Ablenkung um jeden Preis

Süchtig nach Leben: Was steigert das Partygefühl?

“Wenn mir erst mal langweilig ist”, erzählt Lisa*, 16 Jahre, “kann ich mich meistens zu gar nichts mehr aufraffen. Diese typische Sonntagnachmittagsstimmung, in der die Zeit wie still zu stehen scheint, langweilt mich zum Beispiel total. Wenn alle Geschäfte geschlossen haben und so gar nichts los ist und nichts passiert, macht mich das total unruhig. Oft telefoniere oder simse ich dann lustlos herum, rauche viel mehr als sonst und esse ständig, nur um irgendwas zu tun und mich abzulenken.Meine Laune wird davon zwar nicht unbedingt besser, aber wenigstens geht die Zeit vorbei.” “Die Langeweile”, sagt die Züricher Psychologin Verena Kast, “ist ein Zustand, in dem das lebendige Interesse vorübergehend verschwunden ist.” Mit anderen Worten: Ein Mensch, der sich langweilt, ist nicht mehr mit sich selbst im Reinen. Er spürt nicht mehr, was ihn wirklich interessiert, er hat den Kontakt zu sich selbst und zu seiner Kreativität verloren. Ein Zustand, den auf Dauer wohl niemand gut aushalten kann. Jugendliche am allerwenigsten – schließlich ist das doch die Zeit, in der das Leben spannend, aufregend und ein einziges Abenteuer zu sein hat. Langeweile kommt da nicht gut. “In einer Gesellschaft, die darauf programmiert ist, mit immer neuen Reizen und Konsummöglichkeiten unterhalten zu werden, zählt vor allem eines: die Abwechslung”, weiß Dr. Fritz Reheis, Zeitexperte und Gymnasiallehrer in Neustadt bei Coburg. “Unser gesamter Lebensstil ist auf Außenreize konzentriert, konsumorientiert und von Suchtverhalten geprägt”, bemerkt er. David, 15 Jahre, Schüler, fühlt sich nicht süchtig. Und langweilig ist ihm auch nie, sagt er. Für ihn ist das Leben eine einzige Party. Die letzte Party hat ihn zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate auf die geschlossene Suchtstation der Münchner Heckscher-Klinik für Kinderund Jugendpsychiatrie gebracht. Dieses Mal ist er nach dem Besuch eines Fußballspiels auf der Leopoldstraße ohnmächtig zusammengebrochen. Alkohol. Medikamente. Etwas in dieser Richtung. Er weiß es nicht mehr so genau.Was spielt das auch für eine Rolle? Schließlich hat er kein Problem – das haben in seinen Augen nur die anderen. Seine Eltern zum Beispiel und die Ärzte, die für die Zeit nach der Klinik nur eine Möglichkeit sehen: David zur langfristigen Entwöhnung auf den “Jugendbauernhof Freedom” zu schicken. Ein Jahr dauert das. Ein Jahr, in dem David lernen soll, sich wieder für was anderes zu interessieren als für Alkohol und Drogen. Anders als draußen ist der Tagesablauf in der Klinik sehr strukturiert. Für alles gibt es feste Zeiten und Regeln. “Sie müssen Stationsdienste übernehmen, auch mal beim Kochen oder Waschen helfen, und es gibt Unterricht – entweder hier auf Station oder im Gebäude gegenüber in der Klinikschule”, erklärt Oberärztin Adelina Mannhart. “Alltag lernen”, nennt sie das. Etwas, das die meisten ihrer jungen Patienten in dieser Form nicht mehr kennen. “Bei täglichem exzessivem Konsum ist Schule und so etwas wie geregelter Alltag einfach nicht mehr möglich”, weiß Mannhart. “Zudem können wichtige Entwicklungsschritte nicht gemacht werden, weil die Jugendlichen die dafür notwendigen Erfahrungen nicht machen.” Dafür gibt es auf der Station verschiedene Therapieangebote, Sportmöglichkeiten und Projekte. Aber natürlich gibt es auch leere Zeiten, in denen sich Langeweile breit macht.”Auch das gehört dazu”, erklärt die Oberärztin, “dass sie lernen, Langeweile auch mal auszuhalten und sich bei klarem Verstand mit sich und ihrer Situation zu beschäftigen.” Auch wenn er sich den Gruppenangeboten auf der Station noch verweigert – David beschäftigt sich. Er spielt Gitarre. Er liest. Und er zeichnet. Lauter Dinge, die er “draußen” nicht macht. “Draußen”, erklärt Stefan, 17 Jahre, “hat man andere Sachen zu tun. Alles dreht sich darum, Drogen zu beschaffen und zu konsumieren, sich mit Kumpels zu treffen und Party zu machen.” Ganz genau weiß er nicht mehr, wie es bei ihm damals anfing mit dem Trinken und dem Kiffen. Seine erste Zigarette hat er so mit elf geraucht. Dann kam der Alkohol. Mit etwa 13 hatte er seinen ersten Vollrausch. “Ich bin da so reingerutscht. Aus Neugier und um mit meinen Problemen besser klarzukommen. Und weil es besser war, als gar nichts zu tun.” Stefan ist seit sechs Wochen hier, fühlt sich inzwischen “gesundheitlich besser” und hat sich entschlossen, im Anschluss an den Klinikaufenthalt eine einjährige Sucht- und Entwöhnungstherapie zu machen, während der er auch seinen Quali nachholen will. “Das wird schon Minimum zwölf Monate dauern”, meint er, ist aber zuversichtlich, dass er das packt. Isabell, 14 Jahre, ist sich ihrer da nicht so sicher. Nach den Ferien soll sie wieder in ihre eigene Schule gehen und ein wenig Angst hat sie schon vor der Konfrontation mit Lehrern und Mitschülern. “Die wissen bestimmt alle längst, was mit mir passiert ist”, glaubt sie und fürchtet außerdem, dass “Langeweile da draußen schon ein Problem für mich werden könnte”. Deshalb hat sie sich mit den Sozialpädagogen in der Klinik einen straffen Wochenplan für die Zeit danach ausgearbeitet: Sport, Psychotherapie und Beratungsgespräche bei der Ambulanten Jugendhilfe. “Damit ich beschäftigt bin. Zuletzt habe ich ja das Heroin, das mir jemand im Urlaub geschenkt hat, nicht mehr nur zusammen mit anderen, sondern auch allein konsumiert – um den ganzen Sch… zu vergessen, den Schmerz aushalten und einfach mal abschalten zu können.” “Weil man sich Dinge traut, die man sich sonst nicht trauen würde.Wegen der anderen. Weil es sich gut anfühlt. Weil man damit so entspannt chillen oder im Gegenteil so richtig aufdrehen kann.Weil man sich damit viel attraktiver und selbstbewusster fühlt oder einfach, weil’s cool ist”: Die Gründe, die Jugendliche für ihren Drogenkonsum angeben, sind meist nur Beschreibungen dessen, was die Droge im besten Fall mit ihnen macht. Die wirkliche Ursache für den Konsum sind sie nur selten. “Die ersten extremen Erfahrungen – egal, ob es sich dabei um gefährliche Sportarten, Alkohol, Drogen, Sex oder Straftaten handelt – werden in der Pubertät gemacht”, erklärt Siegfried Gift, Leiter von easyContact, einem ambulanten und stationären Betreuungsangebot für drogenkonsumierende Jugendliche und deren Angehörige. Da werden die eigenen Grenzen getestet und die der anderen ausgelotet und alles Mögliche ausprobiert. Manch einer schießt dabei übers Ziel hinaus. “Allerdings”, räumt Gift ein,”verlaufen die meisten Biografien dann irgendwann wieder normal. Bei wem das nicht der Fall ist, bei dem steckt erfahrungsgemäß immer mehr dahinter als pure Langeweile. Manche haben vor ihrer Sucht traumatische Erfahrungen gemacht und wollen ihren Schmerz betäuben. Andere versuchen Probleme und Erlebnisse zu verdrängen, die erst durch den Konsum entstanden sind.” Eines ist allen gemeinsam: “Der Drogengebrauch verdrängt jegliches andere Interesse. Man muss meist sehr weit zurückgehen, bei vielen bis in die Kindheit, um zu entdecken, was ihnen einmal Spaß gemacht hat”, erklärt der Sozialpädagoge. “Die meisten von ihnen haben nie gelernt, sich mit sich selbst zu beschäftigen – sei es,weil ihre Fähigkeiten nicht erkannt und gefördert und ihre Interessen nicht geweckt wurden, oder weil ihnen zu viel angeboten wurde und sie so keine eigene Kreativität, kein eigenes Erleben entwickeln konnten.” easyContact sieht seine Aufgabe vor allem darin, die akuten Krisen der betroffenen Jugendlichen in Schule, Job oder Elternhaus zusammen mit allen Beteiligten zu beheben. Dann erst könne man das Drogenproblem anpacken, Ziele vereinbaren und nach Wegen suchen, wie sie die drogenfreie Zeit und Phasen der Langeweile nicht als Belastung, sondern als Chance begreifen. Als “Windstille der Seele” bezeichnete der Philosoph Friedrich Nietzsche die Langeweile. Er war der Ansicht, dass man ihr standhalten und durch sie hindurchgehen muss, damit sich hinterher etwas Neues auftut. Ähnlich sieht das auch die Psychologin Verena Kast: Statt Ablenkung um jeden Preis empfiehlt sie, sich der Langeweile zu stellen, sich geradezu auf sie zu konzentrieren, sie zu akzeptieren und zu nutzen, um zu den eigenen Interessen zurückzufinden.
Daniela Walther

