Hartmut Jacobs und die Behörden

Über die Genehmigung einer Haushaltshilfe für den BISS-Verkäufer. Der Geschichte zweiter Teil

Wochen vergehen und Monate.Wie jeden Morgen erhebt sich Hartmut mühsam aus seinem Bett, geht ins Bad und steht wenig später vor seinem Kleiderschrank im Schlafzimmer. Er nimmt eines der letzten sauberen T-Shirts aus dem Fach und streift es über. Dann wird er sich, an den Wänden abstützend, in die Küche begeben und mit zitternder Hand drei Löffel Kaffee aus der Packung in den Filter der Kaffeemaschine balancieren. Ein feiner Regen des braunen Pulvers wird dabei über die Arbeitsfläche und auf den Boden rieseln, wo es neben Brotbröseln und angetrockneten Spritzern Tomatensoße liegen bleibt. Den Kaffee trinkt Hartmut schwarz, die Milch ist alle. Der Kühlschrank ist seit Tagen leer. Im Küchenregal findet sich nur noch eine Dose Ravioli, die wird sich Jacobs zum Abendessen aufwärmen. Der BISS-Verkäufer leidet an einer Nervenkrankheit, die es ihm schwer macht, das Gleichgewicht zu halten und seine Bewegungen zu kontrollieren. Staubsaugen, putzen und Vorräte einkaufen sind Tätigkeiten, die Hartmut Jacobs aufgrund seiner Krankheit selbst nicht machen kann, ebenso wenig wie Wäsche aufhängen und zusammenfalten, das Bett beziehen, abstauben oder den Müll zur Tonne tragen. Was Hartmut Jacobs trotz seiner Krankheit gut kann, ist BISS verkaufen. Dazu wird er gegen acht Uhr mit der Trambahn zum Rosenheimer Platz fahren und dort bis zum Nachmittag auf einem Klappstuhl im Zwischengeschoss der S-Bahn-Haltestelle sitzen. Freundlich wird er die Leute begrüßen, die ihm nach jedem ankommenden Zug auf der Rolltreppe entgegenströmen. Der ein oder andere wird stehen bleiben und ihm ein Heft abkaufen. Er schafft 400 Hefte im Monat, dafür kriegt Hartmut von BISS ein Nettogehalt von 432 Euro. Das ist nicht viel, nur etwa 100 Euro mehr als der Regelsatz des Arbeitslosengeldes II. Doch der BISS-Verkäufer arbeitet gern, er braucht die Kontakte zu den Kunden und er ist stolz darauf, selbst zu seinem Lebensunterhalt beizutragen. Hartmut Jacobs ist somit ein Beispiel gelungener Integration in den Arbeitsmarkt, ganz im Sinne der Hartz IV-Reform. Doch damit die tägliche Routine klappt und der BISS-Verkäufer seiner Arbeit nachgehen kann, braucht er mindestens einmal wöchentlich Unterstützung im Haushalt. Diese aber kostet Geld, das Hartmut Jacobs nicht übrig hat und nicht erwirtschaften kann. Bis Dezember 2004 wurden deshalb vom Amt für Soziale Sicherung 380 Euro monatlich für eine Haushaltshilfe bezahlt. Seit Januar 2005 jedoch bleiben diese Zahlungen aus. Daraufhin wandte sich der BISS-Verkäufer an seine Sachbearbeiterin bei der ARGE. Diese Arbeitsgemeinschaft aus der Agentur für Arbeit und der Landeshauptstadt München verwaltet seit der 2005 in Kraft getretenen Umstellung auf Hartz IV die Belange der Gruppe von Beziehern des Arbeitslosengeldes II, die mehr als drei Stunden täglich arbeitsfähig sind. Denn seit der Reform werden alle ehemaligen Sozialhilfe- und Arbeislosenhilfeempfänger in zwei Kategorien eingeteilt: diejenigen, die täglich weniger als drei Stunden arbeiten können, und diejenigen, die mehr als drei Stunden arbeitsfähig sind. Wochen vergingen, bis Jacobs endlich erfuhr, dass die ARGE für Hilfeleistungen wie die hauswirtschaftliche Versorgung keine Gelder vergeben kann und er sich an das Amt für Soziale Sicherung wenden solle. Dieses ist jedoch für den Teilzeitbeschäftigten eigentlich auch nicht zuständig. Etwa gleichzeitig, im Februar 2005, kam eine Mitarbeiterin der Bezirkssozialarbeit zu Jacobs nach Hause, um dessen Bedarf an Hilfeleistung zu prüfen. Doch obwohl die Mitarbeiterin sechs Wochenstunden für die Haushaltshilfe veranschlagte, ist seitdem nichts weitergegangen. Jacobs’ frühere Haushaltshilfe hat sich inzwischen einen anderen Job gesucht. Der BISS-Verkäufer bat daraufhin Freunde und Bekannte um Hilfsdienste, die er im Rahmen seiner Möglichkeiten mit Geschenken und Trinkgeldern entlohnte. Im Februar stellt Jacobs beim Amt für Soziale Sicherung erneut einen Antrag auf Unterstützung im Haushalt und wieder vergehen Wochen und Monate, während derer Jacobs auf einen Bescheid wartet. Erhält er nun das Geld oder erhält er es nicht? Inzwischen übernimmt BISS die Kosten für einen Putzmann, der von Spendengeldern bezahlt wird. Eine Dauerlösung kann das nicht sein. Im April setzt BISS deshalb dem Amt eine Frist bis zum 10.Mai, um die Entscheidung voranzutreiben. Anfang Mai wird dem Sozialarbeiter, der sich im Auftrag von BISS um die Sache kümmert, telefonisch signalisiert, dass die Kosten wahrscheinlich übernommen werden. Am 18. Mai solle der BISS-Verkäufer im Amt für Soziale Sicherung noch verschiedene Unterlagen vorlegen und erhalte dann den Bescheid. Jacobs ist zuversichtlich. Doch leider ist der Bescheid nicht positiv: Nach 12 Wochen hat man nun entschieden, zur weiteren Prüfung der Angelegenheit den Medizinischen Dienst der Krankenkasse hinzuzuziehen. Möglicherweise habe Jacobs Anspruch auf Pflegegeld. Der BISS-Verkäufer solle darum ein Attest von seinem Arzt einholen und sich an seine Krankenkasse wenden. Erfahrungsgemäß dauert es aber um die drei Monate, bis der Medizinische Dienst kommt, klärt Christine Lorenz, Teilregionsleiterin im Sozialbürgerhaus Giesing-Harlaching, den BISS-Verkäufer auf und verspricht gleichzeitig, dass das Amt für Soziale Sicherung am gleichen oder nächsten Tag entscheiden werde, ob es zur Überbrückung dieser Zeit die Kosten für die Haushaltshilfe übernehmen wird. Doch leider bleibt es bei diesem Versprechen. Bis Anfang Juni war immer noch nichts entschieden. Hartmut Jacobs wartet weiter auf einen Bescheid. Wie es weitergeht, falls Jacobs keine Pflegestufe zugesprochen wird, bleibt offen. Ebenso, ob rückwirkend irgendwelche Zahlungen geleistet werden, und wenn, dann von wem – und wann.

