßig die Kriterien für den Erhalt von Sozialleistungen. “Hartz IV-Änderungs- und Fortentwicklungsgesetz” heißt das dann. Die Begründung: angeblich zu hohe Kosten. 24,4 Milliarden Euro hat der Bund in diesem Jahr für Arbeitslosengeld II im Haushalt vorgesehen. Um zu sparen, wird der Druck auf Leistungsempfänger Schritt für Schritt erhöht. Und die Sanktionen werden härter. Seit diesem Sommer sind bundesweit verstärkt Sozialdetektive auf Tour. Diese Ermittler sollen die Lebenssituationen von Hartz-IV- Empfängern durchleuchten und Betrugsfälle aufdecken. Gegen die übliche Überprüfung der Bedürftigkeit hat wohl kaum jemand etwas einzuwenden – doch das politisch verordnete Schnüffeln in den Lebensverhältnissen sozial ausgegrenzter Menschen erscheint vielen Kritikern als überzogene und kleinkarierte Maßnahme. Zumal Untersuchungen zeigen, dass die Betrugsquoten bei gerade einmal zwei bis fünf Prozent liegen. Laut Bundesagentur für Arbeit sind durch Missbrauch oder Berechnungsfehler im ersten Quartal des Jahres 0,4 Prozent der Gesamtausgaben zu viel gezahlt worden. In Anbetracht dieser Zahlen stellt sich die Frage, ob der Einsatz von Außendienstlern angemessen ist. Der sozialwissenschaftliche Referent des kda, Philip Büttner, meint: “Vom bloßen Augenschein – etwa der Zahl der Zahnbürsten im Badezimmer – lässt sich ohnehin kaum ablesen, ob eine Lebensund Bedarfsgemeinschaft vorliegt oder nicht. Ein massiver Einsatz von Sozialkontrolleuren bewirkt wohl nur, dass die ehrliche Mehrheit der Betroffenen noch weiter eingeschüchtert wird.” In München wird der Einsatz von Sozialdetektiven bisher nur in einem Modellprojekt erprobt. Wer nichts leistet, auch wenn er nichts leisten darf, steht unter Pauschalverdacht. Dass Arbeitslosen verstärkt hinterherspioniert wird, ist umso unverständlicher, als die Bundesregierung sonst nicht gerade durch Aktionismus auffällt, wenn es darum geht, Ausgaben einzusparen und Betrugsfälle aufzudecken. Die Deutsche Steuer-Gesellschaft schätzt, dass durch Steuerhinterziehung den öffentlichen Haushalten 70 Milliarden Euro fehlen. Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums haben deutsche Unternehmen im Jahr 2005 Gewinne in Höhe von 65 Milliarden Euro ins Ausland verlagert. Transparency International vermutet, dass durch Korruption allein im deutschen Gesundheitswesen bis zu 24 Milliarden Euro Schaden entsteht. Effektive Gegenmaßnahmen? Fehlanzeige. “Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir Arbeitslose zu den Hauptsündenböcken gemacht werden”, sagt Klaus Bender. Zwischen dem Alltag vieler Arbeitsloser und dem medial verbreiteten Bild ihrer Situation klafft eine große Lücke. “Die Darstellung stimmt mit Sicherheit nicht mit der Realität überein”, sagt Michael Baab, der Münchner ARGE-Geschäftsführer. Er habe festgestellt: Wer längerfristig ohne Beschäftigung sei, erfülle in der Regel nicht die Anforderungen, die von den Unternehmen gestellt würden. “Dies sind objektive Fakten, die zuerst mit mangelndem Willen nicht unmittelbar etwas zu tun haben. Dass mit der Zahl der fehlgeschlagenen Bewerbungen die Motivation nicht steigt, ist eine fast logische Konsequenz”, so Baab. Die meisten Arbeitslosen seien jedoch bereit, die Hilfen der ARGE bei der Beschäftigungssuche anzunehmen. Apropos Hilfe: Die Betreuungs- und Beratungsangebote für Menschen ohne Arbeitsplatz haben sich in den vergangenen Jahren verbessert. Im Internet gibt es eine Vielzahl von Adressen wie Erwerbslosenforum.de oder Arbeitslos-hilfe.de, die praktische Tipps und einen Erfahrungsaustausch anbieten. Auch in München tut sich etwas: Die “Münchner Lobby für Erwerbslose”, ein Zusammenschluss von acht Beratungsstellen, will die Hilfeangebote verbessern. Mit dabei sind Kirchen, Gewerkschaften und unabhängige Initiativen.Arbeitsplätze herbeizaubern können allerdings auch sie nicht. Vor der Zentrale der Münchner Arbeitsagentur in der Kapuzinerstraße steht Laura Worsch (Name geändert) und raucht eine Zigarette. “Wieder nichts!”, sagt sie und wirkt dabei ziemlich genervt. Die 20-Jährige, die im vergangenen Jahr eine Ausbildung als Einzelhandelskauffrau abgebrochen hat, kommt gerade von einem Gespräch mit ihrem Sachbearbeiter. “Der konnte mir auch nicht wirklich weiterhelfen. Ein Bewerbungstraining habe ich ja schon hinter mir – jetzt brauche ich eine feste Stelle!” Doch es sieht schlecht für sie aus. Nach Gelegenheitsjobs als Verkäuferin hat sie seit drei Monaten keine Einkünfte mehr. Ihre Eltern sind ebenfalls arbeitslos. “Wenn sich nicht bald etwas tut, raste ich aus! Ich kann sowieso schon nichts mehr mit meiner Clique unternehmen, weil ich kein Geld habe”, sagt Laura, die einräumt, eine Mitschuld an ihrer misslichen Lage zu tragen. Fühlt sie sich von ihrem Sachbearbeiter respektiert? “Keine Ahnung …, für den bin ich sowieso nur eine von vielen.” Tatsächlich tut sich die ARGE nicht nur bei älteren Langzeitarbeitslosen oder Alleinerziehenden schwer, angemessene Stellen zu finden. Michael Baab: “Etwas Sorge bereiten uns junge Menschen unter 25 Jahren, die über einen längeren Zeitraum hinweg den Einstieg in eine Berufsausbildung oder eine Beschäftigung nicht schaffen.” In diesen Fällen fehle es oftmals an grundlegenden Voraussetzungen wie Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit. “Diese persönlichen und sozialen Kompetenzen zu trainieren ist oftmals eine sehr langwierige und schwierige Aufgabe”, sagt der ARGE-Chef. Grundsätzlich gibt sich Baab allerdings optimistisch. Mit der Einrichtung des “Arbeitgeber- Service” habe sich der Kontakt zu den Unternehmen deutlich verbessert. Zu teuer, zu träge, zu unflexibel. Die Vorwürfe, die Empfänger von Sozialleistungen zu hören bekommen, reißen nicht ab. Politiker und Vertreter von Wirtschaftsverbänden fordern nahezu täglich, dass stärker kontrolliert und massiv gekürzt werden müsse. Dabei berufen sie sich auf Studien wie jene der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Deren so genannte Experten fordern im aktuellen “Wirtschaftsbericht Deutschland” weniger Regulierung in der Wirtschaft, mehr Druck auf Arbeitslose und einen Sparkurs bei öffentlichen Haushalten. Philip Büttner von der kda meint dazu: “Dass der Arbeitsmarkt zurzeit gar nicht jeden integrieren kann und der Generalverdacht der Arbeitsunwilligkeit und des Sozialmissbrauchs statistisch völlig haltlos ist, hindert manche Meinungsmacher nicht, nach Sündenböcken zu suchen. Solche Debatten sind Gift für das soziale Klima im Land”.Was vielleicht sogar ganz im Sinne der Urheber ist.

