Die Bewertung macht’s

Arbeit wird immer knapper und Menschen ohne Arbeit immer unglücklicher. Ist der zufriedene Arbeitslose ein neues Tabu?

Man stelle sich vor,Arbeitslose würden ein Selbstbewusstsein entwickeln. Etwa so: „Wir sind arbeitslos, weil es immer weniger Arbeit gibt, aber wir kommen klar und versuchen das Beste aus dieser Situation zu machen.“ Sie könnten, sie sollten diese Einstellung haben, doch je mehr Bürger zwangsweise aus dem Arbeitsprozess ausgeschlossen werden, desto mehr Einsatz wird von ihnen bei der Jobsuche erwartet und desto größer wird die Sinnstiftung, die man jeglicher Arbeit zuspricht. Die öffentliche Meinung: Ein passables Leben ohne Arbeit ist gar nicht möglich, auch wenn man sein Auskommen hat. Dabei zeigen reiche Menschen, dass man nicht unbedingt Lesen Sie weiter bei »Die Bewertung macht’s«…

Peinliche Lernquelle

Statt Fehler unter den Teppich zu kehren, sollte man sie lieber analysieren. Doch dazu muss man zugeben können, dass sie möglich sind

Gisbert Großmann schwitzt unter seinem Jackett, als er sich seinem Chef gegenüber an den runden Tisch im Besprechungsraum setzt, um seine Zwischenbilanzen für das Geschäftsjahr 2005 zu präsentieren. Seine Zahlen bilden die Grundlage für wichtige Entscheidungen des Unternehmensvorstands. Großmann hat wochenlang bis spät abends gearbeitet. Er hat Buchungen kontrolliert, Rückstellungen gebildet, Soll-Ist-Vergleiche erstellt. Trotzdem bleiben gewisse Unsicherheiten in den Daten. Von den Bedenken des Controllers will der Chef aber nichts hören, er möchte “Fakten, keine Wahrscheinlichkeiten!”. Großmann schweigt also, doch ihm bleibt ein ungutes Gefühl. “Es gibt keine Fehlerkultur in dem Unternehmen, in dem ich arbeite”, kritisiert er. “Das bedeutet, man hat immer Angst. Denn ich weiß, wenn ich einen Fehler mache, bin ich weg.” Vor allem in Berufen mit großer Verantwortung und auf höheren Hierarchieebenen werden Fehler oft tabuisiert. Das ist selbst dann der Fall, wenn Arbeitgeber offiziell Anderslautendes verkünden: “Fehler sind menschlich. Man kann über alles reden. Das kann jedem passieren, Hauptsache, kein zweites Mal.” Doch wenn dann wirklich etwas schief geht, sind die Auswirkungen für den Schuldigen schwer abzuschätzen. Annegret Bolte, Arbeitsforscherin am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München (ISF), beobachtet in Unternehmen zwei Tendenzen, mit Fehlern umzugehen: In Firmen mit einer “Null-Fehler-Philosophie” lautet das Ziel “Wir machen keine Fehler”. Die Folge ist, dass Fehler vertuscht, verleugnet oder anderen zugeschoben werden. Die zweite Variante läuft unter dem Schlagwort “lessons learned”. Man will aus den gemachten Fehlern lernen, indem man sie analysiert und künftig vermeidet. “Das hört sich klasse an,wird aber gewöhnlich nicht realisiert”, weiß Annegret Bolte aus zahlreichen Interviews mit Arbeitnehmern. “Wer in einer mittleren Führungsposition sitzt, hat seine Zielvereinbarungen mit dem Vorgesetzten. Wenn die nicht erreicht werden, weil einem ein Fehler unterlaufen ist, bringt das nur Nachteile.” Wo Bonuszahlungen auf dem Spiel stehen und ein Karriereknick droht, liegt es nahe, den Fehler zu verheimlichen oder die Schuld von sich zu weisen. Probleme, die sich abzeichnen, werden bis zum Übergabetermin einer Arbeit ignoriert und verdrängt. In manchen Berufssparten mit besonders hohem Sicherheitsrisiko hat man mittlerweile erkannt, dass dieses allzu menschliche Verhalten nicht verantwortbar ist und die gemachten Fehler eine viel zu kostbare Lernquelle darstellen, als dass man sie ungenutzt lassen könnte. Seit 20 Jahren gehört deshalb in der Luft- und Raumfahrt – neben dem kontinuierlichen Training kritischer Situationen im Simulator – das