Für Kinder ist alles neu und deshalb interessant – sich lange zu konzentrieren fällt da besonders schwer
„Ein Kind hat ein Recht darauf, unruhig zu sein“, sagt Professor Dr. Joest Martinius, ehemaliger Direktor an der Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Ludwig-Maximilians- Universität in München. Viele Kinder haben einen sehr starken Bewegungsdrang und bei einigen wird die ausgeprägte Unruhe, meist mit Beginn der Schulzeit, zum Problem. „Da wird die Anforderung gestellt, dass ein Kind viermal 45 Minuten ruhig sitzen soll“, so Professor Martinius. Zu ihm kommen Kinder in die Sprechstunde, deren Unruhe so weit geht, dass sie dem Unterricht nicht folgen und den Lernstoff nicht erfassen können. Heutzutage versucht man herauszufinden, woher diese Unruhe und Unkonzentriertheit kommt. ADHS kann dann die Diagnose zum Beispiel heißen. In Deutschland wurde im Jahre 2005 bei etwa fünf Prozent der Schulkinder das Aufmerksamkeits- Defizit-Hyperaktivitätssyndrom diagnostiziert. Auch bei Jakob glaubten die Ärzte, die Symptome von ADHS zu erkennen. Als kleines Kind war er sehr agil und sportlich „wie ein kleiner Hund, der während eines Spaziergang die Strecke doppelt und dreifach läuft“, erinnert sich seine Mutter Carmen. Er kletterte gerne auf Bäume und stieg in Pfützen, nasse Socken störten ihn nicht. In der Grundschule fiel er noch nicht auf, den Übertritt in die Realschule schaffte er gut. „Von da an verweigerte er sich. Er führte keine Hefte, machte keine Hausaufgaben, hielt keine Regeln ein“, beschreibt seine Mutter den Anfang einer schwierigen Zeit. Die Lehrer hielten ihn für begabt, aber seine mangelnde Fähigkeit, einer Sache aufmerksam zu folgen oder eine Aufgabe konsequent zu erledigen, bereitete allen große Probleme. Er wollte sich nicht einfügen, stand im Unterricht öfters einfach auf und wurde sogar renitent. „Er hat richtig auf den Putz gehauen“, erinnert sich Carmen. Die Schulleitung hat ihn von der Schule gewiesen. Auch auf der neuen Realschule gab es schnell Probleme, und Carmen suchte Rat und Hilfe beim Fachinstitut.Die Ärzte diagnostizierten nach eingehenden Untersuchungen ADHS und behandelten Jakob mit Medikamenten. Allerdings hat er diese sehr schlecht vertragen. „Er wurde depressiv, litt unter Appetitlosigkeit und Kopfschmerzen“, erzählt Carmen. Sie hat die Behandlung abgebrochen, weil sie zudem nicht glaubte, dass die Krankheit richtig erkannt war. Nach erneuten Untersuchungen bestätigen die Ärzte aber ihre Diagnose. Doch auch dieses Mal konnten Jakob und Carmen die medikamentöse Therapie nicht langfristig durchhalten. Und Carmen ist auch heute noch der Meinung: „Mein Sohn hat sicherlich Konzentrationsprobleme, aber er hat vor allem auch ein Motivationsproblem. Es war die falsche Diagnose.“ Professor Martinius räumt ein, dass es nicht einfach ist, ADHS zu diagnostizieren. „Es besteht die Gefahr, dass ein Kind, welches von Natur aus sehr lebhaft ist, fälschlicherweise mit dem Etikett einer Krankheit versehen wird.