Aufmerksamkeit bündeln

Für Kinder ist alles neu und deshalb interessant – sich lange zu konzentrieren fällt da besonders schwer

„Ein Kind hat ein Recht darauf, unruhig zu sein“, sagt Professor Dr. Joest Martinius, ehemaliger Direktor an der Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Ludwig-Maximilians- Universität in München. Viele Kinder haben einen sehr starken Bewegungsdrang und bei einigen wird die ausgeprägte Unruhe, meist mit Beginn der Schulzeit, zum Problem. „Da wird die Anforderung gestellt, dass ein Kind viermal 45 Minuten ruhig sitzen soll“, so Professor Martinius. Zu ihm kommen Kinder in die Sprechstunde, deren Unruhe so weit geht, dass sie dem Unterricht nicht folgen und den Lernstoff nicht erfassen können. Heutzutage versucht man herauszufinden, woher diese Unruhe und Unkonzentriertheit kommt. ADHS kann dann die Diagnose zum Beispiel heißen. In Deutschland wurde im Jahre 2005 bei etwa fünf Prozent der Schulkinder das Aufmerksamkeits- Defizit-Hyperaktivitätssyndrom diagnostiziert. Auch bei Jakob glaubten die Ärzte, die Symptome von ADHS zu erkennen. Als kleines Kind war er sehr agil und sportlich „wie ein kleiner Hund, der während eines Spaziergang die Strecke doppelt und dreifach läuft“, erinnert sich seine Mutter Carmen. Er kletterte gerne auf Bäume und stieg in Pfützen, nasse Socken störten ihn nicht. In der Grundschule fiel er noch nicht auf, den Übertritt in die Realschule schaffte er gut. „Von da an verweigerte er sich. Er führte keine Hefte, machte keine Hausaufgaben, hielt keine Regeln ein“, beschreibt seine Mutter den Anfang einer schwierigen Zeit. Die Lehrer hielten ihn für begabt, aber seine mangelnde Fähigkeit, einer Sache aufmerksam zu folgen oder eine Aufgabe konsequent zu erledigen, bereitete allen große Probleme. Er wollte sich nicht einfügen, stand im Unterricht öfters einfach auf und wurde sogar renitent. „Er hat richtig auf den Putz gehauen“, erinnert sich Carmen. Die Schulleitung hat ihn von der Schule gewiesen. Auch auf der neuen Realschule gab es schnell Probleme, und Carmen suchte Rat und Hilfe beim Fachinstitut.Die Ärzte diagnostizierten nach eingehenden Untersuchungen ADHS und behandelten Jakob mit Medikamenten. Allerdings hat er diese sehr schlecht vertragen. „Er wurde depressiv, litt unter Appetitlosigkeit und Kopfschmerzen“, erzählt Carmen. Sie hat die Behandlung abgebrochen, weil sie zudem nicht glaubte, dass die Krankheit richtig erkannt war. Nach erneuten Untersuchungen bestätigen die Ärzte aber ihre Diagnose. Doch auch dieses Mal konnten Jakob und Carmen die medikamentöse Therapie nicht langfristig durchhalten. Und Carmen ist auch heute noch der Meinung: „Mein Sohn hat sicherlich Konzentrationsprobleme, aber er hat vor allem auch ein Motivationsproblem. Es war die falsche Diagnose.“ Professor Martinius räumt ein, dass es nicht einfach ist, ADHS zu diagnostizieren. „Es besteht die Gefahr, dass ein Kind, welches von Natur aus sehr lebhaft ist, fälschlicherweise mit dem Etikett einer Krankheit versehen wird.“ Nicht jede Unruhe und Konzentrationsschwäche ist gleich als krankhaft einzustufen. Wenn ein Kind in räumlicher Enge aufwächst oder wenn ihm zu wenig Bewegungsraum angeboten wird, dann fördert dies eine Hyperaktivität, die aber nicht zum Krankheitsbild von ADHS gezählt wird. Auch Spannungen in der Familie können sich auf ein Kind auswirken, und es kann unruhig und unkonzentriert werden. Störungen, die sicherlich auch behandelt werden müssen, aber anders als im Falle von ADHS. Die Methoden der Diagnostik von ADHS konnten in den letzten Jahren verfeinert und verbessert werden. Professor Martinius klärt bestimmte Voraussetzungen ab, bevor er von ADHS spricht: „Wir verlangen ein länger bestehendes Problem“, benennt er einen wichtigen Punkt. Ein unruhiges Kind muss schon über einen längeren Zeitraum