systematische Sammeln und Auswerten von Fehlern zum Sicherheitskonzept. Voraussetzung dafür ist, dass Piloten, Fluglotsen oder Mechaniker ihre Fehler, die zu riskanten Situationen führten oder beinahe geführt hätten, ohne Angst vor Sanktionen offen legen können. Dazu wurde ein freiwilliges anonymes Fehlermeldesystem – ein so ge- nanntes “Critical Incident Reporting” – entwickelt. Wer eine Risikosituation verursacht hat, ist aufgefordert, die Umstände möglichst detailliert zu schildern und an die jeweilige “Fehlermeldestelle” zu senden. Die Berichte werden dort erfasst, analysiert und per Internet über eine gesicherte Verbindung (closed user group) der Berufsgruppe zur Verfügung gestellt. Obwohl es keine umfassende Statistik über medizinische Behandlungsfehler gibt, vermuten Patientenverbände, dass es in Deutschland jährlich 25 000 Sterbefälle durch Ärztefehler gibt. Ärztefehler werden eher vertuscht oder als “Kunstfehler” schöngeredet, doch seit einiger Zeit übernehmen Mediziner das anonyme Critical Incident Reporting zur Verbesserung der Patientensicherheit. Zunächst machten medizinische Fachdisziplinen wie zum Beispiel die Anästhesiologie (Narkosemedizin) vom Critical Incident Reporting Gebrauch. Nach schweizerischem und britischem Vorbild haben seit einem Jahr nun auch deutsche Hausärzte die Möglichkeit, unter www. jeder-fehler-zaehlt.de” von falschen Diagnosen, Behandlungsfehlern oder verwechselten Rezepten zu berichten. Seit September werden ausgewählte “Fehler der Woche” mit Kommentaren und Anregungen von Kollegen und Kolleginnen in der Ärztezeitung veröffentlicht. Auch deutsche Krankenhäuser führen zunehmend Critical Incident Reporting ein. Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie im April 2005 in München referierte der Flugkapitän und Leiter der Abteilung Flugsicherheit bei der Lufthansa AG, Manfred Müller, über “Sicherheitskultur” und das Konzept, durch Fehleranalyse Risiken zu minimieren. Die Strategien können, nach Müllers Ansicht, ohne weiteres vom Cockpit auf den OP übertragen werden. Auswertungen von Critical Incidents in der Fliegerei sowie in der Medizin zeigen, dass die Ereignisse fast immer mehrere Ursachen haben und nur selten durch das Versagen eines Einzelnen verschuldet sind. Es ist gewöhnlich eine Kette ungünstiger Ereignisse, die zur Krisensituation führt. Zu den auslösenden Faktoren zählen etwa übermäßige Arbeitsbelastung, ungenügende oder falsche Ausbildung, Differenzen im Team, mangelnde Ressourcen, fehlende Kontrollfunktionen und – mit Abstand am häufigsten genannt – Probleme in der Kommunikation. Viele Behandlungsfehler ließen sich wahrscheinlich vermeiden, wenn sich die Ärzte mehr Zeit für die Beratung und Behandlung ihrer Patienten nähmen. Allein mit dem Offenlegen der Fehler ist es noch nicht getan. Das Reportingsystem erfüllt nur dann seinen Zweck, wenn die ermittelten systembedingten Fehlerquellen durch Verbesserung der Arbeitsbedingungen und -strukturen sowie durch bessere Aus- und Weiterbildung deutlich reduziert werden. Das Tabu “Ärztefehler” hat nach Ansicht eines Münchner Chirurgen, der hier nicht namentlich genannt werden möchte, auch eine sinnvolle Seite. Die Erwartung der Unfehlbarkeit werde nicht nur von den Ärzten selbst genährt, sondern auch von den Patienten. “Heilung hat viel mit dem Glauben und der Hoffnung zu tun, dass es besser wird. Die Leute suchen das,wenn sie zum Arzt gehen.” Wenn man den Patienten den Glauben an die Mediziner nehme, schmälere man dadurch die Hoffnung auf Genesung, meint der Chirurg. Neben der medizinischen Leistung spiele der “Placeboeffekt” in der Medizin eben eine nicht zu unterschätzende Rolle. Neueste Forschungen zur Homöopathie hätten dies gerade belegt.
Simone Kayser

