Mit voller Brieftasche spielt man in der Welt der Waren eine wichtige Rolle. Ohne Geld hat man in dieser Welt aber leider keinen Wert
Martina K. wünscht sich Schuluniformen. „Dann wäre manches einfacher“, glaubt die 49-Jährige. Dann hätte ihre Tochter in der Schule nicht mehr ganz so sehr das Gefühl, sich von den anderen zu unterscheiden, nicht mithalten zu können, nicht dazuzugehören. „Als sie klein war, habe ich oft was Gebrauchtes für sie von Freunden oder Bekannten geschenkt bekommen. Jetzt ist sie 14, da ist das schwierig. In dem Alter haben sie ja ganz bestimmte Vorstellungen. Für die Schule zieht Sabrina ohnehin nur ganz bestimmte Sachen an, weil die meisten ihrer Mitschüler finanziell besser gestellt sind und sie nicht auffallen will. Ich versuche wirklich alles, damit Sabrina nicht allzu sehr darunter leidet, dennoch ist es oft sehr schwer für sie.“ Es sei ja nicht nur die Kleidung.Wenn es nur das wäre. Aber der Mangel an Geld und damit an Möglichkeiten zieht sich durch alle Lebensbereiche. Und am schlimmsten ist, dass Martina K. kaum Möglichkeiten sieht, ihre Situation zu verbessern. „Die Jobsuche gestaltet sich schwierig in meinem Alter“, sagt sie. Bevor sie den Ein-Euro-Job antrat, mit dem sie ihre ALG-II-Bezüge (Arbeitslosengeld II) aufbessert, hat sie zwei Jahre in einer Jobvermittlungsagentur damit zugebracht, acht Stunden täglich Stellenanzeigen zu durchforsten, Bewerbungen zu schreiben und zu Vorstellungsgesprächen zu gehen. Einen Job hat ihr das trotzdem nicht gebracht. Die zwanzig Arbeitsstunden pro Woche bringen ihr exakt 100 Euro im Monat zusätzlich. „Das Geld ist okay. Der Job auch. Ich sitze nicht zu Hause herum und habe eine Aufgabe“, sagt sie. Zusammen mit dem Arbeitslosengeld haben sie und ihre Tochter jeden Monat 947 Euro zur Verfügung.Nach Abzug von Miete, Strom und Telefon bleibt ihnen kaum genug zum Leben. Geschweige denn für die Erfüllung persönlicher Wünsche. Seit kurzem haben Mutter und Tochter einen Berechtigungsschein für die „Münchner Tafel“ und die Kleiderkammer der Caritas. Mit dem Notwendigsten versorgt zu werden ist das eine, die Demütigung und die Scham, die man dabei empfindet, und der Verlust der Würde, der damit einhergeht, etwas vollkommen anderes. Günther Klein weiß das. Er organisiert als Ehrenamtlicher die Münchner Tafel in Berg am Laim. „Manche brauchen Jahre, bis sie sich trauen, zu uns zu kommen“, sagt er. Vor allem Deutsche würden nach außen so lange wie möglich den Schein wahren, von Erspartem zehren, sich einschränken, das eine oder andere wertvollere Stück aus dem Hausrat verpfänden oder verkaufen, bevor sie sich einen Berechtigungsschein bei der Caritas holen. Sie gleiten aber auch, ist der soziale Abstieg erst einmal vollzogen, deutlich schneller in Alkohol oder Drogen ab als ausländische Mitbürger. „Ein deutscher Diplomingenieur, der nach einem Jahr Arbeitslosigkeit zum Hartz-IV-Empfänger wird,muss sich erst daran gewöhnen, bedürftig zu sein.Menschen aus dem Ausland, besonders jene aus den ehemaligen Ostblockstaaten, tun sich mit der Situation an unseren Verteilstationen insofern leichter, als die meisten von ihnen gewohnt sind, nach Lebensmitteln Schlange zu stehen und vielleicht dennoch nicht alles zu bekommen, was sie gerne haben würden“,meint Klein. Dass die Scham im Laufe der Zeit dennoch abnimmt, erklärt er vor allem damit, dass „wir Verteiler weder die Besserwisser noch die Wohlhabenden oder Generösen herauskehren.Wir begegnen den Beziehern auf Augenhöhe, dazu gehört ein respektvoller Umgangston und dass wir die Leute siezen.“ Und dass die Verteilung in einem menschenwürdigen Rahmen verläuft. So befindet sich die Verteilstation abseits der Straße, um die Anonymität und damit die Würde der Bezieher zumindest ein wenig zu wahren. Und es gibt ein rotierendes Nummernsystem, so dass jede Woche ein anderer Bezieher der Erste in der Warteschlange ist, was die anfängliche Ellenbogenmentalität und das Gerangel um einen vorderen Platz in der Warteschlange eingedämmt hat. Absolute Gerechtigkeit, so Günther Klein, könne man aber auch damit nicht gewährleisten. „Dazu ist das Angebot einfach zu unterschiedlich. Wir wissen ja weder, welche Ware, noch wie viel davon kommt.