Wenn der Unterricht swingt, können Lehrer und Schüler einen gemeinsamen Rhythmus finden
Natascha*,18 Jahre, kommt regelmäßig 14 Minuten zu spät. Mergim, 24, verlässt schon den fünften Freitag in Folge den Unterricht direkt nach der Mittagspause. Philipp, 19, war vier Wochen ganz untergetaucht. Und Florian, 20 Jahre, ließ sich bereits nach seinem ersten Tag in der Maßnahme nicht mehr sehen. Gelegentlich ruft er an, um sich wegen Migräne, Grippe oder wegen Migräne und Grippe krankzumelden. Natascha, Mergim, Philipp und Florian nehmen an der berufsvorbereitenden Maßnahme bei Horizonte e.V. teil – einem Projekt, das Jugendliche und junge Erwachsene in einem Wechsel aus Unterrichtseinheiten und Praktika auf den externen Hauptschulabschluss und das Berufsleben vorbereiten soll. Kaum einer ist freiwillig hier: Als Hartz-IV-Empfänger beziehungsweise Angehörige einer Bedarfsgemeinschaft wurden sie von der Arbeitsagentur an Horizonte vermittelt. Die Teilnahme wird ihnen mit einer Mehraufwandsentschädigung (MAW) von 1,25 Euro pro Stunde vergütet. Fast alle haben aus unterschiedlichsten Gründen lückenhafte Lebensläufe und somit Erfahrung darin, aus dem Tritt zu kommen, neu anzufangen und wieder zu scheitern. Das ist ihr Rhythmus. Deshalb ist es mit Unterricht in Deutsch, Mathe und Sozialkunde sowie der Vermittlung in Praktika auch nicht getan.Um überhaupt erst einmal so etwas wie Struktur in den Alltag ihrer Teilnehmer zu bringen, arbeiten die beiden Sozialpädagoginnen Susanne Stadelmann und Ingrid Schröter mit jedem einen individuellen Kurs- und Förderplan aus. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit: die Vermittlung sozialer Kompetenzen, wofür Susanne Stadelmann und Ingrid Schröter beim Großteil der Teilnehmer erst einmal ein Bewusstsein schaffen müssen. „Wenn Schule nicht von Anfang an das Einhalten von Regeln einfordert, wenn Strukturen und Rhythmisierung nicht schon ab der ersten Klasse eingeübt werden, kann man das von Kindern und Jugendlichen auch später nicht erwarten“, sagt Susanne Korbmacher, Sonderschullehrerin am Förderzentrum München Nord und Vorsitzende des Vereins Ghettokids e.V. „Unsere Übungsleiter bei Ghettokids wissen inzwischen ganz genau, was von ihnen erwartet wird. Wir fangen zu bestimmten Zeiten an, und daran haben sich alle zu halten. Es wird aufgeschrieben, wann sie auftauchen. Sie werden ermahnt, wenn sie zu spät kommen. Sie haben anzurufen,wenn es später wird, und auch zu sagen, warum sie später kommen. Sie haben Verantwortung zu übernehmen. Das heißt, wenn sie später kommen, dann müssen sie auch länger bleiben. Das ist alles eine Frage der Zuverlässigkeit, die ich erwarte und einfordere. Die meisten Kinder und Jugendlichen, mit denen ich arbeite, hatten damit anfangs so ihre Probleme. Ich denke, dass da gerade die Lehrerinnen und Lehrer der ersten und zweiten Klasse extrem weichenstellend sind und dass es deshalb eigentlich auch nicht ausreicht, nur eine Lehrkraft in diesen Klassen zu haben.“ Das Problem an den Grundschulen sieht die Sonderschulpädagogin vor allem darin, dass die Lehrer dort „einen voll gepackten Lehrplan haben, den sie durchziehen müssen“. Bei 30 Kindern in einer Klasse sei eine besondere Aufmerksamkeit und Hinwendung zum Einzelnen einfach nicht möglich. Viele Kinder könnten ihren Rhythmus nicht dem von außen vorgegebenen anpassen. Da würden Fähigkeiten und Fertigkeiten vorausgesetzt, die viele einfach noch nicht mitbringen. „Die bleiben dann eben auf der Strecke – und landen nicht selten bei uns“, beschreibt Korbmacher die Situation. Die ihrer Meinung nach so nicht sein müsste, wenn an bestimmten Schulen und bei entsprechender Klassenstärke und -zusammensetzung eine Grund- und eine Sonderschullehrerin zusammen unterrichten würden. „Dann könnten stärkere und schwächere gemeinsam lernen und dennoch alle Kinder individuell gefördert werden. Das sind ja alle ganz unterschiedliche Lerntypen. Der eine kann ausdauernd und konzentriert lernen. Der eine begreift schnell, der andere etwas langsamer. Der eine muss etwas nur hören, um es zu behalten, der andere kann es nur visuell begreifen.“ Mit einer Doppelbesetzung, ist Susanne Korbmacher überzeugt, könne man den Kindern nicht nur vielfältigere Angebote machen, sondern auch den Unterricht flexibler gestalten: So könnten in einer Klasse mit zwei Lehrkräften in bestimmten Stunden jene Kinder, die etwas noch nicht verstanden haben, mit der einen Lehrkraft in einen Nebenraum gehen und sich das Ganze noch einmal erklären lassen. In anderen Stunden wiederum könnten starke und schwache Schüler bewusst zusammen lernen: „Die Kinder selbst versuchen ohnehin, ihren eigenen Rhythmus an den der anderen anzugleichen. Was sie brauchen, ist nur ein entsprechender Rahmen, der ihnen das ermöglicht. Und das ist es doch auch, was eine Klassenggemeinschaft ausmacht“, findet Korbmacher. – Dass Lehrer und Kinder einen gemeinsamen Rhythmus finden. Ihren eigenen Unterricht versucht Susanne Korbmacher jedenfalls so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten. „Ich achte sehr darauf, dass auf der einen Seite Kontinuität da ist und auf der anderen Seite Überraschungseffekte.Wenn wir etwas Neues lernen, schaue ich, dass ihnen die Art der Vermittlung vertraut ist – das gibt ihnen einen gewissen Halt. Baue ich dagegen auf ein Thema auf, das ihnen schon bekannt ist, kann ich es völlig neu und auf ungewohnte Weise präsentieren. Manche Inhalte verlangen einfach absolute Konzentration und Ruhe, andere kann man locker und dynamisch angehen.