Die letzte Ehre

Wenn ein obdachloser Mensch stirbt, arrangiert die Friedhofverwaltung im Auftrag der Kommune die Bestattung. Sofern der Tote nichts hinterlassen hat und dessen Verwandte kein Geld dafür haben, das Begräbnis auszurichten, übernimmt die Stadt die Kosten. Bei der Abschiedsfeier steht in der Aussegnungshalle der Sarg mit einem Trockenblumengesteck, ein paar Minuten lang spielt Musik, dann geht der Vorhang zu und die Zeremonie ist beendet. Außer einem Angestellten der Friedhofverwaltung ist oft niemand dabei. Nach der Verbrennung wird die nummerierte Urne in einer so genannten Gitternische zehn Jahre aufbewahrt und dann in ein anonymes Gräberfeld überführt. Diese Sammelbestattungen sind zweimal jährlich, man darf nicht daran teilnehmen, die Termine sind geheim. In Deutschland wird nicht würdelos mit den obdachlosen Toten umgegangen, trotzdem haben mich diese Trauerfeiern sehr aufgeregt. Deshalb bestand eine meiner ersten Handlungen bei BISS darin, verstorbenen BISS-Verkäufern eine ordentliche Aussegnungsfeier mit Pfarrer, Blumen und Leichenschmaus zu organisieren. Die lebenden Verkäufer sollten Trost darin finden, dass wir den Toten die letzte Ehre erweisen. Im Frühjahr waren zur Beerdigung unseres Verkäufers Jürgen Muck zahlreiche BISS-Verkäufer erschienen, um an der Trauerfeier teilzunehmen. Beim anschließenden Leichenschmaus wurde wieder ganz deutlich, wie tief es sie schmerzte, dass es für Menschen wie sie wohl kein Grab geben würde. Dass die sterblichen Überreste ihres Kollegen verschwinden sollten, als hätte es ihn nie gegeben, hat die BISSler sehr schockiert. Sie machten viele hilflose Andeutungen, fragten, ob es nicht möglich sei, Jürgen Muck „normal“ zu beerdigen, damit man auch einmal an sein Grab gehen könne. Und da beschlossen wir, diese letzten Dinge zu regeln und nicht mehr länger hinauszuschieben. Wir mussten diese Last von unseren Verkäufern nehmen. Sie sollten beerdigt werden, wie jeder andere Tote auch. Also haben wir mit unseren Verkäufern gesprochen, haben Angebote über Sterbegeldversicherungen, Informationen von Beerdigungsinstituten, der Stadt und der Friedhofverwaltung eingeholt. Zuerst haben wir überlegt, ob eine Art Familiengrab für BISS-Verkäufer möglich wäre, haben uns dann aber doch für ganz normale Gräber entschieden. Das Ergebnis unserer Bemühungen stellte ich schließlich auf einer Verkäufersitzung vor. Es war eine der bewegendsten Versammlungen, die ich je erlebt habe. Ich blickte erst in skeptische, dann in strahlende Gesichter, in viele verdächtig glitzernde Augen, und mehrmals wurde mir, als die Sitzung beendet war, beim Gehen verstohlen die Hand gedrückt. Wenn ich jemals Zweifel hatte, ob es richtig sei, Geld auch für tote Verkäufer auszugeben, dann waren sie spätestens da endgültig ausgeräumt. Und so haben wir seit dem 1. Oktober eine Gruppen-Sterbegeldversicherung für die angestellten und unsere ältesten nicht angestellten Verkäufer, für insgesamt 35 Personen. Die Versicherung kostet für alle im Jahr etwas weniger als eineinhalb Patenschaften. Die Verkäufer sind die Begünstigten, BISS ist der Versicherungsnehmer und in einem Todesfall bekommt BISS 5000 Euro für Beerdigung, Blumen und Leichenschmaus, Grabstein und Grabpflege für mindestens zehn Jahre. Sollten sich Familienmitglieder finden, die die Beerdigung ausrichten oder den Leichnam überführen möchten, so stellen wir ihnen auf Nachweis das Geld zur Verfügung. Nachdem nun monatelang bei BISS über Gräber und Beerdigungen gesprochen wurde, sind wir alle glücklich, das Thema ad acta legen und uns wieder mit dem Leben befassen zu können. Unser letzter Vorsatz in Sachen „letzte Ehre“ war: Wenn es finanziell möglich ist, werden wir Jürgen Muck nächstes Jahr im Ostfriedhof beisetzen lassen. Auf dem Grabstein wird sein Name stehen. Dann können ihm unsere BISS-Verkäufer Blumen aufs Grab legen, an Allerheiligen auf den Friedhof gehen und ihren Freund und Kollegen besuchen. Das würde Jürgen sicher freuen, aber ganz bestimmt wird es unsere Verkäufer trösten.

Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihre Hildegard Denninger

Über Geld spricht man nicht

Vor allem nicht darüber, wo es herkommt. Dieses gesellschaftlich vereinbarte Stillschweigen sichert Herrschaftsstrukturen wie kein anderes

In Deutschland gibt es immer mehr Millionäre. Im vergangenen Jahr sollen es 760 300 gewesen sein, 4400 mehr als 2003. Diese Zahlen stammen aus dem „World Wealth Report“, der von der Investmentbank Merril Lynch veröffentlicht wird. Je nach Definition leben noch mehr Reiche unter uns: Laut Armuts- und Reichtumsbericht der rot-grünen Regierung haben 1,6 Millionen Deutsche ein Vermögen von mindestens einer Million US-Dollar, das sind 500000 Millionäre mehr als 1998. All diese Daten sind jedoch mit Vorsicht zu genießen. Der Grund: Reichtum lässt sich nur sehr schwer erforschen.Milliarden von Euro sind im Ausland vor dem Zugriff des deutschen Finanzamts sicher, Abschreibungstricks verschleiern die wahren Wohlstandsverhältnisse. Zudem wird man den Einruck nicht los, dass Geld grundsätzlich mit einem Tabu behaftet ist. Während die alte Bundesregierung auf mehreren hundert Seiten die Armut erforscht, widmet sie dem Reichtum nur ein Minikapitel. Es gebe „vielfältige Erkenntnisdefizite“, räumt sie selbst ein. „Die Bewertung von Reichtum ist ambivalent. In Gesellschaften, deren Leitbilder sich über die wirtschaftliche Leistungsorientierung und den ökonomischen Erfolg definieren, wird er weitgehend positiv bewertet.Zugleich wird jedoch die mit ihm gegebene Konzentration des Produktivvermögens für gesellschaftliche Ungleichheiten und eine zunehmende soziale Polarisierung mitverantwortlich gemacht.“ So steht es im Brockhaus. Und tatsächlich: Einerseits ist die Anhäufung von Geld ein Leitbild, nach dem sich große Teile der Gesellschaft richten. Andererseits wird immer mehr Menschen bewusst, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet. Die Angst, zum Verlierer zu werden, steht dem Wunsch gegenüber, es zum Millionär zu bringen. „Die Akzeptanz unseres Wirtschaftssystems hat einen historischen Tiefststand erreicht. In Zeiten exorbitanter Managergehälter, nicht reinvestierter Unternehmensgewinne und steigender leistungsloser Einkommen verliert das Leistungsprinzip in breiten Bevölkerungsschichten seine Legitimation. Die Dummen sind immer diejenigen, die hart arbeiten“, meint Dierk Hirschel, Chefökonom des DGB-Bundesvorstands. Zwar gibt es noch eine breite Mittelschicht, doch eine kleine Geldelite wird offenbar immer einflussreicher und agiert größtenteils im Verborgenen. Provokante Thesen. SPD-Parteichef Franz Müntefering entfachte im Frühjahr dieses Jahres eine hitzige Debatte, als er das vermeintliche Tabu brach und über einige Methoden sprach, die zu Reichtum führen. „Wie Heuschreckenschwärme fallen Fonds über Unternehmen her, grasen ab und ziehen weiter“, lautete ein Teil seiner Kapitalismuskritik. Zudem thematisierte er Managergehälter, Raffgier und Egoismus.„Sozialistischer Schwachsinn!“, urteilte daraufhin Guy Wyser-Pratte, einer der mächtigsten internationalen Investoren. Verändert hat sich seitdem kaum etwas. Der Reichtum wächst, die Armut steigt. Und die „Heuschrecken“ sind aktiver denn je. Private-Equity-Firmen und Hedgefonds beteiligen sich an Unternehmen oder übernehmen diese ganz.Aber nur kurz. Schließlich haben sie das Ziel, nach spätestens einigen Jahren mit deutlichem Gewinn zu verkaufen. Wie man innerhalb kürzester Zeit Reichtümer erwerben kann, zeigte im Sommer Haim Saban. Der berühmtberüchtigte Investor sicherte sich 2003 mit seinen Partnern die Mehrheit beim TV-Konzern ProSiebenSat1 für rund 830 Millionen Euro. Nachdem er Personal entlassen und Kosten reduziert hatte, verkaufte er die Sendergruppe für 2,5 Milliarden Euro an den Springer-Konzern. Kritik? Im Gegenteil. Zum Abschied gab es ein dickes Lob von Ministerpräsident Edmund Stoiber: „Haim Saban verdient Anerkennung, weil er in schwieriger Zeit das Unternehmen konsolidiert und den Börsenkurs in sicheres Fahrwasser geführt hat. Sein Engagement ist und bleibt für den Medienstandort Deutschland sehr positiv.