Verblüffend talentiert

Erziehungsarbeit: Das Augenmerk darf nicht nur auf den Problemen und Defiziten der Jugendlichen liegen

„Ich war etwa zwölf, als mein Leben anfing, irgendwie aus dem Ruder zu laufen“, erinnert sich der 22-jährige Florian (Name geändert). „Meine Eltern haben sich damals scheiden lassen. Da bist du mitten in der Pubertät, und als ob das nicht schon reichen würde, zerbricht auch noch deine Familie. Irgendwie habe ich das alles nicht auf die Reihe gekriegt. Schule, Hausaufgaben und der ganze Kram haben mich einfach nicht mehr interessiert, ich hatte zu viel mit mir selbst zu tun. Immer öfter habe ich verschlafen, war unpünktlich oder habe geschwänzt. In der siebten Klasse waren meine Noten so katastrophal, dass ich wiederholen musste. Na ja, und dann waren da noch einige Schlägereien und die Drogengeschichten. Ich war einfach nicht mehr ansprechbar. Irgendwann ging ich nur noch in die Schule, um Drogen zu verticken. In der Achten erklärte man dann meiner Mutter, ich sei für die Schule nicht mehr tragbar. Sie schmissen mich raus, und ich hatte zum ersten Mal Kontakt mit dem Jugendamt.“ Florian kam in eine Schule für Erziehungshilfe. Dort, sagt er, wurde es erst richtig schlimm. „Dort waren noch viel krassere Leute als ich. Die E-Schule und später der Jugendknast, die haben mir wirklich gar nichts gebracht. Da hattest du nur zwei Möglichkeiten: Entweder du passt dich an oder du wirst zum Opfer und gehst unter.“ Nach sechs Monaten flog er auch von dieser Schule. Es folgten diverse Heimaufenthalte, in einem machte Florian seinen Hauptschulabschluss, ein anderes musste er wegen Drogenkonsums verlassen. „Anfangs war ich schon sauer auf meine Mutter, dass sie mich einfach abschob. Im Rückblick erkenne ich aber schon, dass sie und die Betreuer mir nur helfen wollten und das zu Hause einfach nicht funktioniert hätte. Im Heim waren dann auch Leute, von denen ich Hilfe annehmen konnte.“ Das Vertrauensverhältnis zwischen Betreuer und Jugendlichem ist die Grundlage jeglicher Erziehungshilfe, egal, ob diese ambulant oder stationär erfolgt, betont auch Michael Rupp von der Münchner Jugendhilfeeinrichtung „Neue Wege“ (www.neue-wege-jugendhilfe.de). „Wir haben es uns zwar zur Aufgabe gemacht, auch mit den schwierigsten Jugendlichen zu arbeiten“, erklärt Rupp, „und lehnen auch fast keinen Fall ab“. Trotzdem müssen einige Aufnahmekriterien wie Freiwilligkeit, die Bereitschaft zur Mitarbeit in der Gruppe und das Formulieren schulischer oder beruflicher Perspektiven erfüllt werden. Ohne Eigenmotivation und Selbstverantwortung geht es also auch hier nicht. Neben den ambulanten Erziehungshilfen (AEH) liegt der Schwerpunkt der pädagogischen Arbeit der Einrichtung im stationären Bereich, der sich in teilstationäre und vollstationäre Wohngruppenangebote unterteilt. ISE 24 zum Beispiel bedeutet „Intensive sozialpädagogische Einzelfallhilfe“, in der der Jugendliche 24 Stunden vollstationär in einer Wohngemeinschaft der Einrichtung betreut wird. „Das trifft meist auf Kinder und Jugendliche zu, die bereits Gefängnisaufenthalte oder Drogenkarrieren hinter sich haben“, erklärt Michael Rupp, „und die aufgrund einer sehr krisenhaften Entwicklung mit fremd- und eigengefährdetem Verhalten einer sehr engen Struktur und hochintensiverer Unterstützung und Stabilisierung bedürfen.“ Die meisten von ihnen haben zu diesem Zeitpunkt ohnehin die gesamte Palette der ambulanten Erziehungshilfen bereits ausgeschöpft. „Der Trend geht immer mehr dahin, verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche im Rahmen der ambulanten Erziehungshilfen zu betreuen, bevor man sie stationär unterbringt“, weiß Rupp,wobei er die Zusammenarbeit mit dem Münchner Jugendamt als durchaus positiv und kooperativ beschreibt. „Eine stationäre intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung mit 18 Stunden pro Woche ist einfach auch sehr kostenintensiv. Trotzdem ist diese Maßnahme immer noch deutlich günstiger als beispielsweise der Strafvollzug, der längst nicht so individuell, professionell und personell intensiv mit den Jugendlichen arbeiten kann und demzufolge auch eine höhere Rückfallquote aufweist.“ Bei „Neue Wege“ legt man Wert darauf, ressourcen- und nicht problemorientiert zu arbeiten. Michael Rupp ist überzeugt: „Defizite beinhalten immer auch Ressourcen. Die wollen wir bei den Jugendlichen aktivieren.“ Die meisten kommen aus schwierigen Verhältnissen.Meist fehlt der Vater. Fast alle haben Probleme mit der Anerkennung und Einhaltung von Regeln, im Umgang mit anderen und im Leistungsbereich, viele leiden unter ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom). „Es fehlt ihnen an innerer und äußerer Struktur“, sagt Michael Rupp,„an Pünktlichkeit, Regelmäßigkeit und Disziplin. Aber auch an Aufmerksamkeit und Anerkennung. Es genügt deshalb nicht, nur mit ihnen zu reden und ihre akuten Baustellen zu behandeln.Wir wollen mit ihnen auch etwas tun, wollen ihnen helfen, ihre Begabungen und Fähigkeiten zu erkennen, und ihnen so Perspektiven aufzeigen. Viele von ihnen sind am Ende selbst überrascht, was in ihnen steckt, entfalten Talente, von denen sie nicht wussten, dass sie sie haben,weil sie bis dahin von niemandem entdeckt oder gefördert wurden.“ Nach etlichen Anzeigen, Haft- und Bewährungsstrafen wegen Körperverletzung, Drogen, Beamtenbeleidigung und Diebstahl, diversen ambulanten und stationären Drogentherapien, nach einer wegen Drogenkonsum abgebrochenen Lehre in der Gastronomie und einem ebenfalls wegen Drogenabhängigkeit abgebrochenen Freiwilligen Sozialen Jahr war Florian klar, dass sich etwas ändern muss. Sechs Monate war er zur Entgiftung in der vom Deutschen Orden geführten Würmtalklinik in Gräfelfing. Seitdem hatte er zwei Rückfälle mit Haschisch und zwei mit Ecstasy. Seit Januar ist er clean. Am meisten geholfen, sagt er, habe ihm dabei seine Bewährungshelferin und das Praktikum, das er im Rahmen eines so genannten Ein-Euro-Jobs macht: Seit fast einem Jahr arbeitet er in einem Münchner Hort, in dem Grundschulkinder der Jahrgangsstufen eins bis vier sowie Förderschulkinder betreut werden. Die Hortleiterin und seine Kollegen loben sein Gespür für die speziellen Bedürfnisse der Hortkinder und seinen partnerschaftlichen Umgang mit ihnen, seine Geduld und seine Umsicht sowie seine Einsatzfreude, seine Gewissenhaftigkeit und sein Verantwortungsbewusstsein. Florians Wunschziel, eine Ausbildung als Kinderpfleger anzustreben, wird von der Hortleitung aktiv unterstützt.„Wir sehen einfach, dass Florian sich Gedanken über seinen beruflichen Werdegang macht, und würden ihm wünschen, dass sein größter Wunsch, eine Ausbildung in einem sozialpädagogischen Berufsfeld, in Erfüllung geht. Florian ist ein Naturtalent. Während einer einwöchigen Ferienfahrt bewies er Einsatzbereitschaft ‚rund um die Uhr‘ und trug so erheblich zum Gelingen vieler schöner Ausnahmeerlebnisse für die Kinder bei.“ Besonders hervorzuheben seien außerdem seine Fähigkeiten im Bereich der Bewegungserziehung und Psychosomatik: „Es gelingt ihm beispielsweise ‚spielend‘, auch weniger sportliche Kinder für das Basketball-, Baseball oder Fußballspiel zu begeistern“, sagt seine Anleiterin. „Für die Kollegen hat er ein offenes Ohr und ein von Wertschätzung geprägtes Verhältnis. Er bringt sowohl eigene Ideen ins Team ein, kann aber gleichwohl mit konstruktiver Kritik umgehen und sein eigenes Verhalten reflektieren. Mit den Eltern pflegt er einen freundlichen und höflichen Umgangston, hat ein offenes Ohr für ihre Belange und genießt ihr Vertrauen. Wir empfinden seine Mitarbeit in unserem Haus als sehr große Bereicherung für die Kinder und das Team.“ Deshalb befürwortet die Hortleitung auch, dass Florian in Zusammenarbeit mit seiner bisherigen schulbegleitenden Maßnahme weiterhin sein Praktikum im Hort absolviert. Mit strukturierter Anleitung und fachlicher Unterstützung, davon sind die Hortleitung und seine Kollegen überzeugt, hat er gute Chancen, einen Ausbildungsplatz an einer Kinderpflegeschule zu bekommen. „Früher dachte ich immer, ich kann nur Drogen verkaufen. Die Anerkennung meiner Kollegen im Hort, vor allem aber die der Kinder, die ich betreue, geben mir echt ein gutes Gefühl.Was ich mir früher nie hätte vorstellen können: Ich schaffe es, regelmäßig zur Arbeit zu gehen.Nicht, weil ich es muss, sondern weil ich es will.“ Und auch die Betreuerin der schulischen Maßnahme findet, dass „Florian den vereinbarten Zielen wie Pünktlichkeit und Durchhaltevermögen – auch in für ihn schwierigen Situationen – deutlich näher gekommen ist“. Florian: „Mir geht es gut. Mit der momentanen Situation bin ich echt zufrieden. Das Praktikum läuft super. Die Sache mit der eigenen Wohnung hat endlich auch geklappt. Und ich bin clean. Sieht aus, als würde ich mein Leben endlich auf die Reihe kriegen. Wenn jemand an dich glaubt, hast du auch viel mehr Bock, dessen Hilfe anzunehmen. Ich hab es vielleicht nicht auf Anhieb und auch nicht ganz allein geschafft. Trotzdem: Nach allem, was früher so lief, bin ich jetzt echt stolz auf mich.“

