Berufsziel: Hip-Hop-Star oder Busfahrer

Wer die Hauptschule abbricht oder noch keinen Ausbildungsplatz hat, muss auf die Städtische Berufsschule zur Berufsvorbereitung. Lust darauf hat fast kein Schüler – doch irgendwie funktioniert der Unterricht trotzdem

Zum Beispiel Abdi. „Ein begnadeter Hip-Hopper“, erzählt sein Lehrer Siegfried Hummelsberger begeistert, bedauert jedoch gleichzeitig: „Aber was zählt das da draußen schon?“ Dabei hat sich schon manch ehemaliger Dauerschwänzer und Leistungsverweigerer im richtigen Umfeld und mit ein wenig Unterstützung doch als guter Schüler oder zuverlässiger Mitarbeiter entpuppt. Was also spricht dagegen, einem begnadeten Hip-Hopper eine Chance zu geben? Abdi aber hat noch keinen Ausbildungsplatz gefunden. Herr Hummelsberger meint dennoch: „Man muss den Schatz Lesen Sie weiter bei »Berufsziel: Hip-Hop-Star oder Busfahrer«…

Lastenrelativität

Man kann es schwer haben und leicht nehmen. Man kann es aber auch leicht haben und es sich schwer machen

Jeder kennt Zeiten, in denen alles schief läuft und die Zufriedenheit sich immer mehr dem Nullpunkt nähert. Häufiger Streit in der Beziehung, Stress in der Arbeit, die Traumwohnung bekommt ein anderer – alles Gründe, frustriert und unzufrieden zu sein. Zunächst einmal. Doch die Frage ist, wie man mit Rückschlägen, Problemen oder Ärger längerfristig umgeht. Und dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man hält sich für einen Pechvogel oder Versager, dem nichts gelingen will, oder man lässt sich nicht unterkriegen und gibt positiven Veränderungen eine Chance. Das jeweilige Verhalten hängt davon ab, ob man zu den Pessimisten oder zu den Optimisten zählt. Der renommierte US-Psychologe Martin Seligmann hat sich mit Optimisten und Pessimisten näher beschäftigt und ist zu interessanten Ergebnissen gekommen: Seiner Meinung nach unterscheiden sie sich dadurch, dass sie für beliebige Situationen ihres Lebens grundsätzlich unterschiedliche Erklärungen haben. Hier einige Beispiele: Pessimisten halten die Ursachen für unangenehme Ereignisse für dauerhaft. Für Optimisten sind die Ursachen nur vorübergehend. Pessimisten generalisieren Fehlschläge, die sie in einem bestimmten Bereich hinnehmen müssen, und halten sich allgemein für Versager. Optimisten sehen durch einen Fehlschlag in einem bestimmten Bereich andere Lebensbereiche nicht beeinträchtigt. Pessimisten geben sich selbst die Schuld für Fehlschläge und unangenehme Ereignisse und haben daher eher ein schwaches Selbstwertgefühl. Optimisten hingegen suchen die Gründe für Fehlschläge eher bei anderen Menschen oder den Umständen und haben ein starkes Selbstwertgefühl. Dass permanentes Grübeln nicht unbedingt gesund ist, ist auch wissenschaftlich erwiesen: Laut “Ärztezeitung” vom 3.3.2006 haben beispielsweise niederländische Forscher vom Institut für psychische Gesundheit in Delft herausgefunden, dass Optimisten weniger anfällig für Herzund Gefäßerkrankungen sind. Die Forscher wählten für ihre Studie 545 gesunde Männer im Alter zwischen 64 und 84 Jahren aus. Von 1985 bis 2000 wurden die Teilnehmer alle fünf Jahre nach ihrer Einstellung zum Leben befragt. Es stellte sich heraus, dass bei jenen, die am optimistischsten in die Zukunft blickten, die Anfälligkeit für Herz- und Gefäßerkrankungen nur halb so groß war wie bei denjenigen, die am wenigsten optimistisch waren. Optimisten gehen nicht nur besser mit eigenen Missgeschicken um, so das Ergebnis der Studie, sie achteten auch besser auf sich. Das betreffe sowohl ihren Alltag als auch ihre Reaktionen auf eine Krankheit. Die Neigung zu Pessimismus oder Optimismus ist nur zu einem geringen Teil angeboren. Zu einem weit größeren Teil wird sie durch Erfahrungen bestimmt, die wir im Laufe unseres Lebens machen, und durch die Erziehung. Die Einstellung, ob negativ oder positiv, ist ganz tief in uns verwurzelt und läuft unbewusst und blitzschnell ab. Die gute Nachricht: Dieser Ablauf kann unterbrochen werden. Das heißt, ein eingefleischter Pessimist kann sich auch im Erwachsenenalter ändern – wenn er es denn will. Denn mit etwas Anstrengung und Durchhaltevermögen lassen sich alte Verhaltensmuster ändern. Wichtig dabei ist, den eigenen negativen Denkmustern auf die Spur zu kommen. Danach muss der Pessimist bereit sein, sich von Annahmen zu trennen wie: Etwas bleibt immer, wie es ist, etwas klappt nie, oder man kann eh nichts machen. Stattdessen gilt es, eine Ich-kann-Mentalität zu entwickeln, die einen nach Misserfolgen anspornt, nicht aufzugeben, sondern sich selbst eine zweite Chance zu geben und weiterzumachen. Wichtig für die Umschulung zum Optimisten ist weiterhin, die eigenen Stärken zu erkennen und einzusetzen. Das fördert ein stärkeres Selbstbewusstsein, was wiederum eine Voraussetzung für die Entwicklung der Ich-kann-Mentalität ist. So erstrebenswert eine optimistische Weltsicht ist, eine Portion Pessimismus kann, so die amerikanische Psychologin Suzanne Segerstrom, auch von Vorteil sein. Nach ihrer Theorie kann eine positive Lebenseinstellung Menschen manchmal mehr unter Stress setzen als eine negative – mit der Folge, dass die Leistungsfähigkeit ihres Immunsystems abnimmt. Der Grund dafür ist, dass Optimisten Stressfaktoren stärker ausgesetzt seien, weil sie sich intensiver und länger mit einer Sache beschäftigen. Pessimisten dagegen gäben schneller auf und könnten so den negativen Stressfolgen entgehen.

Bettina Wenzel

Verzicht leisten

Alkoholtherapie: Um trocken zu bleiben, muss man auch lernen, sich mit anderen Dingen zu belohnen