“ Der freundliche Umgang mit Großverdienern hat Tradition. Daran ändert auch Steuerflucht nichts – Milliardäre wie Friedrich Karl Flick oder Sportmillionäre wie Michael Schumacher werden zumeist hoch geschätzt, auch wenn sie in Deutschland keine Steuern zahlen. Werden Reiche bevorzugt behandelt? Ist es tabu, über die Quellen ihres Reichtums zu sprechen? Pauschal gilt dies sicher nicht.Man kann jedoch stutzig werden, wenn man beobachtet, mit welcher Mischung aus Bewunderung und Unterwürfigkeit Millionäre in bestimmten Kreisen hofiert werden. Geld und Macht verschaffen Respekt. Im Fall von Thomas und Florian Haffa etwa, die wegen manipulierter Geschäftszahlen ihrer AG EMTV zu insgesamt 1,44 Millionen Euro Strafe verurteilt wurden. Tausende Kleinanleger verloren durch die Tricksereien der Brüder Geld – die beiden haben inzwischen neue Firmen gegründet und werden in den Klatschspalten bunter Blätter als gern gesehene Partygäste präsentiert. In der Grauzone des Geflechts aus Politikern, Lobbyisten und Unternehmern passiert ebenfalls Sonderbares. Exkanzler Helmut Kohl, dessen Strafverfahren in der Schwarzgeld-Affäre gegen Zahlung einer Geldbuße von 700 000 Mark eingestellt wurde, ist mittlerweile wieder ein gefeierter Star auf Unions-Parteitagen. Ein ehemaliger Staatssekretär seiner Regierung, Ludwig-Holger Pfahls, wurde am Tag seiner Verurteilung sogar ganz öffentlich rehabilitiert: Richter Maximilian Hofmeister verbeugte sich im August dieses Jahres vor dem Angeklagten, drückte ihm die Hand und dankte für seine Kooperationsbereitschaft. Das Foto dieses Augenblicks sorgte für Entsetzen – ein selbstsicherer, strahlender Pfahls und ein scheinbar unterwürfiger Richter. Dass der Verurteilte 1,9 Millionen Euro von einem Waffenlobbyisten entgegengenommen hatte und zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt wurde, schien vergessen. Gewissenlose Investoren, raffgierige Kapitalisten, tabuisierter Reichtum, korrupte Politiker, skrupellose Heuschrecken. Ein beängstigendes Bild, zweifellos. Doch auch eine sehr einseitige Sichtweise. Denn in der Diskussion um Arm und Reich, um Bevorzugung und Benachteiligung, um Gerechtigkeit und Moral, wird nicht wenig geheuchelt. Laut einer Forsa-Umfrage meinen 79 Prozent der Befragten, dass der Staat seine Bürger nicht ausreichend vor den Auswüchsen des Kapitalismus schützt. Darunter sind allerdings oft genau jene, die sonst über zu viel Einfluss des Staates klagen. Viele von ihnen handeln selbst wie kleine „Heuschrecken“. Indem sie Aktien kaufen und auf ordentliche Dividenden hoffen. Indem sie viel Energie darauf verwenden, die billigsten Lebensmittel oder Elektroartikeln ausfindig zu machen. Und damit genau das bewirken, was sie kritisieren: sinkende Löhne, steigende Konzentration, einseitiger Zuwachs von Reichtum. Die Aldi-Inhaber Theo und Karl Albrecht besitzen ein geschätztes Privatvermögen von 27 Milliarden. Ob sie damit wohltätige Organisationen unterstützen, ist nicht bekannt. Forderungen nach einem stärkeren Engagement Reicher fürs Gemeinwohl sind die Ausnahme. Wohlhabende stehen anscheinend unter Artenschutz, wofür der SZ-Redakteur Heribert Prantl in einem Kommentar treffende Worte fand: „Eigentum verpflichtet, steht im Grundgesetz. Die Realität in Deutschland hat bisher diesen Verfassungssatz Lügen gestraft. Der Gesetzgeber betrieb Reichtumspflege in der vergeblichen Hoffnung darauf, dass Steuerentlastungen Beschäftigungseffekte erzielen. Privater Spitzenreichtum schafft aber keine Arbeitsplätze.“ Mindestens fünf Billionen Euro. So viel besitzen die deutschen Haushalte laut Armut- und Reichtumsbericht. Das Geld ist sehr ungleichmäßig verteilt. Während eine Hälfte der Bevölkerung nur vier Prozent der gesamten Werte besitzt, verfügen die reichsten zehn Prozent über 47 Prozent. Auch die Höhe der Einkommen driftet auseinander. Verdiente 1967 ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank noch 44-mal so viel wie ein durchschnittlich verdienender Arbeitnehmer, war der Multiplikator 2003 schon 240. Vor einem Jahr wurde eine Zeit lang kontrovers über diese Entwicklung diskutiert – mittlerweile ist es wieder stiller um die Reichen geworden – das Tabu greift. „Die reichsten 10 Prozent der abhängig Beschäftigten konzentrieren heute 26 Prozent des Gesamteinkommens auf sich“, sagt Dr. Dierk Hirschel vom DGB. Gut, dass wenigstens einige Reiche erkannt haben, dass Geben mindestens genauso schön sein kann wie Nehmen: Im Jahr 2004 wurden 852 neue gemeinnützige Stiftungen ins Leben gerufen, 51 mehr als im Vorjahr. Macht insgesamt knapp 13 000 Stiftungen. Das ist in Anbetracht von 81 Millionen Bürgern zwar nicht viel, aber immerhin ein Anfang.

