Und zwar dann, wenn wir nicht mit ihr rechnen. Das Experteninterview zum Schwerpunktthema mit Professor Dr. Friedrich Försterling
Herr Professor Försterling, was unterscheidet Freude von Glück, Zufriedenheit, guter Stimmung oder Wohlbefinden?
Professor Dr. Friedrich Försterling: Freude ist eine Emotion und gehört, wie Wut oder Angst, zu den so genannten Basisemotionen. Glück, Zufriedenheit und Wohlbefinden dagegen sind Stimmungen.Die Besonderheit von Emotionen ist, dass sie auf Objekte gerichtet sind. Diese können sowohl real als auch nur in der Vorstellung existieren. Man freut sich immer auf oder über etwas, man hat vor etwas Angst, ist über etwas wütend oder eifersüchtig auf jemanden. Zudem halten Emotionen, im Gegensatz zu Stimmungen, in der Regel nur sehr kurze Zeit an und sind eng mit unserer Mimik verknüpft. Wir alle kennen das, dass uns ein Lächeln über das Gesicht huscht, wenn wir uns freuen. Man strahlt über das ganze Gesicht – und zwar selbst dann,wenn man seine Freude zu verstecken versucht.
Wie entsteht Freude?
Försterling: Bei anderen Emotionen kann man genauer sagen, was die gedanklichen Konstruktionen sind, die sie auslösen. Bei Wut ist der Grund typischerweise, dass eine Regel verletzt wird. Bei Freude – nun ja, da passiert etwas Schönes, aber trotzdem sind wir sehr oft überrascht, dass wir uns über das, was dann eintritt, freuen beziehungsweise wie sehr wir uns freuen. Man kann sich zwar vornehmen, etwas zu tun, das einen selbst oder andere in die Emotion Freude versetzt. Ob das dann auch gelingt, ist eine andere Frage. Oft können wir einfach nicht sagen, was es ist. Freude überkommt uns eben gelegentlich – besonders,wenn wir nicht mit ihr gerechnet haben. Dies könnte ein Anzeichen dafür sein, dass Freude nicht unbedingt unsere ganz bewussten Zielsetzungen widerspiegelt, oder anders ausgedrückt, dass wir oft gar keinen Zugang haben zu dem, was wir tatsächlich wollen.
Liegt das daran, dass wir positive Gefühle grundsätzlich weniger hinterfragen und analysieren als negative?
Försterling: Das ist sicherlich so. Zudem existieren auch deutlich mehr negative als positive Basisemotionen – denken Sie nur an Angst, Wut, Eifersucht, Traurigkeit, Trauer. Entsprechend mehr Begriffe haben wir für den Negativbereich: Ungefähr 200 Begriffe für negative Gefühle stehen gerade mal um die 80 Begriffe für positive Gefühle gegenüber. Bei den positiven Emotionen haben wir eigentlich nur die eher unspezifische Freude, deren Auslöser wir zudem oft gar nicht benennen können. Aber vermutlich ist es, entwicklungsgeschichtlich gesehen, auch nicht ganz so wichtig gewesen zu wissen, was uns gut tut und worüber wir uns freuen, als zu wissen, was uns gefährlich werden kann oder schlecht für uns ist.Was nicht heißt, dass wir nicht lernen sollten, mehr auf unsere positiven Emotionen zu achten und Positives auch aktiv anzustreben, anstatt uns damit zu begnügen, Negatives zu vermeiden.
Braucht der Mensch, um Freude zu empfinden, die anderen?
Försterling: Freude ist eine Emotion, die man schon ganz früh erlebt. So liest die Mutter zunächst vor allem an der Mimik des Kindes ab, was ihm gefällt und was nicht. Und auch später wird Freude sehr oft im sozialen Kontext erlebt und geäußert. So empfindet man Freude, wenn sich etwas für die eigene Domäne – so bezeichnet man das, was einen über die eigene Person hinaus betrifft, positiv verändert hat.Man freut sich beispielsweise, wenn die Tochter einen tollen Job bekommen oder der Fußballverein, dessen Fan man ist, ein wichtiges Spiel gewonnen hat.Man freut sich, wenn ein Mensch, den man mag, sich nach langem Leiden wieder besser fühlt oder wenn einem jemand ein schönes Geschenk macht. Man freut sich, wenn man von anderen Personen geschätzt wird, Anerkennung für etwas erfährt, wenn man in einer Gruppe eine Position einnimmt, die man sich wünscht. Andererseits kann man natürlich auch ganz für sich allein eine große Freude empfinden – zum Beispiel, wenn es einem gelungen ist, eine sehr schwierige mathematische Aufgabe zu lösen, oder wenn man nach Stunden des Aufstiegs endlich den Gipfel des Berges erreicht. Aber das unterscheidet sich sicherlich von Mensch zu Mensch und von Situation zu Situation.
Ist die Freude, die man mit jemandem teilt, die „wertvollere“?
Försterling: Das sagt zumindest der Volksmund. Ich persönlich denke auch, dass Freude im sozialen Kontext besonders schön ist.Wenn Fußballfans sich gemeinsam über das Tor freuen, hat das sicherlich eine zusätzlich verbindende Komponente, und man spürt die Freude dadurch vielleicht auch intensiver, als wenn man das zu Hause ganz für sich allein erlebt. Es gibt auch Situationen, die es einem schwer machen, seine Freude offen zu zeigen: Jemand, der befördert wurde, wird sich mit seiner Freude vor dem Partner, der gerade eine berufliche Talfahrt durchmacht, vielleicht auch eher zurückhalten.Manchmal fürchtet man auch, verletzt zu werden, wenn man zeigt, was einem wirklich wichtig ist – zum Beispiel, wenn man in jemanden verliebt ist und nicht weiß, ob der andere ebenso empfindet. Dann setzt man lieber sein Pokerface auf – und hofft, dass keiner etwas merkt.