Günter Keil

Zum Spießer berufen

Eltern müssen Position beziehen und ihren Kindern Grenzen setzen, auch wenn sie nicht sicher sind, ob es etwas bringt

Als Paul* das erste Mal Haschisch rauchte, war er 15. Zusammen mit acht Freunden hatte er sich dazu eines Abends am Baggersee verabredet. Einer der Jungen hatte einen fertig gedrehten Joint mitgebracht, ein anderer eine Wasserpfeife und ein Stückchen Haschisch, das er von seinem großen Bruder bekommen hatte. Nachdem die Jungen mehrmals die Wasserpfeife hatten kreisen lassen, kam eine Polizeistreife angefahren, die vermutlich von jemandem gerufen worden war, der die Jungen beobachtet hatte. Die Polizisten stellten die Pfeife und das übrige Haschisch sicher und forderten die Jugendlichen auf, ihre Taschen und Rucksäcke auszuleeren, anschließend nahmen sie ihre Personalien auf. Als Paul nach diesem Vorfall nach Hause kam, erzählte er seinen Eltern sofort, was passiert war. Seitdem sind fünf Jahre vergangen. Pauls Vater sagt, ihm sei immer klar gewesen, dass das Thema Drogen irgendwann aufkommen würde.„Aber natürlich machte ich mir damals ziemliche Sorgen um Paul. Beunruhigt war ich auch darüber, ob wir nun Probleme mit der Polizei bekommen würden.“ Paul hingegen hat der Vorfall offensichtlich nicht abgeschreckt, denn seine Eltern bemerkten bald, dass er jetzt öfter kiffte. Er stritt das auch gar nicht ab, als sie ihn darauf ansprachen, und verteidigte sein Haschischrauchen entschieden und wortreich gegen alle rechtlichen und gesundheitlichen Einwände der Eltern. „Da waren wir echt im Zwiespalt, wie wir uns verhalten sollten“, erinnert sich der Vater, „denn wir diskutieren zwar über Vieles mit unseren Kindern, und sie respektieren gewöhnlich unsere Meinung. Wenn sie aber irgendetwas unbedingt wollen, dann machen sie das – im Zweifelsfall heimlich. Und mal ehrlich: Das hätten wir früher doch genauso gemacht.“ Pauls Eltern, die beide prinzipiell gegen Rauschmittel sind und selbst weder rauchen noch trinken, überlegten zunächst, das Kiffen kategorisch zu verbieten. Doch dann fürchteten sie, der Sache damit nur zusätzlich den Reiz des Verbotenen zu verleihen und sich die Möglichkeit zu versperren, mit Paul weiterhin offen über das Thema zu sprechen. Schließlich duldeten sie, dass Paul ab und zu kiffte, ließen aber keine Gelegenheit aus, ihr Missfallen darüber zum Ausdruck zu bringen. Im Lauf der Jahre hat sich das Problem dann von selbst erledigt. Paul studiert heute und Haschischrauchen interessiert ihn nicht mehr. Ob es von den Eltern damals richtig war, so zu handeln? – „Rein rechtlich wohl nicht, aber für unsere Familie wahrscheinlich schon“, sagt der Vater. „Aber das kann man natürlich nicht verallgemeinern!“ Tolerieren oder verbieten? – Die Frage stellt sich in der Erziehung nicht erst, wenn es um Drogenkonsum geht und Eltern sich berechtigte Sorgen um die körperliche und seelische Gesundheit ihrer Kinder machen, sondern schon ab dem Kleinkindalter. – Gibt man dem Kind nach, wenn es abends nicht schlafen will, oder legt man es um eine bestimmte Uhrzeit strikt ins Gitterbett? Wie viele Süßigkeiten sind okay und wann ist Schluss? Darf das Kind noch eine Fernsehsendung ansehen oder nicht? Eltern müssen dauernd Stellung beziehen und sich dann entscheiden, ob und wie sie dem Kind gegenüber ihre Haltung durchsetzen. Dabei ist es den meisten Eltern heute wichtig, dass ihr Kind ihnen aus Einsicht folgt und nicht nur aus Angst vor Bestrafung. Das zu erreichen kann allerdings ganz schön anstrengend sein. „Viele Eltern sind heute nicht in der Lage, klare Grenzen zu setzen,weil sie nicht die Energie dazu aufbringen“, sagt die Kinderund Jugendlichentherapeutin Jutta Meyer- Gutknecht von der Erziehungsberatungsstelle in der Hochstraße 31 in München. Besonders schwierig sei es für Alleinerziehende und wenn beide Elternteile Vollzeit arbeiten, weil man, um klare Grenzen zu setzen, präsent sein muss und es sehr viel Kraft kostet, dranzubleiben. Denn Kinder geben nicht auf, wenn man ihnen einmal etwas untersagt, sondern probieren immer wieder, ihren Willen durchzusetzen.Viele Eltern seien auch verunsichert, weil es in unserer Gesellschaft so viele verschiedene Wertvorstellungen gibt. Sie haben deshalb keinen klaren Erziehungsstil, sondern schwanken zwischen Laisser-faire und Strenge. „Für das richtige Maß an Autorität gibt es kein Patentrezept“, meint Meyer-Gutknecht. Es komme vielmehr darauf an, was für ein Mensch man selbst ist: Wer seinen Tagesablauf und sein ganzes Handeln stark strukturiert, möchte das auch für sein Kind und erträgt es kaum, wenn das Kind jeden Tag zu einer anderen Uhrzeit ins Bett geht oder seine Hausaufgaben manchmal erst am Abend zu Ende bringt. Andere Eltern wiederum, die ihre Zeit auch selbst eher spontan gestalten, haben damit gar kein Problem.Man kann nicht generell sagen, dass der eine oder der andere Weg der bessere wäre. „Wichtig ist, dass man nicht Wein trinkt und Wasser predigt!