“Ich könnte auch ganz aufhören, wenn ich das wollte”, sagt der 60-jährige Gerd L. Aber er will nicht. Er trinkt ab und an ein Gläschen oder zwei, “maximal eine halbe Flasche Rotwein”.Und der darf dann auch richtig gut sein. “Das gönne ich mir und das kultiviere ich auch.” Schließlich hat das nichts mehr damit zu tun, wie er einst das Bier konsumierte, nämlich bis zur Bewusstlosigkeit. Begonnen hatte alles bereits in der Schulzeit. Die noch junge Männlichkeit unter Beweis zu stellen fiel ihm mit Alkohol leichter. Auch in der Studentenzeit gehörte Alkohol zum Leben. Alle tranken, einmal mehr, einmal viel mehr. Allerdings: Die meisten schafften den Abschluss. Nur Gerd L. verbummelte sein Studium. “Damals habe ich mich noch nicht als abhängig gesehen, habe aber die Störung erkannt, weil eben die Kommilitonen das Studium schafften und ich nicht.” Er fing an zu jobben, gab aber im Grunde sein Geld für Alkohol aus. Seine Freundin setzte ihn schließlich wegen seiner Sucht vor die Tür. Er musste zurück ins Elternhaus und erhielt auch von dort den Druck, noch einmal mit einem Studium zu beginnen.Wieder aber machte der Alkohol einen Strich durch die Rechnung. “Ich habe nichts für das Studium gemacht.” Erst mit einer neuen Freundin kam auch der Mut zu einer Therapie. Allerdings war dieser erste Versuch nicht erfolgreich. Nach einer “Saufphase” in der Faschingszeit war es dann aber so weit. “Da war dann klar, so kann es nicht mehr weitergehen.” Gerd L. machte ein halbes Jahr lang eine stationäre Therapie, blieb sieben Jahre lang trocken. Gestärkt durch die Techniken, die er in der Therapie gelernt hatte, und motiviert durch ein neues Leben mit Frau, Kindern und Job, schaffte er es, den Versuchungen zu widerstehen. Auch wenn es schwer fiel. Denn bei Beziehungsproblemen und Arbeitsstress half früher der Alkohol. Nun helfen ihm Methoden, die er in der Therapie gelernt hat, über kritische Situationen hinweg. Tiefes Durchatmen zum Beispiel, oder “sich erden”, indem er seine Füße fest und konzentriert auf den Boden stellt. “Mit der Zeit hat sich das Standhaftbleiben verselbstständigt”, erinnert sich Gerd L., “dann war es nicht mehr anstrengend.” Allerdings kann und will er aufs Trinken nicht ganz verzichten, “aber ich weiß, dass ich damit rechnen muss, dass etwas passieren kann”. Er trinke jetzt kontrolliert und selten käme es vor, dass es doch mehr werde. “Aber nie so wie früher, bis zur Bewusstlosigkeit.” Als Alkoholiker sieht er sich nicht. “Ich muss nicht jeden Tag aufpassen, dass ich trocken bleibe”, erklärt er. Die Gratwanderung ist ihm allerdings bewusst.”Einfacher wäre es, ganz aufzuhören. Die Leistung besteht darin, immer wieder Maß zu halten.” Oft trinkt er unter der Woche nichts, nur am Wochenende. Er fühlt sich auch “deutlich besser”,wenn er keinen Alkohol getrunken hat. Dennoch sieht er den Alkohol als Mittel zum Zweck: als Belohnung, nach einem stressigen Arbeitstag, zur Entspannung, um das Wochenende einzuläuten oder auch zur allgemeinen Auflockerung. “Eigentlich bin ich offen und spontan. So zu sein gelingt mir aber besser, wenn ich ein Gläschen getrunken habe.” Alkohol in gemütlicher Runde ist für ihn in Ordnung. Alkohol zur Problembewältigung ist eine Gefahr. “Wenn ich etwas als belastend empfinde, dann kann der Mechanismus wieder greifen, zu trinken, um auszublenden.” Aber er vertraut darauf, dass er im richtigen Moment die Notbremse ziehen kann: “Das Extreme zu kennen hilft, den Konsum einzugrenzen.” Denn “das Extreme” will er nicht noch einmal erleben. “Die größte Leistung ist zu akzeptieren, dass man sich anderen gegenüber total daneben benommen hat”, sagt Gerd L. “Ich war mir gar nicht bewusst, dass andere das merken”, erzählt hingegen die 58-jährige Anna T. Sie hat tagsüber in der Regel nicht getrunken, schon gar nicht während der Arbeitszeit. Erst nach der Arbeit hat sie sich ein Gläschen gegönnt, um sich zu belohnen und auch, um das Alleinsein besser zu ertragen. Erst nachdem die Kollegen sie auf ihr Alkoholproblem angesprochen hatten, entschloss sich Anna T. zu einer stationären Therapie. Einige Jahre hat sie es danach geschafft, sich zurückzuhalten, dann wurde sie rückfällig. Die Scham darüber war groß. Sie verheimlichte ihre Sucht vor den Freunden, zog sich zurück, um zu Hause ungestört trinken zu können. Ein paar Jahre später versuchte sie es noch einmal mit einer Therapie. Doch auch diesmal hielt sie nicht lange durch. “Ich beging Selbstmord auf Raten”, fasst sie heute diese Zeit zusammen. Bald nämlich aß sie kaum noch etwas, magerte ab, hatte Magenschmerzen, “wenn ich dann etwas trank, ging es mir besser.” Wieder belog sie ihre Freunde und versuchte, ihre Krankheit zu verheimlichen. Dann aber passierte etwas Entscheidendes: Annas Wohnung brannte ab. Mittellos, geschwächt und krank, sah sie in diesem Unglück die letzte Gelegenheit, ihr Leben zu ändern. Sie begann wieder eine Therapie, diesmal ambulant – die richtige Entscheidung, denn jeden Abend kehrte sie in ihre gewohnte Umgebung zurück. In der stationären Therapie war der Tagesablauf geregelt und sie war ständig in Gesellschaft. Zu Hause fiel es ihr dann sehr schwer, selbst den Tag zu strukturieren und sich an die Einsamkeit zu gewöhnen. “Ich hatte wahnsinnige Angst zu trinken, wenn ich Leerlauf hatte.” Aber Anna T. wusste: “Ich will leben. Aber leben kann ich nur ohne Alkohol.” Sie war sich ihrer Verantwortung bewusst: “Wir Alkoholkranken haben es in der Hand.Wir können die Krankheit stoppen – anders als die Krebskranken etwa.” Mittlerweile geht es Anna T. gut. Über 18 Monate ist sie nun “trocken” und lebt ein sehr strukturiertes Leben. Regelmäßig geht sie in die Selbsthilfe- und in die Theatergruppe,macht Sport und arbeitet in der Pflege und in Haushalten. Und ganz wichtig: “Jetzt kann ich auch genießen, einmal nichts zu tun. Früher war ich wie getrieben.” Es macht ihr nichts mehr aus, wenn in ihrer Gegenwart Wein getrunken wird. Lädt sie Gäste ein, bittet sie diese, bei Bedarf alkoholische Getränke selbst mitzubringen und auch wieder mitzunehmen. Aber sie weiß auch, dass sie noch vorsichtig sein muss. Sie achtet beim Zahnarzt darauf, dass sie keine alkoholhaltige Narkosespritze erhält. Sie vergewissert sich im Restaurant immer, dass keine Soße oder keine Süßspeise mit Alkohol zubereitet wurde. Und auch Medikamente müssen alkoholfrei sein. “Ich habe keine Scheu, danach zu fragen. Ich kann sehr gut damit umgehen”, sagt sie. Doch es gibt auch kritische Situationen, in denen Anna T. unruhig wird. Doch dafür hat sie Methoden gelernt, die sie erfolgreich anwendet: “Ich muss dann die Situation verlassen. Ich gehe raus aus der Wohnung, gehe im Park walken oder in die Kirche nachdenken.” Sie empfindet es als große Leistung, dass sie ihren Lebenswillen und ihr Selbstwertgefühl wieder hat: “Ich bin stolz auf mich, und meine Freunde und Verwandten sind es auch .” “Ich war froh, dass sie weg war”, sagt Fabian. Er konnte nie stolz sein auf seine Mutter, lange hat ihm auch das Verständnis gefehlt. Zu groß waren Stress, Anspannung und Enttäuschung, die mit der Alkoholkrankheit seiner Mutter einhergingen. Im Gegensatz zu Anna T. hat diese es nicht geschafft, vom zerstörerischen Stoff loszukommen. Stets leugnete sie ihre Sucht und unternahm große Anstrengungen, heimlich zu trinken.War sie unfähig, sich um Kind und Haushalt zu kümmern, schützte sie eine Krankheit vor und legte sich ins Bett. Auf ihren tatsächlichen Zustand angesprochen, wurde sie aggressiv. “Die größte Leistung wäre es gewesen, sich einzugestehen, dass sie alkoholkrank ist”, sagt Fabian. Statt dessen wurde dem Vater angelastet, dass er die Mutter schlecht behandelte und ihr die Alkoholkrankheit aus lauter Grausamkeit unterstellte. “Die Alkoholkrankheit durfte und konnte nicht sein”, erinnert sich Fabian. Der Arzt verordnete schließlich eine Kur. Nach dieser kehrte die Mutter nicht wieder zu Mann und Kind zurück, sondern lebte mit einem anderen Mann in einer anderen Stadt. Fabian war damals 16 Jahre alt und legte keinen Wert auf einen Kontakt. “Was willst du mit einer betrunkenen Mutter.” Erst viele Jahre später, als seine Mutter schon schwer krank war, besuchte er sie ab und an. Es war schwer für ihn zu sehen, wie sie sich selbst zerstörte und er nichts dagegen tun konnte. Fabians Mutter hat mehrere Therapien gemacht, die aber nur kurzfristig anhielten. Ob sie wollte oder nicht – es ist ihr nie gelungen, die Kontrolle über ihr Leben und den Alkohol zu übernehmen und zu behalten.
Dorothea Büchele