Daniela Walther

Im Oberstübchen sitzt kein Oberboss

Und das ist nur eine von vielen überraschenden Erkenntnissen aus der Gehirnforschung

Die Pille für die ewige Jugend gibt es immer noch nicht. Aber es gibt eine tolle Erkenntnis: Der Mensch ist bis an sein Lebensende lernfähig. Denn, so die fundamentale wissenschaftliche Entdeckung, der Mensch bildet bis ins hohe Alter neue Nervenzellen. „Neurogenese, also Neubildung von Nervenzellen, ist auch im Alter möglich“, so Christian Madry, Mitarbeiter am Max-Planck-Institut (MPI) für Hirnforschung in Frankfurt. Hauptsächlich im Hippocampus, dem für Lern- und Gedächtnisvorgänge zentralen Teil im Gehirn, bilden sich ein Leben lang Nervenzellen aus so genannten Stammzellen. Der Hippocampus wird gern mit einer großen Bibliothek verglichen, in der das Wissen wie in Büchern verwaltet wird und abgerufen werden kann. Entstehen nun neue Zellen, so ist das, als hätte man sich ein neues Bücherregal geleistet. Dafür müssen dann aber auch neue Bücher angeschafft werden. Denn die neugebildeten, noch unreifen Zellen überleben nur, wenn sie stimuliert werden, zum Beispiel durch geistige Aktivität. Dadurch füllen sich die Bücherregale quasi mit neuen Büchern, also mit neuem Wissen. Im Tiermodell konnten Wissenschaftler zeigen, dass sowohl geistige als auch körperliche Fitness die Neubildung der Nervenzellen fördert. Es gibt Indizien dafür, dass sich solche Ergebnisse auch auf den Menschen übertragen lassen. Die Forscher haben auch festgestellt, dass durch das Hormon Cortisol, das bei Stress ausgeschüttet wird, die Nervenzellen direkt beeinflusst werden. Sie sterben nämlich ab. Auch hier kann man offensichtlich dazu beitragen, dass möglichst viele Nervenzellen überleben und aktiv sind. Das Forschen im Gehirn ist eine spannende Angelegenheit, und immer wieder gibt es überraschende Erkenntnisse. Um sich jedoch ein Bild von dem komplexen Wechselspiel im Gehirn machen zu können, müssen die Wissenschaftler in ihren Modellversuchen die Vorgänge vereinfachen. Nur so ist es möglich, sich dem anzunähern, was im Gehirn passiert. Keinesfalls ist davon auszugehen, dass im Kopf des Menschen ein Steuerungssystem sitzt, das zentral arbeitet, vielmehr ist es „Ein Orchester ohne Dirigent“, wie es Professor Wolf Singer, Neurophysiologe am Max-Planck-Institut in Frankfurt, beschreibt. Dieses Organ sei in hohem Maße dezentral organisiert, in ihm liefen jeweils unzählige unterschiedliche Prozesse parallel in sensorischen und motorischen Subsystemen ab – es gebe eben kein singuläres Zentrum, das diese vielfältigen Prozesse verwalte, so der Wissenschaftler. Wie dieses System sich seiner selbst bewusst werde, zähle zu den spannendsten philosophischen Fragen unserer Zeit, ist Professor Singer der Meinung. Warum kann der Mensch auch über sein Denken nachdenken? Die Hauptrolle im Gehirn spielen die Nervenzellen. 100 Milliarden gibt es davon und jede einzelne dieser Zellen ist mit 10 000 anderen über Synapsen verbunden. Macht etwa 100 Billionen Verknüpfungspunkte. Diese Verbindungspunkte bestimmen Qualität und Leistungsfähigkeit des Gehirns. Sie können sich ständig verändern, neu erschaffen oder abbauen. Ein Computer mit nur einem Gigahertz Taktfrequenz beispielsweise ist dem Gehirn mit nur einem Kilohertz an Schnelligkeit bei weitem überlegen. Da der Computer aber starre Schaltkreise und Verbindungen hat, kann er dem Gehirn mit seinen variablen und komplex funktionierenden Synapsen trotzt allem nicht das Wasser reichen. Mittels chemischer Botenstoffe werden in den Synapsen Informationen an die nächste Nervenzelle weitergegeben. Wie das genau funktioniert, „wie zwei Nervenzellen miteinander kommunizieren, das versuchen wir herauszukriegen“, sagt Christian Madry. Es wurde nun festgestellt, dass in den Synapsen die Informationen nicht nur weitergegeben, sondern auch reguliert werden. Forscher haben spezielle Proteine ausgemacht, die die Übertragungsleistung von Nervenzellen vielfältig steuern. In einem Bericht des Göttinger Max-Planck-Instituts ist darüber zu lesen, dass die Nervenzellen am Hippocampus zwei Proteinvarianten enthalten und dass die einzelnen Nervenzellen ihre jeweils bis zu 1000 Synapsen in unterschiedlicher Weise mit diesen Proteinen ausstatten. Deshalb ist die gleiche Nervenzelle des Hippocampus in der Lage, gleichzeitig unterschiedliche Informationen mit verschiedener Leistung oder Qualität an andere Nervenzellen zu übertragen. Die Forscher betonen, dass diese Entdeckung eine zentrale Bedeutung für die Eigenschaften von Nervenzellen hat, die bei Lern- und Gedächtnismechanismen eine Rolle spielen und somit auch für das Verständnis von Entwicklungs-, Lern- und Krankheitsvorgängen im Gehirn: „Wechselt der Übertragungskanal in einer Nervenzelle, verändert sich die Qualität der Information – Signale werden verstärkt oder abgeschwächt, Informationen gelernt oder vergessen. Wird diese proteingesteuerte ,Zweikanal- Technik‘ gestört, können Krankheitserscheinungen von Gedächtnisproblemen bis zu Schizophrenie auftreten“, so wird aus dem MPI-Göttingen zu den neuen Erkenntnissen berichtet. Die Wissenschaftler sind der Meinung, dass eine Umverteilung der Proteinvarianten einfach wäre und somit eine Veränderung der Lern- und Gedächtnisprozesse möglich wird. So, dies die großartige Folgerung daraus, sind Krankheiten wie Demenz oder Ähnliches zu beeinflussen. Auch Bernhard Meyer beschäftigt sich mit der Heilung von Krankheiten im Gehirn. Er ist Professor für Neurochirurgie und Direktor am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München und er weiß es zu schätzen, dass sich in den vergangenen zehn Jahren enorm viel getan hat auf dem Gebiet der Gehirnchirurgie. „Das, was wir heute alles operieren, wäre vor 15 Jahren noch undenkbar gewesen“, sagt Professor Meyer. Selbst für ihn ist es immer wieder überraschend, wie vielen Patienten er helfen kann. „Früher musste man davon ausgehen, dass sich ein Mensch nach einem Eingriff am Gehirn verändert hatte. Heute verlaufen die Operationen so, dass 98 Prozent der Patienten völlig unverändert sind“, erklärt Professor Meyer. Neu fundiert ist die Erkenntnis, dass ein bösartiger Tumor am besten entfernt werden sollte, weil damit die Überlebenschancen des Patienten besser sind. Analog dazu haben sich auch die Behandlungsmöglichkeiten entwickelt. So überprüft Professor Meyer vor einer Operation alle Aufnahmen, die vom Gehirn des Patienten mittels Röntgen, Computertomographie und Magnet-Resonanz-Verfahren erstellt wurden, um sich ein möglichst genaues Bild des Gehirns zu machen. Während der Operation arbeitet er meist mit einem Mikroskop, um das Operationsgebiet vergrößert zu sehen. Auch wird manchmal eine so genannte Stereotaxie eingesetzt, ein Rahmen, der, um den Kopf des Patienten gelegt, ein Raster des Gehirns liefert, wie bei einer Landkarte. Dafür werden Daten von mehreren Bezugspunkten in einen Computer eingegeben und so deren exakte Lage bestimmt. Dadurch werden Professor Meyers chirurgische Instrumente schonend durch das Gehirn des Patienten navigiert, ohne gesundes Gewebe zu verletzen. Sicherer kann manche Operationen auch dadurch werden, indem man dem Patienten keine Vollnarkose gibt. Da das Gehirn selbst schmerzunempfindlich ist und der Patient deshalb nur minimal betäubt werden muss, kann er eine wichtige Hilfe bei der Operation sein. Der Arzt hat dann nämlich die Möglichkeit, den Zustand des Patienten direkt zu kontrollieren, indem Letzterer beispielsweise sprechen muss, während der Chirurg in der Nähe des Sprachzentrums operiert. Alle modernen Methoden eines neurochirurgischen Eingriffs sind relativ aufwendig, doch nicht endgültig entwickelt. Im Durchschnitt operiert Professor Meyer täglich einen Tumor. Er ist also sehr routiniert, dennoch kann er keine Wunder vollbringen. Notfalloperationen am Gehirn sind noch immer problematisch. „Etwa das Sprachzentrum zu reparieren, das geht nicht“, so der Professor, „ich kann im Nervenzentrum keine Verbindungen reparieren.“

Dorothea Büchele

Drohen, schmeicheln, betteln

Wie schafft man es, andere dazu zu bringen, das zu tun, was man will?

