Gelegentlich Trommelwirbel

Wenn der Unterricht swingt, können Lehrer und Schüler einen gemeinsamen Rhythmus finden

Natascha*,18 Jahre, kommt regelmäßig 14 Minuten zu spät. Mergim, 24, verlässt schon den fünften Freitag in Folge den Unterricht direkt nach der Mittagspause. Philipp, 19, war vier Wochen ganz untergetaucht. Und Florian, 20 Jahre, ließ sich bereits nach seinem ersten Tag in der Maßnahme nicht mehr sehen. Gelegentlich ruft er an, um sich wegen Migräne, Grippe oder wegen Migräne und Grippe krankzumelden. Natascha, Mergim, Philipp und Florian nehmen an der berufsvorbereitenden Maßnahme bei Horizonte e.V. teil – einem Projekt, das Jugendliche und junge Erwachsene in einem Wechsel aus Unterrichtseinheiten und Praktika auf den externen Hauptschulabschluss und das Berufsleben vorbereiten soll. Kaum einer ist freiwillig hier: Als Hartz-IV-Empfänger beziehungsweise Angehörige einer Bedarfsgemeinschaft wurden sie von der Arbeitsagentur an Horizonte vermittelt. Die Teilnahme wird ihnen mit einer Mehraufwandsentschädigung (MAW) von 1,25 Euro pro Stunde vergütet. Fast alle haben aus unterschiedlichsten Gründen lückenhafte Lebensläufe und somit Erfahrung darin, aus dem Tritt zu kommen, neu anzufangen und wieder zu scheitern. Das ist ihr Rhythmus. Deshalb ist es mit Unterricht in Deutsch, Mathe und Sozialkunde sowie der Vermittlung in Praktika auch nicht getan.Um überhaupt erst einmal so etwas wie Struktur in den Alltag ihrer Teilnehmer zu bringen, arbeiten die beiden Sozialpädagoginnen Susanne Stadelmann und Ingrid Schröter mit jedem einen individuellen Kurs- und Förderplan aus. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit: die Vermittlung sozialer Kompetenzen, wofür Susanne Stadelmann und Ingrid Schröter beim Großteil der Teilnehmer erst einmal ein Bewusstsein schaffen müssen. „Wenn Schule nicht von Anfang an das Einhalten von Regeln einfordert, wenn Strukturen und Rhythmisierung nicht schon ab der ersten Klasse eingeübt werden, kann man das von Kindern und Jugendlichen auch später nicht erwarten“, sagt Susanne Korbmacher, Sonderschullehrerin am Förderzentrum München Nord und Vorsitzende des Vereins Ghettokids e.V. „Unsere Übungsleiter bei Ghettokids wissen inzwischen ganz genau, was von ihnen erwartet wird. Wir fangen zu bestimmten Zeiten an, und daran haben sich alle zu halten. Es wird aufgeschrieben, wann sie auftauchen. Sie werden ermahnt, wenn sie zu spät kommen. Sie haben anzurufen,wenn es später wird, und auch zu sagen, warum sie später kommen. Sie haben Verantwortung zu übernehmen. Das heißt, wenn sie später kommen, dann müssen sie auch länger bleiben. Das ist alles eine Frage der Zuverlässigkeit, die ich erwarte und einfordere. Die meisten Kinder und Jugendlichen, mit denen ich arbeite, hatten damit anfangs so ihre Probleme. Ich denke, dass da gerade die Lehrerinnen und Lehrer der ersten und zweiten Klasse extrem weichenstellend sind und dass es deshalb eigentlich auch nicht ausreicht, nur eine Lehrkraft in diesen Klassen zu haben.