auffällig sein, bevor es eindeutig als krank eingestuft wird. Auch das Milieu, in dem das Kind aufwächst, wird unter die Lupe genommen. „Wenn die äußeren Umstände, also frühkindliche Belastungen oder eine beengte Wohnsituation, keinen Anhaltspunkt dafür bieten, dass das Kind in seiner Entwicklung gestört ist, dann ist eine Erkrankung wahrscheinlich“, sagt Professor Martinius. Als Zeichen für krankhafte Unruhe gilt auch,wenn der postmoderne Babysitter versagt: „Ein echter Hyperkinetiker ist sogar vor dem Fernseher unruhig“, so Professor Martinius. Auch genetische Veranlagungen können eine Rolle spielen, ebenso wie Erkrankungen, die ein Kind von Geburt an hat, denn: „Ein Kind, das mit einem gesundheitlichen Problem auf die Welt kommt oder das ein spezifisches Verhalten annimmt durch ein Ereignis in der frühen Kindheit – man denke zum Beispiel an Schreibabys – ändert auch das Verhalten seiner Umwelt.“, erklärt Professor Martinius. Es können sich Muster einspielen, in denen das Kind und die Eltern quasi auf Unruhe konditioniert werden. „Wir konnten feststellen, dass bei krankhafter Unruhe Funktionsstörungen im Gehirn vorliegen“, so Professor Martinius. Er definiert Aufmerksamkeit nicht als Zustand, sondern als Vorgang. Zuerst müssen die Sinnesorgane die Informationen aufnehmen. Anschließend müssen bestimmte Orte im Gehirn aktiviert werden, damit die Botschaften fließen und die Informationen verarbeitet werden können. Zuständig für diese Vernetzungen sind die Botenstoffe: „Und diese, die so genannten Transmitter, weisen bei krankhafter Unruhe Defizite auf“, beschreibt Professor Martinius neuere Erkenntnisse. Jakob ist jetzt fast 16 Jahre alt. Seit mehr als sechs Jahren ist das Problem Teil des Lebens von Mutter und Sohn. Und dies ist eine enorme Belastung. Schließlich ist es Carmen bewusst, wie wichtig ein Schulabschluss ist.Und das Schlimme dabei ist für sie: „Ich weiß, dass er es schaffen kann.“ Jakob besucht jetzt eine Montessori-Schule und soll bald den qualifizierten Hauptschulabschluss machen. Noch hat er nicht signalisiert, dass auch er begriffen hat, dass das wichtig wäre. Immer wieder versuchen Lehrer und Mutter, ihn zu motivieren, auf ihn einzugehen. Natürlich bleiben auch Stresssituationen nicht aus. Der Druck ist für alle hoch. Aber dies wirkt sich negativ auf Jakob aus. „Er hat die Nase voll von der Schule“, so seine Mutter. Aber auch sie hat die Nase voll, mit ihrem Sohn nur über Probleme zu sprechen. Doch ist es nicht ganz leicht, Themen, um die sich jahrelang alles gedreht hat, einfach aufzugeben. Zumal das Problem noch nicht gelöst ist.„Das Thema ist ganz eingefahren und drängt sich überall auf“, beschreibt Carmen die Situation. Dennoch hat sie sich fest vorgenommen, das Verhältnis zu ihrem Sohn zu entspannen und anderen Dingen und vor allem auch anderen Verhaltensmustern eine Chance geben. „Dass ADHS in den letzten Jahren zugenommen hat, kann man nicht unbedingt sagen“, so Professor Martinius. Im „Zappelphilipp“ wird, wenn auch vielleicht unabsichtlich, bereits Mitte des 19. Jahrhunderts ein äußerst unruhiges Kind als auffällig beschreiben. Immer wieder gab es seither Forschungen und Veröffentlichungen zu diesem Syndrom von Kinderpsychiatern, Psychologen und Kinderärzten. In den USA wurde 1936 zufällig herausgefunden, dass ein bestimmtes Stimulans hyperaktive Kinder ruhiger macht. Diagnose und Therapie werden aber bis heute kontrovers diskutiert, obwohl die Diagnostik präziser wurde und es viele neue Erkenntnisse gibt. Seit den 70er-Jahren werden weltweit Untersuchungen gemacht,und derzeit geht man davon aus, dass zwischen fünf und acht Prozent der Schulanfänger an ADHS erkrankt sind, unabhängig davon, wo sie leben. Dies bestätigt Professor Martinius: „Die Grundhäufigkeit bei zirka sechsjährigen Kindern ist überall gleich.“ Dorothea Büchele