Simone Kayser

Eine ARGE Katastrophe

Seit im Januar Hartz IV in Kraft getreten ist und die arbeitsfähigen Bezieher von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe einheitlich Arbeitslosengeld II bekommen, ist die ARGE für diese Bürger zuständig. Durch die Arbeitsgemeinschaft, die aus Mitarbeitern des Sozialamts und der Agentur für Arbeit (früher Arbeitsamt) gebildet wurde, sollte eine bessere Betreuung und damit eine schnellere Arbeitsvermittlung erreicht werden –wenn nicht in ein reguläres Arbeitsverhältnis, dann übergangsweise in eine Qualifizierungsmaßnahme oder in einen so genannten Ein- Euro-Job. Es schien auch Sinn zu machen, dass nur eine Stelle zuständig ist, denn früher wurden die Betroffenen manchmal wochenlang zwischen beiden Ämtern hin und hergeschickt, bis alles geklärt war. Das hat sich mittlerweile tatsächlich geändert, es dauert jetzt nicht mehr Wochen, sondern Monate, bis etwas geschieht (siehe auch Seite 26). Was uns BISSler betrifft, so waren wir vorher im Großen und Ganzen zufrieden mit der Arbeit des Sozial- und des Arbeitsamts. Auch, weil an wichtigen Schnittstellen in beiden Ämtern Sachbearbeiter zuständig waren, die ausgezeichnet arbeiteten. Mit Professionalität, Weitsicht und Effizienz wurde dort Arbeitgebern wie BISS und damit natürlich den Betroffenen vorbildlich und schnell “Hilfe zur Arbeit” geboten. Es lag maßgeblich an diesen Zuständigen, dass in ihrem Bereich alles schnell und reibungslos funktionierte. So konnten zum Beispiel auch Biss-Verkäufer zur Anstellung motiviert werden, die einen absoluten “Ämterhorror” haben und die, wenn ihre Anstellung nicht zügig vonstatten gegangen wäre, vielleicht noch einen Rückzieher gemacht hätten. Diese kompetenten Menschen sind doch auch bei der ARGE tätig, warum klappt es dann jetzt nicht mehr? Man sagte mir, das liege daran, dass die neue Software immer noch nicht funktioniere. Warum engagiert man dann nicht ein paar gute arbeitslose oder freiberufliche Programmierer und vereinbart ein erfolgsabhängiges Honorar? Mit Sicherheit wäre in kurzer Zeit eine Übergangslösung gefunden. Das Geld könnte man der Firma abziehen, die für die fehlerhafte Software verantwortlich ist. Die Arbeitsagentur und das Sozialreferat schieben sich gegenseitig die Schuld für das Chaos zu, es wird viel Zeit mit Jammern verbracht und wenig entschieden. Dafür wird auf internen und externen Sitzungen in epischer Breite der unhaltbare Zustand diskutiert. BISS empfiehlt: weniger Sitzungen, dafür mehr Vorgaben mit verbindlichen Terminsetzungen. Mehr Kontakte zwischen Vermittlern, die Jobs für ihre Arbeitslosen suchen und beispielsweise Projekten des Münchner Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramms, die freie Plätze haben. Das wär doch was! Und noch eine dringende Empfehlung an die Leiter des Sozialreferats und der Arbeitsagentur: Tauschen Sie Mitarbeiter aus, die sich an Schnittstellen als Fehlbesetzung erwiesen haben. Dort müssen Leute sitzen, die nicht lamentieren und anderen die Zeit stehlen, sondern die konzeptionell denken und zielgerichtet arbeiten können. Auch die Arbeitsagentur hat nicht nur Spitzenleute an entscheidenden Stellen in der ARGE sitzen, doch es gibt eine Person, die früher im Sozialamt tätig war und jetzt in der ARGE zugange ist, die, wie ich meine, an Ineffizienz nicht zu überbieten ist. Mit dieser Personalentscheidung, Herr Sozialreferent, hatten Sie wirklich Pech. Mann, und die Betroffenen erst! Liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche Ihnen einen schönen Sommer, ob in München oder anderswo, und verbleibe