Günter Keil

Täterschutz

Missbrauch in der Familie: Die Einstellung, es kann nicht sein, was nicht sein kann, liefert das Opfer aus

„Es gibt nichts, was nicht möglich ist.“ Mit diesem Satz versucht Ulrike Friedrich- Graf vom Münchner Stadtjugendamt, Abteilung Kinderschutz, die oft unglaublichen Vorfälle zu charakterisieren, die sie zu bearbeiten hat. Sexueller Missbrauch innerhalb der Familie oder auch von Vertauenspersonen an Schutzbefohlenen kommt häufiger vor, als man glaubt. Und wohl noch häufiger, als man weiß. Das Unvorstellbare als denkbar zu erachten und das Ungeheuerliche anzusprechen erfordert Mut. Schließlich bedeutet es, stabil und gut geglaubte familiäre und freundschaftliche Strukturen zu sprengen. „Das rüttelt an den Grundfesten“, sagt auch die Sozialpädagogin Friedrich-Graf, „und löst natürlich familiäre Krisen aus.“ Kinder versuchen durchaus, über ihre Qualen zu sprechen. Doch leider finden sie in ihrer näheren Umgebung und vor allem in ihrer Familie häufig nicht den richtigen Zuhörer. „Mütter sind dann sehr stark mit ihren eigenen Gefühlen beschäftigt und können nicht auf die Probleme ihrer Kinder eingehen“, weiß Ulrike Friedrich-Graf.Manchmal müssen die Kinder erleben, dass sie für die Vorfälle mitschuldig gemacht oder dass ihre Empfindungen in Frage gestellt werden, „weil es den Erwachsenen unangenehm ist, darüber zu sprechen“, erklärt Friedrich- Graf. Es gebe auch die Kinder, die zu klein sind, um Worte zu finden für das, was ihnen angetan wurde. Größere Kinder haben die Möglichkeit, sich selbstständig an eine Beratungsstelle zu wenden. Für Mädchen gibt es in München beispielsweise IMMA, die Initiative Münchner Mädchenarbeit, die telefonisch und in offenen Sprechstunden berät und die Mädchen in Not auch aufnimmt. „Die Mädchen rufen hier an und sagen, dass sie dort, wo sie wohnen, nicht mehr bleiben können“, erklärt die Sozialpädagogin Sigi Kreiner von der Zufluchtsstelle der Initiative. Ob der Grund sexuelle Gewalt ist, wird häufig im ersten Gespräch nicht angesprochen: „Wir sagen den Mädchen, sie sollen erst mal herkommen und versuchen, wieder Boden unter den Füßen zu kriegen“, so Sigi Kreiner. Allerdings werden die Mädchen dann in den folgenden Gesprächen danach gefragt. „Es soll nicht als Geheimnis stehen bleiben, wenn ein Mädchen etwa vom Vater missbraucht wurde. Und für unser weiteres Vorgehen ist es auch wichtig, dass es bekannt ist.“ Ob das Verhalten eines Kindes auffällig ist, wenn es sexueller Gewalt ausgesetzt ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. „Manchmal ist vielleicht eine Verhaltensveränderung festzustellen, etwa dass ein fröhliches, aufgeschlossenes Kind sich auf einmal zurückzieht. Dies kann aber auch auf andere Dinge hindeuten“, so die Sozialpädagogin. In der Regel gibt es keine direkten Zeugen, und gerade bei kleineren Kindern wird aufgrund von Symptomen auf einen Missbrauch geschlossen. Allerdings erklärt auch Peter Mosser, Psychologe bei Kibs, die Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle für männliche Opfer sexueller Gewalt in München: „Es gibt eine unendliche Reihe von Symptomen, die aber nicht spezifisch auf sexuellen Missbrauch hindeuten müssen.“ Sexualisierte Verhaltensweisen oder sexualisierte Sprache etwa können auf sexuellen Missbrauch hinweisen. „Dies ist eine der Verhaltensmöglichkeiten, die Jungen ergreifen, wenn sie in ihrer Not nicht wahrgenommen werden“, so Peter Mosser. Die meisten aber hätten die Haltung: „Hoffentlich kommt nichts raus, hoffentlich geht es bald vorbei.“ Der Psychologe weiß auch, dass der Missbrauch in allen gesellschaftlichen Schichten vorkommt, „das geht durch alle Berufssparten“. Und dass laut Statistiken von Kibs bei Jungen „innerfamiliärer und extrafamiliärer Missbrauch etwa gleich häufig vorkommt, während Mädchen vermehrt innerhalb der Kernfamilie betroffen sind. Es ist uns wichtig darauf hinzuweisen, dass Jungen auch in Heimen oder anderen Betreuungseinrichtungen sexualisierten Übergriffen ausgesetzt sein können.