Trotz Fleiß kein Preis

Legasthenie: Selbstverständliches wie Lesen und Schreiben fällt unendlich schwer

„Die Gadafeln“, schreibt Ludwig, „waren gud.“ Was ihm schmeckte, war keine exotische Spezialität. Vielmehr weist die gemeine Kartoffel in dem Fall fünf Schreibfehler auf und ist damit als solche kaum mehr zu identifizieren. Von einer „Wortruine“ sprechen die Psychologen, die sich mit der Teilleistungs- oder Teillernstörung Legasthenie beschäftigen. Vom Arbeitskreis Legasthenie (AKL) Bayern e.V. wird sie als erhebliche Lernstörung im Bereich Lesen und Schreiben definiert. „Betroffene Kinder erkennen die Wortstruktur nicht und können sich das Wortbild nicht merken“, erklärt Renate Bühler, die seit 22 Jahren als Psychologin beim Arbeitskreis tätig ist. Seit 1972 gibt es den Verein, der Kinder mit einer Legasthenie, aber auch mit einer Rechenschwäche, also einer Dyskalkulie, betreut. „Legasthenie und Dyskalkulie können heute relativ früh erkannt werden“, sagt Renate Bühler. Spätestens im Grundschulalter werden Kinder auf Lernschwächen genauestens getestet. Frühe Diagnosen sind wichtig, denn dadurch können jahrelange Qualen für das Kind vermieden werden. „Wenn Legasthenie nicht erkannt wird, sind die Kinder so frustriert, dass sich die Leistungen insgesamt verschlechtern können“, berichtet die Psychologin. In den 60er-Jahren etwa, als die diagnostischen Möglichkeiten der Psychologie noch nicht so weit entwickelt waren, wurde eine Teilleistungsstörung oft erst in der sechsten oder siebten Klasse festgestellt. Der Psychologe war dann hauptsächlich damit beschäftigt, die Frustration zu behandeln.„Dann mussten wir erst mal die Blockaden lösen“, erinnert sich Renate Bühler. Heute empfehlen Psychologen, die sich auf Legasthenie und Dyskalkulie spezialisiert haben, eine Therapie, die sich aus einer individuell zugeschnittenen, intensiven Nachhilfe und einer psychotherapeutischen Betreuung zusammensetzt. Konventionelle Nachhilfestunden bringen meist nichts. Vielmehr fühlen sich die Kinder durch die zusätzlichen Stunden belastet und verunsichert, da die Stunden wie Schulstunden ablaufen. Zur modernen Diagnostik gehört auch zu testen, ob das Kind gut hört und gut sieht, denn nur dann kann es den Stoff richtig aufnehmen und gut lernen. Mit Hilfe von speziellen Test werden Stärke und Bereiche der Störung festgestellt: Hat das Kind ein Problem zu verstehen? Kann es Buchstaben nicht voneinander unterscheiden? Verwechselt es Buchstaben? Oder kann es sich die Wortbilder nicht merken? „Und vor allem“, so Renate Bühler, „schaut man, was das Kind kann.“ Darauf wird dann aufgebaut, um das Selbstbewusstsein wieder zu stärken, denn nur dann ist auch die Schreibschwäche in den Griff zu bekommen. Schritt für Schritt erarbeiten die Psychologen mit den Kindern Silben, bilden Wörter und versuchen so, aus „Gadafel“ Kartoffel und aus „Tomte“ Tomate werden zu lassen. Es gibt Grenzbereiche in der Diagnose, dennoch können nach der so genannten „Diskrepanzdefinition“ verlässliche Aussagen gemacht werden: „Die Lese- und Rechtschreibleistungen müssen unter dem zu erwartenden Niveau liegen, und es muss eine deutliche Abweichung bestehen zwischen Intelligenz und Rechtschreib- sowie Leseleistung beziehungsweise Intelligenz und Rechenleistung“, zitiert Renate Bühler die Richtlinien. Eine etwaige Leistungsschwäche kann auch vom Kinder- und Jugendpsychiater diagnostiziert werden. Von diesem Gutachten hängt ab, ob die Therapiekosten vom Amt übernommen werden. „Vom Jugendamt ausreichend gefördert werden nur sehr stark betroffene Kinder“, weiß Renate Bühler. Zu wenig berücksichtigt blieben dadurch manchmal die Folgeprobleme. „Bei einer Teilleistungsstörung besteht die Gefahr, dass der Mensch nicht mehr in der Lage ist, adäquat am Leben teilzunehmen. Kinder beispielsweise werden oft aggressiv oder ziehen sich zurück“, erklärt Renate Bühler. Heute geht man davon aus, dass Legasthenie genetisch bedingt ist. Allerdings wird die Veranlagung nicht dominant vererbt, das heißt, nicht direkt von einem Elternteil auf das Kind, sondern tritt gestreut im Stammbaum auf. Neuropsychologen haben herausgefunden, dass bei Legasthenikern bestimmte Gehirnareale weniger motiviert werden. Diese Erkenntnis war für viele Eltern entlastend, hat sie doch auch belegt, dass Teilleistungsstörungen unabhängig sind vom Erziehungsstil und von der Intelligenz des Kindes. Für die Therapiestunden wird darauf geachtet, dass sie sich gut in den Wochenablauf einfügen und dass sie weder große Wege noch lange Zeiten in Anspruch nehmen. Der Arbeitskreis Legasthenie ermöglicht mit über einhundert Therapiestellen vielen Betroffenen eine Betreuung nahe ihrem Wohnort. Leisten müssen die betroffenen Kinder noch genug. „Die größte Leistung ist, dass der Mensch lernt, mit der Schwäche umzugehen, und auch, dass er nicht aufgibt, dass er sich ständig und immer wieder bemüht“, sagt Renate Bühler. Denn oft sind kleine Erfolge nur mit großem Fleiß zu erzielen. Ein Schüler schreibt normalerweise ein Wort zweimal, dann hat er es abgespeichert. Ein schreibschwacher Schüler muss das Wort hundertmal wiederholen, dann erst stellt sich das Wissen um die richtige Schreibweise zuverlässig ein. Ein wichtiges Ziel der Therapie ist, dass der Betroffene die Schwäche akzeptiert und bewusst, möglichst selbstbewusst, damit umgeht. „Erwachsene Legastheniker verwenden die meiste Zeit darauf, ihre Schwäche zu verstecken“, sagt Renate Bühler. Menschen, die in den 60er-Jahren als Schüler eine Lese- und Rechtschreibschwäche aufwiesen, wurden nicht entsprechend gefördert. Therapiestunden für Erwachsene machen aber durchaus Sinn, und in Selbsthilfegruppen bekommen sie Rückenstärkung, Anteilnahme und Tipps. Nach vorsichtigen Schätzungen sind vier bis sechs Prozent der Bevölkerung Legastheniker, ebenso viele leiden schätzungsweise an Dyskalkulie. Anders ausgedrückt sind das 500 000 Schüler und mehrere Millionen Erwachsene. Selten allerdings ist ein Mensch von Rechen- und Rechtschreibschwäche gleichzeitig betroffen. Kindern mit einer Dyskalkulie fällt es schwer, sich Mengen und Entfernungen vorzustellen, Sprache in Zahlen umzusetzen und zu rechnen. „Das ist ein ganz anderes Störungsbild als bei der Legasthenie“, sagt Renate Bühler, „es gibt Erklärungsmodelle dafür, aber noch wenig konkrete Erkenntnisse.“ Die Beeinträchtigung im Alltag ist auch hier erheblich. Die Menschen sind häufig auf fremde Hilfe angewiesen, weil sie ihre finanzielle Situation nicht überblicken und sie zum Beispiel nicht abschätzen können, was ein Einkauf kostet und wie hoch das Rückgeld sein müsste. Eine Therapiemethode bei Rechenschwäche hat Angelika Schlotmann entwickelt. Sie ist Psychologin und Leiterin des Rechen-Therapie-Zentrums in Hirschberg an der Bergstraße und arbeitet sehr erfolgreich nach der von ihr entwickelten Wasserglasmethode®. Hierbei werden Gläser in bestimmten Größen eingesetzt, die zum Beispiel mit zehn Schlucken voll sind. Durch ein schluckweises Austrinken wird die Veränderung der Menge konkret. Die Schüler erkennen so, dass das Glas beispielsweise zur Hälfte leer ist, wenn sie fünf Schlucke nehmen. „Innerhalb kürzester Zeit können Kinder und auch Erwachsene die Bilder von den Zahlen sehen. Sie erfassen das kardinale und relationale Prinzip der Menge und müssen nicht mehr quälend an den Fingern zählen“, so Angelika Schlotmann. Auch im Rechen- Therapie-Zentrum ist die Stärkung des Selbstbewusstseins wichtiger Bestandteil der Therapie. Angelika Schlotmann geht davon aus: „Wenn ein Kind etwas nicht begreift, dann liegt das an der Methode und nicht am Kind. Therapien müssen individuell angepasst werden.“ Denn schließlich sollte ein Kind, wenn es ein paar Jahre zur Schule gegangen ist, selbstbewusst ein Kilo Kartoffeln kaufen und schreiben können, was es gegessen hat.
Dorothea Büchele

Hilfe und Auskünfte Arbeitskreis
Legasthenie Bayern e.V., Waldstraße 3a,
82166 Gräfefing, 089/854 19 08, www.akl-bayern.com

Rechen-Therapie-Zentrum (Wasserglasmethode®)

