„Das Wertesystem einer Gesellschaft verändert sich ständig“

Eine grundlegende Veränderung bewirkt die Liberalisierung des Marktes. Das Interview zum Schwerpunktthema

Wann und wodurch entwickelt der Mensch Moral? Dr. Walther Ziegler: Nun, wir sind nicht von Geburt an moralisch. Der Säugling weiß noch nichts von Gerechtigkeit, von Gut und Böse. Er lebt nur nach dem Lustprinzip und schreit, sobald er essen, trinken oder Zuwendung will. Auch auf dem Spielplatz herrscht ja zunächst Anarchie. Da bedarf es oft großer Überredungskunst, dem Kleinkind zu erklären, warum es die Spielsachen der anderen nicht mitnehmen darf, wo sie ihm doch so gut gefallen. Ein Sechsjähriger wiederum kennt schon viele moralische Gebote, Regeln und Selbstverpflichtungen. Er weiß zum Beispiel, was er als Schüler, als Spieler seiner Fußballmannschaft Lesen Sie weiter bei »„Das Wertesystem einer Gesellschaft verändert sich ständig“«…

Am Pranger

Geht es um Profit, macht es Sinn, Menschen als Kostenfaktor zu sehen. Und warum sollte jemand, der Kosten reduziert, sich dafür schämen?