“ Das Problem an den Grundschulen sieht die Sonderschulpädagogin vor allem darin, dass die Lehrer dort „einen voll gepackten Lehrplan haben, den sie durchziehen müssen“. Bei 30 Kindern in einer Klasse sei eine besondere Aufmerksamkeit und Hinwendung zum Einzelnen einfach nicht möglich. Viele Kinder könnten ihren Rhythmus nicht dem von außen vorgegebenen anpassen. Da würden Fähigkeiten und Fertigkeiten vorausgesetzt, die viele einfach noch nicht mitbringen. „Die bleiben dann eben auf der Strecke – und landen nicht selten bei uns“, beschreibt Korbmacher die Situation. Die ihrer Meinung nach so nicht sein müsste, wenn an bestimmten Schulen und bei entsprechender Klassenstärke und -zusammensetzung eine Grund- und eine Sonderschullehrerin zusammen unterrichten würden. „Dann könnten stärkere und schwächere gemeinsam lernen und dennoch alle Kinder individuell gefördert werden. Das sind ja alle ganz unterschiedliche Lerntypen. Der eine kann ausdauernd und konzentriert lernen. Der eine begreift schnell, der andere etwas langsamer. Der eine muss etwas nur hören, um es zu behalten, der andere kann es nur visuell begreifen.“ Mit einer Doppelbesetzung, ist Susanne Korbmacher überzeugt, könne man den Kindern nicht nur vielfältigere Angebote machen, sondern auch den Unterricht flexibler gestalten: So könnten in einer Klasse mit zwei Lehrkräften in bestimmten Stunden jene Kinder, die etwas noch nicht verstanden haben, mit der einen Lehrkraft in einen Nebenraum gehen und sich das Ganze noch einmal erklären lassen. In anderen Stunden wiederum könnten starke und schwache Schüler bewusst zusammen lernen: „Die Kinder selbst versuchen ohnehin, ihren eigenen Rhythmus an den der anderen anzugleichen. Was sie brauchen, ist nur ein entsprechender Rahmen, der ihnen das ermöglicht. Und das ist es doch auch, was eine Klassenggemeinschaft ausmacht“, findet Korbmacher. – Dass Lehrer und Kinder einen gemeinsamen Rhythmus finden. Ihren eigenen Unterricht versucht Susanne Korbmacher jedenfalls so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten. „Ich achte sehr darauf, dass auf der einen Seite Kontinuität da ist und auf der anderen Seite Überraschungseffekte.Wenn wir etwas Neues lernen, schaue ich, dass ihnen die Art der Vermittlung vertraut ist – das gibt ihnen einen gewissen Halt. Baue ich dagegen auf ein Thema auf, das ihnen schon bekannt ist, kann ich es völlig neu und auf ungewohnte Weise präsentieren. Manche Inhalte verlangen einfach absolute Konzentration und Ruhe, andere kann man locker und dynamisch angehen.“ Die Lehrerin, die auch eine Schauspielausbildung absolviert hat, vergleicht das mit einem klassischen Musikstück, bei dem das gleichmäßige Spiel der Geiger durch einen gigantischen Trommelwirbel unterbrochen wird. „Dieser Wechsel von Ruhe und Dynamik macht guten Unterricht aus und sorgt dafür, dass es bis zur sechsten oder achten Stunde für die Kinder interessant bleibt.“ Dass sie als Lehrerin an einem sonderpädagogischen Förderzentrum in vielen Bereichen mehr Handlungsspielraum hat als ihre Kollegen an den Grund- und Hauptschulen, räumt Susanne Korbmacher ein. „Die Klassen sind kleiner. Da kann ich natürlich viel genauer hinschauen, welche Schwierigkeiten ein Kind hat.