“ Wenn aber die Grenze dessen, was man tolerieren kann, überschritten wird, sollte man das seinem Kind deutlich sagen, statt sich lockerer zu geben, als man ist, und dann irgendwann zu platzen. Da der Erziehungsstil in den vergangenen 30 Jahren insgesamt toleranter geworden ist, ist das Gros der Kinder heute selbstbewusster als früher. Stark verschüchterte Kinder gibt es nur noch selten und auch die anderen typischen Symptome allzu eingeengter Kinder, wie Nägelbeißen, Einnässen und Einkoten, haben abgenommen. Derzeit beobachten die Erziehungsberater, dass der Erziehungsstil eher wieder autoritärer wird, bedingt durch die hohen Leistungsanforderungen in unserer Gesellschaft und die Sorge der Eltern, die Kinder könnten diesen nicht genügen oder den Anschluss verpassen. Wenn in der frühen Kindheit zu wenige Grenzen gesetzt wurden, kommt es spätestens in der Pubertät zu Problemen, beobachtet Meyer-Gutknecht. „Da werfen Eltern oft das Handtuch. Wenn der 14-jährige Sohn oder die Tochter dann zum Beispiel mit Haschisch erwischt wird, sind die Eltern ratlos, wie sie eingreifen könnten.“ Viele Eltern wenden sich in so einem Fall an eine Drogenberatungsstelle wie beispielsweise Condrobs e.V. oder das Projekt FreD (Frühintervention bei erstauffälligen Drogenkonsumenten). Dann wird ein Drogenberater in einem Klärungsgespräch zuerst einmal die gesamte Situation erfassen:Wie ist die Kommunikation zwischen den Eltern und dem Kind? Gibt es außer dem Kiffen noch andere Grenzüberschreitungen, wie beispielsweise Schuleschwänzen? Was wollen die Eltern? Und inwieweit ist der Jugendliche oder das Kind bereit, dem entgegenzukommen? „Wir bestärken die Eltern darin, ihre fürsorgliche, erzieherische Rolle wieder einzunehmen und ihre Forderungen klar zu formulieren“, sagt Bärbel Würdinger, die Leiterin von FreD in München und Freising. Zwar sei Cannabis keine Droge, durch deren Konsum lebensnotwendige Funktionen beeinträchtigt werden, doch die Eltern sollten sie ihren minderjährigen Kindern trotzdem entschieden verbieten. Zum einen, weil sie illegal ist und zum anderen, weil sie vor allem bei jungen Nutzern Angststörungen auslösen kann und sich bei regelmäßigem Konsum meist negativ auf die Schule und die soziale Integration auswirkt. „Damit die Kinder sich für die elterliche Kritik überhaupt wieder öffnen, müssen sie spüren, dass sie wertgeschätzt und in ihrer Autonomie geachtet werden“, sagt Würdinger. Deshalb sollten Eltern immer nur das problematische Verhalten des Kindes kritisieren, aber nicht die Person an sich, und die Gespräche sollten sich nicht andauernd nur um die problematischen Themen drehen. „Das Entscheidende ist, mit seinem Kind in der Beziehung zu bleiben!“, betont Siegfried Gift, Leiter von easyContact bei Condrobs e.V. Anstatt mit Rausschmiss oder dem Abbruch der Beziehung zu drohen, müssten Eltern mit dem Kind oder Jugendlichen streiten und sich auseinandersetzen. Als Konsequenz von Grenzüberschreitungen empfiehlt er vermehrte Pflichten im Haushalt. Gift: „Wenn man allerdings selbst jeden Abend vier Weißbier trinkt, um zu entspannen, ist es schwierig, sein Kind davon zu überzeugen, dass es nicht kiffen soll.“

Simone Kayser

TELEFONNUMMERN
Projekt FreD von Prop e.V. München, Telefon 28 70 11 63 easyContact, Condrobs e.V., Telefon 26 02 52-91 Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche, Telefon 48 88 26

* Name geändert

„Menschen sind verschieden“

Doch aus den Unterschieden dürfen keine rechtlichen Nachteile entstehen. Ein Interview mit Ralf Rothkegel

Welche Mechanismen garantieren, dass das Gesetz für alle Bürger gleich wirksam und gleich zugänglich ist?
Ralf Rothkegel: Wir haben den Gleichheitsgrundsatz, der Verfassungsrang hat. Im dritten Artikel des Grundgesetzes heißt es, dass niemand wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden darf.