Der Armutsbericht der vorigen Bundesregierung brachte es ans Tageslicht: Bundesweit verzichten rund eine Million Menschen, die Sozialleistungen beantragen könnten, auf ihren Anspruch. In München lassen es schätzungsweise etwa 25 000 Bürger bleiben, den Antrag auf Grundsicherung oder Arbeitslosengeld II auszufüllen – gesicherte offizielle Zahlen gibt es allerdings nicht. Laut Armutsstudie vom Deutschen Caritasverband gab mehr als ein Viertel der Befragten an, freiwillig auf Sozialleistungen zu verzichten. Doch warum nehmen so viele Bürger die finanzielle Unterstützung nicht in Anspruch? Die Ursachen sind vielfältig. Einer der Hauptgründe ist Scham.Auch ein großer Teil derjenigen, die Sozialleistungen erhalten, schämt sich. Der häufig erweckte Eindruck, als Bedürftiger ein unerwünschter Kostenfaktor zu sein, scheint sich in den vergangenen Jahren verstärkt zu haben. Zu alt, zu krank, zu ungebildet oder zu unflexibel für die verschärften Anforderungen des Arbeitsmarkts? Selbst schuld, heißt es häufig. “Besonders alte und kranke Menschen schämen sich, Sozialleistungen zu beziehen”, sagt Angela Bauer, die als städtische Sachbearbeiterin täglich mit Anträgen auf Sozialleistungen zu tun hat. “Hinter der Scham steht das Gefühl, auf Kosten anderer zu leben, die Ohnmacht, das eigene Leben nicht aus eigener Kraft bestreiten und mit subjektiv empfundenen Maßstäben der Gesellschaft nicht mithalten zu können.” Außerdem spiele die Offenlegung der persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse eine Rolle und die Angst davor, dass Sachbearbeiter abschätzig über einen denken könnten.”Mit sinkendem Alter sinkt jedoch die Schamgrenze”, meint Falk Weichsel, der ebenfalls als Sachbearbeiter tätig ist. Zwar sind viele Menschen einfach nur schlecht informiert oder lassen sich von bürokratischen Antragsverfahren abschrecken – doch meist sitzt die Furcht tief, sich als Bezieher von Sozialleistungen im Freundes- und Bekanntenkreis oder bei den Nachbarn bloßzustellen. Und so bleibt ein großer Teil der Armut im Verborgenen. Wer nicht ins Leistungssystem passt, zieht sich oft zurück. “Wir gehen davon aus, dass viele Leistungsberechtigte ihren Sozialleistungsbezug im täglichen Leben verbergen”, sagt Angela Bauer. Sozialleistungen kosten Geld. Nach Ansicht des Bundesverbands der Arbeitgeberverbände (BDA) viel zu viel Geld. BDA-Angaben zufolge belaufen sich die Sozialausgaben im Bundeshaushalt auf 37 Prozent des Gesamtbudgets und sind somit “hauptverantwortliche Defizittreiber”. Muss man sich also schämen, weil man als bedürftige Person angeblich einen Anteil an der Staatsverschuldung hat? “Niemand muss sich für die Inanspruchnahme von Sozialleistungen schämen”, meint Bernhard Hein von der Caritas Bayern. “Das Recht auf soziale Sicherung durch den Staat ist ein unveränderbares Grundrecht, das der so genannten “Ewigkeitsgarantie” unterliegt, also nicht abgeschafft werden kann.” Doch Verbände wie der BDA fordern weitere Einschnitte ins soziale Netz. Und Finanzminister Peer Steinbrück verkündet allerorten, dass der jetzige Sozialstaat nicht mehr bezahlbar sei. Bei der Caritas stößt diese Einstellung auf scharfe Kritik: “Wer den immer weiteren Rückzug des Staates fordert, muss wissen, dass er sich damit vom Grundgesetz und der Bayerischen Verfassung wegbewegt. Ich kann in diesem Zusammenhang nur ausdrücklich vor einem Verfassungsbruch warnen”, so Hein. Politische Hetztiraden, die pauschal von der Ausnutzung des Sozialstaats und der Gesellschaft sprächen, würden den Betroffenen ein schlechtes Gewissen machen und psychischen Druck auf sie ausüben. “Die Propaganda gegen die Armen hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt”, so Hein. Nahezu jeder Bürger erhält im Laufe seines Lebens Sozialleistungen – zu denen auch manche Rentenbezüge zählen. Doch mal ganz ehrlich:Wer schämt sich für Zuschüsse oder Steuervergünstigungen, die einem per Gesetz zustehen? Schließlich hat man einen rechtlichen Anspruch darauf. Der gesellschaftliche Konsens lautet: Was mir zusteht, fordere ich ein – auch wenn die Kosten den Staatshaushalt belasten. Dass Unternehmer aus Sorge ums Staatsdefizit Subventionen ablehnen, ist ebenfalls nicht bekannt. Zum Vorwurf macht ihnen dieses Verhalten kaum jemand. Sobald allerdings Menschen Sozialleistungen beanspruchen, lässt die Akzeptanz nach. Obdach- und Arbeitslose, Kranke und Fremde, so heißt es, könnten wir nicht mehr wie gewohnt unterstützen. “Es herrscht in unserer