Missbrauch in der Familie: Die Einstellung, es kann nicht sein, was nicht sein kann, liefert das Opfer aus
„Es gibt nichts, was nicht möglich ist.“ Mit diesem Satz versucht Ulrike Friedrich- Graf vom Münchner Stadtjugendamt, Abteilung Kinderschutz, die oft unglaublichen Vorfälle zu charakterisieren, die sie zu bearbeiten hat. Sexueller Missbrauch innerhalb der Familie oder auch von Vertauenspersonen an Schutzbefohlenen kommt häufiger vor, als man glaubt. Und wohl noch häufiger, als man weiß. Das Unvorstellbare als denkbar zu erachten und das Ungeheuerliche anzusprechen erfordert Mut. Schließlich bedeutet es, stabil und gut geglaubte familiäre und freundschaftliche Strukturen zu sprengen. „Das rüttelt an den Grundfesten“, sagt auch die Sozialpädagogin Friedrich-Graf, „und löst natürlich familiäre Krisen aus.“ Kinder versuchen durchaus, über ihre Qualen zu sprechen. Doch leider finden sie in ihrer näheren Umgebung und vor allem in ihrer Familie häufig nicht den richtigen Zuhörer. „Mütter sind dann sehr stark mit ihren eigenen Gefühlen beschäftigt und können nicht auf die Probleme ihrer Kinder eingehen“, weiß Ulrike Friedrich-Graf.Manchmal müssen die Kinder erleben, dass sie für die Vorfälle mitschuldig gemacht oder dass ihre Empfindungen in Frage gestellt werden, „weil es den Erwachsenen unangenehm ist, darüber zu sprechen“, erklärt Friedrich- Graf. Es gebe auch die Kinder, die zu klein sind, um Worte zu finden für das, was ihnen angetan wurde. Größere Kinder haben die Möglichkeit, sich selbstständig an eine Beratungsstelle zu wenden. Für Mädchen gibt es in München beispielsweise IMMA, die Initiative Münchner Mädchenarbeit, die telefonisch und in offenen Sprechstunden berät und die Mädchen in Not auch aufnimmt. „Die Mädchen rufen hier an und sagen, dass sie dort, wo sie wohnen, nicht mehr bleiben können“, erklärt die Sozialpädagogin Sigi Kreiner von der Zufluchtsstelle der Initiative. Ob der Grund sexuelle Gewalt ist, wird häufig im ersten Gespräch nicht angesprochen: „Wir sagen den Mädchen, sie sollen erst mal herkommen und versuchen, wieder Boden unter den Füßen zu kriegen“, so Sigi Kreiner. Allerdings werden die Mädchen dann in den folgenden Gesprächen danach gefragt. „Es soll nicht als Geheimnis stehen bleiben, wenn ein Mädchen etwa vom Vater missbraucht wurde. Und für unser weiteres Vorgehen ist es auch wichtig, dass es bekannt ist.“ Ob das Verhalten eines Kindes auffällig ist, wenn es sexueller Gewalt ausgesetzt ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. „Manchmal ist vielleicht eine Verhaltensveränderung festzustellen, etwa dass ein fröhliches, aufgeschlossenes Kind sich auf einmal zurückzieht. Dies kann aber auch auf andere Dinge hindeuten“, so die Sozialpädagogin. In der Regel gibt es keine direkten Zeugen, und gerade bei kleineren Kindern wird aufgrund von Symptomen auf einen Missbrauch geschlossen. Allerdings erklärt auch Peter Mosser, Psychologe bei Kibs, die Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle für männliche Opfer sexueller Gewalt in München: „Es gibt eine unendliche Reihe von Symptomen, die aber nicht spezifisch auf sexuellen Missbrauch hindeuten müssen.“ Sexualisierte Verhaltensweisen oder sexualisierte Sprache etwa können auf sexuellen Missbrauch hinweisen. „Dies ist eine der Verhaltensmöglichkeiten, die Jungen ergreifen, wenn sie in ihrer Not nicht wahrgenommen werden“, so Peter Mosser. Die meisten aber hätten die Haltung: „Hoffentlich kommt nichts raus, hoffentlich geht es bald vorbei.“ Der Psychologe weiß auch, dass der Missbrauch in allen gesellschaftlichen Schichten vorkommt, „das geht durch alle Berufssparten“. Und dass laut Statistiken von Kibs bei Jungen „innerfamiliärer und extrafamiliärer Missbrauch etwa gleich häufig vorkommt, während Mädchen vermehrt innerhalb der Kernfamilie betroffen sind. Es ist uns wichtig darauf hinzuweisen, dass Jungen auch in Heimen oder anderen Betreuungseinrichtungen sexualisierten Übergriffen ausgesetzt sein können.