KONTAKTADRESSEN
easyContact, Condrobs e.V.

ist Teil des Netzwerkes von Angeboten speziell für suchtmittelkonsumierende Jugendliche des Condrobs e.V. Näheres dazu im Internet unter

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Heckscher-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Bezirks Oberbayern

Deisenhofener Straße 28

81539 München

Telefon 99 99- 0

Fax 99 99- 11 11

E-Mail info@heckscher-klinik.de

* Die Namen der Jugendlichen wurden geändert

“Unser gesamter Lebensstil hat Suchtcharakter”

Interview mit Dr. Fritz Reheis

Das heißt, die Genussdosis muss ständig gesteigert werden, sonst kommt ein Gefühl der Leere auf

Herr Reheis, langweilen Sie sich manchmal?
Dr. Fritz Reheis: Ich kenne keine Langeweile. Im Gegenteil:Mir wird die Zeit immer zu kurz,weil ich mir so viel vorgenommen habe, und weil immer irgendetwas dazwischenkommt. Meine Schüler dagegen klagen oft über langweiligen Unterricht und meinen damit nicht nur meinen eigenen. Ob man “von” etwas gelangweilt ist, sich “bei” etwas langweilt oder es einem rundum einfach langweilig “ist”, kann natürlich im Einzelfall näher untersucht werden. Wesentlich ist aber in allen Fällen von Langeweile: dass die Zeit nicht verrinnen will und man dies als unangenehm empfindet. Dies ist immer dann der Fall, wenn sich objektiv nichts Bedeutsames ereignet oder Menschen subjektiv zu ihrer Umwelt und zu sich selbst keinen wirklichen Kontakt empfinden. Da schwingt nichts, da gibt es keine Resonanzen, irgendwie ein ziemlich lebloser Zustand.

Was unterscheidet die Langeweile von der Muße?
Reheis: In der Muße genießen wir die Abwesenheit zeitlicher Zwänge. Mußestunden können entweder aktiv verbracht werden, wenn wir etwas tun, oder passiv, wenn wir etwas zulassen. In beiden Fällen stellt sich aber Muße nur ein, wenn zur äußeren Zwanglosigkeit volle innere Beteiligung kommt. Muße ist ein Zustand, in dem man über seine Zeit nicht nur verfügt, sondern sie regelrecht vergisst, weil man in dem, was man tut, aufgeht und diese Zeit genießt. Der Weg zur Muße führt oft über eine erfüllende Beschäftigung ohne höheren Zweck – Wandern ohne persönliche Bestleistung, ein gutes Gespräch führen, einem Kind beim Spielen zuschauen, Gartenarbeit, ohne dafür einen Preis zu erwarten, oder einfach Musikhören. In Phasen der Muße oder des Müßiggangs hat die Zeit im besten Sinne “eine lange Weile”.

