„Sie überkommt uns gelegentlich“

Und zwar dann, wenn wir nicht mit ihr rechnen. Das Experteninterview zum Schwerpunktthema mit Professor Dr. Friedrich Försterling

Herr Professor Försterling, was unterscheidet Freude von Glück, Zufriedenheit, guter Stimmung oder Wohlbefinden?
Professor Dr. Friedrich Försterling: Freude ist eine Emotion und gehört, wie Wut oder Angst, zu den so genannten Basisemotionen. Glück, Zufriedenheit und Wohlbefinden dagegen sind Stimmungen.Die Besonderheit von Emotionen ist, dass sie auf Objekte gerichtet sind. Diese können sowohl real als auch nur in der Vorstellung existieren. Man freut sich immer auf oder über etwas, man hat vor etwas Angst, ist über etwas wütend oder eifersüchtig auf jemanden. Zudem halten Emotionen, im Gegensatz zu Stimmungen, in der Regel nur sehr kurze Zeit an und sind eng mit unserer Mimik verknüpft. Wir alle kennen das, dass uns ein Lächeln über das Gesicht huscht, wenn wir uns freuen. Man strahlt über das ganze Gesicht – und zwar selbst dann,wenn man seine Freude zu verstecken versucht.

Wie entsteht Freude?
Försterling: Bei anderen Emotionen kann man genauer sagen, was die gedanklichen Konstruktionen sind, die sie auslösen. Bei Wut ist der Grund typischerweise, dass eine Regel verletzt wird. Bei Freude – nun ja, da passiert etwas Schönes, aber trotzdem sind wir sehr oft überrascht, dass wir uns über das, was dann eintritt, freuen beziehungsweise wie sehr wir uns freuen. Man kann sich zwar vornehmen, etwas zu tun, das einen selbst oder andere in die Emotion Freude versetzt. Ob das dann auch gelingt, ist eine andere Frage. Oft können wir einfach nicht sagen, was es ist. Freude überkommt uns eben gelegentlich – besonders,wenn wir nicht mit ihr gerechnet haben. Dies könnte ein Anzeichen dafür sein, dass Freude nicht unbedingt unsere ganz bewussten Zielsetzungen widerspiegelt, oder anders ausgedrückt, dass wir oft gar keinen Zugang haben zu dem, was wir tatsächlich wollen.

Liegt das daran, dass wir positive Gefühle grundsätzlich weniger hinterfragen und analysieren als negative?
Försterling: Das ist sicherlich so. Zudem existieren auch deutlich mehr negative als positive Basisemotionen – denken Sie nur an Angst, Wut, Eifersucht, Traurigkeit, Trauer. Entsprechend mehr Begriffe haben wir für den Negativbereich: Ungefähr 200 Begriffe für negative Gefühle stehen gerade mal um die 80 Begriffe für positive Gefühle gegenüber. Bei den positiven Emotionen haben wir eigentlich nur die eher unspezifische Freude, deren Auslöser wir zudem oft gar nicht benennen können. Aber vermutlich ist es, entwicklungsgeschichtlich gesehen, auch nicht ganz so wichtig gewesen zu wissen, was uns gut tut und worüber wir uns freuen, als zu wissen, was uns gefährlich werden kann oder schlecht für uns ist.Was nicht heißt, dass wir nicht lernen sollten, mehr auf unsere positiven Emotionen zu achten und Positives auch aktiv anzustreben, anstatt uns damit zu begnügen, Negatives zu vermeiden.

Braucht der Mensch, um Freude zu empfinden, die anderen?
Försterling: Freude ist eine Emotion, die man schon ganz früh erlebt. So liest die Mutter zunächst vor allem an der Mimik des Kindes ab, was ihm gefällt und was nicht. Und auch später wird Freude sehr oft im sozialen Kontext erlebt und geäußert. So empfindet man Freude, wenn sich etwas für die eigene Domäne – so bezeichnet man das, was einen über die eigene Person hinaus betrifft, positiv verändert hat.Man freut sich beispielsweise, wenn die Tochter einen tollen Job bekommen oder der Fußballverein, dessen Fan man ist, ein wichtiges Spiel gewonnen hat.Man freut sich, wenn ein Mensch, den man mag, sich nach langem Leiden wieder besser fühlt oder wenn einem jemand ein schönes Geschenk macht. Man freut sich, wenn man von anderen Personen geschätzt wird, Anerkennung für etwas erfährt, wenn man in einer Gruppe eine Position einnimmt, die man sich wünscht. Andererseits kann man natürlich auch ganz für sich allein eine große Freude empfinden – zum Beispiel, wenn es einem gelungen ist, eine sehr schwierige mathematische Aufgabe zu lösen, oder wenn man nach Stunden des Aufstiegs endlich den Gipfel des Berges erreicht. Aber das unterscheidet sich sicherlich von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation.

Ist die Freude, die man mit jemandem teilt, die „wertvollere“?
Försterling: Das sagt zumindest der Volksmund. Ich persönlich denke auch, dass Freude im sozialen Kontext besonders schön ist.Wenn Fußballfans sich gemeinsam über das Tor freuen, hat das sicherlich eine zusätzlich verbindende Komponente, und man spürt die Freude dadurch vielleicht auch intensiver, als wenn man das zu Hause ganz für sich allein erlebt. Es gibt auch Situationen, die es einem schwer machen, seine Freude offen zu zeigen: Jemand, der befördert wurde, wird sich mit seiner Freude vor dem Partner, der gerade eine berufliche Talfahrt durchmacht, vielleicht auch eher zurückhalten.Manchmal fürchtet man auch, verletzt zu werden, wenn man zeigt, was einem wirklich wichtig ist – zum Beispiel, wenn man in jemanden verliebt ist und nicht weiß, ob der andere ebenso empfindet. Dann setzt man lieber sein Pokerface auf – und hofft, dass keiner etwas merkt.

Was mindert Freude?
Försterling: Es gibt Situationen, in denen die Freude dadurch gemindert wird, dass man in dem Moment, in dem man ein Ziel erreicht, ein anderes dafür aufgeben muss. Ich kann mich freuen, dass ich den Job bekomme, der mir finanzielle Unabhängigkeit und neue Herausforderungen bietet, und gleichzeitig traurig darüber sein, dass ich dadurch bestimmte Freiheiten einbüße und mich von netten Kollegen trennen muss. Mit Ereignissen, die einem Anlass zur Freude geben, gehen aber sehr oft auch Ereignisse einher, die zu Traurigkeit, Angst oder sogar Wut führen können. Was geht in unserem Körper vor, wenn wir uns freuen?
Försterling: Allen Basisemotionen liegt eine spezifische Mimik zugrunde.Wir erkennen Freude am mimischen Ausdruck – am Lachen oder Lächeln oder daran, dass die Augen sich weiter öffnen. Allerdings gibt es keine spezifischen Merkmale für Freude, für Trauer, Ärger. Vollkommen unterschiedliche Emotionen können identische oder sehr ähnliche Merkmale wie erhöhten Herzschlag, ein Kribbeln im Bauch aufweisen. Bei den biochemischen Reaktionen wäre ein erhöhter Serotoninspiegel und die Ausschüttung von körpereigenen Endorphinen zu nennen. Beides ist aber nicht spezifisch für Freude. Das hat man auch bei positiven Stimmungen wie dem „runner’s high“ oder schlicht bei der Abwesenheit von Depressionen.