Angelika Schlotmann, Winzerweg 2e, 69493 Hirschberg- Großsachsen,

Telefon: 06201/25 89 54,

E-Mail: sekretariat@rechen-therapie-zentrum.de

Die Selbsthilfegruppe Legasthenie und Dyskalkulie trifft sich jeden zweiten Freitag im Monat im Selbsthilfezentrum Bayerstr. 77a. Kontakt: marwege@legasthenie-bayern.de

Zu schwer ist man leicht

Vor allem mit einer Schlankheitskur

„Mein Gewicht ist ein Thema, das mich nicht loslässt. Es kann mich nicht loslassen, weil ich viel zu sehr darauf achten muss, sonst würde ich auseinander gehen wie eine Dampfnudel“, sagt die 35- jährige Olivia. Das sind typische Aussagen, die man entweder von sich selbst kennt, der besten Freundin oder der Kollegin. Zunehmen und abnehmen, Magersüchtige und Fettleibige beschäftigen uns tagaus, tagein. Im Supermarkt machen uns die Light-Produkte darauf aufmerksam, in der Bar die Diet-Coke, im Shopping- Kanal der Bauch-Weg-Gürtel und beim Vorbeigehen an der Kioskauslage die zahlreichen Frauenzeitschriften, die die neuesten Superdiäten anpreisen. Klar, derzeit ist das Thema wieder besonders aktuell:Mit dem Sommer kommt die luftige Kleidung, und da will man doch eine gute Figur machen. So wie Clarissa: „Für mich sind Optik und das Wohlempfinden ausschlaggebend, und ich fühle mich einfach nicht wohl, wenn ich mir vorstelle, dass ich dann einen Bikini anziehen will und zu viele Pfunde habe.“ Grundsätzlich fände sie es nicht sonderlich schwierig, ihr Normalgewicht zu halten. Aber während ihrer Schwangerschaft vergangenes Jahr hatte sie 16 Kilogramm zugelegt. „Ich will einfach, dass ich meine ganzen Klamotten wieder anziehen kann.“ Ihr Wunschgewicht wäre „etwas mit einer 6 vorne dran“. Momentan ist es noch etwas mit einer 7, nämlich 73 Kilo. Mit bewusster Ernährung hat sie jetzt aber immerhin schon acht Kilo herunterbekommen.„Ich versuche kalorienarm zu essen, viel Salat und Gemüse, und ich höre auf, wenn ich satt bin.Ab und zu gönne ich mir Nudeln mit fetter Soße und Klöße, weil Kohlehydrate glücklich machen, und das ist ja auch wichtig“, sagt die 41-Jährige. Auch Sport wäre eine Möglichkeit. So sieht es Olivia, die während des Studiums plötzlich zugenommen hatte und vor allem Pfunde anhäufte, nachdem sie mit dem Rauchen aufgehört hatte. Von Diäten halten beide nichts. „Das liegt wohl daran, dass meine Mutter jahrelang und ständig neue Abmagerungskuren aus Frauenzeitschriften ausprobiert und es doch nie wirklich etwas gebracht hat“, erklärt Olivia. Den Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften in München, Udo Pollmer, wundert das nicht. „Wenn an den Diäten ein Hauch von Wirksamkeit dran wäre, dann hätte sich in den vergangenen 50 Jahren, seit man diesen Unfug macht, eine Methode zeigen müssen, die hilfreich ist.“ Und in der Tat muss man sich darüber wundern, wie viele angeblich bahnbrechende Ratschläge zum Idealgewicht führen sollen. Ob nun der Ananas-Trick angesagt ist, bei dem einem nach spätestens fünf Tagen steten Genusses die Tropenfrucht im Halse stecken bleibt.Oder der Kniff mit der fettarmen Kost, die in den USA von namhaften Fachleuten für die Zunahme von Diabetes und Übergewicht verantwortlich gemacht wird. Nicht zu vergessen die vorübergehend ziemlich populäre Atkins- Diät, bei welcher die Website www.netdoktor. de ausdrücklich warnt, man solle die Finger von ihr lassen, da sie „bereits schwere Erkrankungen“ hervorgerufen habe. Abgesehen davon, dass einen das alarmieren sollte, fragt man sich, warum bislang keiner der Schlankmacher-Tipps durchgreifenden Erfolg hatte und immer wieder neue erfunden werden müssen. „Es gibt keine Diät, die zu einem dauerhaften Gewichtsverlust führt. Wenn Sie dem Körper Nahrungsmangel signalisieren, lagert er ein. Wenn Sie wollen, dass der Körper überflüssige Reserven aufgibt, müssen Sie sich satt essen“, sagt Udo Pollmer und wirft kurzerhand alles, was man jahrzehntelang über das Abnehmen gehört hat, über den Haufen.Der Körper, so Pollmer, habe eine genaue Vorstellung über seinen kalorischen Aufbau und seine Funktionen. „Er muss wissen, wie schwer zum Beispiel der linke Arm ist, damit er weiß, wie viel Energie er braucht, um ihn zu heben.“ Wenn der Körper also merkt, dass ihm am Arm Gewicht verloren geht, steuert er dagegen und sorgt dafür, dass die Pfunde wieder dorthinkommen. Den wiederholten alarmierenden Hinweisen in den Medien, die Deutschen würden immer dicker, begegnet Pollmer mit einer relativ einfachen Erklärung: Das Durchschnittsgewicht der hiesigen Einwohner habe sich durch die starke Zuwanderung vor allem aus südlichen Ländern wie der Türkei, Italien und Kroatien erhöht.Viele Menschen aus diesen Regionen wären kleiner bei gleicher Masse. „Das hängt damit zusammen, dass in trockenen und heißen Gebieten es evolutionsbiologisch wichtig war, dass die Körperoberfläche klein gehalten wird. Je kleiner die Körperoberfläche, desto einfacher ist es, den Körper zu kühlen und desto besser kann er mit Flüssigkeit haushalten.“ Würden nun ähnlich viele Menschen aus Skandinavien zu uns einwandern wie aus Südeuropa, „würden sich alle darüber wundern, dass die Deutschen immer größer und schlanker würden“. Eine lustige Vorstellung. Oder ist es in Wirklichkeit genau das, was die meisten Menschen, insbesondere die Vertreterinnen des so genannten schöneren Geschlechts, wollen? „Die Frauen sollen möglichst hübsch sein und mit ihrer Figur auch außergewöhnlich, das heißt bei uns heutzutage dünn und groß. Darum haben doch auch Casting-Sendungen wie ‚Germany’s Next Topmodel‘ so einen Zulauf. Die ganzen Mädels eifern da dem Ideal der Laufsteg-Kleiderstangen nach“, sagt Christian etwas abfällig. Der 36-Jährige findet den Schlankheitswahn und das Ernährungsdiktat, dem sich viele Menschen freiwillig aussetzen „grauenhaft“, und zwar aus gutem Grund. Er wurde als Kind vom strengen Vater stets dazu gezwungen, „aufzuessen, was auf den Tisch kommt“. Das hatte ihm lange Zeit ordentlich den Appetit verdorben, und so hat er einen Großteil der Speisen unauffällig mittels Serviette verschwinden lassen. Im Endeffekt hatte er dann immer zu wenig gegessen. Die Einstellung des Vaters war noch die früherer Generationen, bei der nur properer Nachwuchs als gesund galt. „Noch in den 50er- und 60er-Jahren hat man Kinder, die nach heutigen Maßstäben normalgewichtig waren, als untergewichtig betrachtet und aufs Land zu Mastkuren geschickt“, veranschaulicht Udo Pollmer die damalige Einstellung. Der Bua muss ja rüstig sein, hatte doch die Oma immer gesagt. Christian hat sich längst mit dem Thema Ernährung versöhnt. Er habe irgendwann später als junger Erwachsener das Essen neu entdeckt und da erst gelernt, wie Fleisch, Gemüse und Co. wirken und wie lecker sie seien.„Ganz wichtig ist, dass man für sich selbst merkt, was der Körper braucht, damit man satt wird und sich gut fühlt.“ Dass viele Menschen meinen, ihren Appetit kontrollieren und ihren Körper über das Essen designen zu müssen, hält Udo Pollmer für eine „monströse Idee“. Das eigene Aussehen hänge nun mal von der genetischen Veranlagung ab. Man könne einen hoch gewachsenen Menschen ja auch nicht einfach einen Kopf kürzer machen, nur weil er sich für zu groß hält. Laut Pollmer beeinflussen vor allem hormonelle Faktoren das Gewicht. Der eine Faktor ist Stress. Und wer zu Korpulenz neigt, nimmt unter Druck eher zu, wer zu den Schlanken gehört, eher ab. Nach Untersuchungen des Wissenschaftlers hat die Gewichtszu- oder -abnahme weniger mit der Nahrungsaufnahme zu tun als vielmehr mit dem Hormon Cortisol, das man unter Stresssituationen ausschüttet. „Wenn Sie das als Medikament verabreichen, heißt das Cortison, und da werden die Leute dann dick.“ Zudem gebe es eine zweite Regulationsschiene, die durch die Sexualhormone gesteuert wird. „Wenn sich Frauen zum Beispiel in einer festen Beziehung befinden, nehmen nicht alle, aber doch viele von ihnen gehörig zu.Und das nicht, weil sie jetzt regelmäßiger essen oder fauler geworden sind, sondern weil das der Anfang der Nestbauphase ist, und da müssen Reserven geschaffen werden.“ Für die zu erwartende Schwangerschaft und die kraftzehrende Versorgung des Babys. Ähnliches könne man bei Männern feststellen, die während einer Bindung Pfunde ansetzten. Wenn dann Nachwuchs kommt, „ist es notwendig, dass bei Vätern der Testosteronspiegel, also das männliche Sexualhormon abnimmt, damit sie sexuell weniger aktiv werden und sich so besser auf die neuen Anforderungen konzentrieren können“. Der Bauch solle zudem potenziellen Anwärterinnen signalisieren, dass dieser Herr bereits vergeben ist und sie sich lieber ein neues Jagdobjekt suchen sollten. Hier könnte man augenzwinkernd von einer Bauch-Entscheidung sprechen.Und als nächsten Schritt das Essen bestellen, das einem wirklich schmeckt!
Anuschka Schmid

