Der nächste Schritt

Das Ziel – Frieden – ist erreicht. Und die Regelung wirtschaftlicher Belange stiftet keine europäische Identität. Wie geht es weiter?

Als nach dem 2. Weltkrieg halb Europa in Trümmern lag und zwischenstaatliche Beziehungen kaum noch existierten, begann ein alter Traum von Schriftstellern, Philosophen und Staatsmännern endlich reale Konturen anzunehmen. Nach all der Gewalt und Vernichtung in zwei Weltkriegen organisierten sich die Vertreter europäischer Widerstandsbewegungen und Föderalisten, um konkrete Konzepte zur Überwindung des Nationalismus und zur Verwirklichung eines gesamteuropäischen Bundesstaates zu erarbeiten. Ziel war ein vereinigtes Lesen Sie weiter bei »Der nächste Schritt«…

Der forcierte Abschied von einem Erfolgsmodell

Oder: Wer hat die Macht?

Hartmut L. ist schwerbehindert, psychisch krank, lebt in einer Einrichtung und hat einen gesetzlichen Betreuer. Der mittellose Mann erhält vom Sozialamt zusätzlich zur Absicherung seines Lebensunterhalts ein Taschengeld von 88,66 Euro im Monat. Als vor kurzem seine Brille zu Bruch ging, suchte er einen Augenarzt auf. Dort wurde festgestellt, dass sich seine Sehkraft verschlechtert hatte. Eine neue Brille wäre also in jedem Fall nötig gewesen. Hartmut L. ging mit der Verordnung des Augenarztes zum Optiker, der die Kosten auf 209,90 Euro veranschlagte. Der Betreuer reichte die Unterlagen Lesen Sie weiter bei »Der forcierte Abschied von einem Erfolgsmodell«…

Abstrakte Grenzen

Europa definiert sich über Werte. Anders ist es bei seiner wechselvollen Geschichte auch kaum möglich

Seit der Europäische Rat 1993 die politischen Kriterien für Beitrittskandidaten in die Europäische Union (EU) definiert hat, gelten zentral die institutionelle Stabilität als Garant für eine demokratische und rechtsstaatliche Ordnung, Wahrung der Menschenrechte sowie der Schutz von Minderheiten. Doch wie die kontroversen Diskussionen um das Beitrittsgesuch der Türkei zeigen, können diese Kriterien die politischen wie ideellen Chancen und Grenzen für viele nicht nachvollziehbar definieren. Welchen Rahmen könnte sich Europa also sonst geben? Gewiss sind Europas Grenzen auf der Karte fixierbar, aber: „Mit einer geografischen Definition Lesen Sie weiter bei »Abstrakte Grenzen«…

Die große Chance

Europa hat das Instrumentarium, die Zukunft menschlich und wirtschaftlich zu gestalten. Wichtig ist: trotz Widrigkeiten dranbleiben

Zuerst die gute Nachricht:Wenn all das, was sich die Europäische Union vorgenommen hat, tatsächlich Schritt für Schritt verwirklicht wird, stehen uns und unseren Nachfahren angenehme Zeiten bevor. Sozial, vielfältig, gerecht, ökologisch und dabei auch noch wirtschaftlich erfolgreich – so lauten vereinfacht die offiziellen Ziele der EU für die nächsten Jahrzehnte. Beispiel Umweltpolitik: Das Aktionsprogramm „Umwelt 2010:Unsere Zukunft liegt in unserer Hand“ soll den Schutz des Klimas, der natürlichen Lebensräume sowie der wild lebenden Pflanzen und Tiere forcieren. Angestrebt wird außerdem die Lösung von Umwel tund Gesundheitsproblemen, der Erhalt natürlicher Ressourcen und die Beseitigung der Abfallprobleme. Das klingt fast so, als ob Lesen Sie weiter bei »Die große Chance«…