Warum halten die meisten Menschen solche Ruhe- und Mußephasen so schlecht aus?
Reheis: Zum einen,weil ganz objektiv keine Reize und keine Herausforderungen da sind, keine Veränderungen stattfinden und von außen nichts kommt. Zum anderen, weil man selbst nicht in der Lage ist, mit dem, was von Außen kommt, etwas anzufangen. Manche Menschen haben einfach nicht gelernt, ihre inneren Regungen, ihre inneren Potenziale zu spüren und daraus etwas zu machen. Es geht ihnen ein Stück Selbsterfahrung ab, die als Basis dienen könnte für alle möglichen Formen von Selbstgestaltung, Selbstverwirklichung, Selbsterfüllung und so weiter.Und man kann es nicht oft genug wiederholen: In kapitalistischen Marktwirtschaften wird diese Form von nicht konsumorientierter Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung systematisch erschwert, weil sie keinen Profit abwirft. Wir geben für Werbung ungefähr so viel Geld aus wie für Schulbildung. Und dazu kommt: Auch am Arbeitsplatz ist das Innere des Menschen nicht wirklich gefragt, sondern allein sein Output. Und in der Schule werden die Kinder und Jugendlichen systematisch dahingehend konditioniert.Wen kann es da noch wundern, wenn viele Menschen zu funktionsgerechten Marionetten unserer Wachstumslogik werden und vor fast nichts so sehr Angst haben wie davor, in sich selbst hineinzuspüren und mit ihrer inneren Leere konfrontiert zu werden?

Könnte man also sagen, dass Gleichgültigkeit, Interesselosigkeit und innere Leere Ursachen für Langeweile sind?
Reheis: Das hängt in der Tat zusammen. Um aber die jeweils konkreten Ursachen für Langeweile herauszufinden,muss gefragt werden, aufgrund welcher äußeren Umstände und innerer Voraussetzungen Menschen verwehrt ist, so etwas wie Kontakt, Resonanz, Schwingung – kurz: Lebendigkeit zu erleben. Hier geht es nicht nur um Personen, die dafür schnell verantwortlich gemacht werden, sondern vor allem auch um Institutionen, Machtverhältnisse, so genannte Sachzwänge, die meist in der herrschenden Form des Wirtschaftens begründet sind und sich subjektiv in der Verkümmerung der menschlichen Sinne und Phantasie sowie objektiv in Umweltbedingungen zeigen, die uns entweder unter- oder überfordern.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Müßiggang beinahe ein gesellschaftliches Tabu ist. Verdanken wir aber nicht nahezu alles, was wir Zivilisation und Kultur nennen, den wenigen, die sich Müßiggang leisten konnten?
Reheis: Da haben Sie einen zentralen Punkt angesprochen. Erst mit dem Aufkommen des Kapitalismus in Europa seit dem 18. Jahrhundert wird Müßiggang als Laster angesehen. Das haben sowohl Karl Marx als auch Max Weber klar herausgearbeitet. Marx hat es auf Entwicklungen in der Wirtschaft, nämlich die Durchsetzung der Warenproduktion und die Verselbstständigung der Geldlogik zurückgeführt; Weber auf Veränderungen in der christlichen Religion, den Glauben, dass sich im wirtschaftlichen Erfolg die Auserwähltheit des Menschen durch Gott erfahren lässt. Der Adel im Mittelalter und der freie Bürger im antiken Griechenland haben ihre Aufgabe im Dienst für Höheres gesehen und die schmutzige Arbeit von anderen für sich machen lassen. Dies war in der Tat Voraussetzung für viele technische und wissenschaftlichen Neuerungen, für Kunst und Philosophie.

Arbeit ist also nicht das Allheilmittel gegen Langeweile?
Reheis: Nein, eher die Aktivität, und zwar in einem sehr weiten Sinn: Aktivität der Sinne, der Gedanken, der Hände, Beine und so weiter. Nur solche Arbeit, die uns selbst bestimmte Aktivität ermöglicht, kann gegen Langeweile helfen. Aber eben auch Muße durch das Zulassen von Sinnesreizen und Gedankenexperimenten, vielleicht verbunden mit bestimmten körperlichen Aktivitäten wie zum Beispiel beim Yoga oder Laufen, können die Langeweile vertreiben. Leider wird man in einem Großteil unserer Arbeitswelt, in der ja eine ganz bestimmte Art von Arbeit stattfindet, nämlich die fremdbestimmte Erwerbsarbeit, hin und her geworfen zwischen Stress und Langeweile. Das führt über kurz oder lang zur Lethargie.

Langweilen wir uns heute mehr oder weniger als früher?
Reheis: Objektiv haben wir natürlich mehr Zeit als früher. Wenn man einen größeren Zeitraum zugrunde legt, hat sich die Arbeitszeit enorm verkürzt, zudem gibt es jede Menge “Beschleunigungsmaschinen”, die uns immer mehr frei gestaltbare Zeit ermöglichen sollen. Subjektiv sind aber viele, ich denke sogar die Mehrzahl der Menschen, nicht in der Lage, diese objektiv gewonnenen zeitlichen Freiräume subjektiv zu nutzen. Eine Gesellschaft, die darauf programmiert ist, ständig mit neuen Reizen und Konsummöglichkeiten unterhalten zu werden, zeigt in ihrem Umgang mit freier Zeit, sprich: im Genießen, dasselbe Suchtverhalten wie bei anderen Süchten auch: Die Dosis muss immer mehr gesteigert werden, damit ein und dasselbe Niveau von Genuss erreicht wird. Dass wir uns heute so schnell langweilen, hängt meiner Ansicht nach unmittelbar zusammen mit dieser Hochrüstspirale aus “noch mehr, noch schneller, noch weiter, noch effizienter”. Die Angst vor Langeweile führt zu allen Formen der Sucht, mit ihren charakteristischen Konsequenzen: ausbleibende Befriedigung, Dosissteigerung, Belastung sowohl der eigenen Psyche und des eigenen Körpers als auch der sozialen und natürlichen Umwelt. Unser gesamter Lebensstil hat Suchtcharakter und geht auf Kosten der natürlichen Lebensgrundlagen.

Wie könnte man dem entgegenwirken?
Reheis: Es braucht einen stetigen Wechsel zwischen Innen- und Außensteuerung, von Aktivität und Ruhe. Wir brauchen Reize von außen, aber auch die Zeit und die Muße, Innenschau halten zu können. Chronobiologen haben herausgefunden, dass sich der Mensch etwa siebzig Minuten anstrengen und aktiv sein kann und dann zwanzig Minuten Ruhe braucht. Und es existiert ja auch in jedem von uns ein Grundbedürfnis nach einer Ruhephase, einer Art Übergang, wenn man sich mit einer Sache beschäftigt hat und die nächste Sache kommt. – Vielleicht ist das bei Älteren etwas ausgeprägter als bei Jüngeren. Unsere Gesellschaft versucht aber, die Zeit immer ökonomischer zu nutzen, das heißt, nicht nur die einzelnen Prozesse immer schneller zu gestalten, sondern auch diese eigentlich dringend notwendigen Leerzeiten wegzurationalisieren. Doch je mehr ein Mensch sich von seinem eigenen Rhythmus entfernt und versucht, sich den äußeren Zwängen anzupassen und durch alle möglichen Tricks die Aktivitätsphase auszudehnen und die Ruhephase wegzulassen, desto häufiger macht er Fehler, desto schneller ist er ausgebrannt, desto mehr neigt er zu psychosomatischen Erkrankungen bis hin zu Krebs. Und in dieser Ruhephase, die man braucht, um sich auf sich selbst zu besinnen, da darf, ja da muss es auch mal langweilig sein. Also: Die lange und die kurze Weile sind beide wichtig, am besten wäre der rhythmische Wechsel zwischen ihnen, so wie ja alles Leben rhythmisch organisiert ist.