Das Buch zum Thema Udo Pollmer, „Esst endlich normal! Wie die Schlankheitsdiktatur die Dünnen dick und die Dicken krank macht“; Piper Verlag München, 2005, 14,00 Euro.

Begabung als Manko

Eliteuniversitäten ohne Elite, denn ohne individuelle Förderung langweilen sich hochbegabte Schüler bis zum Versagen

Die CDU-Bundesbildungsministerin Annette Schavan will jeden Zweifel ausgeräumt wissen:„Wir werden die neue Gerechtigkeit schaffen.“ Zur Erläuterung erklärte die Bundesbildungsministerin, dass „unsere Kinder unabhängig von ihrer sozialen Herkunft die besten Chancen bei Bildung und Ausbildung brauchen“. Genau das hatten alle ihre Kultus- und Bildungsministerkollegen in den Ländern, jeder politischen Couleur, versprochen. Herausgekommen waren die mangelhafte Integration von Schülern mit Migrationshintergrund, ein insgesamt schlechtes Abschneiden deutscher Schüler im internationalen Vergleich, das Versagen des dreigliedrigen deutschen Schulsystems, weil die Hauptschule zu einer Verwahranstalt für die Schlechtesten oder auch nur für die Schwächsten wurde. Frau Schavan krönte ihre Antrittsaussage mit dem lapidaren Versprechen, dass die neue Bundesregierung mehr Geld in Forschung und Entwicklung investieren werde als jede andere Regierung zuvor. Wenden wir uns also der „neuen Gerechtigkeit“ in der Bildungspolitik zu und damit der neuen Forderung nach Förderung der rund 300 000 Kinder und Jugendlichen, denen nach Aussage des Selbsthilfevereins „Hochbegabung e.V.“ in Deutschland per Intelligenztest eine Hochbegabung bescheinigt wird. Als besonders begabt gilt, wer mindestens einen Intelligenzquotienten von 120 bis 129 nachweisen kann. Von da an bis zu einem IQ von 139 gilt ein Mensch als hochbegabt, und darüber hinaus ist er als höchstbegabt einzustufen. Überdurchschnittlich intelligente Menschen zeichnet vor allem eines aus: Sie entfalten ihre Begabungen nicht als so genannte Spezialisten in einem besonderen Fachbereich. Hoch- und Höchstbegabte haben in allen Bereichen besondere Fähigkeiten – in der Auffassungsgabe, im Vernetzen der unterschiedlichen Informationen, im motorischen und handwerklichen Bereich. Die hochbegabten Kinder sind ihren Altersgenossen mehrere Entwicklungsstufen voraus, weil sie manche einfach übersprungen haben. Als Neugeborene nehmen sie ganz schnell Blickkontakt auf, später sprechen sie schnell flüssig, können sich bald auf ein ausgezeichnetes Gedächtnis verlassen, welches durch eine besondere Beobachtungsgabe stets mit Einzelheiten genährt wird, sie sind emotional höchst sensibel, haben darüber hinaus eine vielschichtige Phantasie und sind deswegen zumeist sehr kreativ. Und deshalb sind Hochbegabte schnell gelangweilt von den Angeboten der Schule oder von den Eltern, die die ständigen Fragen ihrer Kinder wegen eigener Belastungen oft nicht mehr beantworten können oder wollen. Diese hochbegabten Kinder haben in Gleichaltrigen und in Lehrerinnen und Lehrern keine Ansprechpartner. Sie sind physisch Kinder und im Geiste schnell erwachsen. Hochbegabte Menschen bedürfen einer besonderen Aufmerksamkeit. Dennoch wenden Gegner einer besonderen Begabtenförderung immer ein, dass den Klügsten als ohnehin begünstigte Gruppe keine zusätzlichen Privilegien zukommen sollen und erst Recht nicht auf Kosten derer, die Förderung nötiger hätten, weil sie benachteiligt seien. Hunderttausende von Hochbegabten und nach den Angaben der privaten Hochbegabtenfördervereine mehr als 1,2 Millionen Kinder, die in der Schule als unterfordert gelten, haben folgerichtig keine Lobby, die klarstellte, dass auch sie Anspruch auf Beachtung und Förderung hätten. Und das nicht nur, weil ihnen eine besondere gesellschaftliche und ökonomische Verantwortung in einer globalisierten Welt zugewiesen wird. Dabei wollen sie, fragt man die Hochbegabten, nur ihren Fähigkeiten entsprechend unterrichtet und geschult werden und keinesfalls ausserhalb des Systems aufwachsen. Aber dafür benötigen sie den Austausch mit gleichermaßen Begabten in ihrem Alter, damit die Entwicklung sozialer und emotionaler Kompetenz einhergehen kann mit der geistigen. Hochbegabte Kinder sind allerdings in den staatlichen Schulen meistens dazu verdammt, fernab von gleichaltrigen Spielkameraden das Außenseitertum zu erdulden und dazu die gähnende Langeweile im Unterricht. Mädchen träumen sich um den für sie öden Lernstoff herum. Die Jungen spielen lieber den Kasper oder stören in ihrer Verzweiflung den gleichmachenden Gang der Stunde, was nicht selten dazu führt, dass beim Elternabend die Diagnose Aufmerksamkeits- Defizit-Syndrom (ADS) gestellt wird, während jeder kleine Fortschritt in der Entwicklung der Schwächeren in einen Triumphzug der Pädagogen mündet. Es obliegt dem einzelnen Schulrektor, diesen Gang der Dinge zu durchbrechen, wenn er denn ein Gespür für die Bedürfnisse der Hochbegabten hat, deren Leistung nicht nur als Produktionsfaktor, sondern als schöpferische Entfaltung einen Wert erfährt. Am Maria-Theresia- Gymnasium in München werden deshalb in einer der sechsten Klassen ausschließlich als hochbegabt getestete Kinder unterrichtet. Hier brauchen sie keinem auf die Nerven zu fallen, um die notwendige geistige Nahrung zu erhalten. Hier findet das Außenseitertum ein Ende und steht das Wohl des Einzelnen zugunsten der Gemeinschaft im Vordergrund.Und doch will darüber keiner sprechen, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, er befördere die Selektion. Dabei ist dieser Unterricht letztlich nur eine konsequente Form der Integration. Während Schavan und ihre Länderkollegen den schönen Traum von Eliteuniversitäten und der internationalen Beachtung deutscher Wissenschaftler träumen, kümmert es sie wenig, mit welchen Jugendlichen diese Universitäten gefüllt werden sollen. Wie sollen die künftigen Studenten vorbereitet werden? Und mit welchem pädagogischen Personal? Selten erkennt ein Lehrer die Hochbegabung seines Schülers, es sei denn, der Pädagoge ist selbst hochbegabt oder speziell geschult. Wer hat schon Zeit für das Besondere, wenn oberste Prämisse ist, den Durchschnitt zu erreichen? Stellt die Bayerische Landesregierung wenigstens Geldmittel zur Verfügung, um den Hochbegabten eine verbesserte Startsituation zur Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung zu ermöglichen? In Bayern wurde kurzerhand das so genannte Hochbegabtenstipendium abgeschafft. Stattdessen erließ der Bayerische Landtag das gut klingende „Eliteförderungsgesetz“. Das besagt, dass es keine laufenden Geldleistungen mehr geben soll, dass die Antragsteller darüber hinaus nicht förderungswürdig sein sollen, wenn das Gehalt der Eltern eine gewisse Einkommensgrenze überschreitet. Weil ausnahmsweise in Bayern ein Proteststurm anschwoll, wurde das Gesetz klammheimlich geändert und die Einkommensgrenzen schnell nach oben gesetzt, damit nicht automatisch alle Antragsteller aus der Förderung herausfielen, denn die Mehrzahl der Hochbegabten haben einkommensstärkere Eltern. Jetzt wird der bayerische Hochbegabte nur noch projektbezogen unterstützt, und diese Förderung obliegt ausschließlich der Jury der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Eine Umsetzungsverordnung für das Förderungsgesetz fehlt zudem, so dass weder die Antragsteller noch die Beamten beim zuständigen Studentenwerk München wissen, wie und unter welchen Umständen der nachweislich Hochbegabte sich bei wem um welche Unterstützung bewerben kann. Und in seinen Bemühungen um die gymnasiale Oberstufenreform will Bayerns Kultusminister Siegfried Schneider (CSU) gleich noch die so genannten Leistungskurse, die den Hochbegabten eine Art Heimat zu geben in der Lage wären, abschaffen. Auch die Wirtschaft hält sich in ihren Bemühungen um Förderung der künftigen Eliten zurück. Öffentlichkeitswirksam appellieren die Wirtschaftsvertreter an die Zuständigen, zu verhindern, dass die Eliten aus Deutschland ins Ausland abwandern. Trotzdem muss sich beispielsweise auch die Münchener Dependance des deutschlandweit aktiven Vereins „Hochbegabtenförderung e.V.“ ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen finanzieren. Der Verein betreut in den Münchener Geschäftsräumen 145 Schüler. Bayernweit sind es 450 Familien mit hochbegabten Kindern. Bisher haben befragte Sponsoren oder die Staatsregierung stets auf eigene Projekte verwiesen und eine finanzielle Hilfestellung für den Verein abgelehnt. Ein monatlicher Beitrag von 78 Euro ermöglicht den Zugang zu Fachkursen in Chinesisch, Japanisch, Biologie, Physik, Italienisch und Theater oder einen Workshop. Wer die 78 Euro nicht aufbringen kann, dem bleibt die private Vereinsförderung versagt. Die Jugendämter lehnen eine finanzielle Unterstützung sozial schwacher Hochbegabter mit der Begründung ab, es handele sich nicht um eine „psychische Erkrankung“. Das Sozialamt wiederum will die Last der Eltern nicht anerkennen,weil die Förderung von Hochbegabten Luxus sei und nicht der Bedarfsdeckung diene.