Gesellschaft eine Stimmung, die, geschürt von der allgemeinen Spardiskussion, zunehmend die angeblich oft missbräuchliche Inanspruchnahme von Sozialleistungen problematisiert”, sagt Thomas Duschinger, Koordinator der Arbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe Südbayern. Die Auswirkungen dieser Diskussion bekämen die Leistungsempfänger fast täglich bei der Vorsprache im Amt zu spüren. “Gefühle wie Scham, aber auch Hilflosigkeit, Unverständnis, dem Sachbearbeiter ausgeliefert zu sein und ungerecht behandelt zu werden, sind in unterschiedlicher Ausprägung vorhanden.” Permanente Unterstellungen. “Wohnungslosigkeit mit den Begleiterscheinungen Straffälligkeit, Suchterkrankungen oder psychischen Problemlagen wird nach wie vor als ein vorwiegend selbst verschuldetes Problem gesehen”, stellt Thomas Duschinger fest. Nach den Maßstäben des ökonomischen Wertesystems sind Obdachlose als unproduktiv einzustufen. In Zeiten der Spardiskussion werden die Spielräume für eine ausreichende Unterstützung dieser Menschen enger. “Städte und Gemeinden gehen keine neuen Verpflichtungen ein, freiwillige Leistungen an die Träger der Wohnungslosenhilfe werden eingefroren oder zurückgefahren.Wohlfahrtsverbände übernehmen nur Aufgaben, wenn diese refinanziert sind. Überörtliche Kostenträger befristen Leistungen stärker als in der Vergangenheit, Pflichtleistungen werden mehr unter fiskalischen Gesichtspunkten bewertet”, so Duschinger, der seit knapp 20 Jahren in der Obdachlosenarbeit tätig ist. Grundsätzlich verfügt die Stadt München jedoch nach wie vor über ein differenziertes Hilfesystem, während im Umland eine gezielte Versorgung wohnungsloser Bürger nur selten möglich ist. 62 000 Münchener bekommen monatlich Arbeitslosengeld II, 14 000 weitere Bürger erhalten die so genannte Grundsicherung. “Dass so viel mehr Menschen Arbeitslosengeld II beantragt haben, als bei der Einführung von Hartz IV erwartet wurde, ist kein Missbrauch, wie behauptet wurde, sondern zeigt lediglich, dass die Politiker offenbar die tatsächliche Lebenssituation in Deutschland leugneten und dass die Armut immer mehr hochkocht”, sagt Bernhard Hein von der Caritas. Aus Scham verzichten, das könnten sich die Empfänger von Sozialleistungen nicht leisten. Als Schmarotzer oder Parasiten müssen sie sich dennoch bezeichnen lassen, wie in einer Broschüre aus dem Haus des früheren Wirtschaftsministers Clement. “Geschürt wird die Scheu vor der Inanspruchnahme von rechtlich zustehenden sozialen Leistungen durch die Boulevardpresse, die Einzelfälle hochspielt und den Eindruck erweckt, alle Sozialhilfeempfänger seien generell Betrüger”, sagt Hein.Auch die Sachbearbeiterin Angela Bauer meint: “Viele hilfsbedürftige Menschen fühlen sich durch einseitige Berichte in den Medien und von den durch die Medien gesetzten scheinbaren gesellschaftlichen Maßstäben unter Druck gesetzt. Der Druck kann aber auch im Familienumfeld, Freundeskreis oder in der Nachbarschaft entstehen.” So kommt es häufig vor, dass Eltern aus Scham über ihre finanzielle Notlage bei Klassenfahrten ihre Kinder abmelden – “wegen Krankheit”. Mehr fordern, weniger fördern. So lautet das neue gesellschaftliche Credo. Doch warum schämt sich eigentlich niemand, Sozialleistungen zu streichen? Vielleicht auch, weil viele Parteien, Organisationen und Kirchen sich nicht mehr wie früher als mutige Unterstützer von Minderheiten hervortun. Der ehemalige Arbeitsund Sozialminister Norbert Blüm kritisiert etwa eine “Anpassung der katholischen Bischöfe an den Zeitgeist”. In einem Artikel für die “Süddeutsche Zeitung” schrieb er: “Aus der kraftvollen “Option für die Armen” ist ein ängstlicher Wunsch geworden, im Modernisierungsprozess mithalten zu können. Das Neue, zu dem Anstoß gegeben werden soll, entpuppt sich als eine Variante der alten liberalen Dreifaltigkeitslitanei: Wettbewerb, Privatisierung, Kostensenkung.” Damit dürfte Betroffenen kaum geholfen sein, wie auch Thomas Duschinger von der Arbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe betont: “Angehörige einer diskriminierten Gruppe wie wohnungslose Menschen brauchen Fürsprecher und aktive Unterstützer bei der Wahrnehmung ihrer Rechtsansprüche. Sie sind oft nicht in der Lage, sich gemeinsam zu solidarisieren, aktiv Hilfe zu beanspruchen und durchzusetzen.” Insofern könnte die Frage gestellt werden, wer sich eher schämen sollte: Hilfebedürftige oder jene Personen, die ihnen ihre Ansprüche streitig machen wollen.
Günter Keil