Kommt Gleichheit vor dem Gesetz tatsächlich beim Bürger an?
Rothkegel: Gleichheit im Sinne des Grundgesetzes meint nicht absolute Gleichheit. Menschen sind verschieden. Dieser Tatsache muss auch die Rechtsordnung Rechnung tragen. Sie muss aber sicherstellen, dass die Unterschiede, egal ob ökonomischer oder anderer Art, nicht dazu führen, dass einige Bürger ihre Rechte nicht wahrnehmen können. Für sozial schwächer gestellte Bürger gibt es ein rechtliches Instrumentarium, zum Beispiel Prozesskostenhilfe oder staatlich finanzierte Beratungshilfe, das gewährleisten soll, dass der Zugang zu Gerichten nicht schon an den Kosten scheitert. In der Realität kann freilich jemand, der über Geld verfügt, seine Rechte leichter durchsetzen. Gerade die Rechtsdurchsetzung ist ein Thema, das mich persönlich sehr umgetrieben hat. Wie kann gewährleistet werden, dass Minderbemittelte an den ihnen zustehenden Rechtsschutz herankommen? Dabei sind ja nicht nur finanzielle, sondern auch atmosphärische Schwellen zu bedenken. Um einen Rechtsrat muss man einen Rechtsanwalt bemühen, der in der Regel in seiner Kanzlei sitzt. Ein Mensch, der sozial gesehen außen vor ist,will aber häufig den Schritt in eine Kanzlei nicht gehen.

Welche Alternativen gibt es?
Rothkegel: Mich hat in meiner Praxis vor allem interessiert, wie ein Hilfebedürftiger oder Mittelloser seiner wirtschaftlichen Klemme entrinnen kann. Die gegenwärtige Gesetzeslage ist so verworren, dass es die Klientel, die davon angesprochen wird, gar nicht möglich ist, zu erkennen, welche Rechte ihr zustehen. Dazu braucht man Spezialisten, die Zeit aufwenden müssen, um sich selbst mit der Gesetzeslage vertraut zu machen. Gleichzeitig können sie von den Betroffenen nicht die großen Honorare erwarten. Bei Fragen der Existenzsicherung sind es typischerweise arme Menschen, die an dieser Schwelle vielleicht scheitern. Das ist die Lebenswirklichkeit.

Kann man sagen, dass das Gesetz zwar gerecht angelegt ist, der Rechtsapparat aber zu Ungerechtigkeiten führt?
Rothkegel: Das ist einfach so. Im Gesundheitswesen zum Beispiel taucht dasselbe Problem auf. Man sagt inzwischen, dass Menschen, die nicht aufs Geld schauen müssen, medizinisch besser versorgt sind.Wenn die Schere weiter auseinander geht,muss der Gesetzgeber steuernd eingreifen.

Lässt sich das wirklich per Gesetz regeln?
Rothkegel: Es sind auf jeden Fall gesetzliche Mechanismen nötig. Allerdings reichen sie nicht aus, weil die Umsetzung des Rechts außerhalb der gerichtlichen Schranken auch immer eine gesellschaftliche Angelegenheit ist. Die Gesellschaft muss dafür sorgen, dass arme Menschen nicht links liegen gelassen werden.

Wie könnte das funktionieren?
Rothkegel: Nach meiner Erfahrung lässt sich diese Aufgabe, zumindest momentan, nicht ohne ehrenamtliches Engagement bewältigen. Ich habe in Berlin eine Einrichtung angestoßen, die „Rechtsambulanz für Sozialhilfe“. Sie soll Minderbemittelten einen niedrigschwelligen Zugang zur Rechtsdurchsetzung verschaffen. Ziel ist es auch, die Menschen, die einen Beistand benötigen, dort abzuholen,wo sie sich befinden, gegebenenfalls auf der Straße. Derzeit sind Rechtsanwälte in der Ambulanz ehrenamtlich tätig.

Übernehmen Sie mit der Einrichtung nicht einen eigentlich staatlichen Auftrag?
Rothkegel: Ich sehe den Staat nicht in der Pflicht, eine Rundumversorgung seiner Bürger zu betreiben. Es ist ja eine berechtigte Idee der Arbeitsmarktreform, an die Eigeninitiative des Einzelnen zu appellieren. Dies ist auch im Grundsatz der Menschenwürde angelegt. Es wäre eine Bevormundung des Bürgers, wenn der Staat für alles sorgen würde. Andererseits darf sich der Staat nicht zurücklehnen und die soziale Sicherung dem freien Spiel der Kräfte überlassen. Er muss über ein Wächteramt hinausgehen und regulierend eingreifen, indem er zum Beispiel eine gerechte Rechtsordnung bereitstellt und Möglichkeiten schafft, sie durchzusetzen.

Der Staat ist zur Gleichbehandlung seiner Bürger verpflichtet. Private Initiativen sind das nicht. Rothkegel: Die private Initiative ist tatsächlich weit weniger rechtlich gebunden als eine staatliche Einrichtung. Aber man hat auch von einer „Drittwirkung von Grundrechten“ gesprochen. Danach ist jeder, der sich auf dem Boden des Privatrechts bewegt, gehalten, die wesentlichen Grundsätze der Verfassung zu respektieren.Eine Wohlfahrtseinrichtung, die religiös ausgerichtet ist, darf zwar beispielsweise ihre Leistungen Personen vorbehalten, die die religiöse Prägung mittragen oder zumindest nicht ablehnen. Wenn diese Einrichtung jedoch sagt, wir nehmen keine Ausländer mit dunkler Hautfarbe auf, verletzt sie die Rechtsordnung. Der Gleichbehandlungsgrundsatz ist natürlich viel weiter gefasst und in diesen Fällen schwieriger einklagbar, als es gegenüber einer staatlichen Stelle der Fall wäre.

Wie beurteilen Sie den Handlungsspielraum, den beispielsweise ein Sachbearbeiter bei der Vergabe von Sozialleistungen hat?
Rothkegel: Das Ermessen hat meines Erachtens eine besondere Bedeutung bei der Tätigkeit der Fallmanager in den Arbeitsagenturen. Sie haben ein großes Instrumentarium zur Verfügung, mit dem der Leistungsempfänger in die Lage versetzt werden soll, von staatlichen Leistungen zur Sicherung seiner Existenz unabhängig zu werden. Dieser Bereich ist durch Verwaltungsvorschriften nur schwer zu steuern. Die Fallmanager müssen ein „Profiling“ erarbeiten. Dazu schauen sie sich an, welche Voraussetzung ihre Kunden mitbringen, und überlegen, welche Maßnahmen die Arbeitslosigkeit gezielt beenden könnten. Dazu gibt der Fallmanager den Arbeitslosen zum Beispiel auf, eine bestimmte Anzahl von Bewerbungen zu schreiben und das auch nachzuweisen. Manchem Langzeitarbeitslosen mag es schwer fallen, noch Arbeitsdisziplin aufzubringen, er kommt vielleicht mal zu einem Bewerbungsgespräch zu spät. Das kann dazu führen, dass er aus dem Leistungsprogramm ausgeschlossen wird und kein Geld mehr bekommt.