Alexander Zeiger

Informationen für Eltern: Verein zur Hochbegabtenförderung, Schleißheimer Straße 371 b, 80936 München, Telefon 35 73 29 93, und im Internet unter www.hbf-ev.de

Reise in die Einsamkeit

Alzheimer: Alltägliches ist kaum noch leistbar, dennoch kann man sich und seinem erkrankten Angehörigen das Leben erleichtern

Den Tag, an dem Emma H. aus dem Fenster kletterte, vergisst die Schwiegertochter nicht. Bis heute versucht sie zu verstehen, wieso die alte Frau über die Straßen des kleinen Dorfes im Allgäu lief und verzweifelt nach ihrer Mutter rief und nach Friedewald, ihrer Jugendliebe. Der fast neunzigjährigen Frau schlotterte die geblümte Kittelschürze um den mageren Körper und sie zitterte vor Weinen aus Sehnsucht nach zwei Menschen, die vor mehr als sechzig Jahren gestorben waren. „Du bist doch jetzt hier zu Hause. Schau, dies ist dein Zimmer und dort steht dein Bett“, erklärte man ihr und dass Friedewald und die Mutter längst nicht mehr am Leben seien. Emma H. weinte noch lauter: „Meine Mama, ach, meine Mama ist gestorben.“ Dieser unmittelbare Schmerz über weit zurückliegende Verluste wiederholt sich täglich tausende Male und trifft demenzkranke Menschen stets mit voller Wucht. „Vorsichtig geschätzt leben eine Million Menschen mit Demenz in Deutschland“, sagt Robert Perneczky, Arzt am „Zentrum für kognitive Störungen“ der psychiatrischen Klinik an der Technischen Universität München. Etwa fünf Prozent der 65-Jährigen sind von Demenz betroffen. Bei den 70-Jährigen sind es zehn Prozent. „Der Anteil verdoppelt sich in Fünfjahresschritten und erreicht etwa um das 85. Lebensjahr ein Plateau. Die Entwicklung der Zahlen ist eng mit der steigenden Lebenserwartung gekoppelt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2040 in Deutschland etwa vier Millionen Menschen mit Demenz leben werden. „Noch ist die Versorgungssituation in unserem Land ganz gut, aber man wird erhebliche Anstrengungen unternehmen müssen, um sie auf diesem Niveau zu halten“, sagt Perneczky. „Reguläre Altenheime sind nicht auf die Versorgung von Dementen eingerichtet.“ Aber schon heute leidet der überwiegende Teil der Heimbewohner daran. Die Qualität der Versorgung dementer Menschen beruht vor allem auf der Tatsache, dass die meisten von ihnen zu Hause durch Angehörige gepflegt werden. Wie schwer die Belastung ist, die Familien damit auf sich nehmen, zeigt ein Blick auf einen typischen Verlauf. „Demenz kann verschiedene Ursachen haben. Sie ist der Ausdruck einer Erkrankung, die hinter ihr steht“, sagt Perneczky. Depressionen und der Mangel an Hormonen können dazu führen, aber in 80 Prozent liegt die Alzheimer-Krankheit zugrunde, das schleichende und unwiderrufliche Absterben von Hirnzellen. Obwohl Forscher in aller Welt daran arbeiten, ist bislang nicht bekannt, welche Faktoren Alzheimer hervorrufen. Therapien können den Prozess bestenfalls verzögern, heilend wirken sie nicht. Die Demenz beginnt fast unmerklich. Die Betroffenen versäumen Termine, vergessen, ihre Medikamente einzunehmen. Namen fallen ihnen nicht mehr ein. „Solche Dinge können uns allen passieren. Wenn ich schon immer ein wenig schusselig war, darf ich das auch weiterhin sein. Sobald jedoch mein Alltagsleben beeinträchtigt ist, sollte ich das als ernstes Warnzeichen begreifen und zum Arzt gehen. Am besten bin ich zunächst beim Hausarzt aufgehoben, der mich gut kennt und die Veränderungen beurteilen kann. Später wird er einen Facharzt für Neurologie hinzuziehen“, sagt Perneczky. Bei fortschreitender Erkrankung zeigen die Betroffenen Auffälligkeiten in der Sprache und im Verhalten, sie kennen sich auch in vertrauter Umgebung immer weniger aus, leiden an Depressionen oder reagieren aggressiv. Ihr Tag-Nacht-Rhythmus verschiebt sich zunehmend, und es fällt ihnen schwer, Harndrang und Stuhlgang zu kontrollieren. In der Spätphase sind Demenzkranke bettlägerig und in allen Belangen auf Hilfe angewiesen. „Im Schnitt erstreckt sich die Erkrankung über acht Jahre, der Zeitraum kann sich jedoch auch auf 20 Jahre ausdehnen“, sagt Perneczky. Für die Angehörigen ist vor allem die Phase schwer zu bewältigen, in der das betroffene Familienmitglied unter starken Stimmungsschwankungen leidet. Am Morgen wirkt der Betroffene klar, spricht freundlich, wäscht sich allein, zieht seine Kleidung an, und am Mittag beschuldigt er seine Angehörigen, ihm Geld gestohlen zu haben oder ihn mit vergiftetem Essen umbringen zu wollen. Je besser Angehörige verstehen, dass sich Wut und Angst des Erkrankten nicht gegen sie richten, obwohl sie die unmittelbar Angesprochenen sind, desto leichter fällt es ihnen, die gefühlsgeladenen Situationen zu beherrschen. Der Umgang mit dementen Menschen ist erlernbar. Doch die Betreuungsaufgaben erfordern eine intensive Auseinandersetzung mit den Themen Denken, Vergessen, Realität und Kommunikation. Demenz ist ein Abschied von der Gemeinschaft, den der Mensch schrittweise vollzieht. Dieser Weg führt durch verschiedene Landschaften, nimmt individuelle Richtungen, verläuft über Berge und Täler. Jeder Betroffene erlebt seine ganz eigene Reise in die Demenz, aber immer entledigt er sich dabei schrittweise aller höheren Fähigkeiten, die zur regulären Kommunikation zwischen Menschen nötig sind. Er taucht in eine Erlebniswelt, in der Kategorien wie „real“, „wahr“ oder „objektiv“ überflüssig werden und nur noch aktuelle Empfindungen zählen. Die amerikanische Sozialpädagogin Naomi Feil entwickelte in den Jahren 1963 bis 1980 für professionelle Pflegekräfte eine Methode zum Umgang mit dementen Menschen, die sie „Validation“ nannte. Dieses Prinzip kann auch Angehörigen helfen, einen neuen Zugang zu ihrem demenzkranken Familienmitglied zu finden. Feil geht davon aus, dass das Verhalten eines dementen Menschen weder zufällig noch unbegründet ist. Für die Haltung, die Pflegende oder Angehörige einnehmen sollten, hat sie ein Bild geprägt. „In den Schuhen des anderen gehen“, fordert Feil, und meinte damit, dass es wichtig sei zu verstehen,welche Beweggründe ein verwirrter Mensch für seine Handlungen hat. Er findet sich immer weniger in seinem Leben zurecht, sieht sich von Menschen umgeben, die er nicht kennt, soll Regeln befolgen, deren Sinn er nicht versteht, und bemerkt zusätzlich vielleicht in klareren Momenten seine eigenen Fehlleistungen. Daraus entsteht ein Druck, der sich nur in Aggressionen entladen oder zu einem völligen Rückzug aus der Welt der anderen führen kann. Um diesen Druck zu mildern, empfiehlt Naomi Feil, dem Betroffenen mit ehrlichem Mitgefühl und echter Anerkennung zu begegnen. Die falsche Interpretation der Reaktion dementer Menschen ist einer der wesentlichen Stressfaktoren, unter denen pflegende Angehörige leiden. Sie gleichen die Äußerungen des Dementen permanent mit dem Bild ab, das sie in früheren Jahren von seiner Persönlichkeit gewonnen haben. Das gipfelt zum Beispiel in dem Ausspruch: „Mutter ist so böse geworden.“ Tatsächlich besitzt die Mutter gar nicht mehr die Fähigkeit, böse zu irgendjemandem zu sein. Sie befindet sich vielmehr irgendwo in ihrer inneren Erlebniswelt und hat jeden Bezug zur Realität hinter sich gelassen. Solange sie auf diesem Weg von außen Bestätigung erfährt, fühlt sie sich sicher. Konfrontiert man die Frau hingegen mit der aktuellen Situation, entsteht Hilflosigkeit, die sich auch handgreiflich äußern kann. Eine demenzkranke Frau, die immer wieder ihren Schrank ausräumt und die Kleidungsstücke im Zimmer verteilt, folgt vielleicht nur einem sehr früh erlernten Verhaltensmuster. Ihre Eltern haben ihr als Kind beigebracht, dass Ordnung wichtig ist. Ihr ganzes Leben lang hat sie ihren Haushalt sauber gehalten, war von früh bis spät mit Aufräumen beschäftigt. Jetzt tut sie genau dasselbe, auch wenn sie die Auswirkungen ihrer Bemühungen nicht mehr bestimmen kann. Anstatt sie auf den entstehenden Schaden hinzuweisen, ist es besser, sie in ihrem Verhalten zu bestärken und ihr zu zeigen, dass man sie versteht: „Ja, du hast ganz Recht, Ordnung ist das halbe Leben, ohne Fleiß kein Preis.“Solche Redewendungen haben Menschen meist tief verinnerlicht, und sie zeigen ihnen das Verständnis ihres Gegenübers an. Es ist charakteristisch für die Gedächtnisveränderungen im Laufe einer demenziellen Erkrankung, dass Erinnerungen an spätere Lebensabschnitte früher verschwinden. Besonders die Erlebnisse der Kindheit sind fest verankert. Auch Menschen in einem sehr fortgeschrittenen Stadium der Demenz, die bereits die Fähigkeit zum Sprechen verloren haben, können häufig noch ganze Lieder fehlerfrei mitsingen. Sie beginnen damit zwar nicht von selbst, fallen aber ein, sobald ein anderer die Melodie anstimmt. Das Singen ist weit mehr als nur eine Beschäftigung für kurze Zeit. Es vermittelt ihnen Heimat in einer Welt, an der sie anders nicht mehr teilnehmen können.