Macht Freude uns zu lebendigeren Menschen – treibt sie uns an?
Försterling: Nicht in dem Sinne, wie Wut und Ärger uns antreiben. Freude hat keinen so starken Verhaltensimpuls. Sie ist nicht unbedingt ein Gefühl, dass zu spezifischen Handlungen oder einem besonderen Verhalten anregt. Aber natürlich fühlt sich ein Mensch mit einer positiven Grundstimmung lebendiger als einer, der zu Depressionen neigt. Das liegt an unserem Annäherungsund einem Vermeidungssystem.Wenn wir uns annähern – sei es beim Essen, beim Sex, beim Aussuchen oder Kauf von schönen Dingen –, sind wir natürlich aktiver, als wenn wir ständig zu vermeiden versuchen, uns zu blamieren, uns zu verletzen, uns zu irren und so weiter. Ein annäherungsorientiertes Leben, dem die Hoffnung auf Erfolg zugrunde liegt, ist sicherlich ein facettenreicheres, interessanteres und lebhafteres Leben als eines, das von Angst und Unsicherheit beherrscht ist.

Kann man Freude erzeugen oder gar vorschreiben?
Försterling: Dass diese Versuche oft missglücken, sehen Sie schon daran, dass typische Frustkäufe nur selten wirkliche Freude bringen – nicht zuletzt, weil das Unterbewusste im Grunde etwas ganz anderes verlangt. Es ist ein Aspekt von Freude, dass sie weder kalkulierbar noch planbar oder herstellbar ist. Bei vielen Ereignissen gibt es natürlich soziale Erwartungen und Rollen, die zu erfüllen sind,wie die, bei einer Beerdigung nicht zu lachen oder bei einer Hochzeit nicht traurig zu sein. Trotzdem passiert immer wieder das genaue Gegenteil. Nein, man kann Emotionen nicht vorschreiben, aber man kann vorgeben, wann man welche Emotion besser versteckt, und wann es passend ist, sie zu äußern. Es gibt Darbietungsregeln von Emotionen. Die wiederum sind kulturell sehr unterschiedlich.Wir sind mit einem bestimmten Emotionsprogramm, das heißt mit der Fähigkeit, Freude zu empfinden, diese in ganz bestimmter Weise auszudrücken, und sie bei anderen Menschen zu erkennen, bereits geboren. Das hat schon Darwin festgestellt. Worüber man sich freut, ist aber auch eine Frage des persönlichen Anspruchs, der eng mit unserer persönlichen Entwicklung einhergeht. Mit zunehmendem Erfolg steigt in der Regel das Anspruchsniveau, nach einer Reihe von Misserfolgen sinkt es erfahrungsgemäß. Ein Misserfolg birgt daher immer auch die Chance, dass man auch kleinere Erfolge wieder zu schätzen weiß. Immer alles zu haben und alles zu bekommen ist daher alles andere als eine Garantie dafür, dass man sich seines Lebens freut.

Das Gespräch führte Daniela Walther

Zur Person
Professor Dr. Friedrich Försterling, geboren 1953, studierte Psychologie und Pädagogik in Salzburg, Los Angeles und New York City. Er ist Inhaber einer Professur für Allgemeine Psychologie II, Fachbereich Motivation, Emotion und Lernen, an der Ludwig-Maximilians- Universität München. In seinen Forschungsarbeiten beschäftigte er sich unter anderem mit den auslösenden Gedanken von Motivation und Emotion sowie deren Beeinflussung in Training und Therapie.

Gaumenfreuden

Richtige Ernährung macht gute Laune. Denn der Körper ist in der Lage, Nährstoffe in Glücksbausteine umzuwandeln

