Jugendliche müssen Talent und Berufsfindung vereinbaren. Das heißt: Vom Traumberuf bleibt meist das Machbare – und das ist so einiges
Bei IMAL (International Munich Art Lab) ist jede Menge Praxis angesagt. IMAL ist ein Projekt des gemeinnützigen Vereins Kontrapunkt e.V. und bietet künstlerisch begabten und interessierten Jugendlichen, egal welcher schulischen Vorbildung und nationalen Herkunft, Trainings, Qualifizierung, berufliche Orientierung und die Mitarbeit bei künstlerischen Produktionen. Ziel des Projekts ist es, die Jugendlichen zum Erwerb beruflicher Qualifikationen zu motivieren, ihnen so den Quereinstieg in den Bereichen Film, Theater, Medienproduktion, Event und PR zu ermöglichen und ihre individuelle künstlerisch-kreative Begabung zu fördern. Im Dialog mit Künstlern werden Produktionen im Bereich darstellende und bildende Kunst sowie Musik verwirklicht.Dabei nehmen die Jugendlichen am gesamten Produktionsprozess aktiv teil – von der ersten Ideenskizze über ihre Umsetzung bis hin zur professionellen Präsentation. Neben dem notwendigen Grundtraining in Schauspiel, Tanz, Musik, visuelle Gestaltung oder Medienkompetenz können auch Kurse in Textarbeit, Fotografie und Gestaltung, Ton- und Veranstaltungstechnik, Musik(geschichte), Computer, Event und PR belegt werden. Theoretischer Unterricht sowie Bewerbungs-Coaching und Training in Teamfähigkeit, Konfliktfähigkeit oder individuelle Handlungskompetenz ist für alle Pflicht. „Wir nehmen ihre Träume ernst, erwarten aber, dass sich die Teilnehmer damit auseinander setzen, was das eigentlich heißt und ob das für sie passt“, erklärt Almut Münster, die bei IMAL Bewerbungs- Coaching macht und Artistik unterrichtet. Die Teilnahme ist kostenfrei. Um angenommen zu werden, müssen die Jugendlichen eine Mappe mit ihren Arbeiten vorlegen oder im Bereich der darstellenden Kunst ein Casting machen. „Wir erwarten also, dass sie sich vorbereitet haben. Wir erkennen an und fördern das, wovon sie sagen, dass sie es können. Oft gibt ihnen erst das die notwendige Stabilität, zum Nachdenken zu kommen, über Alternativen nachzudenken, eigene Entscheidungen zu treffen und herauszufinden, wohin ihr Weg eigentlich gehen soll – und das kann eine ganz andere Richtung sein. Manche machen hier eine Zeit lang mit und gehen dann wieder zur Schule oder entscheiden sich für eine Ausbildung in einem ganz anderen Bereich. Dabei helfen ihnen auch Praktika, die sie sich allerdings selbstständig suchen müssen. Wir betreiben keine Vermittlung“, betont Almut Münster. „Wie und wo sie ein Praktikum finden, dafür müssen sie selbst die Verantwortung übernehmen und Eigeninitiative zeigen. Wir bieten Hilfestellung, geben Feedback, und in der Kleingruppenarbeit motivieren und kontrollieren sie sich auch viel gegenseitig.“ Lisa Sprissler hat an der Akademie der bildenden Künste freie Malerei und an der FH Grafikdesign studiert. Bei IMAL ist sie Dozentin für Zeichnung, Gestaltungsgrundlagen, Malerei und Grafik. „Wir haben es hier im Großen und Ganzen mit zwei unterschiedlichen Gruppen von jugendlichen Künstlern zu tun: Die einen befinden sich im künstlerischen Chaos, verzetteln sich in ihrer Kreativität – die brauchen Struktur und Ordnung. Und die anderen tragen ihr ganzes Potenzial noch in sich, haben aber noch nicht die richtige Möglichkeit gefunden, sich auszudrücken – die brauchen Spielraum und Öffnung.