Süchtig nach Leben: Was steigert das Partygefühl?
“Wenn mir erst mal langweilig ist”, erzählt Lisa*, 16 Jahre, “kann ich mich meistens zu gar nichts mehr aufraffen. Diese typische Sonntagnachmittagsstimmung, in der die Zeit wie still zu stehen scheint, langweilt mich zum Beispiel total. Wenn alle Geschäfte geschlossen haben und so gar nichts los ist und nichts passiert, macht mich das total unruhig. Oft telefoniere oder simse ich dann lustlos herum, rauche viel mehr als sonst und esse ständig, nur um irgendwas zu tun und mich abzulenken.Meine Laune wird davon zwar nicht unbedingt besser, aber wenigstens geht die Zeit vorbei.” “Die Langeweile”, sagt die Züricher Psychologin Verena Kast, “ist ein Zustand, in dem das lebendige Interesse vorübergehend verschwunden ist.” Mit anderen Worten: Ein Mensch, der sich langweilt, ist nicht mehr mit sich selbst im Reinen. Er spürt nicht mehr, was ihn wirklich interessiert, er hat den Kontakt zu sich selbst und zu seiner Kreativität verloren. Ein Zustand, den auf Dauer wohl niemand gut aushalten kann. Jugendliche am allerwenigsten – schließlich ist das doch die Zeit, in der das Leben spannend, aufregend und ein einziges Abenteuer zu sein hat. Langeweile kommt da nicht gut. “In einer Gesellschaft, die darauf programmiert ist, mit immer neuen Reizen und Konsummöglichkeiten unterhalten zu werden, zählt vor allem eines: die Abwechslung”, weiß Dr. Fritz Reheis, Zeitexperte und Gymnasiallehrer in Neustadt bei Coburg. “Unser gesamter Lebensstil ist auf Außenreize konzentriert, konsumorientiert und von Suchtverhalten geprägt”, bemerkt er. David, 15 Jahre, Schüler, fühlt sich nicht süchtig. Und langweilig ist ihm auch nie, sagt er. Für ihn ist das Leben eine einzige Party. Die letzte Party hat ihn zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate auf die geschlossene Suchtstation der Münchner Heckscher-Klinik für Kinderund Jugendpsychiatrie gebracht. Dieses Mal ist er nach dem Besuch eines Fußballspiels auf der Leopoldstraße ohnmächtig zusammengebrochen. Alkohol. Medikamente. Etwas in dieser Richtung. Er weiß es nicht mehr so genau.Was spielt das auch für eine Rolle? Schließlich hat er kein Problem – das haben in seinen Augen nur die anderen. Seine Eltern zum Beispiel und die Ärzte, die für die Zeit nach der Klinik nur eine Möglichkeit sehen: David zur langfristigen Entwöhnung auf den “Jugendbauernhof Freedom” zu schicken. Ein Jahr dauert das. Ein Jahr, in dem David lernen soll, sich wieder für was anderes zu interessieren als für Alkohol und Drogen. Anders als draußen ist der Tagesablauf in der Klinik sehr strukturiert. Für alles gibt es feste Zeiten und Regeln. “Sie müssen Stationsdienste übernehmen, auch mal beim Kochen oder Waschen helfen, und es gibt Unterricht – entweder hier auf Station oder im Gebäude gegenüber in der Klinikschule”, erklärt Oberärztin Adelina Mannhart. “Alltag lernen”, nennt sie das. Etwas, das die meisten ihrer jungen Patienten in dieser Form nicht mehr kennen. “Bei täglichem exzessivem Konsum ist Schule und so etwas wie geregelter Alltag einfach nicht mehr möglich”, weiß Mannhart. “Zudem können wichtige Entwicklungsschritte nicht gemacht werden, weil die Jugendlichen die dafür notwendigen Erfahrungen nicht machen.” Dafür gibt es auf der Station verschiedene Therapieangebote, Sportmöglichkeiten und Projekte. Aber natürlich gibt es auch leere Zeiten, in denen sich Langeweile breit macht.”Auch das gehört dazu”, erklärt die Oberärztin, “dass sie lernen, Langeweile auch mal auszuhalten und sich bei klarem Verstand mit sich und ihrer Situation zu beschäftigen.” Auch wenn er sich den Gruppenangeboten auf der Station noch verweigert – David beschäftigt sich. Er spielt Gitarre. Er liest. Und er zeichnet. Lauter Dinge, die er “draußen” nicht macht. “Draußen”, erklärt Stefan, 17 Jahre, “hat man andere Sachen zu tun. Alles dreht sich darum, Drogen zu beschaffen und zu konsumieren, sich mit Kumpels zu treffen und Party zu machen.” Ganz genau weiß er nicht mehr, wie es bei ihm damals anfing mit dem Trinken und dem Kiffen. Seine erste Zigarette hat er so mit elf geraucht. Dann kam der Alkohol. Mit etwa 13 hatte er seinen ersten