mit hartzlichen Grüßen
Ihre Hildegard Denninger

Mehr als ein Treffpunkt

Das Projekt Netzwerk Geburt und Familie hilft Müttern und Vätern, den Alltag zu regeln, und schafft dadurch Arbeitsplätze für Frauen

Die Speisekarte: klein, aber fein. Und heute mal italienisch.Wir haben die Qual der Wahl zwischen Spaghetti mit Thunfisch, schwarzen Oliven und Kapern und Pizza Calzone mit frischem Tomatensugo, Mozzarella, Champignons und italienischen Kräutern. Zu beiden Gerichten gibt es einen kleinen Salat – und das für 4,90 Euro. Oder sollten wir doch die hausgemachten Antipasti nehmen, dazu Bruschetta mit frischen Tomaten und Mozzarella für 5,50 Euro? Andererseits klingt großer Salatteller mit frittierten Calamari in süßscharfer Chilisoße für glatte 5 Euro auch nicht schlecht. Die Kokos- Panna-Cotta für 2,20 Euro und der Cappuccino für 1,70 jedenfalls sind jetzt schon gebongt. Wir sind im Stadtteilcafé „Netzwerk“ in der Häberlstraße 17. In einem typischen Münchner Hinterhof zwischen Goetheund Kapuzinerplatz gelegen, ist das nicht gerade die Gegend, in der die Klientel – wie in München sonst so üblich – mit Porsches, BMWs oder Ferraris vorfährt. Dem überaus ansehnlichen Fuhrpark unter dem Vordach mangelt es dennoch nicht an Sportwagen. Darunter so bekannte Marken wie Hartan, Hauck oder Gesslein, deren Modelle Buggy und Babyjogger mit allen erdenklichen Extras ausgestattet sind. Der Parkplatz ist dicht, doch die überwiegend weiblichen Chauffeure navigieren selbst die brummigsten Radl-Anhänger noch in die kleinste Lücke: Das Café Netzwerk ist Treffpunkt von Müttern und Vätern und solchen, die dabei sind, es zu werden.Die meisten sind in Begleitung ihrer Kinder, weshalb jedes Gericht auch stillfreundlich und kindergerecht, sprich: ohne Zwiebeln, Knoblauch und andere scharfe Gewürze bestellt werden kann. Es gibt eine Spielecke für die Kleinen, und Geschirr und Gläser sind so robust, dass sie den freien Fall vom Tisch auf die Holzdielen auch mal unbeschadet überstehen. Doch das Stadtteilcafé erfreut sich nicht nur bei Familien großer Beliebtheit. „Unser Café wird auch vom Personal verschiedener sozialer Einrichtungen des Stadtteils besucht, und es ist ein beliebter Anlaufpunkt für die Nachbarschaft, die sich hier gern zum Frühstück oder zum internationalen Mittagessen einfindet“, erzählt stolz die Leiterin Monika Heilmann. Apropos international. Multikulturell ist hier nicht nur die Speisekarte, sondern vor allem das Personal: Küche, Theke und Service werden zur Zeit von 17 Frauen aus sechs Ländern gemanagt. Sie alle sind Mütter. Für viele von ihnen ist es der erste bezahlte Job in ihrem Leben. Das Café ist Teil des Netzwerks Geburt und Familie e.V., zu dem noch die Kindergruppe und der Mobile Hilfsdienst gehören. Entstanden ist das Ganze aus der Beratungsstelle für Natürliche Geburt und Elternsein e.V., die ihren Sitz im Vorderhaus der Häberlstraße 17 hat und mit der das Netzwerk nach wie vor eng zusammenarbeitet. Die Idee, die Unterstützung von Familien mit der Schaffung von Arbeitsplätzen zu verbinden, kam Monika Heilmann und ihrer Kollegin Andrea Hubbuch 1986. Damals wie heute ist das Ziel des Vereins die umfassende Förderung von Familien, die Unterstützung von Müttern in sozialen Notlagen und die Integration von ausländischen Frauen in den Arbeitsmarkt – und damit in die Gesellschaft. Das erfordert, Müttern die Vereinbarkeit von Kindererziehung und Beruf zu ermöglichen und sie fachlich und persönlich fit zu machen für den Arbeitsmarkt. So wurde 1987 die Kindergruppe gegründet, um den Mitarbeiterinnen des Mobilen Hilfsdienstes einen Betreuungsplatz für ihre Kinder zur Verfügung zu stellen. Inzwischen konnte die Gruppe erweitert und auch für Kinder aus dem Stadtteil geöffnet werden. So greift alles ineinander: Wer die Dienste des Netzwerks in Anspruch nimmt, unterstützt Mütter bei der Wiedereingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt, und wer im Netzwerk arbeitet, geht in die richtige Richtung zur beruflichen und gesellschaftlichen Integration und unterstützt dabei Familien im Bewältigen ihres Alltags. Vollkommen unwichtig ist, ob die Frauen eine Ausbildung haben und welcher Nationalität oder Kultur sie angehören. Alle Grundkenntnisse für ihre Arbeit werden ihnen im Netzwerk vermittelt, sei es als Mitarbeiterin im Café, als Familienpflegehelferin im Mobilen Hilfsdienst, als Betreuerin in der Kindergruppe oder als Hilfskraft in der Verwaltung. Jeder Bereich wird von einer fest angestellten Fachkraft geleitet, einmal pro Woche finden Teamsitzungen statt. Für Schabnam, 31 Jahre, aus Afghanistan eine wichtige Erfahrung: „Hier habe ich gelernt, meine Meinung zu sagen. Früher wusste ich nicht, was ich sagen darf und was nicht, wann ich jemanden beleidige und wann nicht. Ich bekam Angst, wenn jemand sagte: ‚Du hast dies oder jenes gemacht.