Wer Fastfood vorzieht, bringt sich um die vielen wunderbaren Sinnesfreuden. „Es geht ja nicht nur ums Sattwerden, sondern darum, wie man gut und gesund satt wird“, bemerkt Brigitte Korhammer. Seit zwei Jahren ist sie Hauswirtschaftsleiterin bei Viva Clara, einem Café mit integriertem Catering in der Münchner Ickstattstraße. Hier werden ausnahmslos frische und in der Hauptsache vegetarische Speisen zubereitet. Und: Am Herd, im Service, im Lieferdienst sowie in der Verwaltung werden ehemals drogenabhängige und langzeitarbeitslose Frauen angelernt und beschäftigt. Durch die Qualifizierungsmaßnahme soll den Frauen, die es auf dem ohnehin eng gewordenen Arbeitsmarkt äußerst schwer haben, der Weg in ein geregeltes Leben erleichtert werden. Alles, was mit Ernährung zusammenhängt, sei dafür besonders geeignet: „Viele der Frauen waren in jungen Jahren suchtmittelabhängig und wissen gar nicht, was gutes Essen ist. Wenn jemand ‚drauf ’ ist, isst er häufig wenig oder so gut wie nichts. Da stehen Drogen und ihre Beschaffung im Mittelpunkt“, weiß Renate Zitzer. Die Sozialpädagogin leitet Viva Clara seit elf Jahren, seit der Gründung der Einrichtung, die an den Suchthilfe- und Präventionsverein Condrobs angeschlossen ist. Hier können die Frauen ganz nebenbei sozusagen auf den Geschmack kommen und ein Bewusstsein für die eigene Gesundheit gewinnen. „Wenn man viele verschiedene Gemüsesorten kennen lernt, lernt man auch viele verschiedene Mineralstoffe kennen“, erläutert Brigitte Korhammer. Von diesem Lerneffekt haben nicht nur die Köchinnen etwas, sondern auch die Gäste. Besonders die Kleinen profitieren davon, denn Viva Clara beliefert mittlerweile zehn Kindergärten mit Mittagessen. „Wir wollen die Kinder neugierig machen. Es gibt mehr im Leben als nur Pommes“, sagt Brigitte Korhammer lächelnd.„Manchmal laden wir auch den einen oder anderen Kindergarten ein, damit sich die Kinder anschauen können, wie das Essen hier gekocht wird.“ Abgesehen davon, dass Essen nicht nur schmecken und Energie liefern soll für Körperfunktionen wie Wärmebildung und Muskelarbeit, kann es auch zufrieden und fit machen! „Eine unserer Studien zeigt, dass eine unzureichende Vitaminversorgung das Wohlbefinden und die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Solche Befindlichkeitsstörungen treten bereits bei unzureichender Versorgung auf, vor allem mit B-Vitaminen, auch wenn noch kein absoluter Vitaminmangel besteht“, gibt Professor Dr. Volker Pudel, Leiter der Ernährungspsychologischen Forschungsstelle an der Universität Göttingen, zu bedenken.Milch- und Vollkornprodukte als Vitamin-B-Lieferanten könnten hier Abhilfe schaffen. Zu viel eiweißreiche Kost wie Fleisch oder Fisch kann allerdings schlechte Laune auslösen. Unser Befinden wird durch Botenstoffe bestimmt, die im Gehirn gebildet werden und dort für die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen verantwortlich sind. Serotonin ist das bekannteste „Glückshormon“. Es reguliert den Schlafrhythmus, den Blutdruck, das Hunger- und Sättigungszentrum, die Bewegung der Magen-Darm-Muskulatur und beeinflusst unsere Stimmungslage. Die Produktion von Serotonin ist abhängig vom Eiweißbaustein Tryptophan. Die im Darm produzierte Aminosäure muss allerdings erst ins Gehirn gelangen. Bei übermäßiger eiweißreicher Kost sind zu viele neutrale Eiweißbausteine im Blut, die auch wendiger und schneller sind und so die „Glücksbausteine“ blockieren. Experten raten zu kohlehydratreicher Kost. Denn bei Kohlenhydraten schüttet die Bauchspeicheldrüse Insulin aus, das lenkt die konkurrierenden Eiweiße ab. Sie wandern ins Muskelgewebe und blockieren nicht mehr das Tryptophan, das für die Serotoninbildung so wichtig ist. Obwohl Essen zu den menschlichen Grundbedürfnissen gehört und mehr Kenntnis über die Ernährung sicher sinnvoll wäre, ist es nicht jedermanns Sache, sich mit Dingen wie Botenstoffen und physiologischen Abläufen auseinander zu setzen. Für eine gesunde, abwechslungsreiche Kost könnten unsere Sinne ein guter Wegweiser sein. Eine Tomate duftet eben nur im Hochsommer verlockend und ist dann auch am bekömmlichsten, weil das ihre Reifezeit ist. Und Ernährung soll Freude bereiten. Deshalb sind die Leiterinnen von Viva Clara stets bemüht, mit ihrem Essen Farbe ins Leben zu bringen, und das nicht nur sprichwörtlich. „Die Kombination muss schon stimmen! Eine Karotten-Ingwer- Suppe als Vorspeise, Bratkartoffeln mit Kräutercreme als Hauptspeise, dazu einen grünen Salat und als Nachspeise einen bunten Obstsalat. Von allem etwas“, sagt Brigitte Korhammer und freut sich über das im Geiste zusammengestellte Menü. Ernährungspsychologe Pudel weiß, dass der Geschmack einer Speise nicht nur über Zunge, Nase und eben Augen beurteilt wird. „Der bekannte Werbespruch ‚Es war schon immer etwas teurer, einen guten Geschmack zu haben‘, trifft in der Tat zu. Verknapptes schmeckt immer besser, sei es, dass es durch Verbote, wie zum Beispiel Cola bei Kindern, oder durch einen hohen Preis, wie beispielsweise Champagner bei Erwachsenen, seltener konsumiert wird.“ Ein sozialer Aspekt kann dann das Sahnehäubchen bedeuten! „Unseren Catering-Service bestellen viele nicht nur, weil es ihnen gut schmeckt, sondern weil sie auch Gutes tun wollen“, erklärt Brigitte Korhammer. Zur Klientel gehören verschiedene Stellen des Sozialamtes, die Landtags-Grünen, aber auch Privatleute, von denen einige Stammgäste sind. „Eine Frau beispielsweise arbeitet am Mariahilfplatz und kommt immer extra hierher in die Ickstattstraße zum Essen. Die Entwicklung unserer Frauen hier mitzukriegen, wie sie dazulernen und sich integrieren, macht ihr einfach Freude.“ Für Renate Zitzer haben Gaumenfreuden vor allem etwas mit Wärme und Geborgenheit zu tun. „Es ist schließlich unsere erste Erfahrung, auf den Arm genommen und gefüttert zu werden. Es kümmert sich jemand um uns und es liegt ihm sehr viel daran, dass es uns gut geht.“

Anuschka Schmid

Von Nachbarn und Helfern

Eine Gemeinschaft funktioniert nur, wenn alle mitmachen. Und dann steigert sie die Lebensfreude