Tobias ist drei Jahre und seine bevorzugte Methode, seinen Willen durchzusetzen, sind Tobsuchtsanfälle. Im Nu verwandelt sich das sonst so anschmiegsame Kind in einen kleinen Tyrannen. „Dann schreit er wie am Spieß“, erzählt seine Mutter Martina, 30 Jahre, „brüllt, dass er mich hasse, wirft sich auf den Boden, schlägt wild um sich und manchmal auch auf mich ein“. Und er hat Erfolg damit. Denn Martina und auch ihr Mann Frank, 31 Jahre, geben jedes Mal nach – nur um ihren Sohn ruhig zu bekommen. „Anfangs habe ich noch mit ihm rumdiskutiert, wenn er ständig dazwischengeredet hat, während ich mit meinem Mann, der Kindergärtnerin oder einer Freundin gesprochen habe, habe ihm erklärt, dass wir das nicht brauchen, und mit ihm verhandelt, wenn er mir im Supermarkt den ganzen Wagen mit Süßkram vollgepackt hat, ihm Überraschungen für den Nachmittag versprochen,wenn er sich morgens wieder einmal partout nicht anziehen wollte, und versucht, ihn zu beschwichtigen und irgendwie gnädig zu stimmen, wenn er wieder mal getobt hat wie ein Berserker.Aber das kostet so viel Kraft. Ich kann einfach nicht mehr. Ich bin des Erklärens und Besänftigens, des Drohens und Versprechens, des Bittens und Bettelns so müde. Ich weiß einfach nicht mehr, was ich noch machen soll.“ „Bestimmt auftreten“, lautet der Rat der Sozialpädagogin und Autorin Beate Weymann- Reichardt.Und mit „bestimmt auftreten“ meint sie, dem Kind entschlossen, innerlich gefestigt, zuversichtlich und entspannt gegenüberzutreten und damit klar zu stellen, wer in der Familie das Sagen hat. Denn „die Eltern-Kind-Beziehung kann nicht demokratisch sein, auch wenn viele Eltern und Erzieher heute glauben, dass sie das sein müsse“, erklärt die Autorin Elisabeth C. Gründler (www.familienhandbuch. de) und bezieht sich dabei auf den dänischen Familientherapeuten Jesper Juul, der klar unterschied: „Nicht gleichberechtigt sind Eltern und Kinder, sondern sie verfügen als Menschen über die gleiche Würde.“ Würde und Gleichberechtigung bezeichneten allerdings zwei vollkommen unterschiedliche Qualitäten: Erwachsenen müssten sich jederzeit so verhalten, dass sie die Würde des Kindes nicht verletzen. Gleichberechtigt sei das Kind deswegen aber nicht, so Juul. Und Elisabeth C. Gründler erläutert: „Gleichberechtigt ist ein abstrakter, politischer Begriff, der die rechtliche Gleichheit aller Bürger beschreibt.“ Das beinhalte neben gleichen Rechten auch gleiche Pflichten und die Übernahme von Verantwortung. „Und damit wird schon deutlich, warum Eltern und Kinder nicht gleichberechtigt sein können. Ein Dreijähriger ist, ebenso wie ein Fünf-, Zehn- oder Fünfzehnjähriger, überfordert, im gleichen Maße Pflichten und Verantwortung zu übernehmen wie ein Erwachsener.“ Die Anerkennung der Würde dagegen bedeute: In der konkreten Situation die Bedürfnisse des Kindes anzuerkennen und eine befriedigende Beziehung herzustellen. Für die Qualität der Beziehung aber trägt immer der Erwachsene die Verantwortung, nie das Kind. Tobias erprobt seinen Willen. Das muss und soll er auch. Es gibt viele Situationen, in denen ein Dreijähriger etwas anderes will als die Mutter oder der Vater. Und hier genügt laut Beate Weymann-Reichardt durchaus ein klares, bestimmtes, möglichst freundliches und entspanntes „Nein, das geht jetzt nicht!“ seitens der Eltern.Und zwar ohne Begründung. Eltern müssten sich einfach bewusst machen, dass manche Äußerungen eben keine Bitte, sondern eine Forderung darstellen, zu der sie zweifelsfrei berechtigt sind, meint die Expertin. Denn Kinder wünschen sich starke Eltern, die sich den Konflikten mit ihnen stellen, sie anleiten und ihnen Grenzen setzen. Der Erziehungsstil der meisten Eltern bewege sich jedoch, so das Autorenpaar Volker und Beatrice Bachmann (unter anderem „Handbuch der Ehe- und Familienberatung“, „Zeit-Management für die Familie“), abwechselnd zwischen Autorität und Nachgiebigkeit. Vor allem Eltern, die selbst streng erzogen wurden, nehmen sich oftmals vor, ihren eigenen Kindern mehr Freiheit zu gewähren.Was oft dazu führt, dass sie Verhaltensweisen hinnehmen, die ihnen eigentlich missfallen. Volker und Beatrice Bachmann zufolge hilft da nur eines: „Wenn Sie ein Verhalten einfordern oder eines abstellen möchten, lassen Sie sich nicht mehr in Diskussionen hineinziehen, verhandeln Sie nicht mehr, sondern bestehen Sie auf einer berechtigen Forderung.“ Das gilt für große Kinder ebenso wie für kleine: Wenn man einem kleinen Kind, immer wenn es die Nase hochzieht, statt zu schimpfen oder ihm ein Taschentuch zu bringen, ihm entspannt und freundlich erklärt, wie viel wohler es sich mit einer freien Nase fühlen würde, dann wird es das irgendwann auch von alleine tun. Und wenn man einer 14-Jährigen freundlich, aber bestimmt klar macht, dass sie gern freitags, samstags oder in den Ferien bei der besten Freundin schlafen darf, nicht aber, wenn am nächsten Tag Schule ist, dann wird sie das irgendwann akzeptieren und nicht mehr stundenlang mit der Mutter das Warum diskutieren, bevor sie wutschnaubend und türknallend in ihrem Zimmer verschwindet – nur um es ein paar Stunden später schmeichelnd und mit süßem Stimmchen beim Papa zu versuchen. Vorausgesetzt, die Eltern selbst gehen achtsam und offen miteinander um, und lassen sich nicht manipulieren und gegeneinander ausspielen. Kinder beobachten sehr genau, wie ihre Eltern Konflikte lösen, ob und wie immer einer von beiden dem anderen seinen Willen aufzwingt und wie der, der immer nachgibt, letztendlich mit der „Niederlage“ umgeht, und nutzen Schwächen der Eltern auch entsprechend aus. Dr.Manfred Hofferer vom Institut für Kommunikationspädagogik in Wien rät Eltern deshalb, einmal darüber nachzudenken, welche Erfahrungen sie selbst als Kinder mit Autorität gemacht haben und wie es ihnen gelingt, mit ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen umzugehen: Wissen Sie, was Sie wollen? Können Sie auf die Durchsetzung Ihres Willens aus Einsicht oder aus Liebe zu einem anderen Menschen verzichten? Neigen Sie zu Ironie, wenn Ihnen etwas missfällt? Verlegen Sie sich aufs Betteln und Schmeicheln oder ziehen Sie sich gekränkt zurück, wenn Ihre Wünsche nicht beachtet werden? Nehmen Sie die Bedürfnisse der anderen immer wichtiger als Ihre eigenen? Für Hofferer ist klar: „Wenn wir selbst kaum oder keinen Zugang zu unseren eigenen Wünschen und unserem Wollen haben, wird es uns auch schwer fallen, die Entwicklung des Willens unserer Kinder zu fördern beziehungsweise ihre Willensäußerungen positiv anzunehmen.“ Denn der Wille des Kindes ist ja nicht immer bloßer Trotz und reine Willkür, sondern auch Ausdruck seiner Kritik- und Durchsetzungsfähigkeit, seines Selbstbewusstseins und seines Wunsches nach Selbstbestimmung. Das sah auch der Arzt und Psychologe Rudolf Dreikurs so, einer der großen Pioniere der Pädagogik. In seinem Erziehungsratgeber „Familienrat“, der in Deutschland erstmals 1977 erschien und 2003 zum wiederholten Male neu aufgelegt wurde, führt Dreikurs in Verhaltensweisen ein, die Eltern helfen, Spannungen und Konflikte innerhalb der Familien zu lösen, aus erzieherischen Sackgassen wieder herauszufinden, ihr eigenes Handeln zu hinterfragen, neue Umgangs- und Handlungsperspektiven im Umgang mit ihren Kindern zu entwickeln und dabei ihre elterliche Kompetenz zu stärken. Dreikurs geht auch der Frage nach, ob so etwas wie eine „praktizierte Demokratie“, also eine Gleichberechtigung aller Familienmitglieder, möglich ist. Anders als der Däne Jesper Juul, so Michael Schnabel vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München, war Dreikurs von dieser Form des Familienlebens überzeugt. „Denn auf Dauer kann das Zusammenleben in Familien nur gelingen,wenn Wünsche,Vorstellungen und Erwartungen aller Familienmitglieder beachtet werden und bei Meinungsverschiedenheiten ein Ausgleich gefunden wird“, erklärt er. Kindern ein Mitspracherecht einzuräumen bedeutet ja auch nicht, sie das „Sagen“ im Familiensystem übernehmen zu lassen. Ganz im Gegenteil. Der „Familienrat“, so wie er von Dreikurs beschrieben wird, ist ein Forum, in dem alle Familienmitglieder sprechen können, ohne unterbrochen zu werden, und in dem sie die Freiheit haben, sich auszudrücken, wie sie wollen, ohne Furcht vor irgendwelchen Konsequenzen und ohne Rücksicht auf Alter und Stellung. „Wenn der Familienrat funktioniert“, so Schnabel, „erübrigt sich nutzloses Reden weitgehend. Es ist nicht mehr notwendig zu ermahnen, sich zu beklagen, zu nörgeln, zu zanken und zu drohen. Stattdessen kann man sich freundlich unterhalten.“ Außerdem sei es in einem Klima gegenseitigen Respekts für Kinder wesentlich einfacher, ihre Bedürfnisse und Wünsche zu äußern. Denn nur, wer sich als Kind ernst genommen fühlt, wird auch als Erwachsener seinen Standpunkt klar und dennoch entspannt vertreten und seine Bedürfnisse und Wünsche adäquat äußern können. Und Eltern, die ein gutes Vorbild abgeben, brauchen auch nicht explizit auf die Selbstverwirklichungs-, Durchsetzungs- und Kritikfähigkeit ihrer Kinder zu achten.