‘ Heute kann ich sagen, was mir wichtig ist.“ Und Samrawit, 39 Jahre, die in Äthiopien studiert und als Landvermesserin gearbeitet hat, erklärt: „Das Netzwerk baut Mütter auf. Wir entwickeln Zukunftsideen und gute Kontakte.“ Und nicht nur das. Schließlich bringen alle Frauen auch Erfahrungen und Fähigkeiten mit, die sie in ihrer Familie oder in ihrem Heimatland erworben haben und die sie in ihrer Arbeit hier einbringen können. Darüber hinaus werden vom Netzwerk zahlreiche Möglichkeiten zur Weiterbildung angeboten, wie zum Beispiel Gesprächsführung und Problemlösungen am Arbeitsplatz und in der Familie, Bewerbungstraining, interkulturelles Lernen oder Aspekte der sozialen Sicherung in Deutschland. „Außerdem entwickeln wir mit jeder Frau einen individuellen Plan zu berufsbegleitenden Fortbildungen und Kursen, die sie besuchen kann, um ihre Ziele zu erreichen.“ Dazu gehören Maßnahmen wie Deutschkurse, Vorbereitungslehrgänge für Schulabschlüsse oder der Vorbereitungskurs zur staatlich anerkannten Hauswirtschafterin. Seit 2001 bildet das Netzwerk auch selbst zur Fachkraft im Gastgewerbe aus. Einige Maßnahmen wie zum Beispiel der Selbstverteidigungskurs mussten allerdings aus Kostengründen wieder gestrichen werden. „Wir finanzieren uns durch eigene Einnahmen und aus Anteilen der Mehraufwandsentschädigung.Zudem erhalten wir finanzielle Unterstützung von der Stadt München“, erklärt Monika Heilmann. Am 12. Juli steht die Entscheidung des Stadtrats zur Finanzierung der 91 Münchner Projekte erneut an. Und aller städtischen Sparmaßnahmen zum Trotz hofft der Verein weiterhin auf Unterstützung. „Unsere Mitarbeiterinnen sind allesamt Mütter, viele von ihnen allein erziehend. Sie haben vor ihrer Beschäftigung im Netzwerk von Arbeitslosengeld II (ALG II) gelebt, weil sie Kinder haben oder Migrantinnen sind“, erläutert Monika Heilmann. „Diese Frauen wollen aber arbeiten, um von der Sozialhilfe wegzukommen und auf eigenen Füßen zu stehen. Arbeitsplätze für sie zu schaffen ist daher nicht nur eine Investition in die Frauen, sondern auch in die Zukunft ihrer Kinder.“ Das empfinden auch die Frauen so. „Mein Selbstwertgefühl ist sehr gestiegen dadurch, dass ich nun eine Arbeitsstelle habe“, erzählt Dunja, 23 Jahre, aus Deutschland. „Meine Freunde sagen, dass ich jetzt einen viel glücklicheren Eindruck mache.Und auch das Verhältnis zu meiner Tochter hat sich gebessert, weil ich jetzt viel ausgeglichener bin.“ Bevor Hartz IV in Kraft getreten ist, bedeutete eine Stelle im Netzwerk einen richtigen Arbeitsvertrag über zwei Jahre mit Option auf Verlängerung. Gezahlt wurden 80 Prozent von BAT VIII. „Das Selbstvertrauen, dass die Frauen allein aus der Tatsache zogen, einen richtigen Job mit Arbeitsvertrag und einem Gehalt am Monatsende zu haben, war einfach enorm“, sagt Monika Heilmann. „Heute heißen diese Stellen Ein-Euro-Jobs, und statt eines Gehalts erhalten die Frauen weiterhin ALG II plus eine Mehraufwandsentschädigung, die in München 1,25 Euro pro Stunde beträgt. Es gibt keinen Zweijahresvertrag mehr, sondern lediglich eine Vereinbarung über sechs Monate. Rein finanziell fahren die Frauen mit dieser Regelung nicht schlechter. Aber das Selbstwertgefühl ist ein anderes, wenn man für ein Gehalt auf der Basis von BAT VIII arbeitet und nicht für 1,25 Euro Stundenlohn, wenn man einen Arbeitsvertrag hat und nicht nur eine unverbindliche Vereinbarung über ein paar Monate. Abgesehen davon ist ein halbes Jahr definitiv zu kurz, um die Frauen wirklich zu integrieren, einzuarbeiten und auf den externen Arbeitsmarkt vorzubereiten. Die Arbeitsplätze, die wir hier anbieten, erfordern von den Frauen wirkliches Interesse und ein gewisses Maß an Engagement, Selbstständigkeit, Eigenverantwortung, Umsicht,Kommunikationsfähigkeit und Krisenmanagement“, betont die Expertin. Alles weitere kann man offensichtlich lernen. Die Calzone jedenfalls war ein Traum!