Nachschlag
Nach vielen Monaten des Wartens hat BISS-Verkäufer Hartmut Jacobs im November vergangenen Jahres die Zusage erhalten, dass die Kosten für seine Haushaltshilfe übernommen werden. Er verkauft an der S-Bahn-Station Rosenheimer-Platz. Jacobs leidet an einer Nervenkrankheit und braucht deshalb für die Arbeiten im Hauhalt eine Hilfe. Auch nachdem feststand, dass für die Kosten nicht das Sozialamt, sondern die Pflege- und somit die Krankenkasse zuständig ist, vergingen viele weitere Wochen, bis der Bescheid endlich kam. Nun erhält Hartmut Jacobs die nötige Hilfe und kann sich getrost seiner Arbeit widmen.

“Die Propaganda gegen die Armen hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt”

Nur wer geizt, ist nicht blöd

Manche Werbespots wecken keine Bedürfnisse, sie kommentieren das Kaufverhalten. So machen sie aus früheren Lastern neue Tugenden

Eine der erstaunlichsten deutschen Aufstiegskarrieren in den vergangenen Jahren hat wohl die ALDI-Tüte hingelegt. Vorbei die Zeiten, als sie noch degradierend als „Türken-Koffer“ bezeichnet wurde. Denn „vor, sagen wir, zwanzig Jahren war es eher ein Makel, billig einkaufen zu müssen, das heißt, zur Gruppe der ärmeren Leute zu gehören, die wenig verdienen. Das wollte keiner gern zeigen“, erklärt Wolfgang Twardawa von der Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg. Inzwischen weist sich ein Träger der orange-blauen Tragetasche als so genannter „smart Shopper“ aus, der sorgsam Preise vergleicht und gezielt nach Sonderangeboten sucht. Der Imagezuwachs einer Plastiktüte steht für den Wandel in der Konsumgesellschaft. Nachdem angesehene Institutionen wie die Stiftung Warentest wiederholt Produkten von Discountern eine gute oder zumindest akzeptable Qualität bescheinigt hatten, war die Jagd auf die Schnäppchen auch für diejenigen eröffnet, die es eigentlich gar nicht nötig hätten. Seitdem hat auch die Unternehmensberaterin in der Designerjacke keine Scheu davor, sich mit dem Handwerker in Latzhose um den letzten Laptop im limitierten Sonderangebot zu rangeln. Freilich haben auch eine Reihe von wirtschaftspolitischen Entwicklungen den Weg zu einem kostenbewussteren Verbraucherverhalten geebnet: „Dazu gehören der Wegfall der Preisbindung in den siebziger Jahren, mit welcher Hersteller bis dato die Preise diktieren konnten“, so Marktforscher Twardawa. Außerdem haben das Ende des Rabattgesetzes 2001 und die Novellierung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb 2004 viel in Bewegung gebracht. Und: Im Internet kann sich der Kunde von heute bequem über Produkte und Anbieter informieren. Stark begünstigt hat die Nachfrage nach Billigangeboten „der Zeitgeist, der sich deutlich in dem Satz ‚Geiz ist geil!‘ ausdrückt und das Verhalten des Verbrauchers sanktioniert“, sagt Twardawa. Dabei sind sich die Konsumforscher in einem einig: Auch wenn die penetrante Präsentation solcher Slogans und anderer wie „Ich bin doch nicht blöd“ den Eindruck vermittelt, die Werbung habe eine Raffmentalität angestoßen, so habe sie letztlich nur auf eine bereits vorhandene Stimmungslage der Verbraucher reagiert. Allerdings seien die Spots aus gutem Grund auf äußerst fruchtbaren Boden gestoßen, meint Dr. Christian Duncker von der Empirischen Gesellschaftsforschung in Hamburg. Die Lebenshaltungskosten seien für viele Haushalte deutlich gestiegen. In seiner im vergangenen Herbst veröffentlichten Studie „Was ist los mit den Deutschen?“ hat er festgestellt, dass man 2004 hierzulande beispielsweise für Miete, Wasser und Energie fast 16 Milliarden Euro mehr ausgeben musste als 2001, nämlich insgesamt etwa 300 Milliarden Euro. Auch andere Fixkosten sind recht deutlich gestiegen. Dabei sind die Einkommen längst nicht im gleichen Maße gestiegen. „Wenn die Leute nach Abzug der Fixkosten immer weniger Geld zur Verfügung haben und sie in einigen Bereichen günstiger einkaufen müssen, ist es natürlich sehr entlastend zu hören, dass Geiz plötzlich auch noch geil sei“, so Duncker. Gerade weil eine Eigenschaft wie Geiz lange Zeit negativ besetzt war und beispielsweise im Christentum von jeher ähnlich wie der Neid als eines der großen Laster gilt. „Nicht nur, weil die übertriebene Anhänglichkeit an den Besitz die Bereitschaft mindert oder gar erstickt, andere am eigenen Besitz teilhaben zu lassen“, erklärt Professor Konrad Hilpert, Dekan an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in München. „Geiz galt schon seit den biblischen Zeiten auch als eine Form von Dummheit,weil das Vertrauen auf Reichtum und Besitz jederzeit durch Ereignisse wie Krankheit und Tod zerstört werden kann.