Motiviert konzentriert „Kinder lernen im Kindergarten, sich für zirka 20 bis 30 Minuten mit einer Sache zu beschäftigen“, erklärt Ortrud Bichel, Heil- und Diplompädagogin im Ruhestand. Das heißt, wenn sie in die Schule kommen, dann sind Kinder eigentlich reif und vorbereitet, sich für diese Zeit auf den Unterricht zu konzentrieren. Grundschullehrer berücksichtigen dies und wechseln, vor allem in den ersten zwei Schuljahren, entsprechend das Unterrichtsfach. Es dient der Motivation und Konzentration, wenn in kürzeren Zeitetappen Rechnen und Lesen unterrichtet und dazwischen, zur Auflockerung und Entspannung, ein Lied gesungen oder ein Spiel gemacht wird. So bleibt die Spannung erhalten, denn ein Kind, das sich langweilt, ist schnell unkonzentriert. Ortrud Bichel hat mehr als 40 Jahre in Kindergärten, Horteinrichtungen und bei behinderten Kindern gearbeitet und hat das Gefühl, dass die Konzentrationsfähigkeit bei Kindern im Laufe ihrer Berufszeit abgenommen habe. „Die Kinder werden heute überfüttert, sie sind durch zu viele Einflüsse zu sehr abgelenkt“, erklärt sie. Die Aktivitäten haben sich verändert. En Ausflug in den Wald ist in vielen Familien eher selten. Auch wird weniger mit Freunden auf der Straße getobt, dafür stehen mehr organisierbare und geplante Veranstaltungen auf dem Programm. Früher wurde mehr gemeinsam gekocht, gegessen und gespielt, heute kommt die Familie häufig nur noch vor dem Fernseher zusammen. Auch empfindet sie die Umwelt als nicht sehr kindgerecht, „einerseits ist sie zu wenig anregend, andererseits ist zu viel los“. Die Kinder sind nicht selten einem hohen Geräuschpegel ausgesetzt; der Straßenlärm in der Stadt ist dabei nur ein Aspekt. Nicht zu unterschätzen sind all die Töne von Handys und Telefonen, aus Playern und Medien. Selbst das Spielzeug ist oft laut und weist ansonsten nur wenig pädagogischen Wert auf. „In vielen Kinderzimmern findet sich schlechtes Spielzeug und vor allem meist viel zu viel.“ Ortrud Bichel plädiert für eine Auswahl. In der Auswahl ist die Konzentration auf das Wesentliche vorgegeben. „Kinder können unter Konzentrationsmangel leiden, weil sie Impulse aus der Welt um sich herum nicht auswählen können. Es stürmt zu viel auf sie ein. Die Aufmerksamkeit aber muss gebündelt und nicht gestreut werden.“ dob

Ist das Wesentliche an der Arbeit die Bezahlung?