Daniela Walther

„Das überflutet alle Bögen der Brücke“

Ein Interview über die Besonderheiten des Sommers mit Indy, der unter der Wittelsbacher Brücke lebt

Darf ich mal deine Koje sehen?
Indy: Klar, schau her. Bei uns ist der Platz genau aufgeteilt. Hier schlafe ich, zusammen mit Peter.Wenn Peter da ist, nehme ich das Sofa. Das ist meine Ecke.

Und die Küche benutzt ihr gemeinsam?
Indy: Geht ein paar Schritte zur Mitte des Brückenbogens, wo ein Tisch und ein Schrank stehen. In den Schrank dürfen wir nichts Essbares reinstellen, weil die Ratten es auffressen würden.Aber hier (er deutet auf den Tisch) haben wir zwei Koffer, da kommen die Ratten nicht ran. Da, siehst du, Brot und solche Sachen. Wir haben alles da.

Ihr habt hier Ratten?
Indy: Riesige Viecher. Die laufen hier einfach rum. Vor kurzem bin ich in der Nacht aufgewacht und denk mir noch: Was ist da eigentlich so hart und schwer an meiner Hand? Ich schüttle also mit meinem Arm rum, und dann beißt mich das Vieh voll in den Finger. Du kannst noch die Narbe sehen.

Wird das Leben unter der Brücke einfacher, sobald es warm ist?
Indy: Der Vorteil ist, du kannst dich einfach in die Wiese hauen und dort schlafen. Hier laufen tagsüber aber eine Menge Leute vorbei.

Stört dich das?
Indy: Überhaupt nicht.Wir sind ja friedliche Menschen und tun niemandem was. Und das wissen die Leute, die hier unten am Fluss mit ihren Hunden spazieren gehen, ganz genau. Für uns ist es sowieso gut,wenn viele vorbeikommen,weil dann auch mehr dabei sind, die was geben.

Ihr fragt die Spaziergänger, ob sie euch Geld geben?
Indy: Wir nennen sie Kundschaft. Also ich schau mir jeden Einzelnen ganz genau an und kann dir schon im Voraus sagen, ob was geht oder nicht. Das Pärchen da drüben, das frage ich jetzt mal. (Indy springt auf und läuft den beiden hinterher. Er beginnt ein Gespräch und geht ein paar Schritte neben ihnen. Dann kommt er zurück und lacht.) Die hätten schon was rausgerückt, aber sie leben selbst von der Stütze. Das war Pech. Weißt du, man muss nett und höflich sein, dann geht am meisten. Und nicht drumrumreden. Ehrlich sein bringt auch was.

Ist es im Sommer einfacher, an Geld zu kommen?
Indy: Weiß nicht. Alle, die einen Hund haben, kommen sowieso fast jeden Tag vorbei. Da spielt die Jahreszeit keine Rolle.

Wie viele Leute wohnen hier?
Indy: Im Sommer kann es ziemlich voll werden. Dann sind oft 20 bis 30 Leute unter der Brücke. Aber wir wollen keinen Stress haben.

Was machst du tagsüber?
Indy: Ich häng mehr oder weniger rum. Und dann ist es natürlich wichtig, Schmale zu machen (betteln). Schau in meine Augen. Ich habe echt gute Augen und eine total sanfte Stimme. Das kommt gut an.