Eine Klarstellung

Beim Stichwort „Lösungsmodelle“ fällt mir für die Probleme Armut und Ausgrenzung natürlich gleich unser BISS-Modell ein. Ein großer Teil seines Erfolges liegt sicher an unserer wichtigsten Maxime „Geld ist Mittel zum Zweck“. Der Zweck: Menschen, die durch Armut und Obdachlosigkeit an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, wieder zurückzuholen. Das gelingt über Arbeit, soziale Kontakte, Entschuldung und medizinische Versorgung. So werden aus Außenseitern Bürger mit Rechten und Pflichten. Die Zeitschrift ist das Mittel, um Arbeit zu schaffen und soziale Kontakte herzustellen, und die Spendengelder sind das Mittel, um die individuellen Hilfen zu finanzieren. Das BISS-Modell funktioniert, weil unsere Zeitschrift Ihr Interesse findet und unser Projekt auf vielen Schultern ruht. Es wird getragen von der ganzen Stadt und noch weit darüber hinaus. Wie wichtig eine breite Basis ist, wurde gerade beim Tod Lesen Sie weiter bei »Eine Klarstellung«…

Der nächste Schritt

Das Ziel – Frieden – ist erreicht. Und die Regelung wirtschaftlicher Belange stiftet keine europäische Identität. Wie geht es weiter?