“ Als Moraltheologe gefalle ihm diese indirekte Aufwertung des Begriffes „natürlich nicht, weil sie zu Lasten des Ansehens und der Klarheit gesellschaftlich eingespielter Regeln und Haltungen geht“. Geschickt haben die Marketingstrategen für verschiedene Handelsketten den selbstbewussten, cleveren Kunden, der sich „nicht verar… lässt“, in das Zentrum ihrer Werbebotschaft gestellt. Dass sie, um Aufmerksamkeit zu erregen, hinsichtlich der Wortwahl die Schamgrenzen überschritten haben, ist dabei nicht die einzige unschöne Begleiterscheinung. Gesellschaftswissenschaftler Duncker gibt zu Bedenken: „Solche Werbung ist auch sehr kontraproduktiv, wenn man gesamtvolkswirtschaftlich denkt. Die meisten Billigprodukte von Discountern und Co. sind aus dem asiatischen Raum und sorgen dafür, dass dort Arbeitsplätze entstehen.“ Immer häufiger wird in Wirtschaftsbeiträgen darauf hingewiesen, dass Konsumenten mit ihrem Kaufverhalten den hiesigen Stellenabbau im Produktionsbereich beeinflussen können. Doch auch wenn Handelsexperten wie der Schweizer David Bosshart in seiner Studie „Age Of Cheap“ 2004 noch festgestellt haben, dass sich „der vielleicht wichtigste Wandel“ bei den erfolgsgesättigten Verbrauchern in dem Satz „Billig ist immer gut“ zusammenfassen ließe, stellt sich langsam eine leichte Trendwende ein. Der Preis wird als einfachstes Unterscheidungskriterium im unübersichtlichen Dschungel von Artikeln und Anbietern immer ein vorrangiges Kaufargument bleiben und der Schnäppchenjäger demzufolge niemals aussterben. Dennoch hat die Gesellschaft für Konsumforschung 2005 erstmals seit Jahren eine leichte Abnahme bei der Preisorientierung messen können. Qualität rückt wieder mehr in den Fokus, bestätigt auch Christian Duncker. Oft genug wurde in der Vergangenheit das Vertrauen der Verbraucher erschüttert. „Schließlich haben auch die ‚private labels‘ in der Regel eine Qualität, die unterhalb des Niveaus von Markenartikeln liegt.“ Zudem haben mittlerweile viele Konsumenten die Erfahrung gemacht, dass so manch ein elektronisches No-name- Gerät schneller kaputt geht und der Discounter nicht die gleiche Servicestruktur bietet wie der Fachhandel, wenn es um die Reparatur oder die Rücknahme geht. Beim Kauf eines Staubsaugers im Billigmarkt kann es einem beispielsweise schon einmal passieren, dass die Kassiererin einen freundlich darauf hinweist, lieber gleich mehrere Beutel mitzukaufen, „weil wir die nicht immer vorrätig haben und die für Sie etwas kompliziert zu besorgen sind“. Und wer kennt das nicht, wenn billig, billig, billig auf Dauer teuer wird? Man legt vieles in den Einkaufswagen, das man nur dazupackt, weil es gerade so preiswert ist, und hat am Ende doch mehr Geld ausgegeben als geplant, zudem für Dinge, die man gar nicht braucht. Abgesehen davon ist es laut Christian Duncker kein Geheimnis mehr, dass diverse Flächenmärkte „häufig nur Auslaufprodukte günstiger verkaufen. Problematisch ist bei diesen Artikeln zudem, dass sie bei den einzelnen Aktionen oft nicht ausverkauft werden und daher mehrere Aktionen gefahren werden müssen“. So würde der Preis von Mal zu Mal fallen, und die Kunden, die beim ersten Sonderverkauf zugegriffen haben, fühlten sich veräppelt, weil sie nicht das allerbeste Angebot erwischt haben. Doch die zuletzt folgenreichsten Auswirkungen hat das ständige Drehen an der Preisschraube sicherlich im Fleischskandal gezeigt.„Man fragt sich jetzt wieder, woran man Qualität messen kann. Und da heißt es ganz klar: Das kann der Metzger um die Ecke sein oder eine starke Marke“, beschreibt Wolfgang Twardawa den Sinneswandel. Auch Dekan Hilpert ist sich ziemlich sicher, „dass in der Gesellschaft wieder das Gespür für die Bedeutung alter Tugenden wie gegenseitige Achtung,Diskretion, Takt und Wahrhaftigkeit zunimmt“. Der Wendepunkt ist erreicht, wenn sich Schamlosigkeit nicht mehr steigern lässt.