Zukunftsweisend: die Trennung von Tätigkeit und Einkommen

Arbeit ist ein wesentlicher Aspekt unseres Lebens. Sie bringt nicht nur das nötige Geld ein, sondern gibt dem Menschen auch Identität, Würde und einen zumindest vordergründigen Sinn. Zwar leiden viele Menschen unter Problemen und Stress am Arbeitsplatz, doch die Belastung, keine Arbeit zu haben, ist wohl eher größer. Wer arbeitslos ist, dem fehlt für gewöhnlich nicht nur ein Einkommen, das die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglicht, sondern auch die soziale Einbindung, Anerkennung und persönliche Entwicklungsmöglichkeit. Nun führt die Rationalisierung der Wirtschaft seit Jahrzehnten zu einem Abbau von Arbeitsplätzen, so dass arbeitswillige und arbeitsfähige, insbesondere schlecht qualifizierte Menschen keine Stelle mehr finden. Andererseits führt der Überfluss an Arbeitssuchenden Lesen Sie weiter bei »Ist das Wesentliche an der Arbeit die Bezahlung?«…

„Wir lassen uns unser Weltbild vorsetzen“

Aus diesem Grund erkennen wir nicht, was für uns wesentlich ist. Das Interview zum Schwerpunktthema

Was ist wesentlich? Manfred Folkers: Selbstverständlich benötigt jeder Mensch genug zu essen, ein Dach über dem Kopf und soziale Kontakte. Das ist die Basis des Lebens, sozusagen das Pflichtprogramm. Wenn diese Grundbedürfnisse erfüllt sind, beginnt die Kür. Heutzutage wird dieses Kürprogramm überwiegend quantitativ und nach außen gerichtet definiert: besseres Essen, ein größeres Dach über dem Kopf, noch mehr soziale Kontakte.Weil es für eine Konzentration auf das Wesentliche jedoch kaum Orientierungen gibt, die Bestand haben, ist die Auswahl für dieses Kürprogramm aus der zur Verfügung stehenden Vielfalt an Möglichkeiten sehr schwierig. Denn selbst die Kriterien Lesen Sie weiter bei »„Wir lassen uns unser Weltbild vorsetzen“«…

Die Stimmung der anderen

Wer die eigenen Bedürfnisse wahrnimmt, kämpft nicht jeden Kampf, der an ihn herangetragen wird