Im Sommer ist das Leben unter der Wittelsbacher Brücke also ganz angenehm.
Indy: Na ja, mehr oder weniger. In der vergangenen Woche hat es drei Tage hintereinander am Stück geregnet. Das war echt krass, der Wind hat den Regen von der Seite unter den Bogen getrieben, und wir sind alle nass geworden.

Habt ihr keine Planen, die man über die Matratzen spannen könnte?
Indy: Nee, haben wir nicht. Dann gibt es im Sommer noch was Besonderes. Manchmal machen die oben an der Isar die Schleusen auf, und zwei Stunden später ist das Wasser bei uns. Das überflutet alle Bögen der Brücke. Aber immerhin sind die fair und sagen uns vorher Bescheid, damit wir unser Zeug wegräumen können.

Was ist im Winter anders?
Indy: Dann sind viel weniger Leute hier. Jetzt kommen fast jeden Abend andere vorbei, die auch an unserem Platz schlafen wollen. Wenn die uns nicht passen, dann schicken wir sie weiter. Kürzlich bin ich mal zurückgekommen, und da lag einer auf meiner Platte. Ich sag: Was willst du denn da? Sagt er: Ich penn jetzt hier. Bei solchen Sachen hast du schnell eine Keilerei beieinander. Im Sommer kommen immer wieder mal Glatzen vorbei, zehn oder zwanzig Mann auf einmal. Dann geht es auch ab. Außerdem wird im Sommer mehr gestohlen. Ey, da fragst du dich doch. Wir haben sowieso nichts, aber trotzdem kommen Leute zum Klauen vorbei. Einem Kumpel von mir haben sie vor einigen Tagen den Rucksack gestohlen. Da waren eine Menge wichtiger Dokumente drin.

Ihr müsst also immer an der Brücke bleiben, um alles im Blick zu behalten?
Indy: Einer macht den Wächter. Aber am besten ist es sowieso, wenn du alles, was wirklich wichtig ist, am Körper trägst.

Ist es während der kälteren Jahreszeiten ruhiger?
Indy: Den vorvergangenen Winter hab ich mit Franzl allein hier durchgemacht. Das war wirklich sauhart. Der Winter war richtig kalt, manchmal minus 20 bis 30 Grad, und in einigen Nächten hatten wir zehn Zentimeter Schnee auf dem Schlafsack.

Wie schützt du dich gegen die Kälte?
Indy: Jeden Abend um neun hält oben an der Brücke der Bus von der „Möve Jonathan“. Da bekommen wir Sachen zum Anziehen und superwarme Bundeswehrschlafsäcke. Der Rest ist ganz einfach: Du prallst dich zu, dann merkst du sowieso nichts mehr.

Alkohol und Kälte können zusammen ziemlich gefährlich sein.
Indy: Das interessiert mich überhaupt nicht. Aber in dem Winter vor einem Jahr hatte der Franzl Pech. Er hat Zucker gehabt und offene Wunden am Bein.Wir haben abends gesoffen, und er ist dann eingeschlafen, ohne seine Beine in den Schlafsack zu stecken. In der Nacht hat es ihm die Unterschenkel abgefroren. Im Krankenhaus haben sie ihn fast bis zu den Knien hoch amputiert.

Hat er das überlebt?
Indy: Ja, Franzl lebt schon noch. Aber ich hab ihn lange nicht mehr gesehen,weil der ja auch nicht mehr Platte machen kann.

Und ihr beide habt ganz allein unter der Wittelsbacher Brücke gewohnt?
Indy: Ja, in den Monaten damals schon.Vergangenen Winter waren wir aber zu mehreren, und dann ist es einfacher.

Was macht ihr, wenn es so kalt ist?
Indy: Ich laufe dann manchmal zur Teestube rüber, um mich aufzuwärmen oder um zu duschen. Aber normalerweise gehst du gegen vier Uhr am Nachmittag ins Bett und schläfst eine Runde. Und nachts machen wir ein Feuer. Da vorn steht unsere Ghetto-Tonne. Und das wärmt dann schon. Das Holz holen wir uns, wo es geht. Manche kennen mich mittlerweile und sie fragen sogar, ob ich was brauche. Und dann sitzen wir am Feuer, trinken was, reden, grillen nebenbei. So geht die Nacht schneller rum.

Ist die Nacht unangenehmer als der Tag?
Indy: Ach, im Winter sind Tag und Nacht öde. Du musst schon Feuer machen,wenn es noch hell draußen ist, du wartest eigentlich nur, dass die Zeit vergeht.

Was findest du am Leben als Obdachloser am schlimmsten?
Indy: Irgendwie ist es ein schönes Leben draußen in der Natur. Aber es ist auch knallhart. Das Härteste ist,wenn die Leute auf der Straße an dir vorbeigehen, ohne dich anzuschauen. Das Schönste ist, dass es gleichzeitig so viele Menschen gibt, die hier runter kommen und uns Sachen vorbeibringen. Was zum Essen, Futter für unseren Hund Zora. Es tut gut zu wissen, dass es Leute gibt, die ein Herz haben.