Auf jedem Quadratkilometer des Münchner Stadtgebiets leben statistisch gesehen 4100 Menschen. Das Regelwerk, das diese Gemeinschaft zusammenhält, ist fein verästelt. Nicht fein genug für streitsüchtige Gemüter, und deshalb müssen deutsche Gerichte mehr als 300 000-mal pro Jahr Urteile über Unstimmigkeiten zwischen Nachbarn fällen. Das hört sich beispielsweise so an: Schießen spielende Kinder einen Fußball in Nachbars Garten, dürfen sie ihn nicht selbst von dort zurückholen, sondern müssen klingeln. Der Nachbar ist verpflichtet, den Ball herauszugeben, und muss es akzeptieren, dass die Kinder auch künftig vor seinem Grundstück Fußball spielen. So entschied das Münchner Landgericht vor zwei Jahren. Aus dem Bayerischen Obersten Landesgericht stammt diese Regel: „Grillen ist jeder Familie in Bayern mindestens fünfmal im Jahr erlaubt. Allerdings sollte der Grill am äußersten Ende des Gartens stehen, damit der Qualm die Nachbarn nicht belästigt, denn sie müssen es nicht hinnehmen, wenn beispielsweise Bratwurstgeruch in ihr Schlafzimmer dringt.“ Und die Oberlandesrichter in Nürnberg stellten fest, dass ein Grundstücksbesitzer von seinem Nachbarn wohl verlangen kann, über die Grenze hängende Zweige von Sträuchern und Bäumen zu entfernen. Laub, das von Nachbars Gartenbepflanzung auf sein Grundstück fällt,muss er hingegen dulden. Doch wo allgemein gültiges Recht beginnt, endet die Feindschaft zwischen Nachbarn noch lange nicht. Auch in München vergällen Menschen, die unter demselben Dach wohnen, einander das Leben.Meistens entzündet sich der Streit an belanglosen Kleinigkeiten, genährt wird er vor allem durch Unnachgiebigkeit. Anton Z. erzählt von seiner Zeit als Hausmeister in einem Mietshaus im Westend. „Wir hatten einen Innenhof, auf dem einige Anwohner Parkplätze gemietet hatten. Das Tor zu diesem Hof wurde nachts verschlossen. Tagsüber stand es offen, und weil auch im Westend Parkplätze Mangelware sind, haben manchmal Fremde ihr Auto auf dem Hof abgestellt, während sie in einem der umliegenden Geschäfte beim Einkaufen waren.“ Den Parkplatzbesitzern schwoll der Kamm, und weil sie die unerwünschten Kurzbesucher nicht wirksam fern halten konnten, richtete sich ihre Wut gegen den Hausmeister. „Die verlangten allen Ernstes von mir, dass ich den ganzen Tag am Fenster sitze und sofort hinauslaufe, wenn ein fremder Fahrer in den Hof biegt, um ihn zu verjagen“, sagt Anton Z. Mehr als einmal standen sich er und der Handwerker, der im Hof eine Werkstatt betrieb, einander gegenüber und warfen sich grobe Worte an den Kopf. „Zum Schluss haben wir uns nicht einmal mehr gegrüßt, aber hinter meinem Rücken hat der Mann mit den anderen Parkplatzbesitzern gestänkert, und sie haben sich über jede Kleinigkeit bei der Hausverwaltung beschwert.“ Ruhe hat Anton Z. erst gefunden, als er ausgezogen ist. Aus der Distanz urteilt er: „Natürlich habe auch ich mich nicht immer richtig verhalten, aber der Streit ist vor allem entstanden, weil einige Nachbarn nicht bereit waren, auch nur auf den kleinsten Teil ihres verbrieften Rechts zu verzichten, auch wenn sie in dem Moment ihren Stellplatz gar nicht brauchten.“ Für Mieter ist es noch relativ einfach, per Wohnungswechsel aus einem schwierigen Nachbarschaftsverhältnis auszusteigen. Hausbesitzer sind meist nicht so flexibel. Die Wahl der Immobilie umfasst immer auch die Nachbarn, und die sind für den Frieden und eine glückliche Gemeinschaft von entscheidender Bedeutung. Der Weg zu einer glücklichen Gemeinschaft führt immer über die anderen. Für Helmut Weinbuch ist ganz klar: „Ich bemühe mich, Dinge zu tun, die nicht nur mir selbst nützen, sondern die auch anderen helfen“, sagt er. Damit folgt Weinbuch der Einsicht, dass das Zusammenleben von Menschen gelingt, sobald jeder Einzelne bereit ist, seine Bequemlichkeit zu überwinden. Der Jurist packt das ganz praktisch an. Als er vor vier Jahren pensioniert wurde, ging er zur Münchner Vermittlungszentrale für ehrenamtliche Helfer „Tatendrang“. „Ich war offen für alle Vorschläge, die man mir dort unterbreiten würde, und hatte nur die Vorstellung, dass ich eine sehr konkrete soziale Arbeit leisten wollte.“ Die Mitarbeiter von „Tatendrang“ schlugen ihm ein Engagement im Alten- und Servicezentrum Laim vor. „Dort gab es bereits einen Kreis von Leuten, die sich um Senioren kümmerten, doch das dümpelte ein bisschen vor sich hin.“ Weinbuch stellte eine neue Organisation auf die Beine, und mittlerweile arbeiten mit ihm etwa 20 Helfer, die regelmäßig Senioren besuchen, um ihnen beim Einkauf oder bei Behördengängen zu helfen. „Besonders wichtig aber ist die persönliche Zuwendung“, sagt er. Seit Weinbuch sich in dem Helferkreis engagiert, hat sich seine Sicht auf die Welt noch einmal deutlich gewandelt. „In meinem Beruf habe ich vor allem Kontakt zu anderen Beamten und zu Verbandsfunktionären gehabt.Hier erlebe ich völlig andere Persönlichkeiten und treffe Menschen, denen es nicht so gut geht. Als denkender Mensch sehe ich die Verpflichtung, das wahrzunehmen.“ Helmut Weinbuch widmet seinem Ehrenamt viel Zeit. „Es macht wirklich sehr viel Spaß zu sehen, dass Beziehungen zwischen Helfern und Senioren entstehen. Mir ist schon klar, dass ich keine wirklich großen Dinge bewege, aber immerhin können wir einigen Menschen ein eigenständiges Leben in ihrer Wohnung ermöglichen und außerdem lindern wir die Folgen der Einsamkeit, unter der viele der Senioren leiden.“ Zufriedenheit durch Engagement empfindet auch Barbara Zauner. Die 28-jährige Bauingenieurin hat sich ebenfalls von „Tatendrang“ als ehrenamtliche Helferin vermitteln lassen. „Zuerst habe ich einem Flüchtlingsmädchen Nachhilfe für den qualifizierten Hauptschulabschluss gegeben.“ Sie bringt ihre Arbeit auf einen einfachen Nenner: „Für mich ist das eine Gewissenssache, ich möchte ein guter Mensch sein.“ Sie lacht: „Vielleicht hat es auch etwas mit dem Pfadfindergedanken zu tun: Jeden Tag eine gute Tat.“ Barbara Zauner glaubt, dass kleine Dienste eine große Wirkung entfalten können. „Die Welt um uns herum ist tendenziell schon hart, und jeder schaut zuerst auf seinen Vorteil . Deshalb will ich mir ein eigenes, warmes Umfeld schaffen. Für mich ist es so, dass ich damit auf ein Konto einzahle, denn es passiert immer wieder, dass ich selbst Hilfe brauche. Ich bin letztlich erst umgezogen, und wenn meine Freunde nicht mit angefasst hätten, würde ich noch heute meine Möbel schleppen.“ Auch für die Nachhilfe wurde die junge Frau belohnt. „Meine Nachhilfeschülerin hat die Prüfung als Zweitbeste ihrer Schule bestanden. Das hat mich wahnsinnig stolz gemacht.“ Derzeit besucht Barbara Zauner regelmäßig eine ältere Dame, um sie bei Spaziergängen zu begleiten. „Sie braucht halt jemanden, bei dem sie sich einhängen kann“, sagt die Helferin. Auch hier: Kleiner Dienst schafft große Freude. „Als wir uns eines Tages verabschiedeten, sagte die Dame zu mir: ,Grüßen Sie Ihre Eltern. Die können stolz auf Sie sein. Ich hätte auch gern so eine Tochter.‘“

Bernd Hein

Dem Alltag abtrotzen

Kindern sind Sinnesreize ein Lustgewinn, und Ältere sind schon froh, dass sie fit sind. Für Mittelalte gilt: Freude ins Leben bringen