“ Ihren Stundenplan hat Susanne Korbmacher so aufgebaut, dass die anstrengenden Fächer wie Deutsch oder Mathe immer erst in der zweiten oder dritten Stunde drankommen, weil die Kinder da am fittesten sind. Sie geht aber auch darauf ein, wenn ihre Schüler mit dem Stoff vom Vortag direkt weitermachen oder nach der Pause mit dem Fach fortfahren wollen. „Dann machen wir eben Deutsch statt Mathe und holen den Mathestoff am nächsten Tag nach. Die haben eben auch nicht immer Lust auf alles. Und das ist auch in Ordnung. Da muss man als Lehrkraft flexibel sein und immer mehrere Dinge parat haben. Auf diese Weise kann ich ihnen verschiedene Angebote machen. Die Schüler haben dann das Gefühl, die Wahl zu haben, auch wenn sie irgendwann den anderen Stoff auch noch lernen müssen. In dem Moment aber ist es ihre freie Entscheidung. Das erlaubt ihnen dann auch, sich wieder auf meinen Rhythmus einzulassen und gleichzeitig auf ihren eigenen zu vertrauen.“ Eine individuelle Förderung erfahren Kinder auch in der schulartenunabhängigen Orientierungsstufe Neuperlach (Ori). Für das Erlernen und Einüben sozialer Kompetenzen wurde hier mit der wöchentlichen Skill-Stunde sogar Platz im Stundenplan geschaffen. Was diese Schule in ganz Bayern jedoch so einzigartig macht, ist ihr erklärtes Ziel: eine möglichst sichere Begabungsfindung und Förderung für jedes einzelne Kind während der Jahrgangsstufen 5 und 6, also direkt im Anschluss an die Grundschule, um den Übertritt in die 7. Klasse an die weiterführende Schule (Haupt-, Realschule oder Gymnasium) zu ermöglichen, die der Begabung des Kindes tatsächlich entspricht. Besuch in der Klasse 5.8 von Adriana Overbeck. Offiziell ist das die so genannte Skill-Stunde, in der die zehn- bis elfjährigen Schülerinnen und Schüler kommunikative und soziale Kompetenzen, aber auch Grundlagen der Arbeitstechnik und Arbeitshaltung erlernen.Heute allerdings wird dem Gast erklärt, was die Ori von anderen Schulen unterscheidet.Verena:„ Wir arbeiten mit Büchern vom Gymnasium, von der Realschule und der Hauptschule. In den Fächern Englisch und Mathe werden wir je nach Leistung in A- (Gymnasium), B-(Realschule) und C-Kurse (Hauptschule) aufgeteilt.“ „Und alle sechs Monate kann man auf-, aber auch abgestuft werden“, ergänzt Viola. „Dadurch hat man nicht ständig so einen Druck, denn man weiß, dass man ein halbes Jahr Zeit hat, sich zu verbessern und dann doch noch von C in B oder von B in A zu wechseln“, sagt Alexander. „So kann man auch ganz gut einschätzen, wo man steht und was man noch tun muss, um in den höheren Kurs zu kommen.“ Janina findet gut, dass es hier einen Stundenplan und Hausaufgaben gibt. „An meiner alten Schule war das alles viel lockerer, es gab keine Hausaufgaben und keinen festen Stundenplan. Ich habe da einfach nicht so viel gelernt. Die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium hätte ich dort auf keinen Fall geschafft. Jetzt bin ich in Englisch im A- und in Mathe im B-Kurs. Und habe noch dieses und das nächste Schuljahr Zeit, es auch in Mathe in den A-Kurs zu schaffen.“ Ein bisschen was von dieser Motivation würde man Natascha, Mergim, Philipp und Florian wünschen. Dass durchaus was gehen kann, wenn man in die Gänge kommt, beweist Sarah. Seit Oktober ist die 21-Jährige bei Horizonte. Im März hat sie ihren Ausbildungsvertrag zur Medizinisch Technischen Assistentin unterschrieben. Im September kann sie anfangen.

