Es gibt Ordnungssysteme, die so komplex sind, dass sie die Wohnung in ein Chaos verwandeln
Peter Neumann (Name geändert) will die Renovierung seiner 50-Quadratmeter- Wohnung “von Grund auf richtig machen”. Die Wände sollen in frischen, hellen Farben erstrahlen, und wenn alles, was man so braucht, eingeräumt ist, soll im Wohnzimmer noch Platz zum Tanzen bleiben. Doch zuvor gibt es eine Menge zu bedenken:”Ist man Links- oder Rechtshänder, die eigene Körpergröße, und ob Kinder in die Wohnung kommen werden.” Letzteres sei beispielsweise wichtig für die Beschaffenheit der Farbe, denn Kinder klatschen gern mit den Händen gegen die Wand, und das soll keine Spuren hinterlassen. Derzeit sind seine eineinhalb Zimmer noch vollgestopft: Im Flur und auch sonst überall stehen auf dem Boden “Materialien”, Werkzeug, Haushaltsgeräte vom Flohmarkt, Bücher, CDs, Schallplatten …, in Schränken und Schubladen stapeln sich Teller, Zeitungsausschnitte, Kleidung und Plastikbehälter, die man irgendwann einmal brauchen könnte, “alles sauber und in Kartons verpackt”. Seit zwei Jahren möchte Peter Neumann Platz schaffen, er möchte “die ganze Wohnung angehen”. Und wer seinen weiterführenden und detaillierten Überlegungen folgt, versteht, dass er dieses Vorhaben als “kleines Kunststück” betrachtet, wofür er zunächst “die richtige Reihenfolge finden” muss. Also legt er jetzt einmal alles in eine Kiste, die nach der Renovierung in den Keller kommen soll. “Es gibt auch die Möglichkeit, sich von Dingen zu trennen”, weiß er. Seine Mutter zum Beispiel habe noch Geschirr und Besteck für eine achtköpfige Familie, dabei lebe sie allein. “Das Leben ist wie ein Puzzle, das man Stück für Stück zusammensetzen muss”, beschreibt der 50-Jährige seine Sicht der Dinge. Und allein seine Kindheit zerfällt in viele kleine Einzelteile. Rund zwanzigmal ist die Familie umgezogen, das heißt für den Jungen neue Schulen, neue Kameraden, neue Freunde. Die Zustände sind für ihn unübersichtlich: Die Eltern trennen und versöhnen sich ständig, bis der Vater geht und ein Stiefvater kommt. Das Kind stellt Fragen, aber “für ernsthafte Antworten nahm sich keiner Zeit”. Ordnung, wird ihm immer wieder gesagt, sei wichtig im Leben. Einen Platz räumt man ihr allerdings nicht ein. Peter ist der Zweitälteste von sechs Geschwistern. Es gab ein Zimmer, und dort hatte man “eben seine Sachen; es kamen immer mehr Geschwister dazu”, erinnert er sich.Mehr Geschwister – mehr Sachen. Neumann ist jemand, der “das Außen und das Innen” im Blick behält. Das “Außen ist hektisch”, es verlangt von ihm Ordnung, das “Innen braucht Zeit”, um Ordnung zu schaffen. Das sei ein Prozess, denn die Wohnung soll “ganz gemacht werden”. Im “Außen” lauert die Gefahr, betrogen zu werden, im “Innen”, sich in Einzelheiten zu verlieren. Peter ist 14, als bei ihm eine schwere Dickdarmentzündung festgestellt wird, die nach Meinung der Ärzte psychische Ursachen hat. Sein erster Lehrberuf ist Schaufensterdekorateur. “In der Zeit bin ich viel mit Waren in Berührung gekommen”, erzählt er. “Aber meine Schaufenster waren immer ordentlich und sauber – innen und außen.” Er muss zur Bundeswehr.Anschließend wird er Qualitätsprüfer, seine dritte Ausbildung beginnt er bei einem Wach- und Sicherheitsdienst. Er zieht an die dreißigmal