Ist es ein Ausdruck staatlicher Ungerechtigkeit, Menschen an einer Stelle stürzen zu lassen, die vorher absehbar ist?
Rothkegel: Eine landläufige These ist doch: Menschen werden durch hohe Sozialleistungen abgehalten, sich um Arbeit zu bemühen. „Wir anderen dürfen uns krummschuften, während sie es sich in der sozialen Hängematte bequem machen“, heißt es.Wenn dieser Befund wirklich zuträfe, wäre es gerecht, durch eine Reform Menschen kürzer zu halten, damit sie zu arbeiten beginnen. Besonders in den neuen Bundesländern war Arbeitsunlust jedoch kein Phänomen, das zahlenmäßig ins Gewicht fiel. Es bestand und besteht – nicht nur dort – Arbeitsplatzmangel. Wenn eine Reform Druck ausübt, sich eine Beschäftigung zu suchen,wo keine Arbeitsplätze vorhanden sind, entsteht ebenfalls ein Gerechtigkeitsproblem.

Ist der Staat seinen Bürgern gegenüber tolerant, wenn es um Sozialleistungen geht?
Rothkegel: Toleranz hat als Begriff seine Berechtigung, wenn es darum geht, inwieweit sich ein Fallmanager auf das Lebenskonzept seines Kunden einlässt. Der Staat braucht aber die Auffassung eines Bürgers, der sagt, ich will frei sein wie ein Vogel und mein Leben mit Schnorren oder sonstwie bestreiten, nicht mit der Konsequenz zu tolerieren, dass er sagt: Okay, ich finanziere dieses Leben. Stattdessen kann er sagen: Ich erwarte, dass ein Leistungsempfänger das objektiv Zumutbare tut, um seinen Unterhalt selbst zu bestreiten.Was ist aber zumutbar? Zum Beispiel muss der Staat berücksichtigen,wenn ein Arbeitsuchender sagt, ich bin Atheist und lehne es ab, in einem konfessionell geführten Krankenhaus zu arbeiten.

Wie ist Toleranz mit Gerechtigkeit zu vereinen?
Rothkegel: Man unterscheidet zwei Arten der Gerechtigkeit. Die eine ist symbolisiert in Justitia mit der Augenbinde, die ohne Ansehen der Person urteilt. Damit kann sie aber ungerecht handeln, weil sie die Besonderheiten des Menschen, der vor ihr steht, nicht wahrnimmt. Im Bereich des Sozialen kommt es sehr darauf an, wie die Notlage beschaffen und im individuellen Fall behebbar ist.Wenn jemand zum Beispiel in einer unangemessen großen Wohnung lebt, müsste er sie bei schematischer Betrachtung verlassen, weil der Staat den Sozialhilfeempfängern die Miete nur bis zu einer bestimmten Grenze bezahlt. Doch spielt hier eine Rolle, ob freie Wohnungen in der passenden Größe vorhanden und wie die persönlichen Umstände, beispielsweise die Möglichkeit und Zumutbarkeit eines Umzugs in eine billigere Wohnung, beschaffen sind. Deshalb sind die Sachbearbeiter zu Einzelfallwertungen gezwungen. Im Extremfall kann es sein, dass von zwei Arbeitslosengeldempfängern, die im selben Haus und in gleich großen Wohnungen leben, einer zum Umzug gezwungen wird, der andere jedoch bleiben kann, weil in seinem Fall ein Umzug zum Beispiel eine Arbeitsaufnahme erschweren würde. Gerechtigkeit heißt, dem Einzelfall gerecht zu werden.

Das Gespräch führte Bernd Hein

ZUR PERSON
Fast sein gesamtes Berufsleben hindurch hat Dr. Ralf Rothkegel sich mit dem Thema Sozialhilfe beschäftigt. Die Frage, ob und wie der Staat den Bürgern Gerechtigkeit widerfahren lassen kann, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Rothkegels Richterlaufbahn führte ihn unter anderem als wissenschaftlichen Mitarbeiter zum Bundesverfassungsgericht nach Karlsruhe. 1990 wurde er zum Bundesrichter an das Bundesverwaltungsgericht gewählt. Auch hier war Sozialhilfe sein Schwerpunkt. Seit Mai 2006 befindet sich Rothkegel im Ruhestand. Sobald er seine noch laufenden publizistischen Verpflichtungen erfüllt hat, wird er ganz frei sein für eine Leidenschaft, die er mehrmals beinahe zum Beruf gemacht hätte – sein Saxophon.

Tolerant aus Erschöpfung

Lehrern wird vorgeworfen, dass sie vor Problemen an ihrer Schule oft die Augen verschließen, dabei sind viele nur am Ende ihrer Kraft