Vollrausch. “Ich bin da so reingerutscht. Aus Neugier und um mit meinen Problemen besser klarzukommen. Und weil es besser war, als gar nichts zu tun.” Stefan ist seit sechs Wochen hier, fühlt sich inzwischen “gesundheitlich besser” und hat sich entschlossen, im Anschluss an den Klinikaufenthalt eine einjährige Sucht- und Entwöhnungstherapie zu machen, während der er auch seinen Quali nachholen will. “Das wird schon Minimum zwölf Monate dauern”, meint er, ist aber zuversichtlich, dass er das packt. Isabell, 14 Jahre, ist sich ihrer da nicht so sicher. Nach den Ferien soll sie wieder in ihre eigene Schule gehen und ein wenig Angst hat sie schon vor der Konfrontation mit Lehrern und Mitschülern. “Die wissen bestimmt alle längst, was mit mir passiert ist”, glaubt sie und fürchtet außerdem, dass “Langeweile da draußen schon ein Problem für mich werden könnte”. Deshalb hat sie sich mit den Sozialpädagogen in der Klinik einen straffen Wochenplan für die Zeit danach ausgearbeitet: Sport, Psychotherapie und Beratungsgespräche bei der Ambulanten Jugendhilfe. “Damit ich beschäftigt bin. Zuletzt habe ich ja das Heroin, das mir jemand im Urlaub geschenkt hat, nicht mehr nur zusammen mit anderen, sondern auch allein konsumiert – um den ganzen Sch… zu vergessen, den Schmerz aushalten und einfach mal abschalten zu können.” “Weil man sich Dinge traut, die man sich sonst nicht trauen würde.Wegen der anderen. Weil es sich gut anfühlt. Weil man damit so entspannt chillen oder im Gegenteil so richtig aufdrehen kann.Weil man sich damit viel attraktiver und selbstbewusster fühlt oder einfach, weil’s cool ist”: Die Gründe, die Jugendliche für ihren Drogenkonsum angeben, sind meist nur Beschreibungen dessen, was die Droge im besten Fall mit ihnen macht. Die wirkliche Ursache für den Konsum sind sie nur selten. “Die ersten extremen Erfahrungen – egal, ob es sich dabei um gefährliche Sportarten, Alkohol, Drogen, Sex oder Straftaten handelt – werden in der Pubertät gemacht”, erklärt Siegfried Gift, Leiter von easyContact, einem ambulanten und stationären Betreuungsangebot für drogenkonsumierende Jugendliche und deren Angehörige. Da werden die eigenen Grenzen getestet und die der anderen ausgelotet und alles Mögliche ausprobiert. Manch einer schießt dabei übers Ziel hinaus. “Allerdings”, räumt Gift ein,”verlaufen die meisten Biografien dann irgendwann wieder normal. Bei wem das nicht der Fall ist, bei dem steckt erfahrungsgemäß immer mehr dahinter als pure Langeweile. Manche haben vor ihrer Sucht traumatische Erfahrungen gemacht und wollen ihren Schmerz betäuben. Andere versuchen Probleme und Erlebnisse zu verdrängen, die erst durch den Konsum entstanden sind.” Eines ist allen gemeinsam: “Der Drogengebrauch verdrängt jegliches andere Interesse. Man muss meist sehr weit zurückgehen, bei vielen bis in die Kindheit, um zu entdecken, was ihnen einmal Spaß gemacht hat”, erklärt der Sozialpädagoge. “Die meisten von ihnen haben nie gelernt, sich mit sich selbst zu beschäftigen – sei es,weil ihre Fähigkeiten nicht erkannt und gefördert und ihre Interessen nicht geweckt wurden, oder weil ihnen zu viel angeboten wurde und sie so keine eigene Kreativität, kein eigenes Erleben entwickeln konnten.” easyContact sieht seine Aufgabe vor allem darin, die akuten Krisen der betroffenen Jugendlichen in Schule, Job oder Elternhaus zusammen mit allen Beteiligten zu beheben. Dann erst könne man das Drogenproblem anpacken, Ziele vereinbaren und nach Wegen suchen, wie sie die drogenfreie Zeit und Phasen der Langeweile nicht als Belastung, sondern als Chance begreifen. Als “Windstille der Seele” bezeichnete der Philosoph Friedrich Nietzsche die Langeweile. Er war der Ansicht, dass man ihr standhalten und durch sie hindurchgehen muss, damit sich hinterher etwas Neues auftut. Ähnlich sieht das auch die Psychologin Verena Kast: Statt Ablenkung um jeden Preis empfiehlt sie, sich der Langeweile zu stellen, sich geradezu auf sie zu konzentrieren, sie zu akzeptieren und zu nutzen, um zu den eigenen Interessen zurückzufinden.
Daniela Walther
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* Die Namen der Jugendlichen wurden geändert




