Nachahmung als Programm: Wer von Kindern ein Verhalten frei von Rollenklischees möchte, muss es ihnen vorleben
Gene oder Erziehung – was macht kleine Buben zu Fußballfans und kleine Mädchen zu Puppenmüttern? Um es gleich vorwegzunehmen, die ewige Frage nach der Ursache „typisch weiblichen“ und „typisch männlichen“ Verhaltens ist auch unter Wissenschaftlern heute keineswegs eindeutig geklärt. Während einige Forscher in erster Linie Hormone und die bei Frauen und Männern unterschiedliche Spezialisierung der rechten und linken Gehirnhälfte für geschlechtstypisches Verhalten verantwortlich machen, beleuchten andere die teils subtilen, teils massiven Einflüsse der Umwelt, die uns von frühester Kindheit an prägen. „Umwelt und Anlage lassen sich nicht auseinander dividieren“, sagt Hartmut Kasten, Professor für Entwicklungspsychologie und Pädagogik am Bayerischen Staatsinstitut für Frühpädagogik. „Geschlechtsspezifische Verhaltensweisen entstehen durch vielfältige Wechselwirkungen zwischen den genetischen Anlagen und der Außenwelt.“ In welchem Maße sich „mädchen-“ beziehungsweise „bubenhaftes“ Verhalten auf biologische Geschlechtsunterschiede zurückführen lässt,wird man wahrscheinlich nie herausfinden können, denn vom ersten Lebenstag an unterliegt jedes Kind den Erwartungshaltungen und Einflüssen seiner Umgebung, denen es sich nicht entziehen kann. Selbst Eltern, die sich bemühen, ihre Söhne und Töchter gleich zu behandeln, sind nicht gegen Geschlechtsrollenstereotypen und Klischees gefeit. Außerdem saugen Kinder in sich auf, was sie bei Verwandten und Freunden, in Kinderbüchern, Fernsehen, Werbung und in der Spielzeugabteilung sehen. Über Jahrhunderte eingespielte Rollenmuster sind tief in unserer Kultur verankert und werden ständig neu hervorgebracht, sie lassen sich nicht einfach ändern oder verleugnen. In Experimenten und Beobachtungen (Baby X-Studien) konnte nachgewiesen werden, dass Erwachsene sogar Neugeborene schon unterschiedlich behandeln, je nachdem, ob diese ihnen als Mädchen oder als Jungen vorgestellt werden: Schreit ein rosa gekleidetes Baby, vermeintlich ein Mädchen,wird es als ängstlich und erschrocken bezeichnet, schreit dasselbe Baby, aber in Hellblau gekleidet und als Junge vorgestellt, interpretiert man sein Schreien als Ärger.Dementsprechend reagiert man darauf. Insgesamt wird das Verhalten eines angeblich männlichen Säuglings eher als aktiv, munter, unabhängig, aggressiv und klug beschrieben und das angeblicher Mädchen als friedlich, nett, lieb, zart und passiv. Dabei sind Männer und Erwachsene, die wenig Kontakt zu Kindern haben, mit klischeehaften Urteilen schneller bei der Hand als Frauen und Erwachsene, die täglich mit Kindern zusammen sind. Da männliche Säuglinge wegen ihrer schwächeren Konstitution meist häufiger quengeln, werden sie in den ersten sechs Lebensmonaten öfter hochgehoben, gewiegt, gestreichelt und berührt als weibliche Säuglinge. Diese werden dagegen häufiger durch Lächeln, Sprechen und Lautbildungen angeregt. Manche Forscher vermuten darin den Grund für die höhere Sprachkompetenz von Mädchen. Buben verfügen dagegen über ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen als Mädchen, was manche Wissenschaftler darauf zurückführen, dass ihr Gleichgewichtssinn durch das häufigere Hochheben und Wiegen in den ersten Lebensmonaten stärker gefördert wurde. Deutlicher werden die unterschiedlichen Behandlungsweisen, wenn die Kinder laufen lernen. Jungen werden meistens viel stärker dazu animiert, ihre Umgebung zu erforschen, während man Mädchen eher ängstlich besorgt zurückhält. „Das ist eigentlich himmelschreiend ungerecht und paradox“, meint Hartmut