Daniela Walther

Der Wille zum Kind

Es gibt Paare, die sehr viel auf sich nehmen, um endlich den ersehnten Nachwuchs im Arm zu halten. Doch häufig bleibt er dennoch aus

„Fast alle Frauen, von der Pubertät bis zur Menopause, gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass sie Kinder bekommen können. Wird der Kinderwunsch auf natürlichem Wege nicht erfüllt, kann das zu starken emotionalen und psychischen Reaktionen führen. Ungewollte Kinderlosigkeit stellt für die betroffenen Paare eine große psychische Belastung dar“, so Dr. Kristin Härtl, Diplompsychologin an der Frauenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München, Abteilung Psychosomatische Gynäkologie und Geburtshilfe. Meist ist schon viel passiert, wenn die Paare sich zu einer Behandlung in einem Kinderwunschzentrum entscheiden und der Kinderwunsch ist in der Beziehungen ein zentrales Thema. Hoch sind dann die Erwartungen in die Reproduktionsmedizin und die Paare hoffen auf schnelle, nicht selten sogar auf garantierte Erfüllung ihres Kinderwunsches. Etwa 1400 Patienten pro Jahr lassen sich an der Frauenklinik zum Thema beraten, jährlich werden, zirka 450 Paare behandelt. Seit Januar 2004 zahlen die Kassen die Behandlungen nicht mehr. „Bei durchschnittlich 30 bis 40 Prozent der Paare führt die Therapie zum Erfolg“, sagt Privatdozent Dr.Markus S. Kupka, Leiter der Arbeitsgruppe Kinderwunsch an der LMU. Der Fortpflanzungswille des Menschen ist natürlich. Auch Christiane wünschte sich ein Kind, deshalb hat sie sich, als sie auf die Vierzig zuging und immer noch nicht schwanger wurde, über die medizinischen Möglichkeiten informiert. Im Nachhinein allerdings erscheinen ihr Beratung und vor allem Betreuung des behandelnden Arztes in einer Privatpraxis mangelhaft. Viele Fragen blieben offen, mit vielen Emotionen musste sie allein klar kommen.„Die Gespräche waren rein medizinischtechnischer Art,“ erinnert sie sich. Dennoch hatte sie keine Zweifel, dass es richtig war, alle Angebote, die die Medizin macht, auszuschöpfen. Im Gegenteil: „Ich hatte immer Bedenken, dass ich mir irgendwann einmal Vorwürfe machen würde, würde ich jetzt nicht alles versuchen.“ Zwei Jahre lang nahm sie Kortison ein, um den Hormonspiegel zu regulieren. Schließlich wurden, nach dem sich keine Schwangerschaft einstellte, mehrere Inseminationen (das Sperma wird in den weiblichen Genitaltrakt eingebracht) und dann eine In-Vitro-Fertilisation gemacht (IVF – Befruchtung im Reagenzglas, die entstandenen Embryonen werden in die Gebärmutter gegeben). Bei beiden Behandlungen werden zusätzlich Hormone verabreicht. „Ab einem bestimmten Zeitpunkt“, so Christiane, „beherrscht der Kinderwunsch beziehungsweise ihn zu erfüllen den Alltag. Man nimmt immer irgend etwas ein.“ Vertragen hat sie all die Hormone und das Kortison recht gut. Sie hatte lediglich ein wenig zugenommen. Zuversichtlich und, wie sie glaubte, durchaus distanziert, nahm sie der Reihe nach fast alle medizinischen Methoden in Anspruch. Aber es war sehr schade, erinnert sie sich,wenn nach einer Insemination doch wieder die Regelblutung einsetzte. Es war auch nicht erbaulich, das dem Arzt am Telefon mitzuteilen, da ein neuer Termin zur nächsten Insemination vereinbart werden musste. „Es gab keine psychologische Unterstützung und auch kein Gespräch darüber, wie sinnvoll es ist, einen vierten oder fünften Versuch zu starten.“ Aber tapfer und voller Hoffnung verfolgte sie ihr Ziel. Als dann auch die letzte Möglichkeit der IVF fehlschlug, war sie sehr enttäuscht, „ich bin zusammengebrochen.“ Das bringt sie auch mit den Hormonen in Verbindung. „Ich fühlte mich ‚östrogenschwanger‘.“ Eine weitere IVF-Behandlung wollte sie nicht mehr, da sie sich wie in einem „fatalen Strudel“ medizinischer Strategien fühlte und erst einmal auf Distanz gehen wollte. Christiane hat immer in ihrem Freundeskreis darüber gesprochen, dass sie, um schwanger zu werden, in Behandlung war. Und sie hat festgestellt, dass es selbst dort nicht nur Verständnis und Anteilnahme gab: „IVF ist in der Gesellschaft ein Tabu“, ist ihre Erfahrung. „Es kommen allerlei unqualifizierte Kommentare und es herrscht ein erstaunlicher gesellschaftlicher Druck.“ Dass die Kinderwunschbehandlung in der Gesellschaft oft tabuisiert wird, bestätigen auch die Spezialisten an der LMU.„Die Frauen haben häufig Schuld- oder Versagensgefühle. Sie ziehen sich oft zurück, wenn es mit der Schwangerschaft nicht klappt. Es ist ihnen unangenehm,wenn die Schwiegermutter immer wieder das Enkelkind einfordert“, so Dr. Kupka. Auch im Wartezimmer der Klinik werden die Frauen als sehr isoliert wahrgenommen; nur selten sprechen sie miteinander.Und wenn die Behandlung vorbei ist, selbst bei Erfolg, wird der Kontakt zum Team abgebrochen. Dr.Kupka hängt sich dann häufig ans Telefon, um zu erfahren,wie es seiner Patientin geht und wie die Geburt verlaufen ist.„Wir fragen uns oft: Wo lassen die Paare ihre Freude?“, so Dr. Kupka. Dabei könnte der Kontakt zum Kinderwunschzentrum der LMU bestens sein, schließlich werden dort Beratung und Betreuung groß geschrieben. Es ist eine der wenigen Abteilungen in Deutschland, in der Psychologen und Mediziner eng zusammenarbeiten. Sie versuchen, den Patienten, auch anhand von tatsächlichen Erfolgen in der Klinik, die reellen Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten einer Behandlung darzulegen. „Man hat schon mal das Bedürfnis, die Paare ein wenig auf den Teppich zu holen“, sagt Dr. Kupka. Doch selten ließen sie sich nach einem ersten Gespräch von ihrem Vorhaben abbringen.Dr. Härtl: „Der Kinderwunsch ist lebensbestimmend und die Hoffnung groß.“ Es wird dann abgeklärt, ob es körperliche Ursachen für die Kinderlosigkeit gibt: „Ein Drittel liegt es an ihm, ein Drittel an ihr und ein Drittel an beiden“, gibt Dr. Kupka als vereinfachten Richtwert an. Und er stellt fest: „Die Probleme bei den Männern haben in den vergangenen Jahren zugenommen.“ Diagnostiziert werden zum Beispiel Erektionsstörungen, mangelhafte Aufklärung zu einfachsten Fragen der Fortpflanzung, Beeinträchtigungen durch Umweltgifte und genetische oder organische Krankheiten. Manchmal heißt die Diagnose auch „idiopathisch“, also: keine erkennbaren körperlichen Zusammenhänge. Schon dies kann ein Schock sein, hatte das Paar vielleicht doch noch gehofft, dass es eine konkrete Erklärung gibt. Die Emotionen sind stark und bleiben heftig. Während der gesamten Behandlung sehen sich Dr. Härtl und Dr. Kupka immer wieder mit Wut, Trauer, Scham und Schuldgefühlen konfrontiert. „Jede Monatsblutung ist eine große Enttäuschung“, weiß Dr. Kupka und Dr. Härtl ergänzt: „Bei Misserfolg stellen sich Hilflosigkeit und Versagensgefühle ein.“ Vor allem Frauen machen sich Vorwürfe, machen ihre berufliche Karriere für die Unfruchtbarkeit verantwortlich, eine zurückliegende Abtreibung oder häufigen Partnerwechsel. Auch Männer geraten psychisch unter Druck. Aber die Behandlung wird schwieriger, je angespannter ein Paar ist. Deshalb wird eine Beratung oder auch eine paartherapeutische Behandlung immer wieder angeboten. In manchen Fällen ist der Druck nachvollziehbar. In den vergangenen Jahren waren überproportional viele Patientinnen über 40 Jahre zur Kinderwunschbehandlung an der LMU. Da tickt die biologische Uhr, und da ist der Wunsch besonders dringlich. „Oft machen diese betroffenen Frauen erstmals die Erfahrung, dass allein durch Willensanstrengung oder Leistung das ersehnte Ziel nicht erreicht wird“, erklärt Dr. Härtl. Die Frustration darüber bleibt nicht aus und Wut und Trauer müssen von den Spezialisten aufgefangen und ausgehalten werden. Der Kinderwunsch ist bei manchen Frauen so stark, dass sie sogar schwer krank und wohl deshalb unfruchtbar, das Kinderwunschzentrum aufsuchen. Dr. Kupka und Dr. Härtl hatten schon Patientinnen, die mit einem Nierenleiden oder auch einer tödlichen Krankheit um Unterstützung baten. Durch das Nierenleiden wäre das Leben der Mutter im Falle einer Schwangerschaft stark gefährdet gewesen und die todkranke Patientin hätte laut ärztlicher Diagnose nur noch kurze Zeit mit dem Kind zusammenleben können. „Der Kinderwunsch ist nicht immer rational“, sagt Dr. Kupka dazu. „Der Wunsch, im Kind weiterzuleben oder neues Leben gegen die todbringende Krankheit zu setzen, ist psychologisch gut nachvollziehbar und muss in therapeutischen Gesprächen mit der Patientin behutsam geklärt werden“, ergänzt Dr. Härtl. Aber selbstverständlich haben die Doctores das Recht, ethisch nicht vertretbare Behandlungen abzulehnen. Manche Paare sehen die medizinische Behandlung wie eine Geschäftsbeziehung. Sie bestellen, bezahlen und dafür möchten sie auch das Wunschkind haben. Das heißt einige bestehen so zu sagen auf Lieferung. Doch: „Wir können immer nur einen bestimmten Teil dazu beitragen. Der Rest ist der Faktor X“, stellt Dr. Kupka klar. Dass sich ihr Kinderwunsch nicht erfüllt hat, ist für Christiane nach etwa vier Jahren noch nicht „aktiv verarbeitet“, wie sie sagt. Es kamen ihr zwar keine Zweifel am Sinn des Lebens. Sie hat einen Beruf und eine Lebensform, die sie erfüllen. Dennoch sagt sie: „Ich kann damit leben, aber ich habe keinen Ersatz für Kinder gefunden.“