“ Lisa Sprissler sagt, wer zu welcher Gruppe gehöre, erkenne sie schon daran, welchen Stift jemand zum Zeichnen benutzt und wie er diesen Stift hält. Die künstlerische Arbeit erlaube es außerdem, bei den Teilnehmern Gewohnheiten aufzubrechen und Schwierigkeiten oder ein bestimmtes Verhalten zu thematisieren, ohne zu psychologisieren. „Wenn ich sehe, dass jemand eine Zeichnung einfach nicht zu Ende bringen kann, dann hat das natürlich seine Gründe.Wir sprechen dann aber ausschließlich über die praktischen Aspekte der Arbeit. Ich frage einfach nur: ‚Was kannst du eventuell verändern am Material, an der Technik, an der Perspektive? Was siehst du? Schau genau hin!‘ Und wenn der sich dann traut, wirklich hinzuschauen, kann er plötzlich alles zeichnen, was er sieht. Da ist dann aber auch innerlich viel passiert. Künstlerische Arbeit ist nun mal vor allem eine Auseinandersetzung mit sich selbst.“ Die Zwei in Kunst sticht hervor. Der Rest dokumentiert in dem einen oder anderen Fach vielleicht mangelnde Begabung, vor allem aber Desinteresse: Vier in Deutsch und Mathe, Fünf in Englisch und GSE – Geschichte/ Sozialkunde/Erdkunde –, Sechs in AWT – Arbeitstechniken. Und das, obwohl Vicky, 17 Jahre, die neunte Klasse wiederholt. Den Quali wird sie wohl nicht schaffen. Aber so deutlich würde Regina Steiglechner das ihrer jungen Klientin nicht sagen. Schließlich soll Vicky ja nicht den Mut verlieren. Dass sie mit diesem Zwischenzeugnis auf ihre Bewerbungen auch weiterhin nur Absagen kassieren wird, lässt die Berufsberaterin allerdings schon durchblicken. Zumal Ausbildungsstellen in Vickys Wunschberuf Damenschneiderin ohnehin rar sind. Regina Steiglechner ist Berufsberaterin bei der Berufsberatung der Arbeitsagentur München. Sie ist überzeugt, dass die 17-Jährige mehr kann, als sich im Zeugnis widerspiegelt. Aber welcher Ausbildungsbetrieb wird es sich leisten können und wollen,Vickys Potenzial wie einen verborgenen Schatz zu heben? Regina Steiglechner kennt und betreut die Schülerin seit mehr als zwei Jahren und weiß, dass Vickys Interessen und Fähigkeiten eher im künstlerisch-handwerklichen Bereich liegen.Aber ob das ausreicht? Eine Zwei in Kunst, ein Faible für Handarbeiten und Mode machen schließlich noch keine Schneiderin. Die muss auch Maß nehmen, Schnittmuster erstellen und Material berechnen können, Kundengespräche führen und Arbeitsabläufe planen. So eine Ausbildung erfordert Lernbereitschaft. Und Durchhaltevermögen. „Die Jugendlichen vergessen häufig, dass nach der Schule nicht Schluss ist mit Lernen“, sagt Regina Steiglechner. „Sie glauben, wenn sie erst mal einen Ausbildungsplatz haben, haben sie es geschafft. Selbst wenn es nicht der Traumberuf, sondern nur der an die Realität angepasste Wunschberuf ist. Dass sie in der Berufsschule neben Deutsch und Mathe, Wirtschaft und Sozialkunde auch fachbezogenen Unterricht haben und darin auch eine Abschlussprüfung ablegen müssen, daran denken sie meist nicht.“ Obwohl die Arbeitsagenturen bereits im vorletzten Schuljahr Berufsberater in alle Schulen schicken, um Jugendliche über den Arbeitsmarkt zu informieren und ihnen das Online-Angebot der Arbeitsagentur sowie das Berufsinformationszentrum (BIZ) vorzustellen, sind viele Schüler auch nach Beendigung der Schulzeit ratlos.Was soll, was will ich werden? Was interessiert mich eigentlich? Welche Fähigkeiten, Talente habe ich? Und inwiefern lassen sich meine Vorstellungen und Wünsche mit dem Angebot und den Anforderungen des Arbeitsmarktes vereinbaren? „Unsere Informationsbroschüre ‚Alles klar?