Und Langeweile, wenn sie denn auftaucht, einfach anzunehmen, anstatt sie durch Aktionismus und Zerstreuung zu bekämpfen?
Reheis: Ja, weil Aktionismus und Zerstreuung nur oberflächliche Gegenmaßnahmen sind, die nicht den ganzen Menschen ergreifen und nicht sein Herz, seinen Kopf und seine Hand integrieren. Zerstreuung ist das typische Kompensationsmittel für Langeweile, das nach kurzer Linderung mittelfristig nach noch mehr Zerstreuung verlangt und so einen Teufelskreis in Gang setzt. Was allein helfen würde, wäre eine grundlegende Abkehr von unserer Art des Lebens und Wirtschaftens: der Umbau der Lern- und Arbeitswelt zu einem Ort, an dem die Bedürfnisse der Menschen wirklich ernst genommen werden, und die Neuausrichtung von Produktion und Konsum in Richtung auf eine sozial und ökologisch nachhaltige Entwicklung. Oder mit den Begriffen von Erich Fromm: Es geht darum, an die Stelle des “Habens” das “Sein” des Menschen ins Zentrum zu rücken. Dafür haben wir heute beste Voraussetzungen, weil durch die ungeheuer gesteigerte Produktivität die Arbeitszeit auf einen Bruchteil des heute Üblichen gesenkt werden könnte. Wenn wir nur noch eine Stunde am Tag, einen Tag in der Woche oder ein Jahrzehnt im Leben zu arbeiten bräuchten, hätten wir hervorragende Chancen, den Teufelskreis von Langeweile und Zerstreuung zu durchbrechen und eine Kultur der Muße zu entwickeln, die uns einen lustvollen Rhythmus von Tun und Lassen bescheren könnte.
Das Gespräch führte Daniela Walther

ZUR PERSON
Dr. Fritz Reheis, 56 Jahre, ist promovierter Soziologe und Gymnasiallehrer sowie habilitierter Erziehungswissenschaftler. Er unterrichtet in Neustadt bei Coburg und an der Universität Bamberg. Seine Schwerpunkte sind Ideologiekritik, politische Ökonomie und Ökologie und Umweltbildung. Der Zeitexperte hat die Bücher “Entschleunigung” (Riemann 2003 und Goldmann 2006), “Nachhaltigkeit, Bildung und Zeit” (Schneider Verlag Hohengehren 2005) und “Die Kreativität der Langsamkeit” (Primus 1996 und 1998) geschrieben.

Lebensbilanz

Der Aktionsradius verkürzt sich im Alter, ohne dass es zwangsläufig langweilig wird. Der Blick richtet sich eher nach innen