Daniela Walther

* Namen der Schülerinnen und Schüler geändert

Im Gleichklang

Sich mit anderen zu synchronisieren heißt, sich eigenständig einer gemeinsamen Sache unterzuordnen

Neunzig Minuten können eine Qual sein, wenn sie gefüllt sind mit armselig verschossenen Pässen und planlosem Gebolze. Anschließend stellt sich der Mannschaftskapitän vor das Mikrophon des Reporters am Spielrand, schaut hinauf ins Flutlicht und stottert: „Nichts zusammengegangen …“ Ein schönes Spiel braucht mehr als austrainierte Sportler, die die 17 Fußballregeln auswendig gelernt haben. Es heißt: „Elf gute Freunde sollt ihr sein“,weil die Kommunikation zwischen Menschen, die sich sympathisch sind, so viel leichter gelingt als zwischen Konkurrenten. Ab Juni wird man in deutschen Stadien erleben können, wie es aussieht, wenn Menschen zu einer Gruppe verschmelzen und gemeinsam handeln. Zumindest die Brasilianer werden vorführen, wie aus elf Fußballdiven ein harmonischer Mannschaftskörper entsteht. Sollte es auch bei ihnen haken, bleibt immerhin noch die Gelegenheit, das Phänomen der menschlichen Synchronisation auf den Rängen zu beobachten, wenn die Zuschauer sich von „la ola“ mitreißen lassen, rhythmisch, gemeinsam und mit Begeisterung. Momente, in denen der einzelne Mensch Teil eines Gesamtplanes wird, bauen auf den Fähigkeiten der Sinne auf. Sie schaffen ein sinnliches Erlebnis. Alejandro Vila, der künstlerische Leiter des Jugend Symphonie Orchesters München, sagt: „Bei einem Konzert empfinden wir alle denselben Puls, und ich als Dirigent materialisiere ihn gewissermaßen.“ Orchestermusik, sagt Vila, lasse sich auf zwei Ebenen beschreiben. „Die Harmonie, also die Summe der Instrumente, bewegt sich am Rhythmus entlang durch das Stück. Nur wenn beide Teile ausgewogen sind, funktioniert die Musik.“ Bei großen Aufführungen steht Vila etwa 90Musikern gegenüber. „Da kommt man in einen Bereich, in dem rein physikalisch Probleme entstehen.“ Um miteinander spielen zu können, muss jeder Einzelne zu jeder Zeit hören können, was die anderen Musiker machen. Da sie bei einem großen Orchester zu weit auseinander sitzen und der Schall sich relativ langsam im Raum fortsetzt, ist eine Instanz notwendig, in der sich der Fluss der Musik in allen Einzelheiten spiegelt, jemand, der lenkend eingreift und den Überblick behält, der Dirigent. Ein Orchester besteht aus Menschen, von denen jeder seinen eigenen Charakter und eigene Fähigkeiten hat. Nicht alle sind mit demselben Rhythmusgefühl ausgestattet. Bei einer technischen Untersuchung würde man feststellen, dass die Musik nicht wirklich hundertprozentig zusammenpasst. Da die Zuhörer sie jedoch nicht analysieren, sondern hören und nachempfinden, werden sie selbst ein Teil des Konzertgeschehens und nehmen den Klang als organische Einheit wahr. „Die Idee eines Stückes verbindet die Musiker.Das allein reicht aber noch nicht aus“, sagt Vila. „Musik hat den Menschen durch seine gesamte Geschichte begleitet. Im gemeinsamen Spiel zeigt sich ein Kommunikationsbedürfnis, der Wunsch, sich in jemandem wiederzuerkennen. Außerdem gibt es da immer auch einen religiösen Aspekt und damit ein Erlebnis von Gemeinschaft.“ Alejandro Vila findet den Prozess, mit dem sich sein Orchester ein neues Stück erobert, besonders spannend. Alle Musiker sind, auch wenn sie sich für die Dauer eines Konzertes dem gemeinsamen Plan unterordnen, eigenständige Persönlichkeiten mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen und Auffassungen. „Es ist leichter, miteinander zu musizieren, wenn man sich gegenseitig und natürlich das Stück mag“, sagt Vila. Beides lässt sich lernen, und dazu fährt der Dirigent mit seinem Orchester regelmäßig zu Probenwochenenden aufs Land. Dann wohnen sie alle zusammen auf einem Bauernhof und ziehen ein großes Programm durch. Für morgens, mittags und abends sind Proben angesetzt, und dazwischen