Was mindert Freude?
Försterling: Es gibt Situationen, in denen die Freude dadurch gemindert wird, dass man in dem Moment, in dem man ein Ziel erreicht, ein anderes dafür aufgeben muss. Ich kann mich freuen, dass ich den Job bekomme, der mir finanzielle Unabhängigkeit und neue Herausforderungen bietet, und gleichzeitig traurig darüber sein, dass ich dadurch bestimmte Freiheiten einbüße und mich von netten Kollegen trennen muss. Mit Ereignissen, die einem Anlass zur Freude geben, gehen aber sehr oft auch Ereignisse einher, die zu Traurigkeit, Angst oder sogar Wut führen können. Was geht in unserem Körper vor, wenn wir uns freuen?
Försterling: Allen Basisemotionen liegt eine spezifische Mimik zugrunde.Wir erkennen Freude am mimischen Ausdruck – am Lachen oder Lächeln oder daran, dass die Augen sich weiter öffnen. Allerdings gibt es keine spezifischen Merkmale für Freude, für Trauer, Ärger. Vollkommen unterschiedliche Emotionen können identische oder sehr ähnliche Merkmale wie erhöhten Herzschlag, ein Kribbeln im Bauch aufweisen. Bei den biochemischen Reaktionen wäre ein erhöhter Serotoninspiegel und die Ausschüttung von körpereigenen Endorphinen zu nennen. Beides ist aber nicht spezifisch für Freude. Das hat man auch bei positiven Stimmungen wie dem „runner’s high“ oder schlicht bei der Abwesenheit von Depressionen.
Macht Freude uns zu lebendigeren Menschen – treibt sie uns an?
Försterling: Nicht in dem Sinne, wie Wut und Ärger uns antreiben. Freude hat keinen so starken Verhaltensimpuls. Sie ist nicht unbedingt ein Gefühl, dass zu spezifischen Handlungen oder einem besonderen Verhalten anregt. Aber natürlich fühlt sich ein Mensch mit einer positiven Grundstimmung lebendiger als einer, der zu Depressionen neigt. Das liegt an unserem Annäherungsund einem Vermeidungssystem.Wenn wir uns annähern – sei es beim Essen, beim Sex, beim Aussuchen oder Kauf von schönen Dingen –, sind wir natürlich aktiver, als wenn wir ständig zu vermeiden versuchen, uns zu blamieren, uns zu verletzen, uns zu irren und so weiter. Ein annäherungsorientiertes Leben, dem die Hoffnung auf Erfolg zugrunde liegt, ist sicherlich ein facettenreicheres, interessanteres und lebhafteres Leben als eines, das von Angst und Unsicherheit beherrscht ist.
Kann man Freude erzeugen oder gar vorschreiben?
Försterling: Dass diese Versuche oft missglücken, sehen Sie schon daran, dass typische Frustkäufe nur selten wirkliche Freude bringen – nicht zuletzt, weil das Unterbewusste im Grunde etwas ganz anderes verlangt. Es ist ein Aspekt von Freude, dass sie weder kalkulierbar noch planbar oder herstellbar ist. Bei vielen Ereignissen gibt es natürlich soziale Erwartungen und Rollen, die zu erfüllen sind,wie die, bei einer Beerdigung nicht zu lachen oder bei einer Hochzeit nicht traurig zu sein. Trotzdem passiert immer wieder das genaue Gegenteil. Nein, man kann Emotionen nicht vorschreiben, aber man kann vorgeben, wann man welche Emotion besser versteckt, und wann es passend ist, sie zu äußern. Es gibt Darbietungsregeln von Emotionen. Die wiederum sind kulturell sehr unterschiedlich.Wir sind mit einem bestimmten Emotionsprogramm, das heißt mit der Fähigkeit, Freude zu empfinden, diese in ganz bestimmter Weise auszudrücken, und sie bei anderen Menschen zu erkennen, bereits geboren. Das hat schon Darwin festgestellt. Worüber man sich freut, ist aber auch eine Frage des persönlichen Anspruchs, der eng mit unserer persönlichen Entwicklung einhergeht. Mit zunehmendem Erfolg steigt in der Regel das Anspruchsniveau, nach einer Reihe von Misserfolgen sinkt es erfahrungsgemäß. Ein Misserfolg birgt daher immer auch die Chance, dass man auch kleinere Erfolge wieder zu schätzen weiß. Immer alles zu haben und alles zu bekommen ist daher alles andere als eine Garantie dafür, dass man sich seines Lebens freut.
Das Gespräch führte Daniela Walther
Zur Person
Professor Dr. Friedrich Försterling, geboren 1953, studierte Psychologie und Pädagogik in Salzburg, Los Angeles und New York City. Er ist Inhaber einer Professur für Allgemeine Psychologie II, Fachbereich Motivation, Emotion und Lernen, an der Ludwig-Maximilians- Universität München. In seinen Forschungsarbeiten beschäftigte er sich unter anderem mit den auslösenden Gedanken von Motivation und Emotion sowie deren Beeinflussung in Training und Therapie.