„Ältere Menschen langweilen sich genauso viel oder wenig wie junge Menschen“, sagt Dr. Rosine Lambin. Sie ist pädagogische Referentin beim Evangelischen Bildungswerk in München und bietet dort Kurse zur Seniorenbegleitung an. Der Umgang mit dem Alter sei unterschiedlich: „Man darf nicht pauschalieren“, erklärt sie. Ob man sich im Alter langweilt oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab und sei letztlich eine Typenfrage. Menschen, die immer schon ein bewegtes und aktives Freizeitleben hatten, werden auch im Alter ihre Hobbys pflegen. Vielleicht sogar intensiver als vorher. Schließlich haben sie mehr Zeit. Diejenigen allerdings, die die meiste Zeit mit Arbeit verbracht und sich über den Job definiert haben, könnten im Alter Schwierigkeiten bekommen, ihre Zeit sinnvoll auszufüllen. „Wenn man viel gearbeitet hat, hat man in der Regel weniger Potenzial, sein Leben zu gestalten, und dann kann es sein, dass man im Rentenalter in ein Loch fällt“, gibt Rosine Lambin zu bedenken. Dann gibt es auf einmal viel unsausgefüllte Zeit und ganz schnell ein Gefühl der Leere und Nutzlosigkeit. „Ich werde nicht mehr gebraucht, die Gesellschaft braucht mich nicht mehr“,Rosine Lambin, glaubt, dass sich manche Senioren dann überflüssig fühlen. Sie selbst sieht es ganz anders: „Ältere Menschen geben der Gesellschaft feste Strukturen“ und Lebenserfahrung. Ein reicher Erfahrungsschatz setzt einen erweiterten Horizont voraus, das heißt lesen, Sport treiben, ins Theater gehen und vieles mehr. „Bildung spielt eine große Rolle in Bezug auf Langeweile“, so Rosine Lambin. Und damit ist auch Herzensbildung gemeint. Offene Menschen sind begeisterungsfähig und langweilen sich auch im Alter seltener. Auch wenn sie schon viel gesehen und viel erlebt haben, bleibt ihnen eine gewisse Neugier und der Wunsch, sich mit Unbekanntem zu beschäftigen. „Ist man im Alter gesund, ist alles möglich“, so Rosine Lambin. Auch eine neue Partnerschaft. Partnersuche im fortgeschrittenen Alter ist selbstverständlich geworden, und auch „Sexualität im Alter wird immer weniger tabuisiert“, so Rosine Lambin. Selbst die Annahme, dass man eingefahren oder gar schrulliger wird, kann Rosine Lambin relativieren. „Etliche werden mit zunehmender Lebenserfahrung umsichtiger und toleranter.“ Einige wagen auch große Veränderungen, tun das, was sie schon immer tun wollten. Doch nicht jeder hat das Glück, im Ruhestand die lang ersehnte Weltreise machen zu können oder sich den lang gehegten Traum eines eigenen Segelboots zu erfüllen – sei es aus gesundheitlichen oder finanziellen Gründen. „Vor allem Frauen sind im Alter von Armut betroffen“, weiß Rosine Lambin, „und wenn man kein Geld hat, sind die Möglichkeiten eingeschränkt.“ Verschiedene Organisationen haben jedoch auch kostengünstige und sogar kostenlose Angebote: zum Beispiel regelmäßige Trainingsprogramme für die körperliche und geistige Beweglichkeit, Seniorenvorlesungen, Computerkurse oder Biografiearbeit, um die eigene Lebensgeschichte verfassen zu können. Martha Wagner, 72 Jahre alt, hat 40 Jahre gearbeitet.Als sie vor acht Jahren in Ruhestand ging, tat sie dies ohne Bedenken: „Ich freute mich, dass ich nun ein Mensch für mich war.“ Dass sie mehr Zeit für sich hat, empfindet sie als sehr angenehm. Langeweile kennt sie nicht. Vielmehr kann sie genießen, dass sie nicht mehr diszipliniert und immer zügig alles erledigen muss. „Ich lebe mehr in den Tag hinein. Die tägliche Arbeit schiebe ich ganz gern mal vor mir her“, sagt sie. Und schließlich geht einem ja auch nicht mehr alles so flott von der Hand wie in früheren Jahren: „Man braucht auch mehr Zeit für die alltäglichen Dinge. Früher schaffte ich den Haushalt so nebenbei.“ Zusammen mit ihrer Schwester bewohnt Martha ein großes Haus mit Garten, und dort gibt es immer allerhand zu tun. „Das ist mir manchmal fast zu viel“, gesteht Martha. Sie liest gern, pflegt ihr Interesse für Politik ausgiebig und sieht häufig fern. „Fernsehen ist mir sehr wichtig“, sagt sie und räumt ein, dass sie damit schon auch mal eine aktionslose Zeit überbrückt. Zeiten der Leere gibt es im Alter oft auch deshalb, weil Partner oder Freunde und Angehörige verstorben sind. Langjährige Kontakte und gewohnte Treffen fallen einfach weg. Dann kann es sein, dass man sich isoliert. Martha Wagner mag es,wenn was los ist,wenn sie sich mit anderen treffen kann, Familie und Freunde um sich hat, wenn sie für alle kochen kann, dann ist sie auch sehr motiviert und umtriebig wie in jungen Jahren. „Soziale Kontakte sind für mich sehr wertvoll“, sagt sie. Doch neue Freunde findet man im Alter nur mit großem Einsatz: „Je älter man ist, desto schwieriger ist es, neue Kontakte zu knüpfen. Es gibt ältere Menschen, denen fehlt die psychische Kraft, nach außen zu gehen und an andere heranzutreten“, weiß Rosine Lambin. Hier kann zum Beispiel ein Seniorenbegleiter weiterhelfen. Er kennt die diversen Angebote und kann den älteren Menschen zu Treffen und Einrichtungen begleiten. Dies ist vor allem auch wichtig, wenn man nicht mehr mobil ist. Man könnte in eine Wohngemeinschaft oder eine Seniorenresidenz ziehen, doch „eine solche Entscheidung zu treffen ist nicht leicht,“ gibt Rosine Lambin zu bedenken …. Zum einen laufen die physischen Prozesse im Gehirn und in den Nerven tatsächlich langsamer ab. Zum anderen gibt es oft eine starke emotionale Bindung an das Gewohnte. Zudem wirkt das Gefühl, dass es womöglich ein endgültiger Entschluss ist, hemmend und beängstigend. Und schließlich ist auch das Bedürfnis, sich nicht mehr auf Neues einlassen zu wollen, legitim: „Manche ziehen sich lieber zurück“, so Rosine Lambin. Auch Martha Wagner hat sich aus manchen Bereichen zurückgezogen. Sie hat nicht nur in ihrem Beruf gearbeitet, sondern war auch in diversen Vereinen engagiert. Doch jetzt sagt sie: „Ich helfe immer noch gern, aber ich möchte keine Verantwortung mehr übernehmen.“ Sie kennt auch das Gefühl, „sich einmal ausruhen zu wollen“. Oder etwas nur für sich zu tun.Martha Wagner ist häufig mit dem eigenen Auto unterwegs. Diese Unabhängig schätzt sie sehr. Allerdings macht sie nur kürzere Tagesausflüge. Kleinere körperliche Gebrechen halten sie von den größeren Reisen ab. „Ich bin froh darum, dass ich in jungen Jahren viel gereist bin. Darum ist mir das jetzt nicht mehr so wichtig.“ Doch was tun, wenn man krank ist, wenn man seine Wohnung nicht mehr verlassen kann oder womöglich noch nicht mal das Bett? Macht sich dann nicht zwangsläufig Langeweile breit? „Das Wort Langeweile trifft es nicht“, sagt Peter Siebler (Name geändert). Der 42-jährige Biologe betreut seit einigen Jahren beim „Forum der Generationen“ Senioren, die wenig Kontakte haben und die sehr stark eingeschränkt sind in ihrem Bewegungsradius. „Es ist mehr ein Warten“, meint er, wie ein ruhiges Warten auf den Tod. Jede Aktion wird hinterfragt, selbst zum Essen und Trinken fehlt häufig die Motivation. Allerdings wirken diese alten Menschen nicht frustriert. Sie hadern nicht mit ihrer Krankheit oder mit dem Tod; vielmehr nehmen sie allmählich Abschied vom Leben. Peter Siebler hat beobachtet, dass ältere Menschen gern erzählen, in Erinnerungen schwelgen, das Erlebte mitteilen wollen.„ Dann blühen sie auf. Sie wollen nicht mehr zuhören, sondern lieber erzählen, und dabei erleben sie alles noch einmal.“ Sie wollen wohl gar nicht mehr aktiv am Leben teilnehmen, leben viele Stunden des Tages in ihren Erinnerungen. Das Gefühl, etwas verpasst zu haben, stellt sich eher nicht ein, auch wenn sich durch das Erinnern das eine oder andere Versäumnis deutlich wird. Manch einer stellt sich unangenehme Fragen, wie beispielsweise die, ob seine Frau glücklich war. Schließlich war er die meiste Zeit im Job, und als dann der Ruhestand kam, ist sie bald gestorben. Um sich bei allen Widrigkeiten des Alters gut aufgehoben zu fühlen, sind feste Strukturen wichtig, die regelmäßigen Besuche von Pfleger und Betreuer etwa oder ordentliche finanzielle Verhältnisse. Dann fällt das Loslassen leichter.

Dorothea Büchele

KONTAKTADRESSEN

Evangelisches Bildungswerk München e.V.

Herzog-Wilhelm-Straße 24 80331 München

Telefon 55 25 80-0

http://www.ebw-muenchen.de/

Forum der Generationen e. V.