gibt es Gelegenheit, sich auszutauschen. „Musiker sind die sozialeren Wesen und sie sind erfolgreicher. Durch die Arbeit in einem Orchester lernen vor allem jüngere Leute, sich einzuordnen. Ich kann nicht immer voll in die Posaune blasen, sondern muss Rücksicht nehmen. Das ist die pädagogische Wirkung“, sagt Vila. Der Dirigent fühlt sich herausgefordert, weil das Zusammenspiel von so vielen Faktoren abhängt und so zerbrechlich ist: „Wenn wir ein Stück mehrmals aufführen, spielen dieselben Menschen immer dieselben Noten. Trotzdem entsteht bei jedem Konzert eine andere Musik. Synchronisation auf dieser Ebene ist ein Geisteswerk, bei dem man immer aufmerksam bleiben muss.“ Dieselbe Spannung beschreibt auch Maja Kopper, wenn sie über ihren Tanz spricht. „Die Musik ist das oberste Gesetz beim Tango, aber damit daraus ein Ausdruck entsteht, müssen die Tänzer ganz klare Regeln befolgen. Der Mann führt, die Frau lässt sich führen“, sagt sie. Sie hat mit ihrem Mann Daniel die Tanzschule „El Corazón“ in München-Neuhausen gegründet. Als Profis tanzen sie bei Veranstaltungen im In- und Ausland. „Tango ist der einzige Paartanz, der auf Improvisation aufbaut“, sagt Maja Kopper. Trotzdem bilden die Tänzer eine Einheit. Sie bewegen sich wie ein wildes, geschmeidiges Tier auf vier Beinen. Es ist der animalische Gleichklang, der den Tango auch für Zuschauer so attraktiv macht. „Beim Tango ist das Paar über die Oberkörper miteinander verbunden. Obwohl ich als Frau nie weiß, welchen Schritt mein Partner als nächstes tun wird, bekomme ich jede seiner Bewegungen unmittelbar mit“, sagt Maja Kopper. Die Tänzerin muss stark und schwach zugleich sein. Kommt der Mann auf sie zu, weicht sie zurück. Aber nicht kraftlos. „Ich muss selber stehen können, aber offen sein für alle Signale, die vom Tanzpartner kommen. Sich führen zu lassen ist die allerschwierigste Aufgabe.“ Maja Kopper sagt, sie empfinde den Tango vor allem als mentale Anstrengung. „Es geht dabei nicht in erster Linie um besonders sportliche Bewegungen, sondern für die Frau vor allem darum, in jedem Augenblick vollständig auf den Körper des Partners konzentriert zu sein.“ Das Spiel der Muskeln allein macht den Tango noch nicht perfekt, er ist mehr als eine Symbiose zweier Körper. „Tango gewinnt an Qualität, wenn die Partner auch außerhalb der Tanzfläche eine Beziehung zueinander haben. Da ich als Frau so viel von mir gebe, spielt das gegenseitige Vertrauen eine große Rolle.Wenn das vorhanden ist, wird im Tanz viel mehr möglich. Es ist sehr schwer, mit einem Fremden gut zu tanzen.“ Tango, sagt Maja Kopper, ist eine besondere Form der Kommunikation. Sie umschließt nicht nur die beiden Tanzpartner. „Der Mann hat viele Aufgaben zu bewältigen. Er gibt die Figuren vor, muss aber gleichzeitig auch alle anderen Paare auf der Tanzfläche beachten.“ Da der Mann immer vorwärts läuft und die Frau immer rückwärts, ist er für die Richtung verantwortlich und dafür, dass kein Zusammenstoß geschieht. „Dabei entsteht ein sozialer Prozess zwischen allen Paaren.Weil ein so hohes Maß an Aufmerksamkeit erforderlich ist, trinkt man beim Tango viel weniger Alkohol als bei anderen Tänzen.“ So intim ist der Tango, dass sich sogar ein besonderes Ritual für das Auffordern entwickelt hat, zumindest in seinem Mutterland Argentinien. Maja Kopper ist davon begeistert: „Dort fordert man sich ausschließlich über Augenkontakt auf, selbst über die ganze Länge eines Saales hinweg. Man erhebt sich dann gleichzeitig und trifft sich auf der Tanzfläche. Wenn man nicht aufgefordert werden möchte, tut man einfach so, als hätte man den Blick nicht wahrgenommen. Ein Korb ist auf diese Weise viel weniger schmerzhaft.“ Die Tänzerin bedauert, dass sich die Sitte in Deutschland nicht durchsetzen konnte. Doch der Tango selbst zeigt hier wie dort, dass aus zwei Menschen eine perfekte Einheit entstehen kann.