Anuschka Schmid

Geiz galt schon in biblischen Zeiten als eine Form von Dummheit

Das Gespür von Tugenden wie Achtung und Wahrhaftigkeit nimmt in der Gesellschaft wieder zu

Die Demütigung

Mit voller Brieftasche spielt man in der Welt der Waren eine wichtige Rolle. Ohne Geld hat man in dieser Welt aber leider keinen Wert

Martina K. wünscht sich Schuluniformen. „Dann wäre manches einfacher“, glaubt die 49-Jährige. Dann hätte ihre Tochter in der Schule nicht mehr ganz so sehr das Gefühl, sich von den anderen zu unterscheiden, nicht mithalten zu können, nicht dazuzugehören. „Als sie klein war, habe ich oft was Gebrauchtes für sie von Freunden oder Bekannten geschenkt bekommen. Jetzt ist sie 14, da ist das schwierig. In dem Alter haben sie ja ganz bestimmte Vorstellungen. Für die Schule zieht Sabrina ohnehin nur ganz bestimmte Sachen an, weil die meisten ihrer Mitschüler finanziell besser gestellt sind und sie nicht auffallen will. Ich versuche wirklich alles, damit Sabrina nicht allzu sehr darunter leidet, dennoch ist es oft sehr schwer für sie.“ Es sei ja nicht nur die Kleidung.Wenn es nur das wäre. Aber der Mangel an Geld und damit an Möglichkeiten zieht sich durch alle Lebensbereiche. Und am schlimmsten ist, dass Martina K. kaum Möglichkeiten sieht, ihre Situation zu verbessern. „Die Jobsuche gestaltet sich schwierig in meinem Alter“, sagt sie. Bevor sie den Ein-Euro-Job antrat, mit dem sie ihre ALG-II-Bezüge (Arbeitslosengeld II) aufbessert, hat sie zwei Jahre in einer Jobvermittlungsagentur damit zugebracht, acht Stunden täglich Stellenanzeigen zu durchforsten, Bewerbungen zu schreiben und zu Vorstellungsgesprächen zu gehen. Einen Job hat ihr das trotzdem nicht gebracht. Die zwanzig Arbeitsstunden pro Woche bringen ihr exakt 100 Euro im Monat zusätzlich. „Das Geld ist okay. Der Job auch. Ich sitze nicht zu Hause herum und habe eine Aufgabe“, sagt sie. Zusammen mit dem Arbeitslosengeld haben sie und ihre Tochter jeden Monat 947 Euro zur Verfügung.Nach Abzug von Miete, Strom und Telefon bleibt ihnen kaum genug zum Leben. Geschweige denn für die Erfüllung persönlicher Wünsche. Seit kurzem haben Mutter und Tochter einen Berechtigungsschein für die „Münchner Tafel“ und die Kleiderkammer der Caritas. Mit dem Notwendigsten versorgt zu werden ist das eine, die Demütigung und die Scham, die man dabei empfindet, und der Verlust der Würde, der damit einhergeht, etwas vollkommen anderes. Günther Klein weiß das. Er organisiert als Ehrenamtlicher die Münchner Tafel in Berg am Laim. „Manche brauchen Jahre, bis sie sich trauen, zu uns zu kommen“, sagt er. Vor allem Deutsche würden nach außen so lange wie möglich den Schein wahren, von Erspartem zehren, sich einschränken, das eine oder andere wertvollere Stück aus dem Hausrat verpfänden oder verkaufen, bevor sie sich einen Berechtigungsschein bei der Caritas holen. Sie gleiten aber auch, ist der soziale Abstieg erst einmal vollzogen, deutlich schneller in Alkohol oder Drogen ab als ausländische Mitbürger. „Ein deutscher Diplomingenieur, der nach einem Jahr Arbeitslosigkeit zum Hartz-IV-Empfänger wird,muss sich erst daran gewöhnen, bedürftig zu sein.Menschen aus dem Ausland, besonders jene aus den ehemaligen Ostblockstaaten, tun sich mit der Situation an unseren Verteilstationen insofern leichter, als die meisten von ihnen gewohnt sind, nach Lebensmitteln Schlange zu stehen und vielleicht dennoch nicht alles zu bekommen, was sie gerne haben würden“,meint Klein. Dass die Scham im Laufe der Zeit dennoch abnimmt, erklärt er vor allem damit, dass „wir Verteiler weder die Besserwisser noch die Wohlhabenden oder Generösen herauskehren.Wir begegnen den Beziehern auf Augenhöhe, dazu gehört ein respektvoller Umgangston und dass wir die Leute siezen.“ Und dass die Verteilung in einem menschenwürdigen Rahmen verläuft. So befindet sich die Verteilstation abseits der Straße, um die Anonymität und damit die Würde der Bezieher zumindest ein wenig zu wahren. Und es gibt ein rotierendes Nummernsystem, so dass jede Woche ein anderer Bezieher der Erste in der Warteschlange ist, was die anfängliche Ellenbogenmentalität und das Gerangel um einen vorderen Platz in der Warteschlange eingedämmt hat. Absolute Gerechtigkeit, so Günther Klein, könne man aber auch damit nicht gewährleisten. „Dazu ist das Angebot einfach zu unterschiedlich. Wir wissen ja weder, welche Ware, noch wie viel davon kommt.