Kasten, denn nachgewiesenermaßen seien Buben in den ersten Lebensjahren aufgrund ihrer biologischen Entwicklung weniger robust. Sie sind anfälliger für Infekte und ihre Sterblichkeit ist deutlich höher als die von Mädchen. Die geschlechtsrollentypische Behandlungsweise nehme darauf aber keine Rücksicht. Vor allem konservative Väter pushen ihre kleinen Söhne kräftig zu kleinen Machos. Sie sollen weder Schwäche noch Angst zeigen, draufgängerisch und mutig sein. Mädchen hingegen, die aufgrund ihrer stärkeren Konstitution eigentlich mehr Bewegungsbedarf hätten, würden eher an die kurze Leine genommen. Im Verlauf des dritten Lebensjahres entwickeln Kinder allmählich das Gefühl für ihre eigene Geschlechtszugehörigkeit und beginnen, zwischen Männern und Frauen zu differenzieren. Dreijährige haben bereits relativ klare Vorstellungen davon, welche Tätigkeiten von welchem Elternteil gewöhnlich ausgeübt werden. Im Kindergarten spielen die Buben dann bevorzugt in der Bauecke, die Mädchen in der Puppenecke. Beim Papa-Mama- Kind-Spielen ist die Mutterrolle bei Jungen nicht sehr begehrt, während Mädchen darum eifern, beobachtet Karsten Schumacher, Erzieher in einem Schwabinger Kindergarten. „Aber es gibt auch immer wieder Ausnahmen, Kinder, die dem Klischee nicht entsprechen.Manche Buben sind sehr sensibel und manche Mädchen ziemlich wild.“ Mädchen wie Buben mimten beim Rollenspiel gern mal laut brüllende Tiger und Löwen, wobei Mädchen aber öfter die Niedlich-Variante des Babytigers oder Babylöwen wählen. „Ich würde die Kinder gern jenseits der Klischees erziehen“, sagt der Erzieher, „damit sie so viele Lernerfahrungen wie möglich machen, auch solche, die den üblichen Rollenverteilungen widersprechen.“ Das klappe eigentlich recht gut, denn Kinder im Kindergartenalter seien so neugierig und offen, dass sie für alles zu begeistern seien.Auf die Frage,wer mit rauskomme zum Fußballspielen, meldeten sich zwar gewöhnlich mehr Jungen als Mädchen, aber wenn sie dann auf dem Bolzplatz seien, „dreschen die Mädchen ordentlich rein“. Buben dagegen drehen auch gern Kordeln oder backen Kuchen, wenn man sie dazu ermutigt, sagt Schumacher. Im letzten Kindergartenjahr und vor allem dann in der Schule sei zu beobachten, dass Mädchen meist lieber mit Mädchen und Jungen lieber mit Jungen spielen. Bis zur Pubertät trennen sich nun meist die Wege der Geschlechter. Doch der Erzieher ist davon überzeugt, dass die Kinder, die in den frühen Lebensjahren einen unbefangenen Umgang sowohl mit „weiblichen“ als auch mit „männlichen“ Beschäftigungen kennen gelernt haben, sich später leichter tun, offen und weniger klischeebehaftet mit dem anderen Geschlecht umzugehen. Damit Kinder und junge Erwachsene aber wirklich frei von Geschlechtsrollenstereotypen zu ihren ureigensten Interessen und Begabungen finden, bedürfte es grundlegender struktureller Veränderungen. Alle verbalen Ermutigungen von Eltern und Erzieherinnen nutzen nicht viel, wenn sie selbst nicht vorleben (können), was sie predigen. Denn Kinder beobachten sehr genau, was „normal“ und demnach nachahmenswert ist. Sie lassen sich kein Y für ein X vormachen. Die Mutter oder Erzieherin, die selbst nicht Fußball spielt,wird ein Mädchen schwerlich dafür begeistern, und solange es kaum männliche Erzieher und Grundschullehrer gibt, werden Buben annehmen, dass der Umgang mit Kindern eher Frauensache ist. Daran ändert dann auch die Alibipuppe zu Weihnachten nichts.
Simone Kayser
Mit etwa drei Jahren bekommt man ein Gefühl dafür, ob man Mädchen oder Junge ist
Hartmut Kasten Weiblich – Männlich. Geschlechterrollen durchschauen. Ernst Reinhardt Verlag München, 2003, 14,90 Euro.