Bernd Hein

„Mit dem Singen im Chor kann ich gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Ich bin gern mit anderen Menschen zusammen. Und ich kann meine Sangeskünste verbessern. Beim Singen fällt jede Art von Stress von mir ab. Natürlich ist es toll, wenn die vielen verschiedenen Stimmen zusammenklingen, wenn ein neu erlerntes Stück so richtig sitzt.Manchmal bekomme ich da richtig Gänsehaut. Doch kann es manchmal auch ganz schön nerven, wenn nichts vorangeht, weil jeder glaubt, er muss seinen Senf dazugeben, oder weil es in der Gruppe soziale Spannungen gibt. Das wirkt sich dann schon auf den Gesang aus. Aber die meiste Zeit zieht einen die Power der Gospelmusik einfach mit. Deswegen bin ich auch in einem Gospelchor. Die Musik ist sehr emotional und eine gute Mischung aus langsamen und schnellen Rhythmen.Man kann sich der Ausstrahlung von Gospelmusik sehr schwer entziehen. Das merke ich auch immer wieder bei den Konzerten, wenn die Zuhörer vor lauter Begeisterung mitsingen und mitklatschen. Das ist für mich das tollste Erlebnis.“ Alexandra Schneider, Solistin im Alt, im Chor „Gospels at Heaven“

Protokoll Bettina Wenzel

Taktgeber

Das Herz schlägt in einem eher regelmäßigen Takt, doch den Rhythmus, der die Körperfunktionen synchronisiert, gibt das Sonnenlicht vor