Dorothea Büchele

Schwere Willensfindung

Eine Patientenverfügung ist gut, doch besser ist, man braucht sie nicht

Vor etwa fünf Jahren hat Franziska G., Mitte 50, einen ersten Versuch angestellt. Sie wollte in einer Patientenverfügung schriftlich niederlegen, welche medizinischen Maßnahmen sie für sich ausschließt für den Fall, dass sie ihren Willen nicht mehr äußern kann. Doch die Designerin hat die Broschüre schließlich unverrichteter Dinge beiseite geschoben. „Ich habe mir irgendwann gedacht, hoffentlich passiert mir nichts, und habe das Ganze verdrängt.“ Sie würde die Sache gern noch einmal angehen, aber sie glaubt nicht, dass sie Entscheidungen, die ihr dabei abverlangt werden, nun leichter treffen könnte. Dass sie eine Patientenverfügung (PV) haben muss, um menschenwürdig sterben zu dürfen, empfindet sie als „Abwälzen der Verantwortung auf den Patienten. Die Gesellschaft drückt sich davor, das zu regeln“, fügt sie hinzu. Doch Sterben ist in Deutschland durchaus patientenfreundlich geregelt. Ärzte haben im geltenden Recht und in ihren standesrechtlichen Vorgaben, die das staatliche Recht ergänzen, eine sinnvolle Orientierungshilfe, die ein menschenwürdiges Ende ermöglicht. In den Grundsätzen der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung aus dem Jahr 2004 heißt es beispielsweise: „Aufgabe des Arztes ist es, unter Beachtung des Selbstbestimmungsrechtes des Patienten Leben zu erhalten, Gesundheit zu schützen und wieder herzustellen sowie Leiden zu lindern und Sterbenden bis zum Tod beizustehen. Die ärztliche Verpflichtung zur Lebenserhaltung besteht daher nicht unter allen Umständen.“ Der letzte Satz trägt der Tatsache Rechnung, dass die Mittel einer hochtechnisierten Medizin in den Händen eines Arztes, der alles Mögliche tut, den Patienten in einen furchterregenden Zustand zwischen Leben und Tod versetzen können. In der Broschüre des Christopherus Hospiz Vereins, „CHV aktuell“, vom April 2006 ist von jährlich 900 000 Sterbefällen in Deutschland die Rede. „In mindestens zwei Drittel der Fälle“, sagt Karlo Heßdörfer, „sterben die Patienten ohne eine medizinische Versorgung, die ihr Leben künstlich verlängert. Palliativ (Schmerz)- Intensivmediziner und Hausärzte haben ein gutes Gespür und die nötige Erfahrung, um die richtige Entscheidung treffen zu können“. Seines Wissens gibt es in Deutschland etwa 150 000 bis 200 000 Dauerkomapatienten, ohne Aussicht auf Genesung. Ihnen hätte eine PV unter Umständen zusätzliches Leid ersparen können. Heßdörfer war als Jurist im Staatsdienst und ist mittlerweile pensioniert. Seit sieben Jahren wirkt er ehrenamtlich im Christophorus Hospiz Verein mit. Seine juristischen Kenntnisse und seine Erfahrungen mit sterbenden Menschen führten dazu, dass die PV zu seinem Thema wurde. Für sich selbst hat er vor sieben Jahren eine formuliert und er aktualisiert sie alle zwei Jahre. Andere berät er bei der Willensfindung. „Eine gute PV regelt vier Grundsituationen“, erklärt er. „Die letzte Sterbe-, Krankheitsund Demenzphase zudem ist sie eine gute Lösung für das Problem Dauerkoma.“ Doch wozu braucht man eine PV,wenn die geltende Rechtslage eine ärztliche Versorgung zum Wohle des Patienten zulässt und nicht alle machbaren lebenserhaltenden Therapien vorschreibt? „Rund 60 Prozent der Ärzte und über 30 Prozent der Vormundschaftsrichter sind laut Umfragen mit der Rechtslage nicht vertraut“, steht in „CHV aktuell.“ „Eine PV gibt dem Arzt zusätzliche Rechtssicherheit“, sagt Heßdörfer. Es komme schon vor, dass Hinterbliebene gegen den verantwortlichen Mediziner wegen unterlassener Hilfeleistung prozessierten. „Ein Zuviel wird nicht bestraft, ein Zuwenig schon“, erklärt der Jurist. Der finanzielle Faktor spiele eine Rolle; die Apparate müssten sich schon rechnen und auch die Einstellung des Arztes beziehungsweise der Einrichtung, in der der Patient liegt. Das heißt, Heime oder Krankenhäuser unter kirchlicher Leitung erhalten Leben eher unter allen Umständen.Und es kann durchaus passieren, dass hier eine PV zunächst nicht als bindend betrachtet wird, obwohl sie eine Willenserklärung des Patienten ist. Jeder medizinische Eingriff setzt das Einverständnis des Patienten voraus. (Nur in einem Notfall geht der Arzt von einem stillschweigenden Einverständnis aus.) Dieses Selbstbestimmungsrecht des Patienten ist im Grundgesetz verankert. Die Kehrseite ist Eigenverantwortung, die zur Last werden kann,wenn man dem behandelnden Arzt nicht vertraut.„Das Vertrauen ist leider nicht so ausgeprägt“, sagt Franziska G.„Vertrauen gewinne ich,wenn mich der Arzt ernst nimmt, gut untersucht, wenn ich das Gefühl habe er macht nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel. Doch der Kostendruck ist für die Ärzte viel zu groß, als dass sie sich ordentlich mit dem Patienten auseinander setzen könnten“, sagt sie. Solange man sich äußern kann, hat man mit dem Selbstbestimmungsrecht zumindest theoretisch die Möglichkeit, den eigenen Willen durchzusetzen. Doch Selbstbestimmung bei Bewusstlosigkeit wird schwierig.Unter welchen Voraussetzungen lassen sich Dinge über Leben und Tod im Vorfeld regeln? Eine Vorgabe ist sicher, dass der Bürger seine Rechte, aber auch seine Pflichten kennt. Er muss also bereit sein, sich lange und immer wieder mit einem unangenehmen Thema zu befassen, sich über Chancen und Risiken medizinischer Maßnahmen zu informieren, und er muss letztlich Aussagen aufgrund von Statistiken und Wahrscheinlichkeiten Glauben schenken. Heßdörfer: „Männer fragen im Beratungsgespräch manchmal: ‚Wo soll ich mein Kreuzchen machen?‘ Frauen stellen öfter kritische Fragen.“ „Es ist schwer das alles zu entscheiden. Man kann es nicht einfach abhaken“, sagt Franziska G. Sicher ist sie sich darin: Sie würde Schmerzmittel wollen, auch wenn sich dadurch ihr Leben verkürzte. Und sie würde in der letzten Phase einen Herzschrittmacher ablehnen, weil sie dann ihre Chance auf ein friedliches Einschlafen verspielte. Aber streng genommen, „wenn ich mich auf die Frage ernsthaft einlasse, kann ich mit hundertprozentiger Sicherheit nicht einmal sagen, ob es besser ist, tot zu sein, als im Koma zu liegen. Vom Kopf her kann ich das entscheiden“, fügt sie hinzu, „vom Bauch her nicht“. Wer auf einen Lottogewinn setzt, kann auch in einer Genesungswahrscheinlichkeit von zwei Prozent seine große Chance sehen. Wer bereits das eine oder andere, wie auch immer geartete Wunder erlebt hat, glaubt daran, dass es sie gibt. Zudem muss der informierte Bürger die Erfahrung gemacht haben, dass sein Wille zählt und auch in die Tat umgesetzt wird,wenn es darauf ankommt.Von den etwa 45 BISSVerkäufern, die an einem Informationsvortrag zur PV teilgenommen haben, haben anschließend drei eine gemacht. Als einer von denen, die das Angebot abgelehnt hatten, gefragt wurde, warum, meinte er: „Es gibt Wunder.“ Einer, der das eher anzweifelt, ist Dr. Jürgen Bickhardt, Begründer des Erdinger Christophorus Hospiz Vereins und Vorstandsmitglied des Bayerischen Hospizverbandes. In der PV des 69-Jährigen steht, dass er grundsätzlich nicht wiederbelebt werden möchte. Es sei denn, im Rahmen medizinischer Eingriffe kommt es zu lebensbedrohlichen Situationen, die sofort behoben werden können. Dr. Bickhardt hatte als Internist, Kardiologe und Intensivmediziner eine leitende Position im Kreiskrankenhaus Erding inne. Er weiß: „Nur fünf bis zehn Prozent der Patienten kommen da ganz heil wieder heraus. Es spiet eine Rolle, wie viel Zeit vergangen ist. Mit der Reanimation produzieren wir Wachkomapatienten.“ So wichtig für ihn als Arzt eine PV ist, weil sie ihm Rechtssicherheit verschafft, so sicher ist er sich auch, dass die Mehrheit der Bevölkerung wohl keine formulieren wird. „Wenn wir das hochrechnen, werden es bestenfalls um die 35 bis 40 Prozent sein“, wagt er eine Einschätzung. Deshalb legt er auch besonderen Wert auf die „Ermittlung des mutmaßlichen Willens des Patienten“. Das erfordert Zeit und gute Gespräche mit Angehörigen, Krankenschwestern und mit Pflegern. „In einer solchen Situation müssen die Gesamtumstände berücksichtigt werden. Dazu gehören neben früheren Äußerungen des Patienten seine Erwartungen an das Leben, das Ausmaß leidvoller Symptome und die Fähigkeit oder Unfähigkeit, diese zu ertragen, aber auch seine Wertvorstellungen und religiösen Anschauungen“, erklärt Bickhardt. Für den Fall, dass sich der mutmaßliche Wille nicht ermitteln lässt, stehe das „objektive Wohl“ des Patienten im Vordergrund. Dann müsse zwischen Nutzen und Schaden der geplanten Maßnahmen für den Einzelnen abgewogen werden. „Ist eine solche Abwägung nicht möglich oder halten sich Nutzen und Schaden die Waage, ist dem Lebenserhalt Vorrang einzuräumen“, führt Bickhardt weiter aus. Zur Absicherung des Mediziners seien die Kenntnis der Rechtslage, eine äußerste Sorgfalt und eine nachprüfbare Dokumentation nötig. Diese patientenfreundliche Vorgehensweise basiert allerdings auf einer offenen Gesprächskultur und darauf, dass alle Beteiligten Zeit dafür haben.Und wenn es in Pflegeheimen, Kliniken und Krankenhäusern etwas nicht gibt, dann ist es Zeit; auch nicht für einen guten Informationsaustausch.„ Meistens geht es im Krankenhaus darum, möglichst viele Untersuchungen zu machen“, weiß Bickhardt. Linderung von Schmerzen und eine ganzheitliche Begleitung todkranker Patienten wird in den Palliativbereich verlagert, sofern überhaupt einer eingerichtet wurde. In „CHV aktuell“ steht:„Nur 2,3 Prozent der Sterbenden werden durch Palliativ-Care versorgt. Etwa 4,3 Prozent werden ehrenamtlich hospizlich begleitet. Von den fast 250 Milliarden Euro, die unser Gesundheitswesen jährlich kostet, fließen nur 12 Millionen in die ambulante hospizliche Betreuung und 24 Millionen Euro in die Palliativ- Care-Versorgung.“ Demnach scheint für ein menschenwürdiges Sterben eher von Belang zu sein, in welche Einrichtung man im Not- oder Krankheitsfall gebracht wird, als dass man eine PV hat. Franziska G. hat vorerst eine mündliche Vereinbarung mit ihrer Schwester getroffen. Im schlimmsten Fall soll die Angehörige gemeinsam mit dem zuständigen Arzt entscheiden, was mit Franziska G. geschehen soll. Die Designerin traut den Medizinern zu, dass sie erkennen, wann es dem Ende zugeht, und ihrer Schwester vertraut sie darin, dass sie letztlich die richtige Entscheidung treffen wird. Einen Rat hat Dr. Bickhardt noch:Medizinischen Maßnahmen nur zeitlich begrenzt zustimmen, beispielsweise Magensonde zunächst für sechs Wochen.