Telefon 089/49 23 01

Plastik statt Plastilin

Die kindliche Phantasie macht ein Stück Knetmasse zum Dino. Doch die Verbindung zur eigenen Kreativität wird früh gekappt

„Mama, du hast es gut. Du hast immer was zu tun. Dir ist nie langweilig“, stöhnt das siebenjährige Töchterlein. Stimmt, wie sollte Langeweile auch aufkommen? Morgens schnell frühstücken, Brotzeit richten, die Kinder für die Schule fertig machen. Schon ist es höchste Zeit für den ersten Termin. Anschließend die Arbeit im Büro. Auf dem Nachhauseweg noch kurz einkaufen und nach dem Abholen der Kinderchen neben Kommunikation das bisschen Haushalt. Zudem ist zwischen gemütlichem Essen und traditionellem Vorlesen noch der nächste Tag zu organisieren. Aber warum ist denn dem Kinde langweilig? Was hat es denn schon gesehen von der Welt? Was erlebt? Stephan Hansen, seit zehn Jahren als Sozialpädagoge bei der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des Vereins Schule-Beruf e.V. in München tätig, sagt: „Kinder kommen gar nicht mehr in den Genuss von Langeweile.“ Na, das Töchterlein offensichtlich schon. Aber so hat man das noch gar nicht gesehen. Schließlich will man seinen Kindern etwas bieten, will sie fördern, nichts brachliegen lassen. Ein bisschen Musik, ein bisschen Sport und am Wochenende dann zusammen mal etwas Besonderes unternehmen. Denn unter der Woche ist man doch immer so eingespannt. „Kindern wird zu wenig Langeweile zugemutet“, behauptet der Sozialpädagoge sogar, denn: „Langweilige Momente sind kreative Momente.“ Langeweile ist also ein positiver Wert, ein Zeitraum, der nicht verplant ist. Angebote gibt es im Alltag zur Genüge, und zu viele Reize strömen auf ein Kind ein. „Kinder sind so stark eingebunden, dass ihnen keine Zeit bleibt, zu sich zu kommen“, bestätigt Stephan Hansen. Viele Kinder sind so beschäftigt, dass sie gar keine freien Momente kennen. Bereits im Kindergarten gibt es oft ein zusätzliches Freizeitangebot, und Schulkinder haben zum Teil Terminkalender wie Manager. Da bleibt kein Freiraum, um sich zu fragen, was will ich denn als Nächstes tun? Dabei muss nicht immer etwas getan sein. Kinder brauchen auch Gelegenheit, in ihre eigene Welt zu versinken. Das sieht dann manchmal sehr versonnen aus, entrückt gar, schlicht nach Nichtstun. Und auch dafür muss Zeit sein. Die Erwachsenen sind es, die den Kindern vermitteln sollten, dass es auch positiv sein kann, Zeit zu haben. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Kind unbewegte, reizarme Zeiten nicht per se als Muße empfindet. Es ist so schön bequem, die Mama nach einer netten Unterhaltung zu fragen. Gern wendet es sich mit dem Appell „mir ist langweilig“ an die Eltern, die sich häufig zuständig fühlen und mit einer Aktion Abhilfe schaffen. Und das Kind lernt ganz schnell: „Ich kann jemanden aktivieren, damit mir nicht langweilig ist“, so Stephan Hansen. Es erfährt, wenn ich entsprechende Signale aussende, dann passiert etwas. Es ergibt sich also aus dem Dialog, wenn das Kind freie Zeit als etwas Negatives zu verstehen lernt. Nicht selten spielen die Eltern den Entertainer, weil sie ein schlechtes Gewissen plagt. Sie glauben vielleicht, dass sie wegen der Arbeit zu wenig Zeit für ihre Kinder haben, und formulieren dann selbst den Anspruch:Wenn wir schon zusammen sind, dann soll es dem Kind nicht langweilig sein. „Einfach nur da sein“, so Stephan Hansen, „erscheint oft nicht als ausreichend.“ Aber die Eltern müssen nicht rund um die Uhr ihren Kindern völlig zur Verfügung stehen. Entscheidend ist die Beziehung, die die Eltern zu ihren Kindern haben. Echte Anteilnahme ist wichtiger als ständiger Aktionismus. „Kinder haben es in sich, mit wenig zufrieden sein zu können“, sagt der Pädagoge. Aber diese Fähigkeit wird in der heutigen Zeit selten weiterentwickelt. Vielmehr wird durch Unmengen von Spielzeug mit vielfältigen Funktionen die Phantasie eingedämmt.„Es gibt eine Tendenz zur Überfrachtung“, erklärt Stephan Hansen. Er findet das Spielzeug häufig zu beliebig, es gibt heute dies und morgen das. Keines hat eine besondere Bedeutung oder einen speziellen Wert. Alles ist ersetzbar und wird vor allem ständig aktualisiert. „Die Kinder lernen nicht, darauf zu achten, und stellen keine Beziehung zu den Sachen her“, weiß der Sozialpädagoge aus seiner Berufserfahrung. Eine gute Beziehung haben hingegen viele Kinder zum Fernsehprogramm und zum Computerspiel. Es gibt Sendungen, die fest in den Wochenplan des Kindes integriert sind, und der PC ist ein effektives Mittel gegen Langeweile. „Elektronische Medien fangen Langeweile auf“, sagt auch Stephan Hansen „und sie unterbinden, dass man lernt, mit ihr umzugehen.“ Natürlich kann aber der häufige Hinweis des Kindes darauf, dass ihm langweilig ist, den Grund haben, dass es Nähe und Ansprache sucht. Man sollte schon darauf achten, dass in all dem Trubel Zuwendung und die gemeinsame Zeit nicht zu kurz kommen.