Als nach dem 2. Weltkrieg halb Europa in Trümmern lag und zwischenstaatliche Beziehungen kaum noch existierten, begann ein alter Traum von Schriftstellern, Philosophen und Staatsmännern endlich reale Konturen anzunehmen. Nach all der Gewalt und Vernichtung in zwei Weltkriegen organisierten sich die Vertreter europäischer Widerstandsbewegungen und Föderalisten, um konkrete Konzepte zur Überwindung des Nationalismus und zur Verwirklichung eines gesamteuropäischen Bundesstaates zu erarbeiten. Ziel war ein vereinigtes Europa, in dem die Völker friedlich zusammenlebten. Winston Churchill forderte in seiner berühmten Rede am 19. September 1946 in Zürich die baldige Gründung der Vereinigten Staaten von Europa, in deren Mittelpunkt die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich stehen sollte. Daneben war die Angst vor der Übermacht der UdSSR ein zweiter Motor der europäischen Einheitsbestrebungen. Denn die europäischen Länder mussten nach dem Krieg feststellen, dass sie ihre international dominierende Rolle verloren hatten und dass sie nur im Verbund gegen Angriffe von außen und gegen ein eventuelles Wiedererwachen des Faschismus vor allem in Deutschland gewappnet wären. Die dritte Triebfeder der Europa- Idee waren pragmatische wirtschaftliche und kulturelle Interessen.Man versprach sich vom vereinten Europa Freiheit und Mobilität, wirtschaftliche Stabilität und Wohlstand. Verwirklicht wurde die europäische Zusammenarbeit zuerst im wirtschaftlichen Bereich. 1951 beschlossen Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Frankreich, Italien und Deutschland, beim Handel mit Kohle und Stahl zusammenzuarbeiten. Die daraufhin gegründete Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) hob die Zölle auf, schaffte mengenmäßige Beschränkungen und Abgaben ab, stellte die Versorgung mit den so genannten „Montangütern“ sicher und koordinierte die Preisgestaltung. Die Zusammenarbeit erwies sich als Erfolgsmodell, und schon 1955 vereinbarten die sechs EGKS-Nationen im italienischen Messina eine Kooperation in allen Wirtschaftszweigen. Die 1958 in Kraft tretenden „Römischen Verträge“ beinhalten die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom oder EAG). Letztere verfolgt das Ziel, die friedliche Nutzung der Kernenergie zu fördern und zu sichern. 1967 fusionieren EGKS, EWG und Euratom zu den Europäischen Gemeinschaften (EG) mit Sitz in Brüssel, Straßburg und Luxemburg. Die wirtschaftliche Entwicklung der EG zieht weitere Staaten an: 1973 treten Dänemark, Großbritannien und Irland, 1981 Griechenland, 1986 Spanien und Portugal bei. 1995 folgen Österreich, Finnland und Schweden. 1970 wird neben der wirtschaftlichen auch die politische Zusammenarbeit der Mitgliedsstaaten ein Stück vorangetrieben. Der erste Versuch politischer Kooperation in Form einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) war in den 50er-Jahren gescheitert: Die 1970 gegründete Europäische Politische Zusammenarbeit (EPZ) stärkt europäische Positionen gegenüber internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen oder der Welthandelskonferenz. Doch bleiben die Mitgliedsstaaten auf politischer Ebene weiterhin oft uneins. 1992 wird der europäische Binnenmarkt vollendet. Von nun an sind die Grenzen zwischen den EG-Staaten für den Personen-, Waren-, Dienstleistungsund Kapitalverkehr vollständig geöffnet. Der 1993 in Kraft tretende Maastrichter Vertrag bildet die rechtliche Grundlage zur Gründung der Europäischen Union (EU) mit der Vereinbarung, den Euro als gemeinsames Zahlungsmittel einzuführen und in der Außen- und Sicherheitspolitik sowie in der Justiz- und Innenpolitik enger zu kooperieren. 1999 werden die Kompetenzen der EU durch den Vertrag von Amsterdam erweitert. Zwei Jahre später schaffen die 15 EUStaaten im Vertrag von Nizza die Grundlagen für die Ost-Erweiterung, die im Mai 2004 mit dem Beitritt Estlands, Lettlands, Litauens, Polens, Tschechiens, der Slowakei, Ungarns, Sloweniens, Maltas und Zyperns die EU schlagartig von 15 auf 25 Mitgliedsländer anwachsen lässt. Die zweite Runde der Ost-Erweiterung, Bulgarien und Rumänien betreffend, wird voraussichtlich 2007 Wirklichkeit – vorausgesetzt, die Aspiranten erfüllen die strengen Beitrittskriterien. Frühestens 2005 werden die Verhandlungen über den seit 1987 beantragten Beitritt der Türkei aufgenommen werden. Die Gemeinschaft hat sehr schnell viele Staaten integriert, aber die Idee der EU ist diffus geworden. Das wichtigste Ideal der Gründungsphase, der innereuropäische Frieden, ist verwirklicht. Kaum jemand kann sich heute vorstellen, dass Frankreich und Deutschland noch einmal Krieg gegeneinander führen würden. Auch die Öffnung der Grenzen und die Errungenschaften im wirtschaftlichen Bereich scheinen schon selbstverständlich. Was heute an Vorschlägen, Richtlinien und Verordnungen aus Brüssel kommt, beobachten die Bürger eher mit Vorbehalten denn mit Wohlwollen. „Die EU ist für die meisten eine ,Black Box‘“, sagt die Münchner Stadträtin Claudia Tausend. Sie leitet seit 1999 den Arbeitskreis für Europa und internationale Politik der Münchner SPD. Der Kreis trifft sich alle vier bis sechs