Und warum suchst du dir keine feste Wohnung?
Indy: Ich sag mir immer: Das Leben sucht sich seinen eigenen Weg. Immer seinen eigenen Weg. Es geht weiter, und wenn es nicht mehr weitergeht, dann kippst du um.

Das Gespräch führte Bernd Hein

Endlich Ferien!?

Viele denken jetzt ans Kofferpacken, doch manche kommen ohne Reisegenehmigung nicht einmal nach Starnberg

Sahid *, Malik und Faid,19 Jahre, werden wohl machen, was sie auch sonst in ihrer Freizeit am liebsten tun: Fußball, Tischtennis und Basketball spielen, sich mit Freunden treffen. Schwimmen gehen vielleicht. Und auch Rosmy, 18 Jahre, hat keine besonderen Pläne für die Ferien. Überhaupt würden sie alle viel lieber zur Schule gehen, als Ferien zu haben, denn Schule, das bedeutet für die vier eine MVV-Karte finanziert zu bekommen, es bedeutet einen strukturierten Tagesablauf, vor allem aber bedeutet es, einen Grund zu haben, die 16 Quadratmeter Wohnraum zu verlassen, die sie mit bis zu drei weiteren Jugendlichen teilen. Sahid aus Afghanistan, Malik aus Somalia, Faid aus Sierra Leone und Rosmy aus Nigeria sind so genannte UMF – „unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge“. Diese drei Buchstaben bekommt verpasst, wer mit unter 18 Jahren ohne Familienangehörige als Flüchtling nach Deutschland gekommen ist. Wer bei der Einreise zwischen 16 und 18 Jahre ist, gilt nach dem Zuwanderungsgesetz als volljährig, fällt somit aus der Jugendhilfe und wird in einer staatlichen Sammelunterkunft für Asylbewerber untergebracht. Das bedeutet Anspruch auf ein Essensund Hygienepaket, 40,90 Euro pro Monat und kein Recht, eine Schule zu besuchen oder eine Ausbildung zu beginnen. Insofern hatten Rosmy und die drei Jungs Glück. Sie alle haben einen Platz im SchlaU-Projekt. SchlaU steht für schulanalogen Unterricht.Michael Stenger und sein Team unterrichten dort jugendliche Flüchtlinge mit nicht gesicherter Aufenthaltsperspektive, die zum Regelschulsystem keinen Zugang haben. Die Warteliste ist lang. Ziel des Projekts ist neben der sprachlichen Förderung auch die Gewöhnung an einen geregelten (Schul-)Alltag, um die Jugendlichen entweder in weiterqualifizierende Maßnahmen vermitteln oder sie in adäquater Weise auf den Arbeitsmarkt vorbereiten zu können. Die Betreuung der Jugendlichen bei SchlaU reicht weit über den Unterricht in Deutsch, Mathematik und Arbeitslehre hinaus. Drastische Sparmaßnahmen im sozialen Bereich zogen schrittweise den Rückzug der Wohlfahrtsverbände aus den Unterkünften nach sich. In der Unterkunft im Münchner Osten, in der Sahid seit zwei Jahren lebt, gab es früher eine Vollzeitkraft als Ansprechpartnerin für die Familien und eine Teilzeitkraft, die sich um die unbegleiteten Jugendlichen und um die Alleinstehenden kümmerte. „Einmal pro Woche gab es einen Jugendtreff, wo wir Musik hören, tanzen, trommeln oder Kicker spielen konnten. Manchmal sind wir auch zusammen ins Kino und einmal sogar zum Klettern gegangen“, erzählt Sahid. Dann wurde die Mitarbeiterin versetzt. Ihre Nachfolgerin konnte aufgrund ihrer geringeren Stundenzahl nur noch die Beratungszeiten, nicht aber den Jugendtreff aufrechterhalten. Inzwischen ist die Stelle ganz gestrichen. Sozialpädagogin Martina Unger von SchlaU kennt die Probleme der Jugendlichen: Da ist der Kulturschock in einem fremden Land, das Trauma ihrer Flucht und der Erlebnisse in der Heimat, die Ungewissheit, ob die Eltern noch leben. Dazu die Unsicherheit über ihren Status, die Entwürdigung bei ständigen Anhörungen in den Ausländerbehörden und bei Polizeikontrollen, das Gefühl, unerwünscht zu sein und keine Rechte zu haben. Gleichzeitig haben sie dieselben Wünsche, Träume, Probleme und Ängste wie alle anderen Jugendlichen auch. Allerdings weit weniger Handlungsspielraum, wenn es darum geht, ihre pubertäre Lebensphase auszuleben. Bei SchlaU ist man daher bemüht, sowohl den notwendigsten Beratungsbedarf der Kids zu decken als auch ihren Freizeitbereich aktiv mitzugestalten – soweit das personell und finanziell eben möglich ist. „Jedes Jahr gibt es ein Sommerfest, und wir bemühen uns immer wieder um Freikarten für Fußballspiele, Konzerte, fürs Kino oder fürs Theater“, erzählt Martina Unger. Bis sie 18 Jahre alt sind, bekommen sie außerdem den Ferienpass. Der beinhaltet für über 14-Jährige zwar nicht mehr die kostenlose MVV-Nutzung, aber immerhin noch den Eintritt in Münchens Bäder.Von den 40 Euro, die den Jugendlichen monatlich zur Verfügung stehen, wäre das sonst nicht drin.