Bis vor wenigen Wochen war Alexandra, 34 Jahre, absolut überzeugt, dass das mit Jochen, 30 Jahre, Zukunft hätte. Aber plötzlich nervt er sie nur noch. “Er kann eigentlich gar nichts mehr richtig machen”, sagt sie und versteht sich selbst nicht.”An allem, was er tut und sagt, habe ich etwas auszusetzen.Als er vor drei oder vier Wochen eine Verabredung abgesagt hat, spürte ich plötzlich so eine unglaubliche Erleichterung, dass dieser Abend mir ganz allein gehören würde, dass er nicht vorbeikommen und Besitz von meiner Wohnung, meiner Aufmerksamkeit und meinem Leben nehmen würde. Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich eigentlich gar keine Lust gehabt hatte, ihn zu sehen. Und dieses Gefühl, dass mein Leben ohne ihn einfacher wäre, ja, dass er darin sogar irgendwie stört, geht seitdem nicht mehr weg. Es ist, als würde ich mit ihm mich selbst aus den Augen verlieren. Ich kann ja nicht mal sagen, was Christoph eigentlich falsch macht. Er tut alles, um sich in meinem Leben, in dem nun mal meine drei Kinder den Ton angeben, einzufügen. Aber irgendwas ist es. Denn je mehr er sich bemüht, desto unzufriedener und unausstehlicher werde ich.” Wie schafft man es nur, gleichzeitig sich selbst und dem anderen gegenüber achtsam und aufmerksam zu sein? Das habe viel mit Wahrnehmung zu tun, so Dr. Brigitte Gleich: “Wer die eigenen Bedürfnisse nicht wahrnimmt oder immer hintenanstellt, gerät auf Dauer zwangsläufig in ein inneres Defizit und neigt dann unter Umständen auch zu vorschnellen und unbedachten Reaktionen, ohne dass ihm die wirklichen Gründe dafür bewusst sind”, erklärt die Fachärztin für Psychotherapie und Naturheilverfahren.Der erste Schritt sei daher immer, die eigenen Verhaltensmuster zu erkennen. Der zweite, bewusst neue einzuüben. “Dabei können Entspannungsmethoden wie Autogenes Training, PMR (Progressive Muskelrelaxation) oder Meditation helfen, die – regelmäßig angewandt – nicht nur zu körperlicher Entspannung, sondern auch zu mehr innerer Ruhe, Gelassenheit und Balance im Alltag, selbst in Stresssituationen, führen. Besonders Meditation unterstützt die Selbstreflexion und lässt die eigenen Emotionen transparenter werden, meint Dr. Brigitte Gleich. Das wirke sich wiederum auch positiv auf das Selbstbewusstsein aus. Und nur, wer sich selbst gegenüber liebevoll und achtsam ist, könne es schließlich auch anderen gegenüber sein. Das Wichtigste dabei: zu lernen, zu sich selbst zu stehen, auf sein Gefühl zu vertrauen und seiner inneren Wahrheit gemäß zu leben. “Eigentlich ist es schon immer so gewesen, dass ich jede Stimmungsschwankung in meinem Umfeld wie ein Seismograph registriere”, erzählt Tanja, 28 Jahre. schon als Kind musste ich nur die Haustür aufsperren, um zu wissen, welche Stimmung zu Hause herrschte. Aber ob in der Familie, im Freundeskreis, in Beziehungen oder im Job: Immer wenn ich aussprach, was ich spürte, machte man mir klar, dass ich mir das alles nur einbilden würde, dass ich zu empfindlich sei, zu viel in eine Situation, eine Äußerung, einen Blick oder eine Geste hineininterpretieren und vollkommen überreagieren würde. ‘Wie kommst du darauf?’, fragte meine Kollegin, als ich sie darauf ansprach, dass ich das Gefühl hätte, dass sie im Team gegen mich arbeitete. Sie nahm alle meine Argumente auseinander, bis ich selbst glaubte, dass ich mich getäuscht hätte. Am Ende hat sich doch bestätigt, dass sie Kollegen und Vorgesetzte regelrecht gegen mich aufgehetzt hat. Trotzdem zweifle ich jedes Mal an mir selbst, wenn das, was ich spüre, nicht mit dem zusammenpasst, was der andere zu demonstrieren versucht.” Achtsam gegenüber anderen zu sein, sagt der Pädagoge, Taijiquan-Lehrer und Autor Manfred Folkers, heiße jedoch nicht, sämtliche Botschaften, Ansprüche und Vorwürfe von außen wie ein Schwamm in sich aufzusaugen und sich für alles und jeden verantwortlich zu fühlen. “Im Taijiquan wird zum Beispiel ganz bewusst geübt, eine angreifende Energie ohne Kraftaufwand durch vom Körperzentrum gelenkte Bewegungen an sich vorbeizuleiten. Diese Fähigkeit, so Folkers, sollte auch im Alltag präsent sein. “Eine solche Durchlässigkeit kann jedoch nur praktizieren, wer einen festen Stand hat, also stabil ist und die eigene Mitte kennt.” “Für diesen Selbsterfahrungsprozess gibt es jedoch keine Patentlösung”, weiß Dr. Brigitte Gleich. Vielen kommt erst im späten Erwachsenenalter – meist ausgelöst durch einen Schicksalsschlag oder eine Lebenskrise – die Erkenntnis, dass sie lange Zeit vieles ungefiltert von Eltern oder Partnern übernommen und gegen ihre eigentlichen Bedürfnisse und Überzeugungen gelebt haben. “Häufig leiden Menschen mit mehr Empathie auch mehr als Menschen, die weniger einfühlsam sind. Aber erst, wenn der Leidensdruck zu groß wird, werden sie auch versuchen, etwas zu verändern”, erklärt die Expertin. “Dabei führt an der Beschäftigung mit sich selbst kein Weg vorbei.” Einem sensiblen Menschen ist es schier unmöglich, die Stimmung des anderen nicht zu spüren. Und wer gelernt hat, zu sich selbst zu stehen, der fühlt sich auch nicht mehr für die Stimmungen der anderen verantwortlich. “Ich kann es einfach nicht gut aushalten, wenn schlechte Stimmung herrscht”, erzählt Robert, 22 Jahre. Das war schon so, als ich noch ein Kind war, und ist jetzt mit meiner Freundin nicht anders. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob ich etwas mit der Sache zu tun habe. Selbst wenn ich mir keiner Schuld bewusst bin, kann ich nicht aufhören, darüber nachzudenken, ob ich nicht doch etwas falsch gemacht habe. Und auch, wenn ich ganz sicher bin, dass es nicht an mir liegt, fühle ich mich verantwortlich, dafür zu sorgen, dass sich die Lage wieder entspannt. Das ist auf Dauer echt anstrengend. Dann stehe ich regelrecht neben mir und beobachte, wie sich die miese Stimmung der anderen über mich drüberstülpt – und ich kann nichts dagegen tun. Ich schaffe es dann einfach nicht zu sagen: ‘Was geht mich das an?’.Manchmal, wenn der Druck zu groß wird, bringt mich so was total zum Ausrasten.Und am Ende bin ich dann der, der jähzornig, unberechenbar und aggressiv ist. Und die anderen sind fein raus.”
Daniela Walther