Erdbeer, Stracciatella, Haselnuss. Alissa nimmt die Waffel mit den drei dicken, weichen Kugeln Milcheis entgegen. Ihre Augen strahlen vor Freude und Stolz. Nun mit dem Eis auf den Spielplatz laufen, sich dort neben die Freundin auf die Schaukel setzen und unter sanftem Auf- und Abwiegen genüsslich und sehr langsam die kalte Süßigkeit schlecken – so ist die Welt für die Achtjährige in Ordnung. Alissas Vater hingegen würde gern schnellstmöglich nach Hause gehen, den Computer einschalten und seine E-Mails abrufen. Denn er wartet gespannt auf eine Nachricht der Fifa. Hat ihm die Verlosung eine Eintrittskarte für eines der Fußball-Weltmeisterschaftsspiele in München beschert? Einmal live bei der WM dabei sein – das wäre was! Freude pur für den 48-Jährigen. Neben Liebe, Wut, Ärger und Trauer ist die Freude eines der fünf Grundgefühle, die dem Menschen angeboren sind,Altewie Junge empfinden sie gleichermaßen. „Mit dem Lebensalter ändern sich allerdings die Anlässe, über die man sich freut. Für ein Neugeborenes ist jeder Sinneseindruck ein Lustgewinn, weil die Empfindung neu ist“, sagt Ulrich Hegerl, Psychiater und Sprecher des Kompetenznetzes Depression, Suizidalität (Neigung, Selbstmord zu begehen). Mit wachsender Erfahrung und Gewohnheit verliere sich die Begeisterungsfähigkeit für jede einzelne angenehme Wahrnehmung.Dann werde alles reflektiert und verglichen. Sich als erwachsener Mensch in der Routine des Alltags die Freude zu erhalten fällt nicht immer leicht, selbst dann nicht, wenn alle äußeren Faktoren zum Glücklichsein gegeben sind: ein lieber Partner, wohlgeratene Kinder, ein gutes Einkommen. Was wollte man mehr? Viele Menschen geraten in den mittleren Lebensjahren in eine Krise: „Ab 40 etwa wird die Zeitwahrnehmung anders. Man hat das Gefühl, die Jahre vergehen immer schneller, die Zeit rast einem davon, und damit wird die Frage präsenter, ‚Was bleibt mir noch vom Leben?‘ Mit 40 sind viele Entscheidungen bereits gefallen, man muss somit von den anderen Möglichkeiten Abschied nehmen. Das kann schon wie ein Strudel wirken, aus dem man sich wieder heraushebeln muss“, berichtet Anita, Mutter und Hausfrau. Ob es einem gelingt, dem Gegebenen immer wieder Positives abzugewinnen, liegt ihrer Meinung nach am Selbstbewusstsein, „Selbstbewusstsein im Sinne des Wortes, nicht des Auftretens“.Wenn man sich bewusst sei, wie man auf Rückschläge und in Krisensituationen reagiert und aus Erfahrung weiß, was einem gut tut, sei man eher in der Lage, schwierigen Situationen lösungsorientiert entgegenzuwirken, statt sich ohnmächtig vom Frust einholen zu lassen. „Mir tun Gespräche mit Freunden gut und ich genieße ein schönes Abendessen in feierlicher Atmosphäre. Auch wenn es mir dann in eher düsteren Phasen zunächst unnötig aufwändig und gar nicht viel versprechend erscheint, raffe ich mich doch dazu auf, Freunde einzuladen, etwas Besonderes zu kochen, den Tisch zu dekorieren, gute Musik auszuwählen; und im Nachhinein merke ich, das gibt mir wirklich Aufschwung.“ „Copingstrategien“ (Bewältigungsstrategien) nennen Psychologen die Maßnahmen, die man mehr oder weniger bewusst trifft, um Probleme zu meistern und für sein eigenes Wohlbefinden zu sorgen. Copingstrategien eignet man sich in der Kindheit und im frühen Erwachsenenalter an und behält sie dann gewöhnlich auch im Alter bei, erklärt die Pychogerontologin Anja Ziervogel (Gerontologie: Altersforschung). Wer Ärger ein Leben lang in sich hineingefressen hat, wird das auch im Alter tun, und wer sich ein soziales Netz aufbaut, in dem man sich austauscht und gegenseitig unterstützt, dem kommt diese Eigenschaft auch dann zugute,wenn mit steigendem Lebensalter die Umstände schwieriger werden. Die meisten Menschen müssen zwischen dem 60. und dem 70. Lebensjahr gehäuft Verlusterlebnisse hinnehmen: Die Erwerbstätigkeit endet, was vor allem für Männer oft mit einem Einbruch des Selbstbewusstseins und Selbstvertrauens verbunden ist, weil sie sich für gewöhnlich mehr noch als Frauen mit ihrem Beruf identifizieren. Die Gesundheit macht Probleme, das Einkommen sinkt, oft steht ein Umzug in eine kleinere Wohnung bevor, und immer häufiger muss man sich mit dem Tod nahe stehender Menschen abfinden. Trotzdem gelingt es den „jungen Alten“ zwischen 60 und 80 Jahren, sich im Durchschnitt denselben Grad an Wohlbefinden zu bewahren wie jüngere Menschen. Das ergibt die „Berliner Altersstudie“, eine große, so genannte multidisziplinäre Längsstudie, in der mehr als 500 Menschen zwischen 70 und über 100 Jahren zu ihrer Lebensqualität und Lebenszufriedenheit befragt wurden. Zur – entgegen der verbreiteten Meinung – relativ hohen Lebenszufriedenheit trägt bei, dass alte Menschen es verstehen, ihr Leben in einem immer engeren Umfeld und unter körperlichen Beeinträchtigungen so einzurichten, dass sie trotzdem zufrieden sind. „Adaptive Ich-Plastizität“ heißt diese pragmatische Fähigkeit zum subjektiven Wohlbefinden im Fachjargon. So schätzen Ältere ihre Gesundheit oft ebenso gut ein wie Jüngere, obwohl es ihnen objektiv körperlich schlechter geht. Zwei Drittel derer, die an der Studie teilnahmen, gaben an, sich gesund zu fühlen, und fast ebenso viele halten sich für gesünder als ihre Altersgenossen.Auch von finanziellen Einschränkungen oder Armut lassen sich alte Menschen in ihrer Zufriedenheit kaum beeinträchtigen, mit steigendem Alter sogar immer weniger. Mehr als Geld zählen Gesundheit, Mobilität und Kontakte. Übrigens – so eine andere Studie aus Dänemark – schätzen alte Menschen den Austausch mit Gleichaltrigen mehr als das Zusammensein mit den eigenen Kindern. Da viele Begegnungen, die sich während der Berufstätigkeit selbstverständlich und ohne viel Zutun ergeben, im Alter wegfallen, ist es umso wichtiger, dass sich Senioren aktiv um ein soziales Netz bemühen, sagt Anja Ziervogel.Um sich den Alltag freudvoll zu gestalten, rät sie alten Menschen, an Veranstaltungen, Seniorensport oder Ausflügen teilzunehmen, die zum Beispiel in den Altenservicezentren angeboten werden.„Leider kennt es die Generation, die jetzt um die 70 Jahre alt ist, aber nicht so, dass man sich selbst etwas Gutes gönnt und sich bewusst Genuss verschafft. Viele verbinden das mit Faulheit und Schuldgefühle.“ Angenehme Erlebnisse und Empfindungen seien aber in jedem Lebensalter für die psychische Gesundheit wichtig. Neben der Fähigkeit, Ansprüche und Erwartungen entsprechend den abnehmenden Handlungsmöglichkeiten zu reduzieren, sieht der Berliner Alternsforscher Paul Baltes die Stärke der Hochbetagten in ihrer emotionalen Intelligenz. Alte Menschen könnten die Ursachen von Gefühlen wie Hass, Liebe oder Furcht besser einordnen und emotionale Konflikte dadurch vermeiden oder in ihren negativen Auswirkungen dämpfen. Diese „Altersweisheit“ trifft allerdings nicht zwangsläufig auf alle Senioren zu. Die Vereinigung von Tugend und Wissen gelinge älteren Menschen nur dann besonders gut und besser als jüngeren,wenn sich die Lebenserfahrung mit bestimmten Denkstilen und Persönlichkeitseigenschaften verbinde. Das positive Bild, das die „Berliner Altersstudie“ von der Lebensqualität der 60- bis 80- Jährigen zeichnet, ändert sich leider deutlich, betrachtet man die Altersgruppe der über 80- Jährigen. Die Gerontologen unterscheiden zwischen dem „dritten Alter“, das mit dem 60. Lebensjahr beginnt, und dem „vierten Alter“, der Lebensspanne, in der die Hälfte eines Jahrgangs nicht mehr am Leben ist. In den Industrieländern ist das heute mit etwa 80 Jahren der Fall. Das „vierte Alter“ ist, trotz der in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegenen Lebenserwartung, meist von körperlichem Abbau, Schmerzen und Isolation geprägt. Vor allem nach dem 85. Lebensjahr sinkt damit auch das subjektive Wohlbefinden deutlich ab. Manche quälende Beeinträchtigungen wie schlechte Zähne oder Schwerhörigkeit ließen sich allerdings ohne allzu großen Aufwand lindern oder beheben, meint Psychogerontologin Anja Ziervogel. Auch so genannte milieutherapeutische Maßnahmen wie kleine Veränderungen in der Wohnung könnten das Leben erleichtern und Freude bereiten. Und diese Möglichkeiten seien noch lange nicht ausgeschöpft.