“ Nicht jede Unruhe und Konzentrationsschwäche ist gleich als krankhaft einzustufen. Wenn ein Kind in räumlicher Enge aufwächst oder wenn ihm zu wenig Bewegungsraum angeboten wird, dann fördert dies eine Hyperaktivität, die aber nicht zum Krankheitsbild von ADHS gezählt wird. Auch Spannungen in der Familie können sich auf ein Kind auswirken, und es kann unruhig und unkonzentriert werden. Störungen, die sicherlich auch behandelt werden müssen, aber anders als im Falle von ADHS. Die Methoden der Diagnostik von ADHS konnten in den letzten Jahren verfeinert und verbessert werden. Professor Martinius klärt bestimmte Voraussetzungen ab, bevor er von ADHS spricht: „Wir verlangen ein länger bestehendes Problem“, benennt er einen wichtigen Punkt. Ein unruhiges Kind muss schon über einen längeren Zeitraum auffällig sein, bevor es eindeutig als krank eingestuft wird. Auch das Milieu, in dem das Kind aufwächst, wird unter die Lupe genommen. „Wenn die äußeren Umstände, also frühkindliche Belastungen oder eine beengte Wohnsituation, keinen Anhaltspunkt dafür bieten, dass das Kind in seiner Entwicklung gestört ist, dann ist eine Erkrankung wahrscheinlich“, sagt Professor Martinius. Als Zeichen für krankhafte Unruhe gilt auch,wenn der postmoderne Babysitter versagt: „Ein echter Hyperkinetiker ist sogar vor dem Fernseher unruhig“, so Professor Martinius. Auch genetische Veranlagungen können eine Rolle spielen, ebenso wie Erkrankungen, die ein Kind von Geburt an hat, denn: „Ein Kind, das mit einem gesundheitlichen Problem auf die Welt kommt oder das ein spezifisches Verhalten annimmt durch ein Ereignis in der frühen Kindheit – man denke zum Beispiel an Schreibabys – ändert auch das Verhalten seiner Umwelt.“, erklärt Professor Martinius. Es können sich Muster einspielen, in denen das Kind und die Eltern quasi auf Unruhe konditioniert werden. „Wir konnten feststellen, dass bei krankhafter Unruhe Funktionsstörungen im Gehirn vorliegen“, so Professor Martinius. Er definiert Aufmerksamkeit nicht als Zustand, sondern als Vorgang. Zuerst müssen die Sinnesorgane die Informationen aufnehmen. Anschließend müssen bestimmte Orte im Gehirn aktiviert werden, damit die Botschaften fließen und die Informationen verarbeitet werden können. Zuständig für diese Vernetzungen sind die Botenstoffe: „Und diese, die so genannten Transmitter, weisen bei krankhafter Unruhe Defizite auf“, beschreibt Professor Martinius neuere Erkenntnisse. Jakob ist jetzt fast 16 Jahre alt. Seit mehr als sechs Jahren ist das Problem Teil des Lebens von Mutter und Sohn. Und dies ist eine enorme Belastung. Schließlich ist es Carmen bewusst, wie wichtig ein Schulabschluss ist.Und das Schlimme dabei ist für sie: „Ich weiß, dass er es schaffen kann.“ Jakob besucht jetzt eine Montessori-Schule und soll bald den qualifizierten Hauptschulabschluss machen. Noch hat er nicht signalisiert, dass auch er begriffen hat, dass das wichtig wäre. Immer wieder versuchen Lehrer und Mutter, ihn zu motivieren, auf ihn einzugehen. Natürlich bleiben auch Stresssituationen nicht aus. Der Druck ist für alle hoch. Aber dies wirkt sich negativ auf Jakob aus. „Er hat die Nase voll von der Schule“, so seine Mutter. Aber auch sie hat die Nase voll, mit ihrem Sohn nur über Probleme zu sprechen. Doch ist es nicht ganz leicht, Themen, um die sich jahrelang alles gedreht hat, einfach aufzugeben. Zumal das Problem noch nicht gelöst ist.