“ Wer Anspruch auf einen Berechtigungsschein hat, prüft die Caritas. Das Kontingent ist begrenzt, die Warteliste lang. Doch obwohl Hartz IV der Münchner Tafel reichlich neue „Kunden“ beschert hat, sind nicht alle Bezieher ALG-II-Empfänger. Spätestens seit Hartz IV und dem Boom der Mini- und Midijobs ist es gang und gäbe, dass auch jene Menschen zu verarmen drohen, die in Lohn und Brot stehen – oder ein Leben lang standen. Als arm gilt hierzulande, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Bezogen auf ganz Deutschland, liegt diese Grenze bei 938 Euro für eine Person. Für eine Familie mit zwei Kindern über 14 Jahren beginnt die Armutsgrenze unterhalb von 1612 Euro. Nach diesem Kriterium gelten derzeit 13,5 Prozent der Bevölkerung als arm, was nichts anderes bedeutet, als dass diese Menschen vom durchaus vorhandenen Reichtum und Wohlstand unserer Gesellschaft ausgeschlossen sind. Nur an diesem tatsächlich vorhandenen Reichtum und Wohlstand aber lässt sich die Armut Einzelner auch messen. Ob der alte Herr mit der kleinen Rente, die irakische Mutter, deren Gelegenheitsjobs nicht genug einbringen, um sich und ihre Kinder über die Runden zu bringen, oder die Verkäuferin, deren Exverlobter sie mit einem Berg von Schulden sitzen gelassen hat – sie alle bewegen sich ständig am Existenzminimum und damit an der Armutsgrenze. Ursachen dafür sind dem Armuts- und Reichtumsbericht der vorigen Bundesregierung zufolge der Anstieg der Arbeitslosigkeit sowie die Zunahme von Scheidungen, Trennungen und ledigen Mutterschaften als auch die Tatsache, dass die Einkommen von Familien mit mehreren Kindern deutlich hinter dem Anstieg der Lebenshaltungskosten zurückbleiben. „Ohne mein Geld könnten die nicht mal was zu essen kaufen“, erklärt Donika.Mit die meint sie ihre Eltern und ihre fünf kleinen Geschwister. Die 400 Euro, die die 17-Jährige nach der Schule in einer Bäckerei verdient, sind fest im Budget eingeplant. „Wenn ich am Letzten des Monats von meiner Schicht nach Hause komme,wartet meine Mutter schon darauf, dass ich ihr das Geld gebe, damit sie einkaufen gehen kann. Was mein Vater verdient, geht komplett für die Miete drauf. Und das Kindergeld allein reicht einfach nicht, um alles andere zu zahlen.“ Einmal nur möchte Donika etwas kaufen, ohne vorher den Preis vergleichen oder die Zweckmäßigkeit des Kaufs hundertmal abwägen zu müssen. Einmal sich etwas gönnen, ohne schlechtes Gewissen.„Einkaufen, das ist für mich in erster Linie Stress. Weil es dabei immer um Geld geht, das ich entweder noch nicht oder nicht mehr habe oder das eigentlich schon für etwas ganz anderes eingeplant ist.Was für ein befreiendes Gefühl muss es sein, ganz selbstverständlich das zu kaufen, was man mag, anstatt darauf zu achten, was am billigsten ist? Oder etwas genau in dem Moment kaufen zu können, wenn man es braucht und ganz sicher weiß, dass man die Rechnung auch bezahlen kann! Es macht mich echt fertig zu sehen, dass es nie reicht, obwohl ich mitverdiene und mein Vater so viel arbeitet: neun Stunden täglich, sechs Tage die Woche. Manchmal hasse ich ihn dafür, dass er unser Leben nicht besser auf die Reihe kriegt, manchmal tut er mir einfach nur Leid.Meistens aber ist mir unsere Situation einfach nur peinlich.“ Zum Beispiel dann, wenn die Eltern bei Freunden und Verwandten Schulden machen, um längst fällige Rechnungen bezahlen zu können. Zwar gilt Armut heute als Massenphänomen und Ergebnis wirtschaftlicher Verteilungsprozesse, die durch die Politik reguliert werden könnten. Außerdem ist seit Hartz IV klar, dass sie inzwischen – bis auf ein paar sehr wenige Privilegierte – beinahe jeden treffen kann. Den Betroffenen hilft das jedoch reichlich wenig. Der Verlust der Würde, die Scham über die Ausgrenzung und die täglichen kleinen Demütigungen, denen man sich ausgesetzt fühlt, wenn das Konto und die Brieftasche permanent leer sind, all das kostet Kraft und Nerven.Weil der Status, den man in dieser Gesellschaft hat, vor allem über Geld und Besitz definiert wird und man nichts und niemand zu sein scheint, wenn man nichts hat. „Ich versuche, nicht mehr so viel darüber nachzudenken, was ich war oder was ich hatte“, sagt Martina K. „Ich versuche, damit klarzukommen, was ich heute bin und was ich habe.Natürlich würde ich meiner Tochter gern ein anderes Zuhause bieten. Natürlich hätte ich lieber eine richtige Arbeit und nicht nur einen Ein-Euro-Job, und natürlich wäre es mir lieber, wir müssten nicht jeden Cent dreimal umdrehen und wären nicht auf staatliche Zuwendungen angewiesen. Aber ich zwinge mich, diese Gedanken abzuschalten. Sonst würde ich verrückt werden.“
Daniela Walther