Ganz nebenbei

Zu essen ist wesentlich. Dennoch nimmt man sich immer weniger Zeit dafür

Der Organismus braucht Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate, Mineralien und Vitamine, um sich zu entwickeln und gesund zu bleiben. Als es nach dem zweiten Weltkrieg wieder aufwärts ging, etablierte sich die bewusste Ernährung. Die Ökowelle tat das Übrige, um sich bewusst mit dem auseinander zu setzen, was man isst.Und doch: Etwa 49 Prozent der Deutschen sind übergewichtig. Schuld daran ist in erster Linie das Fett, und zudem verzehrt man hierzulande zu viel Süßes. Offensichtlich haben nur wenige Verbraucher nachhaltig ihre Essgewohnheiten in Einklang gebracht mit dem, was man über Ernährung weiß. Für gewöhnlich isst man nicht bewusst und ausgewogen, sondern schnell und einseitig. Statt Vielfalt und Qualität scheinen Menge und Sonderangebote zu zählen. Traditionelle Gewohnheiten, die auch der Gesundheit zuträglich waren, wurden nicht selten deshalb aufgegeben, weil viele Nahrungsmittel durch industrielle Verfahren billiger wurden.War Fleisch früher etwas Besonderes, das es nur einmal in der Woche als Sonntagsbraten gab, so kann man es sich heute leisten, täglich Fleisch und Wurst zu essen. Auch der Sonntagskuchen hat seinen Stellenwert verloren. Billige Süßwaren stehen jeden Tag auf dem Programm, so nebenbei und zusätzlich. Dass dafür Obst und Gemüse fehlen, liegt auch daran, dass die meisten Haushalte keinen Nutzgarten haben, in dem diese wichtigen Vitaminlieferanten angebaut wurden. Nicht jeder hat ein Interesse daran, Nährwerttabellen und Kilojoulelisten in den täglichen Einkauf zu integrieren. Dr. Gunther Hirschfelder vom Volkskundlichen Seminar an der Uni Bonn beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der europäischen Esskultur und erklärt: „Je höher jemand auf der sozialen Leiter steht, desto differenzierter isst er.“ Viele essen demnach günstig und schnell, achten wenig auf das was – und noch weniger auf das wie. Gemeint sind hier nicht die Essmanieren – obwohl diese, so geben Fachleute zu bedenken – zu verrohen drohen. Gemeint sind Geld und Zeit, die der Mensch in die Zubereitung und das Essen der Nahrung investiert. Was mit Sonntagsbraten und -kuchen einherging, war, dass man sich Zeit für die Vorbereitung und den Verzehr nahm. Mit dem Verlust der Traditionen ist auch das verloren gegangen, was in dem Wort Mahlzeit steckt: Zeit für gemeinsames Essen. Zwar hat sich der Familientisch auch als Ort von Schimpf und Schande hervorgetan. Aber in bestem Falle war es ein Platz, an dem die Familie zum Essen zusammenkam. In vielen Familien gibt es solch einen Platz nicht mehr. Fertiggerichte stehen im Gefrierfach bereit. Jeder kann sich aufwärmen, was und wann er mag. Eingekauft und verzehrt wird im Vorbeigehen; zubereitet nebenbei. „Die sozialen Netzwerke sind aufgehoben“, sagt Dr. Hirschfelder und verweist auf die vielen, meist vielbeschäftigten Singles, die beim Essen nicht mit anderen Familienmitgliedern zusammenkommen. Es zählt eine kurze Zubereitungszeit und eine praktische Verzehrweise des Essens – womöglich vor dem Fernseher. Auch viele ältere Menschen, die allein leben, pflegen keine Esskultur mehr.Auch sie setzen auf Kühlschrank, Gefriertruhe und Mikrowelle. „Die Technisierung im Haushalt schritt sehr schnell voran. Alte Gerichte wurden aufgegeben und traditionelle Verfahren wie Räuchern und Einmachen sind überflüssig geworden“, so