“ Wer Anspruch auf einen Berechtigungsschein hat, prüft die Caritas. Das Kontingent ist begrenzt, die Warteliste lang. Doch obwohl Hartz IV der Münchner Tafel reichlich neue „Kunden“ beschert hat, sind nicht alle Bezieher ALG-II-Empfänger. Spätestens seit Hartz IV und dem Boom der Mini- und Midijobs ist es gang und gäbe, dass auch jene Menschen zu verarmen drohen, die in Lohn und Brot stehen – oder ein Leben lang standen. Als arm gilt hierzulande, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Bezogen auf ganz Deutschland, liegt diese Grenze bei 938 Euro für eine Person. Für eine Familie mit zwei Kindern über 14 Jahren beginnt die Armutsgrenze unterhalb von 1612 Euro. Nach diesem Kriterium gelten derzeit 13,5 Prozent der Bevölkerung als arm, was nichts anderes bedeutet, als dass diese Menschen vom durchaus vorhandenen Reichtum und Wohlstand unserer Gesellschaft ausgeschlossen sind. Nur an diesem tatsächlich vorhandenen Reichtum und Wohlstand aber lässt sich die Armut Einzelner auch messen. Ob der alte Herr mit der kleinen Rente, die irakische Mutter, deren Gelegenheitsjobs nicht genug einbringen, um sich und ihre Kinder über die Runden zu bringen, oder die Verkäuferin, deren Exverlobter sie mit einem Berg von Schulden sitzen gelassen hat – sie alle bewegen sich ständig am Existenzminimum und damit an der Armutsgrenze. Ursachen dafür sind dem Armuts- und Reichtumsbericht der vorigen Bundesregierung zufolge der Anstieg der Arbeitslosigkeit sowie die Zunahme von Scheidungen, Trennungen und ledigen Mutterschaften als auch die Tatsache, dass die Einkommen von Familien mit mehreren Kindern deutlich hinter dem Anstieg der Lebenshaltungskosten zurückbleiben. „Ohne mein Geld könnten die nicht mal was zu essen kaufen“, erklärt Donika.Mit die meint sie ihre Eltern und ihre fünf kleinen Geschwister. Die 400 Euro, die die 17-Jährige nach der Schule in einer Bäckerei verdient, sind fest im Budget eingeplant. „Wenn ich am Letzten des Monats von meiner Schicht nach Hause komme,wartet meine Mutter schon darauf, dass ich ihr das Geld gebe, damit sie einkaufen gehen kann. Was mein Vater verdient, geht komplett für die Miete drauf. Und das Kindergeld allein reicht einfach nicht, um alles andere zu zahlen.“ Einmal nur möchte Donika etwas kaufen, ohne vorher den Preis vergleichen oder die Zweckmäßigkeit des Kaufs hundertmal abwägen zu müssen. Einmal sich etwas gönnen, ohne schlechtes Gewissen.„Einkaufen, das ist für mich in erster Linie Stress. Weil es dabei immer um Geld geht, das ich entweder noch nicht oder nicht mehr habe oder das eigentlich schon für etwas ganz anderes eingeplant ist.Was für ein befreiendes Gefühl muss es sein, ganz selbstverständlich das zu kaufen, was man mag, anstatt darauf zu achten, was am billigsten ist? Oder etwas genau in dem Moment kaufen zu können, wenn man es braucht und ganz sicher weiß, dass man die Rechnung auch bezahlen kann! Es macht mich echt fertig zu sehen, dass es nie reicht, obwohl ich mitverdiene und mein Vater so viel arbeitet: neun Stunden täglich, sechs Tage die Woche. Manchmal hasse ich ihn dafür, dass er unser Leben nicht besser auf die Reihe kriegt, manchmal tut er mir einfach nur Leid.Meistens aber ist mir unsere Situation einfach nur peinlich.“ Zum Beispiel dann, wenn die Eltern bei Freunden und Verwandten Schulden machen, um längst fällige Rechnungen bezahlen zu können. Zwar gilt Armut heute als Massenphänomen und Ergebnis wirtschaftlicher Verteilungsprozesse, die durch die Politik reguliert werden könnten. Außerdem ist seit Hartz IV klar, dass sie inzwischen – bis auf ein paar sehr wenige Privilegierte – beinahe jeden treffen kann. Den Betroffenen hilft das jedoch reichlich wenig. Der Verlust der Würde, die Scham über die Ausgrenzung und die täglichen kleinen Demütigungen, denen man sich ausgesetzt fühlt, wenn das Konto und die Brieftasche permanent leer sind, all das kostet Kraft und Nerven.Weil der Status, den man in dieser Gesellschaft hat, vor allem über Geld und Besitz definiert wird und man nichts und niemand zu sein scheint, wenn man nichts hat. „Ich versuche, nicht mehr so viel darüber nachzudenken, was ich war oder was ich hatte“, sagt Martina K. „Ich versuche, damit klarzukommen, was ich heute bin und was ich habe.Natürlich würde ich meiner Tochter gern ein anderes Zuhause bieten. Natürlich hätte ich lieber eine richtige Arbeit und nicht nur einen Ein-Euro-Job, und natürlich wäre es mir lieber, wir müssten nicht jeden Cent dreimal umdrehen und wären nicht auf staatliche Zuwendungen angewiesen. Aber ich zwinge mich, diese Gedanken abzuschalten. Sonst würde ich verrückt werden.“