In welchem Takt tickt eigentlich ein Mensch? Etwa 16 bis 20 mal in der Minute atmen wir ein, dreimal in der Sekunde speichert das Gehirn die Sinneseindrücke ab, alle 24 Stunden schlafen und erwachen wir wieder, alle sieben Jahre erneuern sich die Zellen. Im Körper eines Menschen sind die verschiedensten Zeiteinheiten wirksam. Zellen, Gene und Organe agieren alle nach ihrem jeweiligen spezifischen Rhythmus, zusammen bilden sie ein ganzes Orchester. Ein wichtiger Taktgeber des Menschen ist das Herz.Um den gesamten Körper mit lebenswichtigem Sauerstoff zu versorgen, pumpt es etwa 60- bis 70-mal pro Minute je etwa 70 Milliliter Blut durch den Kreislauf. Dr.Walter Eichinger,Oberarzt am DeutschenHerzzentrum in München, demonstriert die Funktion der Pumpe an einem Schweineherz. Es ist dem des Menschen so ähnlich, dass die Herzklappen als Ersatzteile für kranke Menschenherzen verwendet werden. Etwa 500 Gramm ist das Schweineherz schwer, eine Hand voll dichtes dunkelbraunes Fleisch, an dem der Chirurg die beiden Herzkammern, die Vorhöfe und die vier Herzklappen zeigt. Im rechten Herzvorhof liegt der so genannte Sinusknoten. In dieser kleinen Zellansammlung entsteht der Takt des Herzens. Ähnlich einer Batterie, baut sich im Sinusknoten eine elektrische Spannung auf, die sich dann über den ganzen Herzmuskel ausbreitet und dazu führt, dass sich das Herz zusammenzieht. Dadurch wird das im Herz befindliche Blut hinaus in den Kreislauf gepumpt. Nach der Kontraktion erschlafft der Herzmuskel wieder, füllt sich dabei mit einer neuen Ladung Blut aus der Lunge und dem Körperkreislauf und zieht sich mit dem nächsten elektrischen Impuls wieder zusammen. Außen um das Herz herum schlingen sich die Herzkranzgefäße. Mit ruhiger Hand setzt Walter Eichinger das Skalpell an einer der winzigen Herzkranzarterien an und zieht einen kurzen Schnitt in die nur etwa 1,5 Millimeter dünne Ader.Wenn er nun das Gewebe leicht auseinander zieht, sieht man in die feine Röhre, durch die der Herzmuskel mit sauerstoff- und nährstoffreichem Blut versorgt wird. Nur wenn der Herzmuskel selbst gut durchblutet ist, kann er seine Arbeit tun: pumpen. Unablässig, pausenlos. Ist die Herzkranzarterie durch Ablagerungen aus Cholesterin und Fetten verengt, nennt man das Arteriosklerose. Diese Durchblutungsstörung des Herzes ist die häufigste Herz-Kreislauf-Erkrankung überhaupt. Sie macht sich meist durch Brustschmerzen, Atemnot und Schweißausbrüche bemerkbar und kann Herzrhythmusstörungen hervorrufen. Verstopft die Arterie vollständig, kommt es zum Herzinfarkt, das heißt, ein Teil des Herzmuskels stirbt ab. Diese kritische Situation kann innerhalb von Stunden zum plötzlichen Herztod führen oder auf Dauer gefährliche Rhythmusstörungen nach sich ziehen. Wenn das Herz ungleichmäßig schlägt, rast, stolpert oder scheinbar bis zum Hals klopft, ist das für die Betroffenen immer beängstigend und sollte von einem Arzt abgeklärt werden. Man kann aber auch selbst Einiges dafür tun, damit das Herz gesund bleibt: fettarm essen, sich ausreichend bewegen und nicht rauchen. Stress, der früher oft als Ursache eines Herzinfarkts angesehen wurde, gilt heute übrigens nicht mehr als Risikofaktor. Auch das Herz gesunder Menschen schlägt nicht immer gleich schnell und gleich stark. Genau genommen liegt darin sogar seine besondere Leistung. Kinder haben eine deutlich schnellere Herzfrequenz als Erwachsene, Säuglinge sogar einen Ruhepuls von 100 oder mehr Schlägen pro Minute, und erst im Lauf der Pubertät, wenn das Herz seine normale Größe annimmt, verlangsamt sich der Herzrhythmus auf die Frequenz von etwa 60 bis 70, die bei Erwachsenen in Ruheposition normal ist. Das Herz von Sportlern pumpt langsamer und kräftiger als das von Untrainierten. Und je nach Belastung, etwa beim Laufen, kann das Herz seine Tätigkeit bis auf etwa 180 Schläge pro Minute steigern. „Wenn man den Puls tastet, glaubt man, das Herz schlägt wie ein Uhrwerk, ganz regelmäßig. Das stimmt aber nicht, was man im EKG sehen kann“, erklärt der Herzchirurg. Ein gesundes Herz marschiert nicht, sondern es tanzt. Die Schwankungen der Herzfrequenz ergeben sich durch den Atemrhythmus und Einflüsse des vegetativen Nervensystems. Psychische Befindlichkeiten wie Aufregung oder Entspannung äußern sich auch im Herzschlag.Nur bei Herztransplantierten, deren Herz vom vegetativen Nervensystem, also von den Nervenbahnen des Sympathikus und Parasympathikus abgetrennt ist, schlägt das Herz völlig gleichförmig, ohne Schwankungen. So wie die meisten im Körper wirksamen Rhythmen, so ist auch der Herzschlag willentlich kaum beeinflussbar. Was den Körper dagegen wirklich steuert, ist der Tagesrhythmus, sagt Professor Till Roenneberg, Chronobiologe am Institut für medizinische Psychologie der Ludwig- Maximilians Universität, München. „Der eigentliche Taktgeber des Menschen ist das Licht.