Simone Kayser

Fällt herab ein Träumelein

Und wenn nicht? Im Schlaflabor werden die Ursachen für Schlaflosigkeit ergründet

Zwischen sechs und acht Stunden Schlaf sind normal und gesund, haben die Wissenschaftler festgestellt. Weniger verkürzt das Leben. In aller Regel werden bei Einbruch der Dunkelheit Hormone ausgeschüttet, allen voran das Melatonin, das die Lider schwer werden lässt und den Körper auf die Ruhephase einstimmt. Beim Schlafen stellt der Körper alle Funktionen auf Standby und kann so regenerieren. Ein lebenswichtiger Vorgang. Findet der Mensch keine Erholung im Schlaf, sind körperliche und psychische Erkrankungen die Folge. Manch einer schläft ganz viel und überall, jedoch ohne richtig ausgeschlafen zu sein. Vom „imperativen Schlafdrang“ spricht dann Dr. Klaus Storck und meint damit das unwiderstehliche Bedürfnis zu schlafen. Er ist Facharzt für innere Medizin und Pneumologie (Lungenkrankheiten) sowie Somnologe (Facharzt für Schlafstörungen) und Leiter des Schlaflabors im Rotkreuzkrankenhaus in München. „Als Verlust von Lebensqualität“, empfindet Maria T. dieses Leiden.Die 59- jährige Psychologin kann trotz regen Interesses an der Unterhaltung oder an der Vorführung nicht wach bleiben und schläft quasi mitten im Wort ein. Es ist für Maria T. ein lästiges und unkontrollierbares Übel. „Es gibt etwa hundert verschiedene Erkrankungen, organischer und psychischer Art, die Schlafstörungen hervorrufen“, erklärt Dr. Storck. Eine genetische Erkrankung oder nächtliches Angsterwachen kann der Grund für eine chronische Müdigkeit sein. Atemstörungen, Beinbewegungen oder Zähneknirschen können ebenfalls Ursache sein für unruhige Nächte. Schichtarbeiter und Weltreisende leiden häufig unter Schlafstörungen, weil sie gegen den Biorhythmus agieren, und natürlich sind auch Sorgen und Probleme Faktoren, die eine Entspannung verhindern. Schlaf und Gemütszustand bilden ein empfindliches Gleichgewicht. Durch Schlafstörungen können Depressionen entstehen und durch Depressionen wiederum Schlafstörungen. Jeder hat es schon einmal erlebt, dass aufgrund einer Stresssituation der Schlafrhythmus gestört ist. Eine wichtige Prüfung, eine berufliche Herausforderung, familiäre Probleme erschweren das Einschlafen oder man wacht zu früh auf. Oft stellt sich nach der Anspannung der gesunde Schlaf wieder ein, doch manchmal findet der Körper nicht wieder zum ursprünglichen Rhythmus zurück. Patienten, die unter einer solchen Schlafstörung leiden, behaupten häufig, dass sie nachts gar nicht schlafen können. Allerdings ist der Schlaf eher sehr unruhig und oft unterbrochen.Man fühlt sich über kurz oder lang müde, erschöpft und antriebslos. Das Leben macht keinen Spaß mehr, weil alles so mühsam ist. „Insomnie“ nennt der Fachmann die Schlafstörung, die eine psychische Ursache hat, und er versucht mit Gesprächstherapie und begleitender medikamentöser Behandlung zu helfen.Wichtig sind in dem Fall auch die Schlafgewohnheiten, also möglichst zu einer festen Uhrzeit ins Bett gehen, das in einem kühlen, dunklen Zimmer steht, und auf Kaffee und Alkohol verzichten. Im Schlaflabor erweist sich meist auch, dass der Schlafstörung keine organische Ursache zugrunde liegt. Der Patient wird eine Nacht beobachtet, und dabei zeigt sich, dass er sehr wohl einige Stunden erholsamen Schlaf findet. In therapeutischer Hinsicht eine wichtige Erkenntnis, die die Wahrnehmung des Patienten korrigieren hilft und ihn so entlastet. Schlaflosigkeit kann oft zu Herz-Kreislauf- Beschwerden führen, bleibt jedoch häufig als Ursache unerkannt. Denn: „Die Menschen behaupten von sich, dass sie keine Probleme mit dem Schlafen haben, dass sie sehr gut, sehr häufig und überall schlafen können“, erklärt Dr. Storck. „Die Schlüsselfrage wäre für manchen Fall: ‚Schnarchen Sie?‘“, so der Schlafexperte. Eine Verengung des Atemwegsquerschnitts im Rachenbereich, hervorgerufen etwa durch Übergewicht, kann in der Nacht einen Kollaps hervorrufen. Beim Schlafenden setzt die Atmung aus, die Sauerstoffversorgung nimmt ab. Nach einigen Momenten schnappt er dann in aller Regel geräuschvoll nach Luft. Während der Atempause signalisiert das Gehirn Stress und es werden entsprechende Hormone ausgeschüttet, die mittelfristig negative Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System haben. „Die Menschen haben Aussetzer bis zu zwei Minuten, dann erfolgt ein explosionsartiges Luftholen“, so Dr. Storck. „Es ist ein permanentes Hin und Her zwischen Luft kriegen und keine Luft kriegen. Diese Schlafapnoe (nicht atmen im Schlaf) ist in etwa so häufig wie ein anderer Risikofaktor für das Herz-Kreislauf-System – die Zuckerkrankheit.“ Dr. Storck misst Patienten, die an Schlafapnoe leiden, im Schlaflabor einige Nächte lang die Gehirnströme, die Augenbewegungen im Schlaf, die Beinbewegungen, er beobachtet die Körperlage und schreibt das EKG mit. An Bauch, Brust und Nase ist der Patient verkabelt, Rechner,Monitor und Arzt versäumen so keine Regung. Eine Atemmaske, die mit konstantem Druck die Atemwege von innen schient und offen hält und jede Nacht getragen wird, hat einen durchschlagenden Erfolg: „Mit der Maske kriegen wir alles weg“, so Dr. Storck. Die Behandlungsmethode sorgt sowohl für eine erholsame Nacht als auch für die entsprechende Genesung der Herz-Kreislauf- Beschwerden. Auch Operationen im Kiefer- und im Hals-Nasen-Ohren-Bereich können Abhilfe schaffen. Mittels einer Weste mit dem ungemütlich klingenden Namen Rückenlage-Verhinderungs-Weste (RLV) wird der Schlafende in der Seitenlage gehalten, weil er in dieser richtig atmet und mit ausreichend Sauerstoff versorgt wird. Schließlich rauben einem Schlafstörungen nicht nur die Lebensfreude, sie können lebensgefährlich sein. Etwa 250 Menschen kommen jährlich allein in Bayern im Straßenverkehr ums Leben, weil sie am Steuer eingeschlafen sind.