Wochen, diskutiert Themen wie zurzeit den Türkei- Beitritt oder die Dienstleistungsrichtlinie, schreibt Anträge und Resolutionen. Doch wenn man nicht gerade Europarecht studiert habe, seien die komplizierten Entscheidungsprozesse und Institutionen kaum zu verstehen. Genau darin sieht Tausend eines der größten Probleme der EU-Politik und auch den Grund für das Scheitern der EU-Verfassung, die von Deutschland initiiert, aber in den Referenden in Frankreich und den Niederlanden abgelehnt wurde. Dabei hätte die Verfassung dazu beigetragen, die europäischen Institutionen zu vereinfachen und damit handlungsfähiger zu machen. Doch leider sei es nicht gelungen, diese Inhalte richtig zu vermitteln. Die Bürger dachten wahrscheinlich nur: nicht noch mehr Europa! Umfragen ergeben, dass das europäische Bewusstsein generell schwach ist und vor allem in Krisensituationen nationale Denkmuster überwiegen.Viele empfinden Europa als eine Art Vorstufe und Teileinheit der Globalisierung und europäische Standardisierungen als Bedrohung ihrer nationalen und regionalen Identität. Selbst Claudia Tausend fühlt sich als Kommunal- und Europapolitikerin oft zu einem „Spagat“ gezwungen, weil die ehrgeizigen und ambitionierten EU-Ziele in den Kommunen nicht selten als unsinnige und dabei höchst kostspielige Bestimmungen ankommen, für die die EU keinen Cent zahlt. Um von den Bürgern wieder akzeptiert zu werden, müsste die EU demokratischer, politischer, weniger technokratisch und sozialer werden, meint Tausend. Gerade den westlichen Mitgliedsstaaten liegt die Absicherung von Arbeitnehmerrechten und den erreichten Standards im Tarifbereich, im Arbeitsschutz und bei den Löhnen am Herzen. In den Diskussionen um die Dienstleistungsrichtlinie stehen sich derzeit die Befürworter des Arbeitsortsprinzips und die Befürworter des Herkunftslandsprinzips gegenüber. Während Ersteres den Anbieter einer Dienstleistung an das Recht des Landes bindet, in dem er die Arbeit anbietet, unterstellt Letzteres den Anbieter dem Recht seines Herkunftslandes. Fast alle östlichen Mitgliedsstaaten befürworten das Herkunftslandprinzip, während vor allem Deutschland und Frankreich vehement gegen dessen Durchsetzung sind, weil sich diese konkret als Lohndumping und Verlust von Verbraucher-, Arbeits- und Umweltrechten auswirken würde. Der Schutz der Beschäftigung und der Lebensumstände ist aber eines der Ziele, die Europa den Bürgern wieder näher brächte. Denn die Skepsis, die heute viele gegen Europa, den einstigen Garant für Wohlstand, hegen, beruht auch auf der Angst vor materiellem Verlust. Umfassende Sozialschutzsysteme sind ein grundlegender Bestandteil des europäischen Gesellschaftsmodells. Immerhin geben die Mitgliedsstaaten der EU im Durchschnitt rund 28 Prozent des Bruttoinlandprodukts für soziale Sicherung aus, bei einer Spannweite von 16 Prozent in Irland und 32,5 Prozent in Schweden. Deutschlands Sozialleistungsquote beträgt 29,9 Prozent (Bundessozialbericht 2005). „Inwieweit die Europäische Union für die soziale Sicherung und den sozialen Ausgleich zwischen den Bürgen zuständig sein soll und dafür Sorge trägt, dass auch die Schwächeren ein menschenwürdiges Dasein führen können, wird derzeit in den wichtigsten EU-Institutionen wie zum Beispiel in der Europäischen Kommission, im Europäischen Parlament und im Ministerrat breit diskutiert“, sagt Jürgen Gmelch, Mitarbeiter der Vertretung der Europäischen Kommission in München. Noch ist offen, ob sich der Gedanke durchsetzt, dass die EU die Absicherung der Bürger regelt, oder ob der Schwerpunkt der EU weiterhin auf dem wirtschaftlichen Aufschwung liegen soll, auch wenn dieser zunächst eher zu Lasten von sozialen Absicherungen geht. Bisher gilt in der EU der Grundsatz der offenen Koordinierung, das heißt, die Sozialpolitik ist Angelegenheit der Mitgliedsstaaten. Doch nach den gescheiterten Referenden in Frankreich und den Niederlanden sieht es die Europäische Kommission als ihre Aufgabe, herauszufinden, was die Bürger eigentlich möchten: ein sozialeres Europa oder weniger Einflussnahme aus Brüssel. Dazu veranstaltet die Kommission Diskussionsforen, wie zum Beispiel am 8. November in der Münchner Hochschule für Philosophie in der Kaulbachstraße 31: „Der Beitritt der Bürger – Welche Zukunft hat das Europäische Projekt?“. Nun sind wir gefragt!

Simone Kayser

Das Antispekulationsmodell

Wohnhäuser sind wertvoll, man sollte sie nicht den Spekulanten überlassen. Eigentümer, die das auch so sehen, können sich an GIMA wenden

Für Anne Diepen und ihre Nachbarn war es, als hätte der Blitz eingeschlagen: Ihr Haus in der Häberlstraße sollte verkauft werden. Das war 2003. Einige der Bewohner lebten hier schon jahrzehntelang, aus Nachbarn waren Freunde geworden, und im Eigentümer hatten sie einen zuverlässigen Vermieter. Die Wohnungen waren bezahlbar, was gerade in der Innenstadt selten ist. Damals drohte Diepen und den anderen Mietern der Wohnungsverlust. Denn üblicherweise lässt der neue Eigentümer das Haus sanieren und verlangt für die Luxuswohnungen deutlich mehr. Geld, das die Mieter meistens nicht aufbringen können. Lesen Sie weiter bei »Das Antispekulationsmodell«…