“ Dabei sind es zwei Uhren, die den Menschen steuern, erklärt Roenneberg: die äußere Uhr des Tages- und Nachtrhythmus und die innere Uhr, die in fast jeder menschlichen Zelle sitzt. Im Gegensatz zum Tag-Nacht-Rhythmus, der genau 24 Stunden beträgt, schlägt die innere Uhr nicht exakt im 24-Stunden- Takt, sondern nur ungefähr. Daher spricht man vom „circadianen“, etwa einen Tag dauernden, Rhythmus, das kann zwischen etwas weniger als 24 und etwas mehr als 25 Stunden sein. Um diesen individuellen, circadianen Rhythmus mit dem äußeren Tages-Rhythmus zu vereinbaren, gibt es eine Schaltstelle im Gehirn. Dieses Regelzentrum sitzt im so genannten suprachiasmatischen Nucleus, kurz SCN. Dieser Kern von etwa zweimal 10 000 Zellen liegt über der Sehnervenkreuzung, ein paar Zentimeter hinter dem Nasenrücken. Über die Augen wird dem SCN die Information „hell“ oder „dunkel“ zugetragen, und von dort aus wird diese Nachricht über Botenstoffe und Nervenenden an sämtliche Körperzellen weitergeleitet. Leber, Niere, Gehirn,Magen und Muskeln werden auf diese Weise darauf vorbereitet, das Richtige zum richtigen Zeitpunkt zu tun: Einzelne Gene werden an- und abgeschaltet, Hormone werden ausgeschüttet, verschiedene Gehirnbereiche werden mehr oder weniger aktiv.Diese Vorgänge führen unter anderem dazu, dass der Mensch am Abend müde wird und am Morgen wieder munter. Die innere Uhr orientiert sich am Licht. Blinde, deren Sehstörung so stark ist, dass sie zwischen Hell und Dunkel nicht unterscheiden können, leben zwar trotzdem nach ihrem inneren Etwa-24-Stunden Rhythmus, da dieser aber nicht regelmäßig über das Licht auf den äußeren exakten 24-Stunden Rhythmus geeicht wird, passiert es, dass deren circadianer Rhythmus sich nach und nach vom Tag- Nacht-Rhythmus entkoppelt. Doch nicht nur bei Blinden, sondern beim Großteil der Bevölkerung, der nur wenig Zeit im Freien verbringt, verschiebt sich der Rhythmus. Selbst in gut ausgeleuchteten Räumen erreicht die Lichtstärke selten mehr als 400 Lux, was aber nicht ausreicht, um die innere Uhr zu eichen. Zum Vergleich: Sogar an einem Regentag leuchten unter freiem Himmel etwa 10 000 Lux und bei Sonnenschein sogar über 100 000 Lux. Da die innere Uhr der meisten Menschen etwas langsamer als 24 Stunden läuft, führt der chronische Lichtmangel moderner Büromenschen dazu, dass sich ihr Rhythmus nach hinten verschiebt: Sie gehen am Abend zu spät ins Bett, um beim Weckerklingeln am Morgen richtig ausgeschlafen zu sein. Diesen Chronotyp nennt Roenneberg die „Eulen“. Als „Lerchen“ bezeichnet er den anderen Extremfall von Chronotypen, deren innere Uhr in einem Takt unter 24 Stunden schlägt, denn diese werden, ohne ausreichende Regulierung durch Tageslicht, schon am frühen Abend müde und steigen aus dem Bett, wenn es draußen noch dunkel ist. Der chronische Schlafmangel und das dauerhafte Leben gegen den natürlichen Tages-Rhythmus ist, nach Meinung des Chronobiologen, sehr ungesund und möglicherweise eine der Ursachen für viele Zivilisationskrankheiten.
Simone Kayser

Wer erfahren möchte, zu welchem Chronotyp er zählt, kann unter der Internetadresse
www.imp-muenchen.de/?mctq einen Fragebogen des Instituts für Chronobiologie ausfüllen, der ausgewertet an den Absender zurückgeschickt wird.

„Abgesehen davon, dass mir Singen großen Spaß macht, ist der Chor für mich so eine Art Ersatzfamilie – mit allen Höhen und Tiefen, die man in einer Familie eben erlebt. Tiefen sind, wenn ich das Gefühl habe, dass die Sänger einer Stimme gerade mal überhaupt nichts peilen, weil sie unkonzentriert sind oder weil einige nur sehr unregelmäßig kommen und dann eben falsch dazwischenkrähen. Oder wenn ich selbst gestresst bin und eigentlich das Gefühl habe, ich sollte noch am Schreibtisch im Büro sitzen. Doch dann kommen die Konzerte. Die Begeisterung der Zuhörer zu spüren und zu sehen, wie sie aufstehen und begeistert mitklatschen oder sogar Tränen in den Augen haben, das ist für mich der beste Beweis, dass unser wöchentliches Üben sich lohnt.“ Christian Stock, Bass im Chor „Gospels at Heaven“
bew