Eleni Adamidu

Die Patientenverfügung
„Vorsorge für Unfall, Krankheit und Alter“ wird vom Bayerischen Staatsministerium der Justiz herausgegeben. Sie ist beim C.H. Beck Verlag erschienen und für 3,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Die Broschüre wurde von den Mitgliedern des Arbeitskreises „Vorsorge“ im Rahmen der Christophorus Akademie für Palliativmedizin, Palliativpflege und Hospizarbeit im Interdisziplinären Zentrum für Palliativmedizin, Klinikum der Universität München-Großhadern, verfasst (IZP Telefon 7095-4930). Karlo Heßdörfer und Dr. Jürgen Bickhardt haben in diesem Arbeitskreis mitgewirkt. In der ersten Stufe der PV werden Regelungen für die letzte Krankheits-, Demenz- und Sterbephase sowie für das Dauerkoma getroffen. Die zweite Stufe ist für Menschen gedacht, die an einer unheilbaren Krankheit leiden und festlegen wollen, wie sie im Fall von Komplikationen behandelt werden möchten. Es empfiehlt sich, in einer Vorsorgevollmacht Vertrauenspersonen zu Bevollmächtigten einzusetzen, die stellvertretend entscheiden, wenn man selbst nicht in der Lage dazu ist. Der Christophorus Hospiz Verein bietet an jedem letzten Mittwoch des Monats ein Beratungsgespräch (Eintritt 5 Euro) zum Verfassen einer PV an. Einer der Berater ist Karlo Heßdörfer. Eine Voranmeldung ist nicht nötig. Effnerstraße 93 (Telefon 13 07 87-07). Dr. Jürgen Bickhardt berät nur noch dieses Jahr im Christophorus Hospiz Verein Erding (Telefon 081 22/90 16 83). Er findet, mit 70 Jahren kann er guten Gewissens alle Ämter niederlegen, um seinen Ruhestand zu genießen.
ela

Sich zusammenreißen reicht nicht

Um von der Sucht loszukommen, muss man ein neues Leben wollen

“Der Entschluss zu einer Therapie ist ausschlaggebend”, sagt Christoph Teich, Diplomsozialpädagoge und Leiter des Beratungs- und Therapiezentrums Tal 19 in München (Telefonnummer siehe Seite 31). Erst wenn der Wille zu einer Veränderung bekundet wird, kann die Therapie beginnen.Meist kommt niemand freiwillig in die Beratungsstelle, sondern es hat Druck von außen gegeben: durch den Partner, den Arbeitgeber, die Krankenkasse oder durch Entzug des Führerscheins. Ziel des Sozialpädagogen ist es nun, mit den Abhängigen die Situation und die Möglichkeiten zu klären. “Es geht nicht darum, ihn zu überzeugen, Klärung ist das Wichtige. Überzeugen wollen könnte kontraproduktiv sein”, so Christoph Teich. Der Abhängige soll in die Lage versetzt werden, Vor- und Nachteile, die ihm seine Sucht und die Droge bringen, gegeneinander abzuwägen und dann eine Entscheidung zu treffen. Von 1000 Frauen, Männern und Jugendlichen, die zur Beratung kommen, entschließen sich etwa 100 zu einer Therapie. Etwa 30 Prozent der suchtkranken Menschen sind dauerhaft abstinent, bei weiteren 30 Prozent tritt eine deutliche Besserung ein. Es gibt keine Heilung. “Aber die Ergebnisse sind im Vergleich zu anderen chronischen Krankheiten eine gute Bilanz”, sagt Christoph Teich. Dennoch sagt die Statistik auch: Gut 30 Prozent werden rückfällig.Warum schafft es der eine und der andere nicht? Die Therapie ist nicht leicht, richtig schwierig wird es für den frisch Therapierten aber, wenn er zurück in seinen Alltag muss. Da wird deutlich, was es heißt, auf die Droge zu verzichten. Womöglich schließt sich der Suchtkranke damit aus seinem Alltag aus: “In vielen Fällen müsste der gesamte Freundeskreis aufgegeben werden”, erklärt Christoph Teich – und wer tut das schon gern. Dazu gehört viel Willensstärke, könnte man meinen. Christoph Teich will das nicht so formulieren, da Sucht früher immer nur mit einem schwachen Willen begründet wurde, was heute therapeutisch nicht mehr zu vertreten sei. Zwar wird auch in der Therapie die Frage gestellt, was einer will, entscheidend ist aber auch, was der Einzelne als Suchtabhängiger tun kann, um die Situation zu verändern. Allein die zuversichtliche Meinung “ich reiße mich zusammen” ist selten eine effektive Maßnahme gegen die Sucht. “Suchtmittel werden eingesetzt wegen innerer Spannungen. Es muss eine Alternative gefunden werden, um den Spannungen zu begegnen”, erklärt Teich. “Allein der Wunsch oder der Wille, nichts mehr zu trinken, funktioniert nicht”, bestätigt der 41-jährige Matthias, 25 Jahre lang war er alkoholsüchtig. Bereits als Jugendlicher hatte er übermäßig getrunken. “Ich hatte immer das eine oder andere Bier mehr als die anderen”, erinnert er sich. Schleichend zog sich das weiter. Es hat ihn gestört und er hat seine Sucht auch vor sich nicht verleugnet. Aber er war nicht stark genug, die Finger vom Alkohol zu lassen. “Ich wollte weniger trinken, aber den Kampf habe ich jeden Tag verloren”, sagt er. Um sein, wie er es ausdrückt, “Versagen” und “sich selbst wieder nicht gerecht geworden zu sein” auszuhalten, hat er dann wieder getrunken – ein Teufelskreis. Schließlich empfand er es als regelrecht schockierend, dass er nicht mehr über sich und sein Leben bestimmen konnte. An dem Punkt fing er an, sich vorsichtig über mögliche Hilfen zu informieren, hat Zeitungsanzeigen gesammelt und Hotlines angerufen. Schließlich hat er sich dem Betriebsrat anvertraut und einen Arzt aufgesucht. Dieser hat ihm diverse Therapiemöglichkeiten vorgestellt, entscheiden musste Matthias selbst. Er begab sich in eine dreiwöchige stationäre Behandlung zur qualifizierten Entgiftung und fühlte sich danach schon viel besser: “Und vor allem hatte ich kapiert: Ich kann nicht gegen meine Sucht ankämpfen, sondern muss Hilfestellungen suchen und muss um meine positive Lebenseinstellung kämpfen”, so Matthias. “Die meisten Menschen haben Ressourcen, an die man anknüpfen kann”, sagt Christoph Teich. Ein Suchtkranker, der dauerhaft seiner Krankheit trotzt, hat zum Beispiel seine kreative oder sportliche Seite wiederbeleben können und hat daraus eine Strategie entwickelt, die er einsetzt, wenn er unter Druck gerät. Er geht joggen, wenn er sich nicht gut fühlt, oder malt, modelliert, schreibt – tut etwas, was ihn aus der bedrohlichen Situation befreit. Und Christoph Teich weiß aus Erfahrung, dass sich der Abhängige für eine langfristig erfolgreiche Therapie Ziele setzen muss: “Wir arbeiten mit den Klienten Ziele heraus.Wird ein Therapieziel entwickelt, wird auch bewusst, was bisher nicht gut lief”, sagt Christoph Teich. Da wird oft deutlich, dass der Körper mit einer Suchtkrankheit reagierte,weil man zu wenig auf sich selbst geachtet hatte, weil man zu viel Stress in der Arbeit hatte oder zu viel Verantwortung für andere übernahm. Die Therapie soll darin unterstützen, diese Muster und Fallen abzubauen. Gute Heilungschancen hat auch der, der Hilfe annehmen kann.Auch darauf arbeitet die Therapie hin.”Mit der Einstellung: Ich schaffe es allein, hat man eine schlechte Prognose”, so Christoph Teich. Auch Matthias weiß, dass er in der Therapie wichtige Hilfestellungen,Ratschläge und Anregungen erhält. Im Anschluss an die stationäre Behandlung, vor etwa eineinhalb Jahren, begann er eine ambulante Therapie und besucht seither eine Selbsthilfegruppe.” Ich habe durch die Therapie eine neue Sichtweise erhalten, habe nachgedacht und eine Lebensbilanz gezogen.” Und er fragte sich:”Was will ich? Den sozialen Abstieg?” Ihm wurde klar, dass er zu hohe Ansprüche an sich selbst stellte, dass sein Bedürfnis, sich zu kontrollieren, fatal war, und weiß jetzt: “Ich muss nicht perfekt sein.” Er hat gelernt, mit seinen Emotionen zu leben, und hat erfahren, was Freude und Trauer sind.”Heute freue ich mich darüber zu sehen, dass der Himmel blau ist. Früher war ich bei jedem Wetter betrunken.” Viel mehr als früher interessiert er sich nun auch für sein Gegenüber und setzt sich damit auseinander, was der andere denkt und fühlt. “Früher überlegte ich nur, kann ich mit dem trinken oder nicht?” Er ist sehr glücklich über das Gefühl, dass nichts mehr passieren kann, was er nicht verantworten könnte: “Mit 16 Bier weiß man nicht mehr, was man tut. Da erzählen es einem hinterher die anderen.” Diese neue Bewusstheit, “diese völlig neue Welt” will er nicht mehr aufgeben. Er empfindet sich nun als souverän, und das macht ihn zufrieden. Das Leben ohne Alkohol ist für ihn deutlich attraktiver, “und deshalb investiere ich immer wieder in meine Abstinenzentscheidung.” Dazu gehört, dass er über seine Krankheit spricht, dass er keinen Alkohol kauft und auch keine alkoholischen Getränke in die Hand nimmt. “Das Abwägen der Vor- und Nachteile” sieht auch Christoph Teich als wichtige Voraussetzung für eine langfristige Abstinenz. Wenn der Klient genügend positive Aspekte mit dem Verzicht auf die Droge in Zusammenhang bringen kann, wenn er gelernt hat, Warnsignale zu erkennen, und wenn er zudem Hilfestellungen eingebaut hat, dann hat er gute Chancen, sich nicht mehr seiner Sucht auszuliefern. “Es ist eine Krankheit, die man behandeln, aber nicht heilen kann”, weiß auch Matthias. Und deshalb muss der Klient mitarbeiten. “Die Therapie zielt auf die Verantwortung und den Willen ab”, sagt Christoph Teich. Guter Dinge und willig sind viele, die zur Therapie erscheinen. Aber dennoch ist die Gefahr eines Rückfalls groß.”Meist passiert es im ersten Jahr”, erklärt Christoph Teich. Die alkoholkranken Menschen sind dann in der Regel selbst sehr betroffen. “Sie empfinden es als Versagen, sind frustriert und verlieren womöglich die Motivation, die Therapie weiterzumachen. Die Gefahr, hängen zu bleiben ist groß”, so Christoph Teich, “Aber wir enttabuisieren den Rückfall, um den Klienten die Angst zu nehmen, dass alles umsonst war.” Als “Urlaub” vom harten Therapiealltag versucht der Therapeut den Ausrutscher zu vermitteln und will damit signalisieren, dass es möglich ist, nicht gleich wieder völlig in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. “Der Ausstieg ist nicht linear, eher wellenförmig”, sagt Christoph Teich. “Wir akzeptieren den Ausrutscher als Stadium der Genesung.” Allerdings ist der Therapeut nicht der Meinung, dass Alkoholkranke kontrolliert trinken können. Auch medizinische Erkenntnisse sprechen dagegen. Es ist wohl so, wie es Matthias empfindet:”Wenn ich zum Alkohol greifen würde, wäre alles vorbei. Es ist wie beim Computer: Wenn ich die Entertaste drücke, dann habe ich verloren.”
Dorothea Büchele