“ Peter Mosser ist der Meinung, dass der Missbrauch von Jungen noch stärker tabuisiert ist als der Missbrauch von Mädchen. „Die Jungs selbst glauben häufig: Das kommt nur bei Mädchen vor.“ Die Scham ist deshalb groß, die Jungen fühlen sich nicht selten schuldig und sie haben zudem Angst, selbst zum Täter oder homosexuell zu werden. Nur wenige sehen sich in der Lage, über ihren Leidensdruck zu sprechen. „Es wird individuell entschieden, inwieweit über den Missbrauch geredet wird“, erklärt Peter Mosser. „Wir denken aber, wenn er nicht thematisiert wird, besteht die Gefahr, dass er tabuisiert wird. Und manchmal ist es ganz wichtig, den Missbrauch anzusprechen, um herauszufinden, warum sich der Junge schuldig fühlt.“ Und warum fühlt sich ein Junge schuldig, wenn er zu sexuellen Handlungen gezwungen wird? Wie kommt man auf die Idee, einem kleinen Mädchen Mitschuld zu unterstellen? Warum schämt sich ein Kind dafür, dass ihm Gewalt angetan wurde? Alles, was nicht sein soll, wird nicht angesprochen. Was nicht angesprochen wird, gewinnt eine ungeheure Macht. Eine Macht, die den Täter schützt und ihm das Opfer ausliefert. Gerade in Beziehungen, in denen sich Opfer und Täter kennen und der Schwächere dem Stärkeren vertraut, funktioniert das perfekt. Das Kind lebt mit dem Gefühl, dass etwas Unrechtes geschieht, wofür es sich schämen muss. Der Missbrauch wird schamvoll verschwiegen, die Täter-Opfer-Beziehung bleibt bestehen. Die Beratungsstelle Kibs hat ihre Arbeit klar definiert: „Wir arbeiten nicht mit Tätern zusammen. Wir sind nicht der Meinung, dass Missbrauchssysteme aufrecht erhalten werden sollen, und versuchen deshalb auch nicht, Familien, in denen der Täter verbleibt, zu stabilisieren“, so Peter Mosser. „Der Schutz der Kinder wäre in einer solchen Situation nicht gewährleistet.“ Häufig sind es bei den Jungen die Mütter, die wollen, dass ihrem Kind geholfen wird, und zur Beratungsstelle kommen. „Grundsätzlich glauben wir, dass jedem geholfen werden kann“, sagt der Psychologe. Mit Gesprächen, Musik-, Mal- und Spieltherapie, eventuell auch Trauma-Therapie versucht man, die Kinder zu unterstützen. „Es ist oft erstaunlich, mit welch einfachen Mitteln wir helfen können. Die Jungs sind froh, wenn sie ein Beziehungsangebot erhalten, in dem sie nicht missbraucht werden, sexuell oder emotional. Oft hatten sie vorher nur die Missbrauchsbeziehungen“, sagt Peter Mosser. Manchmal geht es schlicht darum, grundlegende soziale Fähigkeiten zu vermitteln. Gerade Jungen fühlen sich oft einsam und der Freundeskreis ist eher labil. Das Klima in den Gruppen ist häufig rau und es geht – noch immer – primär um die Frage nach dem Stärksten, Größten und Tollsten. Das Angebot an alternativen Männeridealen ist sehr gering: „Die Jungs sind Opfer ihrer Sozialisation. Es ist für sie problematisch zuzugeben, dass sie sich nicht wehren konnten, dass sie sich verletzlich fühlen. Unser Wunsch wäre es, wenn auch andere Männerbilder vermittelt würden. Aber da scheint sich, was den gesellschaftlichen Mainstream anbelangt, gar nichts zu verändern“, kritisiert der Psychologe. Betroffene Kinder möchten in der Regel sehr genau wissen, wie der Täter bestraft wird. Doch: „In manchen Fällen müssen sie erleben, dass ihre Aussage keine Konsequenzen nach sich zieht“, sagt Peter Mosser. Der schwierige Schritt, sich zu öffnen und sich mitzuteilen, wird nicht gerecht belohnt. Das Gericht kann nur verurteilen, was juristisch erfassbar ist. Viele Fälle sexueller Gewalt sind aber in dieser Fachsprache nicht zu beschreiben. „Damit sexueller Missbrauch juristisch verwertbar ist, muss schon viel passiert sein und bedarf es klarer Aussagen der betroffenen Kinder“, so der Psychologe und versucht zu verdeutlichen, was so schwer zu kommunizieren ist: „Kinder können oft nicht aussprechen, dass sie 50-mal missbraucht wurden. Sie erzählen von einmal,weil sie sich und anderen nicht erklären können, warum sie wieder und wieder dort hingegangen sind.“