Dorothea Büchele

Von der Hinwendung zur Überreizung?
Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Kindheit als besonderer Zustand anerkannt und gewann als wichtige Entwicklungsstufe des Menschen an Bedeutung. Allerdings setzte sich diese Erkenntnis nicht gleichermaßen in allen Bevölkerungsschichten und allen Kulturen durch, sondern war abhängig von Bildungsniveau und kultureller Prägung sowie von wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, im Biedermeier, begannen die Bürgerfamilien, ihren Kindern einen eigenen Wohnbereich einzuräumen, der mit entsprechenden Möbeln und Spielsachen auf die kindlichen Bedürfnisse abgestimmt war. Aber auch dies war natürlich nur in den Familien möglich, die über die dafür nötigen finanziellen Mittel verfügten. Im 20. Jahrhundert schließlich wird der Umgang mit Kindern von zwei wichtigen pädagogischen Strömungen geprägt: Rudolf Steiner spricht in seiner anthroposophischen Menschenlehre eine dem Kleinkind eigene Sensibilität zu, die bei der Erziehung entsprechend berücksichtigt werden soll. Maria Montessori fordert besonders, dass die kreativen Kräfte und die individuelle Entwicklung eines Kindes unterstützt werden sollen. Zudem haben auch die Diskussionen um die antiautoritäre Erziehung mit dazu beigetragen, dass viel Aufmerksamkeit auf Kinder und Erziehung gerichtet wird. Mit der Auseinandersetzung der kindlichen Bedürfnisse hat sich auch eine konkrete Vorstellung in Bezug auf Kindermöbel und Spielzeug entwickelt. Steiners Waldorf- und die Montessori-Pädagogik legen zum Beispiel Wert auf Spielsachen aus Naturmaterialen, die zudem der Kreativität keine Grenzen setzen sollen. Aber nicht jeder informiert sich im pädagogischen Fachbuch über sinnvolles Spielzeug. Viele scheinen ihre Information aus dem häufig erscheinenden Werbeprospekt zu beziehen. Und Kinder sind da ohnehin ganz offen. Sie haben gern mal etwas Neues und brauchen dringend, was das Nachbarskind auch hat. Da nimmt man eben das günstige Kunststoffmodell. Und wenn das dann noch ordentlich hupt und gluckert, wenn es von selbst läuft oder rennt, dann ist die Welt in Ordnung. Zumindest die Welt von Wirtschaft und Industrie. Dem Kind wird es sicher schnell langweilig mit dem vollautomatischen Plastikmonster, und die Eltern kommt es mittelfristig teuer zu stehen. Nicht nur die Qualität, sondern auch dass sich in vielen Kinderzimmern Spielzeugmassen ansammeln, ist zu kritisieren. Das Kind lebt in einem unübersichtlichen Überfluss und kann deshalb nichts Geeignetes zum Spielen finden. Geht es auch ganz ohne Spielzeug? 1992 wurde zum ersten Mal in einem Kindergarten ausprobiert, was Kinder tun, wenn es kein Spielzeug mehr gibt. Den Kindern standen lediglich Tische, Stühle, Decken und Kissen zur Verfügung. Seither sind in verschiedenen Einrichtungen immer wieder solche Projektwochen eingeführt worden. Überall hat sich gezeigt, dass die Kinder, wenn auch nach anfänglichen Schwierigkeiten, mit wachsender Begeisterung und Selbstsicherheit Spiele erfunden haben. Diese Spiele haben darüber hinaus den Vorteil, dass die Kinder mehr miteinander sprechen, mehr aufeinander eingehen und Konflikte selbstständig lösen lernen. Diese Fähigkeiten gelten als wichtige Lebenskompetenzen und werden von Experten auch als Schutzfaktoren gegen eine mögliche Suchtgefährdung gesehen.

dob

KONTAKTADRESSE Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche Hochstraße 31 81669 München Telefon 48 88 26. Internet www.beratungsstelle-hochstrasse.de

Leere

Erst durch Arbeit wird Freizeit gesellschaftlich legitimiert. Deshalb pendeln Arbeitslose meist zwischen Resignation und Frust