Antriebsmotor

Kein Wille, keine Motivation. Denn das, was man sich vorstellt, will man meistens auch erreichen oder haben

Bereits morgens, wenn man aus dem Schlaf in den Wachzustand gleitet, wird man mit einer Entscheidung konfrontiert:Will man die Augen aufmachen? Oder lieber doch noch ein bisschen weiterschlafen? Schon kommen die zwei Pole ins Spiel, die aus psychologischer Sicht das Menschsein bestimmen. „Da gibt es die Pflichtseite, mit Normen und Regeln, also die äußere Realität mit ihren Bedingungen. Und es gibt die Lustseite, die für den Genuss steht und all die Dinge, die Spaß machen“, sagt Roswitha Hurtz, Psychiaterin am Bezirkskrankenhaus Haar. Wohin das führt, weiß jeder: Eigentlich hätte man jetzt gute Lust, noch eine Stunde zu dösen. Andererseits würde man dann zu spät zum Job kommen und man will ja auch seinen Arbeitsvertrag erfüllen. Im Alltag, so Roswitha Hurtz, ginge es ständig darum, Entscheidungen zu treffen, „indem man die Lust- und die Pflichtseite abwägt und dann entscheidet, was man will“. Ist man dann zu dem Entschluss gekommen, rechtzeitig aufzustehen und zur Arbeit zu fahren, konkretisiert sich Wille in den gemeinen Hausschuhen, in der entwicklungstechnisch etwas beeindruckenderen Elektrozahnbürste, oder in der fortschrittlichen Schnellbahn, die einen zur Firma bringt und in kurzer Zeit Strecken bewältigt, die früher eine Tagesausreise bedeutet hätten.Ob Hausschuhe, Elektrozahnbürste oder Schnellbahn: Alles ist aus einem Willen heraus entstanden. Aus einer Idee, die wiederum „durchaus der Lustseite entspringen kann“, so Roswitha Hurtz. Die Wahrnehmung des jeweiligen Erfinders deckte sich nicht mehr mit seiner Vorstellung. Er war sich sicher, dass es besser ist, wenn die Füße nicht abkühlen, die Zähne richtig sauber sind und die Fortbewegung schnell ist. „Dann entsteht ein Druck, etwas zu verändern, um Wahrnehmung und Vorstellung wieder aneinander anzupassen“, erklärt Psychoanalytikerin Ulrike Kefer- Jarrar. Bei der Umsetzung der Idee, geht es, „oft darum, den kreativen Impuls mit den Bedingungen der Regeln und Pflichten übereinzubringen. Dazu braucht man die Kraft des Willens“, erklärt Roswitha Hurtz. Bei der Entwicklung der Schuhe, Zahnbürste und Schnellbahn können das Patentnormen, Sicherheitsbestimmungen oder andere zu erfüllende Bedingungen sein. Der Wille ist zentraler Antrieb für alles Handeln. Wird Großes unter erschwerten Bedingungen erreicht, zollt man den Verantwortlichen oftmals besonderen Respekt für ihren „starken Willen“. In der westlichen Leistungsgesellschaft, in welcher Schwächen ungern als selbstverständlich betrachtet werden, kommt dies einer Auszeichnung gleich. Die Faszination weicht höchstens der Erschöpfung, wenn etwa Zweijährige in der so genannten Trotzphase ihren „starken Willen“ entdecken und dessen Durchsetzbarkeit ausloten. Dem Nachwuchs reicht es jetzt nicht mehr, den Urtrieb grundsätzlicher körperlicher Bedürfnisse wie Hunger, Durst und Zuwendung befriedigt zu wissen. Nun erwacht die Selbstbehauptung, die Mutter und Vater häufig verstört und überfordert zurücklässt. Der Wunsch des Zöglings nach Abgrenzung kann leicht als Zurückweisung gedeutet werden, zumal er beim Austesten auf Anhieb nicht das richtige Maß findet. Überspannt er den Bogen, wäre es für ihn wichtig Konfliktsituationen nicht als lebensbedrohlich und unlösbar zu erleben. Denn „der Autonomietrieb ist wichtig für das Selbstwertgefühl und für das Überleben des Kindes, weil die Eltern schließlich irgendwann nicht mehr da sein werden“, meint Ulrike Kefer-Jarrar. Anhand der elterlichen Reaktion zu lernen, die verschiedenen Grade der eigenen Gefühlsäußerungen zu differenzieren, sei ein maßgeblicher Prozess. „Wenn das Kind sich traut, sich gegen die geliebten Eltern zu wenden und dabei erfährt, dass diese zwar vielleicht deswegen sehr wütend werden, aber es trotzdem weiterhin lieben, vermitteln sie ihm gleichzeitig, dass es ein eigenes Individuum sein darf“, erklärt Ulrike Kefer-Jarrar. Bei einer radikalen Abwehrhaltung, ständigen Verboten und Liebesentzug hingegen, entwickelt es höchstwahrscheinlich Verlustängste und wird sich auch später in seinem Dasein zögerlicher auf Beziehungen einlassen. „Die Erfahrung von liebevollem Verständnis für die eigenen Wünsche ist Voraussetzung dafür, zu lernen, seinen Willen auszudrücken und zu gestalten. Nur so kann man in die nächste Stufe der Persönlichkeitsentwicklung reifen“, sagt Kefer-Jarrar. Triebbedürfnisse, die unterdrückt werden, führten zu Angstgefühlen, es entwickelten sich häufig Neurosen, quälendes Symptom können Panikattacken mit Herzklopfen und Schwitzen sein. Bei psychischen Erkrankungen fehlt die Ausgewogenheit zwischen der eingangs beschriebenen Lust- und Pflichtseite, die für die Willensbildung so wichtig ist. „Wenn man sehr hohe Ansprüche an sich selbst hat , was man alles tun müsste,wird der Druck so groß, dass irgendwann gar nichts mehr geht.“ Das wäre der Zustand, der die Depression beschreibt, erläutert Roswitha Hurtz. Bei der Manie hingegen wäre es eher die Lustseite, die ein starkes Übergewicht bekommt: „Wenn jemand nur noch macht, was er will, und für sich alle Regeln außer Kraft setzt, verliert er den Kontakt zum Boden.“ Eine ganz andere Rolle spielt der Wille bei Psychosen. „An Schizophrenie Erkrankte haben häufig den Bezug zur Realität, wie wir sie erleben, verloren. Diese wird überlagert von Wahrnehmungen, die wir so nicht haben, zum Beispiel sich verfolgt zu fühlen oder Stimmen zu hören.“ „Psychosen können vielfältige Ursachen haben. Neben einer Veranlagung, besonders empfindsam zu sein, spielen oft Lebenskrisen, die unlösbare Konflikte und unerträgliche Ängste auslösen, eine Rolle , führt Roswitha Hurtz aus, die als Oberärztin der so genannten Soteria (griech.: Wohlergehen, Rettung) im Bezirkskrankenhaus Haar Menschen mit psychotischen Störungen betreut. Auslöser für die Krankheit können krisenhafte Lebenssituationen sein wie beispielsweise das Erwachsenwerden, Trennungs- und Verlusterfahrungen oder berufliche Probleme. „Was dann in Psychosen sehr häufig passiert, ist, dass jemand auf der einen Seite einen sehr starken Wunsch nach Kontakt hat, weil Isolation für jeden Menschen auf die Dauer unerträglich ist. Gleichzeitig besteht aber auch eine große Angst vor Kontakt, weil befürchtet wird, selbst dabei verloren zu gehen und sich nicht mehr vom anderen abgrenzen zu können.“ Der Betroffene will im selben Moment sowohl in Gesellschaft als auch allein sein. Solche widersprüchlichen Gefühle können zu Spannungszuständen, Angst und Verwirrung führen. Hurtz und ihr Team, das aus mehreren Pflegekräften, einem Sozialpädagogen, einem Psychologen sowie zwei Ärzten besteht, versuchen durch einfühlsame Begleitung und eine möglichst angenehme Atmosphäre, die Ängste des Betroffenen ab- und das Vertrauen zu sich selbst und der Umwelt wieder aufzubauen. Dabei geht es darum, gemeinsam mit dem Betroffenen herauszufinden, was für ihn stimmt und passt und – was er will. Zu diesem Zweck ist Soteria in einem der Jugendstilpavillons des Bezirkskrankenhauses Haar untergebracht. Insgesamt leben zwölf Patienten in sechs Zweibettzimmern in einer wohngemeinschaftähnlichen Atmosphäre. Wenn sinnvoll und gewünscht steht für die akute Phase eine eins zu eins Begleitung rund um die Uhr zur Verfügung. Diese kann auch im so genannten „weichen Zimmer“ stattfinden, ein Raum, der nur mit Teppichboden und Matratze ausgestattet ist. Kern des Soteria-Gedanken, der in den 70er-Jahren im Zuge der Antipsychiatrie entstanden war, ist, alle Behandlungsschritte mit dem „inneren Einverständnis des Betroffenen“ gemeinsam zu erarbeiten. Er soll wieder die Fähigkeit bekommen, einen Willen zu bilden, der im Alltag anwendbar ist. Neben therapeutischen Gesprächen und einer mit ihm abgesprochenen möglichen Behandlung mit Medikamenten, soll er vor allem durch alltägliche Tätigkeiten wieder Sicherheit gewinnen.Wie in einer Wohngemeinschaft werden Aufgaben wie Waschen, Putzen, Kochen und Einkaufen untereinander aufgeteilt. Eine sehr einleuchtende Herangehensweise, denn man kennt das von sich selbst: „Wenn es einem nicht gut geht, ist es unter Umständen hilfreich, das zu tun, was man kann. Also die Wohnung aufzuräumen oder zu kochen“, so Hurtz. Beim ersten Tischdecken beispielsweise bekommt der Soteria-Bewohner einen Realitätsbezug, indem er die Gruppenmitglieder abzählt und entsprechend Teller und Besteck hinlegt. Auf diese Weise und mit jeder weiteren Aufgabe erhält er Schritt für Schritt Zutrauen zu sich selbst und macht die Erfahrung, dass er über sich selbst bestimmen kann. Nur so kann er sein Leben aktiv gestalten.