„Das Thema ist ganz eingefahren und drängt sich überall auf“, beschreibt Carmen die Situation. Dennoch hat sie sich fest vorgenommen, das Verhältnis zu ihrem Sohn zu entspannen und anderen Dingen und vor allem auch anderen Verhaltensmustern eine Chance geben. „Dass ADHS in den letzten Jahren zugenommen hat, kann man nicht unbedingt sagen“, so Professor Martinius. Im „Zappelphilipp“ wird, wenn auch vielleicht unabsichtlich, bereits Mitte des 19. Jahrhunderts ein äußerst unruhiges Kind als auffällig beschreiben. Immer wieder gab es seither Forschungen und Veröffentlichungen zu diesem Syndrom von Kinderpsychiatern, Psychologen und Kinderärzten. In den USA wurde 1936 zufällig herausgefunden, dass ein bestimmtes Stimulans hyperaktive Kinder ruhiger macht. Diagnose und Therapie werden aber bis heute kontrovers diskutiert, obwohl die Diagnostik präziser wurde und es viele neue Erkenntnisse gibt. Seit den 70er-Jahren werden weltweit Untersuchungen gemacht,und derzeit geht man davon aus, dass zwischen fünf und acht Prozent der Schulanfänger an ADHS erkrankt sind, unabhängig davon, wo sie leben. Dies bestätigt Professor Martinius: „Die Grundhäufigkeit bei zirka sechsjährigen Kindern ist überall gleich.“ Dorothea Büchele
Motiviert konzentriert „Kinder lernen im Kindergarten, sich für zirka 20 bis 30 Minuten mit einer Sache zu beschäftigen“, erklärt Ortrud Bichel, Heil- und Diplompädagogin im Ruhestand. Das heißt, wenn sie in die Schule kommen, dann sind Kinder eigentlich reif und vorbereitet, sich für diese Zeit auf den Unterricht zu konzentrieren. Grundschullehrer berücksichtigen dies und wechseln, vor allem in den ersten zwei Schuljahren, entsprechend das Unterrichtsfach. Es dient der Motivation und Konzentration, wenn in kürzeren Zeitetappen Rechnen und Lesen unterrichtet und dazwischen, zur Auflockerung und Entspannung, ein Lied gesungen oder ein Spiel gemacht wird. So bleibt die Spannung erhalten, denn ein Kind, das sich langweilt, ist schnell unkonzentriert. Ortrud Bichel hat mehr als 40 Jahre in Kindergärten, Horteinrichtungen und bei behinderten Kindern gearbeitet und hat das Gefühl, dass die Konzentrationsfähigkeit bei Kindern im Laufe ihrer Berufszeit abgenommen habe. „Die Kinder werden heute überfüttert, sie sind durch zu viele Einflüsse zu sehr abgelenkt“, erklärt sie. Die Aktivitäten haben sich verändert. En Ausflug in den Wald ist in vielen Familien eher selten. Auch wird weniger mit Freunden auf der Straße getobt, dafür stehen mehr organisierbare und geplante Veranstaltungen auf dem Programm. Früher wurde mehr gemeinsam gekocht, gegessen und gespielt, heute kommt die Familie häufig nur noch vor dem Fernseher zusammen. Auch empfindet sie die Umwelt als nicht sehr kindgerecht, „einerseits ist sie zu wenig anregend, andererseits ist zu viel los“. Die Kinder sind nicht selten einem hohen Geräuschpegel ausgesetzt; der Straßenlärm in der Stadt ist dabei nur ein Aspekt. Nicht zu unterschätzen sind all die Töne von Handys und Telefonen, aus Playern und Medien. Selbst das Spielzeug ist oft laut und weist ansonsten nur wenig pädagogischen Wert auf. „In vielen Kinderzimmern findet sich schlechtes Spielzeug und vor allem meist viel zu viel.“ Ortrud Bichel plädiert für eine Auswahl. In der Auswahl ist die Konzentration auf das Wesentliche vorgegeben. „Kinder können unter Konzentrationsmangel leiden, weil sie Impulse aus der Welt um sich herum nicht auswählen können. Es stürmt zu viel auf sie ein. Die Aufmerksamkeit aber muss gebündelt und nicht gestreut werden.“ dob