Wenn alles gut läuft, lernt man in der Schule auch etwas fürs Leben. Zum Beispiel, was Toleranz bedeutet und wie man sie lebt, denn unterschiedliche Charaktere und Temperamente verbringen viel Zeit miteinander. Ohne Toleranz und Respekt geht es nicht. Doch in den vergangenen Monaten ist die Schule als Ort der Scheintoleranz, also der Gleichgültigkeit, in die Medien geraten. Lehrer wurden massiv kritisiert, weil sie aus Resignation Handlungen von Schülern toleriert haben sollen, die letztlich zu Gewalt geführt haben.Verschließen Lehrer die Augen vor der Schulrealität, weil sie die Auseinandersetzung scheuen? „Mich triff der Vorwurf der Scheintoleranz nicht“, sagt Hanna P*, Lehrerin an einer Münchner Grundschule. „Und ich kenne auch keinen an unserer Schule, auf den dieser Vorwurf zutreffen würde. Im Gegenteil: Die Lehrer sind alle sehr engagiert und sie sehen sehr wohl, dass sie gerade in der Grundschule nicht als reine Wissensvermittler, sondern auch als Erzieher gefordert sind.“ Was Kinder im Grundschulalter an Erziehung mitbekommen, prägt sie für ihr späteres Leben, sagt die Pädagogin. In diesem Alter könne man als Lehrer noch vieles geradebiegen. In späteren Jahren sei es sehr viel schwerer. Susanne F.*, Lehrerin an einer Münchner Realschule,weiß, dass in der Realschule eine Beeinflussung noch möglich ist. Sie setzt in ihrer Klasse von Anfang an klare Richtlinien.Wer sich nicht daran hält, erfährt Konsequenzen. „Das wissen meine Schüler auch, und das funktioniert in der Regel ganz gut. Kinder und Jugendliche wollen Grenzen, aber sie wollen dabei auch ernst genommen werden. Deswegen ist besonders bei etwas problematischeren Kindern das Gespräch sehr wichtig. Wenn jemand im Unterricht stört oder einen Streit vom Zaun bricht, dann bespreche ich den Vorfall nach dem Unterricht mit ihm und versuche herauszufinden, warum er es getan hat. Damit habe ich sehr gute Erfolge erzielt“, erklärt Susanne F. ihre sinnvolle Methode, die zusätzliche Kraft kostet. – Und nicht mehr jeder Lehrer kann sie aufbringen. Laut einer aktuellen Studie des Freiburger Medizinprofessors und Psychotherapeuten Joachim Bauer zeigt etwa ein Drittel der Gymnasiallehrer Anzeichen für das Burn-out-Syndrom. Sie leiden häufig unter Angst- und Paniksymptomen, Depressionen, Herz- und Kreislauf- sowie schweren Schlafstörungen. Verantwortlich für das Burn-out der Lehrer seien, so Bauer, unter anderem auch die Inkompetenz mit schwierigen Schülern umzugehen. Der Freiburger Arzt merkt vor allem an, dass sich nur sehr wenige Pädagogen auf Hilfs- und Beratungsangebote einließen, und kritisiert, dass sie lieber die Augen verschließen vor den Problemen. „Wie weit ein Lehrer sich auf seinen Beruf einlässt, sozial kompetent ist und seine Aufgabe ernst nimmt, ist natürlich individuell verschieden. Es gibt sicher auch welche, die einmal wegsehen, wo es besser wäre, einzuschreiten“, räumt Hanna P. ein. „Aber ganz so einfach, wie es in den Medien oft darstellt wird, ist die Sache bezüglich sozialer Inkompetenz auch nicht.“ Aus ihrer Erfahrung weiß sie, dass Lehrer sehr engagiert sind, wenn es darum geht, soziale Hilfe zu leisten. Bei ihr heißt das konkret, dass sie nach der Schule mit einem „Problemkind“ spricht, sich mit den Eltern zusammensetzt, gegebenenfalls einen Termin mit einer Beratungsstelle vereinbart oder einen Therapieplatz sucht und weiterhin regelmäßig Kontakt zu den Eltern hält. „Das ist jedoch meine, ehrlich gesagt, ziemlich zeitintensive Freizeitbeschäftigung.Denn diese soziale Hilfeleistung, die ein Lehrer erbringt, wird nicht bezahlt. Ich will zwar niemanden verteidigen, der mit der Begründung wegsieht, er bekomme ja kein Geld fürs Hinschauen. Trotzdem denke ich, dass ein Lehrer einfach viel Idealismus benötigt, um mit seinem Beruf klarzukommen. Die Lehrer, die ich kenne, haben ihn, sie brauchen aber viel Kraft, die sie nicht immer haben.Viele Lehrer arbeiten absolut am Anschlag“, weiß Hanna P. Susanne F. sieht das ähnlich. Ihrer Ansicht nach ist in der Gesellschaft immer noch das Bild des faulen Lehrers verankert, der nur Urlaub macht und für sein Geld eigentlich nichts tut.„Die Leute wollen einfach nicht wahrhaben, dass für Lehrer der Tag nach Unterrichtsschluss noch lange nicht vorbei ist und dass das Erziehen einer Horde Schüler Kraft und Energie kostet.“ Manchmal hat sie den Eindruck, dass selbst manchen Schulleitern das nicht bewusst ist.Wenn ein Lehrer an einer Schule unterrichtet, an der es mehrere oder überwiegend Problemkinder gibt, reiche der persönliche Kraftaufwand nicht immer aus, um den Ausschreitungen der Schüler entgegenzuwirken. In solchen Fällen wäre es ihrer Ansicht nach durchaus sinnvoll, einmal ein Statement zu setzen und beispielsweise die Polizei zu holen, um den Schülern Grenzen zu zeigen. Doch Probleme sollen lieber nicht an die Öffentlichkeit dringen, und deshalb versuche man alles intern zu regeln. Das zermürbe Lehrer.„Ich kann jedenfalls aus eigener Erfahrung sagen, dass kein Lehrer bei Gewalt wegschaut, weil es ihm grundsätzlich egal ist. Er tut es, wenn, dann aus Selbstschutz, weil ihm einfach alles zu viel ist und er psychisch nicht mehr kann.“ Darauf, dass Lehrer durchaus nicht immer ideale Bedingungen haben, ihren Beruf auszuüben, weist Anne Jenter, Bundesvorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und Exhauptschullehrerin, hin. Sie bemängelt vor allem zu hohe Klassenstärken und Stundenzahlen an den Schulen, beides Faktoren, die einen guten Unterricht erschweren. „Ein wesentlicher Punkt ist, dass an allen Ecken und Enden gespart wird“, sagt Hanna P. „Wie soll man sich als Lehrer denn individuell und eingehend um seine Schüler kümmern, wenn eine Klasse aus 30 Kindern besteht?“ Vieles, was ein Lehrer tun könnte und auch möchte, um problematischeren Schülern zu helfen, gehe da einfach nicht. Zum Beispiel bestimmte Förderstunden oder spezielle Sprachlernkurse für Kinder mit Migrationshintergrund. Ein Misstand, den die Politik zu verantworten hat, aber letztlich die Lehrer ausbaden. Susanne F. gibt auch zu bedenken, dass die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrern nicht immer zufriedenstellend ist: „Die öffentliche Diskussion wird manchmal einseitig geführt, es wird so getan, als hinge die ganze Erziehung an den Lehrern. Und wenn etwas schief läuft, werden die Lehrer dafür verantwortlich gemacht und scharf kritisiert.“ Über die Eltern hingegen werde wenig geredet.“ Tatsache ist aber, so die Lehrerin, dass ein Lehrer nur einen halben Tag lang Einfluss auf die Kinder nehmen kann. Danach komme es auf die Erziehung der Eltern an. Doch die scheinen auf diesen oft schwierigen Job nicht immer Lust zu haben. „Wenn das Wort Scheintoleranz schon verwendet wird, kann man es eher auf einige Eltern beziehen“, sagt Susanne F. Sie weiß von manchen Familien, bei denen die Kinder nie vor 23 Uhr ins Bett gehen und dann zwangsläufig im Unterricht müde und unaufmerksam sind, die Klassenkammeraden stören oder Streit anfangen. Die Eltern hätten einfach keine Lust, sich mit ihren Kindern auseinander zu setzen und lassen sie einfach machen, was sie wollen – in der Hoffnung, dass die Lehrer sich schon am nächsten Tag darum kümmern und gewissermaßen ihren Job übernehmen werden.Aber so funktioniere das eben nicht.