Anuschka Schmid

Gibt es ein Zurück?

Als Orientierungshilfe in einer zunehmend unübersichtlich werdenden Welt besinnt man sich auf alte Werte

„Das Thema Benimm und Etikette war in der Gesellschaft eine Zeit lang verpönt.“ Doch irgendwann, als man vermutlich des Schlabber-Looks und des Wurschtel-Umgangs als Auslaufmodell der antiautoritären Phase überdrüssig war, muss es eine große Wende gegeben haben. „Da kamen immer mehr Eltern und Jugendliche auf unsere Tanzschulen zu und fragten an, ob man nicht auch ganz normale Dinge des Zusammenlebens ansprechen könnte. Zum Beispiel, wie man jemanden einlädt, zu welchem Anlass man welche Kleidung trägt,wie man den Tisch deckt und so weiter“, beschreibt Uwe Körber, Präsidiumsmitglied der Vereinigung der Tanzschulinhaber, den verblüffenden Sinneswandel vieler Deutscher. Tanzschulen standen schon immer in der Tradition, jungen Menschen nicht nur die richtige Schrittfolge für den Einstieg in die Gesellschaft beizubringen. „Bereits in den 50er-Jahren gab es den Bereich ‚Benimm und Anstand‘“, der allerdings im wilden Langhaar-Beatnik der 60er-Jahre unterging. Auf das neu erwachte Bedürfnis nach Orientierungshilfen im gesellschaftlichen Umgang haben zahlreiche Tanzschulen reagiert und vor ein paar Jahren das so genannte Anti-Blamier- Programm eingeführt. Mit großem Erfolg. „In Seminaren, die in der Regel zum standardmäßigen Tanzkurs gehören, werden beispielsweise in Doppelstunden inhaltliche Blöcke wie ‚Tischmanieren‘ oder ‚Die höfliche Begrüßung‘ anhand von Rollenspielen,Vorträgen und Gesprächen durchgearbeitet“, so Uwe Körber. Angeboten wird das Programm für Jung und Alt, mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Die Hauptzielgruppe bilden jedoch die 14- bis 18-Jährigen. Dabei werden technische Neuerungen im Alltag durchaus berücksichtigt. Die Kursleiter tragen der wachsenden Nutzung von Mobiltelefonen Rechnung und erklären, „dass es in der Schule oder in öffentlichen Räumen angebracht ist, das Handy auszuschalten oder auf lautlos zu stellen, weil es sonst den Unterricht oder andere Leute stört“. Auch wird mit Bewerbungstrainings auf die angespannte Arbeitsmarktsituation eingegangen. Überhaupt würden viele Themen auf die Agenda gesetzt, die die allgemeinbildende Schule heutzutage „nicht mehr leisten kann“, weil die Lehrpläne und Klassen zu voll sind, resümiert Körber. Dass trotz des in den Medien vielfach bemühten Werteverlustes Eltern,Kindern und Jugendlichen ein verträgliches Miteinander wichtig ist, hat für Kulturwissenschaftlerin Annegret Braun vor allem zwei Gründe:„verhaltenspragmatische und historisch gewachsene“. Die „Wahlfreiheit, die wir leben, wird zum Wahlzwang“, der das Leben erschwert. „Wenn es Regeln gibt, an welchen ich mich orientieren kann, muss ich nicht dauernd entscheiden, wann ich mich wie verhalten soll, sondern es existieren klare Linien.“ Geschichtlich gesehen, begründen sich für Annegret Braun viele Motive in der Nachkriegszeit. Die 68er-Generation hatte die nach den Kriegswirren aufkommende Sehnsucht nach heiler Welt aufgebrochen. Mit gesellschaftlichen Entwicklungen wie der „wilden Ehe“ oder der Emanzipation der Frau legte sie den Grundstein für die heutige Pluralität der Lebensformen. Genau diese Vielfalt rufe wiederum nach klaren Strukturen,meint Annegret Braun. Es bleibt der Wunsch nach einem allgemeingültigen Verhaltenskodex, der das Zusammenleben regelt und der an „alte Werte anknüpft“, die ihre Ursprünge im Christentum haben und bis heute für viele Menschen gelten. Immerhin gebe es viele Frauen und Männer, „die schon zweimal geschieden sind und dennoch ein weiteres Mal heiraten, weil die Ehe den Charakter von Langlebigkeit hat“. Die Familie als Hort einer heilen Welt ist zwar unter Umständen umstritten, wird jedoch gemeinhin als Ort der Geborgenheit verstanden. Statistiken bestätigen diese Einschätzung. Bei Betrachtung der bundesweiten Zahlen gilt im Allgemeinen: Erst kommt die Ehe und dann der Nachwuchs. Daneben erfreuen sich Zeremonien wie Taufe, Erstkommunion, Konfirmation und Trauung nach wie vor großer Beliebtheit. Trotz allgemeinen Geburtenrückgangs lassen sich weder bei den Statistiken des Erzbischöflichen Ordinariats noch bei denjenigen des Evangelisch-Lutherischen Dekanats der Stadt München große Einbrüche erkennen. Der Regionalpfarrer der Seelsorgregion München, Engelbert Dirnberger, hat dafür eine schlüssige Erklärung: Die vielen Sinnangebote unserer pluralen Welt stellen sich „häufig in einer Light-Version“ dar und „halten einer genaueren Hinterfragung nicht stand“. Das Christentum dagegen könne auf eine jahrhundertealte Tradition verweisen. Verlagsleiterin Cornelia Czerny stimmt dem zu: „Die Bibel ist für mich auch nach 2000 Jahren noch das beste und aktuellste Standardwerk bezüglich Moral und Ethik.“ Deshalb ließen sie und ihr Mann ihren einjährigen Sohn katholisch taufen.„Auch wenn das jetzt im ersten Moment komisch klingt, aber wir wollten nicht, dass Lennart in einer gottlosen Welt aufwächst.“ Viele Menschen würden besonders an wichtigen Ereignissen wie Eheschließung, Geburt eines Kindes oder Tod nach Spiritualität suchen, sagt Pfarrer Dirnberger. „Sie erwarten sich Segen und Zuspruch für eine positive Zukunft. Sie erwarten die Berührung mit dem Heiligen, mit einer tieferen Dimension von Wirklichkeit, die sie im Alltag nicht erfahren.“ Sieht man sich im Kinderzimmern um, wird offensichtlich, dass das Jesusbild über dem Bett zunächst vom Elvisposter, dann vom Bay-City-Rollers-Starschnitt und nun vom alles einnehmenden Tokio- Hotel-„Schrein“ mit passender Bettwäsche verdrängt wurde.Doch die leise Hinwendung zum „lieben Gott“ bei Knatsch mit den Eltern ist für viele Kinder und Heranwachsende tröstlich. „Den Kindern hilft es, wenn sie wissen, dass sie nicht allein sind. Dass abends, wenn alle Lichter aus sind, ein Gott da ist, der auf sie aufpasst.“ Das Gutenachtgebet sei bei ihr zu Hause deshalb ein wichtiges Ritual, erklärt Annegret Braun, die selbst Mutter von zwei Töchtern ist. Auch grundsätzliche Werte wie die Nächstenliebe prägen die Erziehung und später, so zumindest die Hoffnung, das Handeln des Nachwuchses. Dass man nicht klaut, nicht tötet und den Nächsten nicht verhungern lässt, sind gesellschaftliche Grundlagen, und das wird hoffentlich auch so bleiben. Darüber hinaus ist „gutes Benehmen in dieser rasanten, schnelllebigen Welt wichtiger denn je, um seinem Gegenüber respektvoll zu begegnen. Viele vergessen ihre Kinderstube und entschuldigen schlechte Manieren mit Stress und Zeitknappheit, doch gutes Benehmen ist gar nicht so zeitaufwändig“, findet Cornelia Czerny. Umso erfreulicher, dass Menschen, die denken, in Sachen Knigge etwas verpasst zu haben, das Anti-Blamier-Programm in Tanzschulen belegen.„Wenn man bezüglich Umgangsformen auf Nummer sicher gehen will, hat man hier die richtige Anleitung“, so Uwe Körber. Und man bekommt beim Abschlussball sogar noch ein Gesellschaftszertifikat in die Hand gedrückt, das „als zusätzliches Zeugnis auch einer Stellenbewerbung beigefügt werden“ kann, schreibt der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband auf seiner Internetseite. Doch der wichtigste Anreiz für die Jugend dürfte sein, durch das Programm mehr Selbstsicherheit zu bekommen.„Bei dem ganzen Markendenken und den Designerklamotten ist man bei den Kids erst richtig cool,wenn man passend dazu auch gutes Benehmen drauf hat“, meint Uwe Körber. Es sind eben nicht nur Kleider, die Leute machen.

Anuschka Schmid

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