„Ob Arbeitslosen langweilig ist? Das kommt schon vor“, sagt Klaus Wried von der Münchner Arbeitsgemeinschaft Arbeitsförderungsinitiative. Allerdings betont er: „Das Wort Langeweile passt nicht und klingt viel zu harmlos! Arbeitslosigkeit ist aber nicht harmlos. Sie macht krank!“ Obwohl die Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit längst erwiesen sind, wird in bestimmten Medien noch immer der Eindruck erweckt, als hätten Arbeitslose ein beneidenswertes Leben. Trotz der schlechten Lage auf dem Arbeitsmarkt wird von manchen Politikern permanent Stimmung gegen Arbeitslose gemacht. Kein Arbeitsplatz? Nun, das sei bedauerlich, heißt es bisweilen. Aber mit der damit verbundenen Langeweile käme man schon klar.Arndt Embacher vom Münchner Netzwerk erwerbssuchender Akademiker (*nea, Telefon 66 06 22 80) ist derart zynische Aussagen leid: „Mit dem Begriff Langeweile würde keiner unserer Teilnehmer das Hauptproblem seiner derzeitigen Situation umschreiben. Viel treffender wären Begriffe wie Resignation, Angst um die eigene Existenz und die der Familie, Frust oder Wut.“ Die engagierte Suche nach einem Job bedeute vielmehr Stress – von Langeweile keine Spur. Auch Irmgard Ernst vom Münchner Arbeitslosenzentrum (MALZ) ist der Ansicht, dass Langeweile den Zustand der Arbeitslosigkeit unzureichend beschreibt. „Gemütszustände wie Antriebslosigkeit, Mutlosigkeit, Scham und ein Gefühl des Versagens sind zutreffender.“ Ein Blick auf die Münchner Arbeitslosenstatistik zeigt: Zwischen 75 000 und 87 000 Bürger sind seit Beginn dieses Jahres erwerbslos gemeldet. Die Arbeitslosenquote von durchschnittlich rund sieben Prozent liegt zwar deutlich unter dem gesamtdeutschen Wert, doch Betroffenen, die stapelweise Absagen auf ihre Bewerbungen bekommen, hilft dies nicht weiter. „Fast jeder ist zu Beginn der Arbeitslosigkeit hoch motiviert“, sagt Kathrin König von der Münchner Arbeitsagentur. „Aber nach drei bis sechs Monaten und diversen Absagen fallen viele in ein tiefes Loch.“ Zuerst der Schock über die Kündigung, dann der Optimismus, bald wieder einen Job zu ergattern. Nach negativen Erfahrungen folgen Pessimismus und schließlich Fatalismus. Davon abgesehen, unterscheidet sich der individuelle Umgang mit Erwerbslosigkeit stark.Wer ein intaktes soziales Umfeld hat und finanzielle Rücklagen besitzt, fasst Arbeitslosigkeit eher als Chance auf und nutzt aktiver seine Zeit als jemand, dessen soziale Kontakte allein aus Kollegen bestehen und der nicht auf gespartes Geld zurückgreifen kann. Bei oberflächlicher Betrachtung sieht das Leben eines Arbeitslosen zumindest unter einem Aspekt gar nicht so schlimm aus: Wer keinen festen Job hat, hat schließlich mehr Zeit. Warum also nicht die neue Freiheit nutzen? „Arbeitslose empfinden ihren Zustand oft als Makel, unter Umständen fühlen sie sich als Versager. Sie können die möglicherweise vorhandenen positiven Aspekte nicht genießen“, erklärt der Soziologe Dr. Fitz Reheis. „Zwar hat man vielleicht mehr Zeit, doch neben dem finanziellen Verlust kommen durch Arbeitslosigkeit auch Zwänge auf einen zu.“ Wer systematisch aufs Konsumieren konditioniert sei, habe es schwer als Arbeitsloser. „Die Befreiung von Zwängen mündet bei Menschen, die damit nicht umgehen und sich nicht selbst beschäftigen können, in Rituale der Langeweile. Stundenlanges Fernsehen kann eine der Folgen sein“, meint Reheis. Dieses Verhalten würde aber nicht als sinnvoll erlebt, sondern als Zeittotschlagen. Der Unions-Fraktionschef im Bundestag glaubt dagegen offenbar, dass Arbeitslose Spaß am Nichtstun hätten. Hartz-IV-Empfänger sollten nicht nur „herumgammeln“, verkündete Volker Kauder. Vielmehr müsse man sie zur Arbeit zwingen, auch zu Ein- oder Null- Euro-Jobs. Arbeitszeit – Freizeit. Der gewohnte Rhythmus verändert sich nach einem Jobverlust.Und es stellt sich die Frage,wie man die Zeit nutzen soll. Oder muss. Den gut gelaunten Arbeitslosen, der seine Freizeit genießt, und den trägen Schmarotzer gibt es meist nur als Klischee. Auch dann, wenn Zukunftsperspektiven fehlen und das Selbstwertgefühl sinkt, hält Langeweile bei Menschen ohne Job kaum an. Schließlich ruft die Pflicht. Formulare müssen ausgefüllt, persönliche Daten übermittelt werden. Wer sich weigert, dem drohen Sanktionen. Die Arbeitsagentur kann den Nachweis von bis zu fünf Bewerbungen pro Woche verlangen. Die überwiegende Mehrheit der Arbeitslosen hält sich an die Vorgaben. „Es gibt nur eine kleine Minderheit, der etwa Weiterbildungsmaßnahmen aufgezwungen werden muss. Die meisten Arbeitslosen wollen unbedingt Arbeit, viele fragen aktiv nach Kursen“, sagt Kathrin König von der Arbeitsagentur. Ihrer Erfahrung nach wirken sich Besuche von Weiterbildungen, die Aufnahme von ehrenamtlichen Jobs und Praktika in jeder Hinsicht positiv aus. „Befragungen haben ergeben, dass dann die Motivation steigt, sich Stimmung und Gesundheit verbessern.“ Ob verstärkter Einsatz auch eine neue Anstellung mit sich bringt, lässt sich jedoch nie vorhersagen.Und nach der vierten erfolglosen Schulung ist von Optimismus oft nicht mehr viel zu spüren. Raus aus der Resignation.Aber wie? „Es braucht eine enorme charakterliche und mentale Festigkeit, um bei Frustration, resultierend aus Dauerarbeitslosigkeit, ohne Hilfe erfolgreich gegenzusteuern“, sagt Arndt Embacher vom Netzwerk *nea. Um drohender Antriebslosigkeit entgegenzuwirken, hat er mit weiteren Gründungsmitgliedern neue Angebote für Akademiker entwickelt. Workshops, Seminare, Beratung und Bewerbungstraining – das Forum fördert ehrenamtlich und gemeinnützig die Hilfe zur Selbsthilfe. Langeweile ist dabei ein Fremdwort – ebenso wie bei zahlreichen ähnlichen Gruppen. Um schwer vermittelbare Menschen kümmert sich beispielsweise die Münchner Arbeitsgemeinschaft Arbeitsförderungsinitiativen (MAG-AFI). Der Fachverband bietet kranken, suchtgefährdeten, alten und unzureichend ausgebildeten Arbeitslosen rund 1500 Jobs in 40 Betrieben an. „Sehr viele Menschen aus unserer Zielgruppe würden sehr gern sofort arbeiten“, sagt Klaus Wriedt von MAG-AFI. „Ihnen ist nicht unbedingt langweilig, sie spüren im Nichtstun eher eine inhaltliche Leere, ein Gefühl von Sinnlosigkeit und Überflüssigsein.“ Daran sei nicht zwangsläufig fehlendes Geld schuld. Denn das Überbrücken von Zeitlücken durch Konsum bringe überhaupt nichts. „Entscheidend ist, einen echten Sinn im Leben ohne Erwerbsarbeit zu finden und nicht nur eine Aneinanderreihung von Tätigkeiten wie Kinobesuche oder Spaziergänge.“ Viele Arbeitslose engagieren sich ehrenamtlich, sind kreativ oder knüpfen Kontakte. Die Möglichkeiten sind scheinbar endlos. „Im Grunde genommen stecken in jedem von uns Fähigkeiten, die unter dem Druck des Arbeitslebens verloren gegangen sind“, sagt der Soziologe Dr. Fritz Reheis. Diese Fähigkeiten wieder zu entwickeln sei eine gute Möglichkeit, freie Zeit sinnvoll zu gestalten. Doch wer ist dazu auf Anhieb in der Lage? „In unserer Gesellschaft werden diese Begabungen leider nicht gefördert und entwickelt“, gibt Reheis zu Bedenken. Der Soziologe ist davon überzeugt, dass ein gesetzlich garantiertes Grundeinkommen für jeden Bürger – ob mit oder ohne Job – nicht nur die Situation für Langzeitarbeitslose verbessern würde: „Die Angst, stigmatisiert zu werden, relativiert sich, andere Existenzformen werden ganz alltäglich, der Arbeitsmarkt wird entlastet, da nur noch arbeitet, wer wirklich will.“ Klaus Wried von der MAG-AFI befürwortet zwar auch ein jobunabhängiges Bürgergeld, bezweifelt allerdings die positiven Effekte auf den Arbeitsmarkt. Und Irmgard Ernst vom Münchner Arbeitslosenzentrum MALZ relativiert: „Ein Grundeinkommen könnte schon die Situation der Arbeitslosen verbessern. Doch selbstverständlich würden damit nicht alle Probleme gelöst: die der fehlenden Arbeitsplätze, des Gefühls, nicht gebraucht zu werden, keine Aufgabe und keinen regelmäßigen Tagesrhythmus zu haben. Dies sind grundlegende Probleme von Arbeitslosen, die jenseits der Form der finanziellen Unterstützung liegen.“ Bei dieser unbefriedigenden Situation, so ist zu vermuten, wird es wohl noch einige Zeit bleiben.

Günter Keil