Dr. Hirschfelder. Rituale rund ums Essen und der Nahrungszubereitung wurden aufgrund technischen Fortschritts zurückgedrängt. Der Ernährung möchte man nicht mehr viel Zeit opfern, und in vielen Haushalten soll sie zudem kostengünstig sein. In Deutschland wird immer weniger Geld für den täglichen Einkauf ausgegeben. Dr.Hirschfelder stellt fest, dass die Deutschen 13 Prozent ihres Einkommens ins täglich Brot investieren, der Italiener hingegen ist bereit, 22 Prozent dafür auszugeben. „Viele Deutsche ernähren sich katastrophal. Sie kaufen sich lieber Kleidung und Elektrogeräte“, so Dr. Hirschfelder. Sicherlich war dies in allen Zeiten schon so, dass zugunsten notwendiger Anschaffungen der Speiseplan vereinfacht wurde. Heute geht es aber meist nicht darum, das etwas erneuert werden muss, sondern dass man das Neueste haben muss. Mit dem neuen Handy kann man Eindruck schinden, die moderne TV-Anlage macht was her, und mit einem super ausgestatteten Auto lässt es sich repräsentieren. Aber was man zu Mittag gegessen hat, ist, wenn überhaupt, nur geringfügig von Bedeutung. „In manchen Kreisen wird stark unterschieden zwischen Versorgungsküche und Erlebnisküche“, erzählt Dr. Hirschfelder. Auch dort kann das alltägliche Essen durchaus auf die Schnelle zubereitet und verzehrt werden. Aber es wird zu bestimmten Anlässen, beim Treffen mit Freunden oder bei Geburtstagen, exklusiv eingekauft, aufwändig gekocht und feudal gespeist. Kann man es sich leisten, geht man auch gerne ins Restaurant und genießt die ausgewählten Spezialitäten. Hier ist das Essen sicherlich ein gemeinsames Erlebnis.Aber auch Prestigegründe sind nicht selten ausschlaggebend. Früher wurde ebenfalls klar unterschieden zwischen Alltags- und Festspeise. Zwar war auch die Zubereitung für die täglichen Mahlzeiten zeitaufwändiger und es wurde gemeinsam gegessen. Aber zu einem Fest gab es Gerichte die nach überlieferten Rezepten schon Tage oder gar Wochen vorher vorbereitet wurden, und den Gästen wurde ordentlich aufgetischt. Reichhaltiges Essen galt auch in ärmeren Kreisen als Statussymbol, und in gehobenen Kreisen wurde, tatsächlich, fürstlich gespeist. Heute noch ist das Hochzeitsmahl ein üppiges Schmausen. Nahrung hat Symbolcharakter, vor allem bei kirchlichen Festen, wie zum Beispiel die Ostereier als Symbol des Lebens oder beispielsweise der Christstollen. Und der Leichenschmaus hat, schon seit der Antike, den Sinn, den Hinterbliebenen zu zeigen, dass man ihnen beisteht und ihren Schmerz teilt. Vor allem das gemeinsame Essen ist also mehr als Sättigung, es kann darüber hinaus viele weitere Bedürfnisse befriedigen. Zum Essen trifft man sich, um zusammen zu sein, zu erzählen, Pläne zu schmieden. Essen ist sogar Lustgewinn. Ganz spezielle Speisen gelten als Launemacher oder Aphrodisiakum. So soll Schokolade beruhigend und Austern sollen anregend wirken. Geschmack und Geruch einer Speise können sich für immer ins Gedächtnis einprägen. Omas Eintopf erinnert man deshalb selbst nach Jahren nicht nur als sehr lecker,weil er gut geschmeckt hat, sondern weil man damit die großmütterliche Fürsorge und Geborgenheit verbindet. Dr. Hirschfelder sagt. „Essen und Emotionen gehören ganz eng zusammen.“ Wollen wir hoffen, dass dieser emotionale Quell nicht allseits Opfer unseres Zeitmangels wird. Schließlich wären wir, im Gegensatz zu vielen anderen Nationen und Völkern, in der glücklichen Lage, uns dieses emotionale Highlight täglich zu leisten.