Bettina Wenzel

* Name geändert

Unterschiede benennen

In der Jugendwohngemeinschaft der Initiativgruppe gehört Toleranzüben zum Alltag

In einer Wohngemeinschaft mit jungen Männern zu leben ist für die 21- jährige Nadia* nach wie vor alles andere als selbstverständlich – selbst nach vier Jahren noch. „In Afghanistan ist es undenkbar, dass ein Mädchen allein ohne den Schutz der Familie oder eines Ehemannes lebt und schon gar nicht, dass sie mit fremden Männern zusammen wohnt“, erzählt sie. Ihre Familie in Afghanistan will mit Nadia nichts mehr tun haben, weil sie damals nicht nur das Land, sondern auch ihren gewalttätigen Ehemann verlassen hat. „Als ich meine Familie angerufen habe, hat meine Mutter zu mir gesagt: ‚Du bist nicht mehr meine Tochter! Dein Vater hat mich auch geschlagen. Das ist normal und kein Grund, seinen Ehemann zu verlassen!‘ Meine Brüder haben mich am Telefon beschimpft und gesagt, ich solle mich nie mehr melden.Als ich es doch wieder versucht habe, habe ich sie nicht mehr erreicht – sie haben wahrscheinlich die Nummer gewechselt. Im Moment weiß ich gar nichts über sie.“ Und sie nichts über Nadia. Denn die Adresse der Jugendwohngemeinschaft (JWG) der Initiativgruppe e.V. ist nirgendwo verzeichnet und wird auch bei telefonischer Nachfrage nicht herausgegeben. „Unser Projekt ist für junge Erwachsene gedacht, die noch zur Schule gehen oder eine Ausbildung machen und deren Konflikte mit den Eltern bereits so eskaliert sind, dass sie unmöglich weiterhin mit der Familie zusammenleben können“, erklären die Sozialpädagogen Matthias Königer und Katharina Volland de Flores, die die WG betreuen. Gründe hierfür können unter anderem Probleme mit dem neuen Partner, der neuen Partnerin mit Mutter oder Vater sein. Einige der Bewohnerinnen und Bewohner haben in der Familie Gewalt erfahren oder Missbrauch erlebt. Manche leben ganz allein in Deutschland, weil sie die Eltern im Krieg verloren haben oder diese ins Heimatland zurückgekehrt sind. Bei anderen führen unterschiedliche Vorstellungen vom Leben zum Bruch mit der Familie. „Wir erleben zum Beispiel immer wieder, dass in ausländischen Familien die Notwendigkeit einer Ausbildung – besonders für Mädchen – nicht eingesehen wird“, weiß Matthias Königer. „Dazu kommt, dass sich die familiären Strukturen durch die Migration oftmals verschieben: Weil sich die Kinder in Deutschland meist besser zurechtfinden als die Eltern und die Sprache schneller erlernen, erledigen viele schon sehr früh Behördengänge, füllen Formulare aus und übernehmen dadurch zunehmend die Elternrolle, was langfristig häufig zu massiven Konflikten innerhalb der Familie führt.“ Die Wohngemeinschaft bietet den nötigen Raum, um Abstand zu gewinnen, die Lebenssituation und mögliche Zukunftsperspektiven zu überdenken, sich in Ruhe auf die Schule oder den Ausbildungsplatz konzentrieren zu können und gegebenenfalls eine Lösung für die Konflikte mit den Eltern zu finden.„ Manche brauchen nur einen kleinen Anstoß und eine kurze Ruhephase und verlassen die WG nach wenigen Monaten wieder“, erzählt Katharina Volland de Flores. „Andere, wie Nadia, benötigen über mehrere Jahre Unterstützung und sozialpädagogische Betreuung.“ Nadia konnte weder lesen noch schreiben, als sie aus der Asylunterkunft, in der sie ein Jahr gelebt hatte, in die WG kam.„Unter dem Taliban-Regime in Afghanistan war es Mädchen verboten, eine Schule zu besuchen“, erklärt sie. Mit Hilfe von Katharina Volland de Flores und Matthias Königer wurde eine afghanische Lehrerin für sie gefunden, die ihr zwei- bis dreimal pro Woche Einzelunterricht in Deutsch gab und als Dolmetscherin zwischen Nadia und den Pädagogen fungierte. Darüber hinaus belegte Nadia erst einen Alphabetisierungs- und dann einen Deutschkurs in der Initiativgruppe e.V., die es ihr schließlich ermöglichten, in ein Schulprojekt für Flüchtlinge zu wechseln. Erklärtes Ziel des Wohnprojekts ist es, die jungen Erwachsenen auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten. Ein gewisses Maß an Selbstständigkeit, vor allem aber der Wille zur Mitarbeit und Kooperation mit den Pädagogen werden dabei vorausgesetzt. WG-Leben heißt hier nämlich auch, den eigenen Haushalt führen, die oftmals begrenzten finanziellen Mittel einteilen und den eigenen Alltag gestalten lernen. „Die meisten leben zum ersten Mal allein und haben keine oder wenig Erfahrung mit der Organisation eines Haushalts. Ob Einkaufen, Kochen oder Putzen, die Bedienung der Waschmaschine oder Renovierungsarbeiten – vielen müssen solche praktischen Fertigkeiten erst vermittelt werden.