um, arbeitet in diversen Jobs, heiratet, wird Vater von zwei Söhnen, die mittlerweile vierzehn und acht Jahre alt sind. 1997 zerteilt die Scheidung sein wechselhaftes Leben, er darf seine Jungs nicht mehr sehen. Das Verhalten seiner Frau ist ihm schleierhaft – andere Väter verlieren nach der Scheidung ihre Kinder nicht. Das Umgangsrecht muss er sich erstreiten, es wird kompliziert. Jeder Brief zu diesem Vorgang kommt in eine Klarsichthülle und dann in einen Ordner. Ein weiterer Ordner enthält die Unterlagen seiner Entschuldung. Neumann wohnt in einer Sozialsiedlung, er kennt viele Leute, hat oft Gäste. Er verschenkt viel; ab und zu habe auch mal eine Pizza-Teig- Maschine oder ein Badmintonschläger gefehlt. Eines Tages sei seine Scheckkarte weg gewesen. “Bis ich das gemerkt hatte, war mein Konto überzogen, dabei dürfte ich eigentlich gar keinen Dispokredit haben”, wundert er sich. Seine Entschuldung sei mittlerweile abgeschlossen. “Die freien Flächen in der Wohnung werden langsam größer”, bemerkt Neumann, doch das Ziel ist “die komplette Renovierung und dann das Erhalten der Ordnung”. “Das, was ich jetzt praktiziere: alles in Kartons, als sei die Wohnung ein Warenlager oder als sei ich kurz vor dem Auszug oder kurz nach dem Einzug, gefällt mir nicht. Ordnung und Ästhetik sind wichtig für mich”, bekennt der Dekorateur, sonst fühle er sich nicht wohl. Doch erst einmal müsse er sein “Manko” finden und das “richtige Maß”; denn das Maß sei das Maß aller Dinge. – Man solle schließlich weder unter- noch übertreiben. Sind zwei Teller im Schrank untertrieben und zweiundzwanzig übertrieben? Wer gibt das Maß vor? “Es gibt viele Menschen, vor allem Frauen, die mir helfen wollen, doch sie brauchen meistens selbst Hilfe”, hat er festgestellt. Richtige Hilfe habe er bei seiner Entschuldung erfahren. Richtige Hilfe ist für ihn, wenn er ein Stück vom Puzzle im Paket abgeben kann, wie beispielsweise seine Post, um die sich jetzt ein Rechtsanwalt kümmert. Peter Neumann bleiben noch genug Einzelteile, die er zusammenfügen muss. Vielleicht gelingt ihm ein Bild, das ihm hilft, sein Maß zu finden.
Die andere Seite
Wedigo von Wedel ist eigentlich Grundschullehrer, doch seit zehn Jahren geht er als Mitarbeiter und Leiter der Ambulanten Wohnungshilfe des H-Teams in Wohnungen, um die andere wegen der ausströmenden strengen Gerüche einen weiten Bogen machen. Manchmal erschöpft den Bewohner bereits das Öffnen der Tür, dann tritt von Wedel in eine Wohnung ein, in der die Dinge die Oberhand gewonnen haben und ihren Besitzer zu erdrücken drohen. Der Mann kommt, um Abhilfe zu schaffen. Er wurde entweder vom Vermieter, vom Allgemeinen Sozialdienst oder den sozialen Diensten der Krankenhäuser und Psychiatrien gerufen. Immer häufiger suchen auch Menschen, deren Ordnungssystem nicht mehr greift, selbst Rat beim H-Team. Der Helfer kommt als “Gast”, das heißt, er kommentiert und bewertet den Zustand der Wohnung nicht, vielmehr stellt er die Gretchenfrage: “Möchten Sie in dieser Wohnung bleiben?” Antwortet der Bewohner mit Ja, was meistens der Fall ist, gibt es ein gemeinsames Ziel. Dann beginnt eine Arbeit, in der eine vier Stunden dauernde Entscheidungsfindung über den Verbleib eines Zeitungsschnipsels als Erfolg gilt. “Schwer entwirrbar ist Unordnung, die aus