Dorothea Büchele

Zeit der Dramen

Selbstwertgefühl als Stimmungsregler: Jugendlichen genügt ein Blick, und die Freude ist überwältigend oder der Schmerz niederschmetternd

Die Spaßgesellschaft hat ausgedient. Die 12- bis 18-Jährigen werden sich ohnehin kaum mehr daran erinnern. Die meisten von ihnen, so zumindest das Ergebnis der aktuellen Shell-Studie, seien leistungs- und karriereorientiert. „Sie wollen einen Beruf erlernen und einen Job haben und sind – mehr als die unmittelbaren Generationen vor ihnen – auch bereit, etwas dafür zu tun. Was sie angesichts mangelnder Ausbildungs- und Arbeitsplätze ja auch müssen“, konstatiert Professor Dr. Klaus Hurrelmann, Jugendforscher und Mitautor der Shell-Studie, und ergänzt: „Wer da nicht mithalten kann, für den ist Jungsein sehr, sehr anstrengend und belastend.“ Als freudlos würde er die Jugend von heute dennoch nicht beschreiben wollen: „Sie wollen schon ihren Spaß haben, nehmen dabei aber nicht diese hedonistische, in den Tag hineinlebende Haltung ein, wie sie etwa für die Jugend in den 90ern typisch gewesen ist“, erläutert er.Doch was erfreut eine Generation, die sämtlichen Sozial- und Wirtschaftsexperten zufolge wenig Anlass zur Freude hat? S’Dülfer – Kinder- und Jugendtreff im Münchner Stadtteil Hasenbergl, eine von etwa 50 städtischen Freizeitstätten unter der Trägerschaft des Kreisjugendrings München Stadt. Ursprünglich für eine Klientel zwischen 6 und 18 Jahren gedacht, hat sich die Altersstruktur in vielen Freizeiteinrichtungen in den vergangenen Jahren um fast zehn Jahre nach oben erweitert. „Viele unserer Jugendlichen bleiben uns weit über die Volljährigkeit hinaus erhalten“, erzählt Ulrike Hämmerle, Sozialpädagogin im Dülfer. Was man einerseits der sehr familiären Atmosphäre im Dülfer zuschreiben kann – es andererseits aber auch schlicht daran liegt, dass Jugendliche heute einfach später erwachsen werden. Auch die Shell-Studie dehnt in ihrem Bericht den Begriff Jugendliche auf junge Erwachsene und damit auf die bis zu 27-Jährigen aus. „Eine Hilfskonstruktion“, wie Jugendforscher Hurrelmann gesteht, „entstanden aufgrund der langen Ausbildungszeiten, und der Tatsache, dass der Staat für junge Erwachsene, die sich noch in der Ausbildung befinden bis zu diesem Alter auch Kindergeld zahlt.“ Im Dülfer also treffen wir Tamara, 14 Jahre, Yessi, 15, Claudine, 17, den 20-jährigen Kamil, den 23-jährigen Ilker und Sylvia, 25 Jahre, um von ihnen zu erfahren, was für sie Freude bedeutet. Freude!? Ratlose Blicke. Schweigen.Man stellt fest, dass man Freude zwar empfindet, mit dem Wort an sich aber nicht wirklich etwas anfangen kann. „Bei Freude“, meint Claudine schließlich, „da denke ich zuerst an meine Freunde, an den Spaß, den wir zusammen haben.“ Für Yessi ist Freude, „wenn man immerzu lächeln muss“, und Kamil beschreibt sie als „ein positives Gefühl“. Und worüber oder worauf freuen sie sich so? „Auf den HipHop-Tanzwettbewerb des Kreisjugendrings zum Beispiel, für den wir hier im Dülfer trainieren“, sagt Yessi. „Darüber, dass man im Training vorangekommen ist und nicht die ganze Stunde immer die gleichen zwei Achterschritte wiederholen musste“, ergänzt Claudine. Überhaupt seien es oft ganz kleine Dinge, die das Leben schöner machen: von einem süßen Jungen angelächelt zu werden; eine gute Note zu bekommen; wenn der Busfahrer doch noch mal die Tür aufmacht; wenn ein Lied gespielt wird, mit dem man eine schöne Erinnerung verbindet; jemanden zu haben, der zuhört, wenn es einem gerade richtig dreckig geht; wenn die Freundin ausnahmsweise mal nicht sauer wird,wenn man sich wieder mit den Kumpels verquatscht hat; wenn nach wochenlangem Regen endlich mal wieder die Sonne scheint; wenn man zu einer Party eingeladen wird und man an dem Tag dann auch richtig gut drauf ist. Denn eine Party, die macht nur Spaß, wenn man welchen mitbringt. „Wenn es einem schlecht geht, hat man doch schon gar keine Lust sich aufzustylen“, erklärt Claudine. „Dann würde man sich eigentlich lieber mit ein paar Freunden treffen und einfach nur reden.Aber alle gehen zu dieser Party. Dann binde ich mir halt die Haare zusammen, ziehe irgendwas an und gehe auch.“ „Und dann kommt der Frust“, weiß Sylvia. „Wenn man sieht, alle anderen freuen sich und lachen und einem selbst geht es total besch . . . “ Trotzdem gibt es natürlich die ganz großen Freudentage, an denen einem nichts die Stimmung vermiesen kann: wenn man den Führerschein bestanden hat, zum ersten Mal im eigenen Auto durchs Viertel fährt und natürlich, wenn es einen so richtig erwischt hat und man bis über beide Ohren verliebt ist. Für Claudine ein Zustand, in dem sie ihre Freude auch nicht verstecken kann – zumindest nicht vor Freunden. „Da hab ich dann auch dieses Kribbeln im Bauch, wenn ich denjenigen sehe. Das ist eine ganz andere Freude, als wenn ich einen Freund treffe, den ich einfach nur endslang nicht gesehen hab.