Dorothea Büchele

„Rituale rund um die Essenszubereitung wurden aufgrund technischen Fortschritts zurückgedrängt“

Spaß am Knabbern und Naschen hatte der Mensch offensichtlich schon immer. Statt Chips und Schokolade pickte der Steinzeitmensch im Vorbeigehen Beeren vom Strauch und Käfer vom Baum. Wo früher Sträucher und Bäume standen, stehen heute Imbissbuden oder Fastfoodrestaurants verschiedenster Ausstattung. Von der Bratwurst über den Burger bis hin zum Lachsbrötchen ist alles auf die Hand zu haben. Ohne großen Aufwand kann man knabbern, naschen und sogar satt werden. Bis zum Zweiten Weltkrieg war es in Deutschland verpönt, auf der Straße zu essen. Doch die Industrialisierung hatte auch in puncto Essen zu Veränderungen geführt. Die Fabrikarbeiter mussten nun ihr Mittagessen hastig zwischen den Maschinen sitzend einnehmen. Für Genuss und Erholung blieb keine Zeit. Das Essen war dem Arbeitsprozess untergeordnet. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es separate Stände, an denen man in der Regel lediglich Getränke und Tabakwaren kaufen konnte. Erst ab 1946 gab es die ersten Imbissbuden, die auch Backwaren anboten, so genannte „Trümmerbuden“. Da in vielen Städten amerikanische oder britische Soldaten stationiert waren, die das Essen auf der Straße aus ihrer Heimat kannten, trugen sie dazu bei, dass Imbiss und Fastfood von den Einheimischen schnell übernommen wurden. In den 60er-Jahren waren die Imbissbuden überall erfolgreich und ergänzten, im Zuge der beginnenden Reisewelle, ihr Angebot um ausländische Speisen, allen voran die frittierten Kartoffeln, auch Pommes frites genannt. Heute gibt es in allen Städten eine Vielzahl türkischer, griechischer und asiatischer Buden. Nicht zu unterschätzen ist die soziale Funktion der Imbissbuden. Sie gelten durchaus als Plätze der Kommunikation. Heinrich Böll bezeichnete sie sogar als „neuen Ort der Menschlichkeit“. Allerdings lässt sich diese nicht ohne weiteres auf die Restaurants der Fastfoodketten übertragen, wo es eher anonym zugeht.
dob