“ Und nicht nur das: Manch einer muss sich da erst von seinem traditionellen Rollenverständnis verabschieden. „Für die Organisation und Reinhaltung der Wohnung gibt es Dienstpläne. Dort wird geregelt, wer wann welche Aufgaben zu übernehmen hat“, erklärt Matthias Königer, „und das betrifft natürlich alle – Männer wie Frauen“. Das Recht, mitzubestimmen und mitzuwirken innerhalb der Wohngemeinschaft, bietet ihnen den Rahmen, gleichberechtigtes Zusammenleben ganz praktisch zu erlernen: indem sie gegenüber ihren Mitbewohnern Toleranz und Rücksicht üben und trotzdem wagen, sich Konflikten zu stellen, sie offen auszutragen und gemeinsame Lösungen zu finden oder ihre Interessen zu vertreten und diese einzeln oder gemeinsam durchzusetzen. Und Konfliktpotenzial birgt der WG-Alltag reichlich, sei es durch unterschiedliche Auffassungen über Werte und Normen oder die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau. Entsprechend der Ziele der Initiativgruppe e.V. setzt daher auch die Arbeit in den Wohngemeinschaften einen interkulturellen Ansatz voraus. „Das heißt, es werden nicht nur unterschiedliche allgemein menschliche, sondern auch kulturspezifische Bedürfnisse berücksichtigt“, erläutert Matthias Königer. „Die kulturelle Herkunft jedes Einzelnen wird positiv bewertet, da sie den jungen Erwachsenen Identität gibt. Ebenso werden die Muttersprache und spezifische kulturelle Ausdrucksformen akzeptiert,Neugierde und Lust auf kulturelle Vielfalt werden geweckt. Das bedeutet auch, Unterschiede zu erkennen und zu benennen, Irritationen zuzulassen und gleichzeitig Vorurteile, Stereotypen und rassistische Denkweisen abzubauen, Toleranz zu üben, Gemeinsamkeiten zu entdecken und gegebenenfalls das eigene Rollenverhalten zu reflektieren und durch neue Erfahrungen und Lernprozesse zu verändern.“ Nadia findet es schon manchmal schwer, sich gegenüber ihren männlichen Mitbewohnern zu behaupten und nicht in altes Rollenverhalten zurückzufallen: „Wenn das Badezimmer oder die Küche schmutzig sind, dann putze ich das meistens – egal, wer auf dem Plan steht. Die Betreuer meinen zwar, ich soll das nicht machen, aber ich bin das einfach so gewohnt. Zu Hause in Afghanistan habe ich den ganzen Tag nichts anderes gemacht als gewaschen, gekocht und geputzt. Außerdem streiten die Jungs dann nur.Und ich will nicht, dass es deshalb Ärger gibt.“ Matthias Königer und Katharina Volland de Flores sind sich der inneren Zerrissenheit speziell junger Frauen mit muslimischem Hintergrund durchaus bewusst. So hatte sich Nadia bei einem Seminar der Jugendwohngemeinschaft in Berlin extrem von der Gruppe zurückgezogen, hat weder mit den anderen die Disco besucht noch sich zusammen mit männlichen Teilnehmern fotografieren lassen, weil sie fürchtete, dass ein ebenfalls teilnehmender afghanischer junger Mann ihr – nach afghanischen Wertvorstellungen – unangemessenes Verhalten der afghanischen Gemeinde mitteilen und sie dadurch in Verruf bringen könnte. Die Betreuer Matthias Königer und Katharina Volland de Flores konnten den Teilnehmer in einem Gespräch davon überzeugen,Nadias Anonymität zu wahren und ihr besonderes Schutzbedürfnis – inzwischen lebt auch ihr Exmann in Deutschland – zu respektieren. Die Betreuer haben aber noch viel mehr für sie getan: Sie haben ihr Selbstbewusstsein gestärkt und sie darin unterstützt, für ihre Rechte einzustehen. „Sie helfen mir wirklich sehr und sind immer für mich da. Aber ich will auf eigenen Füßen stehen.“ Und das muss sie auch: Im Januar muss Nadia ausziehen – die Jugendhilfe ist dann beendet und eine Verlängerung von Nadias Aufenthalt in der WG ist nicht geplant. „Ich muss also dringend eine Arbeit und eine Wohnung finden. Dabei habe ich noch nicht einmal eine Arbeitserlaubnis. Aber ich schaffe das schon irgendwie.“ Der Auszug aus der WG bedeutet für alle Bewohner Abschied aus gewohnten Lebensverhältnissen und den Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Die jungen Erwachsenen dabei zu unterstützen – sei es bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche oder im Umgang mit Ämtern und Vermietern – betrachtet man im Wohnprojekt der Initiativgruppe e.V. als selbstverständlich. „Ziel unserer Arbeit ist es, dass der Übergang von der Jugend-WG in die eigene Wohnung für die Jugendlichen funktioniert und die Grundbedürfnisse Wohnen und Lebensunterhalt für ihre nächste Zukunft gesichert sind.

Daniela Walther

KONTAKTADRESSE Die Jugend-WG ist für junge Erwachsene zwischen 18 und 21 Jahren, die eine Schule besuchen, eine Ausbildung machen oder die Absicht haben, dies zu tun. Das Angebot umfasst die sozialpädagogische Beratung und Unterstützung in Ausbildungsfragen sowie die individuelle Hilfe in persönlichen Angelegenheiten. Die Zuweisung erfolgt über das Jugendamt.

IG – InitiativGruppe e.V. Interkulturelle Begegnung und Bildung
Karlstraße 50
80333 München
Telefon 544 671-0
Internet www.initiativgruppe.de

* Name geändert