“ Was dem Gefühl des Verliebtseins ziemlich nahe kommt: jemand, anderem eine Freude machen. Das meinen zumindest die Mädchen. Schon der Vorfreude wegen, wenn man sich vorstellt, wie der andere wohl reagiert, und weil man sich dann mit ihm gemeinsam freuen kann. Ilker und Kamil finden dagegen die Idee, dass jemand anderer ihnen eine Freude macht, wesentlich reizvoller. Keine Überraschung für den Jugendforscher Klaus Hurrelmann: „Sich in andere hineinzuversetzen ist ein Schwachpunkt vieler junger Männer und kein spezielles Manko dieser Generation. Mädchen sind in der Regel besser darin, die Gefühle anderer zu deuten. Sie können sich meist auch besser emotional ausdrücken. Und: Sie stehen zu dem, was sie fühlen.“ Jemandem eine Freude zu machen bedeute schließlich auch, sich dazu zu bekennen, dass einem der andere wichtig ist. Und wer offen zeige, was ihm wichtig ist, mache sich dadurch auch verletzbar. Überhaupt scheint Verletzbarkeit die ständige Begleiterin der Freude. Neben Aufregung, Nervosität, Unsicherheit und Angst. Was ganz normal ist, wie der Psychologe Professor Dr. Friedrich Försterling bestätigt. Nur sei das Selbstwertgefühl junger Menschen eben erst dabei, sich zu entwickeln, und deshalb durch negative Begleiterscheinungen noch leicht zu erschüttern. Und so ist Freude immer in Gefahr, von jetzt auf gleich zunichte gemacht zu werden – durch eine achtlos hingeworfene Bemerkung, einen Blick, der einem nicht zugeworfen wird, oder eine abschätzige Geste. Oder durch ein Handyklingeln: Claudine jedenfalls ist nach dem Anruf, den sie während des Trainings bekommt, wie ausgewechselt: Gerade noch scherzend und strahlend, ist sie plötzlich unkonzentriert und fahrig, ihr Strahlen wie ausgeknipst. „Stimmungsschwankungen und dramatische Szenen gehören in dem Alter einfach dazu. Das gibt sich nach der Pubertät meist wieder“, meint Ulrike Hämmerle. „Die üblichen Krisen sind ohnehin genauso schnell wieder vorbei, wie sie gekommen sind. Wir versuchen aber schon, ihren Verhaltensspielraum langfristig zu erweitern, indem wir auf einen anständigen Umgangston und gewisse Werte und Regeln achten.“ Dem Stadtjugendamt zufolge werden die Münchner Freizeiteinrichtungen von Jugendlichen aus allen gesellschaftlichen Schichten besucht, wobei der Anteil der Hauptschüler überwiegt. Das ist, wie Karl-Heinz Hummel vom Stadtjugendamt betont, in allen Stadtteilen so. „Wie die einzelnen Einrichtungen genutzt werden, hängt aber von den verschiedenen sozialen, ethnischen, kulturellen und religiösen Hintergründen der Jugendlichen als auch von ihren Interessen und Bedürfnissen ab“, so Hummel.„Wir haben hier inzwischen ein sehr gutes Mischungsverhältnis“, betont Ulrike Hämmerle. „Das finden wir auch wichtig, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass Jugendliche vor allem voneinander und miteinander lernen. Und dass zum Beispiel Jugendliche, die aufs Gymnasium gehen, einen Realschulabschluss gemacht, einen Ausbildungsplatz oder einen festen Job gefunden haben, den anderen allein dadurch ein Vorbild sind, dass sie ihnen vorleben, dass es sich lohnt, ein Ziel zu haben und es auch zu verfolgen.Denn mehr als alles andere sind für die Jugendlichen Anerkennung und Erfolgserlebnisse wichtig. Viele unserer Besucher haben ja eher schlechte Startbedingungen. Ein guter Schulabschluss, ein Ausbildungsplatz, die Anerkennung der eigenen Leistung durch den Chef, diese Dinge sind für viele Jugendliche heute alles andere als selbstverständlich und damit etwas, was die Lebensfreude durchaus steigert, manchmal sogar überhaupt erst entstehen lässt. Die freuen sich heute richtig, wenn sie eine Lehrstelle bekommen.“ Für Sylvia jedenfalls wirkte sich die Anerkennung im Job auf ihr ganzes Lebensgefühl aus: „Wenn man zum Beispiel in der Arbeit merkt, dass der Chef zufrieden ist mit einem und man bei den Leuten gut ankommt, dann geht man da auch viel lieber hin.Und mit der guten Laune, die man da kriegt, wird auch vieles andere leichter.Und:Man hat dann etwas, von dem man zehren kann,wenn es mal nicht so gut läuft.“ Und genau darauf kommt es Leuten wie Ulrike Hämmerle auch an: Jugendlichen eine Basis zu schaffen, auf der Freude überhaupt gedeihen kann.

Daniela Walther

„Sie wollen einen Beruf erlernen und einen Job haben und sind – mehr als die unmittelbaren Generationen vor ihnen – auch bereit, etwas dafür zu tun.“