“ Die Lehrerin, die auch eine Schauspielausbildung absolviert hat, vergleicht das mit einem klassischen Musikstück, bei dem das gleichmäßige Spiel der Geiger durch einen gigantischen Trommelwirbel unterbrochen wird. „Dieser Wechsel von Ruhe und Dynamik macht guten Unterricht aus und sorgt dafür, dass es bis zur sechsten oder achten Stunde für die Kinder interessant bleibt.“ Dass sie als Lehrerin an einem sonderpädagogischen Förderzentrum in vielen Bereichen mehr Handlungsspielraum hat als ihre Kollegen an den Grund- und Hauptschulen, räumt Susanne Korbmacher ein. „Die Klassen sind kleiner. Da kann ich natürlich viel genauer hinschauen, welche Schwierigkeiten ein Kind hat.“ Ihren Stundenplan hat Susanne Korbmacher so aufgebaut, dass die anstrengenden Fächer wie Deutsch oder Mathe immer erst in der zweiten oder dritten Stunde drankommen, weil die Kinder da am fittesten sind. Sie geht aber auch darauf ein, wenn ihre Schüler mit dem Stoff vom Vortag direkt weitermachen oder nach der Pause mit dem Fach fortfahren wollen. „Dann machen wir eben Deutsch statt Mathe und holen den Mathestoff am nächsten Tag nach. Die haben eben auch nicht immer Lust auf alles. Und das ist auch in Ordnung. Da muss man als Lehrkraft flexibel sein und immer mehrere Dinge parat haben. Auf diese Weise kann ich ihnen verschiedene Angebote machen. Die Schüler haben dann das Gefühl, die Wahl zu haben, auch wenn sie irgendwann den anderen Stoff auch noch lernen müssen. In dem Moment aber ist es ihre freie Entscheidung. Das erlaubt ihnen dann auch, sich wieder auf meinen Rhythmus einzulassen und gleichzeitig auf ihren eigenen zu vertrauen.“ Eine individuelle Förderung erfahren Kinder auch in der schulartenunabhängigen Orientierungsstufe Neuperlach (Ori). Für das Erlernen und Einüben sozialer Kompetenzen wurde hier mit der wöchentlichen Skill-Stunde sogar Platz im Stundenplan geschaffen. Was diese Schule in ganz Bayern jedoch so einzigartig macht, ist ihr erklärtes Ziel: eine möglichst sichere Begabungsfindung und Förderung für jedes einzelne Kind während der Jahrgangsstufen 5 und 6, also direkt im Anschluss an die Grundschule, um den Übertritt in die 7. Klasse an die weiterführende Schule (Haupt-, Realschule oder Gymnasium) zu ermöglichen, die der Begabung des Kindes tatsächlich entspricht. Besuch in der Klasse 5.8 von Adriana Overbeck. Offiziell ist das die so genannte Skill-Stunde, in der die zehn- bis elfjährigen Schülerinnen und Schüler kommunikative und soziale Kompetenzen, aber auch Grundlagen der Arbeitstechnik und Arbeitshaltung erlernen.Heute allerdings wird dem Gast erklärt, was die Ori von anderen Schulen unterscheidet.Verena:„ Wir arbeiten mit Büchern vom Gymnasium, von der Realschule und der Hauptschule. In den Fächern Englisch und Mathe werden wir je nach Leistung in A- (Gymnasium), B-(Realschule) und C-Kurse (Hauptschule) aufgeteilt.“ „Und alle sechs Monate kann man auf-, aber auch abgestuft werden“, ergänzt Viola. „Dadurch hat man nicht ständig so einen Druck, denn man weiß, dass man ein halbes Jahr Zeit hat, sich zu verbessern und dann doch noch von C in B oder von B in A zu wechseln“, sagt Alexander. „So kann man auch ganz gut einschätzen, wo man steht und was man noch tun muss, um in den höheren Kurs zu kommen.“ Janina findet gut, dass es hier einen Stundenplan und Hausaufgaben gibt. „An meiner alten Schule war das alles viel lockerer, es gab keine Hausaufgaben und keinen festen Stundenplan. Ich habe da einfach nicht so viel gelernt. Die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium hätte ich dort auf keinen Fall geschafft. Jetzt bin ich in Englisch im A- und in Mathe im B-Kurs. Und habe noch dieses und das nächste Schuljahr Zeit, es auch in Mathe in den A-Kurs zu schaffen.“ Ein bisschen was von dieser Motivation würde man Natascha, Mergim, Philipp und Florian wünschen. Dass durchaus was gehen kann, wenn man in die Gänge kommt, beweist Sarah. Seit Oktober ist die 21-Jährige bei Horizonte. Im März hat sie ihren Ausbildungsvertrag zur Medizinisch Technischen Assistentin unterschrieben. Im September kann sie anfangen.
Daniela Walther
* Namen der Schülerinnen und Schüler geändert