“ Peter Mosser ist der Meinung, dass der Missbrauch von Jungen noch stärker tabuisiert ist als der Missbrauch von Mädchen. „Die Jungs selbst glauben häufig: Das kommt nur bei Mädchen vor.“ Die Scham ist deshalb groß, die Jungen fühlen sich nicht selten schuldig und sie haben zudem Angst, selbst zum Täter oder homosexuell zu werden. Nur wenige sehen sich in der Lage, über ihren Leidensdruck zu sprechen. „Es wird individuell entschieden, inwieweit über den Missbrauch geredet wird“, erklärt Peter Mosser. „Wir denken aber, wenn er nicht thematisiert wird, besteht die Gefahr, dass er tabuisiert wird. Und manchmal ist es ganz wichtig, den Missbrauch anzusprechen, um herauszufinden, warum sich der Junge schuldig fühlt.“ Und warum fühlt sich ein Junge schuldig, wenn er zu sexuellen Handlungen gezwungen wird? Wie kommt man auf die Idee, einem kleinen Mädchen Mitschuld zu unterstellen? Warum schämt sich ein Kind dafür, dass ihm Gewalt angetan wurde? Alles, was nicht sein soll, wird nicht angesprochen. Was nicht angesprochen wird, gewinnt eine ungeheure Macht. Eine Macht, die den Täter schützt und ihm das Opfer ausliefert. Gerade in Beziehungen, in denen sich Opfer und Täter kennen und der Schwächere dem Stärkeren vertraut, funktioniert das perfekt. Das Kind lebt mit dem Gefühl, dass etwas Unrechtes geschieht, wofür es sich schämen muss. Der Missbrauch wird schamvoll verschwiegen, die Täter-Opfer-Beziehung bleibt bestehen. Die Beratungsstelle Kibs hat ihre Arbeit klar definiert: „Wir arbeiten nicht mit Tätern zusammen. Wir sind nicht der Meinung, dass Missbrauchssysteme aufrecht erhalten werden sollen, und versuchen deshalb auch nicht, Familien, in denen der Täter verbleibt, zu stabilisieren“, so Peter Mosser. „Der Schutz der Kinder wäre in einer solchen Situation nicht gewährleistet.“ Häufig sind es bei den Jungen die Mütter, die wollen, dass ihrem Kind geholfen wird, und zur Beratungsstelle kommen. „Grundsätzlich glauben wir, dass jedem geholfen werden kann“, sagt der Psychologe. Mit Gesprächen, Musik-, Mal- und Spieltherapie, eventuell auch Trauma-Therapie versucht man, die Kinder zu unterstützen. „Es ist oft erstaunlich, mit welch einfachen Mitteln wir helfen können. Die Jungs sind froh, wenn sie ein Beziehungsangebot erhalten, in dem sie nicht missbraucht werden, sexuell oder emotional. Oft hatten sie vorher nur die Missbrauchsbeziehungen“, sagt Peter Mosser. Manchmal geht es schlicht darum, grundlegende soziale Fähigkeiten zu vermitteln. Gerade Jungen fühlen sich oft einsam und der Freundeskreis ist eher labil. Das Klima in den Gruppen ist häufig rau und es geht – noch immer – primär um die Frage nach dem Stärksten, Größten und Tollsten. Das Angebot an alternativen Männeridealen ist sehr gering: „Die Jungs sind Opfer ihrer Sozialisation. Es ist für sie problematisch zuzugeben, dass sie sich nicht wehren konnten, dass sie sich verletzlich fühlen. Unser Wunsch wäre es, wenn auch andere Männerbilder vermittelt würden. Aber da scheint sich, was den gesellschaftlichen Mainstream anbelangt, gar nichts zu verändern“, kritisiert der Psychologe. Betroffene Kinder möchten in der Regel sehr genau wissen, wie der Täter bestraft wird. Doch: „In manchen Fällen müssen sie erleben, dass ihre Aussage keine Konsequenzen nach sich zieht“, sagt Peter Mosser. Der schwierige Schritt, sich zu öffnen und sich mitzuteilen, wird nicht gerecht belohnt. Das Gericht kann nur verurteilen, was juristisch erfassbar ist. Viele Fälle sexueller Gewalt sind aber in dieser Fachsprache nicht zu beschreiben. „Damit sexueller Missbrauch juristisch verwertbar ist, muss schon viel passiert sein und bedarf es klarer Aussagen der betroffenen Kinder“, so der Psychologe und versucht zu verdeutlichen, was so schwer zu kommunizieren ist: „Kinder können oft nicht aussprechen, dass sie 50-mal missbraucht wurden. Sie erzählen von einmal,weil sie sich und anderen nicht erklären können, warum sie wieder und wieder dort hingegangen sind.“
Dorothea Büchele
Wer hilft?