Bernd Hein

Weiterführende Literatur: Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft hat in ihrer Schriftenreihe vor kurzem einen „Ratgeber Häusliche Versorgung Demenzkranker“( Band 5) veröffentlicht. Er behandelt verschiedene Themen rund um die Pflege der Betroffenen. Das Buch hat 150 Seiten, kostet 4,50 Euro und ist zu bestellen über:

Deutsche Alzheimer Gesellschaft,

Friedrichstraße 236, 10969 Berlin,

Tel: 030/259 37 95 – 0,

Fax: 030/259 37 95 – 29,

E-Mail: info@deutsche-alzheimer.de

Wunsch und Wirklichkeit

Jugendliche müssen Talent und Berufsfindung vereinbaren. Das heißt: Vom Traumberuf bleibt meist das Machbare – und das ist so einiges

Bei IMAL (International Munich Art Lab) ist jede Menge Praxis angesagt. IMAL ist ein Projekt des gemeinnützigen Vereins Kontrapunkt e.V. und bietet künstlerisch begabten und interessierten Jugendlichen, egal welcher schulischen Vorbildung und nationalen Herkunft, Trainings, Qualifizierung, berufliche Orientierung und die Mitarbeit bei künstlerischen Produktionen. Ziel des Projekts ist es, die Jugendlichen zum Erwerb beruflicher Qualifikationen zu motivieren, ihnen so den Quereinstieg in den Bereichen Film, Theater, Medienproduktion, Event und PR zu ermöglichen und ihre individuelle künstlerisch-kreative Begabung zu fördern. Im Dialog mit Künstlern werden Produktionen im Bereich darstellende und bildende Kunst sowie Musik verwirklicht.Dabei nehmen die Jugendlichen am gesamten Produktionsprozess aktiv teil – von der ersten Ideenskizze über ihre Umsetzung bis hin zur professionellen Präsentation. Neben dem notwendigen Grundtraining in Schauspiel, Tanz, Musik, visuelle Gestaltung oder Medienkompetenz können auch Kurse in Textarbeit, Fotografie und Gestaltung, Ton- und Veranstaltungstechnik, Musik(geschichte), Computer, Event und PR belegt werden. Theoretischer Unterricht sowie Bewerbungs-Coaching und Training in Teamfähigkeit, Konfliktfähigkeit oder individuelle Handlungskompetenz ist für alle Pflicht. „Wir nehmen ihre Träume ernst, erwarten aber, dass sich die Teilnehmer damit auseinander setzen, was das eigentlich heißt und ob das für sie passt“, erklärt Almut Münster, die bei IMAL Bewerbungs- Coaching macht und Artistik unterrichtet. Die Teilnahme ist kostenfrei. Um angenommen zu werden, müssen die Jugendlichen eine Mappe mit ihren Arbeiten vorlegen oder im Bereich der darstellenden Kunst ein Casting machen. „Wir erwarten also, dass sie sich vorbereitet haben. Wir erkennen an und fördern das, wovon sie sagen, dass sie es können. Oft gibt ihnen erst das die notwendige Stabilität, zum Nachdenken zu kommen, über Alternativen nachzudenken, eigene Entscheidungen zu treffen und herauszufinden, wohin ihr Weg eigentlich gehen soll – und das kann eine ganz andere Richtung sein. Manche machen hier eine Zeit lang mit und gehen dann wieder zur Schule oder entscheiden sich für eine Ausbildung in einem ganz anderen Bereich. Dabei helfen ihnen auch Praktika, die sie sich allerdings selbstständig suchen müssen. Wir betreiben keine Vermittlung“, betont Almut Münster. „Wie und wo sie ein Praktikum finden, dafür müssen sie selbst die Verantwortung übernehmen und Eigeninitiative zeigen. Wir bieten Hilfestellung, geben Feedback, und in der Kleingruppenarbeit motivieren und kontrollieren sie sich auch viel gegenseitig.“ Lisa Sprissler hat an der Akademie der bildenden Künste freie Malerei und an der FH Grafikdesign studiert. Bei IMAL ist sie Dozentin für Zeichnung, Gestaltungsgrundlagen, Malerei und Grafik. „Wir haben es hier im Großen und Ganzen mit zwei unterschiedlichen Gruppen von jugendlichen Künstlern zu tun: Die einen befinden sich im künstlerischen Chaos, verzetteln sich in ihrer Kreativität – die brauchen Struktur und Ordnung. Und die anderen tragen ihr ganzes Potenzial noch in sich, haben aber noch nicht die richtige Möglichkeit gefunden, sich auszudrücken – die brauchen Spielraum und Öffnung.“ Lisa Sprissler sagt, wer zu welcher Gruppe gehöre, erkenne sie schon daran, welchen Stift jemand zum Zeichnen benutzt und wie er diesen Stift hält. Die künstlerische Arbeit erlaube es außerdem, bei den Teilnehmern Gewohnheiten aufzubrechen und Schwierigkeiten oder ein bestimmtes Verhalten zu thematisieren, ohne zu psychologisieren. „Wenn ich sehe, dass jemand eine Zeichnung einfach nicht zu Ende bringen kann, dann hat das natürlich seine Gründe.Wir sprechen dann aber ausschließlich über die praktischen Aspekte der Arbeit. Ich frage einfach nur: ‚Was kannst du eventuell verändern am Material, an der Technik, an der Perspektive? Was siehst du? Schau genau hin!‘ Und wenn der sich dann traut, wirklich hinzuschauen, kann er plötzlich alles zeichnen, was er sieht. Da ist dann aber auch innerlich viel passiert. Künstlerische Arbeit ist nun mal vor allem eine Auseinandersetzung mit sich selbst.“ Die Zwei in Kunst sticht hervor. Der Rest dokumentiert in dem einen oder anderen Fach vielleicht mangelnde Begabung, vor allem aber Desinteresse: Vier in Deutsch und Mathe, Fünf in Englisch und GSE – Geschichte/ Sozialkunde/Erdkunde –, Sechs in AWT – Arbeitstechniken. Und das, obwohl Vicky, 17 Jahre, die neunte Klasse wiederholt. Den Quali wird sie wohl nicht schaffen. Aber so deutlich würde Regina Steiglechner das ihrer jungen Klientin nicht sagen. Schließlich soll Vicky ja nicht den Mut verlieren. Dass sie mit diesem Zwischenzeugnis auf ihre Bewerbungen auch weiterhin nur Absagen kassieren wird, lässt die Berufsberaterin allerdings schon durchblicken. Zumal Ausbildungsstellen in Vickys Wunschberuf Damenschneiderin ohnehin rar sind. Regina Steiglechner ist Berufsberaterin bei der Berufsberatung der Arbeitsagentur München. Sie ist überzeugt, dass die 