“ Manche von ihnen besuchen die Veranstaltungen im Eine-Welt-Haus – zum Beispiel die kostenlosen Kino-Open-Airs, die während des Sommers jeden Freitagabend stattfinden. Ein paar wenige haben in den Jugendzentren in der Nähe ihrer Unterkunft Anschluss gefunden. Außerdem veranstaltet SchlaU zusammen mit Ehrenamtlichen einen offenen Treff im Englischen Garten. „Und wir versuchen, Ausflüge zu organisieren. Dieses Jahr fahren wir mit den Oberklassen für ein Wochenende an den Starnberger See“, sagt Martina Unger. Dafür muss allerdings für jeden Teilnehmer beim Kreisverwaltungsreferat eine Reisegenehmigung beantragt werden: Flüchtlingen mit unsicherem Aufenthaltsstatus ist es untersagt, das Stadtgebiet zu verlassen. Gefragt, was sie sich für diesen Sommer am meisten wünschten, wenn Geld und Vorschriften keine Rolle spielen würden, antworten denn auch alle unisono: „Mal rauskommen aus München.“ Das kennt auch Eva-Maria Weigert von „Freudentanz“ – dem „grenzenlosen Tanzprojekt“: „In den Pfingst- und Sommerferien bieten wir Trainingcamps für unsere Tanzgruppen an. Drei bis vier Tage, an denen wir nicht nur trainieren, sondern auch miteinander kochen, spielen und die Gegend erkunden. Die meisten unserer Kids sind Flüchtlingskinder, die mit ihren Familien in sehr beengten Verhältnissen in Münchner Gemeinschaftsunterkünften leben. Einfach mal wegfahren ist da nicht drin, nicht nur aus finanziellen Gründen.“ Es muss daher immer auch etwas für die Daheimgebliebenen organisiert werden. „Einige Kinder konnten wir für die Sommerferien bei Lilalu anmelden.Die anderen können zumindest den Ferienpass nutzen. Viele haben Freikarten für die Buga bekommen. Dort werden im Juli auch ein paar unserer Gruppen auftreten. Workshops werden wir erst wieder im Herbst machen können – wir haben während der Ferien einfach zu viele Auftritte bei Sommer-, Stadtteil- und Straßenfesten, bei Benefizveranstaltungen und in Altenheimen.“ Außerdem muss der 13. Tanzwettbewerb (am 8. Juli 2005, ab 15 Uhr im Pfarrsaal St. Ruppert in der Gollierstraße) vorbereitet werden. „Das alles finanziert und geregelt zu bekommen ist wahnsinnig viel Arbeit. Ohne Ehrenamtliche wäre das nicht möglich“, betont Weigert. Entstanden ist „Freudentanz“ vor fünf Jahren quasi als Gegenentwurf zu der Münchner Straßenfußballliga „Bunt kickt gut“. „Ich dachte, so etwas müsste es auch für Mädchen geben“, erklärt Weigert. Von Anfang an war oberstes Ziel des Projekts, das Miteinander zwischen deutschen, ausländischen und Kindern mit Behinderungen zu fördern. „Deutsche Kinder und Jugendliche sind ausländischen Gleichaltrigen gegenüber oft verunsichert“, weiß Weigert.„Migrantenkinder wiederum grenzen sich als Minderheit häufig auch untereinander stark ab. Durch das Tanzprojekt lernen sie, mit sich selbst und untereinander besser klarzukommen. Es hilft ihnen, ihre Gefühle und Frustrationen auszuleben, sich auszudrücken und einen positiven Umgang miteinander zu lernen.“ Mitmachen können Kids zwischen 5 und 18 Jahren in den Kategorien Folklore (Musik und Tänze aus den jeweiligen Heimatländern), Pop/HipHop, Breakdance und Respekt. Bewertet werden Einfallsreichtum und Kreativität, Schwierigkeit, Synchronität und Ausstrahlung. Das Konzept geht offenbar auf. Für den Wettbewerb am 8. Juli 2005 trainieren rund 3000 junge Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 13 Nationen. Davon sind 70 Prozent Mädchen, 30 Prozent Jungs. Und: 25 Prozent der Kids sind Deutsche, 10 Prozent sind gehandikapt. In den meisten Asylbewerberunterkünften und in vielen Jugendzentren wird bereits eifrig trainiert. „Manche üben täglich“, erzählt Eva-Maria Weigert. Viele Gruppen sind von Anfang an dabei, einige ganz neu. Andere müssen eine Zwangspause einlegen, denn aufgrund der dünnen Personaldecke in vielen Unterkünften finden sich keine Mitarbeiter mehr, die mit den Jugendlichen trainieren.

Daniela Walther

* Die Namen der Jugendlichen sind geändert