Im vergangenen Jahr wurden im Jugendamt 602 Fälle von Verdacht auf Missbrauch bekannt. Viele Hinweise kommen aus dem näheren Umfeld des Kindes, der Erzieherin oder den Nachbarn. Ulrike Friedrich-Graf vom Münchner Jugendamt: „Das Jugendamt ist auf die sensible Wahrnehmung Dritter angewiesen. Deshalb ist es uns wichtig, dass sich die Bürger an Stellen wie Jugendamt, Sozialbürgerhäuser, Erziehungsberatungsstellen oder spezialisierte Beratungsstellen wie das Kinderschutzzentrum, IMMA oder Kibs wenden, wenn sie sich Sorgen um ein Kind machen und Beratung und Unterstützung benötigen. Die Stadt München hat in jeder Sozialregion eine auf die Verdachtsabklärung spezialisierte Mitarbeiterin, die auf Wunsch auch anonym beraten und über mögliche nächste Handlungsschritte informieren kann.“ Ist ein Verdachtsfall bekannt geworden, versuchen die Mitarbeiter des Jugendamtes die Wahrnehmungen, Beobachtungen, Aussagen oder Symptome zu bewerten. Das Wohl des Kindes ist zentral, ebenso der Schutz des Kindes vor weiteren sexuellen Übergriffen. Es wird auch immer mitgedacht, dass sich ein Verdacht als unbegründet herausstellen kann. Kinder und ihre Eltern haben auch ein Recht, nicht unberechtigterweise mit Verdächtigungen und vorschnellen Beurteilungen belastet zu werden. Denn auch wenn sich ein Verdacht nicht bestätigt, kann es dennoch sein, dass das Kind und seine Familie Hilfe benötigen. Das Kind steht somit im Mittelpunkt der „Aufklärungsbemühungen“ der Mitarbeiter, und „meist wird versucht, dem Kind ein Umfeld anzubieten, das es ermutigt, zu sprechen, indem man zum Beispiel eine Vertrauensperson einsetzt“, erklärt Ulrike Friedrich-Graf. Es wird abgeklärt, ob man mit den Eltern zusammenarbeiten kann, das heißt, ob es schützende Personen in der Familie gibt oder aber, wenn der Verdacht sich bestätigt beziehungsweise erhärtet, eine Inobhutnahme zum Schutz des Kindes notwendig ist. Manchmal gibt es auch körperliche Hinweise auf einen Missbrauch und es gilt dann diese zu dokumentieren und im Zusammenhang mit der Lebenssituation des Kindes zu sehen, zum Beispiel ob die Symptome nach einem Besuchswochenende bei einem Elternteil oder Dritten auftreten. Soll ein Fall strafgerichtlich verfolgt werden, ist meist die Aussage des Kindes notwendig, es sei denn, die körperlichen Befunde sind eindeutig (beispielsweise Verletzung im Genitalbereich). Eine Inhaftierung des Täters nach Verurteilung bedeutet für das Opfer, dass die Schuldfrage geklärt ist und sie bietet Schutz – allerdings meist nur auf Zeit. Und: „Bei Tätern, die pädosexuell veranlagt sind, besteht eine hohe Wiederholungsgefahr“, weiß Ulrike Friedrich-Graf. Eine Therapie während der Inhaftierung hält sie deswegen für unbedingt erforderlich.
Dorothea Büchele
KONTAKTADRESSEN Kibs (auch anonym): 089/23 17 16-9120; mail@kibs.de; www.kibs.de
Stadtjugendamt Abteilung Erziehungshilfen/Kinderschutz:
Zentrale Koordinationsstelle „Sexuelle Kindesmisshandlung“
Telefon 233-4 96 59 (Dienstag bis Donnerstag).