17-Jährige mehr kann, als sich im Zeugnis widerspiegelt. Aber welcher Ausbildungsbetrieb wird es sich leisten können und wollen,Vickys Potenzial wie einen verborgenen Schatz zu heben? Regina Steiglechner kennt und betreut die Schülerin seit mehr als zwei Jahren und weiß, dass Vickys Interessen und Fähigkeiten eher im künstlerisch-handwerklichen Bereich liegen.Aber ob das ausreicht? Eine Zwei in Kunst, ein Faible für Handarbeiten und Mode machen schließlich noch keine Schneiderin. Die muss auch Maß nehmen, Schnittmuster erstellen und Material berechnen können, Kundengespräche führen und Arbeitsabläufe planen. So eine Ausbildung erfordert Lernbereitschaft. Und Durchhaltevermögen. „Die Jugendlichen vergessen häufig, dass nach der Schule nicht Schluss ist mit Lernen“, sagt Regina Steiglechner. „Sie glauben, wenn sie erst mal einen Ausbildungsplatz haben, haben sie es geschafft. Selbst wenn es nicht der Traumberuf, sondern nur der an die Realität angepasste Wunschberuf ist. Dass sie in der Berufsschule neben Deutsch und Mathe, Wirtschaft und Sozialkunde auch fachbezogenen Unterricht haben und darin auch eine Abschlussprüfung ablegen müssen, daran denken sie meist nicht.“ Obwohl die Arbeitsagenturen bereits im vorletzten Schuljahr Berufsberater in alle Schulen schicken, um Jugendliche über den Arbeitsmarkt zu informieren und ihnen das Online-Angebot der Arbeitsagentur sowie das Berufsinformationszentrum (BIZ) vorzustellen, sind viele Schüler auch nach Beendigung der Schulzeit ratlos.Was soll, was will ich werden? Was interessiert mich eigentlich? Welche Fähigkeiten, Talente habe ich? Und inwiefern lassen sich meine Vorstellungen und Wünsche mit dem Angebot und den Anforderungen des Arbeitsmarktes vereinbaren? „Unsere Informationsbroschüre ‚Alles klar?‘, in der alle Ausbildungsberufe und die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen in der Region aufgelistet sind sowie das Kursbuch, in dem jeder Ausbildungsberuf detailliert beschrieben ist, verteilen wir an alle Schüler“, erzählt Getraud Wurm, Teamleiterin bei der Berufsberatung der Münchner Arbeitsagentur. „Die meisten nutzen die Klassenveranstaltungen, den gemeinsamen Besuch im BIZ und die Einzelsprechstunden der Berater in der Schule lediglich als Inspiration und Hilfe zur Selbsthilfe. Für manche Schüler reicht das allerdings nicht aus. Denen bieten wir dann die Möglichkeit an, zur intensiven Einzelberatung zu uns in die Arbeitsagentur zu kommen“, so Wurm. Diese Jugendlichen können dann anhand verschiedener Berufswahltests ihre Fähigkeiten und Interessen besser erkennen und einschätzen. „Besonders begehrt sind nach wie vor Berufe in der Touristikbranche oder im Medien- und Veranstaltungsbereich, aber auch der relativ neue Beruf des Sport- und Fitnesskaufmanns. Doch da klaffen Vorstellung und Wirklichkeit auch meist extrem auseinander. Was nicht selten dazu führt, dass der vermeintliche Wunschberuf nach genauerer Betrachtung dann ad acta gelegt wird“, sagt Regina Steiglechner. „Häufig schafft das aber auch erst die Bereitschaft, sich Alternativen wirklich anzuschauen. Meistens ist es ja so, dass sie sich für einen bestimmten Beruf nur deshalb interessieren, weil der Freund oder die Freundin das auch macht oder weil die Familie es so will. Oder weil sie mit dem Beruf ein bestimmtes Image verbinden“, erzählt Steiglechner. Und dann müssen sie feststellen, dass sich ihre Wunschvorstellungen, geprägt von der Glitzer-, Glamour- und Zuckerwattenwelt aus Videoclips, Filmen,Vorabendserien, Telenovelas und Werbespots, mit ihrer Lebenswirklichkeit kaum in Einklang bringen lässt. Maria Rosenberger ist Lehrerin an der Hauptschule Garching und begleitet die Berufsorientierung ihrer Schüler in den Jahrgangsstufen sieben bis neun. Sie sagt: „Vielen wird erst nach und nach klar, dass sie mit einem Hauptschulabschluss und angesichts der heutigen Situation am Lehrstellenmarkt leider nur sehr begrenzte berufliche Möglichkeiten haben. Wir müssen es als Schule schaffen, sie einerseits sehr realistisch auf ihre berufliche Zukunft vorzubereiten und sie andererseits zu motivieren, das Beste aus sich zu machen. Sie sollen ihre Fähigkeiten verwirklichen können und sich nicht von dem Gedanken entmutigen lassen, dass für sie am Arbeitsmarkt wenig übrig ist.“ Weil die Arbeitsagentur Einzelbetreuung, zu der auch ein Berufswahltest gehört, aus Zeit- und Kostengründen nicht allen Schülern anbieten kann, hat Maria Rosenberger mit ihren neunten Klassen den Test „Berufsstart mit Profil“ vom Geva- Institut (www.geva-institut.de) gemacht. Die Ergebnisse wurden zunächst im Klassenverband besprochen. Im Anschluss hat die für ihre Schule zuständige Berufsberaterin von der Arbeitsagentur München sich mit jedem einzelnen Schüler zusammengesetzt und sein individuelles Ergebnis und die daraus resultierenden Berufsvorschläge mit ihm diskutiert. Gertraud Wurm von der Arbeitsagentur setzt neben Eignungstests vor allem auf Betriebspraktika: Sie ist davon überzeugt,„dass es immer von Vorteil ist, wenn man in einem oder mehreren Berufen schon praktische Erfahrungen gesammelt hat, auch, um den einen oder anderen Beruf ausschließen zu können“. Vielleicht wäre IMAL ja auch etwas für Vicky. Dafür müsste sie allerdings etwas mehr Engagement und Eigeninitiative zeigen als bisher. Sonst kann auch Regina Steiglechner nicht mehr viel für sie tun. „Wir können ihnen beratend, unterstützend und motivierend zur Seite stehen. Wollen müssen sie schon selber.“

Daniela Walther

IMAL ist für Jugendliche und junge Erwachsenes zwischen 16 und 25 Jahren gedacht. Kontrapunkt e.V. / International Munich Art Lab, Rupprechtstr. 29, 80636 München, Telefon 089/127 89 766, www.kontrapunktev.de