Dorothea Büchele

Wer hilft?
Im vergangenen Jahr wurden im Jugendamt 602 Fälle von Verdacht auf Missbrauch bekannt. Viele Hinweise kommen aus dem näheren Umfeld des Kindes, der Erzieherin oder den Nachbarn. Ulrike Friedrich-Graf vom Münchner Jugendamt: „Das Jugendamt ist auf die sensible Wahrnehmung Dritter angewiesen. Deshalb ist es uns wichtig, dass sich die Bürger an Stellen wie Jugendamt, Sozialbürgerhäuser, Erziehungsberatungsstellen oder spezialisierte Beratungsstellen wie das Kinderschutzzentrum, IMMA oder Kibs wenden, wenn sie sich Sorgen um ein Kind machen und Beratung und Unterstützung benötigen. Die Stadt München hat in jeder Sozialregion eine auf die Verdachtsabklärung spezialisierte Mitarbeiterin, die auf Wunsch auch anonym beraten und über mögliche nächste Handlungsschritte informieren kann.“ Ist ein Verdachtsfall bekannt geworden, versuchen die Mitarbeiter des Jugendamtes die Wahrnehmungen, Beobachtungen, Aussagen oder Symptome zu bewerten. Das Wohl des Kindes ist zentral, ebenso der Schutz des Kindes vor weiteren sexuellen Übergriffen. Es wird auch immer mitgedacht, dass sich ein Verdacht als unbegründet herausstellen kann. Kinder und ihre Eltern haben auch ein Recht, nicht unberechtigterweise mit Verdächtigungen und vorschnellen Beurteilungen belastet zu werden. Denn auch wenn sich ein Verdacht nicht bestätigt, kann es dennoch sein, dass das Kind und seine Familie Hilfe benötigen. Das Kind steht somit im Mittelpunkt der „Aufklärungsbemühungen“ der Mitarbeiter, und „meist wird versucht, dem Kind ein Umfeld anzubieten, das es ermutigt, zu sprechen, indem man zum Beispiel eine Vertrauensperson einsetzt“, erklärt Ulrike Friedrich-Graf. Es wird abgeklärt, ob man mit den Eltern zusammenarbeiten kann, das heißt, ob es schützende Personen in der Familie gibt oder aber, wenn der Verdacht sich bestätigt beziehungsweise erhärtet, eine Inobhutnahme zum Schutz des Kindes notwendig ist. Manchmal gibt es auch körperliche Hinweise auf einen Missbrauch und es gilt dann diese zu dokumentieren und im Zusammenhang mit der Lebenssituation des Kindes zu sehen, zum Beispiel ob die Symptome nach einem Besuchswochenende bei einem Elternteil oder Dritten auftreten. Soll ein Fall strafgerichtlich verfolgt werden, ist meist die Aussage des Kindes notwendig, es sei denn, die körperlichen Befunde sind eindeutig (beispielsweise Verletzung im Genitalbereich). Eine Inhaftierung des Täters nach Verurteilung bedeutet für das Opfer, dass die Schuldfrage geklärt ist und sie bietet Schutz – allerdings meist nur auf Zeit. Und: „Bei Tätern, die pädosexuell veranlagt sind, besteht eine hohe Wiederholungsgefahr“, weiß Ulrike Friedrich-Graf. Eine Therapie während der Inhaftierung hält sie deswegen für unbedingt erforderlich.

Dorothea Büchele

KONTAKTADRESSEN Kibs (auch anonym): 089/23 17 16-9120; mail@kibs.de; www.kibs.de

Stadtjugendamt Abteilung Erziehungshilfen/Kinderschutz:

Zentrale Koordinationsstelle „Sexuelle Kindesmisshandlung“

Telefon 233-4 96 59 (Dienstag bis Donnerstag).