Wertlosem und Wertvollem bestehet – aus Schrott und Perlen”, weiß von Wedel.”Jedes Ding ist an sich wertlos”, erklärt er. “Erst der Mensch misst ihm einen Wert bei. Sei es, weil es Erinnerungen weckt, einen Nutzwert hat oder das Potenzial, damit eine Idee umzusetzen.” Außerdem hat von Wedel beobachtet, wirke Verpackung wie ein “Fetisch”. Und er erklärt sich diese Besessenheit mit dem Bedürfnis nach Schutz. “Die Muschel, die aufbewahrt werden soll, wird umwickelt und in eine Streichholzschachtel gelegt, um die Streichholzschachtel kommt wieder Papier und noch eine Schachtel, bis aus der kleinen Muschel Schicht um Schicht ein großes Paket geworden ist.” Psychologen gehen davon aus, dass Menschen mit so genannten Desorganisationsproblemen Verlust- und Trauererlebnisse hinter sich haben. Solche Katastrophen werden als Chaos empfunden. Chaos ist für Wedigo von Wedel “ein Resultat aus vielen Wechselwirkungen. Sinn und Funktion von Ordnung kippen in Nichtfunktionieren”. Eine neue lebenstragende Ordnung zu finden bedeutet, sich zu verändern. Ob das glückt oder ob derjenige, der die Katastrophe erlebt, an den Rand der Gesellschaft katapultiert wird, hängt von vielem ab – auch von Faktoren, die er selbst nicht beeinflussen kann. Es könnte aber sein, dass der Zustand seiner Wohnung Aufschluss darüber gibt, ob der Wandel gelungen ist. Wedigo von Wedel hat Respekt vor den Menschen, die seine Hilfe brauchen. Sie stehen für ihn im Vordergrund. Daher lautet seine nächste Frage: “Wie stellen Sie sich Ihre Wohnung vor?” Meistens seien die Vorstellungen überzogen und perfektionistisch. Alltägliche Vorgänge und Tätigkeiten werden unverhältnismäßig überhöht. Von Wedel sorgt dafür, dass Gedanken und Vorgänge wieder vereinfacht werden. Es bestehe meistens ein Gegensatz zwischen Intellektualität und Kreativität auf der einen und Handlungsmöglichkeiten und Fähigkeiten auf der anderen Seite. Von Wedels wichtigstes Wergzeug ist Geduld, denn allein der Besitzer der Gegenstände entscheidet darüber, was mit ihnen geschehen soll. Das ist auch gesetzlich so festgelegt. Also fragt von Wedel bei jeder Tüte, bei jedem Plastikbecher, in welche Kiste das kommen soll, denn erst wird sortiert, Entsorgen ist die letzte Stufe, und die erreicht man erst nach Monaten. Ordnung schaffen kann man früh lernen, weiß der Pädagoge: “Kinder brauchen dazu einen Ort für selbstbestimmtes Handeln und die Erfahrung, dass es auch gemeinschaftliche Räume gibt. Wichtig ist, dass das Kind das Spielzeug erst aufräumt, wenn das Spiel auch wirklich abgeschlossen ist.” Wedigo von Wedel hat seinen Beruf nicht gewechselt, weil er sich zum Retter berufen fühlt. Er habe schon immer gern mit Menschen gearbeitet,weil er am “Elementaren” interessiert ist. Für von Wedel ist das Elementare am Menschen, wie aus Fertigkeiten Fähigkeiten werden können: “Wie zum Beispiel aus der erworbenen Fertigkeit, ein Messer zu handhaben, die Fähigkeit wird, eine Figur zu schnitzen.” Ist demnach das Wesentliche am Menschen, dass er zu ordnen lernt und daraus die Fähigkeit entwickelt, es so zu tun, dass das eigene Leben meistens einen Sinn ergibt?
Eleni Adamidu
Info
Weitere Informationen zum H-Team und über die Arbeit des Vereins unter der Telefonnummer 089/7 47 36 20 und im Internet unter www.h-team-ev.de