‘, in der alle Ausbildungsberufe und die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen in der Region aufgelistet sind sowie das Kursbuch, in dem jeder Ausbildungsberuf detailliert beschrieben ist, verteilen wir an alle Schüler“, erzählt Getraud Wurm, Teamleiterin bei der Berufsberatung der Münchner Arbeitsagentur. „Die meisten nutzen die Klassenveranstaltungen, den gemeinsamen Besuch im BIZ und die Einzelsprechstunden der Berater in der Schule lediglich als Inspiration und Hilfe zur Selbsthilfe. Für manche Schüler reicht das allerdings nicht aus. Denen bieten wir dann die Möglichkeit an, zur intensiven Einzelberatung zu uns in die Arbeitsagentur zu kommen“, so Wurm. Diese Jugendlichen können dann anhand verschiedener Berufswahltests ihre Fähigkeiten und Interessen besser erkennen und einschätzen. „Besonders begehrt sind nach wie vor Berufe in der Touristikbranche oder im Medien- und Veranstaltungsbereich, aber auch der relativ neue Beruf des Sport- und Fitnesskaufmanns. Doch da klaffen Vorstellung und Wirklichkeit auch meist extrem auseinander. Was nicht selten dazu führt, dass der vermeintliche Wunschberuf nach genauerer Betrachtung dann ad acta gelegt wird“, sagt Regina Steiglechner. „Häufig schafft das aber auch erst die Bereitschaft, sich Alternativen wirklich anzuschauen. Meistens ist es ja so, dass sie sich für einen bestimmten Beruf nur deshalb interessieren, weil der Freund oder die Freundin das auch macht oder weil die Familie es so will. Oder weil sie mit dem Beruf ein bestimmtes Image verbinden“, erzählt Steiglechner. Und dann müssen sie feststellen, dass sich ihre Wunschvorstellungen, geprägt von der Glitzer-, Glamour- und Zuckerwattenwelt aus Videoclips, Filmen,Vorabendserien, Telenovelas und Werbespots, mit ihrer Lebenswirklichkeit kaum in Einklang bringen lässt. Maria Rosenberger ist Lehrerin an der Hauptschule Garching und begleitet die Berufsorientierung ihrer Schüler in den Jahrgangsstufen sieben bis neun. Sie sagt: „Vielen wird erst nach und nach klar, dass sie mit einem Hauptschulabschluss und angesichts der heutigen Situation am Lehrstellenmarkt leider nur sehr begrenzte berufliche Möglichkeiten haben. Wir müssen es als Schule schaffen, sie einerseits sehr realistisch auf ihre berufliche Zukunft vorzubereiten und sie andererseits zu motivieren, das Beste aus sich zu machen. Sie sollen ihre Fähigkeiten verwirklichen können und sich nicht von dem Gedanken entmutigen lassen, dass für sie am Arbeitsmarkt wenig übrig ist.“ Weil die Arbeitsagentur Einzelbetreuung, zu der auch ein Berufswahltest gehört, aus Zeit- und Kostengründen nicht allen Schülern anbieten kann, hat Maria Rosenberger mit ihren neunten Klassen den Test „Berufsstart mit Profil“ vom Geva- Institut (www.geva-institut.de) gemacht. Die Ergebnisse wurden zunächst im Klassenverband besprochen. Im Anschluss hat die für ihre Schule zuständige Berufsberaterin von der Arbeitsagentur München sich mit jedem einzelnen Schüler zusammengesetzt und sein individuelles Ergebnis und die daraus resultierenden Berufsvorschläge mit ihm diskutiert. Gertraud Wurm von der Arbeitsagentur setzt neben Eignungstests vor allem auf Betriebspraktika: Sie ist davon überzeugt,„dass es immer von Vorteil ist, wenn man in einem oder mehreren Berufen schon praktische Erfahrungen gesammelt hat, auch, um den einen oder anderen Beruf ausschließen zu können“. Vielleicht wäre IMAL ja auch etwas für Vicky. Dafür müsste sie allerdings etwas mehr Engagement und Eigeninitiative zeigen als bisher. Sonst kann auch Regina Steiglechner nicht mehr viel für sie tun. „Wir können ihnen beratend, unterstützend und motivierend zur Seite stehen. Wollen müssen sie schon selber.“
Daniela Walther
IMAL ist für Jugendliche und junge Erwachsenes zwischen 16 und 25 Jahren gedacht. Kontrapunkt e.V. / International Munich Art Lab, Rupprechtstr. 29, 80636 München, Telefon 089/127 89 766, www.kontrapunktev.de