Das Maß aller Dinge

Es gibt Ordnungssysteme, die so komplex sind, dass sie die Wohnung in ein Chaos verwandeln

Peter Neumann (Name geändert) will die Renovierung seiner 50-Quadratmeter- Wohnung “von Grund auf richtig machen”. Die Wände sollen in frischen, hellen Farben erstrahlen, und wenn alles, was man so braucht, eingeräumt ist, soll im Wohnzimmer noch Platz zum Tanzen bleiben. Doch zuvor gibt es eine Menge zu bedenken:”Ist man Links- oder Rechtshänder, die eigene Körpergröße, und ob Kinder in die Wohnung kommen werden.” Letzteres sei beispielsweise wichtig für die Beschaffenheit der Farbe, denn Kinder klatschen gern mit den Händen gegen die Wand, und das soll keine Spuren hinterlassen. Derzeit sind seine eineinhalb Zimmer noch vollgestopft: Im Flur und auch sonst überall stehen auf dem Boden “Materialien”, Werkzeug, Haushaltsgeräte vom Flohmarkt, Bücher, CDs, Schallplatten …, in Schränken und Schubladen stapeln sich Teller, Zeitungsausschnitte, Kleidung und Plastikbehälter, die man irgendwann einmal brauchen könnte, “alles sauber und in Kartons verpackt”. Seit zwei Jahren möchte Peter Neumann Platz schaffen, er möchte “die ganze Wohnung angehen”. Und wer seinen weiterführenden und detaillierten Überlegungen folgt, versteht, dass er dieses Vorhaben als “kleines Kunststück” betrachtet, wofür er zunächst “die richtige Reihenfolge finden” muss. Also legt er jetzt einmal alles in eine Kiste, die nach der Renovierung in den Keller kommen soll. “Es gibt auch die Möglichkeit, sich von Dingen zu trennen”, weiß er. Seine Mutter zum Beispiel habe noch Geschirr und Besteck für eine achtköpfige Familie, dabei lebe sie allein. “Das Leben ist wie ein Puzzle, das man Stück für Stück zusammensetzen muss”, beschreibt der 50-Jährige seine Sicht der Dinge. Und allein seine Kindheit zerfällt in viele kleine Einzelteile. Rund zwanzigmal ist die Familie umgezogen, das heißt für den Jungen neue Schulen, neue Kameraden, neue Freunde. Die Zustände sind für ihn unübersichtlich: Die Eltern trennen und versöhnen sich ständig, bis der Vater geht und ein Stiefvater kommt. Das Kind stellt Fragen, aber “für ernsthafte Antworten nahm sich keiner Zeit”. Ordnung, wird ihm immer wieder gesagt, sei wichtig im Leben. Einen Platz räumt man ihr allerdings nicht ein. Peter ist der Zweitälteste von sechs Geschwistern. Es gab ein Zimmer, und dort hatte man “eben seine Sachen; es kamen immer mehr Geschwister dazu”, erinnert er sich.Mehr Geschwister – mehr Sachen. Neumann ist jemand, der “das Außen und das Innen” im Blick behält. Das “Außen ist hektisch”, es verlangt von ihm Ordnung, das “Innen braucht Zeit”, um Ordnung zu schaffen. Das sei ein Prozess, denn die Wohnung soll “ganz gemacht werden”. Im “Außen” lauert die Gefahr, betrogen zu werden, im “Innen”, sich in Einzelheiten zu verlieren. Peter ist 14, als bei ihm eine schwere Dickdarmentzündung festgestellt wird, die nach Meinung der Ärzte psychische Ursachen hat. Sein erster Lehrberuf ist Schaufensterdekorateur. “In der Zeit bin ich viel mit Waren in Berührung gekommen”, erzählt er. “Aber meine Schaufenster waren immer ordentlich und sauber – innen und außen.” Er muss zur Bundeswehr.Anschließend wird er Qualitätsprüfer, seine dritte Ausbildung beginnt er