Daniela Walther

Das Menschenbild: Einzelkämpfer

Der Vorteil des wirtschaftlichen Wertesystems ist Freiheit, doch ohne ethische Grenzen bekommen immer mehr Menschen die Nachteile zu spüren

Dem pakistanischen Kleinbauern wird für 1500 Euro eine Niere abgekauft, weil sich der Mangel an Organen in Westeuropa durch den Geldmangel in Asien ausgleichen lässt. Der Geschäftsführer eines Unternehmens blättert in der Bilanz und beschließt, den Gewinn zu optimieren. Er entlässt 1700 Arbeiter in Bayern und verlagert die Produktion in ein Niedriglohnland. Das Elternpaar lässt seinem Kind eine Lese-Rechtschreib-Schwäche bescheinigen, damit die schlechte Deutschnote beim Übertritt zum Gymnasium unberücksichtigt bleibt. Diese Liste ließe sich beliebig verlängern. Im Zweifel dient ausschließlich der größtmögliche persönliche Nutzen als Maßstab für eine Entscheidung. „Das ökonomische Prinzip des Profitstrebens umfasst längst alle Bereiche des Lebens“, sagt der Regensburger Philosoph Joachim Koch. Dieses Prinzip macht Menschen zum Ersatzteillager und zum Kostenfaktor. Es raubt Eltern, die sich nur das Beste für ihr Kind wünschen, die Basis, künftig ethisch argumentieren zu können, denn wie will man einem Schüler, der durch Schummeln auf die höhere Schule gekommen ist, erklären, dass man bei Klassenarbeiten nicht schummeln darf? Joachim Koch hat sich intensiv mit dem aktuellen Wertesystem unserer Gesellschaft befasst und es in seinem Buch „Weder – noch. Das Freiheitsversprechen der Ökonomie“ beschrieben. Alles begann, sagt Koch, als während der 80er-Jahre in der Politik die „Wende“ ausgerufen wurde. Ausgerechnet die CDU, eine Partei, die sich selbst konservativ (bewahrend) nennt, hat demnach den größten Wertewandel seit der Aufklärung vorangetrieben. „Es ging darum, die gesellschaftlichen Vorstellungen der Linken zu beenden und durch Eigeninitiative sowie höhere Leistungsbereitschaft zu ersetzen“, sagt Joachim Koch. Diese relativ harmlos und vernünftig scheinenden Begriffe änderten in der Folge das gesellschaftliche Klima radikal. Zumal die Forderung nach höherer Leistungsbereitschaft einherging mit einem stetigen Abbau von Arbeitsplätzen. Der Druck auf den Einzelnen stieg, der Konkurrenzkampf nahm zu. „Die kollektiven Strukturen wie Familie, Parteien, Kirche, Gewerkschaften und auch der Staat, in denen Menschen ein Zusammengehörigkeitsgefühl erlebten, waren in die Kritik geraten. Als letzte Autorität blieb der einzelne Mensch übrig“, sagt Koch. „Über Jahrzehnte war das Gemeinwesen der Dreh- und Angelpunkt gewesen, und allmählich zerfiel die Gesellschaft in ökonomische Körper. Die Maximierung des Nutzens geht zwangsläufig Hand in Hand mit den Eigenschaften ‚privat’ und ‚privatwirtschaftlich‘. Das bedeutet, jeder Mensch sieht sich als direkten Konkurrenten zu allen anderen und richtet sein Handeln so aus, dass es ihm selbst am meisten einbringt“, sagt Joachim Koch. Gerade bei einer verstärkten Leistungsanforderung ohne Aussicht auf Erfolg. In solch einem System ist kein Platz für faire Spielregeln. „Es ist wichtig zu verstehen, dass der Markt keineswegs nur eine Basis darstellt, über den unabhängige Kategorien von Moral oder Ethik stehen.Die Ökonomie bildet ein eigenes Wertesystem“, sagt Joachim Koch. Und wenn sich die meisten danach richten, verlieren ethische Argumente ihre Wirkung. Ebenso verkehrt wäre es allerdings, anzunehmen, die Ökonomisierung der Gesellschaft sei der Mehrheit von einer mächtigen Minderheit übergestülpt worden. „Wir alle haben daran mitgearbeitet, Bedingungen zu schaffen, in denen für den Einzelnen nur der maximale Profit zählt.“ Trotzdem macht sich nun großes Unbehagen über die Konsequenzen des zügellosen Eigennutzes und den schleichenden Verlust des Gemeinsinns breit. „Das System ist keine neue Erfindung. Solange die Institutionen noch stabil waren und eine Gemeinschaft existierte, die einen ethischen Druck ausübten, war das Einzelinteresse eingebettet und konnte sich nicht maßlos ausdehnen“, sagt Koch. Solange in Wirtschaftsunternehmen ein Einkommensunterschied zwischen dem Arbeiter und seinem Boss von 1 zu 30 besteht, können alle Beteiligten damit leben. Inzwischen ist die Kluft jedoch auf ein Verhältnis von 1 zu 350 oder mehr gewachsen. Ein Manager verdient an einem Tag das Jahreseinkommen eines Arbeiters. „Da kann man nicht mehr davon sprechen, wir säßen alle im selben Boot“, sagt Koch. Doch diese Entwicklung sei in dem Wertewandel, den viele Bürger begrüßt hätten, von Anfang an enthalten gewesen.„ Man kann das System nicht ohne seine Nachteile bekommen.“ Und die Nachteile bekommen immer mehr Menschen zu spüren. Auch deshalb liege ethisches Handeln schon seit einiger Zeit voll im Trend.„Es ist von Ethik so viel die Rede, wie schon lange nicht mehr. Interessant ist jedoch, dass Ethik nach heutigem Verständnis meist eine Forderung an andere ist. Es besteht darüber kein Konsens in der Gesellschaft“, sagt Joachim Koch. Wähler verlangen von Politikern, dass sie ihre Hausangestellte ordentlich bei der Sozialversicherung anmelden und alle Privatreisen aus eigener Tasche bezahlen. Gleichzeitig haben viele kein Problem damit, bei ihrer eigenen Steuererklärung zu „tricksen“. Politiker verlangen von Managern einen fairen Umgang mit den Beschäftigten und lassen eigene Konkurrenten erbarmungslos über die Klinge springen. Arbeitnehmer streiken für mehr Lohn und wählen beim Einkauf Produkte, deren Dumpingpreise nur durch Kinderarbeit in Entwicklungsländern zustande kommen können. Ein Grundsatz dieser Ethik lautet:Verantwortungsbewusst handelt man, wenn man der Gemeinschaft nicht zur Last fällt. Vor diesem Hintergrund ist es klar, dass die Wörter „sozial“ und „Schmarotzer“ ein fast untrennbares Paar bilden. Joachim Koch hat den Eigennutz bis in die Familien hinein verfolgt. „Wenn die Grundlagen für einen Altenheimplatz auf dem Konto liegen, sagt man leicht, die Angehörigen sind mir egal. Fehlt das Geld, ist man viel eher geneigt, es sich nicht mit allen zu verderben.“ Die Konsequenzen zu bewerten, die sich durch die Ökonomisierung aller Lebensbereiche ergeben, fällt dennoch nicht leicht. „Bei jedem Wertewandel geht etwas verloren. In der Aufklärung stellte das Projekt der Vernunft die Entzauberung des religiösen Weltbildes dar.Die Vernunft stand jedoch sehr bald unter Ideologieverdacht. Mit dem Schritt zur Ökonomisierung ist noch einmal eine gnadenlose Ernüchterung eingetreten, aber immerhin habe ich jetzt kein Interesse mehr, jemandem den Schädel einzuschlagen, wenn ich mit ihm Geschäfte machen kann“, sagt Koch. Doch letztlich ist die Hoffnung berechtigt, dass ethisches wirtschaftliches Handeln möglich ist. Denn das ökonomische Wertesystem ist nicht naturgegeben, im Gegenteil, es widerspricht der menschlichen Natur, da der Mensch ein soziales Wesen ist. Also können auch wieder ethische Werte grundlegend werden. – Und das ist ein Gemeinschaftsprojekt.

Bernd Hein