bei einem Wach- und Sicherheitsdienst. Er zieht an die dreißigmal um, arbeitet in diversen Jobs, heiratet, wird Vater von zwei Söhnen, die mittlerweile vierzehn und acht Jahre alt sind. 1997 zerteilt die Scheidung sein wechselhaftes Leben, er darf seine Jungs nicht mehr sehen. Das Verhalten seiner Frau ist ihm schleierhaft – andere Väter verlieren nach der Scheidung ihre Kinder nicht. Das Umgangsrecht muss er sich erstreiten, es wird kompliziert. Jeder Brief zu diesem Vorgang kommt in eine Klarsichthülle und dann in einen Ordner. Ein weiterer Ordner enthält die Unterlagen seiner Entschuldung. Neumann wohnt in einer Sozialsiedlung, er kennt viele Leute, hat oft Gäste. Er verschenkt viel; ab und zu habe auch mal eine Pizza-Teig- Maschine oder ein Badmintonschläger gefehlt. Eines Tages sei seine Scheckkarte weg gewesen. “Bis ich das gemerkt hatte, war mein Konto überzogen, dabei dürfte ich eigentlich gar keinen Dispokredit haben”, wundert er sich. Seine Entschuldung sei mittlerweile abgeschlossen. “Die freien Flächen in der Wohnung werden langsam größer”, bemerkt Neumann, doch das Ziel ist “die komplette Renovierung und dann das Erhalten der Ordnung”. “Das, was ich jetzt praktiziere: alles in Kartons, als sei die Wohnung ein Warenlager oder als sei ich kurz vor dem Auszug oder kurz nach dem Einzug, gefällt mir nicht. Ordnung und Ästhetik sind wichtig für mich”, bekennt der Dekorateur, sonst fühle er sich nicht wohl. Doch erst einmal müsse er sein “Manko” finden und das “richtige Maß”; denn das Maß sei das Maß aller Dinge. – Man solle schließlich weder unter- noch übertreiben. Sind zwei Teller im Schrank untertrieben und zweiundzwanzig übertrieben? Wer gibt das Maß vor? “Es gibt viele Menschen, vor allem Frauen, die mir helfen wollen, doch sie brauchen meistens selbst Hilfe”, hat er festgestellt. Richtige Hilfe habe er bei seiner Entschuldung erfahren. Richtige Hilfe ist für ihn, wenn er ein Stück vom Puzzle im Paket abgeben kann, wie beispielsweise seine Post, um die sich jetzt ein Rechtsanwalt kümmert. Peter Neumann bleiben noch genug Einzelteile, die er zusammenfügen muss. Vielleicht gelingt ihm ein Bild, das ihm hilft, sein Maß zu finden.

Die andere Seite
Wedigo von Wedel ist eigentlich Grundschullehrer, doch seit zehn Jahren geht er als Mitarbeiter und Leiter der Ambulanten Wohnungshilfe des H-Teams in Wohnungen, um die andere wegen der ausströmenden strengen Gerüche einen weiten Bogen machen. Manchmal erschöpft den Bewohner bereits das Öffnen der Tür, dann tritt von Wedel in eine Wohnung ein, in der die Dinge die Oberhand gewonnen haben und ihren Besitzer zu erdrücken drohen. Der Mann kommt, um Abhilfe zu schaffen. Er wurde entweder vom Vermieter, vom Allgemeinen Sozialdienst oder den sozialen Diensten der Krankenhäuser und Psychiatrien gerufen. Immer häufiger suchen auch Menschen, deren Ordnungssystem nicht mehr greift, selbst Rat beim H-Team. Der Helfer kommt als “Gast”, das heißt, er kommentiert und bewertet den Zustand der Wohnung nicht, vielmehr stellt er die Gretchenfrage: “Möchten Sie in dieser Wohnung bleiben?” Antwortet der Bewohner mit Ja, was meistens der Fall ist, gibt es ein gemeinsames Ziel. Dann beginnt eine Arbeit, in der eine vier Stunden dauernde Entscheidungsfindung über den Verbleib eines Zeitungsschnipsels als Erfolg gilt. “Schwer entwirrbar ist Unordnung, die aus Wertlosem und Wertvollem bestehet – aus Schrott und Perlen”, weiß von Wedel.”Jedes Ding ist an sich wertlos”, erklärt er. “Erst der Mensch misst ihm einen Wert bei. Sei es, weil es Erinnerungen weckt, einen Nutzwert hat oder das Potenzial, damit eine Idee umzusetzen.” Außerdem hat von Wedel beobachtet, wirke Verpackung wie ein “Fetisch”. Und er erklärt sich diese Besessenheit mit dem Bedürfnis nach Schutz. “Die Muschel, die aufbewahrt werden soll, wird umwickelt und in eine Streichholzschachtel gelegt, um die Streichholzschachtel kommt wieder Papier und noch eine Schachtel, bis aus der kleinen Muschel Schicht um Schicht ein großes Paket geworden ist.” Psychologen gehen davon aus, dass Menschen mit so genannten Desorganisationsproblemen Verlust- und Trauererlebnisse hinter sich haben. Solche Katastrophen werden als Chaos empfunden. Chaos ist für Wedigo von Wedel “ein Resultat aus vielen Wechselwirkungen. Sinn und Funktion von Ordnung kippen in Nichtfunktionieren”. Eine neue lebenstragende Ordnung zu finden bedeutet, sich zu verändern. Ob das glückt oder ob derjenige, der die Katastrophe erlebt, an den Rand der Gesellschaft katapultiert wird, hängt von vielem ab – auch von Faktoren, die er selbst nicht beeinflussen kann. Es könnte aber sein, dass der Zustand seiner Wohnung Aufschluss darüber gibt, ob der Wandel gelungen ist. Wedigo von Wedel hat Respekt vor den Menschen, die seine Hilfe brauchen. Sie stehen für ihn im Vordergrund. Daher lautet seine nächste Frage: “Wie stellen Sie sich Ihre Wohnung vor?” Meistens seien die Vorstellungen überzogen und perfektionistisch. Alltägliche Vorgänge und Tätigkeiten werden unverhältnismäßig überhöht. Von Wedel sorgt dafür, dass Gedanken und Vorgänge wieder vereinfacht werden. Es bestehe meistens ein Gegensatz zwischen Intellektualität und Kreativität auf der einen und Handlungsmöglichkeiten und Fähigkeiten auf der anderen Seite. Von Wedels wichtigstes Wergzeug ist Geduld, denn allein der Besitzer der Gegenstände entscheidet darüber, was mit ihnen geschehen soll. Das ist auch gesetzlich so festgelegt. Also fragt von Wedel bei jeder Tüte, bei jedem Plastikbecher, in welche Kiste das kommen soll, denn erst wird sortiert, Entsorgen ist die letzte Stufe, und die erreicht man erst nach Monaten. Ordnung schaffen kann man früh lernen, weiß der Pädagoge: “Kinder brauchen dazu einen Ort für selbstbestimmtes Handeln und die Erfahrung, dass es auch gemeinschaftliche Räume gibt. Wichtig ist, dass das Kind das Spielzeug erst aufräumt, wenn das Spiel auch wirklich abgeschlossen ist.” Wedigo von Wedel hat seinen Beruf nicht gewechselt, weil er sich zum Retter berufen fühlt. Er habe schon immer gern mit Menschen gearbeitet,weil er am “Elementaren” interessiert ist. Für von Wedel ist das Elementare am Menschen, wie aus Fertigkeiten Fähigkeiten werden können: “Wie zum Beispiel aus der erworbenen Fertigkeit, ein Messer zu handhaben, die Fähigkeit wird, eine Figur zu schnitzen.” Ist demnach das Wesentliche am Menschen, dass er zu ordnen lernt und daraus die Fähigkeit entwickelt, es so zu tun, dass das eigene Leben meistens einen Sinn ergibt?

Eleni Adamidu

Info
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Frühes Auseinanderklaffen

Lehrer müssen mit ihren Abc-Schützen zunächst einen gemeinsamen Grundstock an Verhaltensregeln und strukturiertem Denken erarbeiten

Zum ersten Mal sitzen sie in einem Klassenzimmer. Teils ängstlich, teils selbstbewusst schauen sie auf ihre Lehrerin und warten gespannt, was nun auf sie zukommt. „Lesen, Schreiben, Rechnen und Schreibschrift“ werden sie lernen, erklärt die sechsjährige Emily, eine von den 10350 Münchner Schulanfängern, und sie weiß auch schon, dass man in der Schule immer erst die Hand heben muss, bevor man etwas sagen darf. Die fünfjährige Giulia hat gehört, dass man „in der Schule meistens nur rumsitzen muss und nicht toben darf wie im Kindergarten“. Aber sie freut sich trotzdem, endlich ein Schulkind zu sein, vor allem wegen ihres schönen Schulranzens mit den kuscheligen Hasen drauf. In einer der ersten Unterrichtsstunden liest die Lehrerin die Hausordnung der Schule vor. Anschließend sollen die Kinder auf einem kopierten Arbeitsblatt diejenigen Figuren bunt ausmalen, die sich richtig verhalten, und die durchstreichen, die etwas falsch machen. Das Mädchen, das auf dem Treppengeländer hinunterrutscht, wird natürlich durchgestrichen, ebenso das Fahrrad in der Garderobe, die Zettel am Boden, der Junge, der am Garderobenhaken turnt, und die zwei Kinder, die am Boden kämpfen. Sorgfältig ausgemalt wird dagegen das Kind, das einem weinenden Mitschüler tröstend den Arm umlegt. Was auf dem Papier leicht zu lösen war, sieht nach dem Gong im Pausenhof allerdings ganz anders aus. Grundschullehrer beobachten, dass es noch nie so wenig Konsens bezüglich sozialer Regeln gab wie heute, und beklagen, dass es vielen Kindern an Einfühlsamkeit fehle. Bedingt durch die Individualisierung der Gesellschaft, klaffen die Vorraussetzungen, mit denen Kinder in die Schule kommen, weiter auseinander denn je, sagt Angelika Speck-Hamdan, Professorin für Grundschulpädagogik an der Münchner Universität. Das betreffe sowohl die soziale Kompetenz (Gruppenfähigkeit) als auch die kognitiven Fähigkeiten (Lernfähigkeit). Manche Kinder haben schon als Dreijährige gelernt, in Kindergartenkonferenzen die Verhaltensregeln der Gruppe auszuhandeln, während andere nie einen Kindergarten besucht haben und bei Konflikten mit Rückzug oder Aggressionen reagieren. Ein Teil der Erstklässler kann beim Schuleintritt schon lesen und schwierige Sachverhalte wortgewandt erklären. Andere sprechen kaum einen zusammenhängenden Satz. Die große Bandbreite der Ausgangsbedingungen ist sowohl für die Schüler als auch für die Lehrer nicht leicht zu bewältigen. Viel Energie muss darauf verwendet werden, erst einmal einen gemeinsamen Grundstock an Verhaltensregeln und strukturiertem Denken zu erarbeiten. Es scheint ein Grundbedürfnis des Menschen nach Ordnung und Struktur zu geben, meint Speck-Hamdan. Dieses zeige sich schon bei kleinen Kindern in der Begriffsbildung, die dazu dient, sich die Umwelt begreifbar zu machen. Später weisen Kinder Dingen gern einen bestimmten Platz zu, legen zum Beispiel ihr Kuscheltier immer neben das Kopfkissen, und viele Kinder lieben es, immer wieder die gleiche Geschichte zu hören. Wehe, wenn die Mutter mal eine Passage auslässt, um das Abendritual etwas zu verkürzen! „Feste Ordnungen und Rituale haben den Zweck, Unsicherheit zu vermeiden“, erklärt die Pädagogin. Ein Kind, das keine Ordnung erfährt, weil die Regeln und Abläufe jeden Tag umgeschmissen werden, komme in größte Schwierigkeiten, die sich in Verhaltensauffälligkeiten äußern. Im Kindergarten gewöhnt sich das Kind an regelmäßige Bring- und Abholzeiten, kennt seinen eigenen Kleiderhaken und sein Fach, gehört einer festen Gruppe an und weiß, welches Spielzeug an welchen Platz geräumt wird. Die klaren Strukturen fördern die Selbstständigkeit, denn innerhalb dieser Ordnung kann das Kind eigenständig handeln, ohne dauernd nachfragen zu müssen. Auch das Lernen ist eine Art Ordnungsprozess. „Eingehende Informationen werden aufgenommen, verarbeitet und in das bestehende kognitive System eingeordnet“, erklärt Speck-Hamdan: In der Vorschulzeit lernen Kinder situativ. Sie entwickeln Theorien über die Welt und prüfen sie an ihren Erfahrungen. Dieses situative, beiläufige Lernen, das die Vorschulzeit bestimmt,wird spätestens in der Schule durch systematisches Lernen ergänzt. Mit dem Schuleintritt beginnt das Leben nach der Uhr und die Einordnung in Hierarchien: 1. Klasse, 2. Klasse, 3. Klasse …, Prüfungen, Noten, Pflichten und Sanktionen. „Früchtchen seid ihr und Spalierobst müßt ihr werden!“, schrieb Erich Kästner kritisch-düster in seiner Ansprache zum Schulbeginn. Das war in den 50er-Jahren. Seitdem ist die Schule kindgerechter geworden, doch auch heute werden von Schulanfängern große Anpassungsleistungen erwartet: Zunächst einmal müssen sie sich in der neuen Umgebung orientieren, räumlich und sozial. Schulen sind gewöhnlich größer als Kindergärten, es gibt mehr Gruppen und Grüppchen, in denen jedes Kind seinen Platz finden muss. Zu den Lehrern und Lehrerinnen besteht ein distanzierteres Verhältnis als zu den Erzieherinnen im Kindergarten. Und womit sich das Kind beschäftigt, bestimmt es nun nicht mehr selbst, sondern der Lehrplan. Auch die zeitliche Struktur des 45-Minutentakts ist neu und natürlich die Bewertung durch Noten. In Bayern beginnt sie in der zweiten Klasse. Als eine der bedeutendsten Veränderungen in der Grundschulpädagogik der vergangenen zehn Jahre nennt Speck-Hamdan das „Sichtbarmachen der Perspektivenvielfalt“: „Ziel ist es, die Kinder zu befähigen, dass sie mehrere Lösungswege anerkennen.“ In der Mathematik zum Beispiel wird deshalb nicht ein bestimmter Rechenweg vorgegeben, sondern die Schüler sollen ein Problem durchdringen, indem sie selbst einen Lösungsweg finden und dann gegebenenfalls alternative Rechenwege kennen lernen. Damit solle vermieden werden, dass ein einmal gelerntes Lösungsmuster schematisch verfolgt wird und die Kinder bei einer abweichenden Aufgabenstellung überfordert sind. Schließlich gebe es im Leben ja auch oft mehr als eine richtige Lösung. Ein weiteres Prinzip moderner Pädagogik sei die „Fehlerfreundlichkeit“. Denn wenn der Lehrer anhand von Denkfehlern verfolgen kann, was sich im Kopf des Schülers abspielt, könne er helfend eingreifen. Zunehmend werden auch in der Regelschule „offene Unterrichtsformen“ nach dem Muster der Montessori- Pädagogik praktiziert. Das heißt, die Kinder arbeiten allein oder in kleinen Gruppen an jeweils unterschiedlichen Themen. „Das mag chaotisch aussehen, erfordert aber viel Disziplin“, sagt Speck-Hamdan. Die Lehrkraft hält sich während dieser offenen Unterrichtsstunden bewusst im Hintergrund. Am Anfang und am Ende der Freiarbeit bespricht die Klasse das Vorgehen und die Ergebnisse. Es sei ganz typisch, so die Erfahrung der Pädagogin, dass die Kinder im Abschlussgespräch monieren, wenn Mitschüler sich nicht genau an irgendwelche vereinbarten Regeln gehalten haben, indem sie zu laut waren oder Materialien nicht an den richtigen Platz zurückgelegt haben. Nicht nur die Unterordnung gegenüber Respektspersonen will gelernt und geübt werden, sondern auch selbstdiszipliniertes Verhalten und der Umgang mit Gestaltungsspielräumen. Wahrscheinlich ist das sogar die anspruchsvollere Aufgabe. Die Schulanfängerinnen Giulia und Emily hingegen beschäftigt derzeit noch die Frage nach der höchsten Autorität im Schulhaus: „Wer ist da eigentlich der Ober-Bestimmer?“ – Ist es der Rektor oder ist es der Hausmeister?

Simone Kayser

Regelwut

Mehr Formulare führen nicht zu mehr Gerechtigkeit und Ordnung, sondern nur zu mehr Bürokratie

Vor allem mit Geduld sollte man sich wappnen, wenn man sich in den deutschen Paragraphendschungel begibt. Das nahezu unübersichtliche Bürokratie- Dickicht aus unzähligen Verordnungen, Richtlinien und Regeln bringt täglich Tausende Bürger an den Rand der Verzweiflung. „Allein im Steuersystem gibt es über 15 000 Gesetze, Verwaltungsanweisungen und Urteile. Das ist eindeutig zu viel“, sagt Gertraud Kraus, Steuerberaterin und eine der drei BISS-Vorstände. Rudolf Stürzer vom Haus- und Grundbesitzerverein München meint: „In Deutschland neigt man dazu, jede Kleinigkeit überzuregulieren. Die Folge von zu viel Formalismus ist oft genug Chaos!“ Ob bei den Anträgen auf Arbeitslosengeld, den erforderlichen Unterlagen zur Schließung einer binationalen Ehe, den notwendigen Verfahren zur Genehmigung eines Hausbaus oder einfach nur bei der Prozedur zur Zulassung eines Autos oder mit einer Steuererklärung – in nahezu allen Bereichen des Alltags sorgen Bürokratismus und Regelwut für Verwirrung. Firmeninhaber und Ladenbesitzer müssen sich mit einer Vielzahl von Verordnungen herumschlagen. Als fiese Schikane und blanken Unsinn empfinden Antragsteller die Vorschriftenberge. Schuld an der verfahrenen Situation ist aber offenbar niemand. Denn Vertreter von Stadt, Land und Bund betrachten sich als engagierte Entbürokratisierer. „Die Bürokratie wird in Deutschland täglich mehr und nicht weniger“, sagt der bayerische Staatsminister Erwin Huber. Sein in einer Regierungserklärung formuliertes Ziel: Bayern soll das Land mit den wenigsten Vorschriften werden. Laut Huber wurde die Zahl der Landesgesetze in den vergangenen zwei Jahren um fast zehn Prozent verringert. Auch die Stadt München sieht sich als absolut unbürokratisch. „62 Prozent der Münchner Bürger beurteilen die Stadtverwaltung als positiv. Das hat eine repräsentative Umfrage ergeben“, sagt Andreas Danassy vom Presseamt der Stadt. Zudem verweist er auf die vor mehr als zehn Jahren gestartete Verwaltungsreform, durch die große Fortschritte im Abbau von Bürokratie entstanden seien. Alles in Ordnung also? Von wegen. Viele jener Politiker, die öffentlichkeitswirksam für eine schlanke Verwaltung eintreten, gehören Parteien und Landesregierungen an, die jahrzehntelang den Apparat aufgebläht haben. Heuchelei passt zur Bürokratismus-Debatte wie dicke Formularstapel zu Ämtern und Behörden. Noch immer gelten bundesweit rund 85 000 Gesetze und Verordnungen. Dazu kommen unzählige Verwaltungsvorschriften, von denen nicht wenige als absurd gelten. Manch einen Beamten stört dies nicht – stur und unflexibel pocht er auf deren Einhaltung, ohne seinen Ermessensspielraum auszuschöpfen. Schließlich, so hören Bürger immer wieder, müsse er sich an die Vorschriften halten. Wo käme man denn sonst hin? Nach einer Studie der F & S Internet Infotainment meinen 46 Prozent der Deutschen, dass die Regelwut immer schlimmer wird. Ohne Hilfe kein Durchblick. Wer glaubt, das Formular seiner Steuererklärung mal schnell nebenbei ausfüllen zu können, täuscht sich. Oder verzichtet ungewollt auf Geld.Nur mit Fachliteratur oder Unterstützung eines Steuerberaters lassen sich die bürokratischen Vorgaben bewältigen. Ist dieser Paragraphendschungel für Laien überhaupt noch nachvollziehbar? „Fragen Sie lieber, ob er für Experten noch nachvollziehbar ist!“, entgegnet Gertraud Kraus. „Laien können manchmal gar nicht glauben, dass auf eine vermeintlich einfache und kurze Frage eine komplizierte und lange Antwort erfolgt.“ Die Arbeitszeit, die für produktives Gestalten zur Verfügung stehen sollte, werde durch zu viel Bürokratie reduziert. Stattdessen sei man als Steuerberaterin aufgrund der vielen Änderungen, Telefonate mit verunsicherten Mandanten und Einsprüche gegen falsche Bescheide ständig mit Fortbildung beschäftigt. „Besonders ärgerlich sind die Änderungen, die mit heißer Nadel genäht werden, nur um einige Monate später mit zahlreichen Schreiben von der Verwaltung ergänzt, verbessert beziehungsweise überhaupt erläutert zu werden. Oder – der Höhepunkt – die Änderungen werden wieder zurückgenommen“, sagt Kraus. 80 Prozent der gesamten internationalen Steuerfachliteratur, so heißt es, komme aus Deutschland.Andererseits ist die Verwaltung in Ländern des europäischen Südens auch nicht gerade für ihre Effizienz bekannt – davon abgesehen, dass kleine Aufmerksamkeiten oft den Vorgang beschleunigen können. Am Anfang stehen Gesetze,Vorschriften und Verordnungen. Verwaltung ist durchaus sinnvoll. Sie soll Willkür verhindern, Regeln schaffen, Einzelne nicht bevorzugen oder benachteiligen. Dass Vorschriften auch notwendigen Schutz und einen gesellschaftlichen Rahmen garantieren, bestätigt Rudolf Stürzer, der Vorsitzende von Haus & Grund München: „Uferlosen Wildwuchs darf es natürlich nicht geben. Aber man kann alles übertreiben …“ Nach seinen Angaben erließ die rot-grüne Regierung in den vergangenen zwei Jahren 1200 neue Gesetze und Verordnungen, von denen viele Bau, Renovierung und Vermietung betreffen.„Der Bürokratismus ist verschärft und das System unnötigerweise aufgebläht worden“, sagt Stürzer. Dass in Deutschland beim Bau eines Hauses sogar der Neigungswinkel des Daches, das Material von Gauben und die Farbe der Dachziegel bürokratischen Vorschriften entsprechen müssen, sei völlig unangemessen. Aber teilweise zu erklären, fügt er hinzu. „Das System der Verwaltung ist in sich verworren, da hat sich in den vergangenen 50 Jahren eine Komplexität aufgebaut, unter die nur noch schwer ein Schlussstrich zu ziehen ist“, so Stürzer. Diese Ansicht teilen viele Bürger. Und tatsächlich – allen politischen Ankündigungen zum Trotz entsteht der Eindruck, als versuche ein Heer von zwanghaften Bürokraten mit Erfolg, die eigene Abschaffung zu verhindern. Regelwut als Selbstzweck. „Die Diktatur der Bürokraten“ titelte das Magazin Der Spiegel im Juni. Gemeint war das bürokratische Chaos innerhalb der EU-Verwaltung. Bestes Beispiel: das europäische „Amt für amtliche Veröffentlichungen“ in Luxemburg, das jeden Werktag sechs Tonnen Post in alle Mitgliedsstaaten verschickt. In den Paketen steckt hauptsächlich das täglich erscheinende Amtsblatt, welches im Jahr 2004 auf insgesamt 812 992 Seiten voller Anordnungen und Erklärungen kam. Eine nicht zu bewältigende Menge, die sogar abgehärtete EU-Experten überfordert. Doch es wäre falsch, ausufernde Bürokratie nur in der Politik und der öffentlichen Verwaltung zu vermuten. Zahlreiche Konzerne, Verbände und Gewerkschaften haben selbst unsinnige Vorgaben und unübersichtliche Abläufe entwickelt, die eher lähmen und verwirren, als dass sie ordnen. Einen Sonderpreis in der Kategorie „Chaos durch Bürokratie“ hätte sich das Organisationskomitee zur Fußball-WM 2006 verdient. Wer Karten kaufen will,muss im Internet einen Fragebogen ausfüllen, der es an Umständlichkeit fast mit dem Antrag auf Arbeitslosengeld II aufnehmen kann. Verlangt werden Ausweisnummern, Namen, Daten. Sofern man Erfolg hat, darf man die Tickets nicht verkaufen oder verschenken.Verboten ist zudem, ins Stadion ein Handy mitzunehmen. Es sei denn, man holt sich eine schriftliche Genehmigung ein, für die allerdings wiederum ein gesonderter Antrag notwenig ist. Gut, dass somit für alle Eventualitäten vorgesorgt ist. Oder nicht – wer weiß das schon? Sicher ist indessen: